Lisette aber war auch glücklich auf ihre Art. --

Sie entlief oft tagelang dem „langweiligen“ Manne, den „langweiligen“

Kindern, der „furchtbaren Öde“ der großen Heide.

Sie vergnügte sich in der nahen Stadt, fand Freundinnen und Versucher...

Ich wachte erst aus meiner Vater- und Kinderseligkeit auf, als Pastor

Verden mich gewaltig rüttelte. Er nannte die Dinge, wie das Dorf sie

besprach...

Bis ins Herz erschrak ich.

Und zwang mit eisernem Willen die junge, pflichtvergessene Mutter in

mein Haus.

Es wurde zur Hölle für uns alle.

Nur eine hielt dieser Hölle stand. Sie war die verkörperte Liebe. Sie

betreute das Haus, die Kinder, mich selbst, ja auch um die mürrische,

zänkische Schwiegertochter warb sie täglich aufs neue. Nimmermüde war

das Mutterchen. Ich selbst lief allein oder später mit meinen Buben in

die Heide.

Lieben und verstehen lehrte ich sie die unendliche Weite und Stille.

Die rote Blütenpracht im Sommer wurde ihnen zum Himmelsteppich, und

alle Blumen der Welt reichten nicht heran an Holler und Ginster.

Mit drei Jahren sprachen die Knaben ein reines gutes Hochdeutsch, und

mit dem „Grodeli“, wie sie die Großmutter nannten, „snakten sie Platt“.

Meine Buben waren mir alles und ersetzten mir alles, woran sonst ein

junger Mensch sein Herz und seine Sinne heftet. Ich lachte, tollte,

lernte und spielte mit ihnen, und wenn sie mir ihre Händchen hinhielten

und ernsthaft meine Koseworte wiederholten: „Ja, Erne, wir sind

zusammengeßmiedet“, dann dünkte ich mich der Königssohn im Märchen. --

Nun rasch weiter und zu Ende.

Es war Schützenfest in der Kreisstadt.

Lisette war in fieberhafter Aufregung. Sie erzählte sogar den beiden

Kindern von all den verlockenden Schaubuden, von Karussels und Löwen

und drolligen Affen.

Die aufgeweckten Bübchen horchten erstaunt und erfreut, die Mutter war

so selten freundlich mit ihnen.

„Laß mich doch mit den beiden hin!“ drängte Lisette. „Die Kinder werden

ja hier ganz überspönig, sie müssen einmal unter andere Kinder. Ein

großer Umzug mit brennenden Laternen soll da sein, -- ich hab’s der

Frau Diedrichsen so gut wie versprochen.“ --

Lehrer Diedrichsen war mir ein unlieber Kollege, seine Frau als

Freundin für Lisette durchaus ungeeignet. Ich schüttelte den Kopf, ein

zorniger Blick traf mich.

„Grad als ob mir die Kinder nicht +auch+ gehörten,“ schrie sie

mich an. Da fingen Erne und Jens an zu weinen, und ich trug sie hinüber

zur Großmutter, damit ihre jungen Augen nicht das entstellte Gesicht

der Mutter sehen sollten und das furchtbarste Schauspiel für Kinder:

Uneinigkeit der Eltern. Dann ging ich zurück zu Lisette und versuchte

noch einmal mit Freundlichkeit und Ruhe ihr meine und ihre Stellung

klarzulegen.

Daß ein Lehrer würdigere Freuden kennen müsse als den Jahrmarkt in der

fremden Stadt, und daß es einfach unsere Verhältnisse nicht erlaubten,

das Geld so unnütz hinzuwerfen. Und die Kinder, die jungen zarten

Knaben im Gewühle eines solchen Umzuges!

Sie tobte, aber ich blieb ruhig und fest.

Andern Tags hatten beide Bübchen starkes Fieber. Es war ein kalter,

häßlicher November.

Ich mußte mit dem Pfarrer und dem neuen Kreisschulinspektor über Land

und trennte mich schwer von den Kindern. Aber Lisette schien selbst in

Sorge um die beiden, das konnte ich wohl sehen. Sie gab sich auch Mühe,

freundlich mit mir zu sein, es war wie Reue in ihr und mir war’s der

Schimmer einer lichteren Zukunft...

So ließ ich meine Frau am Bett der Kleinen und Mutter schlummernd im

Lehnstuhl, was nicht oft vorkam. Aber sie kämpfte schon lange gegen

eine böse Erkältung.

Spät abends kam ich heim.

Ich ging zuerst in Mutters Stube, um nicht mit der ganzen Nässe und

Kälte der Novembernacht an die Bettchen der Kinder zu treten.

Mutter schrak aus Fieberschlaf empor.

„Die gute Lisette,“ lallte sie. „Warm eingepackt hat sie mich. Nicht

rühren sollt ich und konnt ich mich. Und gut zugeredet hat sie mir. Daß

ich sollt endlich einmal liegen bleiben und an mich denken. Den Bübchen

geht’s besser. Schlafen alle zwei in die Gesundheit hinein. Und die

Lisette hat sich auch hingelegt.“

Ich kühlte der Mutter die brennende Stirn und dann ging ich ins

Schlafstübchen.

Herrgott! Herrgott!

Die Betten waren leer.

In der Kreisstadt fand ich nachts um drei Uhr meine Kinder wieder im

Hause des Lehrers Diedrichsen.

Der kleine Jens kannte mich schon nicht mehr. Am andern Tag zwang ihn

die Bräune nieder. Die Fahrt über Land in schneidendem Novemberwind...

Mein Erne wehrte sich länger. Er erzählte mir noch mit heiserer Stimme

von den Löwen und Äffchen, von dem rasenden Karussel, wo man so übel

drauf werde, von den brennend roten Stocklaternen. Diese ängstigten ihn

furchtbar und verfolgten ihn. --

Den ganzen nächsten Tag erzählte er mir noch...

Dann reichte er mir das kleine heiße Händchen: Wir beide sind

zusammengeßmiedet......

* * * * *

Das war vor zehn Jahren. Ich habe Lisette nicht wiedergesehen. Was ich

verdiene, schicke ich ihr bis auf wenige Abzüge. --

Die Mutter blieb vorerst bei mir. Gott ewig Lob und Dank. Ihr rastloser

Fleiß, ihre Liebe, ihre nimmermüde Fürsorge und ihr Vertrauen zu mir

haben mir geholfen. Sie zeigten mir den Weg zur ernsten Arbeit. So

konnte ich ein Jahr nach dem Heimgang meiner Knaben die Reifeprüfung am

Gymnasium ablegen.

In Kiel studierte ich, war dann in Lüneburg Kandidat und Oberlehrer.

Da war Mutterchens Mission zu Ende.

So meinte sie. Und sie packte ihre Sachen und zog wieder in unser

Heidedörfchen. Dort sitzt sie in ihrem alten Hause, darinnen sie mich

geboren, und wo unser guter Vater starb. In ihrem feinen Herzenstakt

glaubte sie, die ehemalige Waschfrau könnte meiner Laufbahn im Wege

sein. Und all mein beredtes Werben um sie und ihr Bleiben konnten ihren

Entschluß nicht erschüttern.

Der schwerwiegendste und letzte Beweggrund: „Mutter, ich brauche dich

und deine Gegenwart wie das liebe Brot“, habe ich nicht ausgesprochen.

Zu viel Opfer hatte mir schon die liebe Unersetzliche gebracht. Ich

sah, wie ihr Herz und ihre Hände nach der engen Heimat, nach der alten,

schwer entbehrten Arbeit verlangten. Eine tüchtige, alte Magd trat

an ihre Stelle. Mein Körper war immer gut versorgt, die Herzspeise

fand ich in Mutters kärglichen Briefen. Ich selbst schreibe zu ihr

jeden Sonntag. Komme mir beinahe wie ein Pfarrer vor, der seine

Sonntagspredigt und Sonntagsstimmung vorbereitend genießt.

Von Lisette erwähnen wir beide nichts.

Ich weiß, daß Mutter meine Not begriff...

Aber sie wurzelt auch wieder mit allen Fasern in den göttlichen

Geboten. Der alte Lutherkatechismus vom Großvater her lag immer auf

ihrem Bettischchen. Ich sah einmal, daß sie das vierte und das sechste

Gebot mit leuchtend rotem Stift angestrichen hatte. --

Daß ich ihr den Schmerz meiner unglücklichen, häßlichen Ehe zugefügt

habe, wird mich immer brennen...

Von Lüneburg aus konnte ich oft die beiden kleinen Heidegräber

aufsuchen, die Frau Pastor Verden mir betreut.

Das Lyzeum in Birkholz: Roman · 第 15 / 58 题