Als die Wasser der Verzweiflung über meinen Kopf zu schlagen drohten,
stand ich eines Abends vor der Studierstube von Pastor Verden. Manche
Predigt, die schön gesprochen und herzlich gemeint war, hatte ich von
ihm gehört, aber der Lehrer Erne Sörensen war unaufmerksamer als der
zerstreuteste Schuljunge und jeglich Wort fiel daneben.
Ich entsinne mich aus jener Zeit, daß in Kopf und Herz nur die Fragen
brannten: Was soll ich? Wohin? Wo ist Hilfe? Und keine Antwort fand.
Nicht am Tage und nicht des Nachts. Nicht in Kirche und Schule. Nicht
daheim, noch in weiter Heide.
Mein Mutterchen war auf dem Posten.
Damals ist ihr Gebet gewesen: „Lieber Gott, der Erne, mein großer
Jung, will uns entlaufen. Jawohl, dir und mir. Da heißt’s aufpassen.
Und fein gesund mußt du mich bleiben lassen, das siehst du wohl ein, du
lieber Herrgott. Denn der Erne hat jetzt nur mich.“ --
Vor des Pfarrers Studierstube stand ich und wollte irgendeine
Dorfangelegenheit mit ihm besprechen. --
Es war garstiger Schneesturm, und jeder andere wäre daheim geblieben.
Denn die Dorfangelegenheit war nicht wichtig. Aber mein ödes Zuhause
und darinnen die junge, faule, zänkische Frau trieben mich häufig in
die Weite der Heide oder auch in die Enge des Dörfleins.
Und noch auf der hallenden Estrichdiele des Pastorats gellten die
Fragen meines arbeitenden Hirns: Warum? Wohin? Wo ist Hilfe?
Pastor Verden las laut sein Abendlied, und die schlichten Worte
übertönten den Jammer meines Herzens:
Der Wolken, Luft und Winden
Gibt Wege, Lauf und Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Da dein Fuß gehen kann. --
Da lehnte der lange Goliath Erne Sörensen seinen Kopf an die Tür und
weinte bitterlich.
Zum erstenmal seit der Kinderzeit und den kindischen Knabentränen. Ei,
ei, ei!
Der heraustretende Pfarrer schüttelte bedächtig den Kopf, und meine
beiden Hände hielt er fest in den seinen.
Und die Frau Pastorin mit dem gütigen Matronengesichtchen rief: „Du
lieber Gott, der junge Herr Lehrer!“ Und raunte dann: „Ob ich Essen
bringe? Ob er Hunger hat?“
Denn junge Lehrer und Hunger gehörten für sie zusammen. An diesem Abend
fanden meine Hilferufe und wirren Fragen ihre Antwort. Ein großes
Sorgenbündel ließ ich in dem altväterischen Ohrenstuhl der Studierstube
zurück, und eine Freundschaft für Lebenszeit nahm ich mit mir. --
Ich begann jetzt erst mein „Haus einzurichten“. Es ist ein tiefer
Unterschied, ob man sich sein „Nest baut“ oder sein „Haus einrichtet“.
Das erstere hatte ich verscherzt, als ich ein Mädchen ohne Liebe wählte.
Aber ich hatte viel ehrlichen Willen, dies Unrecht gutzumachen. In
meinen Freistunden bastelte ich allerhand Zierrat für unsere Stuben
zusammen, ich handhabte die Axt und ersparte den Zimmermann. Die Mutter
bekam von der Pastorin Blumenzwiebeln und -samen. An unsern Fenstern
blühten Geranien und fleißige Liesel. Der Pfarrer führte mich feierlich
bei den Dorfältesten und der Gemeinde ein, und da er sehr angesehen
war, wurde ich’s auch, weil er seine Hand über mich hielt. --
Und nichts schaffte ich an, ohne Lisette um Rat zu fragen. War ich
des Hauses Haupt, so sollte sie das Herz sein. Meinen Jähzorn, das
unselige Erbteil der Sörensen, bezwang ich und strebte danach, daß das
Versöhnlichsein uns beiden zur lieben Gewohnheit würde.