Einundzwanzig Jahre war ich alt.
Ein Seminarist mit bestandenem Examen, einem eigenen Instrument im Arm
und außerdem den Zukunftshimmel voller Geigen.
„Nun bist du ein gemachter Mann,“ sagte meine kleine, behende Mutter,
und in jedem frühen Fältchen ihres Antlitzes leuchtete der Stolz.
Sie sagte auch der Frau Rätin am Anger 67 in der Post die Wäsche
ab und schuftete dafür am nächsten Morgen von drei Uhr an. Denn
Pflichtversäumnis kannte sie nicht.
Aber heute an dem Ehrentage meines bestandenen Examens zog sie ihr
schwarzes Gottestischkleid an, während sie sonst nur in schwarzseidener
Schürze um meinen Vater trauerte.
Wie ein Bild saß sie da und schaute durch das Fenster in das
verglimmende Abendrot, die Hände unter der schmalen Brust gefaltet, und
ein Leuchten lag auf ihrem Gesicht, als sähe sie in eine strahlende
Zukunft. Als ich mich zu ihr setzen wollte, sprang sie behende auf und
wischte den Sitz meines Stuhles eifrig ab für den „Herrn“ Sohn.
Solche Mütter, wie die meine, sucht sich der Teufel aus, um sie durchs
eigene Kind in den Staub zu ziehen.
Die Mutter wußte, daß der Abend nach der Prüfung den Kameraden und dem
fröhlichen Kommers draußen auf der Milchinsel gehörte.
Rippenbraten und rohe Kartoffelklöße standen auf der Speisefolge und
Erlanger Bier hieß der süffige Stoff, der unsere jungen Köpfe verdrehen
sollte.
Die Mutter lag schon im Bett, als ich ihr um 8 Uhr gute Nacht wünschte.
Sie hatte mir nie etwas in den Weg gelegt, wenn ich abends ausging, es
kam selten genug vor. --
Damals richtete sie sich aus dem ersten Halbschlummer erschrocken hoch
und rief angstvoll: „Och bliew doch to Hus!“
Ich lachte, wie man mit einundzwanzig Jahren lacht, wenn das Leben
lockt und der erste überwundene Berg hinter einem liegt. Gab ihr noch
einen ungewohnten, unbehilflichen Kuß auf den ergrauenden Scheitel und
stürmte fort...
Um Mitternacht war mein Kopf wüst und heiß.
Verschiedene Bürger, Handwerker, die für das Seminar arbeiteten, waren
aus der Stadt gekommen und tranken mit ihren Frauen einen Schoppen,
während wir zu den Klängen eines Leierkastens, dessen Besitzer wir mit
Bratwürsten, Kartoffelsalat und etlichen Seideln verpflichtet hatten,
mit den Töchtern gefühlvolle Walzer tanzten.
Die schwarze Balianslisette war dabei.
Das Mädchen war schön, üppig und dreist.
Der verwitwete Vater, Schmied Balian, hielt sein einziges Kind
sonst jeder Freude fern. Man sagte, es seien ihm schon zwei Töchter
verdorben. Er bewachte sie mit Späheraugen, und manch einer hatte eine
harmlose Fensterpromenade schwer büßen müssen.
An jenem Tage hielten ihn Freunde fest hinter seinem Stammseidel und
die Lisette gehörte uns.
Die Luft im mäßig großen Zimmer war unerträglich, schwül, voll Staub.
Lisette saß dicht an mich geschmiegt, und ihre schwarzen Beerenaugen
trieben ein tolles Spiel mit mir. --
Wir liefen hinaus in den dunkeln Garten, haschten uns, schrien,
lachten...
Dann plötzlich war ich allein mit der Lisette in der Kegelbahn... Wir
küßten uns rasch, leidenschaftlich, wild. --
Ein Streichholz glühte auf, eine Hand lag fest auf meinem Arm, und
Schmied Balian sagte geruhig: „Ich wußte nicht, daß Sie der Lisette gut
sind, bin’s aber zufrieden. Jetzt nach Haus, morgen komme ich zu Ihrer
Mutter, ist ’ne brave Frau.“
Er zog Lisette mit sich fort und ich taumelte nach Hause, ohne Hut,
ohne Zahlung, ohne klare Gedanken.
Am andern Morgen um 10 Uhr war der Alte mit der Tochter schon da.
Meinen Kopf zersprengte der ödeste Katzenjammer. Lisette war blaß wie
der Tod.
Der Mutter konnt ich gar nicht in die Augen sehen.
„Lassen wir das Pärchen mal allein,“ rief der Schmied lustig, aber
in seiner Stimme war ein tiefer, grollender Unterton, und seine Augen
drohten. --
In der schmalen Schrankkammer umklammerte mich Lisette: „Sörensen, um
Gottes willen, er schlägt mich tot, wenn du mich nicht nimmst...“ Ich
stand zornig vor ihr.
„So ein Frevel! Wir kennen uns ja gar nicht. Es war ein verdammter
Rausch! Und wenn du weißt, wie dein Vater ist, mußt du die Leute nicht
verrückt machen.“
„Sörensen, er schlägt mich tot.“
Nicht einmal meinen Vornamen wußte das Mädel. Ich lachte laut auf, und
dabei schlugen meine Zähne im Frost zusammen.
„Es ist doch nichts geschehen,“ rief ich. „Ein Kuß oder ein paar. Nimm
doch Verstand an.“ --
„Für mich ist’s die größte Strafe,“ knirschte sie, „-- ich hab einen
andern gern...“
„Schäm dich -- o schäm dich!“