* * * * *
Der Wunsch der streitbaren Großmutter Gesine war nicht in Erfüllung
gegangen.
Die Wiege in Vaters kleiner Kate hörte nicht auf zu schaukeln. Aber ich
blieb der einzige Goliath.
Verhutzelt, braun, greisen- und zugleich zwerghaft erschienen
mir alle meine Geschwisterchen, und sie verabschiedeten sich so
grausam regelmäßig von dieser Welt, daß ich die Wehmutter bei
jedem Neugeborenen gefragt habe: Wann stirbt’s? Und bei jedem der
jämmerlichen Kindchen weinte die Mutter doch schmerzlich, wenn
sie es hergeben mußte, weinte wohl auch über mich, der ich nie
Geschwisterliebe kennen lernen sollte. --
Lebte da ein Verwandter mütterlicherseits in Erfurt, dem Herzen
Thüringens. Der kam zum Viehkauf nach dem Norden und besuchte die
Freundschaft.
„Das ewige Gesterbse baßt nich for son Jungen,“ erklärte er. Und
obgleich ich mich heftig sträubte als dickköpfiger Holsteiner, so
verpflanzte er mich trotzdem.
Damit mich das Heimweh nicht auffresse, warf ich mich auf die Bücher.
In den Ferien kam ich ein- oder zweimal nach dem Elternhaus zurück.
In der Erinnerung daran sind aber nur drei Punkte haften geblieben:
die jedesmalige Besohlung meiner Stiefel durch Vaters Hand, eine
schaukelnde Wiege und eine ganze Reihe kleiner Gräber auf dem
verfallenen Gottesacker.
Doch so wenig mein Elternhaus mir bot, es muß doch die „Größeste unter
ihnen“ darinnen gewohnt haben, denn das Haus meines Thüringer Ohms
dünkte mich liebeleer, wenn ich Vergleiche zog.
Der kleine scheue Vater daheim in seiner stillen Besinnlichkeit, die
fleißige, behende Mutter mit ihrem feinen, guten Humor...
Man hätte mich bei ihnen lassen sollen. Wer hat das Recht, Kinder von
ihren Eltern zu nehmen?
Man hat mir Steine statt Brot gereicht.
Elternliebe ist das köstlichste Brot. Nun werde ich mein Lebtag hungrig
sein.
In den Osterferien, bevor ich ins Erfurter Seminar eintrat, machte ich
eine frohe Burschenfahrt ins Tal der wilden Gera.
Gerade im gesegneten Dörrberger Hammer sangen und tranken wir, da fing
mein Herz schmerzhaft an zu zucken und zu schlagen...
Und eh ich mich’s recht versah, lag mein Felleisen in einem Abteil 4.
Klasse, und ich überzählte meine paar Pfennige, ob sie wohl auch zur
Rückreise von der nordischen Heimat nach Erfurt reichen würden.
Gerade recht kam ich.
„Immer hat der Vater nach dir gerufen,“ weinte leise die Mutter. --
Guter Vater! Du erkanntest mich noch. Mein Kommen rief ein Lächeln auf
dein liebes Gesicht, dessen ich eingedenk bleiben werde. Weil es schön
und seltsam war, und noch heute mein einsames Leben hell macht in der
Erinnerung.
Dann streicheltest du meine Hände, mein Gesicht, das sich über dich
neigte. Rührend unbehilflich tatest du es, denn du mußtest eine äußere
Zärtlichkeit gegen deinen Sohn erst in der Sterbestunde lernen.
Und während du mich liebkostest, sagtest du leise und dringlich. „Nur
fein deine Kinder das 4. Gebot lehren.“
Das war dein letztes Wort. Du schliefst hinüber und sahst auf dem
Totenbett nicht mehr klein und scheu aus, sondern wie jemand, dem eben
der Herrgott zugerufen hat: „Ei du frommer und getreuer Knecht, sei mir
willkommen!“
Die Mutter nahm ich mit mir. Jetzt erst weiß ich, was sie mir für ein
Opfer brachte. Sie aber tat, als sei das Thüringer Land ihres Herzens
Sehnsucht gewesen. Lachend mit hellen Augen entsagte sie der nordischen
Heimat und ließ ihre alten Wurzeln umpflanzen. Immer aber, wenn der
Mond aufstieg oder die Sterne funkelten, fragte sie angstvoll: Gelle,
das sind doch dieselben wie oben bei uns?
Dies „Gelle“ war das Einzige, was sie sich von den neuen Landsleuten
angenommen hatte, es klang wunderlich weich neben ihrer scharf
abgesetzten Holsteiner Sprache. --
So hielt sie der Gedanke froh und aufrecht, daß Sonne, Mond und Sterne
auch über Schleswig-Holstein leuchteten, und jeden Abend trug sie dem
Mond Grüße auf. Fast wie eine verliebte Deern. Sie galten aber den
Gräbern droben im Norden, galten auch ol Pastor Truelsen oder Mudder
Jensen, die unserer Familie früher in allen Nöten beigestanden hatten.
--
Nun müßte ich das Buch schließen. Müßte einen Riesensprung tun von
der Vergangenheit bis auf den Marktplatz von Birkholz, da das alte
Patrizierhaus steht und das neue Lyzeum.
Wie ein besorgter Vater dem zaudernden Sohne, redet mir das verwitterte
Wappen zu, das über dem einen Mauerflügel steht. Immer muß mein
Blick es treffen, sobald ich mich zur Arbeit niederlasse, sei es in
der Schule oder an meinem Schreibtisch: Nun aber lasset alles hinter
euch... Wer diesem steinernen Spruche folgen könnte!
Über mich hat er keine Macht.