alten Pfarrhofes. An seinem Fenster blühte nie mehr ein Strauß von
weißen Rosen.
Nur die Mäuse, die kleinen, behenden, uralten, grauen Mäuse kamen von
der nachbarlichen Rumpelkammer öfters zu ihm herüber auf Besuch und
guckten ihn helläugig an und wisperten ihm auch oft was vor. Es freute
ihn nicht, wußte er doch, daß der Besuch seinem Erbsentopfe galt.
Mit den Menschen verkehrte Malchus nur wenig; sie hatten nichts für ihn
als Wolle, und sie verlangten nichts von ihm als Strümpfe. Er strickte
aber auch Handschuhe, Hauben und Unterjacken.
Im Sommer ging er die stillsten Wege, die es im Tale gab, am liebsten
aufwärts gegen die Heide, wo Martha einst die Ziegen gehütet.
Vom Walde trug er weniges Brennholz heim; zur Erwärmung im Winter
brauchte er nicht zu heizen, denn dafür hatte er eine Erfindung
gemacht. Er hörte einmal, daß schnelle Bewegung der Körper Wärme
erzeuge; sofort bat er den Pfarrer, daß dieser ihm die alte Windmühle
borge, die schon lange Zeit unbenützt in der Scheune stand, weil sie
keinen Rieselboden mehr hatte. Diese Windmühle nun stellte der Mann zur
Winterszeit in sein Stüblein, und wenn ihn frieren wollte, begann er an
der Handhabe zu treiben, daß es sauste und klapperte, und bald war ihm
ganz leidlich warm und er konnte wieder stricken.
Wohl schienen die Mäuse über ihren polternden Nachbar ungehalten zu
sein, denn sie entzogen ihm nach dergleichen stets auf längere Zeit
ihre Besuche.
Seit mehreren Jahren hatte sich Malchus auch einen anderen, neuen
Hausrat anzuschaffen bemüßigt gefunden -- ein Rasiermesser, mit dem er
sich nach jedem Neumond regelmäßig seinen braunen Bart schnitt.
Die Kopfhaare begann er stehen zu lassen, und er wand dieselben nun, da
der alte Filzhut schon längst den Weg alles Irdischen gegangen war, wie
einen Turban um das Haupt.
Aus praktischen Gründen hatte Malchus auch die bereits grau gewordenen
Lederschuhe gegen Holzschuhe vertauscht, eine Änderung, mit der die
Nachbarschaft ebenfalls nicht einverstanden war. Zum Weihnachts- und
Osterfeste war er immer beim Herrn Pfarrer zu Tische geladen, weil er
im Laufe des Jahres dann und wann kleine Kirchendienste tat, aber
Malchus fand sich bei der Tafel nicht behaglich. Der Braten, ei ja,
der täte schon schmecken, das Glas Wein auch, aber wie leicht ist die
böse Angewohnheit da! Zu Weihnachten bekam er immer das Paket Wäsche.
In der Neujahrsnacht langte Malchus stets seinen Rosenkranz aus dem
Schranke hervor, tat eine Koralle weg, warf sie aus dem Fenster und
ließ sie hinabrollen über die Schneerinde des Daches, so wie das Jahr
hinabgerollt war in die Ewigkeit.
Schon viele Kügelchen hatte der Rosenkranz auf diese Weise verloren,
und Malchus war durch sein Sitzen auf der Matratze buckelig und
mühselig geworden.
Auch sein Turban war nicht mehr dunkel, sondern lichtgrau.
Im Dorfe und im Tale waren Menschen geboren worden und aufgewachsen.
Sie hatten Hochzeiten und Kindstaufen und Begräbnisse gehabt, hatten
sich endlich selbst auf das Brett gelegt, und Malchus Zacharias
Rosenkranz hatte für sie gestrickt. Auch die alte Nähterin hatten sie
auf den Kirchhof getragen. Ein fremder Wagen mit zwei Pferden war zum
Begräbnis gekommen -- ein Mann und eine Frau saßen darin.
Malchus bekam an demselben Tag vom Pfarrer einen neuen Anzug aus grauem
Loden und ein silbernes Kreuz, das er um den Hals hing.
Es waren große Ereignisse in der Gemeinde vorgegangen, noch größere
draußen in der Welt. Für Malchus war es das größte gewesen, daß während
der vielen Jahre zweimal am Dache des Pfarrhofes gedeckt werden mußte,
wobei gräßlich gehämmert wurde, und daß auf dem gegenüberliegenden
Dach des Wirtschaftsgebäudes einmal drei Kater rauften, und so wütend
rauften, daß einer davon halb zu Tode gebissen über die Bretter
kollerte.
Auch war im Laufe der Zeit, wie er meinte, jenem Stern, der in
den Sommernächten gerade über dem Stallfirst stand, einmal ein so
ungeheurer Schweif gewachsen, daß alle anderen Sterne der Nachbarschaft
weit auseinander gehen mußten, um dem wüsten Ungeheuer eine Gasse zu
machen.
* * * * *
So lebte der arme, alte Mann fort; er wußte schier nicht mehr,
wie er in das Dachkämmerlein gekommen war. Er hatte vergessen den
Schreckenstag in seiner Jugend, auch den alten Pechbrenner Domini, und
wie dieser gesagt hatte, daß er singen solle. Aber der alte Mann hatte
endlich ja auch die Seespinne vergessen, die als unheilvolles Erbe des
elterlichen Aberglaubens durch die schönsten Jahre der Jugend hin sich
an sein weiches Herz geklammert hatte.
Nur das war dem armen Malchus noch: es habe ihm einmal geträumt von
einem lieben Mädchen, das auf der Heide die Ziegen gehütet und ihm
Blumen gegeben hatte.
Wie einem doch so wunderlich träumen kann, nicht wahr, Malchus? -- Aber
sag einmal, wie viel hast denn noch Korallen an deinem Rosenkranz?
Der Alte mag selbst daran denken, der Grashalm wackelt ihm unsicher im
Munde -- er hat ja schier keinen Zahn mehr.
Draußen blüht und leuchtet der Maitag.
An der Kirchentür wird ein großer Kranz aus Tannenreisern geflochten,
es werden auch Rosen hineingewoben, rote und weiße -- es ist das Fest
des Kirchenpatrones Urbanus nahe.
Unten im Hofe bei den Schweinen ist großer Schrecken, wie er immer war,
wenn ein großer Tag herannahte, und der Pfarrer für den Festbraten
sorgte.
Der alte Malchus befand sich ganz wohl. Aber er weiß, es naht der
Tag ... Schon vor Wochen hatte er die Windmühle in die Rumpelkammer
geschoben, wofür er von der Nachbarschaft eine sehr trauliche Gegen-
und Dankvisite erhielt.
Malchus holperte noch einmal durch das Tal; er konnte im Gehen nicht
mehr arbeiten, er mußte schon den Stock recht fest halten. Heute wollte
er sich die Welt noch einmal ansehen, diese Erde noch einmal, den
Himmel noch einmal. Ist gut beisammen, alles. Und die Luft trägt den
Duft der Blumen herum, und sie trägt den Gesang der Vögel herum. Der
Kuckuck schreit auch; das wird derselbe nicht sein, von der Esche. --
Malchus, das ist ein wunderlicher Morgengang! Und alles ist so mild
gegen dich und weiß nichts davon, daß du -- schon in zwei Tagen.
Malchus bückte sich und riß einen jungen Halm ab, und begann an ihm zu
saugen.
Zur Heide stieg er auch hinauf. Ein Bauer, der ihm begegnete, sagte:
»Hab' dir's ein für allemal gesagt, Malchus, magst sie schon nehmen die
herabgebrochenen Äste zum Heizen, brauchst nicht zu fragen.«
Am nächsten Tage kamen die Krämer mit ihren Tragekästen, schlugen auf
dem Dorfplatz Stöcke in die Erde, banden Stangen daran und richteten
ihre Stände auf. Kinder standen dabei und sahen zu.
In den Häusern wird gebacken und geschmort, ins Wirtshaus kommen schon
vier Männer mit Pfeifen und Geigen; hinten geht eine ungeheure Baßgeige
nach.
Der alte Malchus Rosenkranz humpelte gebeugt am Stabe durch das Dorf.
Er kam jetzt von der Kirche, wo er eine Beichte abgelegt und die
Kommunion empfangen hatte. Vor dem alten Brunnen, der schon lange
verfallen war, und auf dem roter Holunder wuchs, blieb er einmal
stehen und sah blinzelnd das frischgrüne Gebüsch an. Dann ging er
weiter hinab bis ans Ende der Häuser, wo einmal ein alter Heustadl
niedergebrannt war, und er ging weiter den Weg entlang bis zu einem
Häuschen, in dem einst die alte Nähterin gelebt hatte. Dort kehrte er
wieder um und ging durch die hintere Dorfgasse dem Pfarrhofe zu. Vor
einer Schreinerwerkstatt blieb er stehen und sah durch das offene Tor
den Gesellen zu.
Sie hobelten an Läden, die Späne schoben sich durch die Eisenscharte
und flogen lustig davon. Dann nahmen sie den Zollstab und maßen, und
schnitten in die Quer.
»Mit Verlaub zu fragen, was wird denn da gemacht?« fragte Malchus.
»Ja, mein lieber Malchus!« sagte der Obergeselle bedeutungsvoll.
»Ich verstehe,« murmelte Malchus, »werde auch bald so was brauchen.«
»Gratulier'!« sagte der Geselle.
Die Schreiner zimmerten eine Wiege.
Der alte Mann schritt langsam seiner Wohnung zu. Mühsam kletterte er
über die alte, halbmorsche Leiter. Dann kochte er sich einen Topf
Erbsen.
Am Abende desselben Tages saß er lange am Fenster und strickte.
Er hatte für die alte Einleger-Ploni noch ein Paar Strümpfe
fertigzubringen; 's ist schon gezahlt dafür, und 's wär' doch eine
Schand, wenn er jetzt, ohne die Arbeit zu vollenden, durchginge.
Auf das gegenüberliegende Bretterdach fiel das bleiche Licht des
aufgehenden Mondes. -- Wenn er über das Haus herüberkommt und nach
Mitternacht zum Fenster hereinlugt, vielleicht bist du dann schon
fertig.
Auf dem Rosenkranz des Alten war keine Perle mehr, nur noch der Knoten
-- der letzte Knoten.
Auf dem Eschenwipfel, der über dem Dachfirst emporragte, meldete sich
ein Vogel. War's wieder ein Kuckuck, wie vor einigen vierzig Jahren?
Wollte er noch ein paar Jährchen draufgeben?
Der Vogel krächzte -- es war eine Eule.
Der Alte hörte dem Gekrächze eine Weile ruhig zu, endlich begann er zu
brummen: »Ja, ja, ja, ist das eine ewige Kräherei! Weiß es ohnehin --
hab' gemeint, die Arbeit da brächt' ich noch fertig, aber 's wird nicht
sein mögen!«
Und er strickte und strickte.
Gegen Mitternacht zog er die letzte Nadel aus der letzten Masche und
der Strumpf war fertig. Der Alte machte ein Kreuz über Stirne, Mund und
Brust und legte sich auf die Matratze. Seine Glieder waren müde, sein
Sinnen war umflort -- er schlief bald ein.
Der Mond war über das Haus gekommen, blickte durch das Fenster und auf
dem Fußboden lag seine weiße Tafel.
Auf der weißen Tafel saß eine Maus und guckte mit hellen Äuglein den
Mond an.
Am andern Morgen, als die ersten Sonnenstrahlen auf den Dachfirst
fielen, läuteten alle Glocken. Malchus erwachte und schlug für einen
Moment die beiden Augen auf. Es war das Fest des Kirchenpatrons Urbanus
-- jener Tag, der ihm vorausgesagt worden war. Ei, der Kuckuck, dachte
sich der Alte, ich steh' jetzt auf und geh' in die Kirche; bist schon
wieder beim Erbsensack, du vertrackte Maus? Nu, nu, nur nicht gleich so
betreten, nag' zu, beiß' zu! Und wenn er kommt, so sag' ihm, er möge
warten, ich sei bei der Messe.
Dem Alten war wunderlich um das Herz -- nicht so, als ob er sterben
sollte. Klar war sein Denken nicht, statt der stumpfen Ergebung war
eine Berauschung eingetreten. Mit seltener Sorgfalt ordnete er seinen
Anzug und wand seine Locken um das Haupt.
So kletterte er über die Leiter und ging in die Kirche.
Da standen die Leute auf dem Dorfplatz, Kopf an Kopf, mit grünen,
schwarzen, grauen und anderen Hüten; Weiber und Kinder drunter, mit
bunten Hauben und Kopftüchern; alles schmuck, sogar Blumensträuße
hatten sie bei sich auf den Hüten, im Knopfloch oder am rotseidenen
Busentuch. Und sie waren fröhlich und plauderten miteinander und sahen
die Marktsachen an, die in den Buden und Ständen ausgestellt waren, und
sie feilschten mit den Krämern -- und das war ein Summen und Brummen
über den Kirchplatz hin, und darüber lag die Morgensonne, und auf dem
Turme klangen die Glocken und riefen zur Frühmesse. Da drängte sich das
Volk der Kirchentüre zu -- viele blieben auch im Freien stehen oder
gingen ins Wirtshaus.
Trotzdem war die Kirche voll. Die Orgel war laut und hell --
der Schulmeister hatte alle vier Register aufgezogen, sowie der
Kirchendiener alle Kerzen, die in der Kirche waren, angezündet hatte.
Der heilige Papst Urbanus, der in seinem goldenen Ornate über dem
Altare stand und »der den Wein wachsen läßt«, hatte zwölf Kerzen und
war in nicht geringer Feuersgefahr, was aber wenig zu sagen hatte, da
der heilige Florian mit dem gefüllten Wasserbehälter daneben stand.
Endlich war der Festgottesdienst vorüber und alles drängte sich in das
Freie. Unser alter Malchus suchte sich auch durch die Menge zu winden.
Man warf ihm Kreuzer zu, die er aber nicht auflas und für die er nicht
dankte.
Eine Bäuerin bat ihn, daß er ihrem Töchterlein ein Wollenjöpplein
stricke, er sagte nicht zu. Er ging ein wenig durch das offene Tor in
den kleinen Kirchhof. Da war alles grün und frisch. Es war aber keine
rechte Stimmung. Malchus humpelte weiter.
Als er in sein Dachstübchen zurückkam, blieb er einen Augenblick an der
Türe stehen. Es war ein fremder Mann da. Er war dem Fenster zugekehrt,
stützte sich auf die Brüstung und sah in den blauen Himmel hinaus.
Er war sehr gebückt, hatte einen grauen Pelz an, und die wenigen Haare,
die von seinem kahlen Kopfe über das Genick hinabhingen, waren weiß.
Der Mann war uralt.
Aha, da ist er schon! dachte Malchus, ging dann auf den Fremden zu.
Der Alte kehrte sich langsam um. »Dennoch wohl, dennoch wohl!« sprach
er nun, als er den Malchus erblickte. »Du, Junge, jetzt schau, ich
bin keck gewesen, gelt? Nun, daß ich halt so heraufgekommen bin da in
deine Stuben. Hab' wohl gewußt, daß du in der Mess' bist; hätt' auch
können hineingehen, aber weißt, Junge, mag nicht recht, red' mit meinem
Herrgott lieber, wenn ich mit ihm allein bin. Du schaust so! Kennen
wirst mich doch wohl noch? -- Bin ja der alte Domini, ich, gelt?«
Malchus glaubte, er träume. -- Das wird doch nicht der Pechbrenner
Domini sein, den er vorzeiten als alten Mann gekannt hatte!
»Siehst du, Malchus,« sagte der Domini, »dort auf dem Eschenwipfel
sitzt ein kohlenschwarzer Rabe. Der ist ein Steinrabe, von dem gesagt
wird, daß er zweihundert Jahre alt wird. Hab's noch nicht so weit
gebracht, bin erst ein wenig über hundert, aber wir zwei werden es
schon noch so weit bringen, Junge.«
»Ei, versteht sich,« entgegnete Malchus, »'s ist nur schade, daß vor
einigen vierzig Jahren ein anderer Vogel auf dem Wipfel dort gesessen
ist. Wenn du aber der Domini bist und aus deinem Grab kommst -- sei
nur so gut und mach' nicht viel Umstände, ich weiß es ja --«
»Red' nicht so kindisch; pack' lieber deine sieben Sachen zusammen;
wirst heut' mit mir gehen müssen. Mit dem Pfarrer hab' ich schon
gesprochen, wirst kaum mehr zurückkommen in dieses Dorf!«
Was hatte der alte Malchus Zacharias Rosenkranz zusammenzupacken?
Seinen Wollenbeutel nahm er und seinen Stock, dann war er fertig. Er
stieg voran über die Sprossen hinab; als Domini nachkletterte, brach
die Leiter, der Greis erhielt sich noch glücklicherweise an einem Haken.
Zur selben Stunde schritten die zwei alten Männer aufeinander gestützt
durch die Dorfgasse. Viele Leute blickten ihnen nach. Mehrere folgten
sogar, und aus dem Wirtshause klang die Tanzmusik.
Wohl blieb Malchus noch einmal stehen und sah zurück, aber er dachte
kaum an das, was kommen sollte, sein Geist war wieder in Stumpfheit
versunken.
Am Ende des Dorfes, wo das Häuschen der Nähterin stand, war Roß und
Wagen. Der Fuhrmann, der dabei war, half den beiden Greisen in den
Wagen, und dann rollte das Gefährte davon.
Malchus fuhr sich mit dem Ärmling zweimal über die Augen, er öffnete
auch das linke zuzeiten und sah in die Gegend hinaus und sah seinen
wunderlichen Gefährten an. War's denn doch wohl der alte Domini? --
Malchus fühlte sich nicht behaglich; er hatte vergessen, einen Halm
aufzulesen, und jetzt wußte er nicht, woran er kauen sollte. Einmal
öffnete er seinen Wollenbeutel, zählte die Taler und murmelte dann
vor sich hin: »Wo hab' ich denn doch den andern gelassen? Es müssen
dreizehn gewesen sein!«
Gegen Abend, als im Tale schon die Schatten lagen, ließ der alte
Domini vor einem Wirtshaus halten; nach einem Imbiß ging das Fuhrwerk
weiter. Der hatte sogar geschmeckt. Es kam die Nacht, sie fuhren über
Auen und durch Wälder. Malchus saß in sich versunken da.
Als die Sonne aufging, stand Roß und Wagen still, und da war ein See
und an beiden Seiten standen rote Felswände und spiegelten sich im
dunklen Grunde. Am Ufer des Sees stand ein neues Haus und ein heiteres
Gärtlein.
Domini führte den Malchus gegen das Haus und sagte »Wir zwei sind wohl
ein wenig alt, aber da ist alles wieder jung geworden, seh' ich. Mich
deucht, Malchus, du hast dem Pechbrenner Domini vor fünfzig Jahren
einen Taler geschenkt, weil dieser Taler der Judas war, und mich
deucht, der Pechbrenner Domini hätte mit demselben Taler zu hausen und
wirtschaften angefangen, und er hätte dann dieses Haus bauen lassen,
daß du eine Ruhestatt hättest für deine alten Tage. Jetzt, Malchus,
schau ein wenig nach, ob's wohl so ist!«
Und als sie in das Haus gingen, da stand ein Weib vor der Tür, und das
reichte dem Malchus die Hand, und der Malchus hat sie erkannt.
Und dann gingen sie in die Stube, in die freundliche Stube mit den
großen Fenstern, durch welche die Fülle des Sonnenlichtes auf den
gedeckten Tisch und auf das weiße Ruhebett strömte.
Das ist nun dein, Malchus, glücklicher Malchus, für den der Freund
gesorgt, den die Liebste nicht vergessen. -- Martha hatte einen Mann
gehabt, hatte viele Jahre glücklich mit ihm gelebt. Als er starb, da
war sie wieder allein, wie ehdem. Nur ihr Lebensretter war noch in der
Welt, verlassen, vergessen. Nein, vergessen nicht, sie dachte ja an
ihn und sie wollte dem alten pflegebedürftigen Mann ihre noch übrigen
Lebenstage weihen.
Malchus ging hinab zum See, dann hörte er dem Kuckuck zu, der fort und
fort schrie; dann ging er wieder ins Haus, kletterte auf den Dachboden,
schlang sich den Turban seiner Haare wieder um das Haupt und setzte
sich auf einen Holzstrunk. Dort saß er Stunden und Stunden und drückte
das linke Auge zu und kaute an einem Halm. --
Und jetzt ist das Gesicht zu Ende. Ich weiß nicht, wie es weitergeht.
Der glücklichste Mann von Graz.
»Wollen Sie, lieber Freund, nicht einmal mit mir gehen? Ich möchte Sie
gerne zum glücklichsten Manne von Graz führen.« Mit diesen Worten lud
mich ein Nachbar in genannter Stadt zu einem Spaziergange ein.
»Zum glücklichsten Mann von Graz?« entgegnete ich, »erlauben Sie, der
bin ich ja selber.«
Mein Nachbar stutzte, blickte mich an vom Haupt bis zum Fuße und
schüttelte seinen Kopf. »Wirklich?« sagte er endlich, »um so besser, so
werden Sie meinen Mann auch recht verstehen können.«
Nicht lange danach, so stieg ich eines Nachmittags die südliche Lehne
des Rosenberges hinan. Und auf sanfter Lehne, mit dem Ausblick auf die
Wälder der Hilm und auf die schimmernde Kirche von Mariatrost habe ich
den Mann gefunden. Ihr erkennt das Heim des Glücklichen an dem einen
Merkmal: es ist mit einem Dornenkranze umgeben. Über Rosenzäune hüpft
so gerne der Weltunfrieden; über eine Dornenhecke vermag Habsucht,
Ehrgeiz und Neid schwer zu dringen. Wer aber an der kleinen Pforte
zwischen den Dornen die Klingelschnur zu finden weiß, dem wird aufgetan.
Unser Mann ist Grundbesitzer. Sein Erdboden mit Haus und Hof,
mit Obst-, Gemüse- und Weingarten beträgt nicht weniger als 53
Geviertklaftern. Auf diesem Grunde hat sich der Mann drei Häuser
gebaut. Eines dieser Gebäude, ein hölzernes Bauernhaus, stand vor nicht
langer Zeit in der Stadt. Viele Jahre wohnte und wirkte der Eigentümer
in ihm und war's zufrieden. Aber das Haus stand auf keinem guten
Boden; ein Sumpf- oder Moorgrund war es nicht, ein Zinsgrund war's.
Und gleichwohl kein Fleckchen Erde in ganz Graz von den Mietern so
gewissenhaft und haushälterisch verwertet wurde, als diese paar Klafter
in der Lechgasse, so wucherte doch daraus das Unkraut der Mietzinse
derart hervor, daß es das Häuschen und den Wohlstand darin gefährdete.
Deß war nun unser Mann einmal nicht zufrieden. Rollte er denn vier
Räder unter das Gebäude, spannte zwei Pferde daran und führte sein Haus
davon. Er führte es am Hilmteiche vorbei und die Mariatrosterstraße
kreuzend, den schönen Rosenberg hinan. Dort oben hatte er sich von dem
Ersparten Grund und Boden zu eigen erworben und auf den stellte er das
hölzerne Haus, so aus Graz ausgewandert war, und baute auch noch ein
größeres dazu für Weib und Kind und gründete daneben ein Hüttchen, das
»Industriegebäude« für den Erwerb. Und nun war er zu einem Gutsbesitze
gekommen, wie es im Lande keinen seltsameren gibt. Da lächelt denn
der Gute still in sich hinein, und wenn er von seinen Feld- und
Gartenarbeiten spricht, so tut er's mit Selbstbewußtsein und mit
Schalkheit zugleich. Nun gehört er mit zu den Besitzenden, und seinen
Besitz und seine Welt hat er sich selbst erworben und geschaffen. Das
ist eine Freude!
Während das Weib Haus- und Landwirtschaft versorgt, sind der Mann und
die Tochter in der Werkstatt tätig, und das Rauschen der Sägen und
das Klopfen der Hämmerchen ist wohl weit und breit zu hören. Und was
wird denn erzeugt? Je nun, vielleicht hängt in deiner Stube ein hübsch
geschnitzter Vogelkäfig, vielleicht spielt dein Söhnchen gerne mit
einem »Spatzenschießer«; vielleicht besitzt meine Leserin einen feinen,
wohlriechenden Wacholderfächer -- hervorgegangen aus der kunstreichen
Hand meines glücklichen Mannes.
Ich will aber nicht Reklame machen für seine Vogelhäuser, sondern für
sein Glück. Es ist bei ihm zu haben; seine heitere Gemütlichkeit,
seine Zufriedenheit ist für den Besucher ansteckend, wenigstens so
lange sich der im kleinen Bereiche des Dornenkranzes befindet. Fest
steht der Steinbau, in dem des Schnitzers Familie wohnt; aber er, der
alte Patriarch, lebt in seinem hölzernen Häuschen. Dieses ist das
gelungenste Abbild eines steierischen Bauernhauses und hätte auf einer
Weltausstellung den Preis erhalten. So freundlich und behäbig steht
es da, das kleinwinzige Haus mit seinem Dachgiebel, seinem Söller,
der zur Herbstzeit mit Kukuruzzapfen behangen ist, mit seinen glatten
Fensterbalken und allem, was dran und drum dazu gehört. In der Stube,
die etwa 5-7 Fuß lang und breit und hoch ist, steht der Wandkasten und
der Gesindetisch und der Hausaltar und das Bett des Hausvaters und
der Kachelofen. Aber das Bett ist zu kurz für eine Manneslänge und so
muß für die Fußstelle der gute Kachelofen sein Inneres erschließen.
Seit Menschengedenken ist in dem Hause noch nicht geheizt worden,
weder zur Sommers-, noch zur Winterszeit; das ist ~ja~ auch eine
Eigentümlichkeit des Mannes, daß er die Kälte nicht kennt. Wie viel
Grad Wärme muß ein Herz haben, das in seinen Bretterwänden bei der
ruhigen Schnitzarbeit im Jänner den Ofen erspart! Nichtsdestoweniger
ragt ein Rauchfang über das Schindeldach; in diesem Rauchfang dreht
sich eine Windmühle, die unten in der Stube ein Glockenspiel treibt.
Tag und Nacht läßt solches Spiel, meist gemächlich langsam, zuweilen
aber auch rasch und lebhaft, seine Musik erklingen. Und so hat sich's
dieser Mann eingerichtet, daß, je stürmischer die Stunden, je lustiger
sein Glockenspiel ertönt. In einer ganz windstillen, tonlosen Nacht
kann der Mann gar nicht schlafen, und in einer Zeit, wo alles nach
Wunsch ihm geht, kann er nicht recht ruhig sein; denn, sagt er, da
kommt jählings was, das einen in die Haut zwickt. In der Stube hängt
auch ein Vogelbauer; aber das Tor dieses Vogelbauers geht durch die
Holzwand in das Freie, und da können die Vögelein aus- und einfliegen
nach Belieben, und sie finden zu jeder Stunde Unterkunft und Nahrung in
dem gastlichen Hause.
»Der Mensch muß nicht alles in seiner Faust haben wollen,« sagt unser
Schnitzer; »was gerne daherfliegt, dem mach' ich Tür und Tor auf, und
will es wieder davon, so laß ich's fliegen.«
Fragt ihn einmal, ob er zufrieden ist in seiner Lage, und seht dann
sein Gesicht an. Er ist über die sechzig Jahre alt, und fragt ihr ihn,
was ihm in seinem Leben schon Übles widerfahren ist, so antwortet er,
er sei sein Lebtag nicht viel krank gewesen, und zu essen hab' er auch
allweg gehabt. Und fragt ihr ihn, wie er mit der Welt stehe, so sagt er
euch, an Geldeswert sei er niemand was schuldig und er kenne gute brave
Leute die Menge. Und fragt ihr ihn endlich, was er von der Zukunft
erwarte, so wird er entgegnen, er freue sich auf die Zeit, in der seine
jungen Obstbäume Früchte trügen, und sollte er bis dahin nicht mehr
sein, so würde wohl ein anderer die Nutznießung haben.
Mehr will ich nicht verraten. Und sollte doch jemand in der
freundlichen Stadt Graz leben, der die Überschrift meines Kapitels zu
anmaßend findet und selbst auf sie Anspruch machen zu können glaubt,
der möge sich deß ja nicht laut melden, der möge es halten wie der
Schnitzer vom Rosenberge und eine Dornenhecke ziehen um die stille
Stätte seines Glückes.
Der Waldteufel.