»Wo brennt's denn?« fragten sich die Leute und stürmten in das Freie.

»Wo wird's brennen, ihr Kindischen,« sagte Malchus ruhig, »im Pfarrhof

brennt's; oben in meiner Stube brennt's; 's wird wieder meinen Vater

und meine Mutter haben wollen oder mich, und jetzt bin ich gar nicht zu

Hause.«

Er steckte seinen Rosenkranz in die Tasche und ging hinaus.

Am unteren Ende des Dorfes qualmte dichter, rötlich-brauner Rauch

auf. »Das ist der große Heustadl!« hieß es, und die Leute eilten mit

Eimern und Kübeln und Leitern und Haken gegen den Brand, und weil

keine Feuerspritze im Orte war, so trugen sie aus dem Ziehbrunnen, der

auf dem Platze stand und aus dem Bächlein, das weiter unten hinfloß,

Wasser auf die Dächer. Der Stadl war nicht mehr zu retten, da pfiffen

die Flammen schon aus allen Fugen und Löchern; jetzt brachen sie

gewaltig aus; glühendes Stroh, brennende Schindeln flogen hoch. Auf

den Nachbargebäuden kletterten Männer herum, warfen die Dachbretter

herab, begossen die Firste und Dachstühle, vermauerten die Fenster. Sie

riefen sich zu, aber im Knattern der Bretter und im Brüllen des Feuers

hörten sie sich kaum. Die Weiber jammerten in den Gassen und schleppten

Hausgeräte aus ihren Wohnungen; alte Kästen und Bettstätten zerrten

sie hervor und vergaßen den Sparpfennig. Auf dem Turme schrillten

stoßweise, in ungleichen Zwischenräumen die Glocken, daß von den

Nachbargemeinden Hilfe kommen möge.

Über all das lag der klare Sommertag und Sonnenschein, wenn auch die

Schatten des Rauches über Dorf und Kirche hinflogen.

Malchus half nicht im Löschen, nur daß er in der Nähe des Feuers beim

Ausbringen von Hab und Gut tätig war.

Zuletzt ging er gar davon, setzte sich auf einer Anhöhe nieder und sah

dem Feuer zu. »Wie ihr auch löschen und wahren mögt,« sagte er, »das

ganze Dorf brennt nieder. Das Feuer ist dort unten und mein Pfarrhof

ist da oben am andern Ende. Du rothaariges Unglück, du hast es doch nur

auf mich abgesehen, und jetzt hüpfest du über alle Hausdächer bis zu

meiner Wohnung. Und ich bring' so viel Unheil über alles; es wär' doch

das beste, ich tät der ganzen Welt aus dem Weg gehen -- ganz, ganz aus

dem Weg -- die Seespinne wird keine Ruh' geben.«

In einer Stunde später war der Heustadl eingestürzt und die Flammen

leckten nur mehr an den Wandbäumen, die am Boden lagen. Die nächst

angrenzenden Gebäude standen unversehrt da, nur daß bei einigen das

rötlichgraue Dachstuhlgerippe nackt aufragte, weil es die Leute

abgedeckt hatten.

Die Kirchenglocken waren zur Ruhe gekommen, das Schreien war verstummt,

die Weiber trugen ihre Geräte wieder in die Häuser und sie lachten,

wenn sie gleich noch vor Aufregung zitterten.

Malchus stieg vom Hügel, schüttelte wiederholt den Kopf: »Jetzt hat die

rothaarige Bestie sicher gemeint, ich wohne im Heustadl!«

Als er über seine Leiter steigen wollte, lag diese in Trümmern auf dem

Boden, und neben ihr, ächzend und sich in Schmerzen windend, lag der

Schuhflicker Fritz.

Malchus kannte ihn gleich, der Mann flickte ihm ja seine

Kuhlederschuhe. Er rief also: »Ja, Schuster, was ist denn dir

geschehen?«

Dieser wimmerte: »Wie das Feuer auskommen ist, hab' ich dem Malchus

wollen sein Hab und Gut retten und bin über die Leiter gestürzt -- Fuß

und Hand hab' ich mir gebrochen.«

Während er dies sagte, wälzte er sich um und suchte einen grauen

Wollbeutel zu verdecken, der neben ihm lag. Aber Malchus hatte diesen

bemerkt und sagte: »Fritz, es schaut so aus, als ob du mir mein Geld

gestohlen hättest!«

»Malchus, nur retten hab' ich dir's wollen -- oh weh!«

»Das kann sein, und es kann auch nicht sein -- gib nur her, Fritz.«

»Zu tausendmal gern; aber sag niemandem was davon. Malchus, schau,

bin ein armer Mann und hab' Weib und Kind. Hab' sonst noch keinem was

gestohlen, mein Lebtag nicht. Sag nichts davon, Malchus; muß ja eh bald

sterben!«

So jammerte der Schuhflicker, und Malchus beruhigte ihn: »Ist dir

vergessen; und zuletzt hätt' doch nur ich da herabstürzen sollen; das

Unglück ist heut' schon das zweitemal zum Unrechten gekommen. Magst

dich auf meine Achsel helfen, Fritz, ich trag' dich heim in dein

Häusel.«

Und er trug den Fritz heim in sein Häusel. »Frau Schusterin,« sagte

er, »tut Euch nicht erschrecken; beim Löschen ist er auf den Erdboden

gefallen«.

Dann ging Malchus wieder seiner Wohnung zu, band die Leiter zusammen

und stieg zu seiner Stube hinauf. Die Türe war offen, der Schrank

ebenfalls. Malchus barg seine zwölf Taler wieder an ihrer Stelle.

Leute, die den jungen Mann während des Brandes auf dem Hügel hatten

sitzen sehen, sagten lieblose Worte. Andere, die ihn mit dem Schuster

Fritz begegneten, erzählten Gutes von dem blödsinnigen Stricker.

* * * * *

Es war im Spätherbste desselben Jahres, als eines Abends durch das

Dorf der lustig polternde, pudelnärrische Brechelzug ging. Die Leute

kehrten eben von der »Haarstube« zurück, wo sie gemeinsam ihren Flachs

gebrechelt hatten; gingen jetzt zu einem reichlichen Mahle, welchem

Tanz und anderes Freudige folgen sollte. Die Pfeifen und Geigen waren

schon da und die Bläser und Streicher auch dazu, und die Füße des

jungen Völkleins waren bereits voll Räder und Federn, besonders die der

Dirndeln.

»Wia liab daß so a Diandl,

Wan's bleedan tuat, is!«

Dem Zug voran gingen zwei Burschen, die mit Besen die Gasse auskehrten,

und hinter her zog eine Magd und streute Agen auf den Weg, damit der

Lust und der Freude, die hier im Triumph einherzog, die Kümmernis nicht

folgen konnte.

Als sie über den Platz am tiefen Dorfbrunnen vorüberkamen, standen

einige plötzlich still und legten die Finger an den Mund; »ein

Gespenst!« Andere blieben ebenfalls stehen und horchten. -- »Du

Kreuzsappermost, was ist denn das da unten?«

Aus der Tiefe des Brunnens hörte man Laute -- wie ein Wimmern und

Weinen, dann wieder wie ein Lachen. Das war ja wieder dieselbe

Stimme, wie man sie vor dreißig Jahren gehört hatte, als darauf eine

Überschwemmung kam; und das war auch dieselbe Stimme, die vor achtzehn

Jahren im Brunnen rief, als dann die große »Sterb« in der Gemeinde

ausgebrochen.

Die Pfeifen waren in schrillen Tönen ausgelaufen und schwiegen; die

Leute flohen.

Nur Malchus floh nicht. Er stand am niederen Brunnengeländer, starrte

in die Tiefe und rief hinab: »Na heut' geraten wir zusamm', verdammte

Seespinne du!« Dann verlangte er einen Strick, sie sollten ihn

hinablassen.

Die Leute wußten nicht was, aber sie brachten einen Strick und ließen

Malchus in den Brunnen.

Der Arme -- noch einen Blick gegen die Abendröte, gegen die Waldberge,

gegen die weiße Dorfkirche, gegen die Menschen -- dann hatte er den

Eimerbaum seitwärts gestoßen und es ging hinab -- von dem Lichte zur

Dämmerung, zur Dunkelheit, zur Finsternis, den schauerlichen Tönen

näher.

Der Strick war lang und ging tief und tiefer hinab.

Endlich schien die Last auf dem Wasser zu sein, der Strick war locker.

Man horchte, man hörte kaum mehr die Laute von früher. Das halbe Dorf

hatte sich um den Brunnen versammelt.

Die Mauern und weißen Schindeldächer der Häuser waren gefärbt von der

Abendröte; Fensterscheiben leuchteten, als ob alle inneren Räume in

Flammen ständen -- so herrlich scheidet der Tag, so unheimlich naht die

Nacht, und dem Manne im Abgrund -- wie wird's ihm ergehen?

Endlich tönte aus dem Brunnen ein hohles, langgezogenes: »Auf!«

Man spannte den Strick, man zog und zog; die Last war schwer, das Seil

lag schon am Boden in unzähligen Ringen und Schlingungen wie eine

endlose Schlange, und endlich --

Malchus kam herauf und in seinen Armen hatte er, bedeckt von Schlamm --

»Martha, meine Martha!« erscholl in dem Augenblicke eine Stimme, und

ein Weib stürzte zum Brunnengeländer, auf das sich Malchus erschöpft

mit seiner Beute gesetzt hatte. Nun erst sah er recht, was er trug: ein

bleiches, schönes Mädchen, dessen feuchte Locken weit über seinen Arm

hinabhingen.

Malchus riß die Augen auf, auch das linke, und diesmal war es, daß der

Mann die Welt zweifach anschaute.

Das eine sank aber sogleich wieder zu, als das Weib, eine Näherin, mit

ihrem Kinde laut weinend in das nächste Haus ging.

Aber Malchus ging nach in das Haus und blieb so lange bei dem Mädchen,

bis es die Augen aufschlug -- die blauen Augen, und bis es die Mutter

küßte auf seinen zarten Mund und sagte: »Martha, du mein Leben, was

hätte ich getan, wenn du dahin gewesen wärest!«

Martha war neun Jahre alt und der Häuslerin einziges Kind. Zum Krämer

war sie heute gegangen, auf daß sie Zwirn hole; spielend mit der

kleinen Geldnote dahin über den Dorfplatz. Das Lüftchen spielte in

ihren losen Haaren, aber dasselbe Lüftchen entführte ihr die Geldnote

und trug das Papier hin und hin über das Geländer des Dorfbrunnens.

Und wie nur zu viele Menschen dem Gelde nachjagen und in den Abgrund

stürzen, so erging es auch der kleinen Martha; am Geländer blieb das

Blättchen nicht liegen, es schwebte, das Mädchen langte über -- und so

kam's.

Unten unmittelbar in dem Wasser stand ein Balken in die Quere, daran

klammerte sie sich, da kam Malchus hinab.

Wie ihm das arme Weib dankte, wie ihn Martha anblickte, da war's doch,

wie noch nie, wie noch gar nie in allen seinen Lebenstagen.

»Und jetzt geh' ich dem Brechlerhause zu, heut' möcht' ich tanzen.«

* * * * *

So vergingen wieder einige Jahre und das erwartete Unglück kam nicht.

Malchus war um ein gut Stück heiterer geworden, aber er lebte immer in

seinem Dachstübchen und strickte oder tat andere Kleinigkeiten. Zur

Weihnachtszeit erhielt er immer ein Paket Wäsche, er wußte nicht von

wem; der Pfarrer sagte: »Ich weiß wohl, wer dir das schickt, darf es

aber nicht sagen.«

Malchus fragte auch nicht mehr, sondern fühlte sich behaglich in den

weichen Linnen und war zufrieden.

Zweimal des Jahres war ein Fest in seiner Stube, da schickte ihm

Martha, die indeß zu einer lieben Jungfrau geworden war, einen

Strauß schneeweißer Röslein, wie sie im kleinen Garten der Näherin

am Hagebuttengesträuche wuchsen. Der eine Strauß kam immer zu seinem

Namenstag, der andere an einem Tag im Herbst -- der Empfänger wußte es

kaum, warum.

Martha hätte ihm die Rosen selbst gebracht, aber Malchus sagte einmal

zu ihr: »Martha, die Leiter zu meiner Stube ist gebrechlich.«

Du guter Bursche, dein Herz war gebrechlich. Du bist fünfundzwanzig

Jahre alt.

Wohl dachte der Jüngling daran. Aber er will keine Nahrung sammeln für

die Seespinne.

Und die gab doch keine Ruh', er sollte nicht glücklich werden.

Marthas Mutter, die Näherin, war dürftig. Da kam eines Tages Malchus

mit seinem Wollbeutel, öffnete ihn und legte die zwölf Taler auf den

Tisch, dann suchte er noch eine Weile im leeren Beutel herum und

murmelte: »Weiß nicht, aber ich hab' doch dreizehn gehabt!«

»Was machst denn da, Malchus?« fragte die Näherin.

»Mutter,« sagte der Bursche und blinzelte stark, »ich hab' ein

Anliegen. Schenkt mir so viel Liebe und nehmt die paar Groschen!«

Da sagte das Weib: »Eher ins Grab, Malchus, eh' ich einen Groschen von

dir nehmen tät; wir sind dir viel tausend Gottesdank schuldig!«

Malchus mußte sein Geld wieder in seine Wohnung tragen. Sein Leben

hatte er aber so eingerichtet, daß er nicht notwendig hatte, etwas von

den zwölf Talern anzubrauchen, so wie er von seinem kleinen Erwerbe

auch nichts dazu tat, sondern damit seine Bedürfnisse bestritt. Auf

diese Art besaß er durch alle die Jahre zwölf Taler und nicht mehr und

nicht weniger.

Ein erzählender Hausierer in der Schenke eines Bergdorfes ist den

Leuten Zeitung, Romanliteratur, Anekdotenschatz, Theater und Erbauung.

Aber die Gurgel muß so einem Mann feucht sein, sonst ist kein glattes

Wort hervorzubringen. Der Wirt hat ein Fäßchen, da ist ein treffliches

Gurgelöl darin, davon werden alle Gedanken los und ledig und kommen

herauf in merkwürdigen Worten, und da schlüpft freilich auch manches

Geheimnis mit.

Kommt so ein gesprächiger unterhaltsamer Hausierer ins Haus, so

schmiert der Wirt gerne und unentgeltlich mit diesem Öle, denn er weiß,

alle Gäste bleiben um zwei, drei Gläser länger sitzen als sonst, um den

Geschichten und Neuigkeiten zu horchen.

Ein solcher Hausierer kam auch in unser Dorf.

Und heute wußte der Hausierer eine ganz besondere Neuigkeit, wie sie

nicht alle zehn Jahre zu hören ist im Dorfe.

»Ja, Leutchen,« erzählte er in seiner stets ruhigen Weise, aber jedem

Worte Gewicht gebend, »da draußen im Land soll jetzt ein reicher Graf

gehenkt werden, der den König hat ermorden wollen. Wißt ihr's, daß

Raben und große Herren sich einander die Augen nicht auskratzen? Nu,

wenn ihr's wisset, nachher trinken wir einmal.«

Er hob den Humpen und neigte ihn so gegen seinen Mund hin, daß er

wacker rinnen lassen konnte; die ihm zuhörten, taten es nach.

»Wär's ein kleiner Spitzbub gewesen,« fuhr der Erzähler fort, »man

hätt' einen neunundneunzig Klafter hohen Galgen gebaut, daß sie den

kleinen Spitzbuben hätten baumeln sehen im ganzen Land. Weil's aber ein

großer Herr, nu, so ist's erlaubt worden, einen anderen für ihn zu

hängen.«

»Was?« riefen die Gäste und ein paar sprangen von ihren Sitzen auf.

»Je nu,« sagte der Erzähler, »freilich einen andern, der sich eben dazu

hergibt. Der sich einschreiben läßt. Wisset, wie ich hab' vernommen,

soll die Sache so sein: der Graf ist begünstigt und darf zwanzig Lose

ausgeben und muß jedes derselben aus seinem Reichtum mit zwanzigtausend

Gulden ausstatten. Eines von den zwanzig Losen aber ist schwarz --

schwarz wie der Teufel -- und wer das zieht, der muß sich für ihn

henken lassen. D'rin in der Stadt beim Kreisgericht sind die Lose zu

haben. Eh' ich mir das meine hol', trink' ich den Wein aus.«

Und er trank.

»Du liebe Welt mit Sauerkraut!« sagten einige, »so Lose werden doch

noch anzubringen sein. Die Unwahrscheinlichkeit, daß man den Fehlgriff

tue, ist neunzehnmal da und die Wahrscheinlichkeit einmal; eine

kleinere Ziffer kann sie kaum mehr haben. Dem einen wird bigott wohl

auszuweichen sein, und das Glück ist gemacht, und sein Lebtag braucht

einer nicht ein Tüpfel mehr zu arbeiten, kann liegen im Gras und die

Zwanzigtausend vergurgeln. Ich nehm' gleich ein Los.«

»Ei ja, so denkt jeder von den Zwanzigen,« sprach ein alter

Strohdecker, »den's aber erwischt, der ärgert sich und denkt: Donner,

warum denn just mich? Jetzt muß ich mich henken lassen und weiß nicht

warum. 's mag richtig sein; neunzehn Stück taugen der Gurgel von innen,

aber das zwanzigste greift sie auswendig an.«

»Wenn einer seine zwanzigtausend Gulden wenigstens früher verjuxen

könnt',« sagte ein Schneidergeselle.

»Drei Tag' hast Galgenfrist,« belehrte der Hausierer.

»Drei Tag'! schau, das ginge noch an; da tät' ich gleich einen lustigen

Handwerkertanz geben und drei Mädel foppen.«

»Und ich tät' mir gleich den Freiherrntitel kaufen!« rief der Krämer.

»Du den Freiherrntitel?« lachte der Schmied, »ja, bist du nicht unser

Erzdemokrat, der die Adeligen nicht leiden kann?«

»Just desweg',« sagte der Krämer, »so ließe ich den Baron statt des

Bürgers henken.«

So redeten sie in Spaß und Übermut, und es gab über den Gegenstand viel

zu lachen.

Und in den nächstfolgenden Tagen sagte so mancher, wenn ihm etwas nicht

recht zusammenging: »Seh's schon, werd' wohl müssen auf das Kreisamt

gehen um ein Los.«

»Ja, wenn ich gewiß wissen tät', ich erwischte das schwarze nicht, ich

tät mir gleich eins holen,« sagte mancher, und ein anderer entgegnete

darauf: »Narr, wenn ich das wissen tät', alle neunzehn müßt' ich haben.«

Es ging aber doch keiner.

Es sollte aber doch einer gehen. Malchus hatte sich die Geschichte

dreimal erzählen lassen, dann hatte er noch einmal nachgefragt: »Und

das schwarze Los hat die zwanzigtausend Gulden auch?«

Dann war er stundenlang auf seiner Matratze gesessen und hatte mit sehr

großem Nachdruck seinen Strohhalm zerkaut.

»Werde ich gehenkt oder lassen sie mich laufen,« murmelte er endlich,

»das Geld bekommt Martha. Zwar, es wird kein Zweifel sein, die

Seespinne wird mich abtun, aber schon recht, dann ist sie mit mir

fertig und ich bringe auf diese Weise mein Leben noch am anständigsten

weg, weiß so nichts damit anzufangen. Ja, so wird's sein.«

Dann stand er auf, aß seine Erbsen, nahm einen Knotenstock, versperrte

alles wohl und verließ den Pfarrhof und das Dorf.

Als er am Häuschen der Näherin vorüberkam, klopfte er an die

Fensterscheibe und sang das Liedel:

»Zwei Roß und ein Wäglein,

Und auf dem Wäglein ein Mägdlein,

Und neben dem Mägdlein ein Bräutigam,

Und der hat ein gold'nes Kleidlein an!«

Dann schritt er fürbaß auf der Straße gegen das Kreisgericht.

Als Malchus in das Städtl kam, begegnete ihm der alte Domini, welcher

eben eine Harztrage auf den Markt gebracht hatte.

»Hast du auch ein Los geholt?« war das erste Wort, welches Malchus dem

Alten entgegenbrachte.

Der wußte von allem kein Wort und der Bursche mußte ihm erzählen.

Domini hörte auch ruhig zu, dann aber sagte er: »Malchus, ich will dir

was sagen, du wirst kein Los bekommen. Schau, die Sache ist so: Leute,

die keinen Kopf haben, die kann man nicht henken.«

Schier wollte dem Malchus bei diesen Worten auch das linke Auge

aufgehen.

Aber Domini fuhr fort: »Hör' mich einmal, Junge, und wenn's auch wahr

wäre, wer wollt' sich gleich aufknüpfen lassen! Das tät' ich nicht, und

nicht um ein Gschloß! Aber sag' mir, hast denn gar nichts zu beißen,

weil du auf solche Gedanken kommst?«

»Ich schon,« sagte der Bursche, »aber, es gibt noch andere Leut' auf

der Welt. Domini, ich weiß mir völlig nicht zu helfen, dir sag' ich's.

Daheim in unserem Dorf kenn' ich was, und das wird mich nach und nach

umbringen. Ich möchte sie oft gern ansehen, aber ich kann nicht. Es ist

noch wie ein Kind, aber ich tu' so schwer mit ihm reden, wie mit einem

König. Dann, wenn ich so dasteh', mein' ich, es ist nicht anders und es

trifft mich der Schlag. Ich fürcht' nur, es ist mir was antan worden,

Domini!«

Der alte Pechbrenner sagte: »Ja, Malchus, du mußt heiraten?«

Nach einer Weile entgegnete Malchus: »Das Zeug ist mir auch schon

eingefallen. Aber ich darf doch andere Leut' nicht mit mir ins Unglück

bringen.«

Domini sah den Burschen mitleidig an. Er hatte über die armselige

Denkweise des jungen Mannes unwirsch werden wollen, es war ihm schon

ein herbes Wort auf der Zunge gelegen, aber er schluckte es wieder

hinab -- der Arme kann ja nicht dafür, und kein Mensch auf der Welt

kann ihn mehr anders machen. Domini sagte zuletzt nur: »Malchus, mach'

was du willst und magst, ich, der alte Domini, der es immer gut mit dir

gemeint hat, sag' dir nur das, tu' nicht sinnen und grübeln, sondern

immer nur arbeiten und arbeiten. Kannst du singen? Lerne Lieder und

singe; Malchus, das ist das allerbeste Mittel gegen die Seespinne. Mußt

das nicht vergessen, Malchus, tu' fleißig singen. Geh' jetzt heim.«

So gingen sie auseinander und Malchus zog sein blaues Sacktuch heraus

und machte einen Knoten daran, daß er sich erinnere, was ihm der

Pechbrenner gesagt hatte.

Und der Knoten blieb lange im Sacktuch.

Malchus wollte singen und er sang:

»Magst zählen die Sternlein am Himmel,

Die Halmlein im weiten Land.

Magst zählen die Tropfen der Wasser,

Magst zählen die Körnlein im Sand.

Doch nimmer magst du zählen,

Zu kurz ist die ewige Zeit,

Die Schmerzen in meinem Herzen,

Und meine Traurigkeit!«

So hatte es der Pechbrenner aber nicht gemeint.

Auf der Heide weidete eine junge Hirtin Ziegen.

Malchus war einigemal strickend hingegangen, um im Walde abgefallenes

Brennholz zu sammeln, das er in den Korb tat, den er auf dem Rücken

trug.

Immer, wenn er an der jungen Hirtin vorüberkam, sagte er: »Tust

gaißhalten, Martha?«

Und darauf antwortete stets das Mädchen: »Ja, ich tu' gaißhalten,

Malchus.«

Einmal sagte sie aber auch noch etwas anderes: »Gib deinen Hut her!«

»Geh, Martha,« sprach er, »was tätest denn mit meinem Hut, ist schon

ganz zerrissen.«

Er gab ihr ihn aber und sie steckte ein Sträußchen Heideblumen darauf.

Und es war doch nicht sein Namenstag, und es war auch nicht der

Gedenktag im Herbst. Es war ein Sommertag.

Dem Burschen war's wieder so, wie er es dem alten Pechbrenner erzählt

hatte. Er drückte schier beide Augen zu; nicht einmal den Strauß sah

er recht an, schnell tat er den Hut auf die wirren Haare, und schnell

eilte er dem Walde zu.

Am andern Tag ging Malchus mit einem kleinen Holzkübel taleinwärts dem

Bach entlang. Oft unterwegs zog er seine Wolljacke aus, streifte die

Hemdärmel zurück, legte sich am Ufer des Wassers hin und langte, wo es

tief war, unter den Rasen. Wo ihm eine Forelle nur einmal in die Hand

kam, entschlüpfen konnte sie ihm nicht mehr.

Heute hatte der Bursche einen besonderen Vorsatz. Am Abend, wenn er

die Fische hintrage, wollte er Martha sagen, daß er sie lieb habe und

er wolle nicht mehr stricken, er sei an die dreißig, er wolle zu den

Holzschlägern gehen und im Walde arbeiten und Geld verdienen.

»Wart du verblitzter Fischdieb!« rief es plötzlich neben dem

hingestreckten Burschen.

Malchus sprang auf. Ein großer Mann mit einer langen Stange über der

Achsel stand da, es war der Fischer.

»Ei schau, der Malchus ist's. Na hörst, wie kommst denn du unter die

Pharisäer?«

Der Bursche war wie vernichtet, jetzt erst fiel es ihm ein, daß hier

das Fischen verboten sei.

Nun war er ein Dieb, und der Mann treibt ihn vor das Gericht. -- Die

Seespinne!

»Lass' es gut sein, Malchus, und geh' jetzt heim, die Forellen, die

du da gefangen hast, die schenk' ich dir, lass' sie dir backen und

schmecken.«

»Will sie nicht!« brummte Malchus, seinen Strohhalm zerkauend, und

stürzte den Kübel samt Wasser und Forellen in den Bach.

Als er zu dem Pfarrhofe zurückkam, trat eben die alte Nähterin aus dem

Hause, sie hatte es dem Seelsorger angezeigt, daß ihre Tochter heute

aus der Gemeinde fortgezogen sei, um sich in der Fremde einen Erwerb

zu suchen. Bei einem Verwandten, der in der Kreisstadt ein Haus habe,

werde sie Dienst finden -- es sei so das beste.

Malchus hörte es, stieg über seine Leiter und als er im Stübchen saß,

murmelte er: »Ja, ja, es ist so das beste!«

Dann fuhr er sich mit dem Sacktuch über die Augen. Was doch das für ein

Knoten war im Sacktuch?

Der Mann wußte es nicht mehr.

Singen sollst!

Aber der arme Malchus sagte zu sich: »Jetzt wär's schon bald Zeit, daß

die Geschichte zu Ende ging' -- jetzt hab' ich kein' Freud' und kein

Leid mehr auf der Welt.«

Aber es kam der Herbst und der Winter und der Frühling und jeder hatte

Freuden und Leiden, und es ging nicht zu Ende.

Da war's an einem Maimorgen. Malchus saß in der Kammer am offenen

Fenster, strickte und sah hinaus auf die Bretterdächer des

Wirtschaftsgebäudes, aus welchen die Sonne noch den Tau sog. Die Luft

war frisch und rein und der Himmel blau. Über das Dach ragte der

Wimpfel einer junggrünenden Esche empor und auf diesem saß heute schon

seit früher Morgenstunde ein Kuckuck. Er schrie in einem fort seinen

hellen Ruf.

Da warf Malchus sein Strickzeug weg, lehnte sich an die Fensterbrüstung

und sagte: »Jetzt muß es gelten! Sag' mir, du Vogel, wie lange werde

ich noch leben? Nenne mir die Jahre!«

Der Kuckuck schwieg.

»Kein Jahr mehr?« murmelte er dann, »nicht ein einzig Jahr mehr! Schau

mich genau an, Vogel, ich bin noch jung!«

Und es war wirklich, als ob sich der Kuckuck gegen ihn wendete. Dann

begann er zu schreien. Er schrie zweiundvierzigmal.

Dem Burschen ging schier das linke Auge auf. »Also zweiundvierzig

Jahre! -- Oder willst noch weiter schreien?«

Der Vogel flog ab. Aber eine Stimme hörte er irgendwo: »Nach

zweiundvierzig Jahren am Urbanitag!« -- Ei der Kuckuck?

Malchus wendete seinen Blick in die Stube zurück; sein Auge war

geblendet, es war fast finster. Das Strickzeug ließ er eine Weile auf

dem Boden liegen, nun war ja noch so viele, so viele Zeit zum Stricken.

Zweiundvierzig Jahre, Malchus! Hast du Pläne? Wie wirst du diese Zeit

ausfüllen? --

Der Mann zog seinen Rosenkranz hervor, zählte zweiundvierzig Perlen ab,

machte nach diesen einen Knoten in das Schnürchen. Die noch übrigen

Kügelchen entfernte er, und nun bedeutete ihm der Rosenkranz die Zeit,

die ihm noch beschieden war auf Erden.

Seine zwölf Taler suchte er von nun an zu verwahren, seine Zeit und

Lebensweise noch regelmäßiger einzuteilen und sein Leben so ruhig und

einfach als möglich einzurichten, damit das Unglück nirgends eine

Nahrung habe.

So kamen und gingen nun Jahre und Jahre.

Sonderlinge · 第 25 / 27 段