er nicht zum Erzählen kommen sollte. »Spielet, spielet! Das ist ja
die Art der guten Deutschen, zechen und kartenspielen, anstatt sich
an dem geistigen Schatze der Nation zu belehren und aufzurichten und
ihre Schriftsteller vom Untergange zu retten. -- Mich haben, das kann
ich wohl sagen, lediglich die Gelegenheitsgedichte zu Hochzeitsfesten,
Kindstaufen und Jubiläen vor dem Hungertode gerettet. Meine
Jugendgedichte! -- außer Schiller und Heine schriebe sie mir keiner
nach! -- Und wenn ich Ihnen sage, daß ich die Druckkosten derselben
mit der kleinen Erbschaft meiner Tante als meinem einzigen Vermögen
bestreiten mußte! In Deutschland, wo jährlich Tausende für Zeitungs-
und Kolportagegeschmiere ausgegeben werden! Ich wollte hierauf eine
große Dichtung schreiben als Seitenstück zum »Faust«. Doch nein, Paulo,
sagte ich mir, die Deutschen sind derlei nicht wert; sie hätten auch
den Geheimrat Goethe verhungern lassen, wenn Geheimräte zu solcher
Todesart überhaupt inklinierten. Hingegen schrieb ich nach manch
kleineren Arbeiten, die mir viel Lob eintrugen, aber kein Geld, einen
großen Roman unter dem Titel: Die Auster von Tergestum. Daß diese
Dichtung mein Glück machen werde -- ich wußte es im voraus. Ich trug
das Manuskript zu meinem Verleger. -- Gucken Sie nicht so sauer drein,
lieber Mann, sage ich, heute habe ich einmal etwas für Sie. Sie wollen
doch Millionär sein? -- Ich hätte nichts dagegen, meinte er. Gut,
ich verkaufe Ihnen das ein- für allemal, für alle Auflagen, für die
Übersetzungen in allen Sprachen. -- Aber, mein Teurer, es tut mir leid!
sagte der Verleger, und solche Leute, wenn sie höflich werden, sind
unausstehlich. Teuerster! sagt er, heutzutage einen dreibändigen Roman,
und von einem unbekannten Namen! Wo denken Sie hin! -- Herr, der Roman
ist gut! rufe ich. -- Ach, das ist Nebensache, der Name muß gut sein!
sagte der Verleger. Schreiben Sie ein schlechtes Buch, so schlecht Sie
wollen, aber setzen Sie auf's Titelblatt einen berühmten Namen, zum
Beispiel: Max Freihag, und ich drucke es und zahle dreißig Taler für
den Druckbogen. -- Tun Sie das? frage ich. -- Jawohl. -- Gut. -- Ich
nehme mein Manuskript unter den Arm und gehe geradewegs zu Freihag. --
Der Romanschriftsteller Freihag wohnte nämlich in derselben Stadt in
-- doch wozu Ortsnamen! rufe ich mit Freund Werner. -- Freihag, ich
wußte aus mancherlei Anlässen, daß er mir wohlgestimmt war und ein
gutes Herz hatte. -- Ich traf ihn zu Hause. Oh, lieber Freund! rief er
mir schon an der Türe entgegen, heute ist's nicht! -- Was ist nichts?
frage ich. -- Sie wollen ja doch wieder Geld von mir! -- Ach nein,
Herr Doktor, sage ich. -- Das ist gut, meinte er, denn heute habe ich
selbst keines. -- Das macht gar nichts, sage ich, denn heute müssen
Sie mir mit etwas anderm helfen. Sie müssen mich glücklich machen für
mein ganzes Leben! Ich will nämlich heiraten -- und ich wollte in
der Tat, ich war gerade in ein reizendes Ballettmädchen verliebt und
in dem rechten Moment fiel es mir nun bei: wahrhaftig, das könntest
du als Motiv anführen, und sie hernach wirklich heiraten. -- Da soll
ich Ihnen wohl gar den Brautwerber abgeben? lachte der Doktor. -- Das
nicht, sage ich, oder ja, wenn Sie's so nehmen wollen. Sie müssen mir
nämlich meine materielle Existenz gründen. -- Aber, lieber Freund, wie
vermöchte ich das? -- Doktor, Sie vermögen es, Sie können es und Sie
werden es tun. Hier habe ich einen Roman geschrieben und Sie werden
meinen Verleger vermögen, daß er mir dafür Honorar zahlt. -- Wie soll
ich das anfangen? fragt er; ach, 's ist ein liebenswürdiger Mann. --
Das ist sehr leicht, berichte ich, es wird Ihnen im Leben selten etwas
so wenig Mühe gemacht haben, als das, und Sie werden nicht leicht
wieder einen finden, der sich mit so geringem Opfer namenlos glücklich
machen läßt, als ich. Denken Sie: eine schöne, herrliche Braut, in
die ich sterblich verliebt bin. Es wäre mir unmöglich, auch nur einen
Tag noch zu leben, ohne die Gewißheit, sie heiraten zu können. -- Ja,
es scheint, daß Ihnen die Liebe wirklich schlimm mitspielt, sagt der
Doktor nicht ohne Zweideutigkeit; wenn es jedoch in dem Bereiche der
Möglichkeit liegen sollte, Ihnen zu dienen --! Gut, sage ich, so wäre
das abgemacht. Ich danke Ihnen. -- Nun, was wollen Sie denn eigentlich?
ruft er aus. -- Ach ja so. Sehen Sie, sage ich, das ist der neue Roman:
Die Auster von Tergestum, von Emil Paulo und Max Freihag. Oder wollen
Sie voranstehen? -- Ich soll als Autor des Romanes? -- Ja, Doktor,
Sie werden als Mitverfasser Ihren Namen auf das Titelblatt drucken
lassen. -- Als Mitverfasser! ruft er, ich als Mitarbeiter an Ihrem
Roman, ohne eine Zeile daran geschrieben zu haben?! -- Das können Sie
nachholen, wenn Ihnen daran gelegen ist. -- So müßte ich das Werk doch
zum mindesten durchlesen, denn Sie werden begreifen, daß --. Nein,
unterbrach ich ihn, Doktor, das begreife ich nicht. Haben Sie Lust,
den Roman heute zu lesen, so wird's mich freuen, aber was gewinnen Sie
dabei? Entweder Sie finden, daß Sie ihn verantworten können, dann war's
unnützer Zeitverlust; oder Sie werden durch die Lektüre veranlaßt, Ihr
Versprechen zurückzunehmen, dann bin ich verloren. Und daran, Herr,
daran zweifle ich keinen Augenblick, wenn Sie mit einem Namenszug
einen Menschen retten, ja deren zwei glücklich machen können, so
schreiben Sie Ihren Namen, wenn es sein muß, selbst auf ein ägyptisches
Traumbuch. Die Revisionsbogen werden Ihnen ja Gelegenheit geben, den
Roman kennen zu lernen, respektive zu bearbeiten. Die Hauptsache ist
jetzt Ihr Name; mein Verleger schließt in einer halben Stunde das
Kontor. -- Das war mein Begehr, und nicht einmal die Pistole brauchte
man dazu in der Hand zu haben. -- -- Er hat's getan. Ich wußte recht
gut: nach einer Stunde tut er's nicht mehr; sobald ihm wieder der
Herzschlag langsamer geht, sobald er nachzudenken beginnt, tut er's
nicht mehr. Nun, es gelang und er hat's getan.
Atemlos hatte die Gesellschaft dem Romanzier zugehört.
»Und wie verlief die Sache?« fragte der Schauspieler, der früher der
Gleichgültigste geschienen und jetzt der Aufmerksamste war.
»Sie verlief gar nicht,« antwortete Paulo, »sie ist noch heute, und
ganz vortrefflich. Ich kam mit dem Roman zum Verleger zurück, der sah
auf demselben freudestrahlend den berühmten Namen, den er für seinen
Verlag schon seit langem vergeblich zu gewinnen gesucht, und zahlte mir
fünfzehnhundert Taler als die erste Hälfte des Honorars auf die Hand.
-- Außer einigen Streichungen fand der Doktor an dem Roman nicht viel
zu modifizieren, das Buch ging reißend ab und hat bis heute sieben
Auflagen erlebt. Selbstverständlich schrieb ich nun munter voran und
für den Kompagnon Max Freihag's taten die Verleger allerorts ihre Arme
und Börsen auf, obwohl die folgenden meiner Bücher nur mehr unter
meiner Firma allein erschienen.«
»Und hat der Streich dem Renommee Freihag's doch nicht etwa --?«
Iseling sprach's, hatte aber nicht den Mut, den Satz zu Ende zu bringen.
»Geschadet, meinen Sie!« fuhr Paulo empört auf. »Herr, seit der
Erfindung des spanischen Brustmalzes mag es allerdings erst
fünfunddreißig Jahre her sein, aber seit der Entdeckung des gesunden
Menschenverstandes ist es doch etwas länger. Und der Menschenverstand
sagt sonnenklar: Zwei ist mehr als eins. Freihag kann froh sein, ein
höchst bedeutendes Werk unter seinem Schilde zu führen, zu dem er kaum
die Feder angesetzt hat.«
»Und Ihre Braut haben Sie geheiratet?« fragte der Maler.
Ohne darauf zu antworten, nahm Paulo seinen Überrock und sagte: »Gute
Nacht, meine Herren!«
Der Mann mit den dreizehn Talern.
Der Mann, dessen Geschichte ich in schaulustigen Jugendtagen
aufgeschrieben, war eine sehr wunderliche Erscheinung. Auswendig und
noch mehr inwendig. Er war nicht groß, aber stark untersetzt und
unter der rechten Achsel auffallend ausgewachsen, so daß an derselben
Seite der kurze graue Wollspenser zwischen sich und der Hose das Hemd
hervorlugen ließ. Das bleiche Gesicht sah recht offenherzig aus, war
rund und hatte für das Dorf astronomische Bedeutsamkeit. Wenn dieses
Gesicht neu und glatt rasiert war, so konnte man überzeugt sein, daß
der Mond im ersten Viertel stand.
Die Welt sah er nur halb, das heißt immer bloß mit dem einen, rechten
Auge an, das linke hielt er stets zugedrückt. Und doch war er nicht
einäugig, denn einmal hatte es sich ereignet, daß beide Augen hellicht
offen standen. Die Leute meinten, der Alte verschließe das linke,
weil er alles ~recht~ sehen wollte; andere behaupteten, er tue
es aus Sparsamkeit, damit, wenn sich im Greisenalter die gewöhnliche
Sehkraft erschöpfe, er noch ein neues, frisches Auge habe, und wieder
andere vermuteten, der Alte tue es aus Nachsicht, daß er immer ein Auge
zudrücke.
Einen Zweck mußte es wohl haben, denn alles, was der Alte tat oder
ließ, hatte einen Zweck. Oder weshalb ließ er seine nun bereits weißen
Haare so lang wachsen, daß er sie wie einen Turban um die Stirne
drehen konnte, als daß er dadurch die Kopfbedeckung von fremden
Haaren ersparte? Und weshalb kaute er immer und immer wieder an einem
Strohhalm, als zum Ersatz für das Rauchen, das er sich in seiner
Jugend einmal angewöhnt hatte? Und weshalb hatte er in seinem Stübchen
eine beflügelte Windmühle, die mehr als den halben Raum einnahm? -- Ja,
die Geschichte von der Windmühle ist nicht einfach! Die Maschine stand
aber auch nur im Winter in der Wohnung des Mannes, im Sommer ruhte
sie in einer Rumpelkammer, die gleich daneben, und zu der die Stube
des Mannes eigentlich das Vorzimmer war. Ob über diese Räume der alte
Mann oder die Mäuse Hausherr waren, das ist nie recht klar geworden;
bestimmt ist nur anzunehmen, daß beide Parteien in den Dachstuhlräumen
des alten Pfarrhofes wohnten.
So bedenklich die Holzleiter aussah, die zu diesen Räumen emporführte,
so wohnlich waren sie eingerichtet. Eine Matratze, die am Boden lag,
ein dreibeiniger Sessel, der daneben lehnte, ein wurmstichiger Schrank,
der an der Wand stand und ein kleiner eiserner Ofen, der im Winkel
kauerte -- das war außer der Windmühle die Einrichtung der Wohnung
des Malchus Zacharias Rosenkranz. Das Fenster, das in der schiefen,
reichlich mit Lehm überworfenen Dachwand in einer Nische stand, war
wie der alte Malchus einäugig, da der andere Flügel mit blauem Papier
verklebt gewesen. Indeß war der Ausblick durch die eine Glasscheibe
um so erfreulicher, sie ging in den Hof zu den lieben Haustieren. Dem
Fenster des Malchus gegenüber stand das Wirtschaftsgebäude und auf
dem First desselben saß zu allen Stunden des Tages ein Spatz oder die
Katz'! Und über dieses Bild wölbte sich am Tag der blaue Himmel, zur
Nacht das Sternenzelt und zu trüben Zeiten der Nebel.
Gelänge es mir, nun euren Blick von diesem Bilde ab- und nochmals auf
das Innere der Behausung des Malchus zu lenken, so möchte ich auf den
schwärzlichen Hafentopf aufmerksam machen, der am eisernen Ofen steht.
Dieser birgt das Mittags- und Abendmahl des Mannes, sowohl für alle
gewöhnlichen Tage, als auch für alle Feste des Jahres berechnet -- ein
nahrhaftes Erbsengericht. Lohnend dürfte es sein, auch einen Blick in
den Schrank zu tun. Da uns die zahlreichen Wurmstichlöcher aber doch
immer keinen Einblick in das Innere zu gewähren vermögen, ist Malchus
Zacharias Rosenkranz bereit, die Decke zu öffnen. Die hier verwahrten
Holzschuhe und falbledernen Beinkleider, sowie der Sack Erbsenvorrat
sind von minderem Belange; um so auffälliger aber ist uns die viele
Schafwolle, die auf Spulen und Knäuel gewickelt ist, und das sorgsam
gehaltene Strickzeug. Wir haben hier die Stätte der Arbeit vor uns;
Malchus beschäftigt sich jahraus jahrein mit Stricken und versorgt alle
Bauern, Hirten und Holzhauer der Umgebung mit Fäustlingen und Socken.
Im untersten Winkel des Schrankes befindet sich aber ein Wollbeutel,
der einen feinen, zarten Metallklang gibt, sobald ihn der Mann berührt;
Malchus schichtet alle vorrätige Wolle über den Beutel und blinzelt
dabei ganz merkwürdig mit dem rechten Auge. Dann blickt er unstet um
sich, aber das linke Auge bleibt zu, nur der Strohhalm, an dem Malchus
kaut, macht ein paar Schwingungen auf und nieder, was wohl gar eine
Drohung bedeuten mag.
Ein Geizhals, meint Ihr? -- Recht gut, so hat es einen Zweck, daß ich
euch die Geschichte des Mannes erzähle.
* * * * *
Malchus Zacharias Rosenkranz lebte schon seit einigen fünfzig Jahren in
dem Dachstübchen des Pfarrhofes, und ihm sind auch die Tage bekannt,
die er noch hier verleben wird. Er weiß den Tag seines Todes. Wie
sie ihn über die hinfällige Leiter hinabbringen werden, das ist ihre
Sache -- gewiß nur ist, daß sie nach Verlauf der bestimmten Zeit den
alten Malchus hinaustragen werden auf den Kirchhof. Der Alte verzehrt
trotzdem heute sein Erbsengericht so ruhig als vor dreißig Jahren. Er
betet und hofft nur, daß bishin kein Unglück mehr komme.
Eine Tagereise von unserem Dorfe, in einer schönen Gebirgsgegend, liegt
der rote See. Dieser ist an vielen Stellen grundlos tief, birgt sogar
Forellen in sich und hat seinen Namen von den roten Felswänden, die an
seinen Ufern aufragen und sich in dem klaren Wasser spiegeln.
Am Ufer dieses Sees stand vor vielen Jahren eine Fischerhütte. Sie war
aus rohen Waldstämmen gezimmert und mit Lehm und Moos gegen Wind und
Wetter wohlverwahrt. In der Hütte wohnten ein Mann und ein Weib und
ein Kind. Der Mann war kühn und trieb sich die meiste Zeit auf dem See
herum, bis er zu Abend mit beladenem Kahne gegen die Hütte ruderte. Das
Weib war arbeitsam und pflegte den Gemüsegarten und die Ziegen, und in
der Winterszeit höhlte es Holzschuhe aus zum Verkaufen. Das Kind war
ein freudvoller Knabe, in welchem Jugendlust sprudelte und ein reiches,
kraftvolles Leben zu schlummern schien.
Das Fischerpaar liebte sein Kind unsäglich, aber es lag eine Betrübnis
in seiner Doppelseele, so oft es den heiteren Knaben ansah. An jenem
Tage nämlich, als dem Fischer das Kind geboren wurde, fing er in seinem
Netze eine große Seespinne, wie er noch nie eine gesehen hatte, weil
sie im roten See nicht vorzukommen pflegten. Er schleuderte das Tier
wohl wieder zurück in die Wellen, aber nach seinem Sinn sollte der Fang
für die Zukunft seines Neugebornen von böser Bedeutung sein. Er teilte
dies auch seinem Weibe mit, welches zwar den Wahn des Gatten überlaut
zu widerlegen suchte, im Innern aber bangte, des unglücklichen Lebens
gedenkend, das vielleicht ihrem Kinde bevorstehe.
Trotzdem wuchs der Knabe auf zum schönen Jüngling, der da lachte, als
ihm die Eltern die Geschichte von der Seespinne mitteilten.
Der Jüngling kam selten zu fremden Menschen; er sah dann und wann nur
einen Holzhauer, einen Jägersmann, und wenn er auch bisweilen hinauskam
in die Gegend, wo das Dorf und die Kirche standen und wo die Leute auf
dem Felde oder auf der Wiese arbeiteten, so fühlte er sich dort nicht
behaglich. Die ganze Liebe seines Herzens wendete er den Eltern zu.
Zur Liebe kam auch der Segen. Jener Wahn des alternden Paares begann in
diesem ruhigen und heiteren Fortleben zu schwinden.
In einem Winkel oben unter dem Dache wohlverwahrt stand ein Kästlein
aus hartem Buchenholz voll blanker Silbermünzen. Durch die vielen Jahre
der Arbeit und des Fleißes hatte sich die kleine Familie ein Vermögen
erworben, welches in dem alten Fischer keinen geringeren Plan wachrief,
als den, die baufällige Hütte niederzureißen und sich am Ufer des Sees
ein größeres Wohnhaus zu bauen. In seiner Seele mochte vielleicht das
Bild einer lieben Tochter zu dämmern beginnen, die der Junge früher
oder später bei den vielen Menschen draußen finden und nach Hause
bringen werde.
So zog der Jüngling eines schönen Julimorgens aus, um einen Baumeister
und Arbeiter zu dingen. Wenn er an großen, stolzen Bauernhöfen
vorüberkam, so studierte er die Bauart und den Geschmack, und er freute
sich auf das Leben im neuen Hause, das sich in der Einsamkeit zwischen
dem See und den roten Wänden doppelt schön ausnehmen werde, und er
freute sich auf das Lieben und Pflegen der alten Eltern.
Als er hierauf nach gewissenhaft vollführter Sendung in das
Felsengebirge zum roten See zurückkehrte, da war alles aus. Wo die
Hütte gestanden hatte, knisterte ein Gluthaufen und von demselben
rieselte über die breiten Steine ein schmales Silberbächlein gegen
den See, gleichsam als fordere dieser die unzähligen Silbermünzen,
die er durch seine Fische erwerben half, geschmolzen wieder zurück.
Und in dem Aschenhaufen lagen die verkohlten Leichname. -- -- Schöner
Fischerjunge! Dort am Ufer steht noch der Kahn, dein Erbe. Geh' hinab,
mache ihn los, springe hinein und fahre hinaus bis in die Mitte des
Sees. Dort stürze dich kopfüber hinab -- zur Seespinne. --
Er sprang nicht in die Glut, er sprang nicht in den See; er brach nicht
zusammen; es trat ihm keine Träne ins Auge. Einen kurzen, gellenden
Schrei stieß er aus -- -- dann drückte er sein linkes Auge zu und
blinzelte mit dem rechten.
Später wühlte er in den Kohlen und Bränden. Die Leichen seines Vaters
und seiner Mutter ließ er liegen, wie sie lagen, bis nach vielen
Stunden Leute kamen, die das Unglück sahen, das Fischerpaar begruben
und den Jüngling mit hinaus nahmen ins Dorf.
Aber seine Jugend war zu Ende. -- Das plötzliche unfaßbare Unglück, das
mit einem einzigen Schlage alles geraubt hatte, was er besaß, was er
liebte und an dem er hing mit seinem ganzen Wesen, hatte sein Gehirn
erschüttert, sein Lebensmark geschmolzen -- ein blödsinniger Greis von
siebzehn Jahren -- drückte stets das linke Auge zu und kaute an einem
Strohhalm.
Die Brandstätte seiner Heimatshütte lag öde da; Fischlein im See
reckten oft ihre Köpfe empor, ob denn der Alte nicht wieder einmal
käme mit seinem hinterlistigen Garnsack, und da er nicht kam, so
veranstalteten sie lustige Spiele und feierten das Fest durch Tänze
und Wettrennen nach Mücken und Würmchen. Doch endlich kam wieder ein
starker Mann, der mit riesigen Garnbeuteln den roten See neuerdings
unsicher machte.
Für das geschmolzene Silber, welches von der Hütte über die breiten
Steine gegen den See geflossen und unterwegs gestockt war, bekam der
arme Malchus dreizehn Taler.
Bisher hatte er eine Wollmütze am Kopfe getragen, die nahm er nun ab
und wickelte das Geld hinein und sagte zu sich: »Das ist gerade genug,
daß sie die Glocken läuten und daß der Pfarrer mitlauft, wenn mich
die sechs Träger hinaustragen. Sechs? Ei, ich dächte, für den Malchus
tätens auch bloß zwei.«
Ein alter Pechbrenner, in dessen Hütte Malchus seit dem Unglücke
wohnte, ließ sich die dreizehn Taler zeigen, legte dann den Finger auf
den Mund und flüsterte: »Malchus, das ist ein Kapital, geh' damit ein
Geschäft an! Schau, ich habe vor fünfunddreißig Jahren, als ich in
den Wald ging, nur zwei Sechser gehabt, kaum, daß ich mir davon den
Pechhafen hab' kaufen können, und heute schau dir einmal meine Pecherei
an! Probier's auch du. Kannst es so weit bringen wie ich!«
Auf diese Worte legte der junge Mann einen Grashalm auf die Zunge;
indem er an demselben zu kauen begann, sagte er langsam: »Meinst? Wart,
Domini, wart, mit fünfunddreißig Jahren hab' ich's weiter gebracht als
du. Bin ja ein Glückspilz, ich!«
»Wie du ein Kerl bist, sollst du ja die Welt auf die Achseln nehmen wie
einen alten Heukorb! Fikra sikra Haferstern! Wenn ich der Malchus wär',
ein Schloß von Elfenbein müßt' ich haben und das schönst' Weible drin
und ein goldenes Bettstattl mit Roßhaar! -- tät's nicht billiger!«
Malchus lächelte, aber sagte nichts drauf; er wickelte seine dreizehn
Taler wieder langsam in die Wollmütze.
»Und was willst du nachher mit deinen dreizehn Aposteln da? Geh, ist ja
der Judas noch dabei! Du, Malchus, den mußt weg, er verrät dir sonst
die andern all. Oder der dreizehnte stirbt und steckt dir die anderen
an. Mußt ihn weg, Malchus!«
»Mag wohl wahr sein,« meinte der Bursche, faltete seine Mütze wieder
auseinander und hielt dem Pecher eine Münze hin.
»Junge, da tust du gescheit,« sagte der andere schnell und steckte den
Taler in die Tasche, »bei mir hat er's gut, wenn du ihn brauchst, so
komm und hol ihn.«
Ein andersmal, als Malchus tagelang zwecklos im Walde herumgelaufen
war, sagte der Pechbrenner zu ihm: »Ja, was willst denn, Malchus, du
bist ein ganzer Narr!«
»Das hab' ich mir auch schon gedacht,« entgegnete der Bursche. Dann
warf er sich schluchzend an die Brust des alten Mannes und sagte:
»Domini, lieber Domini, ich weiß mir keinen Rat. Du, ich sag' dir's,
wenn sie mich nicht gleich auf die Bahr' legen, so kommt noch früher
ein großes Glück über mich!«
»Ein großes Glück, meinst? Tät' dir schon recht geschehen und ich
wollt' dir's wünschen.«
»Weh!« rief Malchus aus und wollte dem Pechbrenner den Mund verhalten.
Und nachher sagte er: »Ja, ja, Glück wär schon recht! Aber da kommt
dir auf einmal eine Stunde, und das Glück, fleißig aufgebaut in vielen
Jahren, wird in einer Nacht zum Unglück. Domini, ich sag' dir's, wenn
unten beim roten See jetzt eine Fischerhütte stünde, und es lebte ein
guter Mann drin, der mein Vater, und eine gute Frau, die meine Mutter
wäre -- ich ginge nicht hinab zu dieser Hütte; nein, alter Domini, und
wenn ich nur mit den Tieren des Waldes leben müßte, ich ginge nicht
hinab -- 's möcht vielleicht schön sein unten -- schau mich an, Domini
-- schön sein unten; es möchten Tage sein wie die himmlischen Freuden
-- da kommt das Unglück und alles ist hin. Nein, nein, ich ertrags
nicht mehr, das Glück, das falsche, und du wirst wohl recht haben,
Domini, ich bin ein ganzer Narr.«
Dem alten, lustigen Domini war diesmal zur Entgegnung kein Scherz
eingefallen. Er schwieg und dachte daran, wie das plötzliche Unheil auf
den Burschen einen solchen Eindruck gemacht hatte, daß er das Glück nur
als Ursache des Unglückes betrachtete und es fürchtete, wie das Unglück
selbst.
»'s wird alles wegen der Seespinne geschehen sein,« sagte Malchus, »und
ich weiß nun schon, ich darf nichts anfangen in der Welt, 's tät' mit
allem schlecht ausgehen. Ich will keine Freude mehr haben, die Trauer
nachher ist zu bitterlich; mag auch kein Geld und Gut, tät's doch
wieder verlieren. Mag gar nichts, bin einmal zum Unglück geboren. --
Ich will das Elend schon ertragen, Domini, den Hunger fürcht ich nicht,
die Kälte nicht. -- Ich ertrag' die Not, nur jäh darf sie nicht kommen.
Domini, ich kann stricken; ich find' schon wo ein Platzel für die paar
Jahre, und da stricke ich und erwerbe mir für jeden Tag eine Brotsuppe,
oder, wenn das Geschäft gut geht, von Erbsen was. Die Lederhose da,
schau einmal, Domini, sie ist von Hirschleder, die hält mir's reichlich
aus, und dann soll das Unglück nur kommen, wo wills denn aufsitzen?
-- Bleibt mir mein Geld nicht, ist recht, nur fort, liegt mir wenig
daran; und bleibt es mir, so ist's gut. Die dreizehn Taler sind für
mein Begräbnis.«
»Hast nur zwölf mehr,« warf der Pechbrenner ein.
»Zwölf?« sagte Malchus befremdet, »wo hätt' ich hernach den
dreizehnten?«
»Hast ihn ja mir gegeben, von wegen dem, weil er der Judas war,« lachte
der Alte, »aber, wenn du ihn wieder haben willst ...«
»Nein, behalt' ihn nur,« sagte Malchus, »du hast mir jetzt lange
Zeit hier in deinem Hause Dach und zu essen gegeben. Ich dank' dir's
tausendmal, Domini, aber jetzt werde ich dich verlassen, ich gehe ins
Stricken aus; bet' dann und wann ein Vaterunser für mich; schau der
Malchus ist eigentlich doch ein armer Teufel.«
Das waren die Abschiedsworte. Seine Wollmütze im Sack, einen Stock
in der Hand und einen langen Halm zwischen den Zähnen -- so wandelte
Malchus langsam durch den Wald und hinab zum See, wo am Ufer eine
kleine rötliche Mauer stand. Der Herd ist noch geblieben, als ob das
Schicksal höhnen möchte: Ei, sieh' da, Malchus Zacharias Rosenkranz hat
doch auch einen eigenen Herd! --
Der blödsinnige Bursche wühlte -- weil er just vorüberging -- ein wenig
in dem Aschenboden, ob etwa nicht irgendwo noch ein Eisennagel läge.
Einen rostigen Pfeifendeckel aus Stahl fand er -- -- den hatte der alte
Fischer einst auf- und zugedrückt, als er behaglich schmauchend am
Tischchen gesessen war und zu seinem Weib und zu seinem Sohne gesagt
hatte: »Nu, was meint ihr, werden uns halt ein Häuslein bauen müssen,
das ein wenig größer und bequemer ist. Junge, zuletzt wirst du auch
noch zwei Stuben haben wollen!«
* * * * *
Als sich der Bursche in einem entfernteren Tale nach Strickarbeiten
umsah, lachten ihn die Leute aus. -- So jung und ein Altweibergeschäft!
Aber weil's gar zu sonderbar war, so gaben sie ihm doch eine Arbeit.
Malchus half auch auf dem Felde, aber da war er sehr unbeholfen. Einmal
zur Erntezeit sagte man ihm: »Nur fleißig Korn tragen, Malchus.« Und
setzten das Sprichwort dazu: »Die Kornträger werden reich.« Auf diese
Worte wollte der Bursche keine Garbe mehr anrühren.
»Warum gehst du denn immer barhaupt?« fragte ihn einmal eine junge
Magd, und wickelte sich seine wirren Locken um den Finger.
»Das weiß ich nicht,« antwortete Malchus und blickte seitwärts.
Wenn er mit andern zu Tische war, so aß er immer nur Brotsuppe und
Gemüse, und wenn sie ihn zum Fleischgericht oder zu fetten Mehlspeisen
einluden, sagte er: »Vergelt's euch Gott, nach so was ist's so viel
schwer, sich was Einfacheres anzugewöhnen.«
Einmal sagte der Bauer, bei dem er arbeitete: »Malchus, ich schenk' dir
eine Pfeife, daß du nicht immer an einem Strohhalm zu saugen brauchst.«
Darauf der Bursche: »Wenn du auch den Tabak dazu gibst?«
»Wie hast dir denn dein linkes Aug' abgebrochen, Malchus?« fragte
ihn die schalkhafte Bäuerin eines Mittags, als sie dem Burschen eine
Erbsensuppe vorsetzte.
Dieser aß die Erbsensuppe, antwortete jedoch nicht auf die Frage. --
Endlich sah man ein, daß der Malchus ein Hascher sei, und man
behelligte ihn nicht mehr mit Witzen und Zumutungen, denen er
nicht entsprechen konnte; man gab ihm Wolle und ließ ihn bei seinen
Stricknadeln, und Malchus strickte und schien zufrieden.
Er war ruhig, gutmütig und anhänglich, man ließ dem armen, heimatlosen
Burschen auf dem Dachboden des alten Pfarrhofes ein Stübchen.
Malchus, der seit dem Unglücke bisher im Tale in verschiedenen
Bauernhöfen gelebt und gearbeitet hatte, war anfangs kaum zu
bewegen, seine neue Wohnung zu beziehen. »Auf einmal wird mein Haus
niederbrennen.«
Gegen die Stiege, die man ihm zu seiner Dachkammer bauen wollte,
verwahrte er sich auch. »Gebt mir nur eine Leiter, die man allzeit
wegziehen kann; dem Unglück darf man nicht auch noch die Wege machen.«
So begann nun Malchus in seinem neuen Hause zu leben. Bei trübem Wetter
saß er auf der Matratze und strickte oder sah sich dann und wann auch
seine zwölf Taler an, die er im alten Holzschranke verwahrt hielt. Die
sind halt für's Läuten und für's Hinaustragen und für den Segen in die
Grube. Ja, wo war denn der dreizehnte? Den hatte er zuletzt gar dem
alten Domini geschenkt? Ei, ei!
An heiteren Tagen aber kletterte er über die Leiter herab, ging durch
das Dorf, über Feldwege und redete einige Worte mit den Leuten, die ihm
begegneten, und strickte.
Mit seinem lockigen Barhaupte und dem zwinkernden Auge und den
unvermeidlichen Halm zwischen den Lippen sah er aus wie ein
stillheiteres Gemüt.
Die Arbeit holte er sich von seinen Kunden selbst, wer hätte es auch
wagen mögen, über die gebrechliche Leiter in sein Stübchen zu steigen!
So saß er denn allein und strickte oder sah am kleinen Ofen nach,
was die Erbsen machten; zu Zeiten, wenn eine lebhafte Flamme war,
wurden sie gar lebendig und stiegen heraus, und Malchus mußte sie mit
kaltem Wasser wieder zurück hineinjagen, die Flüchtlinge, die er doch
verzehren wollte. --
An einem Sonntag Vormittag. Die Leute waren alle in der Kirche,
auch Malchus saß in einem Winkel hinter dem Taufstein und betete
seinen Rosenkranz ab und murmelte zu der braunen Korallenkette: »Du
bist ein Rosenkranz und ich bin auch einer; du hast ein Kreuz und
einen »Glauben« und zweiundsiebzig Perlen; ich hab' auch ein Kreuz
und einen Glauben, aber ob ich mein Lebtag zweiundsiebzig Tugenden
zusammenbring', d'rauf wollt' ich nicht wetten. Bin doch oft recht
untugendsam, wenn ich gar so übermäßig über mein Unglück trauere und
das Leben und meine Jugend verachte, als ob just auf mich alles Elend
kommen wollte. Zuletzt werde ich so glücklich sein wie alle anderen,
und mein Klagen und Zittern ist ein Frevel. Deswegen, du tugendsamer
Rosenkranz, tu' nur ein wenig beten für den untugendsamen!«
Da kam plötzlich der Kirchendiener aus der Sakristei und sagte dem
Pfarrer am Altare etwas ins Ohr. Der Pfarrer kehrte sich gegen die
Gemeinde und rief laut: »Feuer ist im Dorf, geht löschen!« Am Turm
schlugen schon die Glocken an.
»Aha, ist schon da!« murmelte Malchus und erhob sich von seinem Stein.