Mittlerweile war seine Feldwirtschaft glücklich so tief herabgekommen,

daß Ahles, dem man wegen seiner Allseitigkeit den Spitznamen »Alles«

gab, daran die Freude verlor. Er suchte sich nun für seine Sorgen

und Mühen zu zerstreuen, indem er in den Städten umherfuhr und das

Leben genoß. Endlich kam er in unser kleines Landstädtchen, das nicht

allzuweit von seinen Besitzungen entfernt lag, und in dem er sich beim

Kranzbäcken ein Zimmer mietete. Er hatte das Bedürfnis, jemand zu sein.

Er hatte allerlei Erfahrungen, hatte noch immer Geld, so wollte er

noch einmal widerhallen. Das Städtchen war just klein und groß genug

dazu, daß ein Mensch, wie der Hauptmann, darin seine überlegene Rolle

spielen konnte. Er förderte Gesellschaften, die sich von ihm begasten

und unterhalten ließen; er gründete Vereine, die ihn zum Präses

machten, er veranlaßte öffentliche Wohltätigkeiten, und es erschien

keine Nummer des Wochenblattes, die nicht preisend seinen Namen

nannte. Daneben fand der noch immer als Garçon lebende Mann auch noch

Zeit, den Frauen ein feiner Ritter zu sein. Er war der aufmerksamste

Kavalier und versäumte keine Gelegenheit, den Damen gefällig zu sein,

ihnen etwas Verbindliches zu sagen, sie zu verteidigen, wo es einen

lustigen Strauß gab, ihnen Blumen zu pflücken, von denen er auch immer

selbst im Knopfloche trug. Es fiel im Städtchen von schöner Hand kein

Batisttüchlein zu Boden, das der Hauptmann nicht auf die galanteste

Weise aufhob. Dazu war er ein schöner Mann, der sich den in seinen

diplomatischen Tagen gegründeten Backenbart wieder wegschnitt, den

Schnurrbart spitzte, sich wieder gerne Hauptmann nennen ließ, und der

sich mit seiner Landwirtschaft nur insofern abgab, als er monatlich

ein gut Stück Geld in sie hineinsteckte und täglich herzhaft auf sie

losschimpfte.

Aber auch in diesem harmlosen Städtchen gab es Leute, die eine so

schöne segensreiche Existenz allmählich zu untergraben suchten.

Es erwuchsen gesellschaftliche Zirkel, die ohne Hauptmannsspäße

bestanden, Vereine, in denen der Hauptmann nicht Präses war,

Wohltätigkeitsvorstellungen, die der Hauptmann nicht anordnete,

Wochenblattnummern, die den Namen des Hauptmanns nicht oder leise

spottend nannten, und es gab Frauen, die seinen Aufmerksamkeiten in

sehr kühler Weise dankten und sie hinter seinem Rücken in sehr warmer

Weise belächelten. Nur eines mußten ihm auch seine Feinde nachsagen,

nämlich, daß er ein Mann sei in den besten Jahren. Aber sie setzten

dazu, daß es traurig sei, wenn ein Mann in den besten Jahren soweit

fertig ist, daß er die Zeit in Wirtsstuben mit Knasterrauchen und

Kartenspiel zubringt.

Und fürwahr, es war soweit gekommen; der Hauptmann Alles saß mit

verlotterten Spießgesellen in den rußigen Schenken, und so verbrachten

wir die Winterabende mit Trinken, Rauchen, Knurren und Karteln.

Seine Laune war nicht die beste, und außer daß er bisweilen einen

warmherzigen Fluch ausstieß, wenn ihm ein sehr schlechtes oder ein sehr

gutes Blatt zufiel, war er wortkarg. Er trank dabei alten Wein, lud uns

aber selten mehr zu seinem Trinken, wie er es früher gewohnt war. Gegen

die Weiber war er etwas süßsauer geworden, und als uns am Christabende

die stets heitere Wirtin einen Teller mit Früchtenbrot auftischte, das

sie eigenhändig gebacken hatte, schob er den Teller unwirsch zurück

und brummte, es möge jeder die Früchte seiner Taten selber genießen.

Um so mehr sprach er dem Weine zu; wir anderen ließen uns auch den

Lieblingstropfen holen, und so war der Abend recht leidlich vergangen.

Auf einmal legte der schweigsame Hauptmann seine Karten auf den Tisch

und sagte: »Es wird das Ersprießlichste sein, wenn ich jetzt nach Hause

gehe und mich totschieße.«

Wir taten einen freundschaftlichen Lacher, obwohl jeder von uns denken

mochte, daß ein so schaler Spaß eines so prächtigen Lachers eigentlich

nicht wert sei. Wir spielten nicht weiter, denn wir hörten die draußen

im Schnee knarrenden Tritte der nächtigen Kirchengänger. Wir standen

auf und gingen auseinander. --

Während ich mir nun die ganze Geschichte so ins Gedächtnis gerufen

hatte, kam ich ins Städtchen und vor das Haus des Kranzbäcken. Die

Leute hatten sich verlaufen, ich ging den geradesten Weg in die Wohnung

meines Zech- und Spielgenossen. An der halbangelehnten Tür derselben

stand eine alte Frau. Dieses Anzeichen war schlecht; aber die alte

Frau machte eine wichtige, nicht gerade trübselige Miene und dieses

Anzeichen war gut. Sie deutete mit der Hand, welche ein Milchtöpfchen

hielt, gegen die Türe und flüsterte, ich möge nur eintreten, aber nicht

allzuviel kalte Luft mit durchlassen. Ich tat's; das Zimmer war dunkel

und still -- meine Augen suchten den Hauptmann. Endlich fanden sie ihn,

er saß unweit des Ofens in einem geborgenen Winkel, rauchte die lange

Hauspfeife und schaute auf ein Ding hin, das in seinem Bette lag, sehr

sorgfältig verwahrt, und das bei näherer Besichtigung auf der weiten

Welt nichts anderes war als ein neugeborenes Knäblein.

»Hauptmann!« rief ich.

»Halte dein Maul!« pfauchte er.

Allerdings, das Christkind schlummerte. Und das Angesicht des alten

Kerls mit dem Schnurrbart schmunzelte. Mein Seel', das war ein

redliches Schmunzeln -- der Mann kam mir noch niemals so schön und gut

vor als jetzt mit diesem Angesichte, das der Rauch umwölkte und in dem

die zwei Augen leuchteten wie Sterne der Christnacht.

Jetzt trat die alte Frau zu ihm, fragte bescheidentlich, ob er bei

Troste sei, und nahm ihm die Pfeife vom Munde weg. Nun hatte aber

dieser Hauptmann die gottlose Gewohnheit, immer etwas vor den Lippen

haben zu müssen; als ihm das Pfeifenrohr weggenommen wurde, neigte er

sich hin und küßte das Kindl.

»Der Bursch' ist mein!« rief er dann, und hat es mir begründet.

Hat hernach auch das weitere erzählt. Er war in der Nacht nach Hause

gegangen mit dem festen Vorsatze, einmal in seinem Leben eine wirkliche

Tat zu üben, nämlich zu sterben, bevor er noch weiteren Unsinn begehe.

Da fand er in seinem Zimmer die alte Frau, sie legte ihm etwas in die

Arme und sagte: »Da bringe ich dem Herrn ein Christkindel.« Der Kleine

wolle sich an den Vater halten, dem gehe es besser als der Mutter; die

Mutter käme auf Wunsch auch nach.

Was ließ sich dazu sagen, was ließ sich machen?

Alsbald verbreitete sich das Gerücht, daß in der Stube des Hauptmannes

etwas Absonderliches, Geheimnisvolles sei, und am Morgen versammelten

sich vor dem Hause die Leute, zu denen die alte Frau dann sagte, sie

sollen auseinandergehen und sich selber vorsehen. Nach wenigen Wochen

kam auch die Mutter -- ein armes, aber schönes blasses Weib, und nun

war zum Totschießen keine Zeit und kein Verlangen mehr. Der Hauptmann

zog mit Weib und Kind auf sein Landgut. Die Häuslichkeit mit ihrer

Liebe und ihren Sorgen hat seinem zerfahrenen Leben endlich Inhalt und

Wert verliehen.

Seit jener Zeit ist das fünfte Weihnachten vorbei. Hauptmann Alles hat

der Welt nicht mehr Anlaß gegeben, seiner zu spotten.

Die Tafelrunde der Berühmten.

Nach einem glanzvollen, aber kurzen Empfangsabend bei Hof saßen in

einer Weinkneipe etliche berühmte Männer beisammen. Sie hatten sich

heute ganz zufällig zusammengetan, aber große Seelen finden sich leicht

und berühmte Menschen haben stets etwas Weltbürgerliches, vertrautsam

Brüderliches an sich; in der Sphäre, in die sie emporragen, weht eine

frischere, freiere Luft, in der sich die Elektrizität der Geister rasch

sammeln und entladen kann.

Die Unterhaltung war munter genug, und jetzt machte einer -- man weiß

nicht aus welchem Anlaß, wahrscheinlich infolge eines Gespräches über

die Berühmtheiten des Empfangsabends -- den Vorschlag, jeder in der

kleinen Gesellschaft solle nun erzählen, wie er berühmt geworden sei.

Wie er berühmt geworden? In der Tat, das war etwas. Ja! und +eh

bien!+ und wohlan! riefen sie durcheinander, und jeder war darauf

gespannt, von jedem die persönliche Geschichte zu hören.

»Ganz merkwürdig, meine Herren, ist das bei ~mir~ zugegangen,«

ergriff der Romanzier Paulo sofort das Wort.

»Ich bitte!« rief der Schauspieler Werner, »es muß systematisch

vorgegangen werden; etwa nach der Popularität des Faches, in dem sich

jeder bewegt.«

»Nach dem Alter die Reihe!« schlug der Chemiker Iseling vor, dessen

Berühmtheit von der Erfindung des spanischen Brustmalzes im Jahre 1818

nach Christus herrührte.

»Nach dem Alphabet!« rief der Major Abacitz.

»Jetzt ist nur noch der akademische Maler Rakutti, der sich nicht

gemeldet hat,« sagte Doktor Sauermann.

»Und Sauermann, Doktor der gesamten Heilkunde,« entgegnete der Maler.

»Die Gesundheit ist die Hauptsache, der Doktor soll beginnen.«

»Nun, wenn ihr durchaus wollt!« sagte Doktor Sauermann, denn er war der

Bescheidene. Die Gesellschaft dämpfte ihre Stimmen. So begann er seine

Geschichte.

Sie ist einfach genug. Sie ist schlicht, wie der Doktor selbst war. Auf

einer Gebirgspartie verunglückte der reiche Baron Schuß von Überschuß.

Der Chirurg des Alpendorfes, in welchem der Verletzte liegen bleiben

mußte, behandelte ihn und telegraphierte täglich das Bulletin in die

Welt hinaus: »In dem Befinden des Herrn Barons Schuß von Überschuß

keine bedenklichen Symptome. Dr. Eras Sauermann.« -- »Der Zustand

des Herrn Barons nimmt seinen normalen Verlauf. Dr. Eras Sauermann.«

-- »In dem Befinden des Herrn Barons ist eine kleine Verschlimmerung

eingetreten. Dr. Eras Sauermann.« -- »Das Wundfieber des Patienten hat

sich in besorgniserregender Weise gesteigert. Die Kräfte schwinden.

Dr. Eras Sauermann.« -- »In dem Befinden des Herrn Barons Schuß ist

eine leichte Besserung eingetreten. Dr. Eras Sauermann.« -- »Der

hochgeborne Herr Baron Schuß von Überschuß, k. Oberkämmerer, der Krone

geheimer Rat, Ordensritter des goldenen Kreuzes, Besitzer vom Orden

des heiligen Ludwig usw., ist heute morgens drei Uhr gestorben. Dr.

Eras Sauermann.« -- Bei dem Leichenbegängnisse folgt unweit hinter

dem Galawagen in offener Kalesche ein interessanter blasser Mann in

tiefer Trauer. -- Wer ist das? -- Der Arzt, der ihn behandelt hatte.

-- Also ein Leibarzt. -- Doktor Eras Sauermann. -- Bald hernach

zieht er in die Stadt und ist der renommierteste Arzt der Geld- und

Geburtsaristokratie. »Ich kann wohl sagen,« schloß der Herr Doktor,

»ich bin auf ganz normalem Wege emporgekommen. Von Reklame war ich

stets ein geschworener Feind, das einzige, was ich mir in dieser

Beziehung gestatte, ist, daß ich meinen Patienten möglichst das letzte

Geleite gebe.«

»Nun, es ist ja gewiß keine Schande, heutzutage durch Reklame etwas

zu erreichen,« sagte der akademische Maler Rakutti. »Neun Trommler

und vierundzwanzig Trompeter müssen siebenmal sieben Wochen jeden Tag

lärmend durch die Stadt ziehen, bis endlich jemand frägt, was der

Teufel denn eigentlich los sei? -- Meine Herrschaften, seht ihr dort

den verkommenen Menschen?« -- Jawohl, was soll der? -- »Der soll viel,

ihr schönen Frauen und ihr noblen Herren, denn er kann alles. Es ist

das ~Genie~! -- Ah!«

»Sehr gut, sehr wahr!« rief die Tischgesellschaft.

»Eine eigenartige Illustration für oder, wenn Sie wollen, gegen

das Gesagte ist meine Geschichte,« fuhr der Maler fort. »Ich habe

Kunstwerke geschaffen, ich bin kein Freund von vielen Worten, ich sage

bloß: Kunstwerke. Dieselben hingen in den Ausstellungen oder sie wurden

durch Mißgunst der Akademie-Direktoren, von welchen die meisten leider

auch selbst malen, dem Publikum vorenthalten. Die Kritik verschwieg,

oder was noch schlimmer, lobte mich mit jenen tückischen Phrasen, die

dem Publikum nichts sagen als: Der Mann ist sehr arm, denn seht, wir

geben ihm Almosen. -- Kurz, als ich das dreiundzwanzigste Bild schuf,

war das erste noch nicht verkauft. -- Vierundzwanzig macht majorenn,

dachte ich, und das vierundzwanzigste Bild soll etwas Besonderes

werden. Es wurde auch! Das ewig Weibliche, Frauen in unverhüllter

Schönheit sind immer willkommen! Als ich eine Reihe solcher Gestalten

gemalt hatte, ohne eigentlich dabei an etwas anderes zu denken, als

an die Wirkung der Farben (denn die Farben sind bei einem Gemälde

doch die Hauptsache) nannte ich sie: die Genien der Freude. -- Sie

gelangten mühelos in die Kunstausstellung, denn das Echte siegt

endlich doch. Aber am dritten Tage nach der Eröffnung verlangten die

Journale die Entfernung des Bildes -- aus Sittlichkeitsrücksichten.

Noch an demselben Tage strömte das Publikum massenweise in die Galerie,

um sich an den Genien der Freude weidlich zu entrüsten. Allein, wo

das Bild gehangen, gähnte nur mehr die leere schmutzigrote Wand mit

dem Zettel: Nr. 52 zurückgezogen. Aber die Genien blieben in ihrer

Zurückgezogenheit nicht allein. Durch besondere Schliche war es

immerhin möglich, das Bild in seinem Gewahrsam zu sehen, und weil

jeder mit starkem Kopfschütteln aus der Kammer trat, so wollten immer

noch mehr Besucher hinein. Es war ein Skandal, von dem die halbe Stadt

sprach. Der Skandal lag jedoch nur im Skandal, nicht im Bilde. Und was

geschah? Ich erhielt eine Zuschrift: Euer Wohlgeboren, da ich kaum

voraussetzen darf, daß Sie als Verfertiger -- Verfertiger schrieb der

Gauch! -- und Eigentümer Ihres geradezu skandalösen Bildes: Die Genien

der Freude, dasselbe vernichten werden, so fühle ich mich im Namen

des guten Anstandes veranlaßt, es ein- für allemal vor unberufenen

Augen unsichtbar zu machen. Ich biete Ihnen dafür dreitausend Mark. --

Unterschrift der Name eines bekannten Börsenjobbers.«

»Selbstverständlich waren Sie entrüstet über das unwürdige Angebot und

verlangten sechstausend Mark!« lachte der Major.

»Nein,« sagte der Maler, »ich sandte dem Herrn ein höfliches +billet

de correspondance+, in dem ich sehr bedauerte, das Bild unter

zehntausend Talern nicht abtreten zu können. -- Am nächsten Tage

hatte ich die dafür lautende Kassa-Anweisung in der Hand. -- Die

Genien wurden allsogleich abgeholt, sollen aber bis heute noch nicht

vernichtet sein. -- Ich malte nun Bild für Bild ähnlichen Genres,

keines kam in die Ausstellung, jedes wurde von den Reporters, die sich

in den Ateliers herumtreiben, und auch von neugierigen Kunstmäcen mit

Interesse beblinzelt, mit Würde verdammt und fast noch vor seiner

Vollendung von Privaten angekauft. -- Jetzt erst verstand ich das

Wohlwollen der Presse und ich wollte den Rezensenten zu Ehren ein Fest

geben. Sie lehnten es in Mehrzahl höflich ab. Ich aber bin seither der

berühmte Mann und gedenke es auch noch ein Weilchen zu bleiben.«

Nun war die Reihe -- es ging um den Tisch wie ein Rundgesang -- an dem

Major Abacitz. Der war jedoch zur Tür hinausgegangen.

»Er soll sich ja im letzten Kriege ausgezeichnet haben,« sagte der

Chemiker Iseling.

»Meines Wissens,« antwortete der Doktor, »hat er bloß das Gefecht von

Otterlitz verloren.«

»Darüber ließe sich zur Tagesordnung gehen, und so hätte wohl Herr

Werner das Wort.«

»Meine Geschichte ist groß!« versetzte der Schauspieler hohlen Tones,

als begänne er den Franz Moor des Lewinsky zu deklamieren, »sie ist

sehr groß. Ich will den Schauspieler nicht mit anderen Künstlern

vergleichen. Was ist der Maler? Er hat als Material die Leinwand, die

Farbe; der Bildhauer hat den Marmor, der Dichter das Wort, der Musiker

den Ton. Der Schauspieler allein ist sein eigenes Material, seine

eigene Leinwand und Farbe, sein eigener Marmor, sein eigenes Klavier.

Der Schauspieler ist der einzige Künstler, der aus sich selbst schafft.«

»Also aus nichts --« warf der Maler ein.

»Was sagen Sie?«

»Ich meine, aus nichts, wie Gott die Welt erschuf.«

»In der Tat, ja. Doch davon zu sprechen gebührt mir nicht,« sagte der

Schauspieler, »ich komme zu meiner Geschichte. -- In wenigen Monden

gehen sieben Jahre um, seitdem ich nicht mehr am Leben wäre, wenn mich

damals auf dem Theaterplatz in -- doch, wozu Ortsnamen! -- die Polizei

nicht geschützt hätte. Was sagt ihr? -- Ich frage euch: ist ein Applaus

im Auditorium ein Applaus? Ist das Klatschen und Strampfen und Johlen

und Namenrufen ein Applaus? Nein, meine Herren, das ist kein Applaus.

Sind Lorbeerkränze mit roten Seidenschleifen und Goldbuchstaben: »Dem

großen Mimen Fridolin Werner« ein Applaus? Sind hundert verhimmelnde

Notizen in den Tagesblättern über unvergleichliche Darstellungskraft,

über Wiedergabe der Rolle, wie wir sie nachgerade noch nie erlebt, über

fingierte Engagements in großen Hoftheatern und dem unersetzlichen

Verlust, der unserer Bühne droht; sind glorifizierende Feuilletons

mit Biographie und schwungvoller Aufzählung aller Triumphe in

glühenden Superlativen ein Beifall? Wenn dich Studenten von der

Bühne zur Garderobe auf den Achseln tragen -- nennt ihr das Erfolg?

-- Es tut mir leid, dann seid ihr schlecht berichtet. -- Wenn du

aber in »Kabale und Liebe« den Wurm spielst, und das Publikum gerät

über den elenden Bösewicht derart außer sich, daß es dich nach der

Vorstellung auf deinem Wege in den Klub abpaßt und aus wütend empörtem

Gerechtigkeitsgefühl totschlagen will: ~Das~ ist Applaus, Beifall,

Erfolg!«

Werner ließ sich auf die Lehne seines Sitzes zurücksinken und

sagte weiter kein Wort. Es war auch keines mehr nötig. Das war die

Geschichte, wie er berühmt wurde; der Vorfall stand damals in allen

Blättern, und auch seither, so oft Herr Werner auf irgend einer Bühne

Gastrollen gab, vollends wenn er den Wurm brachte, ließ er's »auf dem

Platze« abdrucken, wieso ihm der Erfolg dieser Rolle schier einmal

an's Leben gegangen sei.

Jetzt war's am Chemiker Iseling.

»Ihr sprecht da von Erfolgen,« sagte dieser, »die mir nicht imponieren

können. Ich möchte sie Zufallserfolge nennen. Eine mit männlicher

Entschlossenheit durch allerlei Hindernisse mit schweren Opfern

zielbewußt selbstgeschaffene Existenz weise mir einer auf, wie die

meine! Eine Berühmtheit, die über den Großen und Stillen Ozean ebenso

mächtig hinklingt, wie über unsere Donaugelände, weise mir einer auf,

die der meinen gleichkommt! Iseling's spanisches Brustmalz! Depots in

Paris, London, Kalkutta, San Franzisko, Melbourne --«

»Fischamend, Benslau --« spottete der Maler.

»Nicht zu verachten, meine Herren! In kleinere Orte ist es schwerer zu

dringen, als in die großen. Wen der Kleinbürger und der Bauer kennt,

~der~ darf sich auf seine Berühmtheit eins gönnen!«

Er trank scharf sein Glas Rheinwein aus. »Es hat mich ein gut Stück

Geld gekostet,« fuhr er fort, mit der hohlen Hand seinen Bart

trocknend. »In ein paar Jahren hoffe ich das Jubiläum der Million

feiern zu können.«

»Die Sie mit dem spanischen Brustmalz gewonnen haben?«

»Ach Gott, dieses Jubiläum ist längst gefeiert. Die Million, die ich

für Inserate und andere Reklame ausgegeben habe!«

»Ich kann mich aber in der Tat kaum erinnern, je einmal ein Inserat

über das spanische Brustmalz in den Zeitungen gelesen zu haben,«

bemerkte der Maler.

»Lieber Freund,« belehrte Iseling, »mit dem gewöhnlichen Annoncieren

und Anpreisen, mit dem Abdruckenlassen der Dankschreiben durch das

Brustmalz geretteter Personen und was dergleichen Schwindel mehr ist,

befasse ich mich nicht. Da täte mir wahrhaftig meine Ware leid. Wir

verfügen über andere Mittel.«

»Zum Beispiel?«

»Zum Beispiel wollen wir einmal den Kalender von der Wand nehmen.

Da haben wir gleich -- Zeitrechnung auf das Jahr 1883. Sie sehen!

Seit der Erschaffung der Welt 5832 Jahre. -- Seit der Einführung des

Gregorianischen Kalenders 304 Jahre. Seit der Erfindung des spanischen

Brustmalzes 35 Jahre ....«

Lachend stießen sie mit ihm die Gläser an, nur Paulo, der Romanzier,

starrte finster auf die Tischplatte, und als er wegen seiner schweren

Schweigsamkeit zur Rede gestellt wurde, murmelte er: »Das ist mir zu

frivol.«

»Nun müssen ja Sie mit Ihrem Latein vorrücken.«

»Ich schweige,« antwortete Paulo und schüttelte seine lange schwarze

Mähne, die das blasse Gesicht wie bei einem Magier umrahmte. Dazu hatte

er eine Art Schlangenbändigeraugen und um den Mund die Furchen des

Weltschmerzes und die Klammern des Spottes. »Ich schweige,« antwortete

er, »denn an einer Tafelrunde, wo Erfolg und Ruhm in ~solcher~

Weise charakterisiert worden sind, könnte die Erzählung eines sich

aus schwerer Not und mit sittlicher Kraft zur Anerkennung der Nation

emporgerungenen Mannes wohl kaum jemals Verständnis finden.«

»So könnten wir jetzt vielleicht ein Kartenspielchen arrangieren,«

meinte sehr boshafterweise der Schauspieler Werner.

Sonderlinge · 第 23 / 27 段