Die Wöchnerin, die wohl ein recht blasses Gesicht mit den Dulderzügen

der Armut hatte, bat mich mit leiser Stimme, unsere Vereinbarung

doch gelten zu lassen; es sei alles in guter Ordnung, was auch die

anwesenden Nachbarinnen bestätigen könnten. Sie wüßten ja gar nicht,

was jetzt anfangen, wenn kein Kreuzer Geld im Hause.

Der Führerlohn war auf vier Gulden festgesetzt, wovon ich allsogleich

den vierten Teil dem jungen Weltbürger zum Angebinde auf das

Fensterbrett legte und den Franz, der mir als gemütvoller Mensch

geschildert worden, nochmals aufforderte, in dieser Zeit bei Weib und

Kind zu verbleiben. Die Partie würde an drei Tage in Anspruch nehmen,

ich könnte es nicht verantworten, ihn so lange von seinem Hause

abzuziehen.

Ob es nur das wäre oder ob ich etwa sonst einen Widerwillen gegen ihn

gefaßt hätte, daß ich seiner auf einmal los sein wolle? So seine

Frage. Ich versicherte ihn, daß es einzig nur aus Rücksicht auf das

eingetretene Ereignis seines Hauses geschehe, wenn ich ihn ablehne.

Er ließe sich aber nicht ablehnen, meinte der Franz.

»Du gingest mit und würdest unterwegs unruhig sein, in steter Furcht

und Angst: wie mag's daheim zugehen? Würdest mürrisch werden, die

Partie abkürzen wollen und kein Ohr und Auge haben für das, was ich

will. Einen solchen Führer und Gesellschafter kann ich nicht brauchen.

Mein Begleiter ißt und trinkt und raucht mit mir, soll mich aufmerksam

machen auf dies und das, soll mich unterhalten, ein munteres Gesicht

haben und so sorglos sein, als ich es bin. Guter Franz, dazu bist du

dieser Tage nun einmal nicht der Mann.«

Ich sah es, wie er mit leichtem Kopfnicken beistimmte, aber als er

sein bekümmertes Weib anschaute, das Kind, welches sie in arme Fetzen

wickelten, die größeren, die sich um die Rinde des Morgenbrotes

balgten, da war er doch wieder entschlossen, er ginge mit mir. Die

Weiber versicherten einstimmig, es sei um und um gar kein Bedenken da

und sollte sich etwas ändern, so könne der Mann am wenigsten dabei was

ausrichten, so Leute stünden bei derlei Dingen eher zum Hindernis im

Wege, als daß sie sich nützlich machen könnten. Der Franz versprach

mir, unterwegs recht lustig zu sein und mein treuer Diener, so lange

ich ihn brauche.

»Bedenke es wohl!« stellte ich ihm noch einmal vor, »bis wir Mittag

zur Fölzerhütte kommen, wird dir schon bange werden, durch die Dulwitz

wirst du nichts mehr anderes reden, mindestens denken, als: wie wird

dem Weib sein? dem Kind? Es ist leicht was geschehen. Am Abend, wenn

wir in der Dulwitzhütte schlafen sollen, wirst du nach Hause wollen und

vielleicht morgens wieder kommen, abgehetzt und schläfrig. Ich aber

sage dir, Franz, ich werde keine Rücksicht haben, ich werde dich nicht

von mir lassen. Du wirst mich übergeben wollen an einen andern Führer,

wenn uns einer begegnet, daß du nach Hause eilen kannst. Ich aber werde

dich halten fest, wie der Herr den Sklaven; ich bin nicht gewohnt, mich

in fremder Gegend an fremde Leute hintauschen zu lassen, ich behalte

den, dessen Dienste ich mir gekauft habe, so lange, bis der Vertrag

abgelaufen ist. Ich werde unerbittlich sein, darum rate ich dir noch

einmal: Bleibe zu Hause, ich werde einen andern finden, dich aber für

ein andermal vormerken und bei Gelegenheit empfehlen. Wir scheiden als

gute Freunde.«

»Ich gehe mit!« rief er entschlossen, »ich werde meinen Mann stellen,

wie es der Herr wünscht.«

»Also denn!« sagte ich, »wenn du durchaus nicht anders willst. Du wirst

drei Tage lang mit mir sein.«

»Ich werde den Herrn nicht verlassen.«

»Ein Mann, ein Wort!«

Er schlug in meine Rechte.

Der Wöchnerin schien ordentlich leichter zu sein, da sie das Geschäft

abgemacht sah. Sie lächelte, als sie ihre kühle Hand in die meine legte

und dann in die ihres Mannes: Wir sollten nur recht gutes Wetter haben,

und der Franz sollte ihretwegen ganz und gar unbesorgt sein. Sie sagten

sich: »Behüt' dich Gott!« und das Weib ermahnte ihn noch, wenn er schon

was tun wolle, so solle er dem Bübl ein Kreuz über das Gesicht machen,

es würde dann zur Taufe getragen.

Er tat's, lud die bereiteten Sachen auf, und wir gingen davon. Der

Weg durch die Fölz ist schön. In der stundenlangen Schlucht lagen

noch die Schatten, die Alpenrosensträucher am Wege feucht vom Tau

und dem Wasserstaube der rauschenden Fölz. Voll Harz- und Tannen-

und Speikduft war die kühle reine Luft. Hoch an den Felsen lag der

Sonnenschein. Frisch und flink, wie wir wanderten, war freilich das

Herz heiter und die Seele klingend.

»Franz,« sagte ich unterwegs, »nachdem wir beide uns unserer

Pflichten und Rechte wohl bewußt sind, wollen wir als Kameraden

miteinander wandern. Ich bin aus der großen Stadt gekommen, um mir als

Unterbrechung meines Berufes einige frohe Tage zu machen. Ich wünsche,

daß du sie mit mir teilst und, so wie ich, das herbe Leben vergessest.«

Er ließ einen Juchschrei los als Antwort, wie sehr er mit meinem

Vorschlage einverstanden sei, und er suchte mich durch Munterkeit und

mancherlei Schwänke, die er vorbrachte, zu überzeugen, daß er den guten

Humor nicht zu Hause gelassen hätte.

Dann kamen die Anstiege, es kam die heiße Sonne, es kam der Durst. Wir

rasteten im Schatten und labten uns aus unserem reichlichen Vorrat. Der

Tag war lang, wir erfreuten uns an den Almen mit ihrer Flora und ihren

Herden, an den wildschründigen Felsen des Fölzstein, der Mitteralpe,

der Dulwitz, wir ergötzten uns an Steinfalken und Stoßgeiern, die

den blauen Himmel belebten, an den Schroffen und Überhängen des

»Ochsensteiges«, an dem eisigen Kristall des »goldenen Brünnleins«, an

den Gemsen, die in ganzen Rudeln über Kare und Schuttriesen setzten

oder von den Zinnen auf uns niederlauerten. Mein Franz tat manche

treffende Bemerkung mit klarem Hausverstand, der stets anspruchslos

auftrat, nicht so wie bei manchen Bergführern, deren Urwüchsigkeit

ausgeklügelt und gemacht ist. Ich erinnere mich noch, daß ich ihn

fragte, weshalb er bei seiner Mittellosigkeit geheiratet hätte, worauf

er zur Antwort gab: als er nicht hätte heiraten wollen, habe ihm sein

Vater gesagt: »Willst ein rechter Mann sein, so mußt auch Weib und

Kind haben!« So hätte er freilich heiraten müssen. -- Ich bin, wie ihr

wißt, Junggeselle und habe dieses Gespräch nicht fortgesetzt. Indeß

gab's mancherlei Stoff. Doch der Tag ist lang, das Wandern macht müde,

auch wenn man noch so oft rastet; die Ergötzung spannt ab. Das würde

ein Älpler leicht verwinden, wenn die Ermüdung und Abspannung nur die

Schatten nicht aufkommen ließe, die im Herzen schlummern mögen! -- Es

kam, wie ich gesagt hatte, es kam genau so.

Franz sagte kein Wort von daheim, aber er war kleinlaut geworden.

Ich begann von seinem Weibe zu sprechen, daß er vielleicht sein

Herz ausschütten wollte, er lenkte ab und schwieg. In der oberen

Dulwitzhütte, die leer stand, machten wir Feuer, bereiteten uns ein

Abendbrot und Nachtlager. Er ging zwar nicht davon, aber ich merkte,

daß er auf seinem Reisig nicht schlief, ich hörte die Seufzer, die er

zu unterdrücken suchte. Ich sagte nichts, freute mich fast, daß der

Mann nun erfahren mußte, wie ich, der Fremde aus der Stadt, ihn besser

kenne, als er sich selbst.

Am andern Tage stiegen wir an bis zur höchsten Spitze des Gebirges.

Mein Genosse sprach unterwegs sehr wenig und ich nicht viel mehr,

denn dieser Aufstieg, die steilen Hänge und Wände beschäftigten die

Lunge andererseits zur Genüge. Auf der Höhe, wo kein Strauch und

kein Halm mehr wächst, peitschten kalte Winde, flogen Nebelfetzen,

zwischen denen wir nur zeit- und stellenweise die Aussicht in die weite

Alpenwelt genießen konnten. Mein Führer war stets hinter mir her, gab

meinen Bemerkungen und Fragen kurze und verkehrte Antworten und schien

gleichgültig sowohl gegen mich, als auch gegen die Schönheiten des

Gebirges.

Auf der Spitze des Berges begegneten wir einigen Touristen, die von

Weichselboden heraufgestiegen waren und just ihren Führer entließen,

da sie den Abstieg durch die Dulwitz nach der Fölz allein zu machen

gedachten. Aus dem kleinen Gespräche, das ich mit ihnen führte,

erinnere ich mich nur, daß sie zum Teil aus Graz, zum Teil aus Leoben

waren.

Wir hielten gemeinsamen Ausblick mit freiem Auge, wie mit Fernrohren,

wir tranken uns gegenseitig Wein zu, steckten dann in die leeren

Flaschen unsere Visitkarten und friedeten sie mit Steinen ein, damit

die Nachkömmlinge von uns auf solcher Höhe ein Denkmal fänden, und

taten, was Bergbesteiger an ihrem Ziele eben zu tun pflegen. Ich hätte

es vorgezogen, mit meinem Franz allein auf der Spitze dieses Berges zu

stehen, vorausgesetzt, daß wir beide bei Humor gewesen wären.

Als ich mich wieder nach meinem Genossen umsah, stand der abseits

hinter einem Felsblock und führte mit dem Führer aus Weichselboden ein

Gespräch. Mir kam das gleich verdächtig vor.

Nicht lange währte es, so kam -- während sich Franz hinter dem Felsen

mit seinen Bergschuhen zu schaffen machte -- der fremde Führer zu mir

heran und sagte: »'s ist schade, daß die Aussicht nicht ganz rein ist,

gnädiger Herr, aber es wird heute noch heiter. Der Barometer steigt.

Sehen Sie, dieser Kamelrücken dort, das ist die hohe Veitsch.«

»Ich weiß es,« war kurz meine Antwort und wendete mich nach der anderen

Seite.

»Aha, der gnädige Herr schauen sich die Ennstaleralpen an,« schwatzte

er weiter, »der Dachstein hat leider Gottes eine Haube auf. Der hohe

Berg, der dort wie ein Heuschober steht, das ist der Grimming.«

»Ich weiß es!« schnauzte ich ihn an, »Franz, wo steckst du denn?«

Der Führer aus Weichselboden ließ sich nicht verblüffen. »Der Herr

sind von Aflenz heraufgekommen,« sagte er, »und wollen gewiß zur Salza

hinabsteigen. Das ist auch mein Weg und könnten wir leicht miteinander

gehen. Mit Verlaub!« Er suchte mir diensteifrig den Plaid umzuhüllen,

den mir der Wind von der Achsel gerissen hatte. Ich ging gegen den

Felsen und sah, wie dort Franz kauerte und in die Gegend von Aflenz

hinabschaute. Der Weichselbodner Führer kam mir nach und sagte:

»Ganz im Ernst auch noch, gnädiger Herr, wir haben den gleichen Weg

hinab und ich will den gnädigen Herrn für ein kleines Trinkgeld recht

gern weisen.«

Nun merkte ich wohl schon, daß ich verraten und verkauft war, doch

stieß ich derb heraus, man möge mich in Ruhe lassen, ich hätte ohnehin

meinen Führer.

»Das schon,« meinte der Weichselbodner, »aber der sagt mir, daß ihm

schlecht geworden ist.«

Da kam schon der Franz auf mich zu mit gefalteten Händen und bat:

»Herr, ich kann's nicht mehr aushalten, ich muß heim. Ich bitte

tausendmal, daß mich der Herr gehen läßt. Der Mathias dort, der ist aus

Weichselboden, ich kenne ihn gut, er übernimmt meinen Dienst gerne und

kennt den Weg besser als ich. Ich kann nicht mehr, -- -- wenn ich auf

heim denk'.«

So sprach er. Ich habe ihn an der Hand genommen und in aller Ruhe

folgendes zu ihm gesagt: »Franz, du wirst nicht gehen, du wirst bei

mir bleiben, so lange ich dich brauche. Ich habe dir früh genug alles

vorgestellt, du hast es so haben wollen, du hast mir dein Wort gegeben.

Ich bin ein alter Soldat und lasse mit einem Ehrenwort nicht spaßen.

Ich lasse mich nicht nach Laune und Stimmung verschachern, ich habe

dich gekauft, du bist mein und du bleibst bei mir, bis die drei Tage um

sind.«

»Wenn daheim ein Unglück geschieht!« stotterte er.

»So geschieht's!« rief ich zornig, »und wenn dein Weib stirbt, deine

Kinder umkommen, deine Hütte niederbrennt, du hast dein Wort gegeben,

daß du bei mir bleibst und das fällt nicht. Du bleibst!«

Darauf war der Franz still und sagte kein Wort mehr -- und blieb bei

mir.

Wir begannen den Abstieg, passierten das Gschöderkar, und auf

dem Edelboden, wo uns wieder die ganze Milde eines heiteren

Sommernachmittags umfloß und die Würze der Alpenkräuter uns erquickte,

hielten wir Rast. Franz war immer noch still, aber aufmerksam für alle

meine Wünsche und gutmütig. Ich war sehr mit mir zufrieden, daß ich

meine Sache so gut durchgesetzt hatte. Wohin käme auch die Welt, wenn

das Verhältnis zwischen Herrn und Diener so lax würde und willkürlich!

Die ganze gesellschaftliche Ordnung ginge aus den Fugen und der Teufel

möchte da noch Herr sein. Es tat mir leid, aber mein Franz, der mußte

nun parieren, und als wir spät abends im Wirtshause zu Weichselboden

anlangten, wollte ich ihn und mich für die Mühen entschädigen mit

allem, was das Haus bieten konnte. Doch mein Franz suchte bald das

Bett. Wie er geschlafen, das weiß ich nicht.

Am nächsten Morgen mochte er, so lange ich schlief, mäuschenstill

gewesen sein, aber als ich die Augen auftat, machte er Lärm. »Es gibt

nichts Schöneres auf dieser Welt, als den heutigen Tag!« so rief er

aus. Ich fand den Tag nicht just besonders, der Himmel war mit Wolken

bedeckt, die stellenweise an den Wänden niederhingen. Als wir später

durch das großartig wilde Engtal gingen, das der Ring heißt, und dann

in der Steinwüste, der »Höll«, dem Karstriegel zuwanderten, schnitt uns

von den Höhen nieder eine frostige Luft entgegen; dort und da rieselte

es in den Schuttmulden oben, dann krächzte irgendwo ein Rabe. In den

schwarzen Wassertümpeln, an denen wir vorbeikamen, spiegelte sich das

Gebirgsbild in seiner Düsternis. -- Aber nichts Schöneres als dieser

Tag! hatte mein Begleiter ausgerufen; es war eben der dritte unserer

Partie, der letzte, an dessen Abend er frei sein und die Seinigen sehen

sollte! -- Den Ausläufer des Schwab, die Aflenzerstarritze, wußte

er auf schlechten Steigen zu umgehen, so daß wir am Mittag schon in

Seewiesen waren.

Im Wirtshause zu Seewiesen lag ein schwerkranker Maria-Zeller

Wallfahrer, der schon früh nach Aflenz um Arzt und Priester geschickt

hatte und immer noch vergebens auf sie wartete. Franz machte ihm die

Zusage: wenn sie uns auf dem Wege begegnen sollten, so würde er zur

Eile ermahnen.

Wir waren eine Stunde gegangen, da begegneten sie uns. Der Priester,

vom Boten mit dem Versehglöcklein und dem heiligen Licht in der Laterne

begleitet, war im Chorrock und trug das Allerheiligste. Wir beugten die

Knie, er segnete uns und warf dabei einen Blick auf meinen Begleiter,

den der aber nicht bemerkte, weil er das Haupt gesenkt hielt. -- Ein

paar hundert Schritte weiter hin begegnete uns der Arzt.

»Ihr sollt nur eilen!« rief ihm der Franz zu, »sonst kommt ihr zu spät.«

»Wer wird uns aufgehalten haben!« sagte der Arzt im eiligen

Vorübergehen, »du kommst halt auch zu spät, mein lieber Franz!«

Ich weiß kaum, wie wir nach Aflenz kamen, ich weiß nicht, wie mir

zumute war, ich erinnere mich auch nicht, ob Franz ein einziges Wort

des Vorwurfes, der Klage sprach, oder ganz stumm war.

Sein Weib fand er auf der Bahre.

Er trug den Schmerz, wie man den herbsten trägt -- tränenlos.

Ich bat ihn um Verzeihung, daß er meines Starrsinns wegen sein Weib

nicht mehr lebendig sehen konnte, ich bot ihm alles an, was ich bei mir

trug. Er lehnte es ab und sagte nur, ich sei im Recht gewesen.

Im ~Recht~! Seitdem ist mir das Wort verdächtig. Der Franz

hatte wie ein Mensch gehandelt. Ich wie der Dämon eines Prinzips.

Daß er mit mir gegangen, aus Pflichtgefühl war es geschehen, er

hatte seiner Familie Brot zu schaffen. Aus Sorge und Angst um seine

Familie war's, als er mich auf dem Berge verlassen wollte. Ich dachte

und fühlte nichts, als daß ich im Rechte sei, ich war ein blutloser

Gesetzparagraph -- und das ist ein Ungeheuer. Ein Mann, ein Wort!

Vielleicht wäre diesmal die Erinnerung: Ein Mann, ein Weib! besser

gewesen.«

So hatte der Major erzählt, und die Gesellschaft blieb nachdenklich,

bis sie auseinanderging.

Hauptmann Alles.

Ja, diesen Weihnachtsmorgen vergesse ich nicht. Eben trete ich hinaus

in die kalte Morgenröte und schaue hin über die feuchten Schneefelder

und denke: Heute ist Christtag, da muß man Gutes tun, und so will ich

mir einen guten Tag antun.

Da kommt mein alter Knecht Martin von der Frühmesse daher -- er hat

heute seinen hochgespitzten Hut mit dem weißen Federbusch auf und sein

vergnügtes Feiertagsgesicht an und eine große Zigarre d'rin stecken.

Er raucht sonst Pfeifen, aber zu den hohen Festtagen, wenn der Meßner

frische Kerzen in die Altarleuchter tut, da steckt sich der Martin zur

größeren Ehre Gottes eine Zigarre in den Mund. Kann's aber nicht recht,

zieht zu oft an, nebelt zu stark, nimmt sie dann nach jedem zweiten Zug

aus dem Mund und spuckt die Tabakblättchen aus, die ihm an den Lippen

kleben geblieben sind. »Guten Morgen,« sagt er jetzt zu mir, »aber in

der Stadt geht's heut' zu!«

»Aha, sind die Wirtshäuser schon voll?« war meine Frage.

»Wäre schon recht,« antwortete mein Martin, »die Wirtsstuben sind

leer und alle Türen haben sie offen gelassen. Die Leute umstehen

das Kranzbäckenhaus. Im Kranzbäckenhaus hat sich in der Nacht was

zugetragen.«

Auf diese Worte tat der Schalk, als wollte er weitergehen. Ich hielt

ihn nicht zurück, und da er das merkte, blieb er von selbst wieder

stehen und sagte:

»Der Herr soll mit ihm gestern spät in die Nacht hinein ja Karten

gespielt haben?«

»Mit wem?« frage ich nun.

»Mit dem Hauptmann.«

»Was ist's mit dem Hauptmann?«

»Das erfährt man nicht. Ich bin während der ganzen Frühmesse vor dem

Haus gestanden und habe gesehen, wie die Weiber ein- und auslaufen und

hinter sich allemal das Tor verriegeln. Eine hat gesagt, wir Leute

sollten auseinandergehen und zusehen, daß uns selber die Gnad' Gottes

nicht verlasse. Sonst erfährt man nichts.«

»Was muß das sein, wenn's den Weibern die Stimme verschlagen hat!«

»Im ganzen Kranzbäckenhaus,« fuhr mein Martin fort, »soll man noch die

Schießbaumwolle riechen, sagen die Leute. Ich bin gegenüber auf das

Wagenschuppendach gestiegen, aber man sieht nicht hinein; im Zimmer, wo

der Hauptmann gewohnt hat, sind die Fenstervorhänge herabgelassen.«

Das war mir just genug. Ich eilte sogleich ins Städtchen. -- Sollte

er's denn wirklich vollbracht haben? Wir hatten am Abend zuvor das Wort

für einen derben Scherz gehalten; in der Nacht, da ich schlaflos auf

meinem Bette lag und die Christglocken klingen hörte, fiel es mir aber

plötzlich ein: Dieser Mensch ist alles imstande.

Unter den Sonderlingen des Städtchens war mein Hauptmann das

Prachtexemplar. Mit seiner Jugend soll es ganz regelmäßig zugegangen

sein. Er war ein Soldatenkind, wurde selbst Soldat und war demnach

auf jener festen Bahn, auf der man nie entgleisen kann, in seinem

neunundzwanzigsten Jahre Hauptmann. In seinem dreißigsten hatte er

das Mißgeschick, eine unvorhergesehene, sehr namhafte Erbschaft zu

machen. ~Vor~ dieser Erbschaft -- das versteht sich -- war das

Soldatenleben ein Glück für jeden, den es traf; es kräftigte Körper

und Charakter; Pünktlichkeit, Gehorsam, Mut, Ritterlichkeit, und

was weiß ich, lernte man nur beim Militär. Nach der Erbschaft war es

plötzlich ein Knechteleben, ein Hundeleben -- jeder ein Narr, der

weggehen kann und es nicht tut. Hauptmann Alles wurde ein freier

Mann und wandte sich den schönsten Seiten der Welt zu. Manche freie

Stunde hatte er sonst mit Zeichnen, Farbenstudien, Musik oder anderen

Künsten verbracht, jetzt wurde er Maler. Er wurde es so plötzlich, als

man Staffelei, Leinwand, Farben kaufen und bereiten kann. Die braune

Sammetjoppe war auch da, nur das Wachsen des Knebelbartes konnte mit

der Vollendung des Meisters nicht gleichen Schritt halten. Und als die

Freunde kamen und schauten, war es eine blendende Farbenpracht, und

in den Blättern war die Rede von der edlen Komposition, von der Wärme

des Tones, von dem harmonischen Zusammenstimmen, als handle es sich um

eine Symphonie, und es war Meisters Ahles' Gemälde gemeint. Da dachte

Ahles, wenn das schon auf der Leinwand so fein komponiert, so warm im

Tone, so harmonisch zusammenklingend ist, um wie viel besser noch läßt

sich das in einem Musikstück machen. Und er komponierte eine Oper. Von

dieser sagten seine Freunde, sie wäre bei der Unvollkommenheit unserer

Opernbühne, bei dem Mangel an bedeutenden Sängern heutigestags absolut

nicht aufführbar. Während nun der Meister auf einen fürstlichen Mäcen

wartete, der ihm die Aufführung ermöglichen sollte, vertrieb er sich

die Zeit mit Poesie. Er schrieb ein großes Werk um das sich allsogleich

zahlreiche Verleger bewarben -- der Autor bezahlte nämlich im voraus

bar den Druck.

Trotz alledem war dem Meister nicht wohl zumute. Anfangs hatte er

keinen Tadel zu ertragen vermocht, allein das vorlaute, unbedingteste

Lob, mit dem sie jetzt alles ohne Ausnahme, was von ihm kam,

überschütteten, war ihm auf die Länge schier noch unangenehmer, ja

nachgerade verdächtig. Eines Tages sagte ihm sein rücksichtslosester

Freund: »Mir tut's weh, lieber Moritz, dich fortweg hänseln zu sehen.

Laß das mit dem Malen, Komponieren und Dichten, du bist der Mann für

etwas anderes.« Eine Weile nach diesem undankbaren Freundschaftsdienste

führte der Hauptmann seine Liebhabereien noch fort, und zwar dem

Freunde zum Trotz mit großtuerischem Wesen. Plötzlich jedoch

verschleuderte und verschenkte er all seine Requisiten und Instrumente

und kaufte sich in entlegener Gegend ein großes Landgut. Er verschrieb

sich eine Anzahl landwirtschaftlicher Werke und fing an, genau nach

solchen Lehren seine Wirtschaft zu betreiben. Er war glücklich über

die Entdeckung, daß er ein genialer Landwirt sei. Die Kleinbauern um

ihn her wagten es anfangs, seine neuen Methoden zu bezweifeln, indem

sie sagten, daß eine Kappe nicht für alle Köpfe passe, und daß man die

Gegend, das Klima und den Boden kennen und berücksichtigen, wenn man

die Wirtschaft ertragsfähig machen wolle. Der Hauptmann ignorierte den

verrosteten Sinn der fortschrittfeindlichen Nachbarn und arbeitete

nach den allgemeinen Anleitungen der Fachgelehrten. Sonst aber gefiel

der Mann den Bauern, er hielt mit ihnen, war stets nachbarschaftlich

und uneigennützig, erleichterte ihnen den nötigen Verkehr mit der

Außenwelt, indem er Roß und Wagen auf den Straßen hielt und Personen,

auch oft kleine Warenladungen unentgeltlich beförderte. Auch nahm er

sich in Steuerangelegenheiten ihrer an, bemühte sich, ihre Söhne dem

Soldatenleben zu entziehen, und er sagte, wenn das Volk einmal die

Soldaten verweigere, dann höre auch die Steuerplage auf. -- Das war ihr

Mann. Bei einer nächsten Wahl machten sie Herrn Ahles zum Abgeordneten.

Bei der ersten Sitzung verhielt sich der Gutsbesitzer im Parlamente

ganz ruhig; es handelte sich um einen Zollvertrag. Er hörte die

Vorschläge, ohne dafür oder dagegen zu stimmen, zum Schlusse aber

bat er ums Wort. Er stellte folgenden Antrag: Es sei ein Zirkular an

alle Fürsten der Welt zu erlassen, in dem sie gebeten würden, sich

gegenseitig zu vereinigen, sich friedlich miteinander zu vertragen und

ihre stehenden Heere zu entlassen. Er, der Antragsteller, glaube, daß

sich keiner der hohen Herren weigern werde, diesen zu Gunsten eines

jeden aufgestellten Vertrag eigenhändig zu unterschreiben.

Die Versammlung stutzte über diesen Spaß, den sich nach ihrer Meinung

das neue Parlamentsmitglied an so ernster Stelle erlaubte. Als sie

aber den ganzen Ernst des Redners sah, da gab's Gelächter. Während die

Glocke des Präsidenten zur Ruhe klingelte, trat Herr Ahles zornig von

seinem Sitze ab und wurde im Hause nicht mehr gesehen.

Nach dieser Zeit verlegte er sich mit großer Passion auf die

Zuckerrübenkultur und erbaute auch eine Tuchfabrik, zu deren Zweck er

eine große Schäferei anlegte von friesischen und englischen Schafen,

die eine recht lange Wolle hatten.

Sonderlinge · 第 22 / 27 段