Armenhause und wendete das Antlitz ruhig hinaus gegen das Weite. Er
war's zufrieden. Von allen lichtlosen Dingen der Erde verlangte ihm
nichts zu sehen, und die Flamme hatte er, schaute er noch immer mit
seinem Auge. »Wie schön hell sie leuchtet!« lispelte er zuweilen vor
sich hin; und ein anderesmal wieder war er betrübt und murmelte: »Weh',
heut' ist sie matt. Wenn sie verlischt! Balthasar, wenn du erblindest!«
Er wußte es kaum, daß er längst erblindet war, daß er keine Blume und
keines Menschen Angesicht und in Wahrheit keinen einzigen Lichtfunken
mehr sah. Sein Sehnerv träumte nur noch von dem Flammenreiche, in dem
er seit Kindestagen gewandelt war.
Manches lange, einsame Jahr hatte die Sonne seitdem erweckt und
versenkt. Da kam wieder einmal die Kirchweih in Ottenkirch.
»Balthasar,« sagte der Ortsrichter zu dem Blinden, der auf der Bank
des Armenhauses saß, »dein Vater hat auf der Ottenkircher Kirmes
musiziert, so magst du wohl auch auf diese Kirmes gehen, auf daß du
kleine Gaben für dich sammelst.«
»Wohl, wohl,« sagte Balthasar.
Und am Morgen der Kirchweih lächelte Balthasar vergnügt bei sich. --
Er wird Glück haben bei seinem Gabensammeln, die Flamme, die er stetig
sieht, brennt heute hell. -- Ein Knabe führte ihn nach Ottenkirch und
dort, wo am Beginne des Dorfes das Kreuz steht, ließ er den Blinden
hinsitzen auf den reiftauigen Rasen und ging davon. Balthasar fühlte
den Frost und den Nebel wie einst auf der Heide, aber er hörte die
Kirchenglocken und die Schritte und das Plaudern und das Lachen der
Leute, die vorübergingen. Die Leute sahen den Blinden nicht, oder
gedachten auf dem Rückweg ihm das Almosen zu reichen. -- Auch Musik
hörte Balthasar von den Häusern her; ihm war, als ob sein Vater geigte.
Die Flamme flackerte vor seinem Auge, als ob ein Sturmwind ginge.
Zwei übermütige junge Herren in feinen Tuchröcken und Seidenhüten kamen
des Weges.
»Ei, schau,« sagte der eine, »da sitzt ein armer Blinder, dem müssen
wir ein Almosen reichen!« und warf ein schweres Stück in den Hut.
»Vergelt's euch Gott!« rief Balthasar, und tastete nach der Gabe;
»Herr,« sagte er dann, »das ist ein Kieselstein. Und man kann daraus
Funken schlagen. Vergelt's Euch Gott!«
Die jungen Herren gingen lachend weiter, gingen in das Dorf. Sie riefen
jedem Krämer einen scharfen Spott zu. Vor der bekränzten Kirchentür saß
ein Weib und bot Obst feil. Das Weib war nicht alt, aber auffallend
häßlich geartet im Antlitze, bis auf die großen schönen Augen.
»Ei,« rief einer der beiden jungen Herren und hob einen Apfel aus dem
Korb; »sind diese Äpfel aus jenem Urwalde, in welchem deine Eltern auf
den Bäumen herumgeklettert?«
Die Obstverkäuferin erschrak. Wohl mochte sie gewohnt sein, ihrer
Häßlichkeit wegen manchen Spott zu verwinden, aber diesmal ging's ihre
Eltern an -- das grub wild.
Die Obstverkäuferin war im Herzen verletzt, sie nahm den Korb und ging
davon, ehe das Fest noch recht anhub.
Als sie vor das Dorf hinauskam, sah sie den Bettler. Sie blieb stehen
und blickte eine Weile auf die Züge des Mannes, der noch fast jung
war und ein solches Schicksal hatte. Der ist zu gut, um vor der rohen
Menge zu betteln, dachte sie, und dann, indem sie ein Geldstück aus der
Tasche zog, sagte sie: »Armer Mann, was willst denn du da?«
Kaum den Ton der Worte vernehmend, springt Balthasar auf, tastet mit
den bebenden Händen und stöhnt: »Mädchen, Mädchen, du -- du bist es,
die mir das Feuer hat angezündet! -- O, ich kenne dich, ich sehe dich,
du schöner, du guter Engel! Bleib' nur ein wenig, bleib' bei mir!«
Das Mädchen setzte den Korb ab und suchte den erregten Mann zu
beruhigen. »Weißt du's nimmer!« rief Balthasar mit freudeglühenden
Wangen, »es ist Herbst gewesen; der Waisenknabe ist gestanden auf der
Heide, zum Erfrieren. Dann bist du gekommen und hast das Feuer gemacht.
Du mußt es wissen, das Feuer brennt ja noch.«
Die Obstverkäuferin hat dem blinden Manne das bereitete Geldstück nicht
gegeben; sie hat den armen Balthasar mitgenommen, am Arm geführt und
zuletzt auf einem Wagen heimgebracht in den Wohlstand und den Frieden
ihres Hauses.
Er wußte seine Blindheit nicht, er sah das Herrlichste, was man sehen
kann, die Schönheit einer guten Seele.
Herr Meyer, der Belehrende.
Michel war von väterlicher Seite ein geborener Meyer, von mütterlicher
Seite ein geborener Sonderling. Sein Vater war Landwirt im oberen
Ennstale; seine Mutter war die Landwirtin dazu. Sie waren vom Haus aus
lutherische Leut', und die Frau trug -- so ging die böse Mär -- unter
ihrem letzten innersten Brustfleck ein Amulett, ein kleines Bild des
großen Tintenkleckses, welchen Luther erzeugte, als er sein Tintenfaß
dem Teufel an den Schädel geschleudert hatte. Der Meyerin liebster
Wandel war, daß sie umherging, um die Nachbarn zur reinen christlichen
Lehre zu bekehren. Das gelang ihr nur bei einigen von denen, die
ihr Geld oder Butter schuldig waren, die andern blieben verstockte
Katholiken. Da wurde der Meyerin eines Tages gesagt: »Du scher' dich
nicht um fremder Leut' Glauben und schau einmal, wie's dein Michel
treibt, der glaubt nichts Katholisches und nichts Lutherisches; Heid
ist er keiner, Jud ist er keiner. Dein Michel ist gar nichts.«
Ihr Michel, der war seit seiner Kindheit in der Stadt und hätte die
Gottesgelehrtheit studieren sollen. Aber weil er alles wissen wollte,
so studierte er auch andere Gelehrtheiten. Und als ihrer solche immer
mehr wurden und im Gehirne des Jünglings kräftig aufwuchsen, so fielen
sie über die arme Gottesgelehrtheit her und fraßen sie auf. Und der
Michel Meyer war auf einmal ein Weltgelehrter; er blickte in das Wesen
der Dinge ein, aber von Muttern blieben die Gelder aus -- denn die
Gelder waren lutherisch.
Hingegen hatte der Vater, der alte Meyer, etwas Konfessionsloses in
seinem Kasten, und das half dem Studiosus recht christlich über Zeiten
hinaus, die sonst schwer gewesen sein würden.
Der Michel aber war kein regelmäßiger Studiosus, der nach regelmäßigen
Rigorosen und Kommersen ein regelmäßiger Professor wird. Ihm war die
Wissenschaft mehr als ein Handwerk, das sonst mit allen Vorurteilen
einer alten Zunft ausgeübt wird. Und doch steckte in dem Michel dickes
Schulmeisterblut. Die Wissenschaften, die er eingesogen, die in ihm
großgewachsen waren, wollten ihn nun fast zersprengen, und schier, wo
er stand und ging, explodierte sein Gehirn. Das heißt, wo er stand
und ging, dozierte er; ja noch mehr, schon des Morgens, wenn er noch
im Bette lag und die alte Haushälterin mit dem Frühstück in die Stube
trat, tat er derselben dar, wieso es eigentlich komme, daß das Glas
schwitzt, wenn es mit frischem Wasser vom Brunnen kommt, und wie das
mit dem Wetter zusammenhänge, so daß an einem schwitzenden Glase die
Beständigkeit der schönen Witterung vorausgesagt werden könne. Auch
machte er die Alte oftmals darauf aufmerksam, daß der Kaffee in der
Schale ein vorzüglicher Barometer sei. »Wenn sich in der Schale jetzt
der Zucker, den ich hineingeworfen habe, aufgelöst, so werden Sie
sehen, daß auf der Oberfläche ein Schaum entsteht; steht dieser Schaum
in der Mitte, so hält das schöne Wetter an, legt er sich aber an den
Rand, so haben wir bald Regen. Sehen Sie, er steht in der Mitte! --
Das ist merkwürdig, nicht wahr? Nun hören Sie, jetzt will ich Ihnen
erklären, wie das kommt.«
Die Haushälterin machte sich stets beizeiten aus dem Staube, der noch
nicht aufgewischt war; sie bewunderte die Weisheit ihres Zimmerherrn,
aber sie verstand nichts von dem, was er erklärte. Sie glaube es schon
auch ohne Erläuterung, meinte sie, und sie sei halt so viel eine
einfache Person.
Der Herr Meyer aber benützte fleißig das schöne Wetter, das ihm
von seinem Kaffee vorausgesagt worden war, und ging hinaus in die
freie Natur zu den schlichten Landleuten, um sie zu unterweisen und
aufzuklären. Denn »in der Dorfschule lernen sie nichts und auf die
Universität gehen sie nicht; aber eines jeden Gebildeten Pflicht ist
es, sie aus der ägyptischen Finsternis herauszuführen«. -- So der
Grundsatz des braven Michel, der zudem auch Schick hatte, die Dinge
einfach und gemeinverständlich darzutun. Er sprach daher mit dem Bauer
von der rationellsten Bewirtschaftung der Felder, erklärte, was der
Humus eigentlich ist, was der Dünger tut, und daß der Regen nicht
unmittelbar als Wasser auf den Boden wirkt, sondern als Lösungsmittel,
welches die Salze in der Erde auflöst und den Pflanzen also zugänglich
macht.
Kam er zu einem Hirten auf die Au, so setzte der Michel bei diesem das
größte Interesse für die Blumen und Kräuter voraus und hielt ihm auf
der Stelle einen botanischen Vortrag. Und wenn der Hirt davonlief,
so schüttelte der Michel über einen solch krassen Indifferentismus
schwermütig den Kopf.
Hingegen war er glücklich, wenn er unterwegs irgendwo einen jener
grübelnden Handwerksleute traf, die über alles sinnieren, nach allem
fragen oder im Notfalle auch alles selbst zu erklären wissen. Weiß der
eine: Ja, so ein winziges Sternl am Himmel ist viel größer, als es uns
scheint; nur die Entfernung macht es uns so klein, in Wirklichkeit
ist es gewiß so groß wie ein Eimerfassel. -- Oder aber: Das Erdbeben!
Da ist halt ein großer Drache in der Erden d'rin, und so oft sich der
bewegt, schüttelt sich der Boden und das ist das Erdbeben. -- Wieder
ein anderer berichtet: Ja, jetzt kriegen wir Krieg. Unser Kaiser hat
seinen Alleröbersten, der nach ihm halt der Höchste ist, zum Türken
in die Türkei hineingeschickt, und daß er -- der Türk' -- halt sollt'
Fried' geben und nicht Krieg führen. Und jetzt, da ist der Türk'
hergegangen und hat dem Kaiser seinen Freund, halt, der nach ihm der
Alleröberste ist, abschlachten und braten lassen, und hat ihn gebraten
unserem Kaiser in einer Kisten zurückgeschickt. Deswegen wird jetzt ein
schauderlicher Krieg anheben. -- Oder: Unsere liebe Frau ist ja wieder
einem Hirtenmädchen erschienen und hat ihr's vertraut: daß, wenn sich
die Menschen nicht bekehren, eine solche Hungersnot kommen wird, daß
die Leut' Brot von gemahlenem Haberstroh essen, und das nicht einmal
genug haben werden.
Da gab's denn für Herrn Michel Meyer in Hülle und Fülle zu tun. Derlei
Ansichten und Reden machten ihm das Blut heiß, und mit Eifer suchte er
sie zu widerlegen und die Wahrheit, wissenschaftlich bewiesen, dafür
hinzustellen. Nur in einem hätte er selbst belehrt werden sollen,
nämlich, daß die Seele des Volkes am liebsten von der Phantasie lebt.
Aber der Michel predigte drauflos. Dem erklärte er das Wachstum
der Bäume; einem anderen bewies er, daß die Erde rund ist wie ein
Ball; einen Dritten belehrte er über die Natur der Staatsschuld,
ihre Ursache und Rückwirkung und ihre Notwendigkeit; einem Vierten
zeigte er mit Kerzenlicht und einem Apfel das Wesen der Sonnen- und
Mondesfinsternisse; einem weiteren legte er die Eigenarten gewisser
Steine dar, erläuterte die Anziehungskraft großer Körper oder eine
andere der physischen Kräfte: den Magnetismus, die Elektrizität.
Häufig fand der Wanderdozent ein geneigtes Ohr, bisweilen sogar ein
gelehriges -- und da kam eine tiefe Befriedigung in sein Wesen, und
er sagte sich: Also, endlich geht es doch vorwärts -- ~muß~ es
vorwärts gehen. Die nächste Generation wird vernünftig sein; vielleicht
richte ich schon in dieser was aus.
Eines Tages begegnete Herr Meyer einem kropfigen, schnaufenden,
grinsenden Kretin. Den faßte er liebevoll an der Hand, zog ihn zu
sich auf eine Bank und sprach vom Kretinismus. Er sagte, daß er --
der Kretin -- nicht selbst schuld sei an seinem Unglücke, daß die
Ursache oftmals in den geologischen Verhältnissen, in der Feuchtigkeit
der Gegend und der Luft, im Trinkwasser und leider auch oft in der
Erziehung liege.
Der Kretin starrte ihn an, streckte seine langen, dürren Finger nach
einem Härchen aus, das dem Michel gerade auf der Nasenspitze wuchs und
grinste. Allein, der Herr Meyer ließ sich nicht irre machen, gab seinem
Bankgenossen Verhaltungsmaßregeln, was die Lebensweise anlangt: viel
Bewegung machen, sich von Fleischspeisen nähren, stets auf gesunde
Luft und Reinlichkeit sehen; dadurch entwickle sich der Körper und die
Entwickelung des Körpers hätte jene des Geistes zur Folge.
Der Kretin brach in ein röchelndes Lachen aus; denn es hatte sich das
Härchen auf der Nase bewegt.
Und ein andermal, da sah der Michel auf der Wiese vor einem Haus ein
Mädchen. Das sang ein schelmisches Liebeslied und begoß einen langen
Leinwandstreifen, der auf der Wiese zum Bleichen ausgebreitet lag. Der
Herr Michel sah dem hübschen Wesen eine Weile zu, und aus der Gießkanne
regnete es hin auf das von der Sonne beschienene Leinwandfach, welches
ohnehin schon weiß genug schien, um von einer anmutigen Hausfrau
geglättet und in den Schrank gelegt zu werden.
Eine anmutige Hausfrau! In Ermangelung eines anderen Hörers hatte es
sich der Herr Michel selbst einmal auf Grundlage seines Charakters und
Alters sehr folgerichtig bewiesen, daß er eine Hausfrau haben müsse.
Und als er nun das Mädchen sah, welches das schelmische Liebeslied
sang und ihn dabei so holdselig anblickte, drängte sich ihm sonder
jeglichen Beweises die Überzeugung auf: das ist die zukünftige ehr- und
tugendsame Hausfrau des Herrn Michel Meyer. Er trat daher ganz zu ihr
hin und sagte: »Tust du Leinwand spritzen, Dirn?«
»Ja, ich tu' Leinwand spritzen, Bub'.«
Das trauliche Bub' machte dem Michel das Herz lebendig.
»Und weißt du wohl, wie das ist, daß die Leinwand durch das Bespritzen
weiß wird?« fragte er.
»Freilich, weil sie gewaschen wird.«
»Daß sie gewaschen wird,« sagte er, »würde nicht genügen, es muß noch
die wohltätige Einwirkung der Sonne dazukommen.« Und hierauf erklärte
er den Einfluß des Lichtes auf die Farbe; und wie die Leinwand noch auf
anderem, dem chemischen Wege weiß gemacht werden könne.
Das Mädchen hielt die leere Kanne in der Hand, hörte zu und wendete
kein Auge von dem jungen Manne, der so schön sprach, daß sie nachgerade
noch weniger davon verstand, als bei der Viehausstellung, wenn der Herr
Doktor eine Rede hielt, die doch auch immer sehr schön ausfiel.
Und als er seinen Vortrag geendet hatte, sagte sie: »Laß es wohl
gelten.«
Und er dachte jubelnd bei sich: Das ist ein intelligentes Mädchen!
Meinem nicht ganz unschwierigen Gedankengang hat sie zu folgen
vermocht. Sie liebt mich, und die Liebe hebt naturgemäß das Weib zum
Manne empor -- auch in geistiger Beziehung.
Mit einem sehr höflichen Gruß verließ er die Leinwandbleichende und
nahm sich vor, am nächsten Tage um dieselbe Zeit wieder an der Stelle
zu erscheinen. Allein am nächsten Tage war ein anderer da, der das
Geschäft der Sprenge besorgte -- ein schöner, frischer Landregen. Doch
wie schon echte Weisheit jedes Hindernis zur Fördernis zu machen weiß,
so kehrte der Herr Michel heute im Hause ein -- bittend um Obdach. Das
Mädchen war allein daheim; Vater und Mutter waren auf die Hochzeit
eines Verwandten gegangen.
»Zum Glücke bist du nicht gegangen,« sagte der Michel, »du wärest doch
gewiß viel hochzeitlicher wie Vater und Mutter.«
»Ich mag nicht früher auf die Hochzeit gehen, als bis ich selber dabei
die Braut sein kann,« war die Antwort.
»Da hast du schon recht. Ich mag ebenfalls bei keiner dabei sein, außer
ich wäre der Bräutigam.«
»Da hat der Herr auch recht.«
»Du Mädel,« versetzte der Michel fast zärtlicher, als es einem Manne
der Wissenschaft ansteht, »gestern hast du mich ~Bub'~ geheißen.
Der möchte ich auch heute wieder sein.«
»Man ist nicht alle Tag' zu so Dummheiten aufgelegt. Heut' ist
Regenwetter, und ich hab' nicht gut ausgeschlafen.«
»Hat dich etwa gar deine Hochzeit nicht mehr schlafen lassen?«
»Die Trud hat mich gedrückt.«
»Der Alp?«
»Ist auf mir gelegen -- ein schauderhaftes Getier, und gemeint hab'
ich, ich müßt' ersticken.«
»Das ist ja kein Getier gewesen,« lachte der Herr Michel, und dann
fuhr er ernsthaft fort: »Der Alp oder die Trud, wie Ihr sagt -- auch
Nachtmahr wird die Erscheinung genannt -- ist weder ein Körper noch
ein Gespenst, sondern das Produkt einer Atemnot. Das Alpdrücken wird
erzeugt, wenn auf Mund oder den Nasenöffnungen die Bettdecke, das
Kissen oder dergleichen zu liegen kommt. Diesen Beschwerden gesellen
sich sofort beängstigende Träume bei, welche so lange währen, bis
es dem Schlafenden gelingt, durch eine unwillkürliche Bewegung die
Respirationsöffnungen wieder zu befreien.«
»Der Herr kann gewiß ein Trudenkreuz machen?« fragte das Mädchen, »aber
sieben Ecken muß es haben. Mit fünf Ecken kann's der Peter auch, die
helfen nichts.«
Sie gab ihm ein Stück Kreide in die Hand und führte ihn in die Kammer
zu ihrem Bette. Es war fein und hoch geschwellt, hatte eine lichtblaue
Decke mit schneeweißem Linnenüberschlag und ein rosenrotes Kissen.
»Da sollt's halt herkommen, da,« sagte sie und deutete mit der Hand auf
das Kopfbrett.
»Liebes Kind,« sagte er, »das kann ich nicht tun, weil es den
Aberglauben befördert, oder wenn du mir lohnst, so zeichne ich dir
etwas anderes auf die Bettstatt. Doch -- ich muß einen Kuß dafür
kriegen.«
»Aber na!« lachte sie, »Er ist doch recht ein verliebter Ding!«
»Ich gestehe es dir, Mädchen, ich liebe dich. Ich trete in kurzer Zeit
eine Professur an und heirate dich, Mädchen, wie du mir schon gestern
gefallen hast; ich will dich aus der Unwissenheit des Volkes reißen und
eine rechte, gebildete Frau aus dir machen. -- Wie heißest du?«
»Gusta,« flüsterte das Mädchen errötend und schlug die Augen zu Boden.
»Also, Augusta, willst du mein sein?«
Sie hielt ihr Köpfchen tief gesenkt und schwieg.
»Ich begreife es wohl,« sagte er, »daß du mit deiner Antwort zögerst,
so lange dir das Wesen der Liebe in seiner Definition noch unbekannt
ist. -- Die Liebe, Augusta, in welche beide wir nun einzugehen
gedenken, haben in ihrer Totalität die größten Männer aller Zeiten
bisher nicht vollständig zu erklären vermocht. Doch vom modern
wissenschaftlichen Standpunkte aus ist sie eine elektromagnetische
Kraft, welche zwei Personen beiderlei Geschlechts zusammenführt, aber
stets nur in solcher Wahl, daß die physischen Eigenschaften, sowie auch
die psychische Bildung der beiden Personen sich gegenseitig ersetzen
und vervollständigen. Um hiervon den Beweis zu erbringen, wird es
allerdings nötig sein, eine mathematische Formel aufzustellen, und zwar
--«
Er begann mit der Kreide auf die Bettstatt zu schreiben.
»+Plus A+ und +minus B+ können, um mich populär auszudrücken,
nicht mitsammen harmonieren; noch weniger werden sich +plus A+
und +plus B+ mitsammen vertragen, ein Verhältnis, das sich mit
+minus A+ und +minus B+ wiederholt. Demnach ist im gegebenen
Beispiele nur eine Komposition möglich, nämlich +plus A+ und
+minus A+, oder auch +plus B+ und +minus B+ -- eben so
viel, als zwei gleichgeartete, aber nicht gleichartige Wesen, die sich
gegenseitig ersetzen und den Unterschied in ihrer Vereinigung aufheben
-- was zu beweisen war.«
Gusta sagte, sie höre das Ferkel so arg grunzen und müsse nachsehen, ob
es sich etwa nicht wieder, wie letzthin, den Fuß zwischen den Barren
verklemmt habe. Sie ging hinaus und ließ den Herrn Michel stehen in der
Kammer.
An einem der nächsten Tage suchte er das Mädchen wieder auf und sagte,
wenn es ihn von nun an definitiv liebe, so würde er sich vielleicht
gelegentlich doch noch entschließen, das Opfer zu bringen, gegen seine
Prinzipien zu verstoßen und ihr zu Liebe das Trudenkreuz an ihre
Bettstatt zu malen.
»Je!« rief Gusta, »da ist der Herr schon zu spat dran. Just gestern
hat mir der Peter das Trudenkreuz gemacht -- ein siebeneckig's ist's
worden, und heut' in der Nacht hab' ich gut geschlafen.«
Freilich hat sie ihm verschwiegen, daß sie gestern noch
Atembeschwerden gehabt, weil ihr der Peter einige Augenblicke lang die
Respirationsöffnung durch einen Kuß verschloß.
Aber der Herr Michel ahnte etwas dergleichen und zog fürbaß. Und als er
sich auf seinen Wanderungen vielfach überzeugt hatte, daß die besten
seiner verkündeten Theorien im Volke schon längst praktisch geübt
werden und es eben diese Theorien waren, die ihm selbst nicht Zeit
ließen, praktisch zu sein, beschloß er, seine Fahrten aufzugeben.
Wir finden ihn heute in Wien als Dozenten; jede Lehrstunde, die er
gibt, läßt er sich vergüten.
Und recht hat er. Das Gold des Wissens schleudert man nicht in
Hellerchen unter die Leute, die es in den Staub treten. Selbst die
feingebildete Hausfrau des Herrn Professors, die er in der Stadt
gefunden, verzichtet gerne auf den mathematischen Beweis seiner Liebe.
Ein Mann, ein Wort.
In einer kleinen Männergesellschaft war davon die Rede, daß in dem
Spruch: »Ein Mann, ein Wort« eigentlich der Hauptgrund des bürgerlichen
Rechtes, sowie des Völkerrechtes, folglich die Basis aller Zivilisation
liege.
Obwohl diese Behauptung Stoff zu einer schönen Gegenrede gegeben hätte,
widersprach ihr kein einziger -- bis auf den Major Schläger.
»Ein Mann, ein Wort!« sagte er ablehnend, »ich bin auch ein Mann, aber
ich kann dieses Wort nicht hören.«
Das machte Aufsehen, denn just den Major kannte man als einen höchst
wahrhaftigen, pflichttreuen Charakter.
»Ja,« sprach der Major mit einem Ernste, der für diesen Abend sonst die
Gesellschaft nicht beherrschte, »der Spruch ist mein Schild geworden,
ihm lebe ich, aber hören kann ich ihn nicht mehr, er ist hart, manchmal
zu hart für den Menschen. Mit dem Prinzip von der Gerechtigkeit ist's
nicht immer getan, wir alle bedürfen Rücksicht, Nachlaß, Liebe. Die
Liebe ist schöpferisch, die Gerechtigkeit ist im besten Falle nur
erhaltend. Man kann aus Gerechtigkeitsliebe manchmal ungerecht werden.
Wenn ich von mir verlange, mein Versprechen zu halten, so ist das
recht; wenn ich das unerbittlich von anderen begehre, so kann das unter
Umständen sehr unrecht sein. Ein gegebenes Wort läßt sich nicht mehr
biegen, aber ein Mensch kann sich biegen, wenn er daran denkt, daß
höher als Gerechtigkeit die Liebe steht.«
Da sich die Gesellschaft über eine solche Weichheit des sonst
trotzigen, auch physisch soldatenhaft strammen Mannes verwunderte, so
begann der Major ein Erlebnis zu erzählen, durch das seine Aussprüche
tiefere Begründung erlangten.
»In der Touristensaison des vorigen Jahres« -- so erzählte der Major
-- »beschloß ich, die Schwabenkette in Steiermark zu durchwandern. Ich
begab mich nach Aflenz, um von dort aus den Hochschwab zu besteigen
und jenseits des Bergstockes den Abstieg nach Weichselboden oder
Wildalpen zu machen. Ich hatte mich schon am Vortage in Aflenz eines
Führers versichert, eines kräftigen Älplers, der -- da in der Gegend
die Holzarbeiten eingestellt waren -- keinen Erwerb hatte, wohl aber
ein zurzeit arbeitsunfähiges Weib und eine Hütte voll von Kindern. Der
Schütter-Franz war mir als ein sehr verläßlicher und gutmütiger Führer
geschildert worden, und so war ich für meine nicht unbeschwerliche Tour
der Hauptsorge enthoben.
Am nächsten Morgen -- es war ein prächtiger Tag zum Wandern -- sprach
ich verabredetermaßen in der Hütte meines Führers, die am Wege in die
Fölz lag, vor, um den Franz abzuholen. Durch die Hüttentür eilten
mehrere Weiber aus und ein, und im Innern hörte ich ein gewisses zartes
Geschrei, so daß ich zum Franz, der an der Schwelle stand und nicht
recht wußte, was er hier zu tun habe, die Bemerkung machte:
»Ich glaube, daß du heute nicht auf den Hochschwab steigen wirst.«
»Warum denn nicht?« fragte der Mann befremdet.
»Wenn das, was ich da drinnen in der Stube bemerke, deine Familie
angeht.«
Er zog mich ein wenig zur Seite und vertraute mir, sein Weib hätte eben
einen kleinen Buben kriegt, weiter wäre es nichts.
Ich beglückwünschte ihn und erkundigte mich, ob er mir einen anderen
Führer anraten oder verschaffen könne.
»Will der Herr denn mich nicht haben?« rief er erschrocken.
»Wie sie, so bist auch du entbunden -- von deiner Zusage, das ist
selbstverständlich.«
»Des kleinen Buben wegen soll ich daheimbleiben? O du blutiger Heiland,
wenn ich allemal daheim bleiben hätt' wollen, so oft ich einen kleinen
Buben kriegt hab', da hätte ich mein Lebtag viele Tagewerke versäumt!«
»Nein, nein,« sagte ich, »das geht nicht.«.
Hierauf zog er mich mit in die Stube, und insofern es ihm gelang, dort
den Jüngsten zu überschreien, verklagte er mich bei seinem Weibe, daß
nun doch wieder nichts aus dem Verdienst würde, weil ich, unserer
Verabredung entgegen, ihn nicht mitnehmen wolle.