Und so rinnt die Zeit hin, von Tag zu Tag mit steigender

Geschwindigkeit -- wie es im Alter schon geht. Der Florin sitzt auf

der Gartenbank des Armenhauses und schaut den Bienen zu. Einer, der

vorbeigeht, denkt sich: Ja, alter Florin, du hättest den Bienen früher

zuschauen und dir an ihnen ein Beispiel nehmen sollen. Du hast dich

deines ehrlichen Gewerbes geschämt, hast es verlassen und verleugnet.

Hast hingeflunkert, hast hergeflunkert, dein spitzfindiges Spintisieren

und deine hohle Schlauheit hat dich auf die Holzbank vor dem Armenhaus

gebracht. Und wenn jetzt von den fremden Herren, denen du gefällig

warst, von den hochgestellten Freunden, die dir geschmeichelt haben,

einer hier vorbeigeht, so wird er dich nicht kennen, und kennt er

dich, vielleicht sein Haupt wegwenden und in sich hineinmurmeln: Ei,

das ist ja dieser Schwätzer, dieser Fex, dieser -- er hat allerlei

Namen zur Auswahl. Er ist bald vorüber. Ich aber bin der, welcher dir

einst vielleicht den Rat gegeben hat: bleibe deinem Gewerbe treu und

arbeite! Ich gehe nicht an dir vorbei, ich frage dich: »Wie geht es

dir, alter Florin?«

Er schrickt auf. »Danke, danke,« sagt er, »so weit gut, recht gut. Dank

der Nachfrage!«

Eine solche Zufriedenheit auf dieser Bank verdient doch einen Zehner.

»Da, Alter, kannst damit nichts mehr verderben -- gönne dir ein Glas

auf mein Wohl!«

O, im Glase, das er nun trinkt, ist mehr d'rin, als der Spender

ahnt, der Florin -- der Herr Franz von Florin ist Bürgermeister,

Touristenvater, Abgeordneter, Regierungsrat, Schöpfer und Ordner aller

politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse des

Landes.

Um einen Silberzehner! In der Tat, billiger kann man das Glück nicht

haben. -- Und überhaupt das Glück ....

Der Steinschädel.

Es war ein so prächtiges Bauerngut gewesen. Voreh'! Voreh'!

Dann wurde es anders. Der Hinterberger zahlte keine Steuern. Und

doch war er der Besitzer und Nutznießer aller Grundstücke, die den

Hinterberg einhüllten und die sich fast herab ins Tal der Lansa

erstreckten.

Der Hinterberger war nichts weniger als glaubselig. Was in den Büchern

stand, von dem meinte er, das Papier wäre geduldig und man könne

d'rauf drucken, was man wolle. Was auf der Kanzel gepredigt wurde,

von dem hatte er eine nicht viel bessere Meinung: reden ließe sich

alles, was man reden wolle, und man wolle gerade das reden, was zu

eigenem Vorteile wäre. Gegen die Meinungen der Nachbarn und den Rat der

Verwandten war er nicht minder verstockt -- der Steinschädel wurde er

geheißen.

Da kam im Jahre 1848 einer jener Wanderprediger, wovon manche

vernünftig, viele aber Narren gewesen sind. Und dieser Mann predigte,

daß der Bauer von nun an freier Herr seines Grund und Bodens wäre und

also keine Steuern und Abgaben mehr zu entrichten brauche.

Keine Steuern und Abgaben mehr! Das glaubte der Hinterberger aufs Wort.

Das leuchtete ihm ein; denn was mein ist, davon bin ich keinem Menschen

was schuldig. Zudem stand's ja auch in den »Herrschaftsbriefen«, er

bekam ein- für allemal die Papiere über die Grundablösung -- und nun

war er ein freier Mann im freien Staate.

Er zahlte keine Steuern mehr, blieb aber trotz aller Behörden Besitzer

und Nutznießer des ganzen Hinterberges. Die Behörden zwangen ihn auch

nicht -- sie ließen ihm bloß das Vieh aus dem Stalle und das Getreide

von der Scheune führen und deckten damit die Steuern und die Unkosten,

die aus solchem Gebaren erwuchsen.

Da schrie der Hinterberger freilich auf, man täte ihm kreuzunrecht, und

der Staat, der verpflichtet sei, Hab' und Gut seiner Bürger gegen Raub

zu schützen, sei selber der Schelm ...

Zu den Advokaten ging er und suchte Gerechtigkeit, wie er sie dachte.

»Ja, Bauer, das ist nicht so!« sagten die Advokaten.

»Warum ist das nicht so?«

»Ihr sagt ja selbst, daß Ihr den Schutz des Staates erwartet -- wollt

Ihr den umsonst haben?«

»Ich? Den Schutz des Staates? Wozu? Können mir meine Felder gestohlen

werden? Kann mir mein Wald von Räubern umgehauen werden über Nacht? He?«

»Aber in Eure Wohnung kann man einbrechen, mißhandeln kann man Euch und

das Haus über dem Kopf anzünden.«

»Freilich,« rief der Hinterberger, »wer's will und stark genug ist, der

tut's, bricht in meine Wohnung, schlagt mich tot, zündet mir das Haus

an. Bis Eure Polizei hinaufkommt auf den Hinterberg, ist alles vorbei.

Wenn ich selber kein Gewehr im Haus hab', so bin ich hin. Jetzt möcht'

ich wissen, wofür ich Steuern zahlen soll!«

»So wollt Ihr dem Staate entsagen, Hinterberger? Glaubt Ihr, daß Ihr

allein bestehen könnt? Habt Ihr alles auf Eurem Grund, was Ihr zum

Lebensunterhalte braucht? Seid Ihr nicht angewiesen, die überschüssigen

Früchte Eurer Felder zu vertauschen, zu verkaufen, um anderen Bedarf,

der bei Euch auf dem Hinterberge nicht wächst, einzulösen?«

»Ich?« fragte der Bauer, »nein. Wir Hinterberger Bauern sind auf

ein solches Austauschen nicht angewiesen, aber Ihr Herrenleut' seid

es. Ihr sollt froh sein, wenn wir Euch das Korn und das Rindfleisch

~verkaufen~. Freilich kommt Ihr billiger dazu, wenn Ihr mir's mit

Gewalt wegnehmt.«

Das war die Logik des Hinterbergers. Und die Advokaten, die sonst jeden

Prozeß der Klienten mit Zuversicht auf sich zu nehmen pflegen, ließen

ihn im Stich -- alle. Der Bauer fand's ja erklärlich -- sie halten all'

zusammen.

Die Nachbarn sagten ihm: »Sei gescheit, Hinterberger!«

Er antwortete: »Oh, ich bin gescheit genug, aber ihr seid dumm. Tätet

ihr mit mir halten, durchsetzen wollten wir's! Aber einer allein? ...

Und doch geb' ich nicht auf, was mein ist, davon zahl' ich nichts weg!«

So ging es fort. Alljährlich war dasselbe. Zuerst kam der Bote mit

der Aufforderung zum Steuerzahlen, dann kam die Drohung, dann kam die

Pfändung.

Und hierauf saß der Mann traurig vor seiner Haustür und murmelte:

»Jetzt sind wieder die Schelme dagewesen.«

Er hatte Weib und Kinder. Die Kinder verwahrlosten, das Weib verkam.

Dem weinenden Weibe drückte der Gerichtsmann gutmütig die Hand und

bat um Verzeihung, daß er seine Pflicht tun müsse. -- Als die Knaben

heranwuchsen, kannten sie nur eine Ungerechtigkeit auf der Welt: das

Gesetz, und nur einen Feind: den Steuerbeamten.

Der Gerichtsbote weigerte sich, in den Hinterbergerhof hinaufzugehen;

die Knaben empfingen ihn mit Steinwürfen, der Bauer tat sein altes

Schußgewehr zurecht. »Jeden Schelm, der in mein Haus kommt, schieß' ich

nieder.«

Da mußte er's erfahren, daß das Gesetz noch ungerechter sein konnte,

als bloß Hab' und Gut wegzunehmen, daß es auch die persönliche

Freiheit vernichten konnte. Zwei Standarn (Gendarmen) kamen und

reckten zur Tür die Gewehrläufe mit den Bajonetten hinein. Das Weib

des Hinterbergers kreischte auf -- ~solche~ Räuber waren noch nie

dagewesen. Der Mann sagte gleichgültig: »Ein dummer Kerl müßt' ich

sein, wenn ich mich jetzt wehren wollt'. Da habt's mich, schleppt's

mich mit, bringt's mich um!«

Er saß wochenlang im Arrest. Er machte dort Bekanntschaft mit anderen,

die mit dem Gesetze ebenfalls im Kriege lebten. Der »Steinschädel« war

sonst ein Feind des Lernens, weil er ja ohnehin alles wußte und weil

Fremdes seiner Überzeugung stets entgegen war. Aber im Arrest -- das

gestand er sich -- war manches zu profitieren. Die Genossen waren reich

an Erfahrungen und hatten neue Ideen. -- Entweder der Mensch hat sein

Eigentum für seine Person, dann muß der Mensch dieses Eigentum fest

zusammenhalten, und keiner hat das Recht, davon zu nehmen. Oder der

Mensch hat kein Eigentum, alles ist gemeinschaftlich, gut, nachher muß

aber der Reichtum so verteilt sein, daß jeder gleich viel hat. Nachher

hat jeder Sachen genug, nachher gibt es keinen Armen mehr.

Der Hinterberger hatte sein Lebtag noch keinen Menschen so gescheit

sprechen gehört als den arretierten Tischlergehilfen, der obiges

erörterte. Entweder so oder so! -- Aber Steuerzahlen, das ist nicht so

und nicht so und hat keinen Sinn.

Als der Hinterberger endlich vom Gefängnisse entlassen nach Hause

kam, fand er das Elend noch größer. Die letzte Kuh war aus dem Stall

gepfändet; das Weib lag krank auf dem Stroh und die Kinder balgten sich

um die letzte Brotkrume. Zu den Nachbarn war sein Weg, daß sie ihm

hülfen. Sie lachten ihn aus: »Du Narr, du bist selber schuld. Hättest

nur etliche Bäume aus deinem Wald verkauft und die Steuerschulden wären

gedeckt gewesen.«

»Die Steuer-~Schulden~? Wieso Schulden?«

»Ja glaubst denn, Nachbar, du kommst auf, gegen die Weltordnung?«

»Ich weiß es, daß ich zugrunde gehe, aber ich weiß es auch, daß ich

recht habe, und das ist ein ganz anderes Recht als jenes, so in euern

Gesetzbüchern steht. Und es wird kommen, daß kein Mensch mehr Steuern

zahlt, als etwa der Pächter. Ja, da möcht' ich leben.«

Es kam die Zeit heran, da der älteste Sohn des Hinterbergers

militärpflichtig wurde. Das wird wieder einen Sturm geben mit dem

Alten, meinten die Leute. Aber siehe, der Bauer hatte kein Wort dagegen

und ermahnte noch den Burschen, seinen Vorgesetzten zu gehorchen und

ein tapferer Beschützer des Vaterlandes zu sein.

Die Behörde hatte mit ihm so viel Nachsicht als möglich. Der Pfarrer

besuchte ihn einmal und suchte ihn mit Vernunftgründen zu bekehren.

»Hochwürden« sprach der Bauer rundweg, »wenn Er vom Himmel und Hölle

predigt, da hört man Ihm gern zu; wenn er anstatt Saufen und Raufen

das Beten und Almosengeben aufbringen will, so hat's auch noch seinen

Schick, aber vom Steuerzahlen -- mit Verlaub -- versteht Er gar nichts.«

Da stieg der Oberamtmann selber einmal hinauf gegen den Hinterberg mit

der Absicht und der festen Überzeugung, den närrischen Kauz mit Güte

zu bekehren. Er kam eher zurück, als er sich gedacht hatte, kam sehr

aufgeregt zurück und gab Befehl, gegen diesen wilden Menschen auf dem

Berge nicht die geringste Rücksicht mehr walten zu lassen. Was ihm

passiert war, ist nicht offenbar worden.

Nun pfändeten sie dem Hinterberger den schwanken Tisch und den

wurmstichigen Kasten, so daß die wenigen Habseligkeiten hingeworfen

lagen auf dem morschen Fußboden. Elend sah es aus im Hause, und die

erwachsenen Jungen lungerten arbeits- und zuchtlos draußen in den

Weiten herum und aßen ihr Brot, wo und wie sie es fanden. Eines Tages

wurden zwei davon als Wildschützen eingefangen.

»Ist nicht in Ordnung das!« meinte der Alte, »nur abstrafen, ist schon

recht, nur abstrafen!«

»Dann muß man auch dich mitabstrafen,« rief ein Nachbar, »wie du

deine Kinder hast gebogen, so sind sie erzogen. Darf man ein Gesetz

überschreiten, warum nicht auch zwei, warum nicht auch das dritte,

wenn's gelegen ist, warum nicht alle?«

Mit der armen Hinterbergerin hatte es endlich ein Ende. Ihr letztes

Wort im Sterben war gewesen: »Gott Lob und Dank!«

Die Leichenkosten bezahlte er willig und bar. Aber als die

Verlassenschaftsgebühren zu erlegen waren, fluchte er: »Der Tod auch

besteuert? Auch mit ~dem~ machen sie noch ein Geschäft? Verdammt!«

Eines Montagmorgens war die ganze Gegend in Aufregung. In der Lansa

war ein junger Bursche erschlagen gefunden worden. Ein Raufhandel war

in der Nacht gewesen. Am nächsten Tage kehrte der jüngste Sohn des

Hinterbergers nicht ins Haus zurück. Dafür kam die Botschaft, der

Hinterberger möge mit dem Mittagessen nicht auf sein Bürschl warten,

dasselbe käme heute nicht heim, käme vielleicht auch morgen nicht,

käme vielleicht viele Jahre lang nicht -- die Standarm hätten ihn mit

sich genommen, weil er einen blutigen Rockärmling gehabt habe. Und

einen blutigen Ärmling habe er gehabt, weil er den Sager-Urb umgebracht

hätte.

»Was hätte er?« fragte der Hinterberger.

»Den Sager-Urb hat er umgebracht.«

»Wer?«

»Dein Bürschl -- dein Hans.«

Da legte der Alte die Hand ans Ohr, daß sie die Schallwellen

hineinleite und sagte leise: »Jetzt muß ich noch einmal fragen, wie

du's meinst!«

Und der Bote antwortete eben noch einmal.

Jetzt nannte der Alte den Boten eine Bestie.

Aber solcher Bestien waren mehr. Keiner hat es zwar gesehen, daß

der Hinterberger-Hans den Sager-Urb erschlagen und in die Lansa

geworfen hatte, doch jeder war davon überzeugt. Beim Lindenwirt

waren sie des Abends zusammen gewesen, es wurde getrunken, gesungen,

gezankt und gerauft. Der Metzger Pankraz hetzte, der Urb gab dem

Hans einen Schlag auf die Wange und nannte ihn einen Strolchen von

der Hinterberger-Höhlen, von der seit Jahren schon kein braver

Mensch mehr herausgegangen sei, weil keiner hineingehe. Auch eine

Wilderergeschichte war dabei und einer Liebschaft wegen ging es her.

Der Hans war so wütend, daß er das Ofengeländer zerriß, um mit der

Holzlatte den Urban niederzuschlagen, hätten ihn nicht mehrere Männer

davon abgehalten. Nun ging er in die Nacht hinaus und kam nicht mehr

zurück. Um Mitternacht steckte der Urb seine große Brieftasche ein und

verließ das Wirtshaus; eine halbe Stunde später war an der Lansa ein

Schrei.

Und am nächsten Morgen begegneten zwei in die Arbeit gehende Männer dem

Hinterberger-Hans, der just am Hollerbrunnen Blut von seinem Ärmling

wusch. Ein paar Stunden später fand man unten an der Hammerwehr den

toten Sager-Urb, der mehrere Stiche am Halse und an der Brust hatte.

Der Hans wurde als Verbrecher zu Gericht geführt. Er leugnete die Tat,

die Leute lachten ihm ins Gesicht: Was das Leugnen helfe, wenn alles

sonnenklar liegt!

»Daß ich beim Nachhausegehen in der Nacht Nasenbluten gehabt, das wird

mich doch nicht unglücklich machen!«

Man befahl ihm, daß er schweige. --

Der Hinterberger lief zum Gericht: »Den Buben laßt mir aus! Ich

verpfänd' Haus und Hof für meinen Hans! Er hat nichts getan.«

»Geht, Alter, Haus und Hof habt Ihr nicht mehr zu verpfänden!«

Der Hinterberger schwankte heim zu, da fand er die Türe seines Hauses

versperrt und versiegelt. -- Seit so vielen Jahren die Steuern

verweigert, da hat man ihm endlich den Prozeß gemacht.

So lag nun unter dem Schatten der Esche ein Bettelmann. Nein. Er wollte

nicht betteln, er wollte da liegen bleiben und sterben als ein vom

Staate Zugrundegerichteter. Aber zwei mitleidige Bauern schleppten ihn

mit sich. Er blieb dabei, der Hans wäre an dem Morde unschuldig; und

die Leute blieben dabei: kein anderer hätte den Sager-Urb erschlagen

als der Hinterberger-Bursch'. Die einen gaben ihm lebenslänglichen

Kerker, die anderen ließen ihn hängen.

Im Gerichtssaale ging es heiß zu. Und das Urteil wurde gesprochen. --

Der Hans kehrte aus dem Kriminal zurück und war frei.

Der Alte hatte es nicht glauben können, daß er schuldig sei und konnte

es jetzt nicht glauben, daß er frei war.

»So hat dich doch der heilige Johannes von Nepomuk gerettet?« Der von

Nepomuk ist nämlich ein Patron, den man anruft, um eine verlorene Ehre

wieder zu finden.

»Glaub' nicht, daß er's gewesen ist,« berichtete der Hans, »er hat

einen schwarzen Frack angehabt. Ein Doktor ist's gewesen, und der hat

alles genau untersuchen lassen und hat alle Zeugen überwiesen und hat

nicht eher Ruh' gegeben, bis es ist herausgekommen, daß ich unschuldig

bin, nachdem sie derweil den richtigen Mörder erwischt haben. Der

Pankrazl, der Schelm! Wegen Geld. -- So haben sie mich freilassen

müssen.«

»Und hast nichts Gewisses erfahren, wer der brave Mensch ist gewesen?«

»Nichts Gewisses nicht; den Verteidiger haben sie ihn geheißen und

haben gesagt, das Gesetz tät' vorschreiben, daß jeder Angeklagte einen

Verteidiger müßt' haben.«

»Das Gesetz tät's vorschreiben?« fragte der Alte.

War schon der Gemeindevorsteher da und sagte: »Wenn du auch ein Feind

bist gewesen gegen den Staat und das Gesetz, so hat dich der Staat und

das Gesetz doch nit verlassen.«

Von dieser Stunde ging der Hinterberger in der Einsamkeit um. Dann ging

er zur Behörde und fiel nieder auf die Knie: »Meine Herren, tun's mir

verzeihen!«

Der Feuermann Balthasar.

Das Jahr ist alt geworden. Und der Knabe ist noch so jung. Er steht

unter dem Birnbaum und schaut zu zu den Zweigen, an welchen die

Eiszähnchen des Rauhreifes wuchern. Er schaut hinaus über die Heide und

sieht eine kleine Strecke hin die braunen Birnbaumblätter liegen, und

hie und da einen Stein oder einen gebrochenen Rispenhalm; dann geht

alles in den grauen Nebel hinein. Und der Knabe schaut vor sich auf den

Boden hin und vergräbt seine Füßchen in das froststarre Laub, das vor

kurzen Monden noch hier oben grünte.

Und dann zieht er mit seinen kleinen hageren Händen das Linnenwämschen

zurecht, daß es überall langen und wärmen solle, und dann steht er

unbeweglich und blickt in den Nebel hinaus.

Und sieh, dort im Nebel ist ein kleiner dunkler Punkt, und der wird

schärfer und größer und löset sich endlich ganz ab von dem Grauen, und

es ist ein Mensch, der hastig des Weges kommt; ein sorgsam eingemummtes

Mädchen, wohl ein wenig erwachsener als der Knabe, aber doch lang'

nicht tausend Wochen alt.

Das Mädchen hält an und sieht auf den Knaben hin:

»Was stehst denn du da?«

»Ich weiß es nicht,« war die zaghafte Antwort.

»Wer bist du denn?«

»Ich bin der Bübi.«

»Wartest du auf wen?«

»Auf den Tati.«

»Du armer Narr, du frierst ja in den Nebel hinein. Mußt du noch lange

warten?«

Der Kleine sah mit seinen braunen Augen auf. Diese Augen taten dieselbe

Frage: »Muß ich noch lange warten?«

»So will ich dir ein Feuer machen, daß du dich wärmen kannst, bis der

Tati kommt.«

Sie zog ihre Hände aus der Schürze und hub an, Reisig zusammenzutragen

auf einen Haufen, dann tat sie ein Streichhölzchengefäß hervor und dann

brannte das Holz.

»So, und jetzt stelle dich daran und wärme dich und versenge dein

Gewand nicht und warte.«

Das Mädchen ging weiter, ging wieder in den Nebel hinein, bis es in

ihm verschwand. Der Knabe hatte dem Mädchen unverwandt zugeschaut,

und als es nun nicht mehr zu sehen war, wendete er sein Auge auf den

Reisighaufen. Da drin knisterte es und die Flämmchen mehrten sich und

hüpften von einem Ästchen zum andern und strebten empor. Hastig stieg

der dünne, blaue Rauch auf und verschwamm in dem Nebel. Der Knabe

blickte in die Flammen. Ganz nahe stand er am Feuer, rührte kein Glied,

bewegte keine Miene, starrte gleichweg in die Flammen.

Das Feuer prasselte, schlug hoch empor; das Reisig brach ein, die

Flammen schrumpften zusammen, die Kohlen knisterten milder, glühten

still, bröckelten und sanken zur Asche in den Boden.

Stunden waren vergangen, und der Knabe blickte mit geröteten Wangen in

das versterbende Feuer. Er hatte kein abseits gefallenes Ästlein in die

Glut geschoben, er hatte keine Kohle geschürt; wie das Feuer strebte

und verging, so ließ er es streben und vergehen. Die letzten Kohlen

glühten heller und tiefer, denn es hub an zu dunkeln, und der Nebel lag

dichter und finsterer auf der Heide.

Seit dem Mädchen war kein Mensch mehr gekommen und gegangen; der Knabe

hatte nach keinem ausgeblickt. Es war, als wollte er so stehen bleiben

durch den Abend, durch die lange Nacht und immer.

Als es schon sehr dunkelte, kam von jener Seite, in die das Mädchen

hingegangen, ein Knarren und Ächzen heran. Es war ein Fuhrwerk; zwei

Rinder zogen einen Wagen, auf dem ein Mann saß, der Tabak rauchte. Als

er den Knaben sah, rief er: »Ho, oha!« Da blieben die Ochsen stehen und

nun fragte der Fuhrmann, wie vor Stunden das Mädchen gefragt hatte:

»Was stehst denn du da? Wer bist? Auf wen wartest du so spät in der

Weite?«

»Auf den Tati.«

»Auf deinen Vater? Wo ist er denn hingegangen?«

»Der ist auf die Kirmes gegangen.«

»Sprich die Wahrheit, Kleiner! Heute gibt es weit und breit herum keine

Kirmes.«

»Auf der Kirmes hat er Musik gemacht bis in die späte Nacht, und

jetzunder ist er noch nicht zurückgekommen.«

»Alle Heiligen!« ruft der Mann, »das war ja der Musikant, den es vor

drei Tagen in Ottenkirch auf der Kirchweih getroffen hat! Kleiner, das

Warten ist nichts. Komm' zu mir auf den Wagen.«

Jetzt wurde der Knabe verwirrt, aber er kletterte mit Hilfe des Mannes

auf den Karren und setzte sich auf das Stroh. Hierauf taten sie eine

härene Decke über ihre Glieder und der Mann rief »Hie jetzt!« und der

Wagen hub an zu knarren. Sie fuhren durch Nacht und Nebel über die

Heide. Der Knabe antwortete kaum auf die Fragen seines Schirmers,

sondern starrte fast unverwandt in das Glimmen der Pfeife, aus der

jener den Rauch sog. -- --

Seit diesem Tage waren ungezählte Tage vergangen. Der Knabe von

der Heide war erwachsen und ein wohlgebildeter Jüngling geworden.

Jener Fuhrmann war ein Schmiedmeister gewesen und hatte den kleinen

Balthasar in seinem Handwerke erziehen wollen. Aber das ging nicht, der

sonst so fleißige Bursche starrte fortweg in die sprühende Esse oder

blickte träumerisch das glühende Eisen an, statt auf dasselbe frisch

loszuhämmern. »Junger Mann, das Eisen muß man schmieden, solange es

warm ist!« sagte hierauf der Meister eines Tages und riet dann dem

Burschen, er möge es einmal anderswo versuchen.

Balthasar kam in einen Pachthof. Das war ein flinkes Arbeiten auf

dem Felde und im Obstgarten; aber des Abends, wenn andere im Freien

herumstreiften, scherzten und mit den Weibsleuten schäkerten, saß der

Balthasar am Herd und sah den Flammen zu.

»Balthasar,« sagte nun der Pächter einmal, »was schaust du so drein und

bist nicht lustig wie die andern?«

Da blickte der Bursche auf: »Ich? Warum sollt' ich denn nicht lustig

sein? mir geht es gut.« Sein Auge sank wieder der Glut des Herdes zu

und das Antlitz des Jünglings sah nicht betrübt.

»Wenn ich nur wüßte,« rief der Pächter, »was um des Himmelswillen da in

der Aschengrube drin zu sehen ist.«

Jetzt hob der Balthasar wieder sein Haupt und sagte die Worte: »Ich

weiß auf der Welt nichts Schöneres.«

Der Pächter schwieg eine Weile und starrte auch in die Flamme, aber

nur im Sinnen, was er auf die Worte entgegnen sollte. Und endlich

entgegnete er: »Wärst du sonst nicht so bündig und findig, man müßte

hell meinen, du bist ein Narr!«

Und der Pächter ging davon. Der Balthasar aber blieb sitzen am Herde

und murmelte in die Glut hinein: »Allmiteinander wissen sie es nicht,

wer das Feuer hat angezündet. Mädchen, dich will ich nicht verraten,

aber du bist so schön und so gut wie das Licht.«

Balthasar konnte gar flink und heiter sein; viel öfter aber verlor

er sich in stilles Sinnen und Träumen. -- Ich weiß nicht woher, aber

sie ist gekommen und hat mir das Feuer gemacht auf der Heide, daß ich

Waisenkind nicht bin erfroren. Und sie ist wieder gegangen, ich weiß

nicht wohin. Mir schwant, ich soll sie nimmermehr sehen. Aber in den

Flammen, da ist sie bei mir.

Sie haben es nicht geahnt, welche Art von Frömmigkeit es war, wenn

Balthasar am Sonntag in der Kirche sein Auge vom Altar nicht abwendete,

bis die letzte Kerze verloschen.

Eines Tages brannte das Armenhaus; ein Kind war in Lebensgefahr.

Balthasar brach lustig durch die Flammen und befreite das Kind.

»Der ist der Prophet Daniel oder der Teufel,« sagten die Leute.

»Ei, das ist ja der Narr, der die schönsten Weiber übersieht und mit

der Herdglut liebäugelt; dem tut kein Funke was, das ist der Feuermann!«

Der Feuermann! Dieser Name ist dem Burschen geblieben, und in diesem

Namen war es ihm, als sei er mit dem Feuer, dem Sinnbilde seines

Glückes, getraut und vermählt.

Stiller und verschlossener wurde der Balthasar; teils schwermütige,

teils heitere Schwärmerei webte in ihm; er lebte in vergangenen Zeiten.

Seine Vergangenheit, sonst so arm und dunkel und frostigkalt, hatte

einen leuchtenden Stern. Die Mitmenschen spotteten seiner, da wendete

er sich noch mehr von ihnen ab und noch mehr der Flamme zu. Fast

unheimlich war es, wie er an Feuerstätten des Herdes oder des Waldes

saß, und dem wunderbaren ewigen Rätsel des Flammenlebens zusah und

darüber alles andere vergaß. Zuletzt wurde Balthasars Auge so geübt,

daß er selbst in die Sonne hineinblicken konnte, wenn er auf dem Felde

lag. Hingegen zogen sich nach und nach alle anderen Gegenstände von

seinem Auge ab und verschwammen zitternd und unsicher in Dämmerung.

Endlich hatte die Flamme wahrhaftig gesiegt. Eines Tages war Balthasar

erblindet.

Jetzt waren genug Leute da, die behaupteten, so hätten sie es

vorausgesehen, und so hätte es kommen müssen. Und früher war kein

einziger gewesen, der dem seelenkranken Burschen das zehrende Feuer zu

mildern gesucht hätte durch die Wärme eines verstehenden Herzens.

Sonderlinge · 第 20 / 27 段