haben sie nicht gebaut, daß ich meinen Tabak anbring'. Verlegen
sie den Weg, so muß ich mir halt helfen, wie ich kann. Daß ich ein
Narr wär' und gegen die Vielheit streiten wollt'! -- Schnupf eins,
Himmelherrgottswirt!«
Der Wirt schlug ihm die Dose aus der Hand.
»Geschieht mir recht,« murmelte der Tabakkrämer, »wenn man den heiligen
Namen auf ~den~ hängt, das ist Gotteslästerung.«
* * * * *
Aber der Bau der Straße im Tal verzögerte sich von Jahr zu Jahr, denn
gutwillig gab der Wirt die Wiese nicht und Gewalt wollte man nicht
brauchen.
Da ging einmal ein alter Wurzelgräber durch das Dorf; der hörte das
Schelten und Gotteslästern der Fuhrleute, die dem Kirchenwirt alle
schwere Not und den Teufel ins Haus wünschten. An der hinteren Tür des
Wirtshauses standen die Kinder des Wirtes, denen rief der alte Mann
zu: »Euer Vater führt ein gutes Leben. Wenn aber die Flüche all' an
~euch~ ausgehen sollen! Es heißt ja doch, der Eltern Sünden müssen
die Kinder büßen. 's ist schauderlich! Behüt' euch Gott, Kinder, ich
tu' euch nichts.«
Und ging von Hundegekläff begleitet vorüber.
Da stund es an noch etliche Jahre, und es kamen die Weihnachten 1876.
Der Heilige Abend ist doch sonst gewiß kein Unglückstag, gleichwohl
er der Jahrestag ist, an welchem Adam und Eva erschaffen worden sein
sollen. Aber beim Kirchenwirt zu St. Peter trug sich an diesem Tage was
Trauriges zu.
Bisher, so lange von steifen Trotzköpfen und bösem Fluchen die Rede
gewesen war, wollte ich das Dasein eines schönen Kirchenwirtstöchterls
nicht verraten. »Sie war wie eine Blume,« man kann's besser nicht
sagen. Sie war nun siebzehn Jahre alt und das Einzige, welches dem
Wirte von seinen Kindern übrig geblieben. Ihretwegen war die letzte
Zeit her mancher junge Fuhrknecht, der zu Trotz hier nicht mehr
einkehren wollte, weit schwerer auf dem ebenen Boden vor dem Wirtshause
vorübergefahren, als den Berg heran. Dieses Wirtstöchterl war bei so
manchem der triftigste Grund, daß die Straße an beiden Seiten den
steilen Hügel zum Dorfe hinanstieg. Ob Julchen für oder gegen die
Verlegung der Straße war, das getraue ich mir nicht zu entscheiden,
denn junge Leute gehen ihre eigenen Wege.
Und einen solchen, ganz absonderlichen, ging sie an jenem Heiligen
Abend.
Man kennt ja die Weiber -- aus lauter Warmherzigkeit und
Lebenssehnsucht und Ahnen und Bangen abergläubisch über alle Maßen!
Schon die jungen! -- Da ist der rote Holler. Am Christabende während
des Ave-Läutens gepflückt und dann in einen Blumentopf gesteckt, kann
er im nächsten Fasching grünen. Tut er's, so kommt in demselbigen
Jahre der Bräutigam. Ein Dirndl von siebzehn Jahren -- da kann der
Hollerzweig doch wohl schon treiben ... Man probiert's, nützt es nicht,
so schadet es auch nicht.
An der rückwärtigen Kirchhofsmauer zu St. Peter wächst roter Holler.
Mit einigem Zagen, aber vielem Mute läuft Julchen, während auf dem
Turme die Ave-Glocke klingt, im Dunkel über den Kirchhof. Sie schaut
sich nicht viel um, erhascht einen Zweig, eilt rasch wieder zurück und
stürzt aus Hast in ein offenes Grab. Das war für einen alten, müden
Pilger bereitet worden, der just am heiligen Christtag in die ewige
Ruh' gehen wollte, oder -- wie man's nimmt -- in die Krippe aus Erden.
-- Wie der Küster das Tor schließt, hört er den Schrei -- läuft hin und
zerrt das vor Schreck ohnmächtige Mädchen aus dem Grabe hervor; es ist
bewegungslos wie eine Leiche, und so wird sie nach Hause getragen.
Der Wirt ist dem Zusammenbrechen nahe, er meint, das Kind sei tot. Die
Leute rennen auf der Gasse um und der böse Leumund, der immer nur auf
einen Anlaß -- am liebsten ein Unglück -- wartet, bricht los wie ein
zischend Heer in der Luft, das man nicht sieht und nicht fassen kann,
und das in jedes Ohr bläst Spott und Hohn, und Schadenfreude weckt
in dem Menschenherzen, auf welches reuig zu schlagen wohl jeder eine
Ursache hätte.
»Da seht, da seht,« riefen die Leute, »das hat er jetzt! Umsonst ist
da nicht so oft geflucht worden. Jetzt geht die Frucht auf. Fällt ihm
sein Kind lebendig ins Grab! Ist das nicht augenscheinlich eine Strafe
Gottes?«
Kann ein abgerissener Zweig wieder grünen, so kann auch ein junges, dem
Grabe entrissenes Menschenkind wieder leben. Meint ihr nicht, Leute?
Tretet ins Haus und seht, Julchen sitzt aufrecht, es fehlt ihr nichts.
Ohnmachten bei jungen Leuten ziehen vorüber wie eine Frühlingswolke an
der Sonne. Ihr Vater ist noch blaß vor Schreck, mit zitternder Hand
streicht er ihr die Friedhofserde von ihrem braunlockigen Haar.
* * * * *
Und in der Nacht, als das Mädchen geruhsam im Bette schlief und auf
dem Turme des Himmels Engel schon die Glocken läuteten, auf daß die
zerstreute Gemeinde zusammenkomme zum strahlenden Altare -- da schritt
auch der Wirt in die Kirche. Er wankte wie ein Greis, der Schreck stak
ihm noch in den Gliedern, noch bebte ihm das aufgerüttelte Herz. Daß
sie an dem bedeutungsvollen Tage in das Grab fiel, das konnte kein
gutes Zeichen sein ... Ihm war hart und bang.
So wollte denn in dieser Nacht, in welcher der Christ mit seiner Gnade
herabgestiegen ist zur Erde -- der Kirchenwirt vor der Krippe knien
und Beruhigung erflehen. -- Und als die zwölfte Stunde schlug, als das
Christamt begann und das Lied: »Dies ist der Tag, von Gott gemacht!«
erklang, da wurde dem Manne leichter ums Herz.
Zur Wandlung verstummte die Orgel. Die Gemeinde lag auf den Knien
und jeder betete in dieser feierlichen Stunde für das liebste seines
Herzens. -- Mit gefalteten Händen betete der Wirt vor der Krippe
für sein Kind. -- Still war's. -- Da rasselten draußen auf dem
hartgefrorenen Boden schwere Wagenräder, Pferde stampften und wieherten
unter pfeifenden Peitschenhieben, und von den Lippen des Fuhrmannes
gellte ein grober Fluch. Und das war auf des Kirchenwirts Gebet die
Antwort gewesen. --
Was bei diesem Zwischenfalle der Kirchenwirt empfunden hatte, das zeigt
am besten sein Gang in die Sakristei, als kaum der Gottesdienst zu Ende
war.
»Ein Wort mit dem Herrn Pfarrer,« stotterte er, »vielleicht wäre auch
der Gemeindevorstand zuwege. Ein Stück Papier und Schreibzeug!«
Mit bebender Hand schrieb er's hin:
»Die Wiese am Bach für ewige Zeiten zur Straße.
Anton Egghofer,
Kirchenwirt zu St. Peter.«
Heute ist die Straße fertig. Sie geht, wie die Leute sagen, »handeben«
im Tale hin. Das Fluchen kann man den Fuhrleuten nicht nehmen, sie
haben sonst auch nicht viel Unterhaltliches auf der Welt, aber auf
ebener Straße hört sich das ganz anders, als auf bergigem Grund.
Zu beschreiben wäre noch die Dankbarkeit der Pferde -- doch, wir wollen
die Wagen aller Art mit Gott und gutem Gespann ihrer Wege ziehen
lassen.
Wer nach St. Peter hinauf ~will~, die alte Straße ist und bleibt
noch fahrbar. Im Herbst des nächsten Jahres war's, als etliche sehr
schwere Wagen vom Dorfe zu Tale ächzten. »Radschuh bei Strafe von zwei
Gulden!«
Ja, freilich, bei ~solchen~ Brautfuhren, da heißt's einschleifen.
--
Gekommen war's so: Im Fasching hatte der Hollerzweig gegrünt, im Mai
hatte er geblüht, im Juni war der Mosthansel zum Julchen gegangen. Und
jetzt Hochzeit.
Herr v. Florin.
Er hätte Künstler werden können, er hätte Professor werden können,
er hätte Bürgermeister werden können -- Landtagsabgeordneter,
Herrenhausmitglied -- dann Baron oder Präsident, so oder so. Baron,
wenn der Staat eine Monarchie verblieben, Präsident, wenn er eine
Republik geworden. -- Und ist nichts, als ein windiger Rasierer.
Ein Bartscherer, ein Haarkräusler und Geckenaufputzer, ein
Perückenflechter und Haarzopfsträhner. Man verlangt, daß er Späße
mache, und da er sie nicht macht, so macht man sich welche mit
ihm. Man nennt ihn Doktor, er protestiert nicht dagegen, der Titel
gebührt ihm; er ist belesen, er nennt alle hohen Berge der Welt beim
Namen und weiß, wie hoch sie sind, weiß es in Fuß und Metern, kennt
die Tiefen des Meeres und berechnet nach einem alten Atlas, wo die
größten Tiefen sind. Er gibt dem Landmann, während er ihm den Bart
abschabt, Fingerzeige über die Witterung der nächsten Monate, belehrt
ihn, wie er den Dung streuen, woher er den Samen beziehen müsse.
Er hat Agentschaften, und zwar deren so viele, daß er vor lauter
Schildertafeln die Tünche seines Häuschens erspart. Er versichert dem
Bauer das Haus, das Vieh, die Feldfrüchte, das Leben. -- Wenn mir
dieser »Lebensversicherer«, denkt sich der Bauer, »nur jetzt die Gurgel
nicht abschneidet! Anstellt er sich g'rad so. Kratzen tut der Saggra
schon, daß man die Engel singen hört! Schneidet denn das Messer nit?«
-- Allerdings, das Messer rostet schon, denn Herr Florin hängt das
Geschäft an den Nagel und rasiert den Mann nur aus Gefälligkeit. Er
will ihm auch aus Gefälligkeit den Prozeß führen helfen, den der Bauer
mit einem Nachbar hat. Meister Florin weiß sich gut aus im Gesetzbuch
und wird dem findigsten Doktor zu gescheit. Er führt verschiedenerlei
Schreibergeschäfte, hat hier einen Strauß mit dem Steueramt, dort einen
Handel mit dem Bezirksgericht, da ein Renkontre mit dem Notar oder mit
einem Gläubiger, mit dem oder jenen -- und gewinnt, gewinnt alles.
Daher will er das Rasiergeschäft aufgeben, es sind schlechte
Zeiten. Ja, früher, in seines seligen Vaters Jahren, wo jeder brave
Staatsbürger fortweg sein glattes Gesicht haben mußte, da war's
leicht, Rasierer zu sein. Aber jetzt, wo die Leute ihren Patriotismus
und ihre Weisheit und ihr politisches Bekenntnis in den Barthaaren
herauswachsen lassen, jetzt wird der Rasierer -- und er mag der klügste
und fleißigste Mann sein -- ein fallider Fallot.
Überhaupt -- und das Wörtlein hat Meister Florin immer auf der Zunge
-- überhaupt, das fliegt so über alles hin, da steckt alles d'rin, was
der Sprecher meint, aber nicht weiß, oder wenn er gar nichts meint
und nichts weiß, als nur, daß hier ein Wort gut stehe, so sagt er:
überhaupt, und hat damit sehr viel und sehr vernünftig gesprochen. Also
-- »überhaupt«, sagt der Meister Florin, »es ist nicht mehr so wie
früher, die Welt ist ganz anders geworden, heute siegt nur das Geld und
der Protze, der Brutale, der Aufdringliche, überhaupt der Windbeutel.
Ich könnte heut' auch anders dastehen, aber ich bin immer zu ehrlich
und bescheiden gewesen. Den ersten Prügel hat mir mein Vater unter
die Füße geworfen, weil er mich nicht studieren ließ, sondern mich
zu seinem Handwerk zwang, zu dem ich niemals Lust und Schick gehabt
habe. Ich bitt' euch, ein strebsamer, intelligenter, für alles Schöne
begeisterter junger Mann, Friseur! Aber ich habe mich herausgearbeitet.
Wenn ich heute das Geld hätte, das mir die Kerzen gekostet haben,
bei denen ich die ganzen Nächte hindurch studiert habe! In den
einundzwanzig Jahrgängen der Theaterzeitung und in den Jahrbüchern
des Gothaer Almanach und im Selbstadvokat gibt's kein Blatt, das ich
nicht in mich aufgenommen hätte. Ich habe meine Freude dran gehabt,
überhaupt, ich habe immer Sinn für was Besseres gehabt. Und ich hab's
mitgemacht, wie wir die Eisenbahn bekommen haben und den Telegraph. Bei
meinem Aufwachsen hat noch keiner in unserer Gegend eine Baumwolljoppe
getragen, und das Einjährig-Freiwilligen-Institut jetzt, die
Hinterlader, überhaupt das ganze Kriegswesen. Das ist ein Fortschritt!
Ich bin fortweg bei den Fortschrittsmännern und Aufgeklärten gestanden
und überhaupt, früher ist die Welt in zweihundert Jahren nicht um das
weitergekommen, als wie zu meiner Zeit. Es ist besser geworden und
es wäre ganz gut geworden, wenn nicht die Anmaßung das große Wort
führte. Der ehrliche Mann verarmt. Es ist ja zum Rasendwerden, wenn man
betrachtet, wer heute das Heft in der Hand hat.« So seine Betrachtungen.
Er war im Stadtschulrat, aber sie haben ihn nicht zum Obmann
gemacht, er ist in den Gemeinderat gewählt worden, aber bei der
Bürgermeisterwahl, da --! Er hätte wenigstens zwei Drittel der Stimmen
gehabt, aber die Kabale! Die Kabale, ihr Herren! -- Sie haben es ganz
gut gewußt, was sie tun; denn wenn er, der Meister Florin, obenauf
gekommen wäre, da hätt's anders gehen müssen. Er wüßte schon, was zu
machen wäre! Eine Mustergemeinde hätte er geschaffen, an der sich
selbst der Staat ein Muster genommen haben würde. Man hätte »oben«
gefragt: wer ist der treffliche Mann? Gehörte er nicht vielmehr
hierher an's Ruder, als daß er seine Kraft in dem engen Wirkungskreise
vergeude?
Vor einer solchen Aussicht wird jeder Geschäftsmann -- er braucht nicht
erst Friseur zu sein -- die Lust an seinem Berufe verlieren. Meister
Florin macht bekannt: er rasiert nicht mehr. Jetzt kommen Fremde ins
Städtchen, Touristen, sie suchen einen Friseur. Ist keiner da. Sie
suchen auch einen Führer. Allsogleich tritt Meister Florin hervor und
macht seine höfliche Aufwartung, er kennt die Gegend, wie sonst gar
keiner mehr, er ist gerne bereit. -- Schön, was er begehre? -- Bitte,
es macht ihm ein Vergnügen, er ist mit von der Partie. Sie suchten
einen Führer und finden einen Kavalier. Um so besser. Den Träger für
Mäntel und Mundvorrat bestellt der Herr Florin; sie laden ihn ein, aus
ihrem Vorrate zu essen, mitzutrinken; er will nicht ablehnen, er tut
den Schinken und Flaschen sehr viel Ehre an; er ist stets delikat, aber
das ist zufällig seine Leibspeise, sein Tropfen -- hoch sollen sie
leben!
Er weiß unterwegs stets zu erzählen und spricht ganz im Geiste der
Zeit, heißt das, wenn er merkt, die Fremden hätten keinen. Er erzählt
gern von sich und was ihm eben so am geläufigsten ist; die Fremden
heucheln Interesse, so lange sie's vermögen, endlich aber danken sie
für seine freundliche Begleitung und gehen ihrer Wege.
Trotzdem, oder -- überhaupt, die Fremdenführerschaft trägt mehr, als
das Friseur- und Rasiergeschäft, sie trägt wenigstens die Kost und
man ist in der frischen Luft und Naturfreund ist man auch. Ist's und
wird's von Tour zu Tour mehr, denn überall erinnert man sich, was einen
früheren Touristen entzückt hat und das entzückt einen nun auch und so
bringt man im Laufe der Jahre eine Unzahl von »romantischen« Wegen,
entzückenden Punkten und Aussichten zusammen.
Endlich nimmt er wahr, daß er ein so gewaltiger Naturfreund und
Tourist geworden ist, daß er davon leben kann. Er läßt sich als Führer
immer noch nicht lohnen, aber die Präsente, die der Kavalier dem
Kavalier verehrt, die darf er nicht abweisen. Er hat davon schon eine
respektable Sammlung, er verkauft sie nicht, es sind werte Andenken
von hohen Bekanntschaften und lieben Freunden -- und versetzen, nur
wenn's sein muß. Auch die Touristenvereine sind ihm erkenntlich, und
wie die Assekuranzen -- die er längst vernachlässigt und verloren
hat -- einst das Äußere seines Hauses mit Agenturtafeln dekoriert
haben, so dekorieren die Touristenvereine es von innen mit Diplomen,
Gebirgskarten und Edelweißorden. Er übt wieder Gegenerkenntlichkeiten
und wirbt Mitglieder für die Vereine. So wird er bekannt und gesucht
und jeder Fremde, der am Bahnhof dem Zug entsteigt, frägt als sein
erstes nach dem Herrn Florin. Der steht schon da, stets nett beisammen,
in Nationaltracht, stets höflich, lüftet seinen Touristenhut, ist dem
Herrn zuvorkommend zur Hand beim Aussteigen, beim Gepäcktragen, bei der
Suche nach einem Hotel, und dem Fremden bleibt nichts anderes übrig,
als sich gefangen zu geben.
Der Gasthofbesitzer weiß meinen Florin wohl zu würdigen, und wenn
dieser für genossene Speis und Trank um die Rechnung ersucht, so
vertröstet ihn der Wirt von Tag zu Tag, bis Herr Florin endlich nicht
mehr ersucht und sich die Gasthauskost von Tag zu Tag so trefflich
munden läßt, als ob's auf der weiten Welt kein Stücklein Kreide gäbe.
Es geht. Sehr gut geht's, und Meister Florin sagt es selber: es ginge
ihm sehr gut! und er muß es am besten wissen. Daß er einmal Rasierer
gewesen, hört er nicht gern, es war auch nur ein Spaß von ihm gewesen,
ein schlechter Spaß. Er wohnt auch gar nicht mehr im Friseurhäuschen,
das ist der Habgier eines Gläubigers zum Opfer gefallen, gegen den
der Meister den langjährig geführten Prozeß ganz unstreitig gewonnen
hätte, wenn nicht Bestechung und Hinterlist von Seite des Gläubigers
stattgefunden hätte. Überhaupt sind die Leute heutzutage von einem
greulichen Eigennutz besessen, nur der Wirt nicht, nein, der ist ein
braver Mann. Jetzt wohnt er auch bei ihm.
So verkehrt Meister -- was Meister! Herr von Florin nur mehr mit
vornehmeren Leuten, und wenn man dem Gespräche zuhört, das er und ein
zugereister Universitäts-Professor führen, so ist kein Zweifel, wer
der Gescheitere ist -- nämlich der Herr von Florin. Man kann aber
ordentlich erschrecken, wenn Florin plötzlich behauptet, das deutsche
Kaiserreich tauge nichts und er mit wenigen diktatorischen Aussprüchen
mir nichts dir nichts die Republik einführt und der Fürst Bismarck
wie ein armer Schlucker dasteht, noch um ein paar Stündlein Leben
bittend. Der Professor ist gar nicht imstande, der Tragweite dieser
unerhörten Reformen zu folgen, daher schweigt er, und das imponiert
den umsitzenden Zuhörern. -- »Ja, wie Florin gesprochen, da hat der
gelehrte Herr nachher kein Wort mehr zu sagen gewußt.«
Wie steht er jetzt da, der Herr von Florin! Von altersher -- und zwar
seit etlichen vierzig Jahren -- heißt er Franz Viktor Florin; jetzt,
der Name ist ihm zu lang, er ist selber nicht über fünf Schuh lang, er
braucht keinen so langen Namen, er kürzt ihn, setzt anstatt des Wortes
Viktor bescheiden nur ein kleines v. und jetzt lautet die Visitkarte:
Franz v. Florin. Das steht! sehr gut steht's, und somit wäre er nun
eigentlich oben.
Aber da sehe man den Neid des Schicksals! Überhaupt, wer zum Unglück
geboren ist usw. Auf einmal legt sich der Wirt hin und stirbt und macht
den Herrn v. Florin brotlos und dachlos. Denn der junge Wirt ist ein
Zopf und sagt, Florin solle arbeiten, er sei noch stark genug dazu.
-- So! Also das ist der Lohn, daß er die Fremden herbeigezogen und
die Gegend bekannt gemacht hat! Das ist der Lohn für die Dienste, die
er dem Hause und der Gemeinde und jedermann geleistet hat! Die Kinder
werden einst als alte Leute erzählen von Herrn von Florin, wie schlicht
er war und jovial und welche Reden er der Jugend oft gehalten hat und
wie er für den Fortschritt gewesen und was ihm das Städtchen verdankt.
Manche alte Schrift von seiner Hand wird verblaßt und vergilbt noch
Zeugnis ablegen von dem strebsamen, vielseitigen Manne, der seiner Zeit
voraus gewesen. Aber heute! Heute läßt man ihn darben. Zwar findet
er immer noch gute Seelen, die seinen Nahrungsbedürfnissen Rechnung
tragen, mein Gott, er ist ja leicht zufrieden! Aber der Rock will
verblassen und die fremden Herren, wenn sie kommen, wollen mit dem
fadenscheinigen Rock nicht gerne an einem Tische sitzen. Er ist immer
noch geistesfrisch, ja lustiger als früher und weiß allerlei Schnurren,
auch singt er und macht Musik dazu auf der Zither oder der Gitarre.
Er weiß possierliche Lieder, Sprüche und schalkhafte Anekdoten. Man
lacht darüber, man wartet ihm mit einer Zigarre auf oder läßt ihm ein
Glas Wein vorsetzen und so ist es immer noch unterhaltsam. Es gibt
Leute, die sagen ihm, er solle sich nicht so an die Fersen der Fremden
heften und sich nicht zum Spaßmacher hergeben, er solle lieber wieder
seinen Rasierladen aufmachen. Das sind die Kurzsichtigen. Sie wissen
nicht, was er will und worauf er es abgesehen hat. Er wird noch eine
einflußreiche Stellung gewinnen und dann seine weltbeglückenden Pläne
durchführen.
Einstweilen verkommt er immer mehr. Mancher Fremde, der im Städtchen
absteigt, er mag Tourist sein oder Agent oder Vereinsmeier, nützt ihn
aus, so viel noch auszunützen ist. Er ist eine allbekannte Figur und
viel armseliger und niedriger denkende Subjekte, als er ist, machen ihn
zur Zielscheibe ihres Spottes.
Endlich glaubt er's, daß er nichts erreichen wird; er klagt über ein
verfehltes Leben, setzt die Hoffnung aber auf seine Kinder.
Er hat einen Sohn; der ist geistig sehr begabt, hat ganz den Kopf von
seinem Vater. Der soll studieren. Es ist kein Geld da, es ist keine
Protektion da, oder hat ein oder der andere seiner guten Bekannten doch
etwas zugesagt? Gewerbsmeister des Städtchens wollen den aufgeweckten
Jungen ins Geschäft nehmen, ihm ein Handwerk lehren. Ha, das wäre
wieder die alte Leier; dieses florinische Blut ist für was besseres rot
geworden; der Bursche muß in die Hauptstadt. Er soll sich dort selber
fortbringen, Freunde suchen und sich aus eigener Kraft aufschwingen.
Das macht den Mann. Der Vater hält ihm noch eine schwunghafte
Standrede, wie sie wortprächtiger in keinem Buche zu finden ist, und
der Junge geht in die Stadt. Er schreibt verzagte Episteln heim, der
Vater schickt ihm Briefe voll begeisternder Phrasen, aber sonst ohne
Inhalt. Da schreibt der Sohn in immer längeren Zwischenräumen immer
kürzere Briefe, endlich bleiben die Briefe ganz aus und das ist dem
Herrn Florin ein Zeichen, daß die Taube ein Gestade gefunden hat.
Nun hat Florin -- sein Weib ist ganz Nebensache, das ist da oder es
ist nicht da, einerlei; ist es da, so wird es wohl irgendwo eine
Dachkammer haben, wo es sich mit Nähen oder Stricken fortbringt --
trotzdem hat Herr Florin auch eine Tochter. Mit der läßt er sich nicht
ungern auf der Gasse blicken, denn sie ist schon bald kein Kind mehr
und wächst sich recht sauber aus. Sie als Küchenmädchen zum Wirt geben,
oder gar zu einem Bauer in die Arbeit? Nein. Das Mädchen hat bessere
Aussichten. Ein Baron war da, ein Tourist, der sagte, das Kind müsse
in die Stadt, da könne es sein Glück machen. Da erinnert sich der
umsichtige Vater sofort an gelesene oder gehörte Fälle, wo arme aber
hübsche Mädchen auch in der Stadt ihr Glück -- bisweilen sogar ein
unglaublich großes Glück gemacht haben. Der Herr Baron erklärt sich
bereit, für das Kind eine Stellung ausfindig zu machen, einstweilen
könne es in seinem eigenen Hause wohnen. -- Also doch gute Leute, und
Herr v. Florin sagt, Glück habe er niemalen viel gehabt, aber gute
Menschen habe er immer gefunden, überhaupt habe es den Anschein, daß
sich sein Glück erst bei seinen Kindern einstellen werde.
Er läßt das Mädchen fort und nun -- sind die Kinder versorgt. Sie
sind's zwar nicht, aber Florin ist gewohnt, alles so auszulegen, wie es
am schönsten klingt. Sein Stolz ist, wenn er erzählen kann: Der Sohn
studiert auf einen Doktor, die Tochter ist beim Herrn Baron.
Florin beginnt zu altern, aber er hat noch einen Plan, das ist der
einzige, den er in seinem Leben durchgeführt hätte, ~wenn~ er ihn
durchgeführt hätte. Er kann singen, versteht sich auf Saitenspiel, hat
die Gabe, zu unterhalten; er will fahrender Musiker werden. Das ist
gar nicht dumm, das ist der erste Schritt zum Mitgliede eines größeren
Kunstinstitutes.
Das Mißgeschick ließ es aber nicht dazu kommen. Überhaupt, das
Mißgeschick! Nun sitzt er viel in den Schänken herum und setzt sich zu
dem, der just da ist und hebt einen flotten Diskurs an und läßt Possen
los und will fortgehen. Die Leute sind warm, da darf der Herr von
Florin nicht fortgehen, sie lassen ihm Wein bringen. Das Wasser, das er
zum Wein gießt, hält ihn noch aufrecht. Aber beim Branntwein, da ....
Der Branntwein tut das seine und es gibt einflußreiche Leute in der
Gemeinde, die behaupten, für den alten Florin wäre es am besten, wenn
man ihn ins Armenhaus täte.
Der ~alte~ Florin?
Ja, es ist wahr, er ist grau, er sieht verfallen aus. Wenn er sich nur
öfters ein Stück Fleisch gönnen könnte! Warum sollen denn seine Kinder,
denen es in der Stadt gut geht, nichts für den Vater tun? Keines läßt
was von sich hören.
Nun wird in die Stadt geschrieben. Es kommt eine Antwort; sie ist
von fremder Hand und berichtet, daß der Sohn vor längerer Zeit wegen
Bauernfängerei eingezogen, später wieder freigelassen und seitdem
verschollen sei.
Herr v. Florin erschrickt zuerst, dann aber lächelt er, denn er glaubt
es nicht.
Aufgefordert, schreibt auch die Tochter, sie sei nicht beim Herrn
Baron, aber sie wolle ihren Eltern nicht mehr unter die Augen treten.
Herr Florin schüttelt den Kopf -- er kann es nicht verstehen.