es noch an. Aber als er selbst der leitende Teil ward, als Lehrer
in der Dorfschule, da ging es nicht mehr an. Die unterschiedlichen
Kinder machten ihm viel zu große Sorgen, als daß er sich ihrem
Unterrichte widmen konnte. Ob sie in der Fibel lesen konnten oder
auf der Schiefertafel die Ziffern zusammenzählen und in einer sehr
verläßlichen Ordnung hinschreiben, das war Nebensache. Hauptsache
war die Gesundheit. Und so kümmerte er sich, ob das kleine Volk
auch warme Joppen hätte und Schuhe an den Füßen, ob die Kinder wohl
gewaschen und gekämmt wären -- und wo es mangelte, da griff er flink
zu und trachtete, beim Bäcker, beim Müller, beim Fleischer, als den
Großen des Dorfes, für die armen Wald- und Gebirgskinder altes Gewand
zu bekommen; er nahm auch Eßwaren und ließ durchblicken, daß solche
Wohltaten an ihren eigenen Kindern würden vergolten werden. Die
großmütigen Spender verstanden das so, daß -- wie die Kinder der Armen
Not an Hemden und Strümpfen hätten -- die Kinder der Reichen zumeist
Not an guten Schulnoten haben, und daß der Herr Lehrer dann wohl den
richtigen Ausgleich treffen würde. Hans Johann sah auch wirklich
nicht ein, weshalb er die Spenden für mittellose Kinder nicht mit
hübschen Fleißzetteln und ausgiebigen Fortgangsklassen der reichen
Bürgerskinder schlichten sollte. Hauptsache war die Gesundheit. Und
so setzte er sich auch gerne zu den Kindern auf eine Bank und gab
ihnen Verhaltungsmaßregeln, wie sie gesund bleiben, ihren Körper
stärken und zur Arbeit tüchtig werden könnten. Solches Bestreben war
nicht fruchtlos und nach einem Jahre schon waren alle Kinder reinlich
gehalten, soweit ordentlich gekleidet und von frischerem Aussehen. Der
Bezirksschulinspektor aber konnte bei der Schulschlußprüfung nichts
als den Kopf schütteln und die Hände ringen, und als die Kinder nach
überstandener Plage lustig davontrollten, stellte er sich vor den
Lehrer hin, rang wieder die Hände und rief: »Aber um Gottes willen!
Herr Johann!«
Sonst sagte er nichts. War auch nicht nötig.
»Seh's eh ein,« sprach der Lehrer ganz gemütsruhig, »daß ich nicht
recht tauge zu einem Lehrer.«
»Wenn Sie irgendwo eine Stelle als Kindsmagd bekommen können,
greifen Sie sofort zu.« Mit diesem wohlwollenden Rate ging der
Bezirksschulinspektor seines Weges.
Und der Johann des seinen. Denn er war erledigt. Aber nicht auf lange.
In demselben Orte hatte er unschwer die Briefträgerstelle bekommen. Er
hatte täglich über Berg und Tal zu gehen und den zerstreuten Vierteln
die Post zu vermitteln. Das tat er auf das gewissenhafteste, und wenn
ihm ein Bauer eine Post auftrug, für ihn im Dorf Einkäufe zu besorgen,
oder eine Bäuerin irgend was Wichtiges zur Nachbarin zu befördern
hatte, so tat er's bereitwillig, vergaß aber dabei manchmal, den
Brief abzugeben. Es war zuwider, aber Besonderes daran konnte Johann
nun nicht finden. Was pflegen sich die Leute denn zu schreiben? Daß
sie, Gott sei Dank, soweit gesund sind, daß der oder die geheiratet
hat oder gestorben ist, daß es sonst nichts Neues gibt und daß sie
schön grüßen lassen. Ob die Bauern das wissen oder nicht, Hauptsache
ist, daß man ihnen mitunter eine Gefälligkeit erweisen kann. Das ging
ein Jährchen so herum. Dann kam die Geschichte mit dem Geldbrief.
An den Obergamshofer in Spittelberg hatte Johann einen Geldbrief zu
bestellen. Aber der Weg dahin ist ziemlich weit, unterwegs hatte er ein
mühseliges Bettelweib getroffen. Dem war die Fußkrücke entzweigegangen
und so konnte es nicht recht vorwärts. Johann ging ins Wegmacherhaus
um Werkzeug und zimmerte der Alten eine neue Krücke. Denn es war just
des Obergamshofers Weidknecht des Weges gekommen, dem konnte er den
Geldbrief mitgeben. »Ja richtig, Mathes,« sagte er noch, »das Blattel
da mußt unterschreiben. Nicht können tust schreiben? Nachher mach halt
drei Kreuzeln. Bin froh, daß du mir den Weg ersparst. Hauptsach' ist,
daß das Mutterl da wieder auf die Füße kommt. Bleib' schön gesund,
Mathes.«
Einige Wochen später kam's zutage, daß der Obergamshofer keinen
Geldbrief erhalten hatte, daß ihm aber sein Weidknecht durchgebrannt
war. Dieses Ereignis kostete dem Briefträger allerhand und auch den
Dienst.
Jetzt hatte er Zeit, sich den Hauptsachen zu widmen, und merkwürdig
-- jetzt verlangte niemand danach. Ja, es kam allmählich ungefähr so
heraus, als ob für den Hans Johann nun die Hauptsache wäre, einstweilen
nicht zu verhungern. Er bewarb sich also wieder um einen Dienst. Das
Steueramt im nächsten Bezirksorte suchte einen Amtsboten. Aber den
Johann nahm man nicht an, aus Besorgnis, er würde aus Erbarmen mit den
Parteien die Steueraufträge unterschlagen. Das Landesgericht hatte für
einen Gerichtsarrest die Profosenstelle ausgeschrieben; der Bewerber
Hans Johann wurde rundweg abgelehnt; der hätte keinem Arrestanten die
Türe verschlossen gehalten nach dem Grundsatz, Hauptsache bei den
Menschen sei die Freiheit. Soweit war unser Johann schon in Verruf
gekommen. Dann verscholl er auf einige Zeit, um später in einem
Haushaltungsbureau aufzutauchen.
Hier war er fleißig und gewissenhaft und füllte seine Stelle völlig
aus. Aber es war das Haushaltungsbureau eines Siechenhauses. Seine
Erholungsstunden brachte er bei den Siechenden und Krüppeln zu, um
ihnen die Zeit zu vertreiben und sie aufzumuntern. Er ließ sich von
ihnen ihre Anliegen erzählen; sie, auf die sonst niemand mehr hören
wollte, an denen jeder gleichgültig vorüberging, waren seiner Teilnahme
so froh. Er besorgte den Ofen, wenn sie fröstelten, holte ihnen ein
frisches Glas Wasser, wenn sie dürsteten, schrieb ihnen Briefe an
Angehörige. Dann blieb er noch länger und las ihnen erbauliche oder
lustige Geschichten vor oder trieb Schwänke und Späße in eigner Person.
So daß die Armen getröstet und munter wurden. Wenn er darob bisweilen
seinen Bureaudienst versäumte, so dachte er, ob die Reisballen, die
Strohsäcke und Bettdecken und Medizinen aufgeschrieben werden oder
nicht, wenn sie nur da sind. Hauptsache sind die armen Leutle und daß
sie immer einmal ein bissel Zerstreuung haben.
Da war in der Anstalt ein alter Holzhändler, so vergichtet und
mühselig, daß er in der dunkeln Stube bleiben mußte, wenn draußen die
warme Sonne schien, weil niemand war, der ihn ins Freie führte. Als
nun der Schreiber Johann erschien, der tat es gerne. Er blieb auch
sitzen unter dem Kastanienbaum neben dem alten Manne und hörte geduldig
seinen Klagen zu. Und eines Abends, als die übrigen Spazierhumpler und
Sitzer sich verzogen hatten, weil es kühl geworden, und auch Johann
seinen Schützling ins Haus führen wollte, blieb der Alte sitzen, langte
mit der dürren, fiebernden Hand hinter seine Brustjacke und zog ein
verknülltes, vergriffenes Paket heraus.
»Herr Johann!« sagte er leise und hastig, »das gehört Ihnen. Es ist
mein Geld, sie wissen nichts davon. Ich mag nit, daß es in den großen
Sack kommt, da spürt kein Mensch was davon. Sie sind der Mensch, der's
recht anwendet. Es gehört Ihnen. Da, da -- nur geschwind einstecken!«
Johann nahm das Paket in die Hand. »Sie meinen, daß ich's Ihnen
aufheben soll.«
»Ich brauch's nimmer. Will nur, daß wer was hat davon. Erspart ist's
redlich. Aber dumm dürfen Sie nit sein und es ausplauschen. Tun's es
gut einschieben.«
Es schien ihm nicht weh zu tun, dem Alten, wie er nun seinen
Sparpfennig hingab, an dem er wohl viele Jahre lang gesammelt hatte und
an dem sein Herz gehangen war. Aber angelegentlich verfolgte sein Auge
den Vorgang, wie Johann das Paket in seine Brusttasche steckte. »Schön
fleißig zuknöpfeln!« murmelte der Alte und knöpfte mit krampfigen
Fingern über Johanns Tasche den Knopf ein. Bald hernach wankte er am
Arm des Schreibers ins Haus.
An demselben Abend war's, daß der Direktor der Anstalt dem Hans Johann
eröffnete, daß er entlassen sei. Grund gab er keinen an, war auch
überflüssig. Johann wußte recht gut, daß er nicht aufgenommen worden,
um die Pfleglinge zu unterhalten, sondern um die Rechnungen und
Wirtschaftskorrespondenzen zu besorgen. Da er letztere vernachlässigt
hatte, so fand er seine Abdankung völlig in Ordnung.
Stärker überrascht war er nachher auf seinem Zimmerchen, und zwar von
der Menge Geldes, die er im Paket fand. Dafür kann man ja ein Schloß
kaufen und den alten Holzhändler in der Kalesche hineinführen! Und dann
kann der Hans Johann sein Kammerdiener werden -- so ist allen geholfen.
An einem der nächsten Tage, als er mit solch neuem Lebenslaufe beginnen
will, ist der alte Gichtkrüppel richtig schon seit frühmorgens tot.
Der Johann steht wie zerschlagen da. »Was tu' ich jetzt!« Auf die
Leiche verwendete er nicht viel, denn davon hat niemand was und der
Hans Johann ist ein praktischer Mann. Auch Almosen teilte er nur
spärlich aus; Almosen, sagte er, mache Bettler; den Leuten müsse man
viel gründlicher helfen. Von seinen großen Mitteln ließ er noch nichts
verlauten, nur daß er ein Weilchen später im vorderen Labachtal,
dort wo es windgeschützt und sonnig ist, ein Grundstück kaufte und
große Erdarbeiten beginnen ließ. Eine Anstalt für Gichtleidende und
Unheilbare soll errichtet werden, wo die armen Kranken besonders gut
gehalten werden müssen und wo er mitten unter ihnen leben will, um zu
helfen, zu trösten, wie es nötig sein wird.
Während die weitläufigen Grundfesten zu diesem Gebäude gegraben und
gebaut wurden und stellenweise schon ein Mauerwerk emporzustreben
begann, half der Johann einem notigen Kleinhäusler das Heu und das
reife Korn unter Dach bringen, denn das -- meinte er -- sei für den
Bauern die Hauptsache. Inzwischen, zu den kleinen Ruhepausen, trachtete
er im Heu oder auf den Garben dem Söhnlein des Kleinhäuslers das
Abc beizubringen; derlei Buchstaben, sagte er, seien zwar nicht die
Hauptsache, auch die Lesekunst nicht und auch die Gelehrtheit nicht,
aber daß man mit solchen Wissenschaften in der lieben Welt weiterkomme
und ein tüchtiger Mann werde, das sei die Hauptsache.
»Wann d' schon alleweil von der Hauptsach' redest, da hast eine!«
Mit diesen Worten versetzte ihm der Kleinhäusler eine klatschende
Ohrfeige. »Garbentragen heißt's jetzt und nit schulfuchsen!«
Der Johann griff sich an sein also bedachtes Haupt und schwieg. Nichtig
ist's eh, dachte er, wenn sie im Winter was zu essen haben wollen,
muß man jetzt ernten. Daß er für sich nur Undank erntete, das war
er schon gewohnt und fand es auch für selbstverständlich. So viel
Tiefblick hatte er wohl, um zu wissen, daß es am besten sei, einem,
dem man was Gutes getan hat, nachher in weitem Bogen auszuweichen;
denn die Begegnung mit dem Wohltäter, den sie nicht mehr brauchen,
ist den Leuten zuwider und der ganze Mensch wird ihnen zuwider,
sie wollen am liebsten nichts mehr mit ihm zu tun haben. Außer sie
brauchen ihn wieder plötzlich einmal, dann halten sie es auch für
selbstverständlich, daß er ihnen neuerdings hilft, und wenn er das
zufällig einmal nicht kann, so werden sie ihm weit feindseliger als
einem anderen, der ihnen nie was Gutes getan hat. Das alles hatte
Johann erfahren und er dachte weiter nicht darüber nach. Er war jedem
dankbar, der sich von ihm etwas Gutes tun ließ und blieb ihm dankbar
und betrachtete ihn als einen Gönner, dieser mochte oft noch so roh
und erkennungslos sein. Nun, so hat den Johann auch die Ohrfeige nicht
im mindesten beirrt, er half emsig Garben tragen, und abends, als
der Häusler ihm fast freundlich eine gute Nacht zurief, schlich der
Johann gerührt in seine Behausung und dankte Gott für die vielen guten
Menschen, die er erschaffen hat.
Wenn Johann dann wieder hinausging, um die Fortschritte seines Baues zu
beschauen und wie emsig hier brave Leute arbeiteten, um armen Kranken
ein Heim zu schaffen, da freute ihn die ganze Welt. Jedoch aber! Als
die dritte Auszahlung war und der Baumeister darauf drang, endlich
doch auch einen Kostenüberschlag zu bestimmen, da kam für unsern
Idealisten einmal eine wirkliche Überraschung. Er hatte gemeint, mit
seinen zweieinhalbtausend Gulden, dem Nachlasse des alten Holzhändlers,
ein stattliches Krankenhaus mit den hierzu erforderlichen Stiftungen
bestreiten zu können, und nun zeigte es sich, daß das Geld schon
verbraucht war, während das Mauerwerk kaum noch mannshoch aus der Erde
hervorstand. Da haben wir's jetzt. Der Johann griff sich an den Kopf
und rief: »Deuxl, Deuxl noch einmal, daß so was so saumäßig teuer mag
sein!« Nun mußte der Bau eingestellt werden und mit dem Gelde, das
zu so hohen Dingen bestimmt gewesen, war nichts geschaffen als ein
durchwühlter Boden mit Schutt und Steinen. Hans Johann wollte sich
jetzt den Kopf wegreißen. Nicht ob der Leute Gelächter und Spott, denn
hierin hatten sie ja recht, und er lachte und spottete mit ihnen --
ach wie bitter bitterlich ist es, sich selbst auslachen zu müssen.
Daß er aber ein so grundschlechter Verwalter des Nachlasses gewesen
und kein einziger Notleidender davon auch nur um eines Hellers Wert
Erleichterung hatte, das wollte ihm nicht gestatten, einen solchen Kopf
noch länger auf dem Rumpfe stehen zu lassen. Jetzt wußte er endlich
auch, was bei ihm die Hauptsache war. Eine grenzenlose Dummheit.
Fast schien es, als hätte er nun auch allen Kredit verloren. Wenn
er jemand auf der Straße das Bündel wollte tragen helfen, oder wenn
er am geländerlosen Labachsteg schwindelige Leute hinüberführen
wollte, da sagten sie dreist: »Schau du auf dich selber!« Und das war
tatsächlich ein guter Rat, denn er begann leiblich zu verkommen und
zu verderben. Auf der Baustelle, zwischen den Mauern und Sandhaufen,
baute er Erdäpfel an, aber diese wußten, daß der stolze Grund nicht
ihnen vermeint gewesen, fühlten darob ihre Ehre verletzt und wollten
nicht recht wachsen. Als sie im Spätherbste endlich doch so weit waren,
daß sie den Spaten lohnten, dachten die Nachbarsleute: der Johann
verschenkt sie ja doch! und stahlen ihm die Erdäpfel in der Mondnacht.
So ist die praktische Seite von Johanns Tätigkeit stets unpraktisch
ausgefallen, während über die ideale Rechnung im Himmel gewacht
wird, wir einstweilen also keinen Einblick haben. Zu jener Zeit
aber behauptete ein tiefsinniger Mann, der Hans Johann würde seinen
Mitmenschen noch einmal tüchtig imponieren und er hätte das Zeug zu
einer großen Heldentat. Man hörte aber nichts weiter, als daß Johann in
einem Eisenwerke ein Weilchen Schichtenschreiber war. Später soll er in
einem Meierhofe des Unterlandes als Taglöhner gesehen worden sein. Und
dann hörte man gar nichts mehr von ihm. Er war verschollen und auf der
verlassenen Baustelle, wo das große Krankenhaus hätte stehen sollen,
wucherten Nesseln und Disteln.
Um so merkwürdiger ist es, daß viele Jahre später von Leuten, die darum
wußten, bei Mostar in der Herzegowina auf einem Friedhof ein halb
verwitterter Grabstein gefunden wurde, der die Inschrift trug: Hans
Johann, Soldat aus dem steierischen Infanterieregiment 27. Und darunter
einige Worte in türkischer Sprache. Die darauf angestellten Forschungen
ergaben folgendes: Hans Johann soll unter außergewöhnlichen Umständen
für einen jungen Rekruten, der sehr an Heimweh litt, eingestanden sein,
sei aber ein spottschlechter Soldat gewesen. Bei dem Einmarsche der
Österreicher in die Herzegowina habe sich auf einem Bergpasse zwischen
den Österreichern und den Türken ein Gefecht entsponnen. Johann sollte
schießen, da sah er in demselben Augenblick, von einer anderen Kugel
getroffen, einen türkischen Soldaten fallen. Das Gewehr warf er weg und
eilte hin, um dem Schwerverwundeten beizustehen. Während er ihm aus
seiner Feldflasche Labung einzuflößen suchte und ihn aus dem Bereich
des Kampfes schleppen wollte, sank er selbst nieder, von einer Kugel
getroffen. Der türkische Soldat, der mit dem Leben davongekommen,
habe den barmherzigen Österreicher mit Ehren begraben lassen und
den Denkstein mit der Inschrift gestiftet. Die türkischen Worte auf
demselben heißen zu deutsch: Aller Hauptsachen Hauptsache ist die
Liebe.
Der Himmelherrgottswirt.
Eins sagt man den Tirolern nach. Sie hätten nämlich -- sagt man --
ihre Straßen darum so krummlinig angelegt, damit die Fremden um so
länger durchs Land zu reisen und dabei um so mehr Geld im Lande zu
lassen hätten. Indeß vermute ich, daß die krummen Linien weniger vom
geradsinnigen Tiroler, als vielmehr von seinen höckerigen Bergen
herrühren. Wohl wahr, die Straßen, die dort und auch anderswo im
Zickzack die Täler durchziehen, wie eine mit schwerfälliger Hand
gezogene Schrift, könnten streckenweise nachdenklich machen, wenn
nicht schon die Eisenbahn da wäre, die, keinen Berg und keine Schlucht
respektierend, die alte Schrift mit geraderen Linien durchstreicht.
Ich bin kein Ehrabschneider, aber dem Himmelherrgottswirt zu St. Peter
beweise ich's, daß er viele Jahre lang jene Absicht hatte, die man den
Tirolern ungerechtfertigterweise zuschreibt.
Man sieht's ihm sonst nicht an, er ist ein Bauer wie jeder andere,
und trägt auch gerade kein Gesicht um, dem man so viel Bösartigkeit
zutrauen könnte! Aber er hat ein Wirtshaus und treibt Handel, und so
Leute, die ihren Vorteil bei anderen Leuten suchen müssen, werden es
allmählich gewohnt, andere zu übervorteilen. »Geschäft« heißen sie es.
Ja, wenn jedes unschöne Ding einen so schönen Namen hätte, es gäbe
keine Betrüger und Gauner und Galgenstricke auf der Welt.
Weiter sagt man dem Himmelherrgottswirt nichts Unrechtes nach. Daß ich
nur erzähle.
Das Dörflein St. Peter mit der Kirche und dem Wirtshaus steht auf
einem Hügel. Die belebte Straße, die durch das Tal geht, steigt diesen
Hügel hinan und drüben wieder hinunter in dasselbe Tal. Auf der
Höhe, just vor dem Kirchhofstore, auf einer weißen Tafel steht mit
schwarzen Lettern der schöne Spruch: »Radschuh bei Strafe von zwei
Gulden!« Was sind an diesen beiden Steigungen nicht für höllische
Wetter zusammengeflucht worden von blaukitteligen Fuhrleuten! Ruckweise
gehetzt und geflucht, dann wieder geschoben und geflucht, dann wieder
stecken geblieben und geflucht, und nachher die wilde Jagd von einer
Wasserkehre zur andern und geflucht.
So ging's Tag und Nacht und selbst am Festtage war keine Stunde frei
von solchem Lärm. Was sind die Rösser seit Urzeiten nicht geprügelt
worden auf diesem Wege zum heiligen Peter hinan! Aber oben -- fast
schon oben nah' der Kirche -- stand das Wirtshaus, da gossen die
Fuhrleute Wein auf ihre Galle. Und hinunter ging's lustiger, da gab's
nur zu fluchen, wenn bei Nichtanwendung des Radschuhes der Wagen einmal
ein paar Pferde niederstieß und darauf der Zöllner die zwei Gulden
Strafe einhob.
Ähnlich ging's Jahrzehnte lang zu. Da kam den Leuten vor wenigen Jahren
eine merkwürdige Idee, die weiß Gott wie lange schon in der Luft
gehangen sein mochte oder unten auf dem Erdboden gelegen neben dem
Bach, ohne daß sie ein Mensch gefunden hätte.
»Warum,« sagten die Leute auf einmal, »muß die Straße den vertrakten
Berg hinansteigen? Warum soll sie nicht unten im ebenen Tal neben dem
Bach hinlaufen wie die vielen Meilen her?«
Warum? Ja, es wußte keiner warum. Nur der Kirchenwirt zu St. Peter gab
Antwort.
»Warum?« sagte er und machte die Augen zu, wie er immer tat, wenn er
etwas Gescheites sagte, »das ist desweg', weil im Tal beim Bach meine
Wiese ist, über die ich nicht fahren lasse.«
»Du laßt nicht fahren!«
»Laß nicht fahren.«
»Kirchenwirt,« sprach ein anderer, »du weißt recht wohl, daß dir deine
Wiese gut bezahlt werden wird.«
»Weiß es wohl.«
»Aber du weißt es auch, daß dein Wirtshaus auf dem Berg von der Straße
leben muß. ~So~ steht die Sach'!«
»Und so wird sie auch stehen bleiben!« Damit schnitt der Wirt das
Gespräch ab.
Seitdem war's wieder beim Alten. Aber doch nicht ganz. Früher fluchten
die Fuhrleute, aber sie wußten nicht, auf wen; die steile Straße
war unschuldig, sie wäre am liebsten gar keine Straße und möchte
grünes Gras auf sich wachsen lassen; die schweren Eisenflossen waren
unschuldig, sie wären am liebsten für alle Ewigkeit im Erzberg ruhen
geblieben. Und die Weinfässer, Salzladungen und Kornsäcke konnten
nichts dafür, daß sie so schwer wogen -- und den Pferden konnte im
Grunde nichts Überpferdliches zugemutet werden. Und wenn manchmal
eine Kutsche mit Leuten bepackt heranächzte, so waren es gerade diese
Lasten, die am wenigsten ein Scheltwort annehmen wollten. Die schönsten
Flüche verpufften in der Luft. So früher. Aber jetzt! Jetzt wußten
sie, wer Ursache war des blutigen Marterweges zu diesem Dorfe hinan,
wo schließlich keiner was zu tun hatte, was nicht auch im Tale getan
werden konnte. Die Flüche nannten von nun an den Kirchenwirt, schossen
dem Kirchenwirt zu, diesem »kreuzvermarideiten Himmelherrgottswirt!«
Wer wüßte es nicht, wie einzig so ein blaukitteliger Fuhrknecht in
seiner Wut schelten kann. Und so bekam der Kirchenwirt den an und für
sich sehr schönen, aber seiner Ursache wegen nicht schmeichelhaften
Titel: »Himmelherrgottswirt«. Man muß es nur hören, wie das klingt,
wenn es zwischen knirschenden Zähnen herausgeknurrt wird.
Aber der Himmelherrgottswirt machte sich nichts draus. Eher, als
er die Straße unten im Tale über seine Wiese gehen ließe -- an St.
Peter vorüber, ohne nach St. Peter zu kommen, und die Fuhrleute und
die Reisenden etwa gar unten beim Mosthansel einkehrten -- eher läßt
er sich kohlschwarz anfluchen über und über; dem Geldbeutel tut das
ja nicht weh. -- Dem Geldbeutel, meint ihr, das Fluchen nicht weh?
Ja, seht, das Heranfluchen freilich nicht, aber das Vorbeifluchen
doch! Die schwersten Fuhrwerke ächzten an dem Wirtshause vorüber und
kehrten im Tale beim Mosthansel ein. Das war sonst eine recht kleine,
schlichte Wirtschaft gewesen, beim Hansel, denn der Kirchenwirt hatte
sie nie emporkommen lassen. Aber jetzt schaffte sich der Hansel mehrere
Gattungen Weine an -- alte und junge, weiße und rote, süße und saure
-- fast so verschiedenerlei, als der Gäste waren; legte sich auch Heu,
Hafer und Mais zu, den Zugtieren zu Nutz; und Tierfleisch für solche,
die Heu und Hafer verschmähten und sich doch sättigen und stärken
wollten zum Fluchen über den Hügel, oder sich davon zu erholen hatten.
Der Hansel selbst war ein junger, umsichtiger und unterhaltsamer
Mann, der mit einer alten Muhme, die recht schwätzen konnte, die nun
aufblühende Wirtschaft betrieb. Und wenn der Sonntag kam, so kamen
sogar die Bauern der Umgegend zum Hansel zusammen, weil dort jetzt
immer Gesellschaft war, und auch weil es freier herging, als wie beim
Kirchenwirt, wo der Pfarrhof und der Friedhof so nahe waren. Da fanden
sich auch Musikanten ein, und es tat sich zur Sommerszeit oft ein
ganzes Volksfest zusammen vor dem Mosthanselhaus.
Zu solcher Zeit schien es fast, als käme die Reihe zum Fluchen an den
Himmelherrgottswirt. Tat's aber nur im Gedanken; auswendig schnitt er
ein lustiges Gesicht.
»Das wär' schon zum Lachen, wenn unsereiner auf so ein paar läppische
Roßknecht' anstünd'. Man hat eh' von diesen Leuten mehr Schaden gehabt
als Nutzen. Den Hof voll Mist, ja, das machen sie einem, und schuldig
bleiben, das können sie wie's Schmenten (Fluchen) und das Schmenten
können sie weit besser wie Vaterunser beten. Fuhrleut' Geld haben! Ja,
wer's glaubt, wird selig; auf meiner schwarzen Tafel steht ein ganz
anderes Evangeli zu lesen. Und die Herren Kavaliere, die vorbeifahren
-- hört mir auf, denen ist das beste zu schlecht und das wohlfeilste
zu teuer. Mag mich gar nimmer scheren mit so Leuten -- mag nicht, sag'
ich!«
»Da hast einmal in Grund und Boden recht, Wirt,« entgegnete ihm darauf
eines Tages der Tabakkrämer. »Desweg' ist's am gescheitesten, wir
bringen die Straße zum Dorf herauf ganz ab. Lassen es gar nicht mehr
herauffahren, das Bettelvolk -- soll unten bleiben am Bach und Kroißen
(Krebsen) fangen.«
»So redest ~du~!« rief der Wirt, »du, der morgen schon Hunger
leidet, wenn heut' kein Fuhrknecht mit der Blader vorspricht! Oder
willst du ihn dir mit Essig und Öl machen lassen, deinen Tabak?«