Selten und seltener wurde der Mann, der nun -- wie er in der

Beschreibung seiner Luftreise dartat -- schon mehr als »~fünfzig~

Lebensjahre sein eigen nannte«, in der Stadt gesehen, immer

unregelmäßiger besorgte er die Handelsinteressen seiner Firmen, und

endlich blieb er ganz aus. Sonst war Peter seiner absonderlichen

Wesenheit wegen allemal unschwer auffindbar gewesen, diesmal aber

vergingen Monate, ohne daß eine Spur von ihm zu entdecken war. In den

Blättern blieben die Aufrufe aus; der Hausherr, bei dem Peter sich

die Kammer gemietet hatte, warf die bescheidenen Armseligkeiten ins

Versatzamt, oder sonstwohin, und man mußte annehmen, daß der »Tourist«

auf einer seiner Hochtouren verunglückt sei. Da ging im Spätsommer

desselben Jahres in der Stadt das Gerede um, draußen hoch in den

Bergen, im Dorfe des heiligen Oswald, sei ein Bauernknecht gesehen

worden, der zwar nicht an Gewandung, wohl aber im Angesichte und allem

Gebaren dem verschollenen Peter Berner aufs Haar ähnlich sehe.

Kaufmann Steinbacher machte sich auf den Weg in das entlegene

Bauerndorf, dort fand er nach vielem Suchen seinen Mann hoch oben an

einer Feldlehne, wo dieser hinter einem Ochsenfuhrwerk vermittelst

einer Eisenkrampe mit nervöser Hast vom Karren Stalldung auf die Erde

kraute. Sein Anzug bestand aus arg zerfahrenen Bauernkleidern, wovon

die Hose zu schlotternd, die Joppe zu knapp war. An den Füßen trug er

nichts als »Schuh von Menschenhaut«, wie er die Barfüße nannte, auf

seinem Haupte aber saß -- von braunen Stallfliegen umsummt -- der weiße

Zylinder.

»Peter!« rief der Kaufmann, »Peter, aber was treibst du da?«

»Grüß' dich!« knurrte Peter, ohne von seiner Arbeit abzulassen, befahl

dann den Ochsen, daß sie ein paar Schritte weitergehen sollten und er

ein neues Häuflein vom Karren krauen könne.

»Bist du endlich toll geworden, mein lieber Freund!« rief der Kaufmann.

Da warf Peter die Krampe weg, schlug die Arme aus. »Toll geworden! Toll

geworden!« sprudelte er in seiner schnarrenden Weise, »weil ich aus dem

übelriechenden Steinhaufen geflohen bin, den ihr Stadt nennt, ihr armen

Teufel! Weil ich eure Windbeuteleien verlache, die ihr Kulturleben

heißt, ihr armen Teufel! Weil ich in der schönen Natur leben will,

in der frischen Luft, unter dem freien Himmel Gottes, den ihr nicht

ertragen könnt, ihr armen Teufel! Da er die blendende Sonne hat, die

gewaltigen Stürme hat, darum, sagt ihr, toll geworden?! O, du armer,

armer Knabe, komm an meine Brust, laß dich küssen!«

Damit stürzte er dem Freunde ans Herz. Der Kaufmann schämte sich

unbändig, aber es war nicht anders, denn Peter weinte wie ein Kind.

So hatte dieser wunderliche Mann, dessen Existenz nach allgemeiner

Schätzung eine sorglose, behagliche gewesen, solche von sich geworfen;

so hatte er sich als Bauernknecht verdingt aus Liebe zur Natur. Willig

hatte er die schwersten Arbeiten, denen sein Körper nicht gewachsen

war, verrichtet, die ungewohnte Nahrung, das schlechte Nachtlager

ertragen und die Roheiten der Dorfleute, die ihn freilich nicht so

anwiderten, weil sie ja »Natur« waren gegenüber den giftigen Bosheiten

und süßelnden Falschheiten der Städter.

»Stadtdodel!« schrie ein Junge vom Hof herüber und meinte Peter. »Ja,«

sagte dieser, zum Kaufmann gewendet, »das muß ich mir gefallen lassen,

weil ich's einmal gewesen bin, weil ich heute noch städtische Unarten

an mir habe. Stadtdodel! Hast schon recht, Franz! Mordsbub!«

Es bedurfte viel, den Mann, den sie auf dem Dorfe geradezu verhöhnten

dafür, daß er ihnen seine Kraft weihte, sein Herz gebracht hatte! -- es

bedurfte viel, um ihn von den Fluren des heiligen Oswald loszubringen

und wieder zu einem halbwegs zivilisierten Menschen zu machen. Es

bedurfte vielen Zuredens, vieler List und besonders vieler Seife.

Aber endlich sah man den Napoleon doch wieder durch die Stadt haspeln,

hörte im Gasthause wieder seinen scharfen Laut, wie er in rasch

herausgestoßenen Worten unermüdlich das ländliche Leben beschrieb, bis

ihm vor Begeisterung und Rührung die Stimme brach.

Und nun zu dieser Zeit, da seine Schwärmerei für Idylle und Einfachheit

den höchsten Grad erreicht hatte, tat er etwas, was er tun mußte, weil

es im Schicksalsbuche solcher Menschen steht, mit heiligem Schwunge

stets das Ungereimteste zu vollbringen. Peter Berner ging nach Paris.

Freilich nicht die Weltstadt lockte ihn, aber der Freund rief ihn,

Godard der Luftschiffer telegraphierte aus Paris, er möge so bald als

möglich zu ihm kommen.

»Der Mann ist in Not!« rief Peter aus, »ich muß ihm zu Hilfe kommen!«

Mit einem Ruck waren alle kommerziellen Fäden, die ihn bereits wieder

umgarnt hatten, zerrissen, er reiste nach Paris.

Dort fand er seinen Freund in einem Zustand, von dem er bis ins

Innerste erschrak. Godard war reich geworden. Mit den Luftballon, den

ihm Peter einst erbettelt, hatte er sich ein Vermögen erworben, den

Ballon dann in die Rumpelkammer geworfen und sich in das Weltleben

gestürzt, an dem er nun mit allen Fasern eines lustigen Franzosen hing

und sog.

»Was willst du mich? Was soll ich da?« schrie ihn der empörte Berner

an, als ihn jener in die prunkenden Gemächer seines Hotels führte.

»O, Freund! Freund!« rief der Franzose, »ik dich aben lassen holl,

+pour remercier+, ik dir danken, +ma fortune+, +ma prospérité+, mein

Sukunft! Ik dir wollen erweisen +la joie+, +l'honneur+, +l'amitié+! Oh,

Freund, +pardon+, daß ik sprecke +en ma+ Muttersprak, es jauchzen mein

'erz zu können dich umarm! Ik grüßen, ik grüßen dich!«

Godard gab hierauf zu Ehren der Anwesenheit seines Freundes ein

glänzendes Fest, überhäufte ihn mit Ehren. Der Mann, der ein paar

Monate früher in einem steierischen Gebirgsdorfe Stalldung vom

Karren gekraut hatte, war jetzt Mittelpunkt einer der feinsten,

geistsprühendsten Gesellschaften der Seinestadt. Die französische

Liebenswürdigkeit, mit der ihm das Fest in großem Stile geboten

wurde, berückte sein leicht erregbares Gemüt; das Weltleben, das er

bisher verachtet hatte, umgarnte ihn plötzlich mit allen Zaubern

und Reizen einer schönen, koketten Frau, die ihn »zu einer nie

dagewesenen Begeisterung« hinrissen. Nach seiner Rückkehr aus Paris

erzählte er uns strahlenden Angesichtes, daß er bei jenem Feste »mit

~tiefbewegter~ Stimme eine ~brillante~, von ~tosendem~

Beifall oft unterbrochene Rede« gehalten habe, in der er für die

»~höchst ehrende~, eines Königs würdige Auszeichnung« dankte.

Der Aufenthalt in Paris schien für einige Zeit der Mittelpunkt seines

Lebens geworden zu sein. Wohl pries er die Natur wie vor und eh, aber

er stand nicht mehr mit jener weltüberlegenen Lust auf dem hohen Berge,

sah nicht mehr durch die glückselige Kindesträne den Aufgang der Sonne.

Es beunruhigte ihn -- Paris. Es war ein Zwiespalt in ihn gekommen,

dessen er sich selbst kaum bewußt ward, der aber tückisch an seinem

Gemüte nagte. -- Das Gedächtnis seines Freundes hielt er fort und fort

über alles hoch in Ehren und das großmütige Geschenk, eine goldene,

auf seinen Namen geprägte Erinnerungsmedaille, mit dem der dankbare

Franzose sein Fest gekrönt hatte, war und blieb sein Stolz und seine

Freude bis an sein Ende.

Der lange Rauk.

Von meinem Fenster aus gegen Osten hin sehe ich eine Hochebene, auf

der lauter Wald steht. Junger, gemischter, stundenlanger Nadelwald.

An klaren Tagen werden im fernsten Hintergrunde blasse Berge

sichtbar, sonst aber scheint sich mein Wald ins Blaue und Unendliche

zu verlaufen. Hie und da stehen über das jüngere Baumgeschlecht

breitkronige oder spitzige Stämme aus den vorigen Jahrhunderten empor

wie Kuppeln oder Kirchtürme in einer Stadt.

Besonders ist es ein Baum, der weit draußen im blauenden Meere des

Waldes steht, von unten hinauf buschig ist, sich aber allmählich in

eine schlanke, scharfe Nadel aufspitzt -- nicht anders zu sehen als der

Stefansturm, wenn man von einer Anhöhe der Umgebung hineinblickt auf

Wien. Wenn ich dann noch ein Übriges tue, nämlich den Kopf niederbeuge

und zwischen die Beine durchblicke hin auf den Wald, da hat mein

solcher Stellung ungewohntes Auge das schönste Schattenbild von Wien,

wie es mit seinen Zinnen und Türmen daliegt. Nur daß die Einzelheiten

dort der Stadtdunst verhüllt und hier der Höhenrauch. Aus Wien ist es

mir noch nie gelungen, einen Wald zu schaffen, aber aus diesem Walde

baue ich Euch dergestalt ein Wien, so oft ihr wollt. Und wenn ich meine

beschauliche Stunde habe, so setze ich mich in einen Winkel meiner

Stube, so daß mir das Waldmeer mit dem Stefansturme im Fenster liegt,

und denke: das ist das ausgestorbene Wien; man hört keinen Laut, sieht

kein Rauchwölklein aufsteigen aus seinen Giebeln. Und was war das einst

für Lust und Leben in diesem Wien! Aber die Lust ist erstickt in der

Begier, das Leben ist versunken in seinen Sünden. Nur die Formen der

Stadt ragen noch starr und düster.

Ein frevelhaftes Träumen! Wie kann man den reinen, friedensvollen,

tausendfältig lebenden, in hundert klaren Quellen sprudelnden, in allen

Wipfeln säuselnden und von Vogelsang erklingenden Wald -- wie kann und

darf man ihn vergleichen mit einer großen Stadt! -- Aber wenn ihr nur

erst kommt und seht, besonders diesen Baum: es ist der leibhafte Turm

von Sankt Stefan.

Des ward ich mir endlich klar, eine uralte Fichte muß es sein, an der

Sturm und Blitz Wipfel und Astwerk zerrissen, den Stamm von oben herab

kahl gehauen, und der in seinem Schaft und in seinen tieferen Kronen

doch zu gewaltig ist, als daß ihn Sturm und Blitz vernichten konnten.

So steht er da, ein vielhundertjähriger Geierhorst, und die ältesten

Leute der Gegend sagen mir, ihres Erinnerns habe der Baum nie anders

ausgesehen als heute.

In früheren Jahren, da ich den Wald durchstreifte, habe ich mich

bemüht, den Baum aufzufinden und an seinen Fuß zu gelangen. Es war

mir aber nie gelungen. Entweder ich verlor die Richtung oder kam in

Dickicht, Gefällholz, Struppwerk, auf grundlosen Moorboden, so daß ich

umkehren mußte. Es gibt Gründe darin, auf die jahraus jahrein kein

Sonnenstrahl fällt, aber ich weiß es wohl, daß der Eigentümer schon

sehnsüchtig die Jahre zählt, bis er »stocken« wird. Manchem prächtigen

Tier begegnet man im Wald, aber auch manchem stattlichen Jäger. Mit

dem Zauber des Urwaldes wäre es also nicht sehr weit her, und doch

war es wie verhext, daß -- so sehr mir außerhalb des Waldes stehend

die Richtung klar war -- ich in ihm wandelnd meinen Stefansturm nicht

finden konnte. Es ist aber auch in der wirklichen steinernen Stadt

Wien Etlichen nicht anders ergangen. Ich fand manchen mächtigen Baum,

der hoch über die andern hinausstand, der wild und zerrissen war und

von dem ich mir einbildete, er sei's. Bei näherer Prüfung war er's

allemal nicht. Ich hatte mich auch schon mehrmals im Walde verirrt,

so daß mir einfiel, was die Leute sagen, es wären Irrwurzeln drin,

und wer auf eine solche trete, der finde gar nicht mehr aus dem Walde

hervor, sondern müsse immer im Kreise herumgehen, so lange bis ihm

ein Sonntagskind begegne. Die Erfahrung lehrt aber, daß man sich mit

Sonntagskindern auch verirren kann, besonders wenn sie hübsch sind.

-- Dabei hatte mir das Suchen einen solchen Reiz, daß ich mich nie

entschließen konnte, einen Führer zu nehmen. Und so sind elf Sommer

vergangen, an denen ich oftmals nach Sankt Stefan im Walde pilgerte,

ohne ans Ziel zu gelangen.

Im heurigen Frühsommer, als auf den freien Matten die Hitze zu groß

ward, als auf den Wiesen die klaren Bächlein im Sande versickerten und

das kurze Federgras zu gelbem Heu welkte noch auf den Wurzeln, als

fortwährend die trockenwarmen Winde hinfegten über das fahle Erdreich

und die Wolken des Himmels aufsogen, als in meiner Nachbarschaft sogar

ein Brunnenständer samt Trog niederbrannte -- da war keine Freude mehr

auf freien Weiten, da hielt ich mich die längste Zeit im Walde auf. Man

konnte viele Stunden im Moose liegen und bekam keinen Schnupfen; die

Mückenschwärme mit dem prickelnden Gifte existierten fast nicht, dafür

drückte die heiße Sonne, die über dem Walde lag, allen Wohlduft der

Harze zu Boden und das fliegende und kletternde Getier kam auch herab

gegen den kühleren Erdengrund und trieb sein munteres Wesen vor meinen

Augen. So war es ein wonniges Sein.

Manchmal begegnete ich einem Waldbruder, nicht viel seltener einer

Waldschwester -- Früchtesammler, auch arme Leute, denen draußen, »weil

des Gesindels schon allzuviel ist«, die Tür vor der Nase zugeworfen

wurde, und die gekommen waren, um in unseres Herrgotts schattigem

Speisesaal zu essen. Am merkwürdigsten von all diesen wunderlichen

Leuten war mir der lange Rauk. Ich kenne ihn schon seit ein paar

Jahren, er bringt bisweilen Beeren ins Dorf. Ein hochschlanker,

blatternarbiger Geselle ist's, mit einem schwarzen Bart und einem

langen braunen Lodenmantel, den er um den Leib zu werfen weiß, daß er

darin schier nicht anders aussieht, wie der heilige Apostel Jakobus.

Den hat nicht der heiße Sommer dürr gemacht, sondern die Faulheit, er

will nicht arbeiten. Die Leute sagen, er wäre so häßlich, der lange

Rauk; ich sage, er wäre das Entzücken der Maler.

Als ich denn auf meinen diesjährigen Waldgängen öfter mit dem Rauk

zusammentraf, gab ich ihm den Rat, er möchte sein Geschäft aufgeben.

»Welches Geschäft?« fragte er.

»Das Hungerleiden.« Möchte es aufgeben, möchte in Malerschulen gehen

und sich abmalen lassen.

»So!« antwortete er und ich merkte, wie er innerlich empört war. »So!«

sagte er.

»Dort braucht Ihr nichts, als dazusitzen,« belehrte ich, »oder auch an

der Wand zu lehnen, wie eben die Herren wollen; es sind unterhaltsame

Burschen, diese Maler; mancher auch sagt gar nichts und ist ganz

Pinsel. Ein Pfeifel Tabak spendieren sie mitunter und zahlen auch noch

das Tagwerk, achtzig Kreuzer, die Verschwender gar einen Gulden und

mehr.«

»So!« antwortete er tief gedämpft, »so!« sagte er. Und fuhr dann fort:

»Ein Kerl, dem's schon übel genug ist, daß er auf seinem heustanglangen

Geripp' ein anschieches G'friß (häßliches Gesicht) herumtragen muß

auf der Welt! Wenn ich mich noch ducken kunnt! verstecken kunnt und in

der Kirchen nit so höllisch lang hinausstehen tät' über die anderen

Köpf, just wie die Rauberfeichten im Ziselwald! Zum Hasenschrecker

möchten sie mich gern brauchen auf ihren Krautäckern, wenn sie mich in

die Erden stecken kunnten, wie einen Krautscheuchstecken und nit Angst

hätten, daß ich ihnen selber die Gebel tät' fressen. Und so ein Kerl

soll sich noch abmalen lassen? Sollen ein paar Jahrl warten, bis von

meinen Knochen Haut und Haar weg ist, nachher bin ich so schön wie die

anderen im Beinhaus!«

Es stellte sich heraus, daß der lange Rauk sich nur darum von den

Leuten und ihren Arbeiten zurückgezogen hatte, weil sie ihn seiner

Häßlichkeit wegen verhöhnten.

»Ich ertrag's nit!« sagte er, »ich hab' Weiberhoffart in mir, die

hab' ich von meiner Mutter geerbt. Faulheit! sagt vor etlichen Tagen

der Herr Meigel aus dem Flecken zu mir. Bei sich selber nennt er's

Ruhestand. Ich weiß recht gut, daß man Gott den Herrn kniend verehrt

und den Teufel liegend. Oh, ich fürcht' mich allzusehr vorm Stinken,

als daß ich nichts tun möcht'. Mach's freilich nit so wie die andern

Leut', die nur desweg arbeiten, damit sie Mittel kriegen zum Faulenzen.«

»Aber ein Krügel Wein bisweilen will doch verdient sein!«

»Was hilft mir der Wein, wenn ich ihn im Wirtshaus nit mit Frieden

trinken kann! Allerweil: Der lange Rauk! Der schieche Rauk! Der dürre

Rauk! Und -- der dumme Rauk! Das sag' ich mir selber, der dumme

Rauk, der sich unter die Leut' setzt und seines Vaters einzigen Sohn

ausspotten laßt!«

Was die Wirtshausgesellen sagen, meinte ich hierauf, das könne ihm

ziemlich gleichgültig sein; wichtiger sei es, was die Weibsleute von

ihm dächten.

»O Jeß, die Weibsleute!« rief er aus. »Ihrer zehn oder zwölf Jahr' lang

hab' ich mich foppen lassen, alsdann hab' ich genug gehabt.«

Das sei nichts, meinte ich, die schönsten und tüchtigsten Männer würden

ihr Lebtag lang gefoppt.

»Das schon,« sagte der Rauk, »und die schönsten und tüchtigsten Männer

foppen wieder. Von einem Kerl wie unsereiner ~laßt~ sich aber

keine foppen, und das verdrießt mich.«

Ob er ein Hiesiger wäre?

»Vaters halber ist's schon möglich,« antwortete er, »der Pfarrer sagt,

er weiß nichts davon -- heißt das, im Kirchenbuch. Mit den Musikanten

bin ich umgegangen, aber wie mir die Zähne ausgefallen sind, hat das

Blasen ein End' gehabt. Hab' ich mich halt im Ziselwald eingenistet,

und muß alle Tag' ein bissel achtgeben, daß ich nit verhunger'.«

Wo er seine Wohnung habe?

»Gleich können Sie ihn sehen, den Turm von meinem Gschloß!« rief er,

und in der Tat, als wir noch einige hundert Schritte zwischen jungem

Fichtenwald hingestrichen waren, stand uns über dem Gewipfel her das

Bild entgegen. Fast schon in der Nähe ragte aus dem Schober eines

wildmassigen finsteren Astwerks die knorzige Nadel empor. Es war mein

Stefansturm.

»Das freut mich,« sagte ich, »daß wir auf einmal bei diesem Baume sind.«

»Wir sind noch nit bei ihm,« entgegnete der Rauk. Und wahrlich,

wir hatten noch eine halbe Stunde oder länger zu tun, bis wir ihn

erreichten. Die Bäume standen sehr dünn, waren verkrüppelt und hatten

Flechtenbärte, der Boden hatte eine blaßgrüne Moosdecke, auf der

gruppenweise Binsen mit ihren weißwolligen Federbüschen standen, und

Sauerklee, Seidelbast und Wildfarnkraut. Der Waldsteig, den mein

Begleiter früher einzuhalten wußte, obwohl er streckenweise kaum zu

erkennen war, hatte sich ganz verloren, und mit jedem Schritte sanken

wir bis über die Knöchel in den schwarzen, moorigen Ungrund. Der Rauk

schleppte einen Zipfel seines Mantels hinter sich nach wie ein König,

doch sank er nicht so tief ein als ich, weil er breiteres Schuhwerk

hatte und das Gehen auf solchem Boden besser verstand.

»Sich fein gering machen!« rief er mir immer zu. Wenn ich nur auch

gewußt hätte, wie man das anstellt. Leicht und vorsichtig auftreten,

das kann man, doch der Rauk behauptete, man könne mehr. Man könne sich

mit gutem Willen um etliche Pfunde leichter machen; der feste Willen

hebe einen hoch, wie der Suppendampf den Hafendeckel. Er habe schon

Wetten gewonnen, indem er sich in derselben Minute mehrmals wiegen

gelassen auf der Fleischhauerwage, und ganz verschiedenes Gewicht

gegeben. »Gebt acht, jetzt mach' ich mich schwer!« sagte er, und sank

auf der Stelle tiefer ein.

Ich hätte ihm seine Kunst aufgelöst, wenn Zeit und Stimmung dazu

gewesen wäre. Einstweilen mußte ich trachten, einen so starken Willen

zu entwickeln, daß er mich zur Höhe hob, »wie der Suppendampf den

Hafendeckel«, und wir weiter kamen.

Endlich blieben wir aber doch stecken. Bis zu den Knien im Morast, so

rasteten wir uns aus, und der lange Rauk lachte.

Er hatte leichter lachen als ich, denn bis er von unten bis oben

versank, das brauchte länger, als bei mir Durchschnittsmenschen.

Ich war etliche Schritte hinter ihm steckengeblieben, wir konnten uns

nicht mit den Stecken, geschweige mit den Armen erreichen.

»Der größte Spaß wäre,« rief er, »wenn jetzt die Geier kämen!«

»Welche Geier?«

»Die auf der Rauberfeichten ihre Nester haben und erst im vorigen Jahr

einem Hirschen, der hier steckengeblieben ist, das Fleisch aus dem Leib

gehackt haben.«

»Vergelt's Gott für Euren schönen Zuspruch!« sagte ich.

»Oder die Hornussen, die gar nit weit von da ihre Bruten haben und von

den Mardern gern wild gemacht werden. Nachher stechen sie, die Vieher;

ihrer sieben erstechen ein Roß. Grausam stechen sie!«

Da ich wirklich das Schwirren eines solchen Tierchens bemerkt zu haben

glaubte, so hatte ich Gelegenheit zu erfahren, was ein fester Wille

vermag. Ich arbeitete mich mit Macht heraus, um dann wie ein Krokodil

auf dem Bauche zu kriechen.

»Aha, Sie haben es!« lachte der Rauk schnaufend und knetete an

sich herum; »ja, für den Notfall macht man's so. Passiert mir aber

wunderselten, daß ich just an die Stelle komm'. Die hoffärtigen Engel

aus dem Himmel sind durch das große Loch, das hier gewesen, in die

Höll' gefahren. Später hat's der Teufel mit Morast zugestopft.«

Mittlerweile war auch er herausgekommen. Wir gelangten allmählich auf

festeres Erdreich -- und nach wenigen Minuten standen wir am gewaltigen

Baum.

Ringsum ist eine Art von Anger mit Sumpf, in welchen die Arme der

Wurzeln ausgreifen, teils unter der Moosdecke verborgen, teils über

derselben in hundert Knien und Verzweigungen ausklammernd, teils morsch

und rindig, teils hart und weiß wie Elfenbein. -- Die anderen Bäume

halten sich in respektvoller Ferne, die stattlichsten von ihnen reichen

dem Koloß bis zum untersten Astwerk empor. Der Stamm ist zerklüftet,

teilweise entrindet und fast wie ein Strick gedreht. Ich glaube, daß

ihn vier Männer nicht zu umspannen vermögen. Viele Arme des Geästes

sind für sich schon Baumstämme; einzelnes Geknorre ist kahl und fahl

wie Knochen, anderes ist so dicht in ein dunkelgrünes Reisiggefilze

eingewoben, daß es der Blick nicht durchdringt und man über sich nur

eine dunkle Masse sieht, in der die korbartigen Horste der Raubvögel

sind und aus der mancher Strunk seine abenteuerlich geformten Glieder

in die Weite reckt.

Ich wunderte mich, daß dieser Baum, der ein ganzes Dorf über den Winter

mit Brennholz versehen könnte, noch nicht gefällt worden sei. »Sie

getrauen sich nicht über ihn,« sagte der Rauk, »der fällt nicht wie

andere!«

Zur Stunde fächelte und rauschte der Wald in einem lebhaften Winde.

An der Riesenfichte regte sich nichts, alles starr, nur ein dumpfes

Sausen war zu hören hoch im Astwerk. Über demselben ragt der kahle

Schaft, vielfach zerrissen und dennoch urkräftig in die Einsamkeit der

Lüfte auf. Die Gestalt ist wuchtig und viel gegliedert, aber der spitze

Schaft über dem Kronenwerk schien mir hier kaum hoch genug, um für die

Ferne die schlanke Nadel des Stefansturmes vorzustellen.

Fast schade, daß der Name: »Rauberfichte« so harmlosen Ursprungs ist.

Zusammenkünfte von Räubern an diesem Platze, Räubergelage im Schatten

des Baumes, wilde Mordgesellen ihre Beute teilend und wie der Rauch vom

Feuer des üppigen Mahles langsam ins Astwerk aufsteigt und der Gegend

weitum die Schrecken verkündet, oder ein paar Erzräuber baumelnd an den

Ästen -- und wäre es auch nur in Sage und Märchen -- würde mir den

Baum recht aufputzen. Dergleichen ist nicht.

Draußen im Tale stehen zwei Bauernhäuser mit dem Vulgärnamen: Die

Rauber. Die Gründe des »oberen Raubers« erstreckten sich einst weit in

den Wald bis zur Stelle, wo die alte Fichte als Grenzbaum steht, die

daher die Benennung: »Rauberfichte« erhalten hatte.

Der Rauk war langsam um den Baum gegangen und jetzt auf einmal

verschwunden. Durch eine Höhlung zwischen dem Gewurzel war er ins

Innere geschlüpft. Ich guckte ihm nach.

Im hohlen Raum war ein Lager von Binsenstroh, eine Holzaxt und ein

Sack, halbgefüllt mit Harzrinden. Die Wände der Höhlung waren teils

verkohlt, als würde auf diesem häuslichen Herd auch bisweilen Feuer

unterhalten.

Die Höhlung ging hoch in den Baum empor, und wenn man mit dem Stock

hinauffuhr, so erreichte man keine Decke, und an den Wänden rieselte

Moder nieder und Käfergezücht.

So sieht es mit dem Innern dieses Baumes aus. Aber die Haut und Hülse

ist noch dicker, als mancher fünfzigjährige Stamm, und vermittelt Mark

und Saft der Fichtenkrone, die hoch auf solchem Holze wuchert.

»Das ist das Haus des langen Rauk,« sagte der lange Rauk. »Wir haben

auch beide Platz herinnen, wenn Sie Ihre Füße rein machen wollen. Wir

machen Feuer, daß die Strümpfe trocknen mögen.«

»Ist Euer Haus gegen Feuer assekuriert?« fragte ich.

»Lebendige Häuser brennen nicht nieder,« war die Antwort.

»Von außen gesehen wäre es das stolzeste Wohnhaus im ganzen Land.«

»Ist aber nur meine Werktagsresidenz,« berichtete er, »und nur wenn

ich am Abend diesem Baume näher bin, als einer Köhlerhütte, übernachte

ich in ihm. Weiter ist's nichts.«

So hat sich die ganze Sache mit dem Stefansturm, mit der Rauberfichte,

mit dem Rauk und seiner Abenteuerlichkeit als etwas hohl erwiesen. Der

Schlupfwinkel eines Pechschabers.

Ich kehrte an jenem Tage spät und müde vom Walde heim.

Und wenn ich nun wieder sitze in der kühlen Stubenecke, und im Fenster

liegt das sonnenblaue Meer des Waldes mit seiner spitzen Nadel im

Horizont, da will meiner Phantasie die alte Herrlichkeit nicht mehr

so ganz gelingen. Aber leid täte es mir doch, wenn eines Tages ein

Rauchqualm aufstiege oder eine Feuersäule emporlohte in stiller Nacht

-- und mein schlanker Turm in sich zusammenbräche.

»Das nit!« sagt der lange Rauk, »der Baum steht noch länger als wir

zwei zusammen.«

Hans Johanns Hauptsache.

Wenn ich sage es war ein einzig guter rührender Mensch, so legt

jeder das Buch hin und läuft davon. So sage ich lieber, er war ein

Taugenichts.

Und das war er auch.

Sonderlinge · 第 17 / 27 段