gesprächig fort -- wir saßen ja bei einem Kruge Apfelwein -- »hätt'
auch Lehrer werden sollen nach meinem Wunsch, weil wir derer ohnehin
nicht allzuviel taugliche haben. Aber der gute Julius war halt auch
kein tauglicher, und so hat er ein Handwerk lernen müssen.«
»Ihr meint doch den Chirurgen Julius Rottacher!«
»Chirurgie ist mehr Handwerk als Wissenschaft, lieber Herr
Volksdichter. Hat auch einen goldenen Boden. Aber tauschen täten wir
nicht mit ihm, gelt Mutter! Sind einmal bei ihm in Wien gewesen --«
»Das prächtig schöne Haus, das er hat!« rief die Frau dazwischen, »wie
ein Graf. Und Diener mit Silberknöpfen!«
»Ein Holzarbeiter da drinn im hinteren Martenwald, hat's besser,«
darauf wieder der Alte, »der hat wenigstens bei der Nacht eine Ruh'.
Beim Doktor, wenn's nicht klingelt, so beißt die Sorge, wie es mit den
Kranken steht, ob die Operation geglückt ist. Heut' ist er noch im
Ungewissen, morgen nicht mehr. Der Operierte? -- Nein, da danke ich
für den silberknöpfigen Lakaien und alles miteinander. Nie, Julius,
hab' ich ihm gesagt, nie wieder komme ich zu dir, müßte krank werden
vor lauter Angst um deine Patienten. Dem Schullehrer schlägt bei
seinen Kindern ja auch nicht alles zum Guten an, aber da gibt's nicht
leicht den Vorwurf, daß man die Krankheit mißkannt, daß man sich im
Mittel vergriffen hat, man behandelt die Kinder mit Güte und heilsamer
Strenge, alles andere muß man Gott überlassen.«
»Und so wird's der Julius auch mit seinen Kranken machen,« sagte die
Frau, »Fritz, du willst mir halt immer die Freud' verderben an ihm.«
»Ärgern tu' ich mich!« rief der Alte hitzig, »weil er mir erbarmt,
der arme Mensch, mitten in seinen Ehren und Reichtümern. Keine Ruhe
und keine Sammlung und kein Besinnen auf sich selber. Nein, das ist
kein Leben. Und was hat er aufzuweisen? Recht selten eine Arbeit,
wo nichts zurückbleibt, so gut er's auch meint. So ein Metzgern da!
Seit zehn Jahren, denkt Euch, war er einmal bei uns in Sankt Marten,
ein einzigesmal auf drei Tage. Glaubt Ihr, er hätt' was Lustiges
mitgemacht oder wäre im Wald umhergegangen? Nichts, als immer studiert,
spintisiert, an Hasen und Hühnern herumprobiert, daß es oft schon gar
nicht mehr schön war, hernach Briefe geschrieben und Zeitung gelesen,
bis er -- hast es nicht gesehen -- wieder fort ist.«
»Dafür verdient er sich zehnmal leichter den Himmel, als unsereins im
sorglosen Leben!« das sagte die Frau, schüttelte den weißbelockten Kopf
und forschte nach dem Eindruck, den ihr Ausspruch bei uns gemacht.
Dieser Eindruck war nicht bedeutend.
»Nicht einmal zum Heiraten hat er Zeit!« rief der alte Lehrer. »Und da
möchte ich wissen, wie man ohne Hauskreuz soll in den Himmel kommen
können!«
Sofort hatte er für die heitere Bosheit seinen kleinen Klaps auf der
Wange, der Ernst des Gespräches war abgebrochen.
Auf Einladung der Leutchen bin ich über die nächste Nacht im Schulhause
geblieben. In dem wohlverschalten Dachgelaß wurde mir ein Bett
angewiesen; grobe, weißgebleichte Bauernleinwand und mitten über das
mit Haferrispenspreu gefüllte Kopfkissen ein gestickter hellroter
Streifen. Der Lehrer war noch eine Weile an meinem Bette gesessen, um
zu plaudern. Endlich war's ihm darum zu sagen, ich möchte in diesem
Bette besser schlafen als sein Julius geschlafen habe, der die ganze
Nacht Patienten klingeln hörte. »Und ich,« schloß mein Gastgeber
schalkhaft, »muß jetzt noch ins Schulzimmer, um ~meine~ Schriften
des Waldschulmeisters zu schreiben!«
Am nächsten Morgen vor dem Antritte meiner Wanderung habe ich Einsicht
genommen in diese Schriften des Waldschulmeisters: Auf der schwarzen
Schultafel mit Kreide geschrieben standen Buchstaben des ABC für die
Anfänger. -- Und damit leistete er sicherlich mehr, als unsereiner mit
den Fabeleien.
Der Orgler zu Sankt Thomas.
An einem taufrischen Sommer-Sonntagsmorgen kamen drei Touristen aus
Wien in das Alpendorf, genannt Sankt Thomas in der Klausen. Auf dem
Hügel stand das Häuschen Gottes, dessen zwei Glocken durch das enge
Tal klangen, um die auf allen Höckern und in allen Falten des Gebirges
zerstreute Gemeinde zusammenzurufen. Die Touristen stiegen zum Kirchl
hinan. Aus Frömmigkeit geschah es nicht. Sie wollten nur einmal sehen,
wie es in so einer Dorfkirche zugeht. Da gab es nun was Besonderes zu
hören auf dem Chore. Dort saß ein Knabe und spielte die Orgel in einer
verwunderlichen Weise. Er spielte ein Kirchenlied so rührend, schlicht
und fromm -- man meinte gar, die Orgelpfeifen wären lebendig und
lobten aus eigenem Herzen den Herrn. Unsere Städter hatten wohl schon
die größte Kunstfertigkeit auf ähnlichen Instrumenten zu bewundern
Gelegenheit gehabt, aber eine solche Innigkeit, ja Heiligkeit im
Orgelspiel war ihnen was Neues. Zudem war der spielende Bauernknabe
schön wie ein Engel. Sein Haupt mit den lichten Locken war etwas
vorgebeugt, auf den Wangen blühte die Freude über die Klänge, seine
schattigen Augenlider waren geschlossen. Seine Lippen bewegten sich
leicht, als begleite er die Orgel mit leisem Gesang. Als sich das Spiel
in höhere Töne hob, hob auch der Spielende sein Haupt, schlug die
Augenlider auf und -- in diesen Augen leuchteten keine Sterne.
Der Knabe war blind.
Hier will ich die kleine Geschichte des blinden Musikanten erzählen,
wie sie den Touristen erzählt worden ist.
Mit dem Rocken-Hans hebt sie an. Der war vor fünfzehn Jahren noch
Wildschütze gewesen -- teils aus Hunger -- weil Notwehr erlaubt ist
-- und teils aus Neigung -- weil das Wildern verboten ist. -- Arme
Wildschützen sollte man nicht zu Verbrechern machen -- sondern zu
Jägern. Das sind die findigsten, wachsamsten Kerle, die verläßlichsten
Hüter und, gilt es, die schärfsten Schützen. Auch den Rocken-Hans hatte
man zum Jäger gemacht, aber aus der Klausen in eine andere Gegend
versetzt, wo er an die zehn Jahre verblieb, sich ein Weib beilegte
und fast zufrieden war. Vollauf zufrieden darf selbst ein Jäger im
grünen Walde nicht sein. So scharfe Augen der Vater hatte, das Kind
war blind. So schön das Mutterantlitz ist, wenn es zum Kinde lächelt,
der Knabe sah es nicht. Nur ihre Wiegenlieder hörte er. Dann, als die
Mutter stumm geworden war, und fortgetragen, saß der Knabe auf dem
Bankl vor dem Jägerhause und hörte den Finken und den Drosseln zu und
allem Gevögel, das da sang und zirpte im Waldland. Am Abende waren die
Grillen und Frösche zu hören und das Rieseln des Baches und das Säuseln
der Wipfel im Abendhauch. Im Winter aber -- wenn alles still war --
schlafend die Vöglein, hartgefroren der Bach, verhüllt die Bäume -- saß
der Jäger neben dem kleinen Sohne und machte ihm vor, wie die Gemse
pfeift, das Reh bellt, der Auerhahn balzt und der Rabe kräht. Das war
alle Musik in weitem Bergrund', und der blinde Knabe dürstete nach dem
Lichte der Töne.
Sagte der Jäger eines Tages zu seinem Sohne: »Jetzt bist du schon
stark, Heinrich, und morgen ist Lichtmeß; du gehst mit mir nach Thomas
in die Klausen -- bin selber schon eine gute Weil' nicht mehr dort
gewesen -- und da wirst du auf dem Kirchenchor was hören, was du
deiner Tage noch nicht hast gehört. Mußt dich jetzt schlafen legen, wir
stehen um eins in der Nacht auf.«
Der Weg vom Jägerhause bis in die Klausen ist im Sommer fünf Stunden
lang, im Winter zieht er sich auf sechs und unter kurzen Beinen ist er
noch länger. Der Knabe ging zu Bette, aber schlafen konnte er nicht.
In Trauer schläft sich's leicht ein, in Freude schwer. Heinrich dachte
an des Vaters Worte vom Kirchenchor -- was das sein sollte, wußte er
freilich nicht, was Besonderes gewiß. Endlich, als er einschlummern
wollte, kam der Jäger, ihn zu wecken. Und sorgfältig kleidete der Mann
den Knaben an, gab ihm heiße Ziegenmilch zu trinken und schnallte ihn
auf die hölzerne Rückentrage, wie solche im Gebirge gebräuchlich sind.
Und nahm die Trage auf den Rücken, verschloß das Haus und ging in
sternheller Winternacht davon.
Nach einer halben Stunde fragte der Knabe: »Kommen wir schon in die
Klausen, wo die Kirche steht?«
»Jetzt noch nicht, Heinrich. Bist du müde, so schlafe.«
In zwei Fuchshäute gewickelt, schlief der Knabe ein und der Vater
ging und ging und freute sich insgeheim auf die Kirchenmusik in Sankt
Thomas, die immer so prächtig war gewesen, freute sich auf die Freude
seines Kindes.
Und dann, als hoch an den starren Felsen die Morgensonne leuchtete,
ging er durch die Schlucht der Klausen. Und als die Glocken vom Sankt
Thomas-Kirchlein läuteten, wachte der kleine Heinrich auf und sagte:
»Vater, hörst du's auch, wie der Vogel schön singt?«
Der Jäger tat den Kleinen von der Rückentrage und nun gingen beide den
Hügel hinan und ins Kirchl hinein.
Am Altare stand der Priester, die Gemeinde lallte Vaterunser auf
Vaterunser -- und nichts als das.
Heinrich horchte andächtig und meinte, das wäre jenes Seltsame am Chor,
wovon der Vater gesprochen. Der Jäger aber wendete sich flüsternd an
einen alten Bauer: »Was ist's denn, haben 'leicht die Thomasler keine
Musik?«
»Freilich nicht, freilich haben wir keine,« gab jener zur Antwort,
»die Orgel und die Pfeifen und Geigen sind wohl noch oben, aber kein
Musikant ist dabei. Die alten sind weggestorben und junge werden keine
mehr abgerichtet. 's schaut kein Geld dabei heraus und umsonst wollen
die Leut' heutzutag' nicht einmal für den Herrgott was tun. Der Herr
Pfarrer kann wohl orgeln -- aber wer liest hernach die Mess'? Unser
Lehrer bläst nur eine Pfeife, seine meerschaumene. -- Gottsredlich
wahr, jetzt hat eins in der Kirche auch keine Freud' mehr.«
Der Mann hätte sicherlich noch eine Zeitlang fortgeflüstert, da stieß
ihn ein Beisitzer mit dem Ellbogen: »Willst schwatzen, Michel, so geh'
hinaus.«
Der Alte war still, der Rocken-Hans führte sein Söhnlein wieder aus der
Kirche, daß der Kleine doch zum wenigsten die Spatzen und die Gimpel
höre, die auf den Dächern zwitscherten.
Gingen hierauf zum Bäckerwirt und der Vater rückte dem Knaben das
Suppenschallerl unter das Kinn und das Weinglas in die Hand.
»Vater, wann ist das auf dem Kirchenchor, was ich mein Lebtag noch
nicht habe gehört?«
Am Nebentische saß, eben vom Gottesdienste zurückgekommen, der Pfarrer.
Er nahm das Frühstück ein, hörte die Worte und rief zum Jäger herüber:
»Der Rocken-Hans? Auch wieder mal bei uns herüben? Brav, brav! -- Sohn
das? Recht brav. Ein sauberes Bübel! Nicht Handküssen. Wie heißest
denn, Kleiner, he? Heinrich? Brav. Mein Gott, das Kind hat ja --
schlechte Augen?«
»Halt ja, halt ja, Hochwürden,« sagte der Jäger, »und desweg', weil er
nicht sehen tut, so wollt' ich ihn was hören lassen.« Und erzählte nun,
daß sie gekommen wären, um die Orgel zu hören in der Kirche zu Sankt
Thomas. Allsogleich rannen dem Pfarrer die Tränen über die Wangen; das
blaue Sacktuch kam schon zu spät.
»Ah na,« sagte er hernach, »umsonst sollt ihr den Weg nicht gemacht
haben. Ist dir warm, Bübel? Dann wollen wir miteinander in die Kirche
gehen.«
Sie gingen in die Kirche, es war kein Mensch mehr drin. Die Leute
hatten sich satt gebetet und dabei Appetit für ein Mittagessen
bekommen. Die drei stiegen auf das Chor. Der Pfarrer setzte den Knaben
in die Orgelbank, legte dessen Fingerchen auf die Tasten. »So, Kleiner,
jetzt halte still, gerade so, wie die Finger liegen. Brav. Und wenn ich
sag': Druck' nieder, verstehst, so druck' nieder und halte aus -- halte
aus, so lang's dich freut.«
Zog hierauf die Riemen des Blasebalges und rief sein: »Druck' nieder!«
Der Knabe tat's und erschrak vor dem, was jetzt war: ein klingendes
Band, ein tönender Stab -- und doch unvergleichbar mit allem, ganz
einzig zu hören, wie ein Gedanke, der schallt, wie eine Freude, die
klingt.
Unbeweglich saß der Knabe da -- sein Antlitz blaß wie ein Steinbild,
so horchte er der Musik. Die Hände preßte er auf die Tasten, bis die
Finger vor Wonne zu zittern begannen. Und siehe, da zitterte auch der
tönende Stab und nun wurde er es inne, der Knabe aus dem Wald, daß man
seine Seele kann ausrufen in solcher Weise.
Dann spielte der Pfarrer und der Knabe hat gemeint, er sei im Himmel.
-- Er sah mit den Ohren.
So war der Anfang gewesen.
Und von diesem Tage an verblieb Heinrich, der kleine Junge, in Sankt
Thomas und lernte von dem Pfarrer das Orgelspielen. Traurig und
glücklich im Vaterherzen kehrte der Rocken-Hans allein zurück in sein
Revier. Zu jedem Sonntag aber kam er in die Klausen und nach einem und
einem halben Jahre -- am hohen Frauentage im August -- als er wieder
in die kleine Kirche trat, summte nicht mehr der eintönige Psalter an
sein Ohr, da der Pfarrer am Altare stand. Die Orgel klang, und der alte
Waldmensch fühlte in jenen Tönen das liebe, junge, weiche Herz seines
Kindes.
So ist die Gemeinde von Sankt Thomas wieder zur Kirchenmusik gekommen.
--
Einer von unseren Touristen war nach solcher Kunde zum Pfarrer des
Alpendörfchens gegangen, um ihm die Hand zu drücken.
Der Naturfreund.
Das war auch wieder einmal eine Kindesseele, die sich in einen
Stadtmenschen verirrt hatte, und solches ist so häufig ein Unglück.
Ich sehe ihn sehr lebhaft vor mir, obzwar er sich vor einiger Zeit
wieder aus dem Staube gemacht hat. Seine Gestalt war komisch, und sein
Herz war rührend. Man hätte ihn geliebt, wenn man ihn nicht immer hätte
auslachen müssen. Er war ein kleiner untersetzter Mann, dessen Frohmut
es erlaubte, daß das Bäuchlein wuchs. Die Beine schienen der Last, auf
die sie ursprünglich nicht berechnet gewesen, auch nicht ganz gewachsen
zu sein, sie ließen sich etwas weich und unsicher, so daß bei jedem
Schritte der Körper stark hin und her neigte. Auch mit den stets etwas
krummgebogenen Armen tat er mit, gleichsam, als wollte er den schwachen
Füßen durch Schwimmen in der Luft nachhelfen. (Für das Schwimmen in
der Luft hatte er überhaupt Vorliebe, wie sich's später zeigen wird.)
Zumeist trug er lichtgraue, wenn nicht gar weiße Blusen und Beinkleider
und auf dem Haupt einen Zylinder mit stark geschweifter Krempe und von
lichtgrauer Farbe. Der Hemdkragen war selbstverständlich fast immer
blank, und an der Brust wehte ein flottgeschwungenes buntes Halstuch.
Das wirkliche Merkmal aber war das Haupt, das Gesicht. Zu Salzburg, wo
er sich seinerzeit in den Tagen der Kaiserzusammenkunft aufhielt, wurde
er von den Tor- und Stadtwachen mit den höchsten Ehren begrüßt, die
einem Potentaten zustehen, denn man hielt ihn für Napoleon III. Auch
als er einst eine Weile in Paris bei seinem Freunde, dem Luftschiffer
Godard, lebte, stürzten die Leute, wenn er harmlos lustwandelte, auf
die Gasse und hielten ihn für den Kaiser. Einmal trieb ein Gendarm den
Pöbel zurück und rief, wenn es Seiner Majestät beliebe, im Inkognito
spazieren zu gehen, so habe Paris ruhig zu bleiben und den Kaiser nicht
zu sehen.
Die Ähnlichkeit unseres Mannes mit dem letzten Franzosenkaiser war
in der Tat merkwürdig! Dieselben scharfen, grauen, lebhaften Augen,
dieselbe derb gewachsene und »feinausgearbeitete« Napoleonnase,
derselbe aufgehörndelte Schnurrbart, derselbe graudurchwirkte kühne
Knebelbart, dasselbe meist kurzgeschnittene Haar, das die Glatze bloß
zur hohen Stirne machte, dieselben feinen Runzeln des fahlen Gesichtes,
und vollends die französisch lebhaften, nervösen Gebärden in allen
Bewegungen, in der Sprache, die, weiß Gott woher, welschen Akzent hatte
und sich gerne sprudelnd und munter in krausen Hyperbeln erging.
Ja, das war der gute, harmlose Peter Berner, geborener Steiermärker und
Handelsreisender mehrerer solider Firmen in Wien, Brünn und Triest.
In unserer Stadt kannte ihn jedes Kind, es war ja keiner unter
den hunderttausend Einwohnern so wie er. Er hatte es gerade nicht
ungern, wenn man ihn mit Napoleon verglich und er wußte den Mann zu
repräsentieren, von außen. Die Natur mußte in einer köstlichen Laune
gewesen sein, als sie es unternahm, diesem gutherzigen, harmlosen,
poetisch angelegten Gemüte die Maske des Erzschelmes an der Seine zu
geben.
»Die Natur!« Da habe ich ein Wort ausgesprochen, welches mit seinem
unermessenen Inhalte das Leben Peter Berners mit Schmerzen und
Wonne ausfüllte, ja demselben geradezu verhängnisvoll wurde. Er
verstand unter der »Natur« die Landschaft mit ihren Wiesen, Feldern
und Wäldern, die Bergwelt mit ihren Felsen, Gletschern und Seen,
und das einfache Leben des Landvolkes mitten drinnen. Es ist ein
wunderliches Merkmal unserer Zeit, daß sich der Kulturmensch so sehr
sehnt nach der stillen Größe des ländlichen Lebens. In Peter Berner,
dem Handelsagenten, hatte diese Sehnsucht die dreisteste Verkörperung
gefunden. Streckte und reckte denn auf seinen Handelsreisen »Napoleon
der Dritte« ununterbrochen den Kopf zum Wagenfenster hinaus und tat
fortwährend Ausrufe der Freude, der Überraschung, der Begeisterung, so
oft ein hübsches Landschaftsbild -- und er mochte es schon hundertmal
gesehen haben -- vorbeiglitt. Mußte er in der Stadt weilen, so
besuchte er Gasthäuser, wo sich irgendeine Tischgesellschaft fand,
die ihm zuhörte, beistimmte, wenn er von der »herrlichen Natur« und
einzelnen Gegenständen derselben in unbeschreiblicher Lebhaftigkeit und
Begeisterung schwärmte. Fand er nicht das gewünschte Verständnis an
seinen Tischgenossen, so verfiel er bald in schweigsame Schwermut und
war über kurz aus der Gesellschaft verschwunden.
Es gab Zeiten, wo er besonders Ursache hatte, den Hang der Städter
nach Prunk, Flitter und falschem Schein und die tölpelhafte Stumpfheit
gegen Sonnenauf- und Untergang, gegen Waldeszauber, Vogeljubel und
Bergesherrlichkeit zu beklagen. Wissenschaftliche Dinge liebte er
nicht, weil derlei -- wie er sagte -- die Schönheit von den Wesen
reißt; Musik, bildende Kunst und Theater waren ihm leidig, weil er das
Echte daran nicht sehen konnte, und wenn der Karneval kam, da verlor er
kein Wort, sondern floh aus der Stadt. Verehelicht war er nicht, und so
vergaß er leicht alle Bande, die ihn mit der »in Unsinn rasenden Welt«
zusammenhielt, vergaß seine Freunde, seine Geschäfte, verlor sich auf
Wochen lang und niemand wußte, wohin er geraten.
Kehrte er endlich wieder zurück, so war es stets etwas zerfahren
bestellt mit seiner Gewandung, mit seinen geschäftlichen Verbindungen,
mit seinem Haushalte überhaupt, aber sein Auge war hell und sein Mund
sprudelte unerschöpflichen Preis »den paradiesischen Gefilden der
Bergwelt«.
Weil Peter Berner ein geschickter Agent war, so kam er rasch in gute
Verhältnisse; und weil Peter Berner ein so unbändiger Naturschwärmer
war, so kam er auch allemal rasch wieder in die kümmerlichen Umstände
zurück.
Einst sollte seine Sehnsucht nach den Höhen, nach dem Ausblick ins
weite, liebliche Land, sein Drang, aus dem Bereiche des städtischen
Staubes, »des anmaßenden und hohlen Pöbels aller Stände« zu kommen,
eine seltsame Erfüllung finden.
Der französische Luftschiffer Godard kam in unsere Stadt. Sofort bot
Peter Berner dem Manne alle seine Dienste an, wenn ihm dagegen die
freie Mitfahrt in die Lüfte gestattet werde. Seine Tätigkeit für
diese Sache war erstaunlich; er schlichtete alles Nötige bei den
Behörden, besorgte den Platz der Auffahrt, die Ausbesserung des durch
frühere mißlungene Fahrt und die Reise geschädigten riesigen Ballons,
besorgte die Füllungsarbeiten, hatte den ganzen tausendgestaltigen
Reklameapparat der Stadt in die klapperndste Bewegung gesetzt -- und
daß die weite Wiese die herbeiströmende Menschenmenge kaum zu fassen
vermochte, es war sein Werk.
Man hatte den guten Peter noch niemals so in seinem Elemente gesehen.
Er schleppte Holz zur Feuerstelle, wo die Luft erwärmt wurde, er
spannte die Stricke an, er machte den Korb zurecht, und zwar mit einer
Fertigkeit, die den Luftschiffer selbst zur Bewunderung hinriß, so
daß er in seinem gebrochenen Deutsch ihn sogleich für seine Reisen
als Helfer warb. -- Nun gab es aber unter den Zuschauern Leute, die
ihr Geld nicht dafür gezahlt haben wollten, daß sie den Peter Berner
glückselig gen Himmel fahren sehen könnten, sondern dafür, daß sie das
Napoleongesicht mit einer noch längeren Nase erblicken sollten. Wie es
zuwege kam, konnte nicht erhärtet werden, aber auf einmal wehte von
einer Seite des schier völlig gefüllten Ballons ein lustiger gelber
Rauch auf, und im selben Augenblick sank das bauchige Ungeheuer in sich
zusammen.
Zuerst schlug Peter Berner die Hände zusammen und rief alle Heiligen
an. Dann, als es sich herausstellte, daß der Ballon an seinen
Brandwunden verloren sei, begann er zu rasen. Mit geballten Fäusten
rannte er umher, warf Holzstücke, warf Steine in das Feuer, hastete
suchend nach dem Missetäter, fiel dann wieder Monsieur Godard um den
Hals und weinte laut. Die Zuschauer unterhielten sich köstlich.
Als Peter wieder zur Besinnung kam, rief er in die Menge hinein, die
Vorstellung sei noch nicht aus; wenn sie ihn steigen lassen wollten,
so sollten sie es nur tun! Hierauf nahm er seinen weißen Zylinder
in die Hand, und mit feuchten Augen ging er Geld sammeln für das
verunglückte Luftschiff. Da flogen die Papierfetzen nur so in den Hut,
denn im Grunde tut die Welt einer guten Seele doch mehr zulieb', als
sie sich selber gestehen mag. Die Sammlung wurde in den nächsten Tagen
fortgesetzt durch einen öffentlichen Aufruf, in dem Berner an die
»~edlen~ Menschenherzen« klopfte, seinen ~teuren~ Freund, den
so schwer geschädigten Luftfahrer, der »zur Ehre Gottes und zum Heile
der Menschen die ~unbeschreiblichen~ Wunder der ~großartigen~
Natur erforschen wollte«, nicht zu verlassen.
In wenigen Wochen nachher war Godard instand gesetzt, einen neuen
Ballon zu bauen, mit welchem er endlich an der Seite seines Gönners und
Freundes Peter Berner eine glückliche Fahrt tat.
Berners Beschreibung dieser Fahrt ist in Druck gelegt worden, sie
spricht in stets gesperrten fetten Lettern von der »~unbeschreiblich
herrlichen~ Pracht, der über ~alle Maßen großartigen~
Aussicht und dem ~furchtbaren~ Schwindel, der einen auf dieser
~unendlichen~ Höhe erfaßt.«
An Kaufmann Steinbacher in unserer Stadt hatte Peter einen Freund,
der nicht, wie andere, mit ihm sein Spiel trieb, der das goldene Herz
mit Kennerblicken wog und schätzte. Dieser Mann wußte den Naturfreund
von seinen aeronautischen Plänen abzubringen und vermittelte ihm eine
Agentschaft für steierischen Bauernloden, die ihm den Verkehr mit den
Landleuten und der Natur von neuem erschloß.
Der Luftschiffer zog nach stürmischen Umarmungen und heißen Küssen
seitens Berners von dannen, und Berner zog ins Gebirge.
Von Zeit zu Zeit las man im Inseratenteile unserer Blätter Aufrufe, wie
folgenden:
»~Aufruf!~
Anläßlich der bevorstehenden ~Feiertage~ sehe ich es als
meine ~heiligste Pflicht~ an, alle ~Naturfreunde~,
~Bergbesteiger~, wie nicht minder alle ~Ausflügler~ auf die
~herrliche~ prächtige ~Perle~ unseres Heimatlandes, auf das
~Paradies Steiermarks~, (z. B.) auf ~Deutsch-Landsberg~, als
das ~würdigste Ziel~ eines Touristen, aufmerksam zu machen und
sie aufzufordern, diesem ~wahrhaft gelobten Lande~ zuzuwallen.
Dort, umgeben von den ~herrlichsten Bergen~, fühlt man sich frei
und dankt dem
Schöpfer, der all das ~Herrliche~ geschaffen. Drum auf, nach
Deutsch-Landsberg, wo nicht nur für die ~Seele~, sondern auch für
den ~Leib~ gesorgt ist durch die vortreffliche ~Küche~ und
den ausgezeichneten ~Keller~ im Brauhause.
~Peter Berner~, Tourist.«