diesen heiligen Hallen, da herrscht die Rache nicht!«
Der Wirt rannte umher nach einer Axt, um den Kasten zu zertrümmern. Der
Hinkende jedoch sagte besänftigend: »Herr Vater, der Phonograf kann
nichts dafür. Der singt halt heraus, wie hinein gesungen worden ist --«
»Ja Teuxel, welches Ungeheuer hat denn hineingeplärrt?«
Der Hinkende grinste niederträchtig und verneigte sich vor dem Wirt. --
--
Dieser befahl seinem Sohn, seiner Kellnerin und seinem Hausknecht,
strenge achtzugeben, daß niemand ungebüßt entkomme. Er selber zog sich
zurück in seinen tiefsten Keller.
Von solcher Zeit an hatte der Schabelwirt zu Rusterholz keinen
Freidenkertag mehr veranstaltet und keinen Sang mehr getan. Seine
Wirtschaft gedieh, seine Person gewann an Vertrauen -- denn man fühlte
sich endlich in seiner Nähe sicher. Und im Gemeinderat wurde seine
Stimme geachtet.
Das reiche Waldschulmeisterlein.
Über den schwarzen Waldbergen lag schon der Goldgrundhimmel des Abends,
als im Wiesentale ein Dörfchen dalag vor dem müden Gebirgswanderer.
Eine verwitterte Wegtafel hatte gerade noch so viele leserliche
Buchstaben, um dem hinkenden Fremden zu sagen, das Dorf heiße »In der
Krumpa«.
Auf meine Frage an einen heimwärts treibenden Ziegenhirten, welches
in der Krumpa wohl das beste Wirtshaus sei, blickte mich der Junge
verblüfft an -- Wirtshaus? Ist keins.
»Aber mein Gott! Mindestens ein halbes Dutzend Häuser, und kein
Wirtshaus darunter! Und das will ein deutsches Dorf sein?«
Zu essen bekäme man manchmal im Forsthause etwas -- das große steinerne
Haus, dort bei der Linde.
Ein Forsthaus, um so besser. Das läßt sich romantisch, besonders wenn,
so Gott will, auch noch eine Försterstochter dazukommt. Also ins
Forsthaus.
In der großen Stube gab es wohl Hirschgeweihe und Tabakrauch, aber
keine Försterstochter. Ein kleiner, hagerer, spießiger Alter, die
Knie nackt, hingegen das Gesicht verdeckt mit einem wildwuchernden
Schnauzbart. -- Das war der Förster und Jagdheger. Er brachte in einem
Kruge Wein, sagte mir Nachtquartier zu, setzte sich dann mit seinem
Dampftiegel zu mir an den Tisch und fragte gleich, ob ich unterwegs
nichts gesehen hätte. Ich zählte Berge auf, Felswände, Wasserfälle,
hohe Brücken, Wegkreuze und Martertafeln, wie sie im Laufe des Tages
dem Wanderer vorgekommen waren. Darüber tat der Alte verwundert
und murmelte etwas. Endlich merkte ich doch, was er wissen wollte,
nämlich, ob mir Wildspuren, Rehe, Hirsche, Waldhühner und dergleichen
aufgestoßen wären.
Meine Antwort: darauf hätte ich gar nicht geachtet, derlei läge
mir ferne, und ich verstünde nichts davon. Es mochte wohl etwas
geringschätzig gesagt sein. Der Alte blies ein paar starke Rauchwolken
von sich, stand auf und ging hinaus. Er verachtete mich.
Nach einer Weile, als es schon finster und in der Stube kein Licht
angezündet worden war, fragte ich nach meinem Abendbrot. Da kreischte
der Alte aus der Küche her: »Wenn man das Wild nicht will, wird 'leicht
auch der Hirschbraten nicht genehm sein!«
Jetzt schlich ich im Dunkeln zu ihm hin und sagte schon ein wenig
gereizt: »Mir scheint, da ist jemand beleidigt, weil ich von der
Jägerei nichts verstehe. Allerdings, ich halte nicht viel darauf. Ein
guter Bekannter von mir sitzt im Kotter, weil er einen Hirschen schoß,
der ihm den Kohl gefressen hat.«
Der Forstjäger reckte sein Köpflein vor, der Schnauzer borstete sich
auf: »Han mir's denkt. Von der Gattung ist er einer! Oder gar -- oder
gar --!« Mit einem Streichholz fuhr er sich über den Hinterteil der
Lederhose, leuchtete mir ins Gesicht: -- »Groß werd' ich mich nicht
irren. Der Teufel hol's, er ist es. Der Jagerfresser, ah, da schaut's
her, der Jagerfresser! Na, Korrschamerdiener! Und will im Jagerhaus
essen und trinken und schlafen. Aus ist's!«
Ein argloser Mensch würde diese Rufe für das gewohnheitsmäßige Poltern
alter Leute genommen haben, mein böses Gewissen erkannte es sofort als
das, was es war -- als einen wohlgezimmerten Abschied. Der Mann hatte
den Verfasser »Jakob des Letzten« erkannt. Eines Buches, das jeder
Jäger naturgemäß tödlich hassen muß.
Nun stand ich in dunkler Nacht auf der Gasse und sann, was zu machen
war. »Ins Schulhaus gehe!« flüsterte mir der Schutzengel zu. Denn die
zwei beleuchteten Fenster dort waren just wie zwei Augen, die mir
winkten. Der Lehrer, ein noch jugendlicher Mann mit schwarzem Vollbart,
war nicht abgeneigt, einen obdachlosen Wanderer aufzunehmen. Er hieß
mich ins Zimmer und zum Tische treten, wo von einem munteren Frauchen
just Rauchfleisch mit Sauerkraut aufgetragen wurde. Er wollte mich dazu
einladen, da blieb ihm das Wort im Munde stecken.
»Ich glaube, den Herrn sogar zu kennen,« sagte er, mir starr ins
Gesicht blickend. »Es möchte mich aber doch wundernehmen, daß der Herr
Dichter bei einem linkischen Dorfschulmeister zuspricht, oder wohl gar
bei einem athletischen Lehrer, der seine ganze geistige Kraft in den
Armen hat!«
Jessas! denke ich, der spielt an auf Bemerkungen in meinen Büchern. Im
»Ewigen Licht« ist der athletische Lehrer mit den geistreichen Fäusten,
im »Erdsegen« geht ein linkischer Dorfschulmeister umher. Ich wußte
schon, daß einige Lehrer an den besagten Bemerkungen mehr herausfanden,
als ich hineingelegt hatte, nämlich eine Beleidigung ihres Standes;
es war mir daher klar, was ich hier zu tun hatte, nämlich Hut und
Stock wieder in die Hand zu nehmen und allseitig eine ruhsame Nacht zu
wünschen. Mit tragischem Ernste begleitete der Schwarzbart mich zur
Tür, die er sofort auch dienstbereit öffnete.
Wieder im Freien, hatte ich Muße, die Sternbilder des Himmels zu
betrachten; es mangelte mir für diese Erhabenheit aber einigermaßen
die Stimmung. Eine Magd, die vom Brunnen Wasser geholt hatte, trat
ich höflich an, wo man doch in diesem Orte ein Obdach haben könne über
die Nacht? Sie blieb stehen und beratschlagte mit mir. Das Försterhaus
war auch ihr eingefallen, ich bekannte, dem Forstjäger zu wenig wildes
Tier gewesen zu sein. So verfiel sie auf ihren Dienstgeber, das sei ein
herzensguter Herr und hätte in der Apotheke ein feines Fremdenbett.
Nun klopfte ich beim Arzt an. Eine alte runzelige Frau kam hervor, mit
langem, schmalem Schleppkleid. Die erklärte barsch, jetzt wäre keine
Ordinationsstunde.
»Ich bin auch kein Kranker!« meine Versicherung.
»Ah so, dann ist's was anderes. -- Jonathan! Ein Herr will bei dir die
Aufwartung machen.«
Der Herr Doktor Jonathan kam nun selbst an die Tür, forschend, ob
endlich vielleicht einmal ein richtiger Tarockspieler da wäre für die
langen Herbstabende. Seine Augengläser rückte er von der Stirn herab
und besichtigte mich. Und murmelte was und besichtigte mich eingehender
und kraute seinen Weißkopf.
»Nun, Herr Doktor!« rief ich lustig, »wo fehlt's bei mir?«
Er ging drauf ein, tippte mit dem Finger an meine Stirn und sagte
bedächtig: »Bei Ihnen fehlt's ~da~!«
»Was tausend! Mir fehlt's ja nur an einem Nachtquartier!«
Er blieb mit dem Kerzenlicht in der Hand an der Tür stehen und fuhr
fort, mit behaglicher Langsamkeit zu sprechen: »Ich habe von Wien aus
das Vergnügen, den Herrn Volksdichter zu kennen. Von einer steirischen
Vorlesung her; und aus den Büchern, wo er sich so infam über uns Ärzte
lustig macht. Als würden wir nur gerufen, um den Leuten leichter
sterben zu helfen, oder so was. Und hätten für alle Krankheiten nur
ein Mittel, das Hasenöl, das aber nichts anderes, als ein verdorbenes
Schweinefett wäre. So ein alter Dorfbader hat ein gutes Gedächtnis,
nicht wahr?«
Mittlerweile hatte er sich in den Zorn geredet und nun kam's: »Jawohl,
solche Torheiten oder Bosheiten merkt man sich. Wo im Volke ohnehin
schon bald alles Vertrauen beim Teufel ist! Ja, mein lieber Herr, wenn
man sich so in Dinge mischt, die man nicht versteht, da kann dies nur
mit Dummheit entschuldigt werden. Beim Esel im Stall, wenn Sie schlafen
wollen!«
Und klapps, schlug die Tür ins Schloß.
Noch kam die alte Frau, entschuldigte ihren Mann, der halt über seinen
Beruf keinen Spott kommen lasse und schon oft gesagt habe: Wenn er
ihn einmal derwischen täte, denselbigen -- gut ginge es ihm nicht!
Übrigens, er sei so arg nervös, aber fressen täte er keinen, und sie
wolle mich heimlich auf den Oberboden führen, auf einen Strohschaub aus
Barmherzigkeit. Verderben dürfe der Mensch ja doch auch seinen Feind
nicht lassen.
Offen gesagt, diese Alte mit ihrem barmherzigen Strohschaub war mir
noch zuwiderer wie der wütende Doktor, dessen Beruf halt schon so ernst
ist, daß er keinen Spaß verträgt. Ich ging wieder einmal hinaus unter
Gottes freien Himmel und hatte Zeit, mich über die große Popularität
zu freuen. Nur hatte ich sie mir teilweise anders gedacht, diese
Popularität.
Da stand er, der Missetäter, der ausgestoßene. Da hatte er immer
gemeint, die guten armen Menschen erheitern und erheben zu wollen,
während er sie der Reihe nach tödlich beleidigte. Mitten im »treuen
Alpenvolke« stand er nun einsam in eitler Nacht, fremd und fröstelnd,
erschöpft von weiter Wanderschaft. Hinter mir bellte ein Hund, dem
gesellten sich mehrere, groß und klein -- die Hundeschaft des ganzen
Dorfes -- und brachten mir ein vielstimmiges Ständchen.
Es schnitt die Bergluft. Der Tau des Grases gedachte kalter Reif zu
werden über Nacht.
Dort auf dem Hügel stand ein fahles Gemäuer. Es war die Kirche,
deren Turmuhr die neunte Stunde schlug. Wie lang ist eine solche
Septembernacht! -- Aber neben der Kirche pflegt ein Pfarrhof zu stehen,
und im Pfarrhofe ein christlicher Mann zu wohnen. Man hatte mir so oft
geschmeichelt, in meinen Schriften stecke doch ein bißchen Religion.
Nun, dann dürfte vielleicht ein Versuch im Pfarrhof nicht fehlgehen.
Dort an der Tür mußte ich aber lange ziehen am Glockendraht.
Endlich klirrte hoch an der Wand ein Fenster auf, und eine kräftige
Männerstimme fragte herab, was es gebe?
»Ein obdachloser Reisender! er bäte um Unterstand über Nacht, sei es im
Stalle, sei es in der Scheune, wo immer!«
»Es gibt wohl doch noch andere Häuser in der Krumpa.«
»Ich habe keine Geneigtheit gefunden!«
»Dann wird man schon der Richtige sein. Wer sind Sie denn?«
»Feuergefährliches, oder so was, habe ich nicht bei mir!«
»Wer Sie sind, will ich wissen?«
Auf diese unentwegte Frage nannte ich meinen Namen.
Da beugte sich der Pfarrer aus dem Fenster weiter hervor, fragte noch
einmal und sagte dann: »Ich verstehe immer: Rosegger!«
»Es ist richtig, Herr Pfarrer!«
»Wohl doch nicht der Poet?«
»Er ist es, Herr Pfarrer. Aber zur Zeit ohne Poesie, nur stark
schläfrig!«
Der Herr oben begann zu lachen.
»Sie verzeihen schon, Herr Rosegger,« entschuldigte er sich, »ich
lachte über den Zahltag. Daß Sie heute um Unterkunft bitten müssen
an der Pforte jenes Standes, den Sie so oft dem Hohne der Menge
preisgegeben haben. Erinnern Sie sich an den Stiefelknecht? An des
Pfarrers Fiederl? Schaun's wie es geht. Wenn man die Kirche einreißt,
dann sitzt man schutzlos auf der Welt. Übrigens sind wir Priester
besser, als der Ruf, den Sie mit verbreiten halfen. Die Haushälterin
wird bald aufschließen.«
Die Haushälterin hatte mich nicht mehr an der Tür gefunden. Doch vor
dem Erfrieren war keine Gefahr mehr, erstens, weil mir dieser Leute
Gastfreundschaft heiß gemacht hatte in der Brust, zweitens, weil ich
einen Heustadl fand. Der stand auf der Wiese neben dem rauschenden
Bach. Ich vergrub mich ins duftende Heu. Nur schade, dachte ich mir zu,
daß nicht eine Fabrik, oder ein Grafenschloß dasteht, man würde dich
auch an solchen Toren abweisen. Hernach die Gelehrten, die Studenten
und derlei Kasten mehr. Oder die Parteien: die Antisemiten, die Juden!
Allen hast du gelegentlich eine Schelle angehängt. Und wenn du bei dir
selber anklopfest, keinen bayrischen Pfennig wette ich, du schreist dir
zu: Kerl, auch über mich hast du dich schon lustig gemacht, marsch! --
In Gottesnamen, bist halt ein Bösewicht. -- Damit legte ich mich aufs
andere Ohr.
Aber gerade, als es zum Einschlafen kommen wollte, war draußen eine
rufende Stimme zu vernehmen. Sie kam näher, sie entfernte sich, sie kam
wieder näher, und endlich war es deutlich, man rief meinen Namen.
Ich hob den Kopf: »Was Teuxel ist denn los?«
»Hau!« rief es draußen, »im Heuschupfen ist er!« Dann kam der Rufer
auch schon an die Wand und sagte: »Wenn er drinnen ist, so muß er
heraus. Das wollen wir Schullehrer uns nicht ankreiden lassen, daß
unser Waldschulmeister-Dichter in dem Heuschupfen schlafen soll! Ich
bin ja auch so ein Waldschulmeister, aber nicht der in der Krumpa. Wir
gehen zusammen jetzt nach Sankt Marten hinauf, ein Stündel. Dort gibt's
ein gutes Bett!«
Als er das gesagt hatte, war meine wohlgesetzte Antwort: »Ich danke
Euch, Waldschulmeister von Sankt Marten. Aber aufstehen tu' ich jetzt
nicht. Wie ich just lieg', so gut liegt der Kaiser von China nicht
auf seinen chinesischen Seidenkissen. Sollte ich aber morgen an Sankt
Marten vorüberkommen, dann melde ich mich bei Euch, und itzo seid so
gut und laßt mich in Frieden.« --
Am nächsten Morgen stieg ein göttlicher Sonntag auf. Ich ging aus
meinem Heugrabe wie neugeboren hervor, und das Dörfchen Krumpa lag
im feuchten Walddufte so lieblich da, als wären alle Rächer meiner
literarischen Missetaten ausgezogen über Nacht. Die Wiese hatte
einen silberweißen Reif, die Ahorne waren schon rot, und die Lärchen
gelb, und hoch auf den Berggipfeln lag goldgrünlicher Sonnenschein,
so daß es im blumigen Mai nicht farbenleuchtender sein kann, als
an diesem stillen Herbstmorgen. Und vor meinem Heustadl stand ein
ältliches Herrchen. Es stand durchaus nicht ruhig, es zappelte mit
den Füßen, es schlenkerte die Arme hin und her, einmal über die
Brust, einmal über den Rücken, der einen weidlichen Höcker hatte.
Nach dem Gewandschnitte hätte es wohl ein notiges Bäuerlein sein
mögen, allein der Hut, der rabenschwarze hochgebaute Filzhut mit der
funkelnden Bandschnalle zeigte einen vornehmen Herrn an. Solche Hüte
trugen die Gerichtsverweser und Doktoris vor achtzig Jahren. Und
diesen letzten, nur wenig entarteten seines Geschlechtes, trägt mein
Waldschulmeisterlein von Sankt Marten.
Das war in aller Herrgottsfrühe herabgekommen, hatte vor der Heuscheune
auf meine Urständ gewartet und sich dabei fast Zehen und Finger
verfroren. An der weichen, breiten Stimme erkannte ich den nächtlichen
Schreier.
Und er im ersten Schreck: »Jesses, der ist es ja nicht!«
»Wer soll es denn sein?« fragte ich und streifte mir die Halme von den
Kleidern.
Er zog ein Bildchen aus der kleinen Ledertasche, betrachtete es,
verglich es: »Der da -- auf dem Bildel -- hat den Bart unter dem Kinn,
und der vor mir steht, hat ihn unter der Nase!«
»Wenn der Mensch alt wird, so muß er sich jung machen,« meinte ich.
»Ihr habt Euch ja noch jünger gemacht und den Bart ganz weggeschabt,
daß Ihr wohl kaum mehr davon habet, als Eure ABC-Schützen!«
»Wahr ist's!« rief er lustig aus. »Und wenn Ihr's seid, so grüß Euch
Gott!«
Dann gingen wir miteinander. Ich wollte an demselben Tage ja über das
Martenjoch, da hatten wir durch den Sulzergraben den gleichen Weg. Und
er erzählte mir den Schick. War nämlich dieser Lehrer von Sankt Marten
gestern spät abends bei seinem jüngern Amtsbruder in der Krumpa gewesen
und hatte von ihm gehört, daß eben vorhin der »Lehrerspöttler« von
ihm abgeschafft worden wäre. Zuerst hatte der von Sankt Marten nicht
gewußt, wer da gemeint sei, dann näher unterrichtet, habe er gesagt:
»Kollege, hast du die Schriften des Waldschulmeisters gelesen?«
Nein, für derlei habe er keine Zeit.
»Du bist halt erst aus der Stadt gekommen und noch zu wenig lang im
Walde, um für derlei Sinn zu haben. Ich gehe ihn jetzt suchen, falls er
noch keine Herberge hätte.«
So war der Alte an die Heuscheune gekommen, um das »Versehen seines
Amtsbruders« gutzumachen. Und auf solche Weise habe ich dieses rührende
Schulmeisterlein kennen gelernt.
Durch den langen Graben holte uns ein laufendes Weib ein, eine
Holzknechtin. Sie war schon in der Krumpa gewesen beim Arzt.
»Ist das Kindel noch nicht besser?« fragte sie mein Waldschulmeister.
»Weiger nein, es wird alleweil schlechter!« gab sie weinerlich zur
Antwort, »der Bader sagt gar, die Dipfterie!«
»Die Dipfterie sagt er! so schlimm wird's wohl nicht sein. Eine starke
Halsentzündung, wie sie vor kurzem die Kohlnatzel-Kinder gehabt haben.
Für arme Leute ist die auch gut genug, braucht's keine herrische
Diphtheritis zu sein. Mein Weib wird dir Rotholleröl schicken. Den Hals
recht schmieren damit und ein paar Tropfen eingeben!«
»Kommt mir eh ganz herab, das Bübel,« klagte das Weib, »nichts als Haut
und Knochen.«
»Wenn du Geld brauchst, so komm halt noch einmal zu mir.«
»Bitt' hundertmal!« sagte sie und eilte voran, der Waldwildnis und
ihrem kranken Kinde zu.
»Es geht Euch wohl gut auf Eurem Posten?« fragte ich nun den Alten,
der, so klein er war, mit weiten Schritten gar würdig neben meiner
einherstapfte.
»Besser schon, wie dem in der Krumpa,« antwortete er. »Aber Gehalt
hat mein Kollege da draußen einen höheren, und Naturalien hat er
auch mehr. Die Sache ist die, er ist ganz und gar nicht zufrieden in
der Krumpa, er schaut alleweil aufwärts, anstatt abwärts, und das ist
gefehlt!«
»Hohe Ideale muß sich freilich auch ein Schullehrer stellen.«
»So meine ich's nicht. Der Lehrer in der Krumpa schaut alleweil
hinauf zum Oberlehrer in Schwarzbach, einen so großen Gehalt möchte
er haben. Der zu Schwarzbach denkt sich wieder: Ei, was hat's der
Schuldirektor in Elmstadt gut! Und der Schuldirektor in Elmstadt kann
nicht begreifen, weshalb er nicht schon Landesschulinspektor ist. Na,
na, wenn der Mensch alleweil ins Licht blickt, wird er blind. Da muß
man die Holzlieserl anschauen, die uns vorhin wegfür gegangen ist, eine
Stube voll kränklicher Kinder und einen schnapssaufenden Mann dazu.
Oder unsere Kohlenbrennerleute, die sich zeitweise rein von der guten
Luft und dem bißchen Wildobst nähren müssen. Oder immer ein Bäuerlein,
das mehr Schulden als Schuhnägel hat, weil ihm das Weib heimlich Mehl
und Butter austrägt und an ihre Lotter vertut. Freilich wohl, mein
lieber Herr, mit solchen Leuten verglichen, ist unsereiner ein reicher
Mann. So war das vom Auf- und Abwärtsschauen gemeint.«
Am Ende der Schlucht war eine Holzbrücke, diesseits derselben standen
ein paar Hütten, und jenseits an der Felswand war die Kapelle mit einem
hölzernen Dachreitertürmchen.
»So,« sagte mein Begleiter, »das wäre der Dom zu Sankt Marten. Und hier
beim Bach die Universität.«
Ein hölzernes Schulhaus mit geräumigem Unterrichtszimmer und der
niedlichen Lehrerswohnung.
»Ich habe ihn schon!« lachte mein Lehrer einer kleinen, weißlockigen
Frau zu, die im Sonntagsstaat, aber mit einer breiten Küchenschürze um
die Mitte, vor mir den Knicks machte:
»Wenn man ein einfaches Nachtmahl gehabt hat und in der frischen
Gottesfrühe schon eine Stunde marschiert ist, da wird ein Tröpfel
Kaffee wohl schmecken. Ich bitt' schön!«
Im sonnigen Stübchen, auf weißgedecktem Tische gab es dampfenden
Kaffee, Weißbrot, Butter, Honig und einen Strauß frischer Blumen,
wie sie im Herbst auf den Feldern wachsen. Alles in feinen
Porzellantassen und daneben in einer Stahlschale zwei Zigarren. An der
blankgescheuerten Wand Hausgeräte, Heiligenbilder und eine auffallend
große Photographie in kunstvoll durchbrochener Metallrahme. Das Bild
stimmte so eigentlich gar nicht zur Umgebung, und es war das Porträt
des berühmten Chirurgen Professor Doktor Rottacher in Wien.
»Seid Ihr mit diesem Herrn bekannt?«
»Na, ich glaub's, daß wir mit ihm bekannt sind!« sagte das weißlockige
Frauchen und legte die Hände über der Brust zusammen.
Dann kamen schon die Sonntagsleute, die so eine Weile vor den Hütten
umherstanden.
Es war heimlich im Schulhause, und ich blieb den ganzen Tag dort.
Vormittags versammelten sich im Kirchlein an dreißig Menschen,
der Lehrer setzte sich in eine Bank und las laut und langsam das
Sonntagsevangelium und ein Kapitel aus Thomas von Kempis' »Nachfolge
Christi«. Seit einigen Jahren haben die zu Sankt Marten keinen Pfarrer,
und so tut's halt der Schulmeister. Dann setzte er sich ans Harmonium
und spielte ein Kirchenlied, bei dem einige Weiber mitsangen. Hernach
sagten sie gemeinsam »Vergelt's Gott«, und der Gottesdienst war aus.
Jetzt ging's aber beim Schulhause an. Ein Häuslersweib kam und bat die
Frau Lehrerin, daß sie im Obstgarten das Gras abmähen dürfe für die
Ziege, der Jäger wolle das Tier auf freier Weide nicht mehr dulden. Die
Lehrerin gestattete es. Das Gras wird auch so zertreten, sagte sie dann
zu ihrem Mann. Ein anderes armes Weib fragte demütig an, ob sie die von
den Bäumen gefallenen Äpfel zusammenklauben dürfe, um sie zu dörren für
die Kinder. Die Lehrerin gestattete es und begründete ihrem Manne: die
Äpfel wären ohnehin wurmstichig. An der Hausecke lehnte ein besonders
ärmlich gekleideter Mann und hielt sich den Hut vors Gesicht, als
schäme er sich. Der Lehrer ging zu ihm: »Deine Kinder haben wohl schon
wieder einmal Magenweh, Sebastian!«
»Freilich, freilich, Herr Lehrer, schon seit gestern mittags!«
»Hast du die Flasche bei dir?«
»Wohl, wohl, Herr Lehrer!«
»Geh' nur in die Kammer zur Frau!«
Und die Frau Lehrerin füllte ihm die Flasche mit Milch und gab noch ein
Stück Brot dazu.
Später kam ein hinkendes Weiblein dahergehumpelt und fragte an, ob die
Frau Schulmeisterin denn gar nichts für sie zu stricken hätte.
Die Frau bestellte zwei Paar Socken, die Alte blieb aber noch stehen
und sie hätte halt frei keinen Kreuzer Geld.
So ging das fort, dem Lehrerpaare schien alles ganz in Ordnung zu sein.
Sie gaben und gestatteten, und wo das nicht ging, vertrösteten sie
leutselig auf später.
»Zu wem sollen diese armen Leute sonst gehen!« meinte der Lehrer: »sie
haben halt auch ihre Anliegen, und den Weg zum Schulhaus finden sie
seit kindesher.«
Beim Mittagsmahl saßen wir unser drei beisammen, ich zwischen den
alten Leuten, wie eine Art von Sohn. Da gab es gekochte Milchsahne,
blaugesottene Forellen, Eiersalat und Zwetschkenklöße. Die Fürsten
können solches nicht besser haben und es koste, wie die Frau
versichert, fast gar nichts. »Die Sahne ist von unserer Kuh, die Eier
sind von unseren Hühnern, die Zwetschken wachsen auf unseren Bäumen,
und die Forellen angelt mein Mann von seinem Fenster aus dem Bache.«
Der Förster, der auch das Fischwasser hütet, habe deswegen zwar einmal
Umstände gemacht, doch der Bezirksrichter habe entschieden, das wäre
schon seit altersher so, daß mit der Hand gefangene und aus der eigenen
Wohnung geangelte Fische Freigut sind.
Sie hätten es seit jeher so gehalten, wären ja schon zweiundvierzig
Jahre in diesem Bergwinkel. Die ersten Jahre hätte es wohl geplagt.
Acht Tage nach dem Herzug habe die junge Frau bei den Waldhäuslerinnen
um Brot und Kartoffeln betteln müssen. Dazu eine verfallene Hütte als
Schulhaus, das wäre dann aber vom Waldherrn neu gebaut worden. Später
sei das Gehalt erhöht worden und die Frau hätte eine Erbschaft gemacht,
so daß sie jährlich schier über sechshundert Gulden aufzubrauchen
hätten. »Wir sind aber auch schier die einzigen Steuerzahler in Sankt
Marten!« --
Das wurde mir mit Stolz erzählt, obschon der Alte gleich beisetzte:
»Man soll sich freilich nicht prahlen, sondern Gott danken. Und das
tut man alleweil am besten zu armen Leuten. Fünfhundert Gulden Gehalt,
hundertzehn Gulden Renten! Zu Tod müßt' sich einer schämen mit so einem
Vermögen, wenn man damit nicht ein bissel Vorsehung spielen wollte.«
»Und erst, seit uns der Julius so viel Sachen schickt!« rief die Frau
drein, »aber der meinige will ja nichts nehmen!«
»Der Julius, wer ist denn das?«
»Das ist der da!« sagte der Lehrer und tippte mit dem Finger auf die
Photographie an der Wand.
»Professor Rottacher! Ein guter Freund von Euch?«
»Aber ich bitt' Euch, das ist ja unser Julius!« rief die Lehrersfrau,
»unser Herr Sohn!«
»Unser Bub'!« verbesserte der Alte.
Da habe ich erst einmal aufgehorcht.