»Mir steht ein Duplikat in Aussicht,« sagte er einleitend. »Auch

dem Zigeuner mit der alten Fiedel bin ich auf der Spur. Diese da

-- ein sehr seltenes Stück! -- sie gehört dem Bräutigam. Er hat

damit der Seinigen das Ständchen gebracht, er wird sie noch öfter

brauchen können. Ist die Geige verstimmt, so soll er küssen, und ist

das Weibchen verstimmt, so soll er geigen. Und jetzt einen kecken

Steirischen aufgefiedelt! Gerad'halten, Junge!«

Der singende Schabelwirt.

Der dicke Schabelwirt in Rusterholz hatte zwei Stimmen, eine im

Gemeinderat und die andere auf dem Kirchenchor. Die erstere war so

gewichtig, daß sie mit Leichtigkeit ein halb Dutzend Häuslerstimmen in

die Luft schnellte; die zweite war so mächtig, daß in der Kirche die

Leute sich umwendeten, um diese Stimme nicht bloß zu hören, sondern

auch zu sehen. Sie mußte wie ein Strick von Bärenhaar aus dem viereckig

aufgespreizten Munde des Schabelwirtes hervorgewirbelt kommen. Die

Stimme dieses Chorsängers weckte Skalen in der Menschenbrust; wer sie

das erstemal hörte, dem war zum Lachen, wer sie oft hörte, dem war zum

Weinen.

Selbst dem Chormeister war zum Weinen. Allein ohne Schabelwirtsgesang

in der Kirche gab's keinen Kaffee zum Frühstück. Mehrmals hatte er

es versucht und nur solche Messen auf die Pulte gelegt, die ohne

Männerstimme gegeben werden konnten. Allsogleich jammerte der Wirt

seinen Gästen vor über den Niedergang der Musik und daß der Chormeister

Sägespäne im Kopf haben müsse! Ob die menschliche Stimme nicht

der Höhepunkt aller Musik wäre -- besonders eine schöne kräftige

Männerstimme! Wenn dieser Herr töricht werde, so müsse man ihm die

Zitzen höher halten! -- Und dem Chormeister blieb die Milch aus. Des

Wirtes Kuhmädel kam des Morgens nicht mehr mit der Zinnkanne, wie

sonst, und da fand der Chormeister endlich doch allemal wieder, daß

zur würdigen Kirchenmusik auch eine kräftige Männerstimme gehöre. Der

Schabelwirt »mußte« wieder singen, und das Mädel erschien mit der

Zinnkanne.

Kamen Fremde nach Rusterholz, so eiferte sie der Wirt an, doch auch

die Kirche zu besuchen, womöglich beim Gottesdienst, es wäre sehr

feierlich, besonders mit der Musik wären sie gut bestellt. Der

Chormeister hingegen, der sonst auch nicht unchristlich dachte, riet

den Fremden lieber einen Ausflug auf den Schirmberg, oder auf den

Rotkofel an, als den Gottesdienst in Rusterholz. Die einheimischen

Kirchenbesucher opferten ihre Ohrenpein für die armen Seelen im

Fegefeuer auf und so oblag der Schabelwirt ungestört seinem Gesang.

Ein halbberauschter Zecher wagte eines Tages den Zweifel laut werden

zu lassen, ob der Wirt wohl auch alle Noten kenne! Der kam an! Prügel

bekam er nach Noten! Da hatte er's blau auf weiß! Aber ungarische

Schweinetreiber, die eines Tages während der Messe ihre Herde

vorbeiführten, machten doch halt vor der Kirche und der eine lugte zum

Tore hinein, ob nicht Hilfe nottäte. Er schien sich nicht sicher, ob es

Gesang oder Notschrei wäre. -- Sollten sich nur beruhigen, die Herren

Sauhändler -- es ist Gesang!

Auch in dem Jungen steckte es, in Schabelwirts Sohn, dem Damian.

Stimme hatte der keine zum Singen, sie gixte. Eine Weile meinte der

Chormeister, sie mutiere; wenn das vorüber, würde die Stimme des

Burschen alle anderen Sänger der Erde gründlich ausstechen. Nun war

der Junge mannbar geworden, allein die Stimme gixte noch immer, der

Chormeister hatte Todesangst. Wenn ihm der auch noch auf den Chor kommt!

»Dem Damian seine Stimme muß geschont werden,« sagte er vorbeugend,

»wenn sie jetzt einige Jahre lang auf das Sorgfältigste geschont wird,

dann können wir einmal etwas Phänomenales erleben!« Einstweilen schlug

er dem Burschen vor, geigen zu lernen. Das Geigen aber gefiel dem

Alten nicht. »Die Geige ist ein Konkurrent der menschlichen Stimme,

aber ein ganz unfähiger! Trompetenblasen, ~das~ ist das richtige.

Blech, ~das~ gibt Musik!«

Indessen -- ein großes Dorfwirtshaus hat noch andere Aufgaben, als

Singen und Trompetenblasen. Man weiß ja doch nicht, ~wann~ er

einmal dazukommt, der Blitzstrahl, und das neuerrichtete Thörlwirtshaus

da drüben in den Boden zündet! »Der Thörlwirt ist ein hautfalsches

Luder! Sein Süßtun mit den Gästen -- alles nur ums Geld! das kennt man.

An Süßtun bist ihm nicht gewachsen, Damian!« So der Schabelwirt, und

dann kamen Lehren und Ratschläge.

»Es ist möglich, mein Sohn, daß ich mich einmal vom Geschäfte

zurückziehe, um ganz der Musik zu leben. Da mußt du wissen, wie man

es mit den Gästen macht, daß sie sitzen bleiben. Unser Herrgott, mußt

bedenken, schickt einem Gastwirt allerhand Kostgänger ins Haus. Wie

viel Geld sie dalassen, das ist deine Sache. Daß du die Tanzpfeifen

hernimmst, wenn junge Leut' kommen, so gescheit wirst wohl selber

sein. Daß du sie wegschmeißt, wenn Viehhändler und Hausierer vom

Geschäfte reden wollen, na, das wirst auch noch einsehen. Selber

mußt dich ausspielen, mein Lieber! Tut einer bei seinem Glas Trübsal

blasen, so mußt dich zu ihm hinsetzen und ihm allerhand vorreden, bis

du draufkommst, was ihm ist. Nachher, wenn er mit seinem Anliegen

ausrückt, hör' ihm aufmerksam zu, nicke bisweilen mit dem Kopf und

schlag' mit der Hand immer einmal vor Überraschung oder Entrüstung,

woran es halt ist, auf den Tisch, damit er sieht, daß du Anteil nimmst

und er sein Glas nachfüllen läßt. Überhaupt, bei Gästen, die gern

schwatzen, die mußt schwatzen lassen und dich aufs Zuhören verlegen --

denken kannst dabei, was der will. Merk' dir nur das: hast ein gutes

Benehmen, so brauchst keinen guten Wein. Unterhalten sie sich mit dir,

ist auch das wohlfeile Gesüff gut. Wird manchmal ein besoffener Patron

ungut, so mußt du ihn der andern wegen hinauswerfen, aber ja nicht

so, daß er's merkt. Ich hab' zu so einem halt allemal gesagt: Geh,

sei gescheit, Michel, laß die dummen Leut' dort sitzen, die verstehen

keinen Spaß. Geh' einmal bissel in die frische Luft hinaus. Halt,

ich führ' dich, daß du nicht stolperst! -- und derweil hab' ich ihn

hinausgeschoben. So einer hält dich für seinen besten Freund und kommt

dir allemal wieder, wenn er Geld hat. Gibt dir aber auch Bockige. Der

Riffel-Toni, das ist noch der harbste! Wenn der anhebt zu schimpfen, so

muß man alle Stalltüren zusperren, sonst laufen die Vieher davon. Am

besten ist's, man schimpft mit. Wenn man ihm hilft, da wird er ehzeit

fertig, wenn man ihn löschen will, da zündet er sich erst rechtschaffen

an und schlagt drein. Und so wie du beim Riffel-Toni mitschimpfen

mußt, so mußt beim Krautruben-Barthel mitröhren! Weißt eh, daß der

Alte allemal zum flennen anhebt, wenn er einen Rausch hat. Lachst ihn

aus, so vertreibst ihn. Wär' ein Unsinn! Der Krautruben-Barthel zahlt

allemal fleißig die Zech'! So Leut' muß man estimieren! Ist eh ein

Kreuz. Wer heut' im Dusel nicht zahlt, zahlt morgen beim Kopfweh noch

weniger. Daß man die Tafel mit den Angekreideten an die Wand hängt,

wo sie jeder vor der Nase hat, brauch' ich dir wohl nicht zu sagen.

Überhaupt wirst du mit der Zeit selber drauf kommen, wie die Leut'

behandelt, gefoppt, gerupft sein wollen. -- Ich hab' in den ersten

Jahren mit dem Singen die Leut' vertrieben. Und das hab' ich dumm

gemacht. Wer ein so Mordsochs war und über den Gesang geschimpft hat,

den hab' ich hinausgeschmissen, aber anders, als ich es grad' vorher

auseinandergesetzt hab'. Den hab' ich das letztemal gesehen gehabt.

Den anderen, den mehr Gebildeten, die eine Musikfreud' gehabt und mir

zugehört haben, ist immer einmal eine Maß vom Bessern aufgetischt

worden, geschenkterweis'. Wie ich aber seh', daß trotzdem einer um den

andern bei der Tür hinausschlupft, hab' ich mir gedacht: Die Pölli

verstehen nix. Was sollst deine Perlen den Säuen vorschmeißen! und hab'

im Wirtshaus das Singen sein lassen. Jawohl, mein Sohn, ein Wirt muß

sich aufopfern können für seine Gäst' -- wenn er ein Geschäft machen

will.« --

Man wird nun wohl überzeugt sein von dem großen Takt des Schabelwirts.

In der Kirche, allerdings, wollte er seine Perlen nicht zurückbehalten;

er sei sein Talent dem Herrgott schuldig! war sein Bescheid, wenn er

manchmal teilnehmend befragt wurde, warum er sich auf dem Chor so

abmühe für nichts und wieder nichts, und hätte doch nur Undank dafür.

»Undank ist Künstlerlos!« Diesen Spruch hatte er sich aus einem alten

Volkskalender herausgeschrieben, zitierte ihn aber nicht oft, weil er

überzeugt war, daß seine Stimme wohl von allen Verständigen gewürdigt

werde. Nun, und die Unverständigen? Auf die pfeift die Katz, damit sie

auch was Musikalisches haben.

Beim Schabelwirt hielt sich zeitweise ein hinkender Mann auf, der hatte

ebenfalls was Musikalisches. Nämlich einen redenden und singenden

Kasten. Hielt man sich daran zwei Schläuche an die Ohren, so hörten

sich die Stimmen berühmter Redner und Sängerinnen und ganze Musikchöre

heraus, wie sie einst in großen Städten und anderswo hineingesprochen,

gesungen und gepfiffen worden waren. Diesen Kasten verehrte der Wirt

als den größten Künstler der Neuzeit, der -- wie er liebenswürdig

scherzend sagte -- deshalb auch in den Grafenstand erhoben worden sei.

Denn es war der Phonograf. Für das Horchen zog der Hinkende Geld ein,

nur der Wirt zahlte nichts, leistete dafür jedoch dem Eigentümer freie

Kost und Verpflegung; bloß das Getränk mußte bezahlt werden. Als der

Mann den Schabelwirt einlud, einmal mit seiner phänomenalen Stimme

etwas in den Kasten hineinzusingen, gab der Wirt das Lied »In diesen

heiligen Hallen« ab. Der Hinkende jedoch tat geheimnisvoll und ließ ihn

das gesungene Produkt nicht zurückhören, denn er fürchtete für seinen

Kasten ...

Eines Tages kehrten zwei Herren aus Murstadt beim Schabelwirt ein. Er

war sehr artig, ließ vom »Besseren« auftragen, in der Absicht, ihnen

nachher etwas vorzusingen. Denn das waren offenbar gebildete Leute. Die

Fremden hinwiederum luden ihn ein, mitzutrinken, in der Absicht, ihm

dann eine Angelegenheit vorzutragen. Und als sie beiderseits lustig

waren, meinte einer der Fremden, so ein wackerer Gastgeber, wie der

Schabelwirt in Rusterholz, verdiene, daß er ein Geschäft mache. Sie

wollten an einem der nächsten Sonntage seinen großen Tanzboden mit

Gästen anfüllen. Sie möchten bei ihm nämlich eine Volksversammlung

veranstalten und Reden über den Fortschritt und über die Freiheit

halten.

»Ah, meine Herren, seid ihr die Aufklärung?« fragte der Wirt, »hab'

schon gehört davon. Tut einer eine Red' reden? Schön, brav! Tu' meinen

Tanzboden schon hergeben dazu. Nachher zum Schluß können wir auch was

singen -- daß es recht lustig wird.«

So wurde ein Freidenkertag beschlossen. Waren die Rusterholzer auch

nicht gerade fortschrittlich gesinnt, so waren sie doch neugierig.

Und waren durstig. Je mehr ihrer zusammenkamen in die warme Stube, je

durstiger waren sie allemal. Das sollte sich wieder einmal machen.

Nun sandte der Schabelwirt seinen Laufburschen aus: »Geh' im ganzen

Gai um, von Haus zu Haus, und die Leute sollen nächst' Sonntag zum

Schabelwirt und Gemeinderat kommen, nachmittags nach dem Segen wäre

dort Freidenkerversammlung!«

Der Knabe lief mit dieser Freudenbotschaft, so schnell er konnte und

überall schrie er es gleich zur Tür hinein: »Nächst' Sonntag nach dem

Segen ist beim Schabelwirt Freitrinkerversammlung. Alle sollt's kommen!«

»Donnerwetter noch einmal, der dicke Wirt! Will er bei der nächsten

Wahl wieder in die Gemeinde?« Die Klügeren rieten: Ansingen wird er uns

wieder einmal wollen, und da gibt er halt einen Labetrunk. -- Nun, sie

wollten dabei sein bei dieser Freitrinkergesellschaft. »Müssen ihn in

der Kirche umsonst anhören; dasmal kriegen wir dafür was zu trinken.

Nett von ihm, daß er was lohnt.«

Der Pfarrer von Rusterholz jedoch hatte ein feineres Ohr, oder eine

bessere Nase. Kam er kurz nachher ganz langsam ins Wirtshaus getreten,

ging aber nicht in das Extrastübel, wo der Tisch mit einem rot und

weiß quadrierten Tuch bedeckt war, sondern stand in der großen Stube

ein wenig so herum, lehnte endlich seinen Stock an den Uhrkasten, den

Hut behielt er heute auf und so setzte er sich zum Leutetisch. Als

auch diesen der geschäftige Schabelwirt rasch mit einem roten Tuch

überziehen wollte, tat der Pfarrer mit der Hand einen Deuter: »Lassen

Sie's, lassen Sie's. Es ist auch so gut.«

Aber feierlich war heute der alte Herr und es wollte keine Ansprache

recht verfangen. Von dem Achtel Wein, das er sich bestellt, hatte er

kaum erst genippt.

»Es wird ein anderes Wetter kommen,« meinte der Wirt.

»Ich muß Sie doch fragen,« sagte nun der Pfarrer, »sollte es wahr

sein, daß Sie in Ihrem Hause eine Freidenkerversammlung abhalten

wollen?«

»Ah na, ich nicht,« antwortete der Wirt. »Ein paar Herren aus Murstadt

sind dagewesen und haben sich angefragt. Wenn sie wollen, hab' ich

gesagt. Muß eh froh sein, wenn man wieder einmal was hört. Über das

elektrische Licht, oder so was, werden sie sprechen.«

»Das sehe ich wohl nicht gern, lieber Nachbar. Schauen Sie, unsere

Leut' sind alle gut christlich. Die verstehen solche Sachen ja gar

nicht und wozu sie beunruhigen?«

»Bei unserer Wasserkraft, sagen sie, könnten wir soviel Elektrizität

haben, daß die Mühlen und Dreschmaschinen davon gehen könnten und extra

noch für Licht genug übrig bliebe.«

Unterbrach der Pfarrer den Wirt: »Gehn's, gehn's! Für die Elektrizität

wird man Freidenkerversammlungen machen! Da ist was anderes dahinter.

Sie lesen doch von der Übertrittsbewegung. Die Lutheraner kommen, und

weil Sie ein alter Liberaler sind, so will man Sie mit der Freidenkerei

fangen. Ist übrigens eins wies andere. Tun Sie mir den Gefallen,

Nachbar, und sagen Sie ab.«

Der Wirt hatte eine dicke Zigarre angeraucht, es war eine mit der

Bauchbinde.

»Will mir's noch überlegen,« sagte er dann.

Das überlegen fiel aber zu ungunsten des Pfarrers aus. -- Wesweg soll

just in Rusterholz keine Versammlung abgehalten werden? Von überall

hört man. Wenn der Wirt einmal ein volles Haus haben will, wen geht's

was an? Und eine Unterhaltung. Ist ohnehin so selten Gelegenheit zum

Singen. Weil sie von Musik nichts verstehen, diese Bauerngogel. Und

wenn sich einmal ein Schüberl gebildete Leut' ansagen -- gleich das

Geschrei: die Lutherischen! Freidenker, was schadet's denn? Wird eh

jeder denken, was er will. Und wer anders denkt als er spricht, ist eh

ein Lump! Abhalten tun wir die Freidenkerversammlung!

Und am Vortage derselben schrieb der Pfarrer an den Schabelwirt solchen

Brief:

»Euer Wohlgeboren!

Indem Sie sich trotz wohlmeinender Abratung doch für eine

Freidenkerversammlung bestimmt gefunden haben und hiemit offenbar

gegen die Absichten der Kirche verstoßen, so muß ich zu meinem

Bedauern für die Zukunft Ihre musikalische Mitwirkung auf unserem

Kirchenchore ablehnen, denn Gott kann unmöglich Gefallen finden an

dem Gesange eines Freidenkers, der die christliche Gemeinde in Gefahr

bringt.

Mit gebührender Achtung

N. N., Pfarrer.«

So! -- -- So! -- --

Der Schabelwirt war empört. Hat der Mann das Recht, mir den Kirchenchor

zu verbieten? -- Aber an demselben Tage bedeutete ihm auch der

Chormeister, daß er mitsamt allen Musikern leider unter Botmäßigkeit

des Pfarramtes stehe. Es tue ihm aufrichtig leid! -- Um was es ihm leid

tat, hat er weiter nicht dargetan. Aber bitter ist es schon, anstatt

des gewohnten Frühstückkaffees sich mit Einbrennsuppe abfinden zu

müssen.

Gut. -- Auch Kaiser Heinrich ist nach Kanossa gegangen, was liegt

dran. Das will der brave Schabelwirt dem Herrgott nicht antun, daß

er an Sonntagen seines Gesanges entbehren müsse. Auch die Mehrzahl

der Andächtigen wird sich eine ungesungene Messe nicht gefallen

lassen wollen. Und dann trägt auch der Gesang zur Herzensbildung bei.

Vielleicht mehr, als ein Freidenkertag. Den Freidenkern aus Murstadt

wird schleunig und heimlich abgewinkt. Den Leuten braucht man nichts

kundzutun, sie sollen nur zusammenkommen. Statt so einer gespreizten

Freidenkerrede wird gesungen, da unterhalten sie sich weit besser und

ist nach keiner Seite hin Verdruß.

Also am folgenden Sonntag nach dem Segen kamen sie zusammen, die Bauern

und Häusler und Handwerker von Rusterholz beim Schabelwirt zum --

Freitrinken. Der Tanzboden wurde viel zu eng, die Gaststube und das

Extrazimmer waren so gesteckt voll, wie bei einem Viehmarkt. Mehr als

vier Bierkrügeln in jeder Hand kann die Kellnerin auf einmal nicht

befördern. Der Sohn Damian schoß auch herum, goß aber den größten Teil

seiner Bierkrüge über die Achseln der Gäste aus, weil das nicht geht,

Getränk auftragen und dabei mit jungen Weibsleuten schäkern. Der Wirt

selber machte es sich mit dem Wein leichter, er schleppte Tonplutzer

aus dem Keller und ließ daraus ununterbrochen in die Gläser rinnen. So

nagelt man sie fest auf ihren Bänken und dann wird gesungen.

Als sie nun aber merkten, daß der Wirt mit dem blauen Sacktuch seine

Augengläser putzte -- denn ohne Augengläser konnte er nicht singen --

da schlichen sich etliche sachte ins Vorhaus und von dort ins Freie.

Auch der Steinbrecher Einsel wollte es so machen, den hielt jedoch

der Wirt an und fragte, ob er in der Stube nichts vergessen habe? Der

Einsel tastete nach dem Haupte -- der Kopf war da, der Hut saß auch

drauf; den roten Regenschirm hatte er in der Hand. Nein, vergessen

hätte er nichts. -- Ob er doch wohl das Geldtaschel in den Sack

gesteckt habe, als er die Zeche beglich?

Bei dieser Erinnerung machte der Einsel große Augen.

»Zech? Zech' sagst, Wirt? Wer wird denn heut' Zech' zahlen, wenn

Freitrinkertag ist!« -- Dem Schabelwirt gab's einen Stoß in der Brust.

Wenn es ein Mißverständnis wäre? Er hatte sich ohnehin gewundert, daß

die Rusterholzer so plötzlich bildungsdurstig geworden und so zahlreich

erschienen waren! Wenn's ein verhängnisvoller Irrtum wäre? -- Sogleich

stieg er auf eine Bank und machte laut, daß heute bei ihm nicht eine

~Freitrinker~-, sondern eine ~Freidenker~versammlung hätte

stattfinden sollen, daß aber die Herren aus Murstadt nicht gekommen

seien.

Himmel Hagelstern, wurden jetzt die Gesichter unschön! Die einen

krebsrot, die anderen käseblaß -- in die Länge zogen sich alle.

»Du Wirt!« begehrte ein alter Pechbrenner auf, »wenn du wieder einmal

einen Boten schickst, so schau erst, ob er auch reden kann. Alle

ehrenwerten Manner, die da sind, werden meine Zeugen sein, daß dein

Schickbub ~Freitrinker~versammlung hat gesagt!«

Des stimmten ihm alle bei. Der Wirt zuckte die Achseln. Das sei ihm

wohl höchst unlieb. Darum, das undeutliche Reden hätt' er eh auf dem

Zug! Da käme gewiß allemal ein Balawatsch heraus. Übrigens werde es

ja kein Unglück sein, am Sonntag nach dem Segen einmal ins Wirtshaus

zu gehen, besonders, wenn gesungen würde. Er wolle sie für die

ausgebliebenen Freidenker entschädigen und ihnen jetzt eins vorsingen.

»Für die Freidenker brauchen wir keine Entschädigung,« sagte der

Pechbrennen, »aber zahlen tun wir heut' nix!«

Sie stimmten alle bei, schrecklich stimmten sie bei. Ein Gelächter

war entstanden. Allein der Bauer kann »Krowaten zerreißen und lachen

dabei«, ein Sprichwort, das dem Wirt nicht unbekannt war.

»Alles, was recht ist,« sagte der Wirt und stellte sich mit

Geistesgegenwart auf einen Dreifuß. In der Hand hielt er ein

Notenblatt, aber -- wie ein Nebenstehender wissen wollte -- verkehrt.

Wie sein Singen zu hören war, das soll ein anderer sagen, ich kann

bloß beschreiben, wie es zu sehen gewesen ist. Mit ausgespreizten

Beinen, über deren eines noch die weiße Schürze niederhing, stand

er da, den Bauch weit hervorgewölbt, den Oberkörper nach rückwärts

gebogen. Das Doppelkinn quoll vorne und der wulstige Nacken hinten über

den Rockkragen hinaus. Das rote Gesicht breit gepolstert, den Mund

aufgesperrt und ausgeböscht, daß er schier viereckig wurde -- so kam es

nun hervor aus dem mächtigen Brustkorb und das Blatt wurde von einem

zarten Sprühregen befeuchtet.

Nach dem ersten Liede »Im tiefen Keller« -- erschollen einige Rufe. Das

»Bravo« ist in Rusterholz nicht der Brauch, aber nach Vergeltung riefen

sie und frisch Bier und Wein wollten sie haben. Auf der Ofenbank, in

den Wolken des Tabakqualms verschleiert, stand ein Mensch und der rief,

sie sollten einmal auf ihn hören, er wisse auch was. Das war der Riffel

Toni.

»So red', Toni!« sagte der Wirt. Es war zwar der harbe Kampel, doch man

kann vorbauen. »Willst noch ein Glas Wein haben?« Denn er dachte, der

Mensch wolle ihm vielleicht doch eine Gesundheit ausbringen.

»Wein ist mir allemal recht,« hub der Riffel Toni knurrig an. »Erst

will ich dich aber einmal fragen, Schabelwirt, was wir heut' sind, da

in der Stuben -- Freitrinker oder Freidenker?«

»Freidenker, schon gewiß!« beschied der Wirt.

»Das glaub' ich auch,« rief der Toni. »Und dazu brauchen wir nicht

einmal die feinen Herren aus Murstadt. Und derohalben wollen wir reden,

was wir uns denken.«

Dann riß er mit den Fingerspitzen der beiden Hände den wüsten Bart

auseinander, daß die freie Rede auch freien Ausweg habe durch den Mund,

aus dem ein paar scharfe Oberzähne hervorstanden, wie bei einem Eber.

»Schabelwirt!« begann er, »willst du wissen, wie du singst? Sollst es

hören. -- Wenn ein kropfeter Hahn in einen alten Kochhäfen hineinkräht,

wenn der Altweibersommer-Wind ein rostiges Stadltor auf und zu wirft

und dem Elmbauern sein Moidel mit dem Nussensack reixelt, so meinen die

Rusterholzer allmiteinand, es singt unser Schabelwirt!«

»Hau!« lachten die Bauern, »hau saxen, das lei schon ah!«

»Du bist ein Lästermaul!« rief der Wirt, doch sein Gelächter, das er

dazu ausstieß, ging ihm nicht vom Herzen. Allein, wenn er nicht gute

Miene macht, so gehen sie mit der Zeche durch und zum Thörlwirt hinüber.

Der Riffel Toni hielt einen alten Hut hin, als wolle er Geld sammeln.

»Zusammenschießen, Leut', daß uns der Maurer und der Schmied-Franzl

in der Kirchen die Heiligen festmacht, die wackelig sind worden

an der Wand vom Schabelwirt seinem Singen! Und wegen was soll der

Krämer-Bastel just mit der Baumwoll ein so gutes Geschäft machen?

Stecken wir uns Lärchenzapfen in die Ohrwaschel, die tun's auch und

halten besser. Den Engeln über dem Altarl binden wir mit den blauen

Fastentüchern die Köpfe ein -- nachher soll er halt wieder singen, der

Schabelwirt.«

Stürmisches Gelächter und etliche warfen Kreuzer in den Hut, um gegen

den bedrohlichen Gesang Vorkehrungen treffen zu können.

»Wie du das nur anstellst, Schabelwirt,« setzte der schreckliche

Mensch auf der Ofenbank seine Auslassungen fort, »daß du selber nichts

hörst von deinem Singen. Sonst wär' es weiger nicht möglich, daß du so

gesund und wohlgenährt könntest ausschaun. Oder nimmst Gegengift ein?«

Der Wirt rief heiser nach dem Hausknecht. Die Versammelten jedoch

erinnerten ihn an den Freidenkertag, wo man wohl frei denken und reden

werde können. Und riefen weiter durcheinander: »Laß das Singen sein,

wir lassen das Frozeln sein und tun dich nächstmal wieder in den Rat,

daß du deine Stimm' besser kannst brauchen. -- Erkennst es denn nicht

selber, daß du ganz schandmäßig singst? Narr, daß du's nicht besser

kannst, ist kein Gespött, aber daß du's nicht sein laßt, ist dumm. Wir

lachen dich ja all aus, ha, ha, ha, ha, ha!«

Der Wirt hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu und schoß von

einem Winkel zum andern. -- Wenn ich sie jetzt hinausschmeißen lasse,

dachte er, so ist die Zeche verloren und sie laufen zum Luderskerl

hinüber. Ach, Künstlertum! Künstlertum! In der Stadt sind es die

Zeitungsschreiber, hier sind es die Bauernmäuler. -- Aber ich werde

singen, justament, und sie werden ihr Trinken bezahlen. Das möcht' ich

schon sehen, ob man kein Recht mehr hat, in seinem eigenen Haus!

Dieweilen war jener hinkende Mann zur Tür hereingetorkelt, der Besitzer

des in den Grafenstand erhobenen »großen Künstlers der Neuzeit«. Heute

fand er sich gedeckt und so lud er den wütenden Schabelwirt wohlwollend

ein, die Schimpfer schimpfen zu lassen und in das hehre Bereich der

Kunst zu flüchten. Er habe im Kasten einen großartigen Sänger.

Der Wirt beruhigte sich gutmütig, ging in die Vorlauben, wo das Zeug

stand, steckte die Gummischläuche in die Ohren und horchte, während

der Hinkende das Werk spielen ließ.

»Abscheulich!« schrie der Wirt zurückfahrend, »das kräht ja wie ein

altes Kamel!«

Sonderlinge · 第 14 / 27 段