Er schnitt einen Weidenzweig, spannte daran die Haare, und der

Fiedelbogen war fertig. Dann hub er an auf seiner Geige zu fiedeln. Es

war außerordentlich! Es war darum außerordentlich, weil das ganz anders

stimmte, als andere Geigen, wenn auch nicht schöner, aber durchaus

anders. Tagelang spielte der kleine Musikant auf seinem Instrumente,

anfangs mit großer Selbstbefriedigung und Hoffnung, daß sich das Zeug

vervollkommnen lassen werde, allmählich aber mit weniger Zuversicht,

und als gar sein Vater, der Weber Franz, ein Donnerwetter losließ über

das schauderhafte Gekrächze, das da sein Bub hervorbringe, war es

geschehen. Der Giedel legte seine Geige auf den Holzblock, ging hinaus

unter den Apfelbaum und war betrübt. Musizieren, geigen! Er schnitt

sonst Pfeifen und blies hinein, er machte Pauken und trommelte darauf.

Alles ging leidlich, nur die Geige nicht. Wenn er dann am Sonntage den

Schulmeister das Meßlied geigen hörte, da vergaß er seine lateinischen

Sprüche und horchte versunken dem Spiel. Minutenlang konnte der Pfarrer

seinen Kelch hinhalten, der Knabe hielt die Wein- und Wassergefäßchen

in den Händen und goß nichts hinein. Er horchte auf das Geigen. Der

Pfarrer schalt ihn nicht, es wurden ihm die Augen feucht. In diesem

Kinde der glühende Drang nach dem Schönen, und es kann sich nicht

helfen? Wie reich ist die Welt an Herrlichkeit und Kunst! Wie üppig

blüht in den Städten und Höfen der Großen die göttliche Musik auf! Die

Harfe, die in einem Dorfe zu Gottes Lob ertönt, ist nur ein Stammeln

dagegen! Und selbst dieses Stammeln ist dem Knaben unerreichbar ...

Ging der Pfarrer zum Weber Franz und bettelte ihm mit vieler Mühe den

Giedel ab für eine tägliche Musikstunde.

»Du lieber Gott!« sagte der Weber: »Eine Stunde des Tages haben ihn

Hochwürden ohnehin bei der Messe; jetzt soll ich ihn noch eine zweite

Stunde herlassen? Muß ihn ja doch für mich abrichten, und er soll

arbeiten lernen. Wir sind halt arme Leute. Aber wenn er um eine Stunde

früher aufsteht, -- der Junge liegt mir jetzt alle Tage bis sechse in

der Früh'! -- so kann er meinetwegen seine Musikstunde haben.«

Nun, da hätten wir ihn ledig. Jetzt ging der Pfarrer zum Schulmeister

und sagte: »Unser Giedel. Mir tut er ins Herz hinein weh. Probieren Sie

es alle Tage ein Stündel mit ihm. Zahlen kann sein Vater nichts, aber

ich meine, es ist so viel als Kirchenmusik zum Lobe Gottes, wenn Sie

diesem musikbegeisterten Kinde das Saitenspiel lehren?«

Der Schulmeister reichte dem Pfarrer schweigend die Hand, da war es

abgemacht.

Also geschah es nun, daß der Giedel täglich in das Schulhaus kam und

auf einer alten Geige, die der Schulmeister ihm lieh, nach mühesam

eingelernten Noten die Saiten strich. Es war ein Glück, und es war ein

Fleiß, und es war eine Plage. Nach etwa einem halben Jahre waren sie

soweit, daß der Schulmeister zum Pfarrer sagte: »Mit dem Knaben ist es

ein Elend. Ich bringe ihm keine Noten und keine Regeln in den Kopf. Wo

er nach der Vorschrift sich üben soll, ist es gar nichts; er vergreift

sich, und man kann ihm auf die Finger klopfen wie man will. Wenn er

aber für sich phantasieren kann, da ist es manchmal erstaunlich,

geradezu erstaunlich! Das hilft alles nichts, wenn er das Theoretische

nicht inne kriegt, so ist alle Mühe verloren.«

Doch taten sie eine Weile so fort. Allmählich aber änderten sich die

Zeiten. Der gute alte Pfarrer zu Schwandau ging zum Altenruhsitz in

ein Kloster. Der Schulmeister wurde versetzt, der Weber Franz starb,

und der Giedel mußte als Majoratsherr in der armen Hütte die Ernährung

der Familie über sich nehmen. Die Geige, schon mit Abgang des

Schulmeisters ihm aus der Hand gesunken, mußte er sich nun auch aus dem

Kopfe schlagen. Es kamen die Jahre, in welchen dem Menschen der Himmel

voller Geigen zu hängen pflegt; an Giedels Himmel hing nichts als eine

große Flöte, auf der er Trübsal blasen konnte, wenn er das Blasen

überhaupt gelernt hätte.

Eine halbe Wegstunde von Schwandau in einem Seitengraben stand damals

ein kleiner Eisenhammer. Heute ist er ganz verfallen, nur der blockige

Schornstein steht noch da, und rings um ihn wuchert Holundergesträuche

und Nesselwerk. Der voreinstige Besitzer ist hinausgezogen in das weite

Tal, hat dort ein großes Sensenwerk gegründet, hat Ländereien und Wald

dazugekauft, und als der Besitz recht groß und die Werkschaft recht

angesehen war, hat er alles an eine Aktiengesellschaft abgetreten und

sich selber in die Stadt gezogen, wo er sein Geld in vornehmer Weise

und sorgenlos genießen konnte. Zu jener Zeit, von der hier die Rede

ist, pochte das emsige Eisenhämmerlein in der Waldschlucht Tag für

Tag, und dem Weber Giedel pochte fast noch heftiger das Herz, wenn er

es hörte. Denn im Hammerhause war Eine! Jung und gut und lieb! Das war

ihm schon recht, wenn sie nur nicht so schön gewesen wäre! Wie kann

ein armer Weberbursche sich an eine Hammerschmiedstochter wagen, wenn

sie so gottlos schön ist! Er kriegt sie nicht. Hundert andere sind,

reiche, vornehme, kecke! So gern kann sie freilich keiner haben, als

der Giedel, aber sie weiß es nicht, und er kann es ihr nicht sagen, und

so wird der Jüngste Tag kommen und die Paula Radhuberin wird es immer

noch nicht wissen, daß sie auf Erden einer so über alle Beschreibung

gern gehabt hat. Denn wie kann er es sagen und schreiben, wenn es

unsagbar und unbeschreiblich ist! -- Einmal an einem Sonntage hatte er

sie von der Kirche aus begleitet bis zur Brücke, über die der Weg zum

Eisenhammer hinanführt. Garnkaufen müsse er gehen, hatte der Giedel

gelogen, um eine Weile neben ihr herschreiten zu dürfen. Sie plauderten

und es war von sehr wichtigen Sachen die Rede: Daß doch die Straße

einmal geschottert werden sollte! Daß es wieder gar so viel regne in

diesem Sommer! Daß Korn und Obst verderbe! Nur das Heu würde geraten!

Und beim Heu hielten sie sich so lange auf, bis die Brücke kam. Dann

wünschte sie ihm einen guten Garnhandel, und er sagte: »Dank' schön!«

und also stand er wieder allein. Hinter einer Fichte stand er und

guckte ihr nach, solange der rote Punkt, denn sie hatte ein kirschrotes

Kittlein an, im Hohlweg zu sehen war.

Nach diesem Spaziergange verschloß sich der junge Weber in seine Stube

und verfaßte ein Schreiben an die ehr- und liebsame Jungfrau Paula

Radhuberin. Als er das Schreiben durchlas, war es trocken wie ein

dürrer Ast. Kein grünes Blatt und keine rote Blüte war daran und doch

wucherte in seinem Herzen ein so üppiger Rosengarten, daß der arme

Junge fast erstickte. Den Brief zerknitterte er und warf ihn in die

Asche des Ofens.

Leute, die vielleicht noch Hemden am Leibe tragen aus jener Zeit und

von jener Leinwand, die der verliebte Weberbursche Giedel gewoben,

müßten es eigentlich heute noch spüren, das trostlose Herzweh, das

er in die Fäden hineingewebert. Damals hat's kein Mensch geahnt, wo

es fehlte; weil er so blaß und traurig war, der Giedel, so meinten

etliche, er hätte es auf der Brust. Sie hatten recht, aber anders, als

sie meinten. Seine alte Mutter riet ihm oft, er solle nicht immer am

Webstuhl sitzen, er solle sich besser zerstreuen. -- Wieso denn? Lieben

darf ich nicht, und geigen kann ich nicht. -- Denn er hatte gar keine

Geige, und es war noch nie möglich gewesen, sich eine anzuschaffen. Da

kam eines Tages eine große Aufregung.

In Schwandau lebte seit kurzer Zeit ein ausgedienter Major, der eine

große Geigensammlung besaß. Wie es schon allerhand Sammler gibt auf

der Welt: Käfersammler, Tabakspfeifensammler, Hosenknöpfesammler,

Spielkartensammler, Spazierstöckesammler, Uhrschlüsselsammler und

immer so fort, so kam es dem Major, als er in seinem Ruhestande

nichts zu tun hatte auf der Welt, plötzlich in den Sinn, er müsse

eine Geigensammlung haben. Da er, wie gesagt, selbst nicht geigte und

sein Museum auch selten einem neugierigen Auge aufschloß, so hatten

die guten Leute zu Schwandau kaum eine Ahnung von all den Walzern,

Ländlern und anderen Weisen, die ungeweckt in ihren Mauern schliefen.

Da kam jener Sonntagnachmittag, an dem der Weber am Waldhange die

zwei Ziegen weidete. Sein Schwesterl, das sonst den Hirtendienst zu

besorgen hatte, war in den nächsten Kirchort zur Firmung gegangen.

Wie er im Moose so dalag und ganz gedankenlos in das offene Fenster

eines gegenüberstehenden Hauses blickte, ging es sachte und traumhaft

in ihm auf wie eine übernatürliche Erscheinung. Dort drin an der Wand

hing eine Geige, ihr zur Rechten hing auch eine solche, ihr zur Linken

hingen deren zwei kleine, ihr zu Füßen war eine Riesengeige -- aus dem

Stubenschatten immer deutlicher hervortretend Geigen und Geigen.

Dem Burschen begann fast zu schwindeln, die Wangen, die Stirne waren

ihm heiß, das Herz wurde ungeberdig, die leidenschaftliche Gier zur

Geige war wieder da. Als er am Abend nach Hause kam, und die Mutter

nach den Ziegen fragte, war er verwundert, weshalb just er von den

Ziegen etwas wissen sollte. Zum Glück kamen sie selbst heim und

meckerten ihre Ankunft. In der darauffolgenden Nacht schritt der

Giedel den Weg hin und wieder von Schwandau bis zum Eisenhammer. Als

er das erste Mal vor ihr Fenster kam, war noch Licht darin, das zweite

Mal war schon alles finster. Unterwegs begegneten ihm Nachbarsburschen,

die zu den Fenstern ihrer Liebsten gingen, dort allerlei Ständchen

brachten und getröstet heimkehren konnten. Der eine spielte unterwegs

eine Mundharmonika, der andere eine Maultrommel, der dritte jodelte und

der vierte pfiff vergnüglich vor sich hin. Und jener, der ganz still

war, atmete die Harmonie inneren Glückes. Also ist die Liebe stets

musikalisch. Nur der arme Giedel empfand keinen Wohlklang in seinem

Wesen. Er kam sich dumm und häßlich vor, ihm mangelte jener Wohlklang

des Herzens, der zu rechter Zeit mutig macht, ein Glück zu erringen. Im

Dorfe stand der Giedel vor dem Hause, in dem der Major mit den Geigen

wohnte. -- Daß es so herzzerdrückend still sein kann auf dieser Welt!

Da haben die Leute einen Mund und eine Sprache, und Geigen, und sind

doch stumm.

Lange nach Mitternacht ging er zu Bette, erst gegen Morgen schlief er

ein und geigte und geigte.

Noch ganz verschlafen war er, als übertags zwei Frauenzimmer ins Haus

kamen mit Körben Garn; das eine war die Magd vom Eisenhammer, das

andere war die Paula. Diese blickte den schlanken, blondhaarigen,

sanftdreinschauenden Burschen frisch an und sagte: »In vier Wochen

müssen wir Leinwand haben. Sie ist zur Ausstattung!«

»Will wohl trachten,« antwortete der Giedel, hatte aber nicht den Mut

zu fragen, wer denn heirate? Man atmet ja gern noch ein wenig in der

süßen Ungewißheit. ~Dann~ ist ohnehin alles aus.

Auf dem Heimweg sagte die Magd zur Hammerschmiedstochter: »Etwas

antappert ist der Weber.«

»Ich denk', der ist ein bissel gescheiter wie du!« entgegnete strafend

die Paula. Weiteres wurde nicht gesprochen.

Der Giedel wußte wohl, daß er als einzige Stütze seiner Familie

wehrfrei war. Dennoch ging er eines Tages zum Major, um Rat zu bitten,

wie er dem Soldatenleben entkommen könne.

Der Major, eine schlanke, hagere Gestalt, deren einzige Lebensaufgabe

es noch war, den dummen, krummen, plumpen Dorfleuten militärische

Haltung zu zeigen, strich heftig seinen Bart und ließ den Burschen die

Oberkleider ausziehen.

»Bravo!« schnarrte der alte Offizier, »das ist wieder einmal ein

Brustkorb!« Mit der Faust hieb er darauf, daß es dröhnte. »Hören Sie!

Das ist Grundton. Nein, nein, lieber Junge, Sie brauchen sich gar nicht

zu grämen, Sie sind tauglich. Gerad' halten!«

Giedels Blicke waren mittlerweile wirr im Zimmer umhergeflogen, aber

nicht so sehr aus Angst vor dem Militär, als vielmehr aus Hoffnung,

durch irgendeine halbgeöffnete Tür ins Geigenzimmer lugen zu können.

Da er aber nichts dergleichen entdeckte, da er wieder vollkommen

angekleidet zum Fortgehen bereit war und seine ganze Falschheit umsonst

zu sein schien, hob er mit einem tiefen Atemzug sein Herz aus der Brust

und fragte: »Haben der Herr nicht eine Geigensammlung?«

»Wissen Sie mir ein interessantes Instrument?« fragte der Major rasch

entgegen.

»Das nicht, aber,« stotterte der Giedel, »ein wenig anschauen, wenn ich

sie dürfte!«

Allsogleich war die Tür offen in das Nebenzimmer. Ehrfurchtsvoll wie in

ein Heiligtum trat der Bursche ein, so daß er vor lauter Andacht über

die Schwelle stolperte und »oha!« rief. Er war ganz rot im Gesicht,

teils wegen seiner Ungeschicklichkeit, teils vor innerer Erregung. Die

Wände des Zimmers waren mit grauem Tuche überzogen, und daran hingen

sie nun in allen Größen, Arten und Formen. Wie schön geflammt war das

Ahornholz dieser Instrumente, wie fein geschwungen und gewölbt war der

Bau, wie reizend waren die langen Hälse mit ihren köstlich gewundenen

Schnecken! Und die Fiedelbögen: schlanke und kurze, breite und schmale,

gerade und gebogene in allen Farben! Der Major, sich darüber freuend,

daß einmal eine menschliche Seele Anteil nahm an seinen Schätzen,

begann zu erklären, von wem diese und jene stamme, welche Seltenheit an

dieser und jener wäre, er hatte da Geigen von Amati, von Montana, von

Guarneri, von Bergonzi, von Jakob Stainer usw. »Und hier!« flüsterte

er, eine sehr flachgebaute Violine mit fast hellrotem Anstrich

feierlich von der Wand nehmend, »hier, die ist von Stradivarius! --

Eine Cremoneser! -- Geradhalten, saperment!«

Unserem Giedel waren nun zwar die fremden Namen ziemlich gleichgültig,

doch hörte er sie mit Ehrerbietung nennen. Als der Major an der

Cremoneser mit dem Finger die Saiten berührte, um den herrlichen Ton zu

zeigen, sagte der Bursche: »Bitte, geigen Sie eins!«

»Ich spiele nie,« antwortete der Major, hing das Instrument mit größter

Sorgfalt wieder an seinen Platz und schob den Burschen sachte zur Tür

hinaus.

Seit diesem Tag war's schier vorbei mit dem Giedel. Er dachte Geigen,

er weberte Geigen, er träumte Geigen, und wenn er Zeit hatte, ging

er hinaus und schaute auf das Haus hin, in dem der Major die Geigen

hatte. Eines Tages hörte er vom Schulmeister sagen, der Major sei ein

Fex. Hoffentlich habe er einst den Säbel besser zu handhaben gewußt,

als jetzt den Fiedelbogen, denn er könne gar nicht Violin spielen

und habe die Sammlung nur so aus Rappelköpfigkeit zusammengekauft und

erbettelt. Es sei an dem ganzen Quark nichts, eine einzige ausgenommen.

-- Schulmeister! dachte sich der Giedel, wie du nur so sprechen kannst!

Ich wollte, ich hätte die geringste dieser geringen! Aber, daß er nicht

soll geigen können? So viele Geigen haben und nicht geigen können! --

Nur auf ein paar Stunden möchte ich eine haben!

Nicht lange hernach, und es ergab sich eine zufällige Gelegenheit, daß

der Weber den Major fragen konnte, ob er ihm nicht eine Geige borgen

wollte für einen Tag, nur für einen einzigen! Und nur jene, an der ihm,

dem Herrn Major, etwa am wenigsten gelegen wäre! Er, der Giedel, setze

eine Ziege dafür zum Pfand.

Ein plumpes Lachen stieß er aus, der Herr Major, ein schreckbar

hochmütiges Lachen, dann wandte er sich ab. Und das war der Bescheid

gewesen. --

Ein stiller, warmer Herbstsonntag. Die Dorfleute ergingen sich draußen

auf Feldrainen oder saßen im Wirtshause. Der Major war mit einem

Steirerwägel in den nächsten Ort gefahren zu einem alten Kameraden, der

ihm -- so viel verlautete -- geschrieben, daß er irgendwo eine uralte

Violine entdeckt habe. Sie stamme noch aus den Zeiten der Minnesänger

und ein Zigeuner gehe damit um, der darauf ohrenzerreißend spiele und

von dem Werte des Instrumentes gewiß keine Ahnung habe. Hau, das mußte

unser Major näher erfahren, und er fuhr hinüber. -- In der Wohnung des

Majors waren ein paar Fenster offen geblieben. Der Giedel kauerte am

Berghang und schaute hinein zu den Geigen. Die Haushälterin des Majors

war auch fortgegangen, nachdem sie das Haustor mit großem Gerassel

verschlossen hatte. Der Giedel blickte hinein zum offenen Fenster.

»Der hat so viele, und ich hab' gar keine!« murmelte er. Plötzlich

schlug er mit dem Daumen ein Kreuz über sein Gesicht und lief davon.

Er ging den Weg hinein bis zur Brücke, er schritt hinan bis zum

Hammerhaus. Auf dem Fenster, hinter dem sie wohnte, standen schöne

Blumen, sonst sah er nichts. Das Wasser rauschte und der Berg legte

schon seinen dunkelblauen Schatten über das Haus. Ein paar junge Männer

gingen im Garten umher mit spitzen Schnurrbärten und unternehmenden

Mienen. Dann traten sie ins Haus. Ob das Verwandte sind von ihr, oder

Eisenhändler?

Der arme Giedel ging wieder gegen das Dorf zurück. -- Am Werktage,

dachte er bei sich, da ist die Arbeit, da geht's zur Not; aber am

Sonntag, wenn einer in der Müßigkeit so umherstreicht, da ist's schier

nicht auszuhalten. ~Der~ Druck in der Brust, der grausame Druck!

Mit dem Taschenmesser ein Loch aufmachen hinein, daß dieses wilde Blut

heraus könnt' springen ....

Als er zum Hause des Majors kam, dunkelte es schon ein wenig, und im

Tale dem Bache entlang war ein bläulicher Dunsthauch. Kein Vogel, kein

Heimchen, kein Mühlrad -- nichts. Daß es doch so still sein kann auf

der Welt! ...

Um das Haus war es öde, und nichts rührte sich. Die Fenster standen

offen. Der Giedel kletterte an einem Mauervorsprung empor und stieg zum

Fenster hinein. An der Wand huschte er hin, nahm die Cremoneser Geige

mit dem Fiedelbogen von der Wand, barg sie unter seinen Rock, sprang

rasch zum Fenster hinaus und eilte davon gegen den Wald hin.

In der darauffolgenden Nacht war's. Über den Wipfeln des Bergwaldes

stand der Mond. Der Eisenhammer stand still, das Wasser rieselte leise

über das hinterseitige Floß. Wer das Rauschen und Pochen gewohnt

ist, dem wird's unheimlich. Paula lag in ihrem Bette, konnte aber

vor lauter Ruhe, die sie umgab, nicht schlafen. -- Sie dachte an

ihre Mutter, die seit langem schon auf dem Kirchhof lag. Sie dachte

seufzend, wie das jetzt werden würde, wenn der Vater wieder heiratet.

Die reiche Sensenschmied-Witwe von Tiefwasser. Dann will er den kleinen

Eisenhammer hier verkaufen und hinüberziehen und in Tiefwasser eine

Gewerkschaft bauen. Was das noch werden wird? ...

Als das Mädchen im einsamen Stübchen so sann und dabei recht traurig

ward, hörte es draußen einen klingenden Ton. Es war anfangs wie eine

leise vor sich hin singende menschliche Stimme. Sie wurde lebhafter,

es klang wie ein süßes Locken und dann wieder wie ein betrübtes

Klagen. Es war wie ein allmähliches Aufschwingen, wie ein Anklopfen

und treues Bekennen und endlich wie das Freiwerden und Übersprudeln

eines warmen, leidvollen Menschenherzens. -- Nie in ihrem Leben noch

hatte Paula so singen, so weinen gehört. Sie war selbst einmal in einer

Singschule gewesen, aber dieser unendlich rührende Tonhauch, den sie

jetzt vernahm, er hatte keine Ähnlichkeit mit anderen Kehlenklängen,

und doch war er das unmittelbare Aufquellen eines Geheimnisses. -- Sie

konnte sich das nicht so denken, aber ein Gefühl war in ihr wach, als

ob sie in diesem Augenblicke sterben müßte, und als ob sie im nächsten

Augenblicke eingehen würde zur himmlischen Seligkeit. --

Nach einer Weile richtete sie sich auf und blickte hinaus zum Fenster.

Da unten auf weißem Kieswege stand eine dunkle Gestalt. Sie erkannte

den Weber Giedel und sah jetzt, wie er eine Geige spielte. Sie verhielt

sich ganz ruhig, sah hinab und horchte. Sie horchte so lange, bis ihr

die Tropfen von den Augen rannen. So über alle Maßen lieb hatte sie

diesen Menschen. So viel Mitleid hatte sie empfunden, seit sie ihn

kannte, weil er so sanft, so freundlich und still, so brav und so

verlassen war. Als sie einst, ein kleines Mädchen, das erste Mal in die

Kirche mitgenommen wurde, war am Altar neben dem Priester ein schöner

blonder Knabe gestanden, und so oft sie an Engel dachte, von Engeln

hörte, kam ihr dieser Knabe zu Sinn. Allmählich, ganz allmählich wuchs

dieser Engel heran zu einem Menschen ...

Paula öffnete das Fenster, da hörte der Bursche unten auf, zu geigen.

»Giedel,« sagte sie mit vor Innigkeit zitternder Stimme, »Giedel, geh'

jetzt heim. Die Nacht ist kühl.«

Da trat er ein paar Schritte gegen das Fenster und flüsterte herauf:

»Paula, ich hab' dich lieb!«

»Nimm ihn hopp!« rief plötzlich eine Männerstimme. Da sprangen aus dem

Schatten zwei Gesellen mit Waffen und glänzendem Riemzeug herbei und

rissen den Burschen nach rückwärts zu Boden. Noch hielt der Giedel

trotz des Schrecks die Geige hoch in die Luft, daß ihr nichts geschehe,

weiter wehrte er sich nicht, biß die Zähne zusammen und ließ sich

fesseln.

Mittlerweile war es im Hammerhause lebendig geworden, die Leute eilten

auf die Gasse: was da geschehen wäre, was das bedeute?

»Den Dieb haben wir,« berichtete einer der Gendarmen. »Dem Herrn Major

Stramper ist er in die Wohnung gestiegen. Eine Violine gestohlen.«

»Der Weber Giedel!« schrien nun die Schmiede und das Gesinde. »Das ist

nicht übel!«

Auch der Schmiedmeister war, flüchtig in seine Bettdecke gehüllt,

hervorgekrochen. »Ein Dieb? Ein Eisendieb?«

»Ein Bettelgeiger.«

»Der Strolch!« knurrte der Schmiedmeister, »was hat er denn vor meinem

Hause gesucht, bei der Nacht?«

»Das Töchterl hat er angegeigt!« lachten sie.

»Ein anderes Mal stiehl Butterbrot! Das frißt man ungehört,« höhnte ein

Knecht. »Geigen krächzen zu viel, kommst allemal auf.«

»Was kostet der Bettel?« rief jetzt Paula, die sich schneidig in den

Handel mischte.

»Jungfer!« antwortete der Gendarm, »es handelt sich nicht um die Geige,

es handelt sich um den Diebstahl.«

»Sag' etwas!« forderte das Mädchen den Giedel auf. »Verteidige dich!«

»Das hilft nichts,« antwortete der Bursche ganz ruhig. »Sie glauben es

mir nicht. Morgen hätt' ich sie dem Herrn ja wieder zurückgebracht. Sie

glauben es mir nicht. Aber macht nichts, jetzt ist mir ganz leicht.

Sei nur so gut, Paula, und stell' sie ihm zurück. Und daß ihr nichts

geschieht. So leicht ist mir schon lang' nicht mehr gewesen, wie jetzt.

Vergiß nur nicht ganz auf mich, Paula, wenn ich gestorben bin.«

Das Mädchen wollte darauf etwas sagen, konnte aber vor Bewegung nicht

mehr sprechen, und also führten sie den armen Jungen davon in der

stillen Mondnacht, führten ihn hinaus in das Dorf und taten ihn in den

Gemeindekotter.

Am nächsten Morgen war ganz Schwandau außer Rand und Band. Das

Unglaubliche! Manche meinten, der Giedel sei irrsinnig geworden.

Etliche fluchten über die Hexe, die ihm's angetan. Nur wenige gaben

sich stiller Schadenfreude hin. Im Gemeindehause kamen um die

Mittagsstunde mehrere Männer zusammen, der Dorfrichter, der Pfarrer,

der Hammerschmiedmeister und auch der Major Stramper.

»Ist es Ihr Ernst, daß Sie klagbar werden wollen?« fragte der Richter

den Major.

»Bare achtzig Gulden hat sie mich gekostet, die Cremoneser!« antwortete

der Major.

»Aber sie ist ja doch wieder in Ihrem Besitze,« sprach nun der Pfarrer,

»und gänzlich unversehrt. Den Burschen haben wir alle gern, er ist

fleißig, gutmütig, keiner weiß sonst etwas Ungutes von ihm. Auch wir

haben Torenstreiche gemacht in der Jugend. Lassen Sie es gut sein, Herr

Major!«

»Von mir soll niemand sagen, daß ich sein Unglück gewesen bin,«

antwortete der alte Soldat. »So vernarrt zu sein! Na ja, auch wir

einmal! -- Gerad'halten soll er sich! Es ist gut.«

»Wenn's gut ist,« sprach jetzt der Hammerschmiedmeister, »so möchte ich

auch noch ein paar Worte sagen. Mein Mädel ist wie verrückt. Ich habe

keine Ahnung gehabt. Wenn es so steht mit den zwei jungen Leuten, und

daß sie toll werden, wenn sie einander nicht kriegen -- ich sag': in

Gottesnamen.«

Denn er hatte sich's überlegt, daß es besser ist, wenn er die

erwachsene Tochter an den Mann bringt, ehe er selbst noch einmal

zugreift drüben in Tiefwasser. Es bleiben auf solche Weise allerhand

Unannehmlichkeiten aus. Das Mädel hat seine mütterliche Sach', damit

kann es dem Weber aufhelfen und die Wirtschaft herrichten. Also ist's

recht, und der Vater und die Tochter sollen an einem Tage Hochzeit

halten.

Als der Giedel aus dem Kotter trat, wartete schon die Paula, fiel ihm

lachend und schluchzend um den Hals: »Wir haben uns!«

Am Tage der Hochzeit kam der Major mit der Geige. Die Cremoneser war's.

Sonderlinge · 第 13 / 27 段