arbeitete und darbte und wartete auf den Sebast. »Wenn ich's nur
erlebe,« sagte sie oft, »krank und mit weißen Haaren wird er mir
zurückkommen, aber ich will ihm die alten Tage so gut machen, als es
sein kann. Wenn ich's nur erlebe.«
Von dem Donat sagte sie kein Wort mehr. Aber auf seinem Grabe --
trotzdem die Witwe der großen Wirtschaft und vielem Sorgen wegen nicht
Zeit hatte, es zu zieren -- fand sich immer ein grünender Strauch, ein
helles Blümel. -- Als die Leute im Steinernen Elend durch Holzhändler
verarmt, durch die Steuern abgestiftet waren und auswandern mußten,
fand auch die Ludmilla keinen Erwerb mehr in ihrer Heimat. So kam sie
herüber in die Bärndorfer Gegend und suchte ihr Brot als Dienstmagd, wo
nachher das mit dem Pferde geschehen ist. Immer zählte sie die Jahre,
bis ihr Mann zurückkehren sollte vom Strafhaus. Schon im voraus suchte
sie die Leute für ihn zu gewinnen, erzählte von seinen Vorzügen, von
seiner Bravheit. Man wartete schon mit einer gewissen Neugierde auf den
Sebast und mehrere Bauern in Bärndorf stellten ihm der Ludmilla wegen,
die sie überall gerne hatten, Dienstplätze in Aussicht. So hielt sie
ihr Haupt aufrecht und ebnete -- wo sie konnte -- die Wege für ihren
Mann. Da starb der Sebast ein Jahr vor Ablauf seiner Strafzeit!
Nun wußte ich alles. Als ich dann den frisch beguteten Socken am Fuß
hatte und den Wanderstab in der linken Hand, und ihre Hand in der
rechten -- es war unter dem Tore des Wirtshauses -- da sagte ich zu
ihr: »Ja, die Leute haben recht, du bist das Guderl. Aber wie es schon
schlecht eingerichtet ist auf der Welt, dir ist das Gute schier noch
allemal zum Schlimmen ausgefallen.«
»Wie sie ihn festhält bei der Hand!« rief jetzt im Hofraum eine der
Stallmägde der anderen zu. »Wie sie ihn festhält! Hat sie ihm ein
Pflaster auf die Füß' bunden, daß er nit fort kann! Jetzt ist er doch
auf der Höh'.« Und dann zur Ludmilla: »Nur nit auslassen, Luderl! So
ein feiner Stadtherr kommt dir nimmer.«
Erschrocken ließ ich ihre Hand los.
»Hast du's gehört, Herr?« lachte die Ludmilla. »Es wird mir auch
~das~ schlimm ausfallen. Aber das macht nix. Wenn sie ihre Mäuler
schon alle Tage füttern müssen, so wollen sie sie halt auch brauchen.
Das schadet mir nimmer, gleichwohl ich manchmal über und über möcht'
rot werden im Gesicht, wenn mich nicht schon der Einhandel so schön
gefärbt hätt'. -- Daß ich aber nicht vergess', ein Töpfel hätt' ich da,
es ist ganz klein, du bringst es leicht ins Rocktaschel und macht nicht
einmal einen Kropf.« Damit schob sie mir was Rundes in den Rocksack:
»Arnikasalben ist drinnen, und ein Leinwandfleckel dabei. 's ist nur
für den Fall, wenn der Fuß wieder sollt' anheben weh zu tun, oder sonst
-- ei geh nein! Mußt halt sauber achtgeben, junger Herr, daß nit wieder
was passiert. Behüt' Gott schön!«
Sie rieselte davon, ich sah sie nimmer.
Seither sind fünfzehn Jahre vergangen. Das Guderl lebt noch immer
als Krankenwärterin in Bärndorf. Vor einigen Jahren habe ich ihr,
eingedenk der Wohltaten, die sie mir erwiesen, einen kleinen Geldbetrag
geschickt. Den soll sie zur Hälfte verschenkt haben, zur anderen
Hälfte ist er ihr von einem ihrer Pfleglinge gestohlen worden. Später
sandte ich ihr ein silbernes Kreuzlein; das ist ihr -- auch abhanden
gekommen. Nun habe ich ihr vor einigen Monaten, als ich sie in Bärndorf
wieder aufsuchte, zum Andenken ein aus Holz geschnitztes Kreuz
gebracht. Das hat sie heute noch und das wird ihr bleiben.
Jetzt, da ich fertig bin mit meiner Geschichte, höre ich meinen Leser
entrüstet ausrufen: Elende, gottverlassene Welt, in der die Güte und
die Treue so undankbar vergolten wird!
Darauf antworte ich: Glückselige, gottbegnadete Welt, in der trotz
alles Undankes die Güte und Treue nicht ausstirbt.
Der Figurlmacher.
Es mag nun an die dreißig Jahre her sein seit jener Fahrt durchs
Pustertal. Aber ich vergesse sie bis an mein Lebensende nicht. Nie vor-
und nie seither hatte ich einem weltfremden Menschen so rasch und so
tief in seinen Mittelpunkt geschaut, als diesem schlanken Knaben.
Es war ein Sonntagsnachmittag. Über den Dolomiten war ein Gewitter
gestanden, das nach einigen scharfen Tropfen, die es an mein
Waggonfenster geschleudert, sich sachte verzogen hatte. Abendlicher
Sonnenschein brach hervor und beleuchtete die Berge und die Kirchtürme
und die frohen Menschen, die auf dem Bahnhofe versammelt waren, in
den der Zug eben einfuhr. Aus der Gruppe von Männern und Burschen
sprang jetzt ein junger, schmucker Mann mit Stock und Handbündel,
verabschiedete sich rasch, schwang seinen Spitzhut, stieß einen
grellen Juchschrei aus und stieg in mein Abteil, wo ich bisher allein
gesessen war. Voll überlauter Lust rief er jedem einzelnen noch
neckende Grußworte zu, und die Zurückbleibenden schrien: »Figurlmacher,
behüt dich Gott, laß dir's schmecken, das Herrenleben!« Er sang einen
schalkhaften Vierzeiler, jauchzte wieder, und der Zug fuhr ab. Ohne
mich zu beachten, warf mein Reisegefährte den kurzen Kranabetstock und
das rote Handbündel neben sich auf die Bank, setzte sich hin, trommelte
mit der Fußspitze und pfiff ein heiteres Liedel. Vielleicht, so dachte
ich, ist er darum so lustig, weil er seine ganze Sach' in einem
Sacktuche mit sich tragen kann. Nicht jeder ist so glücklich, ich zum
Beispiel war schon der Sklave meines Reisekoffers.
Der Bursche war so, daß er den Weibern hätte gefallen müssen: schlank,
stramm, und trug ein keckes falbes Schnurrbärtel; nur das Auge war
zu zahm; das war mattblau und hatte einen feuchten Glanz wie bei
einem Weibe, in dem die sittsam bezähmte und doch begehrende Liebe
ist. -- Endlich war er ruhig geworden, stemmte seine Ellbogen auf die
ausgespreizten Knie, und den Kopf auf die Hände gestützt, starrte er
in den Boden hinein. Manchmal schaute er zum Fenster hinaus in die
abendlich dämmernde Landschaft, dann hob sich seine Brust, als sollte
wieder ein Jauchzen herauskommen, aber es kam keines, und mit einem
leisen Seufzer sank sie wieder ein.
Der Zug rollte fort und fort, an der Decke brannte zuckend die
Lampe; schon lange mochte sie keine so stillverschlossenen Insassen
gesehen haben, als an diesem Abende. An drei Stunden mochten wir so
gefahren sein, als der Bursche ganz plötzlich an meine Brust sank
und schluchzte. Ich war fast zu Tode erschrocken und tat mehrmals
nacheinander die Frage, was das bedeute, was ihm geschehen wäre?
»Ich kann's nit tragen!« stieß er hervor, »ich kann's allein nit
tragen. Es ist zu hart.«
Ich sprach ihm freundliche Worte zu. Wenn er ein Anliegen habe, so möge
er es mir vertrauen, der Mensch dem Menschen. Bei Kummer und Leid,
da gebe es kein Fremdsein. -- Denn ich kann niemanden weinen sehen;
Frauentränen wird man zur Not gewohnt, aber ein solches Schluchzen aus
der Mannesbrust ist erschütternd wie der Ausbruch eines Vulkans. Ich
legte die Hand auf sein Haupt, das an meinem Busen lag, und sagte noch
einmal: »Freund, Freund, was ist dir?«
»Es ist so hart,« sagte er und sein Körper bebte.
»Du bist ja erst so lustig gewesen?«
Da lachte er krampfhaft auf: »Lustig! -- Mein Elend habe ich
totschreien wollen.«
»Ist dir ein lieber Mensch gestorben?«
»Wie sie meinen Vater ins Grab gelegt haben,« entgegnete er, »und ich
allein dasteh auf der weiten Welt -- es ist auch ein Schmerz gewesen.
Aber so! So wie jetzt! -- Ich kann's nicht aushalten, ich muß es wem
erzählen. Meine Kameraden daheim wissen nichts und wollten mich nur
auslachen. Mit Spott will ich nit fort.«
»Wenn ich recht verstehe, es ist gewiß ein Weibsbild im Spiele!« sagte
ich.
»Ja freilich,« antwortete er.
»Ich habe mir's gedacht. Ein rechter Mann weint nur dreimal in seinem
Leben: Wenn ihm Vater und Mutter gestorben sind, wenn ihm seine Ehre
vernichtet wird und wenn er unglücklich in der Liebe ist. Zweimal
habe ich auch schon geweint, mein Lieber, du kannst mir schon etwas
vertrauen.«
Es dauerte eine Weile, bis er so weit mit sich zurechtkam, daß er
ruhiger sprechen konnte. Dann begann er zu erzählen:
»Meine Eltern, die sind kleine Häusler gewesen, kümmerliche Leut'. Ich
hab' mir mit Heiligenschnitzen die Groschen verdient und es werden nit
viel Kirchen und Kapellen sein in der Gegend, wo nit von mir ein Figurl
steht. Ich hätt' eine Freud' zum Schnitzen, aber mir fehlt's halt noch.
Die Leut' loben mich überall und zahlen oft mehr, als ich verlang'.
Nur eine --.« Da brach er ein wenig ab, fuhr sich mit der flachen Hand
über die Stirn, machte dann eine Bewegung mit ihr, als wollte er etwas
von sich scheuchen. »Es ist eine Torheit,« fuhr er nachher fort, »daß
sich der Mensch so was zu Herzen nimmt. Aber halt gefreut hätt's mich,
wenn sie mir ein einzigmal 'kommen wär' mit einem guten Wort über meine
Figurln. Ja, den krummen Fuß oder die schiefe Nasen, oder wie schon
was fehlschlagen kann, das hat sie gleich gesehen und hat mit ihrer Red
den Fuß noch verkrüppelter und die Nasen noch birniger gemacht. Und
ist mir was geraten, daß die Leut' gesagt haben: Schau' das kann er!
-- da ist sie still gewesen und nit ein gutes Wörtel! Hab ich ihr's
hingehalten: Was sagst zu diesem Herrgottel? Nit übel, gelt? Hernach
ihre Antwort: Ist gut, wenn es dir gefällt, Figurlmacher. -- Jetzt, sie
heißt Kathrin, und da hab ich ihr eine heilige Katharina geschnitzt,
auch mit dem Rad, und sauber gemalt, daß solches Figurl ganz nett
ausgesehen hat. Sie tut nit viel um und nimmt's und ich denk, gefreuen
wird sie's, wenn sie es auch nit so scheinen laßt. Bei ihr ist alles
inwendig, und in Ehren halten wird sie das Bild wohl dennoch, ich wette
drauf, sie stellt's über ihr Bett aufs Wandkastel. -- Hernach nächstens
wie ich wieder einmal zu ihr komm, ist mein erster Blick an ihr Bett
hin auf die Wand. Was ich nit seh, das ist mein Figurl. Herentgegen
hängt am Nagel ein mit Silber beschlagenes Gamsfüßel, wie solche Sachen
der Knopfdrachsler, der Marx Zeindler, so hübsch herrichten kann. Mir
fallt aber nichts ein und wie wir miteinand ein bissel heimgarten, frag
ich so nebenhin, wo sie das Figürl hätt? -- Ja richtig, sagt sie, das
muß ich wo vergessen haben, jetzt fallt's mir ein, das steht gewiß bei
der Ahndl oder wo. -- Laß es stehen, sag ich, und bald nachher richt
ich mich zum Fortgehen, weil mich die Sach ein klein bissel verdrossen
hat. Jetzt, wie ich aber nit bei ihr gewesen bin, hab ich doch alleweil
an sie denken müssen. Kein Mensch glaubt's. Ich kenne Schönere, als wie
sie, und solche, die mich lieber hätten, aber es ist just, als ob mir
die ins Herz gebrannt wär'.«
Da der Bursche einhielt, so sprach ich: »Mein Lieber, das geht nicht
dir allein so. Die Leute haben das Wort Liebe dafür erfunden, ist aber
nicht das rechte. Verhext, wahnwitzig, das würde besser stimmen. Ein
schwarzes Weiberauge und eine Tollkirsche haben auf uns Männer manchmal
die gleiche Wirkung. Gegen Tollkirschengift ist frische Kuhmilch das
beste Mittel, gegen das schwarze Auge hat es mancher mit dem Wein
versucht.«
»Trinken!« rief der Bursche, »hab mir's auch schon gedacht, aber wenn
ich ein Anliegen hab, da schmeckt mir kein Wein, und es schmeckt mir
keiner. Ich brauch wen, den ich ~gern~ hab und der mich wieder
gern hat, und der meine Figurln mag -- wenn das ist, nachher bin ich zu
allem aufgelegt. Aber so --«
Er ließ den Kopf hängen.
»Du bist auch so einer, der auf der Welt schon den Himmel haben
möchte,« sagte ich. »Schau um, ob es ~einer~ so gut hat! Denke,
du bist auf der Welt und halt dich an die Arbeit. Das Figurnschnitzeln
wird dir dein Lebtag mehr Freude machen, als alle Weiber zusammen.«
Jetzt begann er ganz unvermittelt vom Blitz zu erzählen: »In der
Siebenbrunnkirche hat der Blitz eingeschlagen. Beim Turm ist er herab,
hat die Orgel zerrissen, nachher zur Kanzel, zum Altar, zertrümmert die
Mutter Gottes, und beim Taufstein wieder hinaus. Jetzt sind sie kommen
und ich hab müssen ein Muttergottesbild schnitzen. Ist auch alles
zufrieden gewest damit, nur der Marx Zeindler hat gesagt: Zu dieser
Sternguckerin ging er nit beten, da ginge er schon lieber zu einer, die
ihm keck ins Gesicht schaut und die Händ zum Halsen auseinander tät. --
Weil ich meiner Mutter Gottes die Augen gegen Himmel hab richten lassen
und die Händ' zusammenhalten, auf ein Gleichnis, als wollt' sie für
die Siebenbrunner Pfarr fürbitten. Nun, so hat er gespottet, der Marx,
und ich hab mir weiter nichts draus gemacht; er ist auch sonst so
viel roh, wie soll er just bei mir fein sein. Es gibt ja allerhand so
Leut auf der Welt. Sollt bei seiner Arbeit bleiben, Knöpfe drachseln,
Hirschzähne einfassen, wie man sie so an den Sackuhren baumeln hat,
Gamsbart und Schildhahnstöße binden für die Jäger, und so Sachen,
das kann er, aber vom Figurlschnitzeln versteht er nichts. Hab ihm's
gesagt. -- Jetzt hab ich mich aber doch gefreut auf die Kathrin. Das
Muttergottesfigurl wird ihr wohl recht sein, und wenn sie sieht, wie
die Leut zusammenlaufen und davor beten und ihm die Füß küssen -- und
hat's der ihrige gemacht. Und einmal nach der Kirche, da frag ich sie:
Du, was sagst denn eigentlich zu meinem Bildnis? -- Geh laß mich aus,
dalkerter Figurlmacher, ist ihre Antwort, eine solche Sternguckerin
da! -- Hab ich einmal gestutzt. Wie ist das? Jetzt haben die zwei, die
Kathrin und der Marx, gleiche Gedanken! -- Und von dieser Stund ist
meine Pein angegangen. Die zwei halten zusammen, hab ich gedacht, wo
ich geh und steh. Sonst alles überhört, vergessen, ganz dumm im Kopf,
nur alleweil denken: die zwei halten zusammen! Sie lachen die Figurln
aus und den Schnitzler, und was sich der immer sittsam hat aufgespart
für den Ehestand, an dem prassen sie allbeid, und ich bin der Gefoppte.
-- Nit essen und nit schlafen hab ich können, zugrund gehen, hab ich
gemeint, muß ich vor lauter Kränken; hab mir aber nichts merken lassen.
Bin ich mit ihr zusammenkommen, so tut sie nit süß und nit sauer,
spricht aber ein paarmal vom Heiraten, denn es ist schon ausgemacht
gewesen zwischen uns, und einmal hat sie noch im Spaß gesagt: den
Figurlmacher mag sonst keine, so will ich ihn aus Barmherzigkeit
nehmen. -- Tut mannigmal weh, so was, aber laß mir's gefallen. Jetzt
aber wird's mir ungleich und hab ich's versuchen wollen, ob's denn
nicht möglich wär, sie zu meiden und mit einer anderen was anzuheben,
weil ihrer genug sind gewest, die mir nachgeschaut haben. Aber je
weniger ich an die Kathrin denken hab wollen, je fester ist sie mir
im Sinn gelegen, und je höllischer ich sie hassen hab wollen, je
höllischer hat's mich zu ihr gezogen, und wenn ich mir gar vorstell,
daß sie mit ihm beisammen ist -- deutlich hab ich alles gesehen im
Geist -- da hätt ich rasend werden mögen vor lauter Wut und Lieb. --
Herr, wenn sie einen Mörder henken, ich werf keinen Stein auf ihn! Gott
hüt uns, kein Mensch weiß es, wie nah er am Abgrund steht.«
»Also weißt es, was noch schlimmer ist, denn so eine dumme Liebe!«
bemerkte ich.
»Am vorigen Samstag ist's gewesen,« fuhr der junge Mann fort. »Ich geh
ins Breit-Viertel hinüber, Lindenholz kaufen. Wie ich im Wald bin,
seh ich einen Knaben, der sich einen Peitschenstecken brechen will,
das Lärchbäumerl ist aber zäh, läßt sich winden und drehen und will
nit los. Halt, denk ich, nimm mein Messer, schneid's ab, äst's auch
aus und richt's gerad, -- hat das Bübel eine Freud gehabt. Wie ich in
den Graben hinab komm, wird's schon dunkel. Auf der Wiese ist Heu und
mitten drin sitzt der Marx-Zeindler. Mit seinem braunen Schnurrbart und
Funkelaugen und wie die Haarfetzen über die Stirn herabfahren -- ein
schöner Mensch. Jetzt, wie ich noch ein paar Schritt weiter geh, sehe
ich neben seiner die Kathrin. Reden tun sie nichts miteinand, schauen
sich aber fest in die Augen, also daß man meinen kunnt, ihr Blick wäre
ein eiserner Nagel, der die zwei Köpf zusammenheftet. Ich hab's meiner
Hand nit befohlen, sie greift von selber um's Messer. Sucht im Sack
und in allen Säcken und findet es nit; hab das Zeug unversehens liegen
lassen oben im Lärchenwald. So schön! denke ich, einen Schutzengel
haben die auch noch! Jetzt, was soll ich machen? Ich geh langsam rund
herum; bin ich herüben, so hab ich sein Gesicht, bin ich drüben, so
hab ich ihres. Eine so verdammte Unterhaltung hab ich mein Lebtag nit
gehabt! -- Wenn die Liebe nit blind machen tät, sie hätten mich sehen
müssen. Auf einmal, wie ich wieder hinschau, kommen sie mir allzwei
häßlich vor, so häßlich, daß mir übel wird. -- Jetzt weißt es, sage
ich zu mir, jetzt, was willst anfangen? Willst Lärm schlagen zu deiner
Schand? Willst ihn erwürgen und sie heiraten? Nein. Da gibt's nichts,
als still davongehen. -- Schon lang mein Wunsch nach Innsbruck in die
Schnitzerschul. Eine ganze Nacht hat's gearbeitet in meinem Kopf:
Sollst gehen? Sollst bleiben? Und je länger ich sinnier, je enger wird
mir die Siebenbrunner Gegend und je breiter die Straßen nach Innsbruck.
Wie die Sonn aufgeht, steht's fest. Und heut -- heut geh ich halt.«
»Ich gratulier!« Mit diesem Wort wollte ich seine Hand fassen, er zog
sie rasch zurück.
»Denke dir, lieber Mensch,« sagte ich, »sie hätte sich dir angesüßelt
und du kommst erst nach der Hochzeit zum Heu auf der Wiese!«
»Mich däucht,« knirschte er und holte die Faust wie zum Stoß aus.
»Das ist nichts,« unterbrach ich ihn, »du mußt dich weit furchtbarer
rächen. Laß sie zusammen heiraten, er mit der Roheit, sie mit
der Untreue, das geht weit über's Schnitzmesser! Und das bedenk:
ein gleichgültiges oder absprechendes Wesen paßt nicht für einen
Figurlschnitzler. Das würde dich mutloser machen, als alle
absprechenden Urteile neidischer Kollegen, und deine Kraft lähmen. Die
Mitfreude des geliebten Weibes an seinem Werke bedarf der Künstler, wie
die Blume den Sonnenschein. Kein Mensch glaubt's, welch ein Segen für
den Künstler das rechte Weib ist. Bedenk's und danke Gott.«
»Aber --« entgegnete er, und die Stimme brach sich im Halse, »ich --
hab sie lieb.«
Es ist ewig dieselbe Geschichte. Da hatte er aus Trotz gejauchzt, aus
Wut sich zum Auswandern entschlossen, aus Rache nach dem Messer gelangt
und muß sie lieben, als wäre sie ihm ins Herz gebrannt.
Wir waren in Franzensfeste, wo unsere Straßen sich trennten, die meine
ging nach dem Süden, die seine über den Brenner nach der Hauptstadt.
Vor dem Scheiden hatten wir gegenseitig unsere Namen genannt. Er hatte
mich noch um Verzeihung gebeten, daß er mir sein Anliegen so vor die
Füße geworfen, und gedankt, daß ich gut mit ihm gewesen. Jetzt sei ihm
schon leichter. Dann gab ich ihm noch den Rat, er solle aufhören, sie
zu hassen, dann würde er auch aufhören, sie zu lieben, und falls uns
der Lebensweg noch einmal zusammenführe, würde er wirklich so lustig
sein, als er es heut ~scheinen~ wollte. --
Acht Jahre später brachte ich folgendes in Erfahrung. Die Katharina
Zeindlerin machte eine Wallfahrt nach Maria im Anger. Die Kirche ragte
in einer Waldgegend, in der manch freundliches Dörfchen und manch
schmuckes Landhaus stand. Aber die Katharina schleppte eine Last von
Kummer daher. Ihre Kinder waren teils blöde, teils ungeraten; ihr
Mann war ein Wüterich, der sie mit seiner Eifersucht zu Tode quälte,
während er selbst unlauteren Schlichen frönte, und so frech, daß die
betrogene Gattin von seinen Zuhälterinnen noch verhöhnt wurde. -- Nun
trat das arme, vor Schmerz gebeugte Weib in die Kirche. Auf den Knien
rutschte sie bis zum Hochaltar, auf dem die Mutter des Heilandes stand.
Das Angesicht von himmlischem Frieden verklärt, die Hände über der
Brust gekreuzt, die Augen zur Höhe gehoben voll heiliger Inbrunst, so
stand die hehre Gestalt da; und Katharina, als sie emporblickte zu
ihr, mußte weinen. Vielleicht gedachte sie einer vergangenen Zeit,
in der sie ein Bildnis mit gen Himmel gehobenem Blick spottweise die
Sternguckerin genannt; heute war sie selber eine solche Sternguckerin,
und es tat ihr wohl, daß das Auge der Gottesmutter ihrem trostlosen
Herzen ein Wegweiser war empor zu himmlischer Erhebung.
Und als das so hohen Fluges ungewohnte trübe Auge des Weibes wieder
erdwärts sank, blieb es haften an dem Sockel der Bildsäule, in dem der
Name des Schöpfers derselben eingegraben war. Ihr Herz hub zu pochen
an, sie kannte den Namen.
Aus der Kirche tretend, fragte sie den Beschließer, ob denn vielleicht
der Künstler noch lebe, der das schöne Gnadenbildnis gemeißelt habe?
Der Beschließer streckte seine Hand aus, nach einem stattlichen
Landhause weisend, das auf einer sachten Höhung stand und von schönen
Bäumen umgeben war: »Das dort ist sein Haus, und da wohnt er drinnen.«
Also schlich nun in der Abenddämmerung das Weib zu dem bezeichneten
Hause hin, und zwischen den Planken lugte sie hinein in den Garten.
Da hörte und sah sie eine Schar hübscher, munterer Kinder, da sah sie
eine schöne, freundlichschauende Frau, und mitten unter diesen Menschen
sah sie ihn. In seinem Wesen lag eine Ruhe, aus seinen Augen strahlte
lauteres Glück.
Der Figurlmacher! -- Das Weib taumelte wegshin. Sie sah jetzt den
Unterschied, der da ist, wenn man den Blick zur Höhe richtet, wo
freudige, himmeldurchfliegende Gläubigkeit herrscht, oder der
schmutzigen Erde zu, wo solche krauchen, die nichts können, als Knöpfe
drachseln, Gamsfüßeln beschlagen und auf dem Heu liegen.
Der junge Geigenspieler.
Eines Tages sah der junge Ministrant Giedel bei seinem Pfarrer in
Schwandau ein Holzkistchen. Er betrachtete es über und über; es war
von länglicher Form, inwendig leer, und hatte sehr dünne Wände. Als
der Herr Pfarrer dem Knaben den Ministrantenanteil von der Messe --
zwei Kreuzer -- ausbezahlte, sagte der Giedel bescheidentlich: Auf
Bargeld gehe er schon weniger, aber wenn der hochwürdige Herr ihm das
Holzkistel schenken wollte, so würde er dafür gerne den Winter über
umsonst ministrieren.
»Kind!« rief der Pfarrer, »wozu willst denn das Ding? Es ist ja ganz
leer!«
»Just deswegen,« antwortete der Kleine, »ich kann bloß die leeren
Sachen brauchen.«
»Du bist nicht klug, Giedel. Das Zigarrenkistel kannst mitnehmen, und
für die Meß kriegst täglich deine Kreuzer, wie sonst. Bist ja ein
braver Bub du! Gott behüte dich!«
Voller Freude lief der Knabe mit seinem hohlen Schatze heim in des
Vaters Hütte. Dort hub er an zu schaffen. Er bohrte durch das Kistchen
Löcher, zog einen Balken durch, so daß dieser an beiden Seiten
hervorstand. Dann erbettelte er von der Mutter mit List einige Fäden
Hanfgarn, glättete sie mit Harz und spannte sie über das Kistchen,
ähnlich wie man auf eine Geige die Saiten spannt. Und als er mit den
Fingern die Fäden zupfte, wohl, wohl, da gab's einen Ton, der im
Kistchen eine Weile nachklang. Der Giedel hatte auf dem Kirchenchor
Pfeifen- und Saitenspiel gehört, er war dabei bis in den dritten Himmel
verzückt gewesen, aber jetzt war er's bis in den siebenten, denn der
Klang war von ihm selbst erfunden und erzeugt, und je nachdem er mit
dem Finger den Faden strammer oder loser spannte, gab es einen höheren
oder tieferen Ton. Als das so weit war, wagte der kleine Giedel einen
schweren Gang. Der Pferdeknecht des Nachbars war sein Feind, denn er
war ein roher Geselle, und die Töne, die der rote Rupert durch Fluchen,
Peitschenknallen und andere Mittel hervorbrachte, waren dem Giedel
verabscheuenswert. Und gerade dieser Mensch konnte ihm jetzt helfen.
»Guter Roßknecht Rupert!« redete ihn der Kleine an. »Hast du keinen
Roßschweif?«
»Ich nicht, Narr, aber mein Pferd.«
»Verkauf mir davon ein Strähnl?«
»Was zahlst?«
»Das Ministrantengeld bis Weihnachten.«
Der rote Knecht glotzte mit seinen unterlaufenen Augen den hübschen,
treuherzig blickenden Knaben ein Weilchen an, dann sagte er:
»Pferdeschweifhaare willst. Sollst ihrer haben. Dein Ministrantengeld?
den Bettel behalt' selber, aber zu mir herüber in den Stall kannst
du manchmal kommen, wenn du Zeit hast. Weißt, wenn ich am Feierabend
meinen Tabak rauch', da hab' ich's gern, wenn mir wer das Haar kraut.
Bin's von Kindes her so gewohnt. 's tut mir halt wohl. Wenn du manchmal
herüberkommst krauen, so kannst Pferdeschweif haben, so viel du willst.«
Dem Knaben ging es ganz kalt über den Rücken. Diesem Menschen das Haar
krauen! »Die Mutter laßt mich halt nicht,« sagte er dann verzagt, »aber
das Ministrantengeld bis Heiligdreikönig!«
»So wart' ein wenig,« sprach der Pferdeknecht, und der Giedel bekam
einen silbergrauen Strähn vom alten Schimmel. Jetzt war's gewonnen.