Das Elend der Armut liegt zumeist nicht im Nichtshaben und Nichtssein

allein, es liegt vielmehr noch in der Giftigkeit des Herzens, in der

Scheelsucht des Armen gegen die Mitmenschen, selbst im Mißtrauen

gegen die Wohltäter. So war ein Mann im Armenhause, sie hießen ihn

den Einhandel, weil er nur eine Hand hatte. Der hatte sich in der

Jugend aus Furcht vor dem Soldatenleben mit einer Zimmermannshacke

den Zeigefinger der rechten Hand abgehauen; zur Wunde kam der »Brand«

und mußte ihm die ganze Hand abgenommen werden. Viele Monate war er

im Spitale gelegen und als er endlich geheilt war, kam er seiner

Selbstverstümmelung wegen auf Jahre in das Zuchthaus und dann von

diesem schnurgerade in das Armenhaus. Am meisten beklagte er hier

den Verlust seiner Hand, weil er beim Beten den Rosenkranz nicht

so handhaben konnte wie andere Leute, denn zwei Dinge waren seine

Hauptbeschäftigung: das Beten und das Ehrabschneiden. An jedem und

jeder wußte er was auszusetzen, gegen jedes Gute hatte er sein

Bedenken, und es ging kein braver Mann um im Dorf, der nicht doch ein

»schlechter Kerl« war. Gegen die Ludmilla wußte der Einhandel aber

spottwenig aufzubringen und so ließ er gelegentlich nur durchblicken,

sie würde es schon wissen, warum sie so fromm tue, und trotz ihrer

Demütigkeit würde sie am Ende doch lieber mit neun Teufeln in die Hölle

fahren, als mit einem Engel in den Himmel.

»Geh, geh, Einhandel,« sagte ihm die Ludmilla einmal, »mach' dich nicht

gar so bös' mit deinem losen Maul, bist ja doch ein guter Lapp.« Und

schnitt ihm das Suppenfleisch klein, denn -- so scharf sein Mund sonst

war -- mit dem Gebiß stand's schlecht.

Am Armenhaus führte ein Feldweg vorbei, der gewöhnlich durch eine

Torschranke abgesperrt war. Wenn nun die Ludmilla durchs Fenster ein

Fuhrwerk daherkommen sah, torkelte sie allsogleich hinaus, um die

Torschranke zu öffnen, damit der Fuhrmann sitzen bleiben konnte auf

seinem Karren.

Vor dem Armenhaus war auch ein Brunnen, der aus dem Ständerrohr

armdick und rauschend in den Trog schoß. An diesem Brunnen hatte ich

die Ludmilla das erstemal gesehen. An einem heißen Sommertag war's,

ich kam als unbedachtsamer Student halbverschmachtet vom Gebirge über

die sonnigen Felder her und nun eilends dem Brunnen zu, daß ich mich

erquicke. In demselben Augenblicke, wie ich mein glühendes Gesicht

zum Wasserquell senkte, kam das kleine, runde, wackelnde Weiblein aus

dem Hause und erhob ein Zetergeschrei, daß ich emporfuhr und glaubte,

es schlügen zum Dach die Flammen heraus. »Kruziwetter Paraplie, du

leichtsinnig Volk du!« rief sie, dann nahm sie mich an der Hand und

sagte ganz ruhig und warmherzig wie eine Mutter: »Mußt nicht trinken,

Bübel, der Brunnen ist giftig. Nur ein Vaterunser lang wart', ich bin

geschwind wieder da.« Damit verschwand sie im Hause, kam im nächsten

Augenblick mit einer Schnitte Brot hervor: »So, da im Schatten setzest

dich jetzt nieder und das issest schön langsam und wenn du es gegessen

hast, netzest die Hände mit Wasser und den Nacken mit Wasser, und

nachher kannst ein wenig trinken.«

Aus dem Hause heraus hörte ich später noch sagen: »In der Hitz' so

hineintrinken! -- Ich weiß zwar nicht, wem er gehört, hat aber gewiß

Vater und Mutter, und so ein Bürschel darf man heut' noch nicht auf die

Bahr legen.«

Als ich mich hernach im Dorf erkundigte nach der Person, antwortete

man mir: Das »Guderl« wäre es gewesen. Das Guderl, so wäre sie ihres

guten, dienstfertigen und einfältigen Herzens wegen von den Insassen

des Armenhauses getauft worden. Und sie wäre ein ganz merkwürdiges

Geschöpf, hieß es, in der Jugend sei sie gar fein gewesen und man höre

Geschichten, die sich ihretwegen einstmals zugetragen, aber man wisse

nichts Sicheres; in ~der~ Gegend sei sie damals nicht gewesen und

erzählen wollte sie auch nichts davon.

Das hat mich denn gleich gepackt, und ein nächstesmal -- ich fand sie

auf dem Dorfweg damit beschäftigt, eine Wasserkehre auszukrauen, damit

die Gieß ablaufen konnte -- suchte ich mit ihr anzuknüpfen. Sie wäre

wohl keine hiesige? fragte ich.

Wie ich ihr das ansehe? fragte sie entgegen und stützte sich ein wenig

auf den Haustiel, weil sie doch recht unsicher stand auf ihren Füßen.

»Ansehen nicht, aber anhören am Sprechen.«

»So, haben die Leut' im Steinernen Elend eine andere Sprache, wie die

Bärndorfer dahier?«

»Also vom Steinernen Elend seid Ihr? Das muß aber eine traurige Gegend

sein.«

»Das kommt auf die Leut' an, junger Herr,« gab sie zur Antwort, »die

Steine sind überall hart.«

»So ist es. Und die Leut' sollen auch im Steinernen Elend recht brav

sein. Ich habe gehört, Ihr wisset so schöne Geschichten vom Steinernen

Elend herab.«

»Das hast du gehört!« rief sie aus, sie nannte mich »Du Herr«. »Aber,«

fuhr sie lachend fort, »was doch die Leut' alles reden. Schöne

Geschichten weiß ich! und etwan rechtschaffen lustige, nit?«

»Rastet ein wenig, mit dem Weg eilt's nicht; ist ja der Himmel über

und über blau, da ist die Gieß noch weit. Unter den Kirschbaum setzen

wir uns hin und Ihr erzählt mir was.«

»So närrische Sachen da!« rief sie, »ich weiß nix, ich weiß nix!« Damit

schob sie sich um, daß das Röcklein flog, und kraute mit Hast an der

Wasserkehre.

Ein zweitesmal erging es mir nicht besser. Halb schmollend und halb

bittend sagte sie, ich solle nicht kindisch sein, ich solle mich an

junge Dirndeln machen, wenn ich was wissen wolle, und nicht an alte.

Die alten hätten lauter Sauerampfergeschichten und möchte sich so ein

flotter Herr leicht daran langweilen und darüber lustig machen.

»Die Leute sagen, es hätte sich mit Euch etwas Besonderes zugetragen.«

»Mein lieber Herrgott in der Krüppelkapellen!« lachte sie auf,

»zutragen tut sich mit jedem Menschen was, wenn er sich's aufmerken

will. Und das mag für ihn selber was sein, aber für andere nit. Ich

erzähle nix.«

Zwei Jahre später kam ich wieder nach Bärndorf, aber

unfreiwilligerweise. Ich hatte mir bei einem kleinen Sturz im Gebirge

die Kniescheibe verletzt, mußte zwei Tage lang in einer Köhlerei liegen

und wurde dann nach Bärndorf hinabgebracht, wo ich beim »Weißen Lamm«

eine Woche lang im Bette lag. Wer war's, der mich pflegte? Das alte,

runde Guderl. Aber es war kaum mehr zu erkennen, über die ganze linke

Seite des Gesichts, von der Stirne bis zum Halse hinab, hatte sie einen

schier zinnoberroten Flecken und das linke Auge war geschwollen und

hatte die Brauen und Wimpern verloren.

»Gelt, jetzt gefall' ich dir, junger Herr?« sagte sie, als sie mein

Befremden merkte, »jetzt, weil ich so schön rotwangig worden bin!«

Des Einhandel wegen war sie rotwangig worden, und das ging so zu:

Der Einhandel rauchte starken Tabak und rauchte den ganzen lieben

Tag lang, und wenn er keinen Tabak hatte, dann rauchte er gedörrte

Sauerampferblätter. Saß er zusammengekauert, einen Fuß über dem anderen

und den Ellbogen auf dem Knie, auf der Ofenbank; die beiden Mundwinkel

zog er tief hinab, in einem derselben stak das Pfeifenrohr, aus dem

andern stieß er den Rauch herfür. Wenn die Pfeife nicht brannte, so

machte er Gestank mit dem Ausputzen derselben, beim Anzünden wieder

mit den Schwefelhölzern, die nicht brennen wollten. Und so ging es den

ganzen Tag. Da hatte ihn die Ludmilla einmal in Güte gebeten: »Geh,

Einhandel, sei so gut und tu nit gar so stark nebeln, oder rauch' beim

Fenster hinaus, wenn du's schon eineinmal nit lassen kannst. Mußt halt

betrachten, daß du nit allein im Haus bist. Schau, in der Stuben ist

die alte Sanna, die muß so viel husten, und der Stindl hat Augenweh,

weißt es eh, da tut der kratzend' Rauch halt wohl gar nit gut. Ist

~dir~ was übel, so wird man's auch ändern, wenn's sein kann. Sei

gescheit.«

Auf so was wurde der Einhandel giftig wie ein welker Schierling. Er

sagte es zwar nicht laut, aber zu seinem Kameraden, dem Marter-Hies,

knurrte er: »Da hast es. Hab' ich nit alleweil gesagt, dieses Weibsbild

ist ein Teufel! Und schon gewiß auch. Mir hat ihre Frommheit und

Gutherzigkeit niemals gefallen, mir nit, mir! Hab's doch gewußt, es

steckt ein höllischer Drach' dahinter. Desweg hinkt sie auch; der

Teufel hinkt allemal. Guderl! ein sauberes Guderl, das! Luderl, ja, das

ist das Richtige. Schau da her! Einem armen Menschen, der eh nix hat

auf der Welt, als das bissel Rauchen, das auch noch nit gunnen mögen!

Aber wart', jetzt erst zu Fleiß rauch' ich ihr recht unter der Nasen

herum und das stinkendste Kraut, das ich auftreib'!«

Er tat's, und wo die Ludmilla ging und stand und saß im Haus, immer

war der Einhandel da und dampfte, daß man vor lauter Giftnebel die

Stubenwände kaum sah. Sie hüstelte wohl und fuhr sich mit der Schürze

über die brennenden Augen, sagte aber nichts, als einmal: »Wenn's schon

sein muß, ich dertrag's, nur die Kranken tu ein wenig verschonen.«

Von jetzt an dampfte der Einhandel den Augenleidenden und den

Lungensüchtigen ins Gesicht. Nun beschwerten sie sich beim

Armenhausverweser, dem Fleischhacker Marner, der zumeist auf Viehhandel

aus war und sich daher um das Armenhaus nicht viel kümmern konnte. Es

war auch schon wirtschaftlich so geboten: Das Vieh bringt Geld, die

Armen kosten Geld. Nun, auf die Beschwerde konnte er doch nicht leicht

ausweichen, der Verweser. »Da muß Ordnung gemacht werden!« sagte er

großsprecherisch. Wurde der und die und auch das Guderl befragt, ob

es denn wirklich so arg sei mit dem Rauchen des Einhandel? »Wenn er's

nit just in der Stuben tät,« antwortete die Ludmilla, »draußen auf der

Gartenbank kunnt' er rauchen so viel er wollt'; man sieht's ja ein, daß

er auch was haben muß.«

Auf das bekam der Einhandel einen Verweis, der noch um einiges stärker

war als sein »Tubak« und der ihm so lange in der Nase rauchte, bis er

eines Tages ein Fläschchen Scheidewasser von der Stelle nahm, wo er es

»zum Putzen des messing'nen Pfeifenbeschlachtes« aufbewahrt hatte, und

es der Ludmilla ins Gesicht goß.

Es sei aus Zufall geschehen, behauptete nachher der Einhandel, er

habe das Fläschchen zum Putzen hernehmen und den Stoppel herausziehen

wollen, aber mein Gott, mit einer einzigen Hand! es sei halt ein Elend

auf der Welt. Die Ludmilla sah wohl ein, daß sie und der Einhandel nun

nicht mehr unter ~einem~ Dach hausen konnten, und um ihn nicht

unterstandslos zu machen, ging sie selbst davon. Sie ging in den

Häusern um, und gerade in solchen, wo das Elend war, sie brachte sich

mit Krankenwarten durch. Es war ein rechtes Geriß um sie, überall in

der Gegend, wo ein Kranker lag, wollte man das Guderl haben, und als

ich nun mit meinem verletzten Knie beim »Weißen Lamm« darniederlag,

hatte die Wirtin eben auch das alte Dirndl, die hinkende Ludmilla rufen

lassen. Wie sie da geschäftig um mich herumtat! einmal den Eisumschlag,

dann das Auswaschen der Wunde mit Arnikatee, dann jede halbe Stunde ein

frisches Glas Wasser auf den Bettisch, falls ich trinken wolle; hernach

den Fenstervorhang zugezogen, daß mir die Sonne nicht ins Gesicht

scheine, oder das Kissen aufgeschichtet, daß ich hübsch lehnen konnte

im Bett, auch unter den Arm einen Polster zur Stütze gelegt, damit mir

beim Lesen das Halten des Buches die Hand nicht ermüde. In allem wußte

sie mir es besser zu machen als ich es selbst konnte, ja besser, als

ich es ahnte, wie man unermüdlich in liebevollem Sorgen und Erfinden

allerlei kleiner Vorteile und Annehmlichkeiten gar das Kranksein zu

einem Genuß machen könne. Dabei war sie doch so unaufdringlich und war

so still heiter, wußte auch ein fröhliches Sprüchlein, ein anregendes

Geschichtchen zu rechter Zeit.

Und der rote Brandflecken auf ihrem Gesicht, der mir anfangs so häßlich

erschienen -- ich sah ihn nicht mehr; ihre freundlichen Züge, der

sanfte, gütige Glanz ihres Auges verbreitete eine andere Schönheit über

die kleine verkümmerte Gestalt.

Als ich endlich wieder laufen konnte, nahm ich die Ludmilla so an den

beiden Händen, wie man seinen Schatz nimmt, wenn man ihm in die Augen

sehen will, und sagte: »Mir tut nur eines leid. Daß ich schon laufen

kann.«

»Da sollst du froh sein, junger Herr, und unserem Herrgott Dank sagen,«

so war ihre Meinung. Sie riß ihre Hand aus der meinigen, erfaßte den

alten Strumpf, den sie zur Ausbesserung vorgenommen hatte und strickte

emsig.

Jetzt kam mir der Schalk und da rede ich allemal anders, als es einem

Christenmenschen ansteht. »Heut' die ganze Nacht,« sagte ich, »hab'

ich unserem Herrgott Dank gesagt. Auf das schaut er endlich herfür

aus seinen Wolken und sagt: Geh' zu der Ludmilla. Die laß ich heilig

sprechen, wenn der Papst einverstanden ist. Du hättest sie aber in der

Jugend kennen sollen -- sie ist jetzt noch nicht alt -- aber in ihrer

besten Jungheit, da ist sie ein lustig Dirndl gewesen!«

»Wer sagt das?« fragte die Ludmilla scharf.

»Unser Herrgott sagt's. Und wird auch nicht anders sein, brave Leut'

sind immer lustig. Aber Esel müssen sie gewesen sein, die Burschen zu

deiner Zeit!«

»Warum?«

»Daß dich keiner geheiratet hat.«

Der Grund, warum ich so niederträchtig war, ihr ein solches Wort zu

sagen? Weil ich endlich einmal ihre Jugendgeschichte hören wollte, und

richtig, sie ging augenblicklich ins Garn.

»Das just nit, Herr, daß mich keiner geheiratet hat,« sagte sie mit

leiser Stimme und einem eigentümlichen Nachdruck. »Ich bin neunzehn

Jahre lang verheiratet gewesen.«

Ich erschrak ordentlich. Die Ludmilla, die man seit Gedenken als

lediges Dirndl und Dienstbot kennt in und um Bärndorf herum, soll eine

alte Witwe sein?

»Jetzt gleich kannst du ohnehin nit fortlaufen, junger Herr,« sagte sie

nun, »es ist ja der Socken noch nit fertig.« Ich gewahrte, daß es mein

Socken war, an dem sie die durchgetretene Ferse anstrickte. »Haben

noch ein Randl Zeit, wenn so einem Herrn mein Plaudern nit zuwider ist.

Unterhaltsames ist halt nit dabei, da kann ich aber nix dafür. Ja, wenn

sich der Mensch seine Lebensgeschichte kunnt anfrimmen (bestellen), ich

hätt' mir die meinige schon besser eingerichtet. -- Willst den Fuß nit

dieweil noch auf den Polster legen? er wird noch harten Weg genug unter

sich kriegen, bis er heimkommt.«

Sie wollte das gesunde Bein betreuen, als ob es noch immer das kranke

wäre, und erst als sie sah, daß mein Körper in durchaus behaglicher

Stellung war, setzte sie sich in den dunklen Winkel am Ofen, strickte

und begann die Geschichte ihrer Jugend zu erzählen.

»Gar gut,« so hub sie an, »ist es mir mein Lebtag nit ergangen, aber

die liebste Zeit ist mir doch im Steinernen Elend gewesen. Mein Vater

ist Bretterschneider gewesen im Steinernen Elend, hat jung sterben

müssen. Wie ich ihm einmal -- just am Mittwoch ist's vor Fronleichnam

-- das Essen in die Brettersäge trag', wundert's mich, daß das Werk

steht, darauf sehe ich auf dem Sägespänhaufen, der unterhalb drin

ist, eine blutige Hand liegen. Der Vater ist oben gelegen neben dem

Bretterblock. Ist mit seiner Hand in die Säge hineingekommen, ist

die Hand abgeschnitten worden, ist der Vater ohne Hilf' verblutet.

Ich bin dazumal ein Dirndl gewesen, mit zehn Jahren; die Leut' haben

mir und der Mutter gesagt: sterben müßten wir alle; das ist halt der

Trost gewesen. Meine Mutter hat mir nachher das Gewandmachen gelehrt

und sind wir zu den Häusern umgegangen und haben genäht. Etliche Jahr

d'rauf ist meine Mutter auch gestorben. Hat sie mir auf einmal die

Hand hergehalten über den Tisch, als wollt sie mir Behütgott geben,

ist an die Wand zurückgesunken und eingeschlafen. -- »Du sollst,« so

unterbrach sie sich, »den Fuß besser ausstrecken, sonst schlaft er dir

ein.«

»Erzähle nur weiter,« sagte ich.

»Ja,« fuhr sie fort, »jetzt kommt bald das, was die Leut' so gern

hören. Hast du vom Preishubinger noch nix gehört? Gewiß wohl, das Haus

steht heut' noch und wird schier das letzte sein im Steinernen Elend.

Dazumal, wie die Gemeinde noch größer, ist er ehrengeachtet gewesen,

der Preishubingerhof. Von seinem Wald hat mein Vater die meisten

Bretterblöck' bekommen. Der junge Preishubinger und ich haben uns gern

gesehen. Und wie jetzt sein Vater stirbt und er den Hof muß übernehmen,

will er mich heiraten. Ja gewiß auch noch, vom Fleck weg heiraten!

Aber seine Mutter hat nit wollen. Die ist ein gestrenges Weib gewesen

und hat gesagt: Keine Arme wird nit Preishubingerin, so lang' ich die

Augen offen hab'. Aber sonst war sie gut, die alte Preishubingerin.

Der Donat ist sonst woltern weich gewesen und hat gern bei allem

nachgegeben; aber jetzt hat er sich auf seine zwei Füß' gestellt, und

wenn er vier hätt' gehabt, hätt' er sich auf vier gestellt, und hat

gesagt: ich heirate für mich und nit für die Mutter und ich laß mir

keine aufmessen. Fest hat er sich gehalten. Ist bald alles richtig

gewesen und hat uns der Pfarrer schon von der Kanzel geworfen. Denk'

ich mir, das wird nit gut sein und wird der Donat sein Lebtag d'ran

zu tragen haben, daß er ihren Segen nit hat. Und schon gar, wenn sie

einmal gestorben ist. -- Nein, Donat, sage ich zu ihm noch zwei Tage,

ehvor die Hochzeit hätt' sein sollen; ich sehe ihn noch, er ist an der

Kirchhofplanken gelehnt und ich bin neben ihm gestanden und hab' die

Händ' zusammengehalten. Nein, Donat, ohne ihren Willen tun wir's nit.

Sie ist deine Mutter und meint dir's gut. Sie soll im Bett sein vor

lauter Kränkung. Schieben wir's auf. Ich gehe hin zu ihr und sie soll

mich kennen lernen, wie ich bin, und sie muß sehen, daß ich nicht so

bin, wie sie denkt. Nachher ist's gut, wir haben uns keinen Vorwurf

zu machen und deine Mutter -- schau, sie hat auch niemand mehr auf

der Welt als dich -- soll sich auf ihre alten Tage nit kränken. --

Der Donat sagt darauf: Wenn wir's jetzt nit fortmachen, was wir haben

angefangen, so bleibt's aus. -- Nein, sage ich, es bleibt deswegen nit

aus, man soll nur nix übereilen. -- Du kennst meine Mutter nit, sagt

er, hat sie uns nur erst all zwei bei sich, so zerstört sie alles. Wir

lassen uns nix zerstören, sage ich, und wenn wir unseren Fleiß haben

angewendet und alles getan haben, wie es Brauch und Pflicht ist, dann

mach' ich mir nix mehr d'raus, dann heiraten wir zusammen, ist's ihr

recht oder nit. Und jetzt komm', hab' ich gesagt, wir gehen zu deiner

Mutter. -- Da hat er nachgegeben. Wie wir in die Stuben eintreten,

wo die alte Preishubingerin im Bett liegt und sie mich sieht, tut

sie einen Schrei, als hätt' ihr einer mit der Hack' auf den Kopf

geschlagen; die Decken zieht sie über ihr Gesicht hinauf und schreit:

Das Unglück ist da! und setzt sich im Bett auf und ruft die Hausleute,

man sollt' mich aus dem Haus jagen, und gibt mir einen Namen, daß ich

gerade genug hab' gehabt. Ich bin fortgegangen, und dem Donat hab' ich

gesagt, er soll' bei seiner Mutter bleiben und sie beruhigen und wenn's

so wär', da wollt' ich auf alles verzichten. -- Nein! sagt der Donat,

du wirst mein Weib, und fallt mir um den Hals.«

Das Guderl war still und ganz ruhig; ich merkte warum: wenn sie sich

jetzt bewegt und noch ein Wort sagt, so überkommt sie's. Ich wartete,

und da sie nicht mehr anhaben wollte, so sagte ich: »Erzähle doch

weiter, Ludmilla.«

»Das ist nix zum Erzählen, ich sehe es wohl,« versetzte sie gedämpft.

»Nun, wenn du schon willst, Herr, du kannst dir ja wohl denken, wie

es kommt. -- Die Preishubingerin ist in eine Krankheit gefallen, der

Donat ist bei ihr geblieben. Sie hat viel geweint, hat ihn gehalst und

geherzt und er wäre ihr Einziges auf der Welt, und er sollt' ihr nit

untreu sein. Die Steffen-Tochter wäre ein gutes, braves Dirndl, die

sollt' er nehmen. Mit der Bretterschneider-Dirn' würde er nie glücklich

werden, die schnitte ihm die Bretter zum Sarg.«

»Du mußt dieses Weib doch einmal beleidigt haben, daß es so gegen dich

sein konnte,« wendete ich jetzt der Erzählerin ein.

»Ja, ich weiß es wohl,« antwortete sie, »ich bin unbedacht gewesen und

hab's versäumt, ihr den Besuch zu machen wie es schon Zeit gewesen

wäre. Aber weil ich immer gehört, sie wäre eine hitzige Frau, im guten

wie im harten gäh und wild, so habe ich Angst vor ihr gehabt. Hätte ich

mich schicken können zu ihr! Im Grund' soll sie doch eine gute Frau

gewesen sein, sagen die Leute. Nun, Gott tröste ihre Seel'. Das ist

lang vorbei.«

»Der Donat wird doch fest geblieben sein?« war meine Frage.

»Wie es ans Sterben ist gegangen bei der Preishubingerin,« sagte die

Ludmilla, »da hat ihr der Donat das Versprechen geben müssen« ....

»Und hat er's wirklich gegeben?«

»Er hat nit anders können, er ist ein guter Sohn gewesen,« antwortete

die Ludmilla. »Ich bin ihm nachher ausgewichen. Gottlob, habe ich

gedacht, wir sind einander nix schuldig worden, und es ist das

beste, wenn wir uns nimmer sehen. Er hat nachher die Steffen-Tochter

geheiratet; das ist auch ein braves Weib gewesen, arbeitsam und zu

der Wirtschaft tüchtig und gut auf den Donat. Aber das hat man wohl

gemerkt: Glücklich ist er nit viel mit ihr. Ist mir heiß und kalt

worden, wenn mich auf dem Kirchweg sein Blick hat getroffen. Und

einmal, wie ich -- just am Mariahimmelfahrtstag ist's gewesen, ich weiß

es noch wie von gestern -- auf dem Friedhof bei meinem Elterngrab knie

und der Donat von dem seinigen über die Hügel hergeht! Wie er neben

mir vorbeigeht, da stolpert er, stützt sich noch an einem Holzkreuz,

daß es kracht, und ohne daß er mich anschaut, höre ich, wie er sagt:

Hinfallen? Soll sein, heut' lieber als morgen. -- Ich rühr' mich nit

und tu' als wär' ich im Gebet, und mir ist zum Umsinken so schlecht. --

Er ist davongewest: Da habe ich mir gedacht: Jetzt muß was geschehen.

Was, das weiß ich selber nit. Er denkt noch auf mich, und das darf

nit sein. -- Und wie sich schon oft was schickt auf der Welt -- ich

will nit sagen, unser Herrgott hat's so haben wollen; ich denk', es

kommt auch auf die Leut' selber an -- auf dem Heimweg gesellt sich der

Vorholzer Sebast zu mir. Der hat mir schon lang' alleweil schön getan.

Und wie wir jetzt zum Lindenhäusel kommen, wo zu derselbigen Zeit Most

und Branntwein ausgeschenkt worden ist, will er mich mit ins Wirtshaus

haben. Das tue ich nit. Gut, sagt der Sebast, wenn du nit magst, mag

ich auch nit -- und geht mit mir weiter. Da denke ich bei mir: Kannst

dir was einbilden d'rauf, wenn der deinetweg das Wirtshaus fahren läßt!

Wie wir durch den Waldschachen gehen, es ist dem Preishubinger sein

Wald, da hat er mich gefragt, der Sebast, ob ich ja sagen wollt', er

hätt' ein Häusel und zwei Gaißen und braucht' ein Weibsbild dazu. --

Das Häusel ist im Steinwald drinnen; vom Preishubinger-Haus braucht man

länger als zwei Stunden hinein. Das wird doch weit genug sein, denke

ich mir und habe ja gesagt.«

Nun schwieg sie und zählte die Maschen am Strickstrumpf.

»So bist dem Vorholzer-Sebast sein Weib geworden?«

»Ich hätt's nit schlecht getroffen,« fuhr die Ludmilla fort, »der

Sebast ist ein braver, fleißiger Mensch gewesen, aber das Wirtshaus hat

er sich halt nit mögen abgewöhnen, und wenn ihm dann der Branntwein

in den Kopf gestiegen ist! So viel jäh ist er gewesen. -- Mein Gott,

es hat halt jeder Mensch seinen Fehler. Ich werd' wohl auch nit gar

zu fein gewesen sein, wenn er so heimgekommen ist. 's geht eins aufs

andere. -- Aufkommt auch alles auf der Welt und alles wird viel stärker

gemacht, und soll jetzt der Preishubinger gehört haben, mein Mann tät

mich schlagen. Und da hat ihm halt einmal, wie er meinen Mann betrunken

hat heimgehen sehen, der böse Feind den Einfall gegeben: geh ihm nach

und schau', was Wahres ist am Gered'. -- Wie der Sebast heimkommt, laß

ich ihn an: Es wäre doch Sünd' und Schad' ums Geld; sich im Wirtshaus

Kopfweh trinken und daheim treibt der Holzknecht Thomas die Gaiß weg --

weil wir ihm Geld schuldig gewesen sind. Da kommt meinem Mann der Zorn

und er fahrt über mich her. Jetzt ist auf einmal der Preishubinger da

und schleudert meinen Mann an die Wand. Und darauf --« Die Erzählerin

wendet sich ab und murmelt gegen die Ofenmauer hin: »Darauf ist das

Unglück geschehen.«

»Was ist geschehen?« fragte ich und stand auf.

»Mein Mann hat die Holzhacke von der Wand gerissen und den Donat

niedergeschlagen.«

Weich und leise hatte sie das gesagt, dann legte sie das Strickzeug auf

die Ofenbank und ging still zur Tür hinaus.

-- Niedergeschlagen! Erst später erfuhr ich den Rest. Der Donat hatte

sich nach dem Schlage auf den Sebast gestürzt, war dann zu Boden

gesunken und hatte den Geist aufgegeben. Der Vorholzer Sebast schrie

noch der Ludmilla zu: »Du bist ~sein~ Unglück und bist ~mein~

Unglück!« Dann ergriff er die Flucht. In der Niederau drüben, unter

einem Heuschober hatten ihn die Gendarmen gefunden und gefangen.

Zwanzig Jahre Kerker!

Sonderlinge · 第 11 / 27 段