Es ist doch recht schmeichelhaft für diese Welt, daß keiner aus ihr

hinaussterben will. »Das Sterben, das spar' ich mir bis zuletzt,« sagt

ein Volkswort, aber wenn dieses »zuletzt« kommt -- es kommt zu früh.

Die Jungen möchten alt werden, die Alten möchten sich am Sonnenlichte

ein Jährchen oder zweie noch erfreuen; der Gesunde möchte leben, der

Kranke gesund werden; der Arme möchte sich erst Schätze erwerben, der

Reiche sie genießen; der Totengräber hängt mit denselben Stricken

am Leben, als die in Weltlust badende Tänzerin auf der Bühne. Der

Familienvater will leben, um der Seinen Glück zu gründen und sich

daran zu laben. Dem Junggesellen ist es schon gar bitter, von der Erde

zu scheiden, denn er weiß, er läßt keine Spur zurück, ist mit seinem

letzten Atemzuge verweht und vertilgt -- wahrhaftig gestorben.

Denen aber der Tod nicht zu früh kommt, denen kommt er -- zu spät; sie

wollten ja sterben, wenn's nur schon -- geschehen wäre. Es liegt ihnen

am Leben nichts, aber ihnen graut vor dem Todeskampf.

Zu diesen letzteren gehört auch der Samer-Sim. Dem kann am Leben

freilich nichts liegen, er ist im Dorf der Einleger. Vor Zeiten hat er

mit einem Maulesel Kornsäcke übers Gebirg' gesäumt; den Namen hat der

Sim noch davon, aber sonst nichts. Er weiß, wie der Hunger schmeckt

und wie der Frost bohrt; weiß, wie die Gicht tut und wie böser Leute

Spottreden und geiziger Leute Nachreden klingen. Er weiß auch, daß

nichts Besseres für ihn mehr kommen wird, daß er nichts mehr wünschen

darf, daß er zeitlebens der Schuhhadern des Dorfes sein wird -- aber

nur leben, lange leben, immer leben -- nur nicht sterben.

Der Samer-Sim meidet den Friedhof, der außer dem Orte liegt, aber auch

den Weg dahin; er tut oft einen halbstundenlangen Umgang, nur um den

Friedhofsweg nicht zu kreuzen. Vor Leichen fürchtet er sich wie vor

der Pest, und es geht ihm wie allen, die selten Leichen sehen und also

glauben, was ihnen die Einbildung vormacht, daß nämlich die Toten so

grauenhaft zu schauen wären.

Am Ende des Dorfes steht eine Wirtskeusche; diese ist dem Sim der

liebste Ort; nicht als ob er den schlechten Krätzer, den man in

der Keusche haben kann, gerne tränke, sondern weil der Wirt ein

Geschichtenbuch besitzt. In diesem Buche steht die anmutigste

Geschichte, die der Sim je gehört hat, die Geschichte von dem ewigen

Juden -- das ist der Mensch, der nicht stirbt.

Beim Wirt sitzt zuweilen auch der Bader des Ortes, ein Spaßvogel. »Ja,

mein Lieber,« sagte der eines Tages zum Sim, »letzthin hätt's den Mann

doch bald getroffen -- nu, wie lange mag's sein, Hirschenwirt, daß der

ewige Jude bei dir da vorbeigegangen ist?«

»Je,« antwortete der Wirt, auf den Scherz eingehend, »das wird sein

höchstens sechs Wochen -- nit länger. Hat bei mir eingekehrt; just da

auf der Ofenbank, wo der Sim sitzt, ist er gesessen.«

»Ja, schau,« fuhr der Bader zum alten Sim gewendet fort, »und da

hat der Mann unvorsichtigerweis', wie er schon von seinem ewigen

Herumvagabundieren erhitzt ist, ein Glas von Hirschenwirts Vierziger

getrunken. Augenblicklich hat er auch das schauderlichste Bauchgrimmen

gehabt und Krämpfe dabei, wie mir erzählt ist worden -- hat schon

alles gemeint, 's wär' das letzt' End' mit dem ewigen Juden.«

Der Hirschenwirt stutzte, als er die Spitze des Scherzes nicht gegen

den Sim, sondern gegen sich selber gekehrt sah. -- »Na wart', Bader --

dachte er -- du kriegst mir auch eins.«

»Ja, ja,« bekräftigte der Wirt dem Sim gegenüber, »'s ist, wie der Herr

Doktor gesagt hat. -- Leut'! schreit er jählings, der ewige Jud', mir

ist auf einmal nit gut -- lauft's geschwind um einen Doktor! -- Ich

schick' den Halterbuben eilends ins Dorf, aber der Herr Doktor da ist

nit zu Haus gewesen; der arme kranke Mann hat keine Hilf' können haben

und so ist er richtig wieder gesund worden.«

Der Bader hat einen klanglosen Lacher gemacht und nichts mehr

gesagt. Der Sim aber, die zwei scharfen Nadeln des Gespräches nicht

ahnend, schüttelte verwundert sein Haupt. »Welch' Seite ist er denn

zugegangen?« fragte er angelegentlich. Es fiel ihm ein, dem ewigen

Juden nachzugehen, ihn aufzusuchen und nicht mehr von seiner Seite zu

weichen, auf daß auch er dem Tod entrinne.

Es sind der kleinen Geschichten und Wunderlichkeiten mehr, die man von

dem Alten erzählt. Vor kurzem wollte er, der Siebzigjährige, mit einem

zwanzigjährigen Mädchen eine Liebschaft anfangen, weil man ihm gesagt

hatte, er müsse, um den Tod zu hintergehen, sich wieder jung stellen.

In vollem Ernste machte er seinen Liebesantrag, und das ganze Dorf

hatte was zu lachen.

Das Lachen war dumm. Der Samer-Sim ist ein armer schwachsinniger Greis,

der mit Angst die letzten Körner seiner Sanduhr verrinnen sieht. Das

falsche Leben, das ihm vorenthalten, was es anderen in reichem Maße

hingeschüttet, das ihm keinen seiner Wünsche erfüllt hat, das ihn um

seine berechtigtesten Hoffnungen betrog -- dieses falsche Leben will

der alte Mann noch zurückhalten am Mantelsaum, wie man einen fliehenden

Dieb zu halten sucht. Das Gebaren des alten Samer-Sim, die vieljährige

Todesangst des im Sonnenlicht Wandelnden ist seltsam genug -- aber

etwas zum Lachen ist es nicht.

Als ich dem Manne begegnete und er mir wie so vielen anderen Leuten

seine Todesfurcht bekundete, suchte ich ihn zu trösten. -- »Wenn's

dereinst dazu kommt, guter Sim, so ist es nicht halb so schrecklich,

als es von weitem aussieht. Bei betagten Leuten gar ist es wie ein

ruhiges Einschlummern nach der Lebensmüh' und sie wissen gar nicht, daß

es der Tod ist.«

»Aber Herr,« rief der Alte, »der Todesstoß, der Todesstoß im Herzen!

Und nachher, wenn sie einen hineinlegen in den Sarg, hinabsenken in die

Erden und es kriechen die Würmer heran!«

»Mußt denken, Simon, du liegst nicht ~lebendig~ drin, und es ist

ja ein Glück, daß du früher ~gestorben~ bist.«

»Und erst die arme Seele!« sagte darauf der Alte, »die muß in den

glühenden Ofen des Fegefeuers!«

»Wer hat dir denn das gesagt, Sim?«

»Das? -- Ach, ich hab' doch so viele Sünden und keinen Kreuzer Geld für

ein paar heilige Messen!«

»Lieber Sim,« sagte ich und faßte seine kalte Hand. »Glaubst du nicht,

daß Gott besser ist als die Menschen?«

»Das glaub' ich wohl.«

»So siehe, gute Menschen verzeihen ihren Beleidigern, anstatt sich an

ihnen mit Feuer oder anderswie zu rächen.«

»Ja freilich,« unterbrach mich der Sim, »so hat's Gott gelehrt!«

»Und wird er's nicht auch selber halten?«

Alte Menschen lassen sich aber nicht umwenden wie alte Röcke.

Der Samer-Sim murmelte was und holperte seines Weges. Einige Wochen

später erhielt ich vom Schullehrer jenes Dorfes folgenden Brief:

»Geschätzter Freund!

Sie haben sich immer für den alten Samer-Sim interessiert. Den haben

wir heute begraben. Der Mann ist ~lachend~ gestorben. Seit

längerer Zeit schon lag er beim Moosbrunner auf dem Oberboden krank.

Ich habe ihn selber einmal daselbst besucht; er war stets der Alte mit

seiner Todesfurcht und meinte, er wollte gern alles Böse ertragen auf

dieser Welt, wenn er nur wisse, daß er nicht auf dem Todbette liege.

-- Nun, es ist eigentlich komisch, hat ihn eine Maus umgebracht.

Eine solche war unter seine Decke gekommen; vor Zappeln und Lachen

über den Gast fiel der Alte in einen Krampf und nach wenigen Minuten

war's vorbei. Der plötzliche Überreiz der Nerven, sagt der Arzt, habe

ihn getötet. -- Vielleicht vermag Ihre Feder etwas aus der Sache zu

machen« usw.

So das Schreiben. Ich habe aus der Sache nichts anderes zu machen

versucht, als was sie in Wirklichkeit ist. -- Der Samer-Sim hat seit

vielen Jahren nicht mehr gelacht aus Angst und Furcht vor dem Tode.

Derselbe Samer-Sim ist lachend gestorben.

Der Zillacher-Anderl.

Samstag war's. Der Anderl saß in der Flachsdörrkammer, wo er auch sein

Bett hatte, und tat sich den Bart rasieren.

Die jungen Stadtherrchen kratzen mit dem Schermesser zumeist just dort

herum, wo sie gerne einen Bart haben möchten. Der Bauernbursch rasiert

sich, wo ein Bart steht. Freilich war der Anderl schon fünfunddreißig

Jahre alt und sein Bart so steif, daß man nach der Bauern Sprichwort

den Dreschflegel daran hätte hängen können. Trotzdem ließ der Anderl

vor dem Scheren die Seife ordentlich in die Borsten trocknen und kramte

mittlerweile seine grauen Backen vollblasend in den Hosentaschen herum.

Da drin hatte er einen alten Taschenveitel, ein Stück Zunder und

einige Kreuzer, die sich aber bei näherer Untersuchung in der Mehrzahl

als Messingknöpfe herausstellten. Der Anderl blies die Backen noch

bauchiger. Messingknöpfe? Für den morgigen Sonntag Messingknöpfe! Mit

derlei hat der Hirschenwirt seine Hosen und Wämser sicherlich versehen.

Heute schon hätte der Anderl Durst.

Jetzt trat eine alte Magd in die Flachsdörrkammer: Der Anderl möge

eilends in die Stube zum kranken Vater kommen. Und als der Bursche

bei dessen Bette stand, sagte der alte Zillacher: »Anderl, nimm deine

Zipfelmütze ab. Anderl, paß auf, dein Vater macht's Testament. -- Aha!

gelt, jetzt kannst losen! Hast gleichwohl nicht immer so auf mich

hören wollen; soll dir aber geschenkt sein, will dich nicht verkürzen.

Deine Brüder und Schwestern, die haben das Ihrige. Wenn ich die

Augen zugemacht hab', Anderl, so weißt es, die braune Kuh ist deine

Erbschaft.«

»Vergelt's Gott!« rief der Anderl.

»Aber sei brav und tu' dir das Trinken ab, und der himmlisch' Vater

soll dich beschützen und bewahren.«

Der Alte schwieg. »Kann ich jetzt die Zipfelmütze wieder aufsetzen?«

fragte der Anderl.

»Jetzt kannst du machen, was du willst,« sagte der Zillacher.

Als nach einigen Tagen der Alte tot und begraben war, führte der Anderl

die braune Kuh aus dem Stall. Er trieb sie die Straße entlang, und

da er so hinter dem Tiere dahertrottete, führte er mit ihm folgendes

Gespräch: »Du alte Kuh, du bist ein zaunmarterdürres Vieh. Ich möcht'

meine Joppe an deinen Hüftknochen hängen.« Und als sie zu einem

Wassertrog kamen und das Rind stehen blieb und trank, sagte der Anderl:

»Ja, meine liebe Kuh, ich hätte auch Durst!« Er trank aber doch nicht.

Da kam ein Bauer des Weges, der fragte: »Wo treibst du deine Haut

hin?« Der Bursche knirschte die Zähne und schritt fürbaß. Mittlerweile

war das Euter voll geworden, und als sie zu einer Schenke kamen,

unterhandelte der Anderl mit der Wirtin, ob sie nicht seine braune

Kuh melken und ihm dafür ein Krügl Wein geben wolle. Das Geschäft war

abgemacht. Und so trieb der Zillacher-Anderl seine Erbschaft viele

Stunden weit fort, weidete sie an guten Rasenplätzen, tränkte sie

an den Brunnen, und wenn das Euter voll war, so vertauschte er die

Milch gegen Wein. Für die Länge aber blieb das Euter der braunen Kuh

immer kleiner, während der Durst des Burschen größer wurde. Da dachte

der Anderl, das muß anders gemacht werden, und verkaufte das Rind an

einen Wegmacher. Der Wegmacher vermied die Frage, ob die Kuh nicht

etwa gestohlen sei, bot hingegen nur fünfunddreißig Gulden Kaufpreis.

»Meinetwegen!« sagte der Bursche, und als er das Geld in die Tasche

schob: »Hab' ich noch weit zu einem Wirtshaus?«

Fünfunddreißig Gulden, das ist meine Erbschaft, dachte er dann, mit

dieser will ich recht wirtschaftlich umgehen. Mit dreißig Gulden läßt

sich schon was anfangen; die weiteren fünf Gulden -- damit will ich

jetzt gründlich meinen Durst löschen. Einmal im Leben muß der Mensch

seinen guten Tag haben; -- dann heißt's arbeiten und fleißig sein.

Als er zum nächsten Wirtshaus kam, suchte er sich den bequemsten

Tischwinkel aus und hub an zu trinken. Die Wirtin setzte sich zu ihm

und schwätzte und sagte, sie hätte frische Butterkrapfen in der Küche,

die seien ihr diesmal vortrefflich geraten; ob er -- der Anderl -- denn

nicht ein paar verkosten wolle. Ihm war's recht, und die umsichtige

Frau Wirtin wußte wohl, daß nach den Butterkrapfen wieder neuer Durst

kommen müsse. Der Wirt jedoch hatte sich seinem Gaste gegenüber so

verhalten: In das erste und das zweite Glas schenkte er reinen Wein; in

das dritte und vierte tat er ein wenig Obstmost dazu; dann tat er zur

Hälfte Wein und zur Hälfte Most in den Becher; später goß er die Hälfte

Obstmost, ein Viertel Wein und ein Viertel Wasser zusammen. Als endlich

dem Anderl auf seiner Bank einmal ordentlich warm geworden, sein Durst

doch immer noch nicht gelöscht war, da schüttete ihm der Wirt im Keller

bloß Obstmost mit ein wenig Zwetschkenbranntwein vermischt in das

Weinglas, hernach nur mehr Most allein, und endlich, wer am dritten

Tage den Wein des Anderl vorurteilslos untersucht hätte, der würde

gefunden haben, daß der Bursche gut gegorenen Apfelmost mit frischem

Wasser trinke.

Natürlich tat dieses der Rechnung keinen Eintrag, und am dritten Tage

waren fünf Gulden vertrunken. Zu dieser Zeit hatte die Wirtin jedoch

bereits für frischen Durst gesorgt. Da sagte sich der Anderl: im Grunde

ist es eine Narrheit, wenn ich mir jetzt einen Abbruch tue, der leicht

der Gesundheit schaden könnte. Der Fieberdurst muß gelöscht, durch und

durch gelöscht werden. -- Dasselbe sagt auch der Bader daheim. Zwei

Gulden spendier' ich noch.

Er bleibt wieder ein paar Tage sitzen; dann aber brach er auf, um mit

seinen achtundzwanzig Gulden ein nutzbares Geschäft zu beginnen. Als

jedoch der gute Zillacher-Anderl im heißen Tage auf der staubigen

Straße so wanderte, da kam er mit sich überein, daß er seine Erbschaft

auf ein viertelhundert Gulden abrunden wolle! Blieben ihm drei Gulden

gut, die er in der nächsten Schenke vertrank.

Da war aber in demselben Jahre ein sehr heißer Sommer; entweder es

war die Hitze oder es waren die heftigen Gewitterregen unerträglich,

in beiden Fällen muß der Mensch ein Dach haben, und dazu hat Gott

die Wirtshäuser erschaffen. Als die Barschaft des jungen Zillacher

auf beiläufig zwanzig Gulden herabgesunken war, da sagte er: »Jetzt,

Anderl, ist's g'nug!« Da er nun die Zeche gezahlt hatte, blieben

ihm bloß neunzehn Gulden und fünfundneunzig Kreuzer in der Tasche.

Ei, dachte er sich, der Gulden ist angezwickt, weg damit! -- Und in

ähnlicher Weise ging's auf fünfzehn, auf zwölf, auf zehn herab. Und

nun sagte der Zillacher-Anderl das denkwürdige Wort: »Mit zehn Gulden

richtet einer heutzutage nicht viel aus. Der Mensch, der auf eine

Erbschaft ansteht, ist eh nix nutz; mit eigener Kraft muß der Mann das

Seine erwerben.«

Er ging von einem Wirtshaus ins andere, und trank und trank. Und

endlich war nichts mehr in seiner Tasche, als die Messingknöpfe. Da

haben aber die Wirte neben der Wanduhr oder neben der Stubentür so

schwarze Tafeln hängen, auf die mit der Kreide allerhand Buchstaben

geschrieben werden können. Sagte eines Tages der Anderl: »Herr Wirt!

Meines Vaters Sohn trägt einen ehrlichen Namen; tät Euch keine Schand'

machen auf der Tafel.«

»Das nicht,« antwortete der Wirt, »aber die Tafel könnte leicht dem

ehrlichen Namen was herabzwicken. Traue dieser schwarzen Tafel nicht,

Freund!«

Der Anderl stutzte und war trübsinnig. Endlich sagte er zu sich: Was

braucht man auch so einen dicken Brustfleck in der heißen Zeit? -- Er

verkaufte seine Tuchweste und vertrank das Geld. Dann vertauschte er

seine Ochsenlederstiefel gegen ein paar leichte Schuhe, sein Lodenwams

gegen ein kühles Leinwandröcklein; das dadurch gewonnene Geld vertrank

er.

Wohl hatte er sich mittlerweile auch ein paar Groschen Taglohn

erworben; aber das liebe Wirtshaus hatte ihm's angetan, und ehe noch

zwei Monde nach seines Vaters Tod verflossen waren, saß der Anderl

da, arm wie eine Kirchenmaus, bärtig wie ein Waldteufel; auch sein

Schermesser hatte er vertrunken.

Jetzt war er tief verzagt. -- Wenn einer nichts mehr hinabzugießen

hat, so muß man die Gurgel zubinden, hat einmal einer gesagt --

das leuchtete dem Zillacher-Anderl ein. Wenn der Fisch nicht mehr

trinken kann, was hat er sonst auf dieser Welt? -- 's ist gar grausam

bitterlich! -- Aber was kannst machen?

Der Anderl wußte draußen in der Dorfau einen alten Birnbaum. Zu dem

ging er hinaus, an dem kletterte er empor mit harter Mühe bis zum Aste,

von dem aus er das Dorf sehen konnte mit seiner Kirche und mit seinem

Wirtshaus. Hierauf machte er Reue und Leid, nestelte sein Hosenband

los und schlang es um den Hals.

Zur selben Stunde ging der Pfarrer am Birnbaum vorüber, er erschrak,

als er das Beginnen des Mannes da oben bemerkte. -- Zachäus, steig'

eilends vom Baum herab! heißt's in der Bibel. Jener hörte es nicht.

»Anderl,« rief der Pfarrer, »tu' dir ~das~ nicht an! Aufknüpfen,

na, das wär' doch eine Dummheit, die dich dein Lebtag reuen würde!«

Vergebens, der Anderl wand bereits das Hosenband um den Ast. Der

Pfarrer versuchte auf den Baum zu klettern, um die Tat zu verhindern,

und der Selbstmörder kam mit seinen Vorbereitungen schon zu Rande.

Da fiel dem Priester was ein. »Anderl!« rief er auf den Baum, »du

~mußt~ herabsteigen, ich such' dich schon seit einer Stunde, ich

habe just ein frisches Faß angezapft.«

»So!« sagte der Anderl, »ja das ist schon wieder ganz was anders,«

und sogleich kletterte er dem Erdboden zu. Sie gingen mitsammen in

den Pfarrhof. Der Pfarrer schoß eine Weile im Hause herum, dann kam

er zurück. »Das ist schon eine verzwickte Sach', Anderl, jetzt haben

wir den Kellerschlüssel vertan. Die Köchin war beim Teich unten, hat

Karpfen ausgeweidet, da ist ihr der Schlüsselbund ins Wasser gefallen.

Was wir nur anfangen?«

Der Anderl riet den Schlosser an, allein der Pfarrer versicherte, das

Kellerschloß sei so gar heiklich bestellt und ein hiesiger Schlosser

könne es justament nicht aufsperren. -- Die Tür erbrechen, schlug der

Durstige vor; nicht möglich, meinte der Pfarrer, sie sei mit eitel

Eisen beschlagen über und über. Das einzige Mittel: der Schlüssel müsse

aus dem Wasser hervorgeholt werden -- ob der Anderl dazu behilflich

sein wolle? -- Das versteht sich. -- Wurde denn fürs erste der Teich

abgelassen, der da war, um des Pfarrers Kornmühle zu treiben; und als

das Wasser verflossen war, machte sich der Anderl an den Schlamm, hub

ihn schaufelvoll um schaufelvoll an das Ufer, arbeitete bis spät in den

Abend und suchte den Schlüsselbund.

Und als es finster geworden, rief ihn der Pfarrer ins Haus und sagte:

»So, mein lieber Zillacher-Anderl, jetzt hast du mir ein gut Teil

Schlamm aus dem Teich gefaßt, dafür sollst heut' fünf Groschen haben

und das Nachtmahl und ein Krügel Wein -- der Kellerschlüssel hat sich

vorgefunden.«

Glotzte der Anderl verwunderlich drein.

»Und wenn du mir den ganzen Teich ausschaufelst,« fuhr der Pfarrer

fort, »so sollst du für das Tagwerk zwölf Groschen haben und die

Köstigung und dein Krügel Wein.«

So wurde es abgemacht. Und als der Teich in Ordnung und wieder mit

Wasser gefüllt war, da bekam der Anderl Geschäfte in der Mühle. Nur

immer hübsch beim Wasser, daß der Durst nicht zu stark wird. -- Es ist

gar nicht zu glauben, wie ein Mensch sich ändern kann, wenn er danach

geleitet wird. Der Pfarrer wußte den Zillacher wohl zu behandeln, und

der Anderl wurde der beste Arbeiter, den er je noch gehabt hatte.

Wenn sie dann abends beim Krügel Wein saßen, das dem braven

Hausgenossen bislang vorenthalten wurde, und es anmutig zu sehen war,

wie glatt und lind die lieben Tropfen ihrer Wege gingen, sagte einmal

der Herr Pfarrer, dem Anderl auf die Achsel klopfend: »Wär' doch

jammerschade um deine Gurgel, wenn du sie dazumal zugeschnürt hättest!«

's Guderl.

Wenn ich bei dir, mein lieber, himmlischer Vater eine Bitte frei

habe: dem »Guderl« bereite ein recht feines, warmes Plätzchen dort

oben in Deinem Himmel, vielleicht ganz nah' bei der Lieben Frau, sie

wird sich mit dieser Nachbarin aus dem Steirerland nicht zu schämen

brauchen. Aber eilen brauchst nicht, wir mögen die alte Ludmilla recht

gern noch eine Zeitlang bei uns herunten haben und sie -- so arm und

mühselig sie gleichwohl ist -- hat auch noch kein Verlangen, dieses

Jammertal mit der himmlischen Freud' zu vertauschen. Sie fürchtet,

dort oben wird sich niemand von ihr was Gutes tun lassen wollen, weil

es ja ohnehin jedem so göttlich gut gehen soll -- und nachher freut

sie der ganze Himmel nicht. Vielleicht, wenn sie einmal kommt, ist

der heilige Laurentius so gut, seine Brandmale von ihr mit frischem

Leinöl bestreichen zu lassen; oder der heilige Sebastian, sich von ihr

die Pfeile aus den Wunden ziehen zu lassen; oder die blinde heilige

Ottilia, sich von der Ludmilla herumführen zu lassen im Paradies, sich

von ihr die himmlische Pracht erzählen und manchmal eine Butterbirne

reichen zu lassen vom Baume. Ja dann, wenn sie wem einen Gefallen

tun kann, wird es ihr auch selber gefallen im hohen Himmel oben,

einstweilen paßt sie aber für die Erde besser.

Alt und mühselig ist sie, und das kann ihr niemand nehmen. Seit sie

im Vorbeigehen einmal jene Erklärung vom Schulmeister gehört hat, daß

nach den Aufmerkungen im Lande eine gewisse, sich fast gleichbleibende

Anzahl von Krüppeln vorkomme, seither trägt sie ihre verkümmerten

Beine noch lieber, weil sie denkt: Gut ist's, ich trag' sie für einen

anderen. Sie trägt die Beine, anstatt, wie sonst gebräuchlich, von

ihnen getragen zu werden. Einmal ist auch die Ludmilla jung und gesund

gewesen. Da ist vor Jahren drüben auf der Reisinger-Seiten ein Pferd

scheu geworden, an das Pferd war ein Streuwagen gespannt, und auf dem

Streuwagen hockten zwei Knaben, die sich krampfhaft an die Sprosseln

klammerten und jämmerlich schrien. Der Reisinger reckte seine Arme

zum Himmel und rief Gott und die Heiligen um Beistand an für seine

Söhnlein. Gott und die Heiligen schoben rasch die Ludmilla voran, die

am Feldraine Strauchwerk schnitt: Der alte Narr steht da und kann

nichts als schreien, lauf du, Ludmilla, und pack' das Roß, ehe es zur

Schlucht hinabkommt! -- Die Magd lief hinzu, erfaßte das Pferd am

Kopfriemen. Eine Strecke weit wurde sie mitgeschleppt hinab über den

steinigen Hang, endlich stand das Fuhrwerk still, die Knaben sprangen

unversehrt davon, aber der Leib der Magd war arg zerschunden und

zerrissen, ein Bein gequetscht, das andere gebrochen.

Der Reisinger sagte hierauf zu seinen Söhnen: »Wenn die Ludl nicht

wär', so wäret ihr jetzt auch nimmer. Wäret auch nimmer, daß ihr es

wißt. Und sie ist jetzt ein elendiger Krüppel, und wenn ich nicht

mehr bin und ihr seid auf dem Hof und sie ist noch am Leben, weil

solche Leut' leider Gottes oft eine zähe Natur haben, so müßt ihr sie

behalten, das ist eure verfluchte Schuldigkeit, daß ihr es wißt!«

Als die Ludmilla das gehört hatte, packte sie still ihre Sachen

zusammen. Da hatte sie warten wollen im Reisingerhof, bis ihr Sebast

zurückkäme aus dem Strafhaus; in einem Jahr muß er ja endlich kommen

und dann sind zwei arme Leut' mehr in der Gegend. -- Kaum noch zur

Not geheilt, stolperte sie zu vier Füßen, wovon die zwei hölzernen

verläßlicher waren als die zwei beinernen, vom Berg herab nach Bärndorf

und bat um einen Platz im Armenhaus. Das ward ihr natürlich versagt,

denn sie gehörte in die Gemeinde zum »Steinernen Elend« hinauf. Das

Steinerne Elend aber hatte kein Armenhaus und auch kaum ein anderes

mehr. Schier die ganze Gemeinde war abgestiftet worden und Abstifter

war der Staat mit seinen Lasten, und jetzt wußte das Restlein der im

Steinernen Elend Geborenen nicht einmal, wo es daheim war, und die arme

Ludmilla hatte keine Heimgemeinde. Aber das unfreiwillige Gnadenbrot

beim Reisinger wollte sie einmal nicht essen; es wäre ihr zu stark

gesalzen, sagte sie. Dann kam sie doch noch in das Bärndorfer Armenhaus

hinein.

Als Aushilfswärterin kam sie zuerst nur auf ein paar Tage. Als diese

paar Tage vorbei waren, ersuchte man sie um Verlängerung ihrer

Aushilfstätigkeit und bald war ihr stillgeschäftiges, ratsames, sanftes

und stets munteres Wesen den Kranken und Bresthaften so unentbehrlich

geworden, daß sie im Armenhaus verblieb. »Und da g'freut's mich!« sagte

sie nun oft. Dem Einen bettete sie das Lager bequemer, dem Anderen

teilte sie etwelches von ihrem Brot, dem Dritten stellte sie was Grünes

und Blühendes ans Fenster, dem Vierten besserte sie ein Kleid aus,

sie konnte ja gar schneidern; und wo sie ein Zwirnfädlein liegen sah,

und war es auch nur fingerlang, da tat sie es in ihren Nähkorb, der

jedem, so ein Bändlein oder eine Nadel oder Schere oder ein Knöpfel

brauchte, zur Nutzung stand. Für lange Abendstunden, wann sonst Tratsch

und Mißlaune und Streit sich einzustellen pflegten unter den müßigen,

mürrischen Bewohnern des Armenhauses, erzählte sie Geschichten, sang

Lieder, wobei freilich ihre Lebhaftigkeit im Vortrag, sie half auch mit

den Händen mit, die Stimmittel ersetzen mußte. Die dankbaren Gemüter

behaupteten rundweg, die Ludmilla sei ein Engel, worauf sie allemal

entgegnete: »Ja, wär' schon recht, wenn ich Flügeln hätt', auf den

Füßen will's eh nit gehen.«

Sonderlinge · 第 10 / 27 段