Der Winter kam und ging vorüber; in der Hütte des Nesselweibes war

Trostlosigkeit; die Grete betete für ihre Kinder und verfluchte alle

übrigen Menschen. Aber im Frühjahre, als alle Felder grünten im weiten

Tale, grünte auch das der Witwe; es ging aus demselben das Korn auf in

saftiger Fülle und schöner Gleichmäßigkeit, erquickender zu sehen, wie

alle Äcker der Großbauern. Der Samstag-Christof hatte hier gesäet, es

ließ sich nicht leugnen. Nächtlicherweile mußte er es getan haben, und

dennoch stand jedes Hälmlein von den anderen wie abgemessen. Das hätte

den Argwohn von dem »Hexenmeister« wohl bestärkt, aber der Pfarrer

sagte: »Er hat Almosen gegeben mit der Linken, ohne daß es die Rechte

wußte; er ist, umgekehrt wie im Evangelium, gegangen auf den Acker des

Feindes um Mitternacht und hat das Unkraut zertreten und guten Samen

gestreut.«

Ich habe den alten Samstag-Christof noch gekannt. Über seinen Körper

schienen alle Übel kommen zu wollen; in seinen letzten Jahren war

er so buckelig, daß er wie ein Ballen herangewandelt kam. Sein

niedergebeugter Kopf war kaum einen Fuß von der Erde entfernt, seine

hageren Hände, wovon die Rechte fingerlos war, hingen nieder bis zum

Boden; es war, als ob er alle Körner wieder auflesen wollte, die er

in seinem Leben ausgestreut hatte. An einem Samstagabend fand man ihn

mitten auf einem reichen Kornfeld leblos, tief zusammengekauert wie ein

Samenkorn, das, in Verwesung übergehend, keimen will. Man konnte den

Greis nicht mehr gerade legen, der Sarg mußte kurz und breit sein.

Das Grab des alten Christof wurde bald weit und breit bekannt; es

wuchsen Halme auf ihm und Kornähren daran. Die alte Brennessel-Gret

führte ihre drei Kinder zum Hügel, pflückte jedem eine Ähre und sagte:

»Nehmt und bauet sie an.«

Zwei dieser Kinder besitzen heute weite Kornfelder, herausgewachsen aus

den zwei Ähren; das dritte aber hat seine Ähre verworfen und zieht hab-

und heimatlos durch die Länder.

Der scheltend' Schuster.

Da stand in den Zeitungen der Bericht von einem Manne in Boston, der

jedesmal, wenn er fluche, ein Geschenk zu kirchlichen Zwecken gebe, auf

diese Art bereits ein Bethaus erbaut habe und nun dabei wäre, einen

Turm auf die Presbyterianerkirche zu fluchen.

Dieser Bericht erinnerte mich an den Flucher Martin Leitner in

Fischböckgraben, welcher Leitner unter dem Namen: »Der scheltend'

Schuster« weit und breit bekannt war. Um ein guter Flucher zu sein,

braucht man rhetorisches Talent; mit etlichen groben Redensarten allein

ist's da nicht abgetan, die bringt jeder ungehobelte Bauer zuweg,

ja selbst der Stadtherr und die Stadtfrau, was mir eine ganze Welt

von dienstbaren Geistern beweisen helfen kann. Der geborene Flucher

flucht mit Grazie, mit Humor, mit Wärme und Empfindung, mit schönem

Pathos, kurz, mit dichterischem Schwung. Ihm steht eine unerschöpfliche

Mannigfaltigkeit der Form zu Gebote, ein Bilderreichtum gewaltiger

Phantasie, sein Fluch ist als Ausdruck der Empfindung ein poetisches

Werk lyrischer Art. Fluchen und Beten sind scheinbar sich ganz

entgegengesetzte Dinge, in Wahrheit aber gleichartiger Natur: Beides

ist eine Wunschäußerung des Gemütes gegenüber einem übernatürlichen

Geiste. Zum Glücke wird so selten andächtig geflucht als andächtig

gebetet.

Der Schuhmachermeister Martin und sein Geselle, der fromme Barthel,

leisteten in beiden Fächern ganz Erkleckliches. So oft der Martin

den Mund auftat, zitterten alle tausend Mordelemente im Himmel und

auf Erden; und wenn der alte Barthel während des Drahtziehens seine

frommen Stoßgebetlein ins Pech oder ins Leder murmelte, hatte es

eine Art, daß, wie der Meister sagte, nur gerade das kreuzweis

verschweifelte Donnerwetter dreinpfeifen müßte! Sie eiferten sich

gegenseitig an zu ihren Tugenden; je mehr der eine fluchte, je mehr

betete der andere, und je mehr dieser betete, je mehr fluchte jener.

So gab es denn in der Schusterwerkstatt oftmals einen Geruch wie von

Weihrauch und Schwefel durcheinander.

Den Meister ärgerte des weiteren das Beten nicht, insofern war er

duldsamer als sein Geselle, dem das Fluchen seines Herrn ein Greuel war.

Nicht ungern erzählte der Schustergeselle die Geschichte von dem

fluchenden Weber, der so lange in das bei einem ungeduldigen Weber

stets verknüpfte und verworrene Garn hineinfluchte, bis er umgarnt war

und ihn mit Haut und Haar der Böse holte, den er so oft angerufen hatte.

»Das muß schon ein sternhageldick verzweifelter Narr gewesen sein,«

meinte der Meister, »wer wird denn so fluchen?«

Der Barthel glotzte ihn ganz dumm an, und eines Tages rückte er den

Dreifuß und sagte: »Der Meister ist sonst kein zuwiderer Mensch nicht,

aber halt das gottlose Schelten und Eitelnennen Gottes! So oft der

Meister tut fluchen, gibt's mir einen Stich ins Herz, als wie wenn eins

mit dem Ahl-Ertel ohne Schmer hinein tät' rennen. Das bin ich gar nicht

gewohnt, und jetzt sag' ich meinen Dienst auf.«

Wickelte der Meister den Pechdraht um die Hand, rückte auch seinerseits

den Dreifuß und antwortete: »Was heißt das, Barthel? Wer nennt den

Gottesnamen eitel, ich oder du? Schelten! Fluchen! Du tust ja, als

wie wenn ich ein siebendoppelter Heid' tät' sein! So ein blitzblau

vernagelter Unsinn! Ob mich schon wer fluchen gehört hat, möcht' ich

wissen, du gottverdammter Ehrabschneider, du vermaledeiter, daß dich

der Teufel hol--lertee trink' ich gern.«

Aber fluchen tat er nicht.

So klagte der Barthel seine Not einmal den Kirchenpröbsten, unter

welchen die Sakristeidiener und Vorbeter verstanden sind, und zu denen

er selber gehörte. Und sie einigten sich darin, daß der Meister Mirtl

(Martin) wirklich der greulichste Flucher sei, der je Menschenfüße in

Ochsenhaut steckte, daß man ihn allerwärts den scheltenden Schuster

heiße, was dem Sprengel, in dem er lebe, keine Ehr' sei, und daß

der Mann stumm gemacht werden müsse. -- Was half's, daß der Geselle

nach jedem Fluch des Meisters ausrief: »Gott verzeih'!« wenn der

andere sofort wieder mit einem: »Gott verdamm'!« dreinfuhr, und es

drauflosging, daß sich ordentlich das bockigste Stierleder unter dem

Knieriemen wand vor Entsetzen.

Wenn der Meister bei guter Laune war, so hörte man von ihm

fortwährend Gefühlsausbrüche harmloserer Art, als: »Bassama

hint' auf d' Höh'!« oder: »Kruzi-Adaxel-Türkensabel, Ludervieh

und Heugabel!« oder: »Kreuz-divi-domini, daß dich!« oder auch:

»Fixzaunmarter-dürre-Krautstingelbutten!« Wenn er aber in Zorn und Wut

kam, da ging ein ganz anderes, ein schweres Wetter nieder.

»Geldstrafe!« sagte einer der Kirchenpröbste, »sonst weiß ich

kein Mittel. So oft der Mirtel einen Flucher laßt, zahlt er einen

Kupfersechser. Barthel, du passest auf und verwahrst das Geld, das

nachher der Kirchen gehört.«

»O, ihr lieben Eselein!« rief der Barthel, »da möcht' ich wohl wissen,

wer ihm das Zahlen wollt' schaffen. Den schilt er maustot.«

»Das laß gut sein, Schuster,« sagte der andere, »ich werd' mit dem

Kaplan reden.«

Und nach einiger Zeit, als der Meister Mirtel eines Tages von der

Kirche heimkehrte, war er verzagt und fluchte nicht, so daß der Barthel

glaubte, sein Meister müsse krank sein, und ihn darob befragte.

»Ja, mein lieber Barthel,« antwortete der Meister traurig, »'s ist

nicht richtig mit mir; bei der Beicht' bin ich gewesen. 's mag wohl

sein, daß meine arme Seel' zum Teufel geht. Weil ich so viel schelten

tät', sagt der geistliche Herr. Glaub's aber nicht, 's müßt mich nur

zeitweilig der Höllsaggra so viel reiten. Sollt' mir's abgewöhnen, sagt

der geistliche Herr. Der hat leicht reden, der hat alleweil die sieben

Sakrament' im Mund und ist fromm dabei; und unsereinem darf nur eins

auf die Zungen kommen, so heißt's, man schilt! Muß aber doch derlogen

sein, daß ich mir das mordsschwerenots Fluchen nicht sollt' können

abgewöhnen. -- Nu, so hat halt der geistliche Herr gesagt, sagt er: so

oftmals ich einen feisten Flucher tät' loslassen, sollt' ich allemal

einen Dreier für den Opferstock geben.«

»Einen Sechser, Meister, einen Sechser!« rief der Barthel drein.

»Einen Sechser? Wie kannst denn du das wissen, du neunmal verzweifelte

Judashaut; hast leicht gelost?!«

»Gar nicht, Meister, gar nicht; hab' nur gemeint, so ein Flucher vom

Meister ist seinen Sechser schon wert.«

»Hat's auch gesagt, der geistliche Herr, daß ich mich allemal um einen

Sechser sollt' strafen. Meint er 'leicht, ich hätt' nicht Herr über

mich! Justament will ich ihm's zeigen, dem Sakermenter, daß ich das

Schelten kann lassen.«

»Meister, ich bitt' um den Sechser.«

»Was hast denn? Es gilt auch: so oft ich was fluch', kriegst du für die

Kirche den Sechser. Daß ich euch weis', was ich kann, und das verdammte

Gered' einmal aufhört: nicht ~einen~ setzt's, oder es soll mich

das Kruzifix-Millionen-Donnerwetter in den Erdboden schlagen!«

»Meister, ich bitt' um den Sechser.«

Das Donnerwetter schlug nicht, aber er gab den Sechser: den ersten und

bald noch etliche dran in derselbigen Woche. Jeder »Satan« und jedes

»Mordselement«, jede »Pestilenz«, jeder »pechrabenschwarze Gallteufel«,

sogar jede »Galgenstrick-Latern'« und jedes »Saggramosthosen« wurde mit

einem Sechser belegt. Allerlei Drohungen und Träume, die dem braven

Schuhmachermeister nächtlicher Weil' vorkamen, bewirkten es, daß er die

Strafgelder nicht verweigerte, sondern mehr und mehr seinen Mund in

acht nahm.

Als die Kirchenpröpste wieder zusammenkamen, brachte der Barthel zwar

ein nettes Häufchen Sechser mit, tat aber gleichzeitig kund, daß die

Kupferquelle allbereits versiegt sei.

»Das kömmt mir recht verdrießlich,« meinte der Lichtanzünder, »wie ihr

sehen könnt, ist der Weihbrunnkessel an der Kirchentür kaputt geworden,

worauf wir beim heurigen Geldanschlag nicht gezählt haben. So ist mir

der Einfall gekommen, ob uns nicht der Schustermeister einen neuen

Kessel zusammenfluchen wollt'.«

»Flucht nimmer,« berichtete der Barthel. »Es müßte denn sein, daß man

ihn reizen tät'. Wenn's zum Besten des Kessels ist ...«

Und was geschah?

Der Barthel ging heim in die Werkstatt, verknüpfte in Abwesenheit

des Meisters den Draht, tauchte das Pech in kaltes Wasser, verklebte

auch ein wenig den Leisten in den halbfertigen Schuh, brach ein paar

Ahl-Erteln die Spitze ab, versteckte den Knieriemen unter das alte

Lederwerk und bereitete in schöner Dienstfertigkeit noch dies und das

für ein ausgiebig Flucherstündchen. Dann rückte er sich in seine Ecke

und stach und schmierte und nähte mit der harmlosesten Miene von der

Welt an seinem Stiefel.

Bald darauf trat der Meister lustig pfeifend in die Stube und setzte

sich an die Arbeit. Fürs erste wackelte der Dreifuß; den rückte er

gelassen zurecht. Dann langte er nach dem Garnknäuel, um die Drahtfäden

auf seine Finger und den Ellbogen zu haspeln. Dabei murmelte er etwas

Unverständliches, denn das Garn war ein wenig verworren. Der Geselle

lauerte, aber es kam weiter nichts. Das Pech zeigte sich heute, obwohl

in der Stube geheizt war, ausnehmend spröde, das Schmer hinwiederum

floß schier auseinander. Als der Meister den Leisten aus dem Schuh

ziehen wollte, brach der Zughaken und er schleuderte die Trümmer

zu Boden und starrte stillen Grimmes auf den Gesellen hin, der in

musterhafter Ordnung weiter arbeitete. Der Meister nahm die Ahle zur

Hand, da war die Spitze weg -- wieder ein Blick auf den Barthel. Bebend

vor Wut, aber stumm wie ein Fisch, suchte der Meister den Knieriemen,

schleuderte alle Leisten und Lederfetzen durcheinander, fand ihn

endlich unter der zerfahrenen Beschuhung, stürzte damit auf den

Gesellen und salbte ihm kräftigen Armes mit dem Riemen den Rücken.

Und fluchte nicht.

Aber der Weihbrunnkessel ist neu. Man sagt, der Barthel selbst hätte

ihn zusammengescholten an demselbigen Tag.

Herr Trotzkopf, der Heiratsbeflissene.

Bertram Siebener ging auf dieser Erde fünf Jahre lang mit

Heiratsgelüsten um. Es tat ihm die Wahl weh unter den schönen Töchtern

des Landes, und aus lauter Bedenken und Zuwarten passierte es mehrmals,

daß ein anderer ihm die Braut vor der Nase weg heiratete. Denn gern

haben die Frauen des Mannes Herz, aber dessen Hand haben sie noch

lieber. Zudem hatte Bertram Siebener -- ein so prächtiger Mann er sonst

war -- keinen sehr starken Willen, hingegen besaß er einen kräftigen

Widerspruchsgeist. Ein Trotzkopf war er. Bei allem, was er vorhatte,

befragte er seine Freunde um Rat, um hernach gerade das Gegenteil zu

tun von dem, was sie ihm rieten.

So saß er eines Tages im Extrastübel des Eschenwirtshauses und sagte

zum Wirt: »Julius, was sagst du dazu? Jetzt hab' ich eine aufgestöbert.

Blutjung ist sie und bildsauber. Hast noch keine gesehen, die so schön

wäre. Ganz dumm bin ich dir vor Liebe. Die werde ich nehmen -- was

meinst?«

Der Wirt zuckte die Achseln: »Wenn du verliebt bist, dann ist dir nicht

mehr zu raten.«

»Daß man sich's halt etwa noch überlegt.«

»Das tät' ich auch an deiner Stell', und diesmal schon gar.«

»Meinst also, daß ich's bleiben lassen soll?«

»Weißt, Bertram, ein anderer kann da nichts sagen, das kommt auf dich

selber an. Ich red' nur das: geheiratet ist's bald, aber das Hausen

währt lang'. Und just auf die Schönheit allein ginge ich auch nicht.

So lang' das Weibel schön ist, gehört es oftmals nicht dem Ehemann

allein; und ist es nicht mehr schön, nachher magst es leicht auch

selber nicht. So ist die Sach'.«

Der neidet mir die schöne Braut, dachte Bertram, als ob just ich kein

sauberes Weib haben sollte! --

Er ging zu seinem Freunde, dem jungen Tischlermeister, einem sehr

einsichtsvollen Mann, der selber noch ledig war und bei seiner dicken

Stiefmutter lebte.

»Du, Franzel,« rief Bertram Siebener, »eilends laß dir Tanzschuhe

machen. Ich bin Bräutigam. In die Allerschönste bin ich vernarrt, in

die schöne Traut. Ich denk', ich mach' Ernst! Rate mir, Freund, aber

rate mir nicht ab.«

»Dazu läge nach meiner Meinung keine Ursache vor,« sagte der Tischler,

»daß sie deinem Auge gefällt, und daß du sie lieb hast, ist die

Hauptsache. Alles andere findet sich.«

»Nur Vermögen, wenn sie zu ihrer Schönheit hätte, würde ich nicht

verachten,« meinte Bertram.

»Vermögen, Vermögen,« sagte der Tischler, »dann bist du der Herr im

Hause nimmer. Du bist der Anwalt ihres Geldes und mußt durch das

Kapital deiner Arbeitskraft den täglichen Bedarf schaffen, und dennoch

würde sie dir's bei jeder Gelegenheit zu verstehen geben, daß sie dir

Geld mitgebracht hätte.«

»Wenn sie nur auch ein gutes Herz hat?« wendete Bertram ein.

»Pah, ein gutes Herz haben alle, wenn es der Mann verlangt; nur

häßliche Weiber sind auch böse Weiber. Greif' zu, Bertram, greif' zu

mit allen Vieren!«

Was der nur hat? dachte der Freier bei sich. Gerade auf der Stelle will

er mich verheiraten. Er hat leicht reden; leben müßte ich mit ihr. Spät

gefreit hat niemand gereut. Ich warte noch. --

Ein halbes Jahr später saß Bertram Siebener wieder im Eschenwirtshause

und zupfte den Wirt am Ärmel: Er hätte etwas zu reden.

»Wenn's nur auch was Gescheites ist!« sagte Julius.

»Das will ich schon meinen. Ich habe wieder eine Braut -- eine mit

Geld!«

»Das läßt sich hören!«

»Aber gerade nicht mehr ganz jung -- so in den besten Jahren, eine

Vierzigerin.«

Der Wirt tat einen lauten Pfiff. -- »Nachher könnte sie ja deine Mutter

sein.«

»Ist's aber nicht. Ist eine recht angesehene Hausbesitzerin, auch

gesund und heiter. Ich setz' mich in die Wirtschaft und bin ein

gemachter Mann.«

»Mensch!« rief der Wirt, »ich sage dir, nimm eine ältere! Eine

Achtzigjährige, die wenigstens bald stirbt. Die Vierzigerin überdauert

deine schönsten Jahre; du bist an sie gebunden wie der Kettenhund ans

alte Hoftor. Bertram, ich bitte dich: renn' nicht in dein Unglück!«

»Du hast ja selber eine Alte.«

»Eben darum rede ich aus Erfahrung. Junge, nimm eine Häßliche, eine

Dienstmagd, eine Dirne -- nur keine Alte!«

Bertram ging mißmutig davon. -- Just weil sie glauben Nein, so sage ich

Ja. Möchte doch sehen, wer mit mir schaffen kann! --

Er ging zum Tischler.

»Freund, du wirst Augen machen. Wie du mich da stehen siehst: ich bin

so viel als Großbauer! Ich heirate die Hochschlagerin.«

»Was?« lachte der Tischler, »o du Schelm du! So bist du's, der den

fetten Vogel abschießt! Ich gratuliere!«

»Sie ist just nicht alt.«

»Na freilich nicht,« sagte der Tischler. »Vierzig ist ja noch kein

Alter. Und so gut erhalten!«

»Just, daß halt ~ich~ ein bissel jung für sie bin.«

»Ist nicht deine Schuld. Brauchst du nicht eifersüchtig zu sein.

Eifersucht ist ein Elend. Auf die Hochschlagerin kannst dich verlassen

-- bist geborgen. Und sind die zufriedensten Ehen, dergleichen.

Dann keine Brotsorgen, mein Lieber, keine Brotsorgen, das ist die

Hauptsache.«

»Es ist wahr,« bemerkte Bertram sinnend, »daß man auch -- der

Nachkommenschaft wegen -- Kinder --«

»Eins kriegst, mehr brauchst du nicht. Denke dir das Kinderkreuz! Den

Kummer! Ich selbst, wenn ich heiraten würde, nähme so eine, wie die

brave Hochschlagerin.«

»So nimm sie!«

»Ei, du siehst ja, daß ich mit meiner Stiefmutter ganz zufrieden lebe.

Sie ist eine gutherzige, praktische Frau, besorgt mir die Wirtschaft.

Und so lebt man fröhlich dahin.«

»Und warum man just mich in den Ehestand jagen will?«

»Jagen? Das nicht, aber mit gutem Gewissen dazu raten kann man dir. Du

zögerst, aber du wirst heiraten, es ist eine Naturnotwendigkeit für

dich. Du bist vielleicht gar nicht für den Ehestand geboren. Aber du

bildest dir einmal ein, zu heiraten, du wirst keine Ruh' und keine Rast

haben, so lange du nicht verheiratet bist.«

»Und dann?«

»~Dann~ gibt es keine Wahl mehr.«

»Also gezwungen und gebunden leben!«

»Bertram, du bist eine unentschlossene Natur, jede Wahl peinigt dich.

Immer hin und her. Das Muß tut dir besser, das ist der Stock, an den

gebunden du erstarken wirst.«

»Franz, du redest in den Tag hinein. Du verstehst mich nicht. Weißt du,

was ich tun werde? Ich bleibe ledig!« --

Darauf verging ein Jahr. Die schöne Traut hatte einen schönen Förster,

die reiche Hochschlagerin einen reichen Holzhändler geheiratet. Bertram

Siebener war noch frei.

Da saß er eines Tages wieder beim Eschenwirt und trank sich ein Herz

an. Es war bei ihm, als ob er den Apfelwein nicht in den Magen, sondern

in das Herz hinabschlürfte; denn mit jedem Humpen schwoll dieses und

wurde voll, und wurde schwer. Und endlich begann er zu schluchzen ob

seiner großen Verlassenheit.

»Ich glaube gar, du hast Zahnreißen?« sagte der Wirt.

»Laß mich gehen. Ihr alle miteinander versteht mich nicht -- ich fühle

mich so einsam auf der Welt. -- Ich werde doch noch einmal mit der

Meisterin reden.«

»Am Ende hast du schon wieder eine Braut?«

»Ich ~habe~ auch eine, ich verhehle dir's gar nicht, gleichwohl

ich weiß, daß du mir sie wieder abreden wirst wollen.«

»Abreden? Ich abreden? Was dir nicht einfällt. Im Gegenteile, ich habe

dir immer gesagt, daß du heiraten mußt. Aber eine, die für dich paßt.

Zweimal fragtest du mich schon, und ich will nicht fürchten, daß du es

bereuest, mir gefolgt zu haben.«

»Ich dir gefolgt, Julius! Nicht im Traume. Wenn ich zwei Weiber bisher

laufen ließ, so waren es andere Gründe.«

»Die dritte wirst du doch nicht mehr laufen lassen? Sie ist

wahrscheinlich sehr hübsch?«

»Sie ist nicht hübsch.«

»Oder wenigstens jung?«

»Sie ist nicht jung.«

»So doch reich?«

»Ist auch nicht reich.«

»Also häßlich, alt und arm. Bertram, sei versichert, die rede ich dir

nicht ab. Es ist nicht nötig.«

»Und gerade die werde ich heiraten.«

»Ich gratuliere!«

»Du höhnst mich. Ich aber sage dir: Die werde ich heiraten.« --

Aufgebracht ging er davon -- ging zu seinem andern Freunde, dem

Tischler.

»Hast du wieder eine?« rief ihm der entgegen.

»Eine gutmütige, bescheidene, ältliche Person, arm, aber häuslich und

brav.«

»Siehst du, ~das~ ist die Rechte.«

»Eine Witwe ohne Kinder. Nur ein Stiefsohn ist da.«

»Für einen gescheiten, anspruchslosen Mann gewiß eine passende Partie.

Mache nur diesmal Ernst.«

»Aber --«

»Ist sie eine Hiesige!«

»Freilich, du kennst sie recht gut. Und daß der Sohn um ein paar Jahre

älter sein wird als der Vater, hörst, das macht nichts.«

»Was sprichst du denn?«

»Geh', geh', ich laß dich nicht raten. Wir sind auch schon auf gleich.

Hat sie dir wirklich noch nichts gesagt?«

»Wer?«

»Deine Frau Stiefmutter.«

Der Tischler schrak zurück. -- Meine Stiefmutter will er heiraten?

Meine Mutter, von der ich hoffe, daß sie mir in nächster Zeit die

Wirtschaft übergibt, und mich zum Erben ihres Ersparten machen wird?

»Freund!« sagte er mit dumpfer Stimme und legte seine Hand dem

Heiratsbeflissenen auf die Achsel: »Das wäre ein unglücklicher

Gedanke. Glaube mir, ich würde sehr erfreut sein, dich in unserer

Familie zu wissen. Aber als Freund muß ich dir im Vertrauen mitteilen:

Meine Stiefmutter ist kein Weib für dich. Erstens hat sie das Alter

wirklich etwas sehr häßlich gemacht; die Leute würden ordentlich

zurückschrecken, wenn du sie ihnen als deine Braut aufführtest.«

»Was geht das die Leute an!«

»Dich, dich geht's an. Und das eben ist das Schlimme. Ferner glaube ja

nicht, daß diese Frau so überaus gutmütig ist. Ich kenne sie besser!«

»Du kennst sie als Stiefmutter, da glaub' ich's schon.«

»Wenn es je eine eitle, geschwätzige, geizige, schmutzige, launenhafte

und mürrische Alte gibt, so ist es meine Stiefmutter.«

»Du übertreibst, wie hätte denn dein seliger Vater --«

»Der nahm sie vor einem Vierteljahrhundert. Und wenn es je ein Mann bei

diesem Weibe aushalten könnte, so würde mein Vater noch leben.«

»Diesmal ist alles dagegen,« murmelte Bertram, »nur mir keine Frau.

Jetzt möchte ich aber doch sehen, wer mir das Heiraten wehren kann.

Justament!«

O, Tischler Franz, das hast du schlecht gemacht. Warum fielest du ihm

nicht in die Arme und riefst: »Bertram Siebener! ja und tausendmal ja,

werde mein Vater! Meine Stiefmutter ist das schönste, liebenswürdigste

Weib unter der Sonne. In üppigster Reife prangt sie dir entgegen!

Und wie sinnig weiß sie sich zu schmücken, wie anmutig versteht sie

zu plaudern, wie sparsam ist sie im Haushalte, wie anregend ist die

Mannigfaltigkeit ihrer Stimmungen und neckischen Launen, wie reizend

ist ihr erkünsteltes Zürnen und Schmollen. Wie selig war mein

seliger Vater in ihrem Besitze, der, ach, so kurz war. Tritt in seine

Fußstapfen, mein Freund, ich beglückwünsche dich aus voller Brust!«

So mißrät man einem Bertram Siebener die Partie. Ei geh', Tischler, du

verstehst dich nicht aufs Leimen. Was du zusammenfügen willst, das geht

auseinander, was du trennen möchtest, das kittet sich zusammen.

Jetzt lauf' zum Schneider, er soll dir flugs ein Hochzeitsjöppel

machen, deine Mutter heiratet dir einen Vater ins Haus, und aufs Jahr

vielleicht -- kommt der Storch! --

Die Hochzeit ist lange über ein Jahr schon vorbei. Das Ehepaar lebt

im Frieden. Der erheiratete Sohn wird ganz anständig gehalten, denn

er leitet das Geschäft. Der Storch kam, setzte sich aber auf den

Giebel der Mägdekammer, und wenn man den Bertram Siebener fragt, wie

er ihm denn anschlage, der heilige Eh'stand, so antwortete er: »Dank'

der Nachfrag'!« Und wenn man sagt: Es wäre ja zu erwarten gewesen,

daß er mitten in sein Glück hineinsäße, so entgegnet er: »Na, na!«

Und wenn ihm einer zuflüstert: »Armer Bertram, du bist bei dieser

Tischlermeisterin wohl recht jämmerlich auf den Leim gegangen!« so

ruft er aus: »Auf den Leim? Zum Lachen, so was! Ich bin über und über

zufrieden, ich verlange nichts Besseres.«

Auch solche Käuze gibt es.

Der Samer-Sim.

Sonderlinge · 第 9 / 27 段