Tabakverkäuferin auf einem alten Tuchmantel lag, und zu ihr sagte
er: »Wärest du nur bei mir gewesen auf diesem Spaziergang, so hätten
wir in Zukunft beide ein Quartier, nicht bloß ich allein. Weißt du
etwas Neues? Just haben sie den toten Bäcker vorbeigetragen, der uns
gepfändet hat. In der Au mit einem Stein erschlagen. Der Postbeamte
Fundler will's getan haben. Der Fundler ist ein Lügner. Ich werde es
den Herren schon beweisen, daß der Fundler ein Lump ist. Aber dieser
schlechte Lump ist der bravste Mensch in der ganzen Stadt. -- Er ist
dankbar.«
Am nächsten Tag wurde das Weib ins Armenhaus gebracht und Herr Eberhard
ins Gefängnis. Er hatte tüchtig zu tun gehabt, seinem dankbaren
Postbeamten den erschlagenen Bäcker zu entwinden; es schien auch so
unglaublich, daß Herr Eberhard einen Mord sollte begangen haben. Er
legte einen freiwilligen Eid drauf ab. Ob's ein Rachemord oder ein
Raubmord hätte sein sollen, das wüßte er selber nicht. -- Und nun
hatte er wieder seine Beschaulichkeit. Nun konnte er nachdenken, warum
er eigentlich dem Heiland bis zum Dachstübchen nachfolgen wollte,
und nicht weiter -- nicht bis zur Kreuzigung? Warum er denn seine
gesellschaftliche Stellung, sein Vermögen, ja selbst seine Familie
hingeopfert hatte, um dem Evangelium gerecht zu werden, wenn er dann
doch auf einmal der menschlichen Natur nachgab? Jetzt sah er, wohin
die Nachfolge Christi führt: Wenn man dem Heiland auf dem ganzen Wege
nachfolgt, so kommt man freilich in den Himmel, wenn man auf halbem
Wege ablenkt, so kommt man in den Kerker. Und das passiert manchem.
So der Erzähler. Die Gesellschaft schwieg.
Der alte Adam.
Mit vernünftigen Gründen vermag die Weiserin Natur bei uns vernünftigen
Leuten selten was auszurichten, und so steckt sie sich zuweilen hinter
Sonderlinge und Narren; denn nur den Unverständigen belehrt der
Vernünftige, des Weisen Lehrmeister aber ist und bleibt in Ewigkeit der
Narr.
Allerdings scheint es, als hätten die Strubacher-Leut' vom Lehm-Lamel
nicht viel gelernt; der Lamel war gerade noch um ein halb Köpflein zu
vernünftig für sie.
In vergangenen Jahren war er eigentlich gar sehr vernünftig und
tüchtig gewesen, der Lamel. Er besaß eine Lehmgrube, die ihm guten
Gewinn und den Namen Lehm-Lamel eintrug; zu Recht aber war er Wegwart
an der Reichsstraße, die damals in weißen staubigen Bändern mit
Wagengeknarre, Rossegewieher, Fuhrmannsgeschrei, Peitschengeknatter
und Handwerksburschengetriller durch die Länder schlängelte. Damals
war noch die Zeit, in der die Dörfer und Flecken groß, die Postmeister
reich, die Wirte dick wurden, die Städte aber, durch steinerne Gürtel
zusammengeschnürt, an Engbrüstigkeit litten.
Damals sind Wegwarte bedeutende Leute gewesen, ohne sie hätte das
Räderwerk der Straße, des Landes, des Reichsverkehres gestockt, wäre
versunken in Schlamm. Der Lamel hatte seine Pflicht wohl erfüllt, seine
Strecke war stets die bestgeschotterte, auch hatte er an derselben
eine Allee von Obstbäumen gepflanzt, wofür er anfangs gerügt, später
aber, als sie zwar nur wenig Schatten, aber um so mehr Obst gaben,
belobt wurde. Und er freute sich baß, wenn ihm Handwerksburschen Äpfel
und Zwetschken stahlen, weil er wohl wußte, daß verbotene Früchte süß
schmecken. So war er stolz auf sein süßes Obst, das geschenkt oder
selbst gegessen schier ein wenig stark säuerlich schmecken wollte.
Auch um sein Haus hatte der Lamel einen Garten von Obstbäumen; der war
seine Erquickung, denn die Bäume trugen Äpfel, die ließ er pressen, den
Most wahren und gären, und wenn das Getränke klar und herbe geworden,
so trank er es als echten Wein. Und der Apfelwein -- dem Vater Noah zu
Trutz sei's gesagt -- gab dem Traubenwein nichts nach, hingegen gab
der Lamel dem Apfelwein nach, und zwar nicht selten auf Kosten seiner
Selbständigkeit.
Auf die kleine Schwäche müssen wir einen großen Vorzug erwähnen. Der
Lamel war schriftgelehrt und ging in den Feierstunden daran, die sieben
Siegel der Bibel zu lösen, wobei ihm der Apfelwein stets behilflich
war, so daß er schließlich die Offenbarungen des heiligen Johannes
leibhaftig um sich herumtanzen sah, mitsamt den vier Ältesten und dem
Lamel.
Eines Abends sprach ein alter hinkender und schielender
Handwerksbursche im Hause des Wegwarts zu, nahm am Brunnen einen Trunk
und wusch sich hierauf den Staub von den Füßen. Weil der Wegwart nicht
weit davon stand und dem Alten lächelnd zusah, so wurde dieser dreist
und bat um Nachtherberge. Bei Wegwächtern kehrt man sonst nicht zu,
aber der Lamel wollte auch einmal ein Hausvater sein und sagte: »Hat Er
ein Wanderbuch?«
»Ein Wanderbuch?« fragte der Geselle schielend entgegen, »-- ein Wander
-- -- das heißt -- ja freilich, freilich hab' ich ein Wanderbuch.«
Der Lamel nahm das blau eingebundene Ding in Empfang, legte es in
seinen Schrank und ließ dem Fremden Nachtmahl und Nachtlager geben.
Am anderen Morgen, noch ehe die Sonne und der Lamel aufgingen, war
der alte Wanderbursche davon und mit ihm das neue Paar Juchtenstiefel
des Wegwart. -- Fand es eigentlich soweit in Ordnung, der Lamel, denn
gute Stiefel müssen wandern und ein echter Haderlump muß stehlen. Aber
wie ein Mensch so leichtfertig sein kann, sein Wanderbuch im Stiche
zu lassen! -- Das blaue Buch lag noch im Schranke, der Lamel öffnete,
durchblätterte es -- ja, was ist denn das für ein wunderlich Wesen?
Ein Wanderbuch allerdings, aber ein gedrucktes. »Das Buch über die
Seelenwanderung« war es benamset und bei näherer Untersuchung enthielt
es große Abhandlungen in langen Kapiteln mit geheimnisvollem Dunkel und
tiefer Weihe geschrieben. Der Verfasser war nicht genannt -- so konnte
es auch der heilige Geist selber diktiert haben.
Und als wieder die Feierstunden kamen, da schaffte sich der Lamel einen
Krug Weines ins Stübchen und begann das Buch von der Seelenwanderung
zu lesen. Das erzählte fürs erste die Geschichte des Glaubens an die
Seelenwanderung, wobei natürlich viel von den alten Ägyptern die Rede
war, kam auch später auf das Feld der Spiritisten. Und schließlich
verharrte das Buch gläubig bei folgender Lehre:
»Jene Engel, die im Himmel sich versündigt hatten, verstieß Gott in
eine Ödnis, so die Erde heißet. Auf der Erde lebten die Verstorbenen
in Leibern aus Lehm und waren anheimgestellt der Drangsal und sollten
ihren Fehltritt sühnen, bevor ihr Leib wieder zu Lehm sich lösete.
Wenigen gelang es, in ihrer irdischen Natur, sozusagen in einer Hülle
von Kot, sich zu reinigen; denen es gelang, die wurden wieder in die
Himmel aufgenommen; denen es nicht gelang, die mußten von neuem in
irdische Leiber zurückkehren, und dies immer wieder und so lange, bis
sie durch Not und Trübsal genugsam rein geworden, etwas Großes hier
gewirkt hätten und endlich dereinst in die Himmel aufgenommen werden.
So ist das Menschengeschlecht entstanden und so muß es fortbestehen,
bis der letzte Engel seinen letzten Fehl, er rühre noch vom himmlischen
Reiche oder von seinem vorhergegangenen Erdenleben her, gesühnt
hat. Zum Beispiel Abraham, Moses, Paulus, Mohammed, Karl der Große,
Kolumbus, Schiller usw. gehören nun zu den Erlöseten, die, wie oft
sie auch früherhin in Erdenleibern gewesen sein mögen, ihre Büßerbahn
erst mit dem Dasein, in dem sie das Große gewirkt, beschlossen haben.
Hingegen, um nur weltberühmte Übeltäter zu nennen, zum Beispiel Pharao,
Herodes, Nero, Alexander V., Napoleon und andere haben mit diesen ihren
Existenzen nicht abgeschlossen, müssen so oft und so lange wieder in
menschliche Leiber zurückkehren, bis nicht allein ihre Verbrechen in
den Himmeln, sondern auch ihre bösen Taten auf Erden gebüßt sind. Wie
oft, Leser -- so schaltete das Buch packend ein --, magst du schon auf
Erden gewesen sein? Wer weiß es denn, ob du nicht der Kain warst, oder
Alexander der Große geheißen, oder Pontius Pilatus, der unsern Herrn
ans Kreuz schlagen ließ, oder Robespierre, der Wüterich von Paris? Der
Urvater Adam selbst kann heute noch auf Erden wandern, etwa in deinem
Gebietiger (so zu lesen), der dich schützt und schlägt, etwa in dem
Bettelmann, der dich um Almosen anfleht, etwa in dir, in deinem Sohne!«
--
Fast hätte der Lehm-Lamel über das merkwürdige Buch des Apfelweines
vergessen. ~Das~ war ein Buch. Das leuchtet ein. Ja, jetzt
ist das Rätsel gelöst. Darum die Welt, darum die vielen armseligen
Menschen, darum die wenigen großen Taten und darum das Sprichwort
von einem großen Wohltäter: »So einer kommt nicht wieder!« Und das
Böse wird bestraft und das Gute belohnt und die Erde ist eigentlich
das Fegefeuer. Wie das stimmt! -- Und ein solches Licht für ein paar
Juchtenstiefel! Wer weiß! Der alte Handwerksbursche kann ein guter
Engel gewesen sein; man kann's nicht wissen -- gar nichts kann man
wissen auf der Welt, als was in diesem Buche steht.
Und wieder und immer wieder las der alte Wegwart in der wunderlichen
Schrift. Oft sann er lange und ernstlich über sich selbst. -- »Jetzt
steht die Welt schon sechstausend Jahr', und du bist noch nicht
fertig, Lehm-Lamel, gefallener Engel, bist noch immer da? An die
neunzig Menschenalter sind seit der Erschaffung der Welt, hast sie
alle durchgemacht und bist erst noch nichts als der dumme Wegwächter,
dem alle Rösser der Welt auf die Arbeit pissen. Was hast denn immer
getrieben, du Haderlump? Viel mag ich nicht wetten, du bist bei den
Zigeunern gewesen ...«
Er las sich streng die Leviten und trank Apfelwein dabei, und
tatsächlich, es war ihm zumute, als hätte er auch vor mehreren tausend
Jahren schon aus dem Kruge getrunken -- zu Noahs Zeiten -- nur bedünkte
ihm, der Wein wäre damals nicht ganz so sauer gewesen als heute. --
Der Wein hat auch seinen Geist; seine Seele demnach. Wie wenn auch
diese wanderte? Der Saure, der Gewässerte, der künstlich Gezuckerte und
Durchgeistigte -- nimmer erfüllte er seinen Beruf, er muß noch einmal
in die Kelter. Aber der Apfelwein ist ohne Falsch und vermag -- wenn
man betrachtet, wie der kräftige Lamel zuweilen auf dem Boden liegt --
Großes zu vollbringen. -- So wird der Apfelwein über kurz den reinen
Geistern beigesellet sein ...
Der Lamel war bisher Junggeselle geblieben, so war fürs erste niemand
da, der zu seiner seelischen Reinigung beitrug, und der ihn fürs zweite
in seinen Grübeleien zerstreut hätte. Also verbiß er sich immer mehr
in das Buch von der Seelenwanderung, und also wurde er allmählich ein
Narr. Die Idee, ob er nicht etwa doch einer aus dem Alten Testamente
sei -- er las nebenbei auch immer die Bibel -- und ob nicht gar die
Seele des unerlösten Adam in ihm stecke, trug er lange mit sich herum.
Und in seiner Vermutung wurde er bestärkt, als er sich jählings in ein
junges Weib verliebte. Er war noch nicht zweimal zwanzig Jahre alt und
durchaus, vom Fuß bis zum Kopf, ein Wegwart, der sich sehen lassen
durfte. Sie war eine Kalkbrennerin in der Gegend; die schöne Strinerl
geheißen; ihre Haare waren so gelb wie das Korngehalme auf dem Felde
zur Zeit, wenn der Schnitter kommt. Ging der Lamel zur Schnittzeit über
die Felder, so las er nicht ungerne die bauchigen Körnlein aus den
Ähren und zermalmte sie mit seinen urtüchtigen Zähnen. Und dachte dabei
an den Schatz.
Aber -- Lehm-Lamel-Adam, kannst du dich denn nicht mehr erinnern, das
voreinstmalen die goldhaarige Eva schuld war an deinem Falle, an deiner
Austreibung aus dem Paradiese und an deiner ruhelosen Seelenwanderung
durch die Geschlechter der Menschen? -- Der Apfelbiß in der Bibel!
nichts als Blumensprache, du weißt es recht gut. Lehm-Lamel-Adam! Was
zieht doch täglich für ein Volk die Straße entlang, an dir vorbei?
Ein unselig Volk von Bettlern, Vagabunden, Tagedieben! Dort wankt
ein Blinder, geführt von seinem halbnackten Kinde; dort schleppt ein
kraftloses Maultier einen lahmen Mann; dort geleiten Schergen einen
Übeltäter heran und drüberhin flattern und krächzen die Raben. Hier
sprengt mit Roß und Wagen ein anderer Übeltäter vorüber; dort liegt ein
Waisenknabe im Straßengraben und ächzt. Sechs schwarze Hengste führen
die Leiche eines reichen Selbstmörders ihrer prunkenden Gruft zu. Dort
am Steinhaufen kauern Mann und Weib und Kinder in Lumpen; die Kinder
schreien nach Brot, der Mann verflucht sein Geschick. Und hier wankt
ein Enttäuschter, Vernichteter des Weges zurück, den er vor kurzer Zeit
erst mit fliegenden Plänen und Hoffnungen gezogen. Und so zieht's Tag
für Tag und Jahr für Jahr die breite Straße entlang; ganze Kriegsheere
dazwischen, ausfahrend, um zu morden und zu rauben. Und das -- all das
ist das Menschengeschlecht. Adam, das ist deine Sippe! -- Und wiederum
gehst du auf Freiersfüßen, anstatt anzupacken, daß die ganze mißratene
Brut vertilgt werde!
So schrie das Gewissen dem Wegwart in die Ohren.
Es war nur ein alter Eseltreiber, der eines Tages beim Wegwart zusprach.
»Lehm-Lamel!« rief er durchs Fenster hinein, »weißt du schon, daß
die Strubacher-Leut' nicht mehr sprechen können? Sie heißen dich den
Lahm-Limmel.«
»Treib' deine Esel in meinen Obstgarten,« sagte der Lamel, »und setz'
dich zu mir, ich muß dir doch etwas aus diesem Buche vorlesen.« Dann
hub er an und teilte dem Treiber die Lehre von der Seelenwanderung mit.
-- »Und für ein Paar Stiefel hat mir ein Landstreicher dieses Werk im
Haus gelassen!«
»Der hat gewußt, was er getan hat,« rief der Eseltreiber und schlug mit
der flachen Hand aufs Buch, »aber Leder ist hier ~mehr~ drin.«
Als sie tiefer in das Gespräch kamen und der Lamel mitgeteilt hatte,
daß mutmaßlich die Seele des Adam aus dem Paradiese in ihm stecke,
neigte der Treiber zustimmend den Kopf. Und als sich jener Rates holte,
was er denn eigentlich werde tun müssen, um sich zu erlösen, sagte
dieser: »Luderleben sollst keins führen, das ist die verbotene Frucht.
Selbst meine Esel möchten Heu haben und müssen Stroh fressen. Aber das
Müssen gilt nicht. Wer's freiwillig tut, dem ist's ein Verdienst.«
»Ich hüte mich wohl,« sagte der Lamel, »da schau meine Obstbäume an,
die schönsten Äpfel, die prächtigsten Äpfel! Du, ich sag' dir, nicht
einen einzigen ess' ich im Jahr. Gott hat schon im Paradiese den Apfel
verboten.«
»Geh,« lachte der Eseltreiber, »du bist schlau, die Äpfel ißt du nicht,
aber ihren Saft pressest du heraus und damit trinkest du dir die
Räusche!«
Schier zu Tode erschrak der Lamel über diesen Vorwurf; er sah es
plötzlich ein, der Eselmann hatte recht, im Apfelwein genoß er die
verbotene Frucht.
Und von dieser Zeit an hatte sich der Wegwart fest vorgenommen, nicht
einen Tropfen des falschen Getränkes mehr zu trinken, als bis er im
Reiche Gottes zur »Rechten« säße. Es gelang ihm eine erkleckliche
Weile, seine argen Gelüste zu zähmen und seinen sündigen Menschen
zu verleugnen, und er hatte schon gegründete Hoffnung, daß Adams
langwierige und langweilige Seelenwanderung in dem schlichten Wegwart
endlich ihren guten Abschluß finden würde.
Da war einmal ein heißer Sommertag und da kam die schöne Strinerl
die staubige Straße gegangen. Sie sah den Schatten in des Wegwarts
Obstgarten, sie hörte den Brunnen rieseln; so trat sie in den kleinen
Hof, um zu trinken.
Schon hielt sie die braune, hohle Hand unter den klaren Strahl, als sie
der Lamel vom Fenster aus bemerkte.
»Närrchen, Närrchen!« rief er, »was wirst Wasser trinken! Ich habe
einen guten Apfelwein im Keller, ich selber brauch' ihn nicht; für wen
hätt' ich ihn, Dirndl, als für dich?«
Er eilte in den Keller, entspundete ein Fäßchen und steckte einen
Schlauch hinein, um die Gottesgabe in den bereiten Krug herauszuheben.
Doch, als er mit dem Atem hob und als es kühl und feucht wurde unter
seinem lechzenden Gaumen, da kam er ins Saugen und der Wein ging durch
den Schlauch geradewegs in seine Gurgel. Er trank herzhaft drauflos,
vergaß die gelblockige Strinerl, vergaß den Adam, trank und trank die
langentbehrte Labe -- trank und sank endlich auf den kühlen Lehm des
Kellers hin.
»Lamel!« lallte er schläferig, »war ~das~ ein Durst! Und er ist
noch -- nicht gelöscht. Will ihn gründlich löschen -- den Durst, weil
ich schon dabei bin. -- Strinerl, komm' her! -- 's hilft nichts dafür,
der Mensch ist wie er ist. Er mag sich drehen und spreizen wie er will,
er mag ein Röckel tragen, blau oder rot. Oder gar keins. Er mag sich
die Haut umwenden. Mag auf dem Fuß stehen oder auf dem Kopf. 's ist
alles eins. 's ist und 's bleibt der alte Adam ...«
Der Säemann.
Seit Jahrhunderten gab es im Tale keinen merkwürdigeren Mann als den
Samstag-Christof. Er hätte dreimal Anrecht gehabt auf das Spital, denn
er war übel geboren. Eine Krankheit hatte ihn zugerichtet, er war
stocktaub und einäugig und hatte eine verstümmelte rechte Hand. Aber
seine Linke war gesund und ernährte drei Gemeinden. Der Christof war
arm und wohnte unter dem Strohdach einer Scheune. Als Knabe entsprang
er dem Krankenhause, in das ihn der Vormund nach dem Tode der Eltern
gesteckt hatte; die erste Nacht nach seiner Flucht verschlief er in der
Scheune, und seitdem war diese sein Daheim gewesen, und er hatte in ihr
seinen ersten Bart und seine weißen Haare erwartet. Aus Stroh hatte er
sich ein Stübchen geflochten, das sah aus wie ein mächtiger Korb, und
hielt die Kälte und Hitze ab. Das Stroh beschützte den Mann ja gern,
denn jeder Halm verdankte ihm das Leben und die Ähren ließen gerne ihre
rundesten Körner dem guten Christof zum Brot. Der Mann war eine Gestalt
zum Erbarmen; aber es gab keinen Amtmann weit und breit, der so geehrt
und in sich so glückselig war, als der Samstag-Christof.
Der Samstag-Christof war wie die Kraft Gottes, des Schöpfers, könnte
man sagen; worüber er seine Hand ausstreckte -- und es war doch nur
die linke -- das wurde gesegnet. Man wußte nicht, woher es kam, es war
eine angeborene Eigenschaft; Christof war der berühmteste Säemann im
ganzen Bergland. Es gab sehr geschickte und erfahrene Bauern im Tal,
sie hatten -- darüber war nicht zu klagen -- fleißige Hände und volle
Speicher, sie verstanden das Ernten -- aber das Säen verstanden sie
lange nicht immer. Einmal ging das Korn zu dicht auf und erstickte
sich, das andere Mal standen die Halme schuhweit auseinander und jede
Ähre hatte ein ganzes Ländchen für sich -- dafür trugen sie auch den
Kopf hoch und waren leer und spießig, statt voll und glatt. Oft waren
mitten in den Äckern leere Gassen, durch die Roß und Wagen hätten
ziehen können, ohne ein Hälmlein zu beschädigen. Ein Sträfling kann
die Gassen, durch die er Spießruten laufen muß, kaum stärker hassen,
als der Bauer solch eine leere Gasse durch sein Kornfeld haßt. Die
Samenkörner mit vollen Händen hinzuwerfen, ist freilich leicht, aber
das Erdreich ist braun und die Körner sind braun, und es ist schwer,
die Gleichmäßigkeit einzuhalten, daß kein Fleckchen leer bleibt oder
keine Handvoll auf die andere fällt. Gute Augen, ein gleicher Schritt
und eine sichere Hand gehören dazu.
Der Samstag-Christof hatte nur ein einziges Auge, das gewiß nicht über
die Ecke der Nase sah, und er hatte sichelkrumme Füße, und er hatte nur
die »dengge« Hand, und dennoch blieb, wenn er säete, auf dem ganzen
weiten Felde keine Handbreit leer und kein Korn fiel auf das andere.
Wenn auf Christofs Acker der Same aufging, so war das so gleichmäßig
wie eine grünende Wiese, und wenn er reifte, legte ein Halm seine
schwere Ähre auf die Achsel des andern.
Darum suchten alle den Christof auf in seinem Strohkorbe, darum tat der
Christof im Frühjahre und Herbste zwei Monate nichts als säen, und er
säete auf allen Feldern des ganzen weiten Tales. Da trug er ein großes,
weißes Tuch um die Lenden, und darin hatte er das Samenkorn, ein
strotziges Bündel. So legte er fast mit Grazie seine Linke hinein und
schwang sie dann gefüllt -- nicht auf das gelockerte Feld. -- Die erste
Handvoll warf er auf sandigen Boden oder auf einen Felsen, oder hin
über das Heidekraut des Raines. Warum er's tat, das sagte er nicht und
keiner stellte ihn darob zur Rede. Dann aber ging's über das Feld, von
einem Rain bis zum andern. Wie er die Hand so schwang im Halbkreise,
da zogen von ihr die braungelblichen Strahlen der Körner aus, und sie
verdünnten sich in der weiten Runde und wurden unsichtbar, bis sie zur
Erde fielen. Gleich kamen auch die Vöglein herbeigeflogen von den nahen
Bäumen und von den Büschen. Sonst hüpfen sie gerne auf den Erdschollen
herum und picken die frischgesäeten Körner auf, aber dem alten Christof
flogen sie auf die Achsel oder die Lederhaube, und einmal ließen sie
sich gar wundersam nieder zum Kornsack und schnappten nach Lust die
Dingelchen heraus. Als ob es ihnen gesagt worden wäre, daß das Körnlein
im Sacke geradeso sättigt wie das Körnlein im Erdreiche, obwohl das
erstere nur ein einzig Körnlein bedeutet, das letztere aber eine ganze
schwere Ähre.
Keine Handlung im formreichen Kultus des Landmanns ist so würdevoll und
heilig wie das Hinlegen des Samenkornes in die Erde. Das ist Glaube
und Hoffnung, das ist ein Begräbnis mit der kindlichsten Zuversicht
an die Auferstehung. Ich habe noch keinen lachenden, singenden oder
plaudernden Säemann gesehen; der tollste, ausgelassenste Bursche
schreitet bei dieser Arbeit still und ernst einher, als sei er zur
selbigen Stunde ein Wundermann, der mit wenigen Broten viele speist. Es
ist, als ob den Säemann bei dieser Handlung eine Ahnung überkäme von
seinem eigenen Hinsinken in das Erdreich und Wiederhervorgehen zu neuem
Leben.
Freilich wohl liegt über diesem tiefen Meere der Poesie, sowie immer im
Volke, der Schaum des Aberglaubens. Der Säemann soll ein Sonntagskind
sein und die Arbeit nur bei aufnehmendem Monde verrichten. Gesagt ist,
daß der Same besser gedeiht, wenn er früher mit Weihwasser übergossen
wird; das Wasser müßte aber nicht gerade geweiht sein, die Hauptsache
ist nur, daß es befeuchtet. Sonst wird beim Säen die erste und die
letzte Handvoll kreuzweise hingeworfen, damit nicht etwa der böse Feind
Unkraut unter den Weizen menge. Aber der Christof tat das nicht, die
erste legte er auf unfruchtbaren Grund und die letzte -- es war recht
und billig -- behielt er sich zum Eigentum. Hatte er an einem Tage
zehn Äcker besäet, so hatte er sich zehn Hände voll Korn erworben;
so ließ sich in der Säezeit der Lebensunterhalt für das ganze Jahr
zusammenbringen.
Im Tale lebte ein häßliches Weib, die Brennessel-Gret. Es war eine arme
Witwe, mit drei kleinen Kindern; es war auch ein Säeweib und hatte sich
und anderen durch seine böse Zunge schon viel Unkraut ausgestreut. Die
Gret liebte keinen Unglücklichen, umsomehr haßte sie den Glücklichen.
Der Samstag-Christof, arm und häßlich wie sie, aber geachtet von
allmänniglich und geliebt von jedem Kinde, selbst von den Vöglein der
Lüfte, war ihr ein Dorn im Auge. Im allgemeinen achtete man nicht auf
die Brennessel-Gret, was sie auch sagen und tun mochte. Auf einmal aber
ging ein Gerücht durch aller Leute Mund: Nun, endlich wisse man's,
warum der Samstag-Christof so trefflich säe, er benütze den Bösen
dazu, der müsse ihm jedes Korn auf den genau abgemessenen Platz in die
Erde legen und bekäme dafür die erste Handvoll, die der Christof auf
unfruchtbaren Boden wirft. Der Samstag-Christof sei ein Hexenmeister.
Man weiß, wie Bauern sind -- im nächsten Jahre säete jeder sein
Kornfeld eigenhändig, und dem alten Christof wich man aus und grüßte
ihn kaum mehr. Dieser lebte verborgen in seiner Scheune, während
draußen der Frühling war. Aber als die Saat aufging, gab es über die
Felder hin viele aschgraue, kahle Streifen und zur Blütezeit wucherte
Nesselkraut und Hederich zwischen den Halmen und in den Erntetagen
lagen die Garben dünn zerstreut auf den Stoppeln.
Im nächsten Herbste wurde in der Hütte der Brennessel-Gret viel gebetet
und geflucht. Das Weib hatte sein Kornackerl bestellt, aber nun bekam
es, wie sonst alljährlich, keinen Samen von der Nachbarschaft; erstens,
weil solcher in diesem Jahre rarer war als sonst, zweitens, weil sich
das Weib immer mehr verhaßt gemacht hatte. Alles bestellte seine
Wintersaat, aber der Acker der Witwe blieb brach liegen. Christof hatte
in seinem Vorrat einen Kübel Korn; da dachte er bei sich: Streue ich
diese Körner auf ihr Feld, so bin ich wieder der Hexenmeister, und
bleibt ihr Acker leer, so verhungert sie mit ihren Kindern. -- Da war
der alte Mann einmal über eine Nacht nicht in seiner Scheune.