»Deucht dich, Bruder?« antwortete der alte Gregor. »Mich deucht auch.

Aber wenn euer Christentum das richtige ist, so müßt ihr auch in

schlechten Zeiten feststehen.«

»Das werden wir auch, mein guter Gregor. Nur weh tut's, wenn's so

plötzlich trifft. Das große Kreuz wird uns heilsam sein, wir wollen

beten und uns kasteien.«

Bald merkte es der alte Hirtenbauer, wie das gemeint war mit dem Beten

und Kasteien. Wie Ameisen am zerstörten Haufen, so begannen die Mönche

zu arbeiten, jeder in seiner Art. Was der Brand übrig gelassen, sie

rafften es zusammen und bargen es; mehr war's, als man erwartet.

Bauleute wurden herbeigezogen, anfangs für den Notbau, später für

die Wiederaufrichtung des Stiftes, das allmählich aus seiner Asche

herrlicher erstand. Wie Wunderbrunnen, so flossen die Hilfsquellen

von allen Seiten, besonders von dem in der Welt weit verzweigten

Orden. Die Mönche waren ohne Rast. Sie nahmen fürlieb mit spärlichster

Kost; mancher brachte seinen heimlichen Pfennig herbei und gab ihn

dem entstehenden Vaterhause. Der unermüdlichste und froheste aller

Arbeiter war der alte Gregor. Jetzt konnte er nach Herzenswunsch

»bußwirken«, nämlich Hand anlegen zum Wiederaufbau des Reiches Gottes.

Nicht wie einst handelte es sich um eine melkende Kuh oder um einen

fetten Ochsen, es handelte sich um eine Friedensstatt auf Erden.

Brauchen ließ er sich überall, beim Steinegraben, beim Ziegeltragen,

beim Karrnen und Zimmern und bei viel schlechteren Verrichtungen.

Als sich niemand finden wollte, der auf den Dachgiebel das dreifache

Kreuz trüge, gab er sich dazu her. Er sei in der Jugend auf allen

hohen Bäumen der Niederalm umhergeklettert; fehle ihm jetzt gleichwohl

die Eichhörnchengelenkigkeit, so werde doch der Schutzengel seine

Schuldigkeit tun. An Nahrung und Verpflegung war er ganz anspruchslos.

Lohn nahm er überhaupt keinen, sondern sagte, bei den Bauern sei der

Brauch, daß die Kinder des Hauses umsonst arbeiteten.

Der Prälat war schon lange wieder wohlgemut geworden, und so sagte er

nun lachend einmal zu seinem Bruder: »Aber Gregor, wenn du immer so

fleißig gewesen wärest, so müßtest du ein reicher Mann sein!«

»Reich! Reich!« antwortete der Alte. »So ein schlecht Wort sollten

Gnaden Herr Bruder nit im Mund haben!«

Freilich hatte der Gregor ein heimliches Glück im Herzen, von dem er

niemandem was sagte. Er war seines nagenden Kummers losgeworden. Das

Ledersäckchen war ihm beim Brande abhanden gekommen, die fünf Dukaten

verbrannt. Jetzt brauchte er sich nicht mehr zu fürchten, sie könnten

seiner Seele schaden, sich nicht zu ängstigen, er könnte sie verlieren.

Sie hatten seiner Seele geschadet, nun erst merkte er es recht. Nun

war er frei. Alle Existenzsorgen hatte ihm ja der hochwürdigste Bruder

abgenommen: »Du gehörst unserem Orden, Bruder Gregor, und daß du nicht

Latein kannst, je nun! Du bist halt ein Wildling. Ein Wildling Christi.

Ich meine, man könnte dich trotzdem weihen.«

»Ich dank' dafür,« antwortete der Alte. »Bin einer Last glücklich los,

will keine andere mehr haben. Wenn mir Gott zur Armut noch die Demut

schenkt, dann bin ich aus dem Gröbsten heraußen.« --

Nach fünf Jahren stand das neue Stiftsgebäude fertig und in hohem

Glanze da. Jeder der dreizehn Mönche hatte es erlebt, nicht einmal der

dreizehnte war gestorben. Einer von ihnen gestand, seit dem Unglücke

fühle er sich ein wenig besser und stärker, er habe gelernt, etwas

zu ertragen. Man stimmte ihm bei. Nur den Prälaten hatten die Sorgen

der Wiedererrichtung alt und kränklich gemacht. Er erklärte, seine

Würde und Bürde ablegen zu wollen. Alles war unschlüssig, ratlos

darüber und mancher der Brüder verwahrte sich schon vorwegs gegen

die Möglichkeit, Abt zu werden. Jeder wollte der Unwürdigste sein,

vielleicht heimlich erwägend, daß gerade ~der~ erhöht werde, der

sich selbst erniedrige. Bei der Wahleinleitung für seinen Nachfolger

erzählte der Prälat die Geschichte von der Taube. Einmal bei einer

Papstwahl zu Rom -- bei welcher, das wußte er nicht genau -- hätten die

Kardinäle sich nicht einigen können. Da sei zum Fenster eine weiße

Taube hereingeflogen, sei dreimal über den Köpfen der Versammelten

herumgeflogen und habe sich dann auf das Haupt des Geringsten gesetzt,

des Türhüters an der Pforte. Der sei auf diesen Wink Gottes zum Papste

gewählt worden. »Und meine hochwürdigen Brüder,« so schloß der Prälat,

»wenn heute auf dem Stifte Hubertusbrunn der heilige Geist in Gestalt

einer Taube käme, um uns die Wahl des Oberen anzudeuten, auf wessen

Haupt würde er sich setzen?«

Die Brüder neigten sich und einer flüsterte dem andern zu: »Vielleicht

gar auf das Haupt Gregors?«

Der mißratene Evangelist.

In einer Tischgesellschaft von ernsten Männern kam eines Abends

das Gespräch auf die Welttauglichkeit des Evangeliums. Mehrere der

Anwesenden behaupteten, die christliche Lehre trage nicht allein die

Bürgschaft der ewigen Seligkeit an sich, sondern auch das Glück der

Erde, den Frieden in der Gesellschaft, das Gedeihen jedes einzelnen.

Einer war da, der solches bestritt. »Wenn ~jedermann~ nach der

christlichen Lehre lebt,« sagte dieser, »dann vielleicht. Dann gebe

ichs zu, daß sie auch auf Erden zum Glücke führen kann. Anders ist

es, wenn nur einzelne darnach leben. Für diese ist sie dann durchaus

nicht förderlich, der einzelne geht vielmehr zeitlich daran zugrunde.

Vorausgesetzt, daß es möglich ist, die Lehre in ihrer ganzen Strenge zu

befolgen, macht sie den Menschen für die Aufgaben und Bestrebungen der

modernen Gesellschaft ganz und gar unfähig, ja kann -- mißverstanden --

auf Irrungen und Abwege führen, wovon ich ein Beispiel aus dem Leben zu

erzählen wüßte.«

Hierauf sagte ein anderer: »Wenn Sie ~ein~ Beispiel wissen, daß

die Befolgung der christlichen Lehre auf Abwege leitet, so weiß ich

hunderte und tausende von Beispielen, daß die ~Nicht~befolgung zum

Verderben führt.«

Nun, das sei selbstverständlich, meinten mehrere und sei längst

bewiesen. Merkwürdig jedoch dürfte der Ausnahmsfall sein, wenn ihn

jener erzählen wolle.

Der Aufgeforderte sprach: »Da wohl nicht zu befürchten ist, daß das

Schicksal des Helden meiner Geschichte einen von uns der christlichen

Lehre noch mehr entfremden könnte, als es, wie wir uns kennen,

wahrscheinlich ohnehin schon der Fall ist, und da sich ferner von uns

wohl überhaupt keiner so wörtlich in die Bergpredigt einlassen wird,

als es mein Herr Eberhard getan, so werde ich die Geschichte ohne

jeden Widerspruch erzählen dürfen. Die Lehre, wenn man schon eine

daraus ziehen wollte, könnte ja immerhin die sein: der eine ging an der

Befolgung des Christentums nur deshalb zugrunde, weil es nicht auch die

übrigen befolgten.«

Und hierauf begann er zu erzählen.

Im Landstädtchen K. lebte ein junger Buchhandlungsgehilfe namens

Eberhard Roland. Er war aus einem Nachbarsorte eingewandert, nachdem er

dort seine Mutter und seine Schwester begraben hatte. Das waren seine

einzigen Verwandten gewesen, er hatte ihnen wacker leiden geholfen. Die

Rolande waren einst eine geachtete Bürgersfamilie gewesen und dann von

einem unermeßlichen Unglück heimgesucht worden. Ein Roland war nämlich

einer schweren Gewalttat wegen zum Tode verurteilt und dann durch

den Strang hingerichtet worden. Das war der Großvater des Eberhard

gewesen. Von jener Zeit an war es mit der Familie abwärts gegangen,

sie war entehrt, gemieden, verachtet. Das Geschäft stockte, ging zu

Grunde, die Familie verarmte, brachte sich viele Jahre lang zwar

redlich, aber kümmerlich durch. Man hatte nichts einzuwenden gegen die

fleißigen Leute, daß aber jener Roland gehenkt worden war, blieb ihnen

unvergessen und blitzte bei jeder Gelegenheit hervor. Eberhards Vater

war als Leineweber in jungen Jahren gestorben, er selbst hatte die

Buchbinderei gelernt und mit diesem Handwerk Mutter und Schwester recht

und schlecht ernährt, bis beide bei einer Seuche in einer und derselben

Woche verschieden.

Seither wohnte Eberhard in der Stadt K., wo er vom Buchbinder zum

Buchhändler aufstrebte, nachdem er es vorher mit mehreren anderen

Erwerbsarten vergebens versucht hatte. Er war ein unruhiger Geist und

sprang in Gegensätzen hin und her. Von einigermaßen beschaulicher und

sogar schwärmerischer Naturanlage, trug er sich eine Zeitlang mit dem

Gedanken, in ein Mönchskloster zu gehen, bis er in ein Bankgeschäft

als Briefschreiber eintrat. In kurzer Zeit war er Buchhalter und hatte

sich etliche hundert Taler Vermögen erspart. Da mietete er sich vor

der Stadt einen Heuschoppen und begann mit Holz und Kohlen zu handeln.

Als höchst anständiger Geschäftsmann bald bekannt, begann der Handel

zu blühen, aus dem Schoppen ward ein stattliches Magazin, dem sich

größere Lager anschlossen, aus dem schlichten Buchbinderjungen war

ein geachteter Kaufmann geworden. Bei dem allein blieb es aber nicht.

Von hübscher Gestalt und freundlichem Wesen, gewann er die einzige

Tochter des Bankinhabers, bei dem er in Diensten gestanden und wurde

ein wohlgesetzter Ehemann und Hausvater. Ein Jahr später kam ein

kleines Kind und ein großer Treffer, er hatte in der Staatslotterie das

Hauptlos gezogen. Jetzt war er auf einmal halber Millionär und wußte

eigentlich selbst nicht, wie das zugegangen.

Nun hatte in ihm aber sachte eine Änderung stattgefunden, die er wohl

selber erst etwas spät bemerkte. Einst in armen Kreisen lebend, war er

sehr mitleidig gewesen und hatte er schon in der Tat nur wenig Gutes

tun können für die Notleidenden, so hatte er für sie doch stets ein

warmes Herz, und das Wort der Teilnahme tröstete manchen Leidenden

mehr, als eine Gabe auf die Hand. In dem Maße aber, als Herr Eberhard

wohlhabend wurde, kühlte sich sein Gemüt ab für die Armen. Er war zwar

wohltätig, gab Almosen, doch weniger aus innerem Drange, denn weil er

sich als reicher Mann dazu verpflichtet fühlte. Die Armut vor sich zu

sehen, war ihm unangenehm, und manchmal erschien sie ihm wie ein Makel,

das etwa dem Leichtsinnigen oder Fahrlässigen anhaftet. Einst hätte er

den hungernden Bettler sättigen mögen, ohne ihn erst seines Hungers

wegen zur Rechenschaft zu ziehen, jetzt fragte Herr Eberhard schon:

»Warum arbeitet Er nicht? Was hat Er getrieben, daß Er so verkommen

ist?«

Früher hatte er sich zu den wenigen Feierstunden in seinem Stübchen mit

den paar Holzmöbeln und den kleinen Bildern seiner Mutter und Schwester

an der Wand sehr heimlich und behaglich gefühlt. Jetzt in seinen reich

ausgestatteten Gemächern war ihm einmal dieses, einmal jenes nicht

recht und seine Wünsche und Bedürfnisse waren den Tatsachen immer um

eine Spanne voraus. Manchmal empfand er die Last des Reichtums, die

Last der damit verbundenen Pflichten, dann wieder kam es ihm vor, als

nütze er seine Kraft, seinen Kredit, die Verhältnisse zu wenig aus und

als sei es seine Aufgabe, noch reicher zu werden -- so reich als nur

menschenmöglich. Er gönnte sich daher nur wenig Ruhe, rechnete, plante

neue Unternehmungen, und wenn er dann zum Jahresschluß die Bilanz zog,

soweit sie bei den ausgedehnten Besitzungen und Geschäften zu ziehen

war, sah er immer mit freudigem Schreck, wie rasch die Millionen

wachsen. Aber schon allemal in den nächsten Stunden fragte er sich,

warum sie denn eigentlich nicht noch schneller wüchsen und was daran

wohl die Ursache sein könne?

In einer solchen Stunde, als er über den Teppich seiner Treppe

herabstieg zum bereitstehenden Wagen, um auszufahren zur Sitzung in

einem wohltätigen Verein, kauerte an der Pforte eine verwahrloste

Bettlergestalt, schlotternd, mit eingefallenem, grünem Gesicht und

verglastem Auge. Fast verstellte er dem Herrn den Ausgang, zudringlich

hielt er seine mumienhafte Hand hin und verlangte ein Almosen.

»Wie?« fragte Herr Eberhard aufgebracht über den vordringlichen

Gesellen, »bin ich dem Kerl was schuldig? Arm? Aus Ihm riecht der

Branntwein, dünkt mich. Warum arbeitet Er nicht? Schämt Er sich nicht,

von anderer Leute Arbeit zu leben? Und frech?! Fort, Er ist mir

zuwider, ich teile nichts!« Damit stieg er rasch in den Wagen, aber

noch bevor der Diener den Schlag zuwarf, stürzte der Bettler zusammen

und ein Blutquell sprang aus seinem Halse. Mit einem spitzen Messerchen

hatte er sich den tödlichen Stich versetzt.

Von diesem Tage an stieg der Reichtum des Herrn Eberhard nicht mehr.

Nicht etwa, als ob auf dem Hause von nun an ein Fluch lastete, vielmehr

ein Segen. Herr Eberhard hatte sich vorgenommen, mehr den Armen zu

leben. Er verzichtete auf den bisher bezogenen großen Gewinn seiner

Geschäfte und begnügte sich mit geringerem, den er nicht allein an

wohltätige Anstalten, sondern auch an einzelne Arme verteilte. Dadurch

aber wurde sein Geschäftshaus nur noch gesuchter und er konnte kaum

so viel Wohltaten üben, daß der Reichtum nicht doch immer wieder

stieg. Von seinem Katecheten hatte er als Knabe »Die Nachfolge

Christi« zum Geschenk erhalten. Das war sein Lieblingsbuch gewesen in

der leidensreichen Zeit seiner Jugend. Jetzt holte es Herr Eberhard

wieder hervor und anstatt im Kurszettel las er im Erbauungsbuche. --

Es war ihm ernst. -- Den schweren Prunk hatte er aus seiner Wohnung

entfernt. Mit seiner Familie gab's Kämpfe, als es daranging, einen

Überfluß um den anderen abzuschaffen, er aber sagte: »Meine Lieben,

wir haben uns verirrt in die Wüste des Geldes, wir müssen umkehren und

Menschen werden.« Die jungen Herrschaften mußten sich's wohl oder

übel gefallen lassen, Menschen zu werden -- sie wurden es. Die Söhne

entsagten dem Sporte, die Töchter dem Putze. Das taten sie aber erst,

als Herr Eberhard ihnen eines Tages mitgeteilt hatte, bei einer großen

fehlgeschlagenen Spekulation hätte er beinahe sein ganzes Vermögen

verloren. In Wahrheit war dem nicht genau so, nur daß er selbst täglich

tausende von Talern hinweggab an Armenhäuser, Krankenhäuser, Schulen,

Kirchen und Bettler. Er arbeitete noch einige Stunden des Tages, die

übrige Zeit verbrachte er, um Statistiken zu studieren, Armut und

Elend zu erforschen und da sah er denn freilich, daß Armut und Elend

über alle Maßen unergründlich sei, mit keinem Reichtum der Welt wett

zu machen. Das ließ ihn nicht verzagt werden. Er wollte das Seine tun

und sich ganz den Nebenmenschen opfern. Er las fleißig im Evangelium

Christi: -- Selig sind die Armen im Geiste, ihrer ist das Himmelreich.

Selig sind die Barmherzigen, sie werden Barmherzigkeit erlangen. Gib

dem, der dich bittet, und wende dich von dem nicht ab, der von dir

borgen will. Deine Linke wisse nicht, was deine Rechte tut und achte,

daß dein Almosen verborgen bleibe. Sammle nicht Schätze auf der Erde,

wo Rost und Motten fressen; sammle Schätze für den Himmel. -- Und wenn

Herr Eberhard sich so versenkte in diese Lehren und sie befolgte, da

atmete er oft wie erleichtert auf. Jener Sterbende an seiner Tür, er

starrte ihn nicht mehr an mit seinem unendlichen Vorwurf, er blickte

fast freundlich auf ihn ...

An der Pforte des reichen Mannes drängten sich die Armen aller Art.

Herr Eberhard unterschied nicht mehr strenge zwischen verdienter und

unverdienter Armut, er half wo und wie er konnte. Dem einen zahlte

er die Zinsen, dem anderen die Steuern, dem dritten schrieb er sich

als Bürgen auf den Schuldschein. Einem Geldunterschlager, dem die

Entdeckung drohte, gab er Geld zur Ersetzung des Abganges. Und wenn er

von seiner Gemahlin, von seinen Kindern gefragt wurde, was denn die

vielen Leute immer wollten, wenn sein Geschäft so ganz und gar ruiniert

sei, so antwortete er: »Das sind eben die Gläubiger, die ihre Güter

holen kommen, die ich ihnen bisher verwaltet habe.«

Die Frau schwieg und blickte ahnungsvoll einer schlimmen Zukunft

entgegen. Dabei war ihr aber süß, daß ihre Familie von der Bevölkerung

geradezu vergöttert wurde, daß sie als die Gemahlin des reichen

Wohltäters bei jeder Gelegenheit Ehren genoß, als wäre sie die Fürstin

der Stadt und des Tales. Allerdings wurden im Hintergrunde auch Stimmen

laut: Die Eberhardischen würden wohl wissen, warum sie so viel Gutes

tun; sie könnten wohl noch mehr geben. Wenn so einer, wie der Eberhard

hundert Taler gibt, die er nur aus der Kasse zu nehmen braucht, da

ist's gerade so viel, als wenn der arme Mann einen Kreuzer schenkt. So

einer kann eine Million verschenken und er tut sich nicht so weh, als

wenn ein Armer ein Paar Stiefel versetzen muß.

Herr Eberhard hörte von solchen Stimmen wenige, denn im Vordergrunde

stand das laute Lob. Er kam sich selbst manchmal vor wie ein Heiliger,

der aus Nächstenliebe die Güter der Erde hingibt. Seinen Kindern sprach

er von der Unsittlichkeit ererbten oder nicht persönlich erworbenen

Reichtums und wies sie an, ihren Lebensunterhalt sich selbst zu

verdienen. Es ward ihm bitter hart, er kämpfte übermenschlich, ehe er

sie verstieß, doch endlich siegte er durch den Ausspruch: Du sollst

deine Familie verlassen und mir nachfolgen! -- Und er fuhr fort, die

Reste seines Vermögens hinzugeben. Seine Gemahlin hätte ihn wohl

rechtzeitig unter gerichtliche Aufsicht stellen lassen, wenn sie von

seiner Darstellung, als wäre längst durch unglückliche Spekulation

alles verloren worden und die seitherigen Weggaben seien nichts als das

Zurückstellen aufbewahrten Geldes, sich nicht hätte irreführen lassen.

Nun fiel sie ihm freilich um den Hals und sprach: »Lieber Mann, wir

werden noch selber betteln gehen müssen.«

»O kurzsichtiges Menschenkind,« sagte zu ihr Herr Eberhard, »denke

an das Wort des Heilands: Wer zwei Röcke hat, der gebe den einen

davon dem, der keinen hat. Siehe die Blümlein auf dem Felde, sie säen

nicht, sie ernten nicht, und der himmlische Vater ernährt und kleidet

sie doch. Wenn mir ein kleines Dachstübchen bleibt, wie ich es einst

besessen, dann bin ich schon zufrieden.«

Darauf vergingen noch wenige Jahre, dann war sein Ziel erreicht. Herr

Eberhard wohnte in einem schiefwändigen frostigen Dachstübchen. Und

wenn seine Frau, die auf dem Siechenbette lag, seinen Rock flicken

wollte, so konnte er nicht ausgehen, um Lebensmittel zu sammeln,

denn er hatte nur einen Rock. Seine in der Jugend verweichlichten

Söhne hatten dem harten Existenzkampfe nicht standzuhalten vermocht

und waren verkommen, die Töchter hatten sich einem Gewerbe ergeben,

das ihnen unmöglich machte, noch einmal unter die Augen der Eltern

zu treten. So waren die zwei alternden Leute nun ganz allein. Herr

Eberhard hatte in seinem Dachstübchen aber doch die Beschaulichkeit

und den Herzensfrieden nicht wieder gefunden, den er sich erhofft.

Sein christliches Wohltun -- wie Schuld pochte es nun manchmal an sein

bangendes Herz, besonders wenn er an die verlorenen Kinder dachte.

Dazu ward er täglich beleidigt von der Roheit derer, zu denen er

bittend kam; sie nannten ihn einen Verschwender, dem jetzt ganz recht

geschehe. Von den nachgerade zahllosen Leuten, denen er einst Gutes

getan im großen wie im kleinen, waren nur wenige vorhanden; von diesen

entschuldigte sich der eine mit eigenen Sorgen, der andere reichte

ihm widerwillig eine kleine Gabe und den guten Rat, sich doch selbst

wieder etwas zu verdienen, auch der Hände Arbeit schände nicht. Von

der Verehrung, die er einst genossen in der Gegend, war nichts mehr

übrig geblieben, ja man erinnerte sich nun wieder, daß der Taugenichts

doch im Blute liegen müsse, da ja sein Großvater stranguliert worden

sei. -- Für solche Herzensbitterkeit fand Herr Eberhard in seinem

Evangeliumbuche keinen rechten Spruch. Und bei den schönen Worten von

der Seligkeit der Sanftmütigen, Traurigen und Verachteten war ihm, als

paßten sie nicht auf seine Verhältnisse, als habe der Heiland eine so

ungeheuerliche Undankbarkeit der Welt nicht voraussetzen können.

Eines Tages kam ein gerichtlicher Auftrag, Herr Eberhard Roland habe

tausendfünfhundert Taler zu zahlen für eine Bürgschaft, die er einst

geleistet. Darauf antwortete er: »Machet, was ihr wollt, ich habe

nichts.« Da erschien nach einem Weilchen ein Gerichtsbeamter mit zwei

Dienern, und mit ihnen der Gläubiger, ein reicher Bäckermeister von

K. Dieser riß seine große, mit Banknoten wohlgefüllte Brieftasche

aus dem Sacke, zog aus derselben aber keine Banknoten, sondern den

Schuldschein, unter dem Herr Eberhard als Bürge stand. Der Bäcker

schimpfte und fluchte eine Weile über den voreinstigen Prasser und

Windbeutel, der jetzt von anderer, von ehrlicher Leute Arbeit leben

wolle und dann wurden die wenigen Möbel und Einrichtungsstücke in

Beschlag genommen und dem Herrn Eberhard die Wohnung gekündigt.

Am rechten Arm ein Bündel, am linken sein krankes Weib, so wankte

Herr Eberhard hinaus. Bei wohlhabenden Leuten klopfte er an, die

einst seine Nachbarn gewesen, sie hatten Ausflüchte. Eine alte arme

Tabaksverkäuferin, die selber fror in ihrer Bude, lud die armen Leute

ein, bei ihr zu rasten. Dem Herrn Eberhard aber war jetzt nicht

ums Rasten; als er sein Weib in die Obhut der Ständlerin gegeben

hatte, ging er hinaus in die Auen. In ihm war ein unerhörter Sturm.

Er verfluchte nicht die undankbaren Menschen, nein, er wütete in

grenzenloser Bitterkeit gegen das Evangelium, dem er so gläubig und

opferwillig gefolgt war, und das ihn dahin geführt hatte, wo er sich

jetzt befand.

Dem Mühlbache ging er entlang. Da fiel ihm etwas ein. Er schlug

es rasch von sich, sein Weib konnte er nicht verlassen. Aber was

sonst? Was nun sonst? -- Nach langem Irren kehrte er um gegen die

Stadt, es begann schon das Dunkeln des Abends. Vor sich sah er einen

großen dicken Mann dahinwackeln, sein Stöcklein bei jedem Schritt

gar selbstbewußt auf den steinigen Boden stoßend. Das war der

Bäckermeister, der ihn vorher entheimt hatte. Er war wohl bei seiner

Mühle draußen gewesen. Dem Herrn Eberhard wurde das Blut rasend, als

er in diesem Manne gleichsam verkernt seinen ungeheueren Irrtum, sein

Unglück sah. Der Bäcker war durchaus nicht christlich; er war hart

und rücksichtslos, er zertrat unbedenklich Existenz um Existenz, wenn

er daraus Nutzen ziehen konnte. Und wie ging's ihm gut und wie lief

er sogar nicht Gefahr, einmal zu verarmen, einmal die Achtung der

Mitmenschen zu verlieren. Hatte er diesen Bäcker nicht einst selbst aus

einer großen Geschäftsverlegenheit gerissen? War das Geld seiner heute

gefüllten Brieftasche nicht vielleicht Eberhards Geld? Konnte er es

nicht wieder zurücknehmen jetzt ...?

Plötzlich bückte sich Herr Eberhard, hob einen scharfkantigen Stein auf

und schleuderte ihn nach dem Kopfe des Bäckers. Dieser stürzte fast

zusammen.

Herr Eberhard vergaß, weshalb er den Stein geworfen, ließ den

Sterbenden liegen und ging der Stadt zu, um sich dem Gerichte zu

stellen. Da lief ihm jemand nach und flüsterte: »Herr Eberhard! Herr

Eberhard! Sie wollen Ihrem Großvater nach! Das dürfen Sie nicht.«

Herr Eberhard blieb stehen und fragte den etwas unheimlich aussehenden

Mann, was er wolle.

»Nein,« wiederholte dieser, »das dürfen Sie nicht. Den Bäcker nehme

ich auf mich. Wissen Sie noch? Der Geldunterschlager auf der Post! Der

Fundler!«

»Der Johann Fundler sind Sie? Jener Johann Fundler.«

»Der bin ich. Und wissen Sie, was Sie damals gesagt haben, wie Sie

mir die veruntreute Summe vorgestreckt? Der Herr im Himmel freue

sich über ein verlorenes Schaf, das gerettet werde. Ich bin wieder

ein ordentlicher Mensch geworden damals, ohne daß jemand eine Ahnung

hatte, daß ich ein Lump gewesen. Und habe noch manch glückliches Jahr

genossen.«

»Wollen Sie mir jetzt etwa das Geld zurückzahlen?« fragte Herr Eberhard.

»Das kann ich nicht.«

»Ich brauch's auch nicht.«

»Ich habe weniger als nichts,« sagte der Postbeamte, »ich habe wieder

gestohlen und die Polizei ist mir schon auf den Fersen, jetzt hilft mir

nichts mehr, und deswegen nehme ich auch gleich den Bäcker auf mich und

Sie sind so gut und streichen mir die Schuld.«

So hatte der Mensch in hastigen Stößen gesprochen und dann eilte er

dahin.

Herr Eberhard lehnte sich an den Stamm einer Wildkastanie. -- Also doch

noch Dankbarkeit!

Sonderlinge · 第 7 / 27 段