Also hat der Halter-Gregl seinen Sack genommen und seinen Stecken, und

ist barhäuptig, wie er stets gewesen, straßab und talaus gegangen,

bis er am dritten Tage im weiten fruchtprangenden Talkessel auf einer

Anhöhe stolz und herrlich das Gebäude ragen sah. Es war nicht wie ein

Schloß, es war wie sieben Schlösser neben- und übereinander, mitten

aufragend zwei Türme, eine Kuppel und die Schindeldächer schimmerten

wie Silber. Um die Anhöhe schlang sich in Halbrund ein breiter,

glitzernder Fluß, kleine Ortschaften und große Gärten bestreichend,

die sich hinten in Laubwäldern verloren. Der Gregl saß am Wegrand und

wollte von der einen langen Front die Fenster zählen. Bis achtzig oder

neunzig kam er hinauf, dann vergingen ihm die Augen.

Und das war Stift Hubertsbrunn.

Der Erzähler ist in Klostersitten nicht recht bewandert, er muß

sich auf die Berichte verlassen, die ihm zugekommen von den

Berichterstattern zu dieser Geschichte.

Am nächsten Tage wußte der Hirtenbauer Gregor schon, wie es da zuging.

Aber es gefiel ihm nicht. Über die Aufnahme war so weit keine Klage

gewesen. Der hochwürdige Bruder, Seine Gnaden ward er genannt, hatte

ihn an beiden Händen gehalten, ihn besorgt angeblickt und gesagt:

»Bruder Gregor, du gefällst mir gar nicht. Hast du denn kein besseres

Gewand?«

Und der Gregor: »Bruder Benedikt, oder wie du heißt, du gefällst mir

auch nit. Was ich zu wenig am Leib han, das hast du zu viel.«

Denn der Prälat trug einen Talar aus Seiden und Schuhe mit

Silberschnallen und über der Brust eine Kette und ein Kreuz aus

schwerem Golde. Der hochwürdige Herr lachte zum Ausspruch seines

Bruders, tätschelte ihm mit zwei Fingern die rauhbraune Wange und

sprach:

»Na na, du bist immer noch der Alte. Glaubst du mir's, daß ich so

arm bin, wie du? Dieses Kleid siehe, das deinen Augen Ärgernis gibt,

es gehört nicht meiner Person, es gehört meiner Würde. Und das Stift

gehört dem Orden. So viel erlaubt mir aber meine Armut, daß ich dich

einlade, etliche Tage im Stifte zu bleiben und daß du dir gut sein

lassest.«

»Du sagst etliche Tage! Und ich wollte als Laienbruder eintreten, die

Kirche ausfegen jeden Tag oder die Glocken läuten, oder wozu ihr mich

verwenden möget, daß ich dem Herrgott ein wohlgefälliger Knecht sein

darf.«

»Tue dieser paar Tage gerade einmal, was dich freut, Bruder Gregor.

Wie du doch unserem Vater ähnlich siehst, Gott habe ihn selig!«

Und der Alte antwortete: »Wenn du mägerer wärest, kunnt ich dasselbe

auch von dir sagen. Unser armer Vater, gelt! Wie sich der hat plagen

müssen und sich die Bissen absparen, daß er dich hat können in die

Studie geben.«

»Laß es gut sein, Gregor, nach den ersten paar Jahren hat mich ja schon

das Stift versorgt, so daß ich den Orden für meinen wahren Nährvater

halten muß.«

»Immer einmal wirst wohl doch noch eine heilige Messe lesen für unseren

Vater?«

»Wir beten für alle,« antwortete der Prälat.

Da deuchte es dem Gregor schier, daß im Stifte auf Blutsverwandtschaft

wenig gegeben würde. Trotzdem genoß er die Gastfreundschaft so gut es

anging. Zufrieden fand er sich nicht, es war ihm alles zu viel, zu gut,

zu weltlich, was es da gab. Des Prälaten abgelegte Hosen und Stiefel,

die er geschenkt bekommen, waren -- von der vornehmen Art abgesehen --

immer noch weit kostbarer als das schönste Ostersonntagsgewand, das er

je auf der Niederalm getragen hatte. Desgleichen auch die Wäsche, in

der so gar nichts von den härenen Hemden und stacheligen Gürteln zu

spüren war, die nach seiner Heiligenlegende die Mönche gerne am Leibe

gehabt.

Eine einzige Weltsorge hatte der alte Mann noch an sich, die ihn

manchmal sehr beunruhigte. Als vor Jahren sein Weib gestorben, hatte

sie auf dem Totenbette ihm ein Lederbeutelchen um den Hals gehangen

mit der Bitte, daß er es am bloßen Leib trage und nur in höchster Not

davon Gebrauch machen solle. Der Gregor versprach das, weil er der

Meinung war, es sei ein Amulett darin. Erst später kam er darauf, daß

im Lederbeutelchen fünf Dukaten enthalten waren, die das gute Weib

dem unpraktischen Mann als Notpfennig hinterlassen hatte. Dieses Geld

nun brannte ihn, erstens aus Besorgnis, daß es sündhaft sein könne,

nebst dem beinernen Kreuzlein, das er an der Brust trug, auch Geld

dort verborgen zu halten, und zweitens aus Angst, er könne die Dukaten

-- verlieren. Oft war er daran, diesen Mammon, der ihm so manche

Unruhe machte, von sich zu werfen, aber es war ihm leid drum. Und das

beunruhigte ihn noch mehr, weil es das Zeichen eines geldgierigen

Herzens wäre.

Nicht ungern ging Gregor mit dem Pater Isidor, dem die Landwirtschaft

anlag, über die Felder. Da standen an Wegen und Rainen Kreuzsäulen und

Heiligenstatuen, vor denen der Gregor zwar nicht den Hut zog, weil er

eben keinen auf seinem weißhaarigen Kopf hatte, wohl aber niederkniete,

um ein paar Vaterunser zu beten. Pater Isidor achtete nicht darauf,

sondern besah sich die herbstlichen Ackerfurchen, ob sie tief genug

wären und Erdschmalz hätten, und wenn der Gregor ein Gespräch über die

Himmelskönigin Maria anheben wollte, wies der Pater ihm froh gestimmt

die weiten Kohlgärten und Rübenfelder. Der Gregor ärgerte sich darüber,

hielt sich aber vor: Du hast kein Recht, es ihm zu verübeln, so lange

du selbst noch am Gelde hängest.

Ein anderes Mal zog er mit dem Pater Hubert aus, der die Flinte auf

der Achsel trug, auf dem Kopf den Federhut, und der die Forst- und

Jagdangelegenheiten zu besorgen hatte. Als sie ins finstere Gebirge

kamen, wo im tiefen Grund ein schwarzer See lag und zackige Schroffen

in den hellen Himmel emporstanden, legte der Gregor seine Hände

zusammen und sagte die Worte: »Wenn man's betrachtet! Die Allmacht

Gottes!«

»Pst!« machte der Pater. »Sie müssen still sein. Dort im Lärchschachen

-- sehen Sie? Zwei Rehe! Ein altes und ein junges! Und ein -- Gott

verdamm' mich, hätte ich bald gesagt, wenn das kein Bock ist, dort

hinter dem Fichtenbusch. Ah, sapperment!« Er riß die Flinte von der

Schulter, durfte aber nicht schießen.

»Sie müssen dableiben bis zur Jagd!« sagte er zum Alten, »da sollen Sie

einmal sehen, wie es purzelt! Da geht's lustig her!«

»Tun Ihnen die armen Tiere denn nit derbarmen?«

»Gott hat alle Kreatur erschaffen zur Freude und zum Nutzen des

Menschen.«

Dachte sich der Gregor: An Gott denkt er halt doch. --

Dann suchte er weiter unter den Mönchen des Stiftes. Einen würde

er doch finden, mit dem sich auch was Erbauliches reden ließe.

Freundlich waren ja alle mit ihm, doch wenn er des Rosenkranzbetens

erwähnte, sprachen sie vom Kugelschieben; wenn er der Wallfahrten

gedachte, kamen sie auf Scheibenschießen und Fischfang, und wenn er

über die Notwendigkeit des Bußwirkens sprach, meinten sie, das wäre

brav von ihm, nur solle der Mensch die lieben Gottesgaben auch nicht

verschmähen, und machten sich mit Behagen an den Krug. Freilich sah

er, daß sie zu gewissen Tageszeiten auch beteten und Psalmen sangen,

daß sie die Fasttage strenge einhielten, daß sie Almosen gaben. Ja,

es war sogar ein Pater bestellt, der tat gar nichts anderes, als für

die Armen zu sorgen, wie sie da dreimal in der Woche am Vormittag in

der rückwärtigen Halle zusammenkamen. Da wollte auch der Gregor einmal

sein Lederbeutelchen loslösen und dessen Inhalt den Armen auf die Hand

schütten. Doch fiel ihm ein, so viel würde sie verderben, sie sind nur

Kupferstücke gewohnt. Behielt seine Goldenen am Busen, war bekümmert

sie zu besitzen und war bekümmert sie zu verlieren.

Eines Tages gegen die Vesperzeit geschah es, daß der Gregor einen

Mönch wandeln sah entlang den Kreuzgang und hinabsteigen eine dunkle

Treppe in unterirdische Räume. Da war am Ende so etwas wie Katakomben,

in denen die ersten Christen ihre Zusammenkünfte und Gottesdienste

gehalten, nachdem sie überirdisch ein scheinbar ganz weltliches

Leben geführt hatten. Gregor schlich dem Mönche nach und kam in die

Weinkeller. Der Mönch lud ihn ein, sich mit einem Krüglein das Herz

zu stärken, was denn auch geschehen ist, so gründlich, daß der alte

Hirte in den feuchten Dämmerungen herzhaft anhub zu jodeln, wie er

es in früheren Zeiten auf der Niederalm getan hatte. Am nächsten

Tage hatte er wieder Durst, und zwar nach Wasser. Er stellte sich im

Garten zu dem rieselnden Brunnen und schaute ihm zu. Er lechzte nach

Wasser, sah es immer an, trank aber nicht, und das war seine Buße für

gestern. Dann geschah es, daß er glaubte, endlich auf dem Wege nach

dem Rechten zu sein. Er hörte von dem großen Büchersaale und wollte

nun auch einmal all die frommen Gebet- und Erbauungsbücher sehen, in

denen die ehrwürdigen Brüder den gottseligen Geist aufbewahrt hätten.

Er hatte nicht gedacht, daß es auf der Welt so viele Bücher gebe; der

große Saal war über und über mit Büchern bestanden, man sah nicht

ein handbreit Stück Wand. Ein paar fremde Herren waren da, denen der

Mönch immer wieder Bücher und Schriften hervorholte und auf den Tisch

legte. Gebetbuch war keins dabei, fast lauter alte weltliche Schriften

und -- wie es dem Gregor vorkam -- sogar heidnische darunter. Einige

vorhandene Bildwerke, die so herumlagen, zeigten geradezu entsetzliche

Sachen in den offenen Tag hinein. Weil dem Alten unheimlich ward,

so ging er hinaus. In einer Wegkapelle, wo das Volk vorüberzog, war

die heilige Jungfrau, darunter die Darstellung der armen Seelen

im Fegefeuer. Hier kniete der Gregor nieder und murmelte seine

altgewohnten Gebete. Er betete um Bekehrung der Heiden; plötzlich kam

ihm das an sich selber ganz abscheulich pharisäerhaft vor und er betete

demütig um Demut. Das erleichterte seine Bange.

Am unbegreiflichsten war es schon im Speisesaal. Der Bruder des

Prälaten sollte auch an der Tafel sitzen, wenn zwar weiter unten;

allein die silbernen Schüsseln und die kristallenen Becher kamen auch

zu ihm. Es wird halt heut ein Festtag sein, dachte er und ließ sich's

nicht schlecht schmecken. Sein Beisitzer hatte ihm gesagt, daß auch

Christus der Herr gerne Lammbraten gegessen und Wein getrunken habe. --

Es ging mäßig ruhig und gemütlich dabei her.

Gerne saß er im kühlen und stillen Münster. Die Kirche war sehr groß

und herrlich anzuschauen -- aber zumeist ganz leer. Er saß in einem der

schöngeschnitzten Chorstühle und betete stundenlang den Rosenkranz ab

und konnte es nicht verstehen, daß die Mönche lieber weltlichen Freuden

nachgingen, als hier im lieben Frieden zu sitzen und sich mit Gott zu

unterhalten. Hatte er sich endlich müde gebetet, so nahm er den Besen

oder den Fächel und fegte die schönen Steinbodentafeln, und staubte die

Stühle ab, die Heiligenstatuen aus weißem Marmelstein, und scharrte das

von den Kerzen abgetropfte Wachs zusammen und bat seinen Gott, er möge

sich den armseligen Dienst gnädig gefallen lassen. In solchen Stunden

war er am glücklichsten.

Da kam der Sonntag. Alles Volk strömte bei dem Geläute der

Klosterglocken zusammen und füllte die weiten Kirchenräume. Die Mönche,

ihrer dreizehn waren, kamen in kirchlichen Gewändern, der Prälat, eine

wahre Würdegestalt, im Ornat von lauter Seide und Gold. An allen

Kronleuchtern brannten die Kerzen, aus silbernen Rauchfässern qualmten

die Schleier des Weihrauchs am Hochaltare empor bis zu den dunklen

Spitzbogengewölben. Wie ein jubelnder Sturm, so brauste die Orgel, und

der Gesang der Chorknaben klang wie das lieblichste Glockengeläute. Und

als im Hochamte das Sanctus kam, da erhob der Prälat seine Stimme und

sang hell und feierlich das hehre Lied zum Allmächtigen. -- Der Gregor

war außer sich vor Entzücken. Jetzt erst ging's ihm auf, was das heißt:

Klosterleben, Priesterleben!

Darauf im Refektorium, als Seine Gnaden schon bei Tische saß, kniete

der Gregor nieder und wollte dem hochwürdigen Bruder die Schuhe

küssen. Der Prälat lachte ihn stark aus und sagte: »Vorhin haben

wir Gott gelobt im Gebete und jetzt wollen wir ihn loben in seinen

Gaben. Tue das deine, Gregor!« Was nun alles erschien, das mußte der

beisitzende Mönch dem alten Hirten erklären: Einmal das Gläschen

»Sherry«, das schließt Magen und Herz auf. Die Krebssuppe drauf, die

weckt den Appetit auf. Dann der Hummer, der frißt Sorg' und Kummer.

Dann beim Fleisch vom Rind das Essen eigentlich beginnt. Dann auf

Schweinskopf und gebrat'ne Enten muß man auch noch Andacht verwenden.

Von den Eier- und Mandelkuchen lassen wir uns auch gerne versuchen.

Käse, Obst und Kaffee tut keinem Christenmenschen weh. Und Bier und

Wein laß dir gesegnet sein. Endlich und schließlich ist ein feiner

Rauchstengel alleweil der beste Friedensengel. -- So lebhaft der Mönch

seine Tafelsprüche belachte, so wenig zeigte der alte Hirte dafür

Verständnis. Der hielt sich mehr an das Gemüse, obschon das gar nicht

besungen wurde. Vom Glase hielt er -- Erfahrungen beherzigend -- sich

fern. Nur als der Prälat ein feierliches Prosit ausbrachte auf das

Kirchweihfest, das heute begangen wurde, trank auch der Gregor in

Ehrerbietung seinen Becher aus. Die Festheiterkeit war in sangliche

Tafellustigkeit übergegangen. Dann stand Bruder Isidor auf, klopfte

ans Glas, erhob es, hielt eine frohe Rede von seinen Krautköpfen und

Kartoffeln. Der Bruder Hubertus feierte mit vielem Humor die Rehböcke

und Hirsche, die sich demnächst das Vergnügen machen würden, bei

Seiner Gnaden Tafel die Aufwartung zu machen. Der Bruder Kellermeister

erinnerte bei seiner Ansprache sogar an Luthers Wein, Weib und

Wonnesang, bedauernd, daß die Klosterbuße nicht vollständig sei, weil

von den drei W leider eins fehle.

Das helle Gelächter, das diese Rede entfesselte, wurde unterbrochen. Am

anderen Ende der Tafel war der alte Hirtenbauer aufgestanden und hatte,

wie es die Redner vor ihm getan, mit dem Messer an sein Glas geschlagen.

»Hört, hört! der Gregor!«

»Ja freilich,« sagte dieser in gemütlicher Art, »der alte Gregor will

auch was sagen.« Erst lugte er ein Weilchen vor sich hin und dann

begann er halb grollend und halb schmunzelnd mit einigem Stottern

anfangs, dann immer geläufiger also zu sprechen: »Der alte Halter von

der Alm hat zwar das Predigen nit gelernt, will euch aber doch eine

Predigt halten. Nehmt Ihr's für Spaß, ist's mir recht, nehmt Ihr's für

Ernst, ist's mir noch lieber. Ich will nur sagen: Was die hochwürdige

Geistlichkeit auf dem Stift Hubertusbrunn für ein Leben führt, das

ist ein recht lustiges Leben, ist aber wenig Christentum dabei. Mit

Verlaub, ihr seid viel zu weltliche Herren! Wie wollt ihr denn in

den Himmel kommen, wenn ihr schon drinnen seid? 's Hineinkommen ist

nit mehr möglich, aber 's Hinauskommen ist möglich. Alltag leset ihr

Zeitung, wie viel Jammer und Pein es gibt auf der Welt, und ihr lebt

in Freud, als ob euch allmiteinand nix tät angehen. Und nachher --

auweh, mich deucht, ihr seid mir schon bös'. Alsdann will ich gleich

aufhören. Amen.«

Die Wirkung dieses Sermons war fürs Erste überlautes Gelächter. Doch

soll es im Augenblicke einem der Festgenossen eingefallen sein:

Bei diesen zwei Brüdern müsse es eine Verwechslung gegeben haben.

Pater geworden sei der Unrechte! -- Der Prälat, ob der rechte oder

unrechte, hatte ein schier röteres Gesicht bekommen, als es sonst bei

Tafelfreuden der Fall war. Er trommelte mit den Fingern, an deren einem

der große Ring funkelte, auf den Tisch, die andere Hand spielte mit dem

goldenen Kreuz, das ihm über der Brust hing. Dann schüttelte er ein

paarmal den Kopf. In dieser Beklemmnis erhob sich der Pater Franziskus,

der Bibliotheksverwalter war, gab das Zeichen, daß er sprechen wolle

und begann in wohlgesetzten Worten -- er war ja zugleich auch der

Stiftsprediger -- zu sprechen, wie folgt:

»Teure, ehrwürdige Patres und Fratres! Wir haben eben ein Beispiel

erlebt, wie über einen der Geist kam, bei dem wir es nicht vermeint

hätten. Vielleicht hat sich Gott der Stimme dieses einfachen Mannes

deshalb bedient, um uns Ordenspriestern wieder einmal zu Gehör zu

führen, wie die Welt über uns denkt. Wenn da draußen Leute wären, so

möchte ich ein wenig zum Fenster hinaussprechen. Die draußen haben

nämlich jetzt das Christentum entdeckt. Sie sagen, es sei eine Religion

für die Welt, Christus selbst habe die Lebensfreuden geliebt, nur müsse

man in Vertrauen und Liebe das Reich Gottes im Herzen haben. So sagen

sie, ob sie das letzte tun, weiß ich nicht. Wenn ja, so bin ich damit

einverstanden. Nun höret: Wenn wir ~Priester~ so leben, wie sie

sagen, daß man solle, nämlich in der weltsinnlichen Gottfreudigkeit,

dann heißt es gleich, es wäre unchristlich und ~wir~ sollten in

Armut und Entsagung leben. ~Wenn~ wir's aber wirklich tun, wie ja

gar viele Welt- und Ordenspriester in Armut und Entsagung leben müssen,

hei, da nennen sie uns Mucker, Heuchler und Aszeten. Kurz, wir können

machen was wir wollen, so ist es denen nicht recht. Anders ist es mit

unserem lieben Gregor. Das ist die ehrliche Haut, die bloß zurückruft,

was wir hingerufen haben. Wir, das heißt, viele von uns. Diese haben

Aszese gepredigt, so verlangt der Mann, daß die Priester selbst das

halten, was sie anderen predigen. Das ist ganz in Ordnung. Wir aber --

und nun wende ich mich an unsern Freund Gregor -- wir Ordenspriester

im Stifte Hubertsbrunn predigen nicht Aszese, sondern Freude in Gott.

Wem sie gegeben wird, der soll sie nehmen. Sie haben selbst gesagt,

lieber Gregor, daß es in der Welt draußen viel Jammer und Pein gibt.

Ist es ein Wunder, wenn mancher ins Kloster flüchtet, wo man im Vereine

mit Gleichgesinnten seiner Seele lebt? Wir persönlich besitzen keine

weltlichen Güter, aber wir verwalten mit Fleiß und Gewissenhaftigkeit

die Güter des Ordens, die gestiftet worden sind, damit die Brüder

im sorglosen Frieden des Herrn leben können, wie heute, so auch in

Zukunft. Ebenso verwalten wir viele Wissenschaften, die durch Klöster

aus alten Zeiten der Zukunft übermittelt werden. Wir pflegen die

Künste und schmücken damit unser Gotteshaus, unsern Gottesdienst,

erhöhen damit unsere Freude am Göttlichen, unsere Liebe zu Gott. So

sind wir fern dem Unfrieden der Welt, sind eingefriedet ins Bereich,

wo Lebensfreude und Gottseligkeit eins geworden sind. Das findet

man nur im Kloster so, und nirgends anders. Und ich sehe die Zeit,

da viele, des Streites und der Ungerechtigkeit da draußen übersatt

geworden, die Klostermauern suchen werden. Vielleicht wird man ihrem

Klosterleben einen anderen Namen geben, in der Tat wird es dasselbe

sein, denn das Bedürfnis vieler Menschen nach Weltabgeschiedenheit

und Frieden, nach harmlosem Lebensgenuß und nach Gottesfroheit wird

nicht aussterben. Wenn sie, die weltlichen Leute da draußen, die

Freiheit, die persönliche Freiheit so hoch halten, so wird man doch,

wenn man will und kann, auch in das Kloster gehen und ein ruhiges

beschauliches Leben führen dürfen? Unser Herrgott will nicht, daß

der Mensch sich um Geld und Gut, um Lust und Ehre zu Tode hetze, er

will auch nicht, daß einer Not leide, hungere, von anderen zertreten

werde und zugrunde gehe, wie ein Wanderer bei den wilden Tieren in der

Wüste. Denket doch an die übelriechenden Städte mit ihrem törichten

Jagen; denket an die großen Fabriken, überfüllt mit Unzufriedenen und

Mißgünstigen; denket an das kümmerliche, halbvertierte Leben in den

Bauerndörfern -- und betrachtet euch diese friedensvolle Stätte des

heiligen Hubertus, von lachenden Tälern und grünen Bergen umgeben, und

wie wir hier leben in trauter Gemeinschaft mit allen großen Geistern

der Erde und der Himmel. ~So~ zu leben ist Gotteswille, und daß

wir den Himmel schon auf Erden anfangen sollen. Eigentlich gerade das,

was die draußen auch angeblich wollen. Also warum gönnen sie uns nicht

den Klosterfrieden? Und auch unser Freund Gregor hat unrecht, wenn er

meint, der Christenmensch sei auf der Welt zur Selbstqual, anstatt zum

Glücklichsein. Er soll das eine sein lassen und das andere bei uns

versuchen. Fröhlich leben und selig sterben, das muß dem Teufel die

Freud' verderben. Amen.«

In fröhlichem Tone hatte der Pater also gesprochen, dann war er zum

alten Hirtenbauer hingetreten, hatte ihm die Hand gekneipt, und er

möchte die redlichen Worte nicht übelnehmen.

»Hau,« sagte der Gregor, »so schön kann ich freilich nit. Da muß ich

schon still sein. 's wird eh wahr sein, was ihr gesagt habt. Für's

Gutleben laßt sich der Mensch gerne überzeugen, ich bin ganz bekehrt.

Jetzt bleib' ich im Kloster, bitt' schön, kleidet mich ein. Und weil

ich schon der Ältere bin, komm' ich vielleicht bei der nächsten

Prälatenwahl dran. Will gleich anheben und Lateinisch lernen, hi, hi.«

So war alles wieder ins Gemütliche übergegangen und als sie dann zur

Vesper in die Kirche zogen, fand sich der Alte schon drein und während

der Litanei dachte er, es wäre gescheiter gewesen, das Hirtenhaus auf

der Niederalm dem Stifte Hubertsbrunn zu vermachen als dem groben

Schwiegersohn, der sich mit seiner unfreiwilligen Elendigkeit doch

nicht den Himmel, nur die Hölle kauft.

Von diesem Tage an gefiel es ihm im Stifte besser und er fand, daß

eine solche Vereinigung irdischer Freuden und himmlischer Beseligung

eigentlich recht annehmbar wäre. Beten und Bußwirken könne ja auch

jeder noch ein übriges. Der Klostergehorsam, nächtlicherweile doch

manchmal aus dem warmen Bette aufzustehen zur Gebetstunde, hatte für

ihn einen besonderen Reiz. Leider wurde er nicht geweckt, weil er ja

nicht zum Orden gehörte, sondern nur Gast war. Dafür kniete er, wieder

bange geworden, sonst lange Stunden auf dem kalten Kirchenpflaster und

bat Gott in flehenden Gebeten um den rechten Weg in den Himmel. Sei der

Weg dornig oder blumig, nur gottgefällig sein, das war sein einziges

Verlangen.

Da kam jene Nacht mit dem glühenden Atem Gottes. In einer Scheune

war Feuer ausgebrochen und ein rasender Novembersturm hatte

die brennenden Latten auf die Schindeldächer des Stiftsgebäudes

gepeitscht. Die Flammen lohten nicht aufwärts, sondern gruben sich,

vom Sturm geschärft, mit tausend Zungen pfeifend ins Gebäude ein,

so daß nach kaum einer halben Stunde alle Fenster des weitläufigen

Stiftes in weißem Lichte standen. Die Mönche huschten, nicht in ihrem

priesterlichen Gewande, nur mit gekrümmten, schlecht verhüllten

Körpern stumm oder angstvoll stöhnend durch die rauchigen, qualmenden

Gänge, durch die Höfe, ins Freie; sie dachten nicht an die Güter, die

verbrannten, sie dachten nicht an Gott -- ihr Einziges und Alles war

die Rettung des nackten Lebens. Am nächsten Morgen war die Stätte

ausgebrannt und aus hundert kahlen, dachlosen Mauern und geschwärzten

Löchern stieg träger Rauch auf. Die Kirche allein war verschont

geblieben und in der waren die Mönche versammelt, klagend, weinend,

fröstelnd und schaudernd. Etliche brüteten stumpf vor sich hin. Andere

verbanden mit feuchten Lappen ihre Brandwunden, wobei ihnen der alte

Gregor beistand. Einer war da, der Pater Hubertus, der schüttelte

fortwährend den Kopf und war sehr nachdenklich. Er hatte sonst manchmal

an die Stunde des Unglücks, an Todesnot gedacht, aber so hatte er

sich's nicht gedacht, daß man dabei ganz an alle Gottheit vergessen

könne! Man rief wohl im Schreck die heiligen Namen, ohne auch nur

flüchtig an die Himmlischen zu denken. Nicht einmal die Todesangst

war eine christliche. Der stumpfe Instinkt des Tieres allein waltet,

jagt dich, rettet dich. Und da fiel es ihm ein: Mensch, in solchen

Stunden bist du just so gottlos und hilflos wie das arme Tier des

Waldes, das du so oft verfolgt hast! -- Die Steinplatten der Kirche

waren kalt und die Mönche hatten keine Decken, keine Kleider. Es kam

der Hunger und sie hatten nichts zu essen. Ein Einziger war gefaßt.

Auch dem Gregor war sein Bündel verbrannt, doch er fror nicht so sehr

in seinem schlechten Nachtgewand, als die anderen, ihm tat der Hunger

nicht so weh, ihn schüttelte die Verzweiflung nicht so arg, denn er

hatte ja eigentlich nicht viel verloren. Er hatte nicht verloren die

großen Vorratskammern, nicht verloren das heimliche Stübchen mit

dem vergoldeten Marienbildnisse, nicht die fürstlichen Säle mit den

Kunstwerken, nicht die Schriften der Weisen und der Dichter aller

Zeiten. Da wollte er sagen zu den händeringenden Vätern und Brüdern:

»Ihr habt ja doch wohl auch nix verloren, denn ihr habt ja nix

besessen!« Aber er sagte es nicht, der Spott schien ihm zu herzlos.

Umso eifriger wusch er die Brandwunden, deckte er die Fiebernden mit

Stroh, machte Botengänge in die nächsten Ortschaften und tat, was er

konnte. Sein Bruder, der Prälat, der auch nichts anderes hatte, als ein

blaues Unterkleid, um sich zu schützen, der klopfte ihm einmal halb

weinend auf die Achsel: »Bruder, jetzt bist du reicher und stärker

als wir. Du bist das gewohnt, wir sind es nicht gewohnt. Und da wir's

verloren und da wir jetzt nichts haben, deucht mich doch, es wäre unser

Eigentum gewesen.«

Sonderlinge · 第 6 / 27 段