Abgestorben ist ihr Vater vor zwölf Wochen und jetzt hat sich's

herausgestellt, daß sie ihrem Wunsch kann nachgehen. Zweihundert

Gulden und noch was dazu hat sie Erbschaft. Jetzt hindert sie nichts

mehr daran, sie kann in's Kloster gehen. Aber wie fängt man das lauter

nur an? In der Grazerstadt gibt's ja Klöster genug, um den ganzen

Schloßberg herum. Doch sie sagen, der Kaiser wollt' sie abstiften. 's

wird nicht wahr sein, so grob wird er doch nicht sein. Wer schon einmal

drin ist, wird ja sitzen bleiben dürfen. Aber wie hineinkommen? Halt

aufnehmen werden sie niemand mehr wollen. Frauenkloster natürlich!

Einen Bekannten wüßt' sie wohl, der sie könnt' weisen und der's gewiß

auch gerne tät, weil er selber auch ist in die Buß' gegangen. Aber mein

Eid, wo wird dieser Mensch zu finden sein. In einer Schloßberghöhle,

hört man, soll er Einsiedler sein. Aber Schloßberghöhlen gibt's viele

und in etlichen, sagen sie, täten Räuber hausen. Da kann ein schwach

Weibsbild doch nicht gehen suchen. Daheim die Knechte haben eh schon

g'lacht. Daß man's nit tät wissen, ob der Markel ein Einsiedler sei

worden oder ein Räuberhauptmann. 's ist nur G'spött, weiß doch jeder,

daß es dem Markel um den Himmel geht und nit um die Höll. Wenn er die

Höll' hätt' wollen, hätt' er auch in Rinneg verbleiben können und ich

hätt' leicht Ursach' sein können; nein, vor dem hätt' ih mich nit lang

mögen derwehren. Aber jetzo, wenn er in der haarenen Kutten steckt --

und die Raben werden ihm mit dem täglichen Brot auch nit gar zu ratlich

(reichlich) sein -- da wird er schon frumm Lampel worden sein. Der

kunnt mir freilich raten, der Markel. Wills halt doch probieren, ob ich

ihn find.

Das waren der Maid trautsame Gedanken, als sie herabstieg von der

Plattenhöhe. Ein gesund Bröckel Weibsbild war's: wie alt, wie schön,

das weiß man nicht genau. Sie hatte einen Stecken bei sich und um die

Faust, in der sie ihn hielt, einen Rosenkranz gewunden, da war sie

doch wehrhaft genug. Im Mariagrünerwald sah sie einen Hasen; er war

vor ihr über den Weg gelaufen -- von links nach rechts. Das hat was zu

bedeuten. Bei den Elisabetherinnen wird sie aufgenommen -- sicherlich.

Lauf' nur, lauf' Has', daß dich der Jäger nit derwischt! Um dich

wär's schad. Oder gar bei den Ursulinerinnen! Wenn sie fromm ist und

zweihundert Gulden mitbringt! Aber sie kennt sich nit aus in der großen

Herrenleutstadt. Ein einzigesmal ist sie drinnen gewest mit Milch. Hat

ihr einer's Geld herausgelogen. Seitdem nimmermehr. Ganz schlechte Leut

und ganz gute Leut sind bei einand in so einer Stadt. Achtgeben muß

man.

Ein Obersteirer begegnet ihr, oder wer er ist. Just so gewandet mit der

ledernen Kniehose und dem grünen Hut. Der lange schwarze Backenbart

dazu, der steht nit gut. Da tät ehenter ein Schnurrbartel gehören.

-- Wie er vorbei ist, wendet die Maid sich um und schaut ihm nach.

Der, wenn er nit so ein Bauerngewand tät anhaben. Den möcht' eins für

den Mariagrüner Waldbruder halten -- so ähnlich ist er ihm. Den kunnt

sie eigentlich auch aufsuchen, den Waldbruder. Nein, da geht sie doch

lieber zum Markel, mit dem ist sie besser bekannt. Lachen wird er

schon, der, daß sie jetzt auch so was Heiliges will werden.

Wie sie über den Rücken des Rosenberges hinausgeht, sieht sie schon den

Schloßberg. Der steht mitten auf aus der Eben' -- wie ein Heuschober,

vergleichsweise. Und um und um die Laster von Häusern. Hoch auf dem

Berg steht ein großes Schloß, viel Spitztürme und graue Mauern. Der

steile Berg ist nackend über und über und lauter Steinwänd' und Löcher

hinein. Dort, in einer solchen Höhl' wird er hocken, der Markel, und

bußwirken. Aber nirgends ein Weg hinauf, man sieht keinen. Die Straßen

zum Schloß ist auf der anderen Seiten. Jetzt läutet die Liesel[1] -- 's

ist Mittag, die Maid steht still und betet den Englischen Gruß.

Fußnoten: [1] Name der großen Glocke auf dem Grazer Schloßberg.

Nachher steigt sie den Steig hin bis zu den Häusern. In einer Krämerei

fragt sie an, ob man nichts wisse von einem Einsiedler Markel; am

Schloßberg soll er seine Höhl' haben!

»Wird's halt derselbig sein, der Markarius heißt und den Leuten die

Schwindsucht kann abbeten. Schau hinauf einmal, dort zwischen den zwei

Steinwandeln, siehst das schwarze Loch? Dort is er drinnen.«

Denkt sie sich: Ist eh merkwürdig genug, daß ein Landmensch in die

Stadt geht, um Einsiedler zu werden. Aber da oben, das glaub' ich,

da bleibt er freilich hübsch allein. Möcht' schon wissen, wie ich da

hinaufkomm'!

Zur selbigen Stund' ist es gewesen, daß der fromme Einsiedler Markarius

seine Lodenkutte sich vom Leibe reißt und heftig in den Winkel

schleudert: »Jetzt soll dich schon der Teufel holen -- hätt' ich bald

gesagt!«

Lodenhosen hat er noch an, die gehen ihm bis unter die Achseln hinauf.

Hemed keins, mit nackten Armen steht er da, schier glatt und weiß.

Oft scheint die Sonne nicht drauf. Ist's doch das allererstemal, daß

er tagsüber seine Kutte wegschmeißt. Aber das Gesicht voller Haar.

Der Kopf geschoren wie ein Schaf zu Micheli. Die Kapuze hängt an der

weggeschmissenen Kutte.

Was ist denn das? Über dem Steinwall schaut ein Weiberkopf her. Auf

allen Vieren ist sie emporgeklettert und ist rot im Gesichte und

schnauft:

»Markel!«

»Katzl!«

»G'funden hab' ich dich!« lacht sie auf. »Aber jetzt mußt dein' Rock

anlegen.«

»Die Kutten meinst. Die leg' ich nimmer an, mein liebes Katzel!«

»Wir dürfen ja kein Fleisch mehr anschau'n. Denk dir Markel, ich auch.

Ich will ins Kloster!«

»Du?« sagt er. Dann patscht er mit den flachen Händen auf seine

Schenkel: »Du ins Kloster?!« Und lacht hell heraus.

»Wenn du ein frommer Einsiedler bist worden!« erinnerte sie vorsichtig.

»Bins ja nimmer!« rief er und hob ein Papier auf, das im Schutte lag.

»Da les'!«

»Mein Gott, wie kann denn ich lesen!«

»Der Kaiser hat mir schreiben lassen. Uns allen, uns Klosterleuten

und Eremiten. Sollten schauen, daß wir weiterkommen, Faulenzer

kunnt er nit brauchen. Alles aufgehoben. Nur die schulhaltenden und

krankenwartenden Klöster hat er ausgenommen. Den Mariagrüner-Bruder

sollen's auch schon abgesetzt haben. Ist aller Einsiedler um Graz

Oberhaupt gewest.«

»Jesses, ich hab's Haupt ja laufen sehen.«

»Was für ein Haupt?«

»Nau, euer Oberhaupt. Ist schon im Steirerg'wand g'west.«

»Wird mir auch nix anderes übrig bleiben. Wenn ich in drei Tagen nit

weg bin von da, so kommt der Wachter. Les' nur, da steht's.«

»Was sagst denn, Markel!« schrie sie auf. »Ja, nachher wär's bei mir

auch nix. Schulhalten kann ich nit, krankenwarten mag ich nit.«

»Und mir gehts auch nit anders. Heut' steig' ih noch auffi, da ins

Gschloß und red mit dem Guferneer!«

»Red' für mich auch. Wenn ich nu wieder müßt' heimgehen zum

Plattenbauer! Hab'ns dich nit brauchen können! möchtens sagen, und das

G'lachter! -- Na, heim geh' ich nimmer. Ein bissel ein Kloster wird

doch noch wo übrig bleiben für unsereins. Ich zahl' ja mein' Sach' und

mein Beten und Fasten und Frommsein wird doch niemand irren. Geh',

Markel, tu' anfragen. Im Kapuzinergraben wart' ich, bei der Kirchen.«

So tat der Eremit Markarius seine alte Bauernjoppen wieder an und den

schwarzen Strohhut mit dem breiten Dach und ging hinauf ins Schloß, um

sich zu beschweren. Bis zum »Guferneer« kam er zwar nicht vor, aber der

Schreiber in der Kanzlei hat ihn ins Gebet genommen. »Ja, mein Lieber,«

sagte der, »jetzt ist eine andere Zeit, jetzt heißt's arbeiten. Unser

Kaiser Josef ist der erste Arbeiter im Reich, der kann die Müßiggänger

schon einmal gar nicht leiden, und sollten sie noch so fromm sein.«

»Herr Amtmann,« antwortete der Bruder Markarius, »wenn unsereiner

einmal nit mehr fromm sein darf, dann wird einer ein schlechter Mensch

und tut Leut' ausrauben!«

»Und wenn einer Leut' ausrauben tut,« antwortete der Schreiber in

gleichem Ton, »dann lassen wir ihn henken.«

»Beileib' nit,« sagte der Einsiedler und zog sein bärtiges Gesicht ins

Lachen, »kein schlechter Mensch, das mag ich dennoch wohl nit werden.

's ist nur so ein G'spaß gewest. Halt anfangen, wenn ich wüßt, was ich

jetzt sollt!«

Hat der Schreiber mit den Achseln gezuckt:

»Sollt' ich etwan dem Kaiser nach Wien nachlaufen und fragen, was alle

die Leut', die er aus den Klöstern und Höhlen verjagt hat, jetzt machen

sollen? Arbeiten soll'ns. Gestern hättet Ihr auf der Triesterstraße

ganze Scharen von Klostergeistlichen wandern sehen können, etliche noch

in der Kutte, die andern schon in ihrem weltlichen Gewand und auf dem

Buckel Zegger und Binkel. Die einen taten laut Rosenkranz beten, die

anderen greinen und lachen, und gejuchzet haben ihrer auch ein paar,

daß sie wieder in der lustigen Welt taten sein. So sind sie fort.

Loschament und Arbeit suchen, wo sie sie halt finden. Euch kann ich

auch nichts anders raten. Fleißig arbeiten, vor der Arbeit eins beten,

nach der Arbeit eins juchzen, so wirds dem Kaiser am liebsten sein und

dem Herrgott auch.«

Mit diesem Bescheid hat der Bruder Markarius wieder gehen können.

Unterwegs in den Kapuzinergraben wollte er bei dem Eck-Kramerstandel

für das Katzerl einen Wecken kaufen. Etliche Pfennige hatte er noch in

der Wilflingjacke gefunden. Aber das Standel war heute geschlossen und

die Kramerin war gestorben am Tag zuvor. Bleibt er stehen, denkt nach

und geht weiter.

Vor der Kirche steht sie.

»Bist da, Katzerl?« ruft er ihr zu. »Ist's dir recht, daß ich alleweil

noch Katzerl zu dir sag'?«

»Wennst schon Katherl ganz und gar nit kannst sagen, muß es mir wohl

recht sein. Magst's Katzerl derleiden, mußt auch 's Kratzerl

derleiden.«

»Will dich Katherl nennen. Ist eh ein schöner Nam'! Weil wir zwei itzo

allein dastehen und zusamm'halten müssen.«

»Was hat er denn gesagt, der Guferneer?« fragte die Maid.

»Nix. Bin nur bei seinem Schreiberknecht gwest.«

»Und was hat der gesagt?«

»So viel wie nix. Das hätt' ich selber auch gewußt, daß 's jetzt

arbeiten heißt. Wenn ich ein bissel Geld hätt'! Da enten beim

Wildkästenbaum ist eine Kramerin g'west. Die ist gestorben. Das Standel

möcht' ich gleich, da wollt' ich drauskommen. Kein schlecht's Platzl

beim Kästenbaum, gehen drei Straßen z'samm!«

Da sagte sie ihm nahe ans Ohr: »Ein bissel Geld hätt' ich.«

Und ist's also geworden. Sie haben sich das Kramerstandel erworben,

haben gehandelt mit Wecken, Bockshörndln und Feigen, mit heilsamen

Wurzeln und Kräutern und anderlei guten und nützlichen Dingen. Drüben

in Geidorf haben sie sich zwei Wohnungen genommen; denn das stand

fest, hatten sie auch das Geschäft gemeinsam, persönlich wollten sie

Einsiedler sein und verbleiben. Und die zwei Wohnungen sind gleim

nebeneinandergestanden. Die Tür dazwischen war fest zugesperrt. Hat

sich also jedes in seiner Stuben ein Altarl aufgerichtet an dieser

Tür und hielt jedes für sich seine Vesper ab jeden Abend, so daß es

war, als stünden zwei Klöster nebeneinander, ein Mannskloster und ein

Frauenkloster. Und just an der Verbindungstür, damit sie nicht konnte

aufgemacht werden, hatten sie ihr Altarl errichtet, sie herüben, er

drüben. Und wenn sie davor knieten bei der Vesper, so knieten sie

eigentlich voreinander, und ob die Andacht just immer am Altar haften

blieb und nicht bisweilen durchs Türholz ging, das getraue ich mir

nicht zu entscheiden.

Beträchtlich klostermäßig ging es auch im Kramerstandel her. Das

einemal saß der Markel drin, das anderemal die Kathel; beisammen nie,

hätten auch schwer Platz gehabt. Die Preise waren christlich, maßen sie

sich mit wenigen Pfennigen Gewinn begnügten im Erdentag. Ging ein armes

Weibel vorbei, so erhielt es wohl gar den Wecken umsonst; schnaufte

ein alter Mann daher, so schenkte ihm der Markel eine Gamswurzel, so

für schweren Atem heilsam ist. Das alles sah sich gar erbaulich an

für die Nachbarschaft, und dennoch ist der Spott laut geworden über

das Einsiedlerpaar. Ein Schustergeselle erdreistete sich, das alte

Volksliedel für den Markel umzubiegen:

»Der Mann auf dem G'wänd

Hat die Kutten verbrennt,

Hat die Beten verschmissen,

Ist dem Dirndl nachgrennt.«

Ob solcher Kränkung wollte der Markel sich doch einmal gründlich

verteidigen bei der Kathel, und eines Abends begann er das Altarl

wegzuräumen, das an der Verbindungstür stand. Sie aber räumte das

ihre derweil noch nicht weg, versuchte vielmehr den Schlüssel, ob er

wohl sicher umgedreht war. Er war nicht umgedreht, die Tür war nicht

verschlossen, was die Kathel für ein Mirakel hielt, weil sie sich

alle Abend von dem Gegenteil überzeugt hatte. Fest glaubte sie das

erstemal noch nicht dran; aber wenn das Mirakel ein zweites- und gar

ein drittesmal geschehen sollte, dann müßte sie dem Altarl schon einen

andern Platz anweisen. Aber wo ist der »Geistler« dazu?

Zur Zeit war der Markel viel auswärts und stieg mit Krampen und

Kräunzen auf dem Plawutsch oder auf dem Geierkogel herum, oder gar auf

dem hohen Schöckelberg, um heilsame Wurzeln und Kräuter zu sammeln,

weil er sich bei derlei wohl auskannte. Solche Waren wurden von den

Käufern auch belobt. Aber der Pfarrer vom Kapuzinergraben blieb eines

Tages stehen vor dem Standel und fragte deutsam an, ob da nicht auch

ein Kräutel für den Tod zu haben sei?

Bisher, antwortete der einfältige Markel, hab' er so eins noch nit

gefunden.

»Nun also, wenn du weißt, daß du sterben mußt, was lebst denn nachher

mit dem Kebsweib? Kommst ja in die Höll' mit ihr!«

Der Kramer verstund' die Lehr' nur zu halb und am Abend räumte er das

zweitemal sein Altarl weg, um die Kathel fragen zu gehen, wie die

Ansprach' wohl gemeint sein könne? Aber der Schlüssel war umgedreht. --

Ihr alter Brauch; ganz nach dem Sprüchel: »Schmecken laßt sie, anbeißen

nit.«

Und ereignete es sich dann, daß der Markel von seinen Bergwanderungen

einmal mehrere Tage lang nicht zurückkehrte. Zwei Tage war er öfter

schon ausgewesen, aber drei Tage noch nie und jetzt fiel es der Maid

aufs Herz, wie die wahrhaftige Einsiedelei ganz und gar nicht zu

ertragen sei. Am vierten Tage kam er. Die Kräunzen voller Krautwerk

und den Mund voller wundersamer Berichte. -- Er sei weiter hinteri

gegangen, ganz hinteri ins Gebirg. Was es da für Wildnis gibt überall!

Wald soweit das Aug' tragt. Und mitten auf steht er. ~Das~

ist ein Steinberg! Da ist der Schloßberg wie ein Schotterhäuferl

dagegen. Wundershalber steigt er hinauf, schier einen ganzen Tag. Und

oben Arnika, ganze Wiesen voll zwischen den Steinen. Und Speik und

Gamswurzeln und sonst Wurzelwerch allerhand. Und ist er über einem

schaudervollen Gewänd gewest, wohl wie zwanzig Kirchtürm so hoch,

und kirchturmsteil nieder ins tiefe Tal. Ist aber so ein Gamssteig

zwischen den Wänden niedergangen und denkt er sich: Vielleicht sogar

Edelweiß! und knorzt hinab ins Gewänd soweit er kann, und wo erst der

schauderhaft Abgrund anhebt. Und findet unter der Wand ein eben Platzl

und ein Wasserbründel, und darüber ein Bildnis: Unser' liebe Frau! --

Fallts ihm ein: Hier ist das recht Ort für einen Einsiedler! In der

Grazerstadt tun's eh alleweil spötteln. Was gilts, er packt z'samm,

nimm sein Katzl und geht hinauf in die Felsenwildnis! Ein Hüttel sei

leicht gebaut, habe sich das Fallholz und die dicken Baumrinden schon

ausgeschaut. Kein Mensch hätt' ein' festere Burg.

So lang und so viel erzählt er und macht alles so gut, daß die Kathel

zuletzt sagt: Ihr sei's schon bald recht auch. Hätt' man sich das fromm

Leben schon einmal vorgenommen -- dort oben gibts keine spöttelnden

Leut', und dem Kaiser seine Hand wird wohl auch nit so lang sein. --

Ob sie nit vorher der Geistler sollt' zusammentun allzwei, fällt ihr

ein; und lacht sich auch schon darüber aus: Verheiratete Einsiedler!

Ein bissel ein' Anfechtung macht ja nix. Wo wär' denn das Verdienst,

wenn's kein' Anfechtung nit hätt! -- Geht in ihre Kammer und versucht

den Schlüssel, der ist in Richtigkeit.

Und eine Woche nachher: Die Waren haben sie teils verkauft, teils

verschenkt und wie das Standel leer ist, rucken sie sich ihre Kräunzen

mit Gewand und Werkzeug auf den Buckel und wandern ab. Einen Tag lang

auf der Straßen der Mur entlang ins Gebirg. Dann rechterhand in eine

Schlucht, und dräuen die Wänd schon himmelhoch herab, daß der Maid ein

Schauder durch den Leib geht. Begegnet ihnen ein Halter, hat statt der

Gert eine Flinten und sagt, sollten sich in acht nehmen vor Wölfen und

Bären.

»Hat mich keiner g'fressen, frißt mich keiner!« ruft der Markel -- und

nachher halt anwärts, steil, durch Strupp, über Gefäll und Gestein. Mit

ehrfürchtiger Freud sieht es die Kathel, wie in der Wildnis überall

der Tisch ist gedeckt. Erdbeeren, Heidelbeeren, Himbeeren, Pilze und

Tierwerch zu fangen überall, wer geschickt ist. Und überall frisches

Wasser, und ein Brunnen ist, der fällt so dick wie ein Startinfaß viele

Klafter hoch herab und ist's kein Rauschen mehr, ist's ein Krachen, daß

man sein eigen Wort nicht versteht.

Mit harter Plag sind sie endlich oben auf der wüsten Höh'. Die

Kathel muß sich die Augen verhalten, so packt sie der Schwindel, wie

sie in die Tiefen will schauen. Da ins G'wänd soll sie hinab? Das

Gamssteigel, wo sie nachher nit weiter kunnt und nit mehr zurück! --

Just einmal probieren! sagt der Markel und führt sie niederwärts in

die schauderlich Felswand, bis zum Platzel, wo das Bildnis ist und das

Brünnel in eine Steinschale tut rinnen.

Gott wird's mit Willen gemacht haben, daß es zurzeit wochenlang ist

schön geblieben und warm Tag und Nacht. Jedes in einer andern Felskluft

hat geschlafen auf Moos und des Tags haben sie gesammelt und gebaut

an der Klause bei dem Brünnlein. Also, da lehnt die Hütte an der

überhängenden Wand. Eine Rindentür hat sie und zwei Fensterlein und

einen Steinblock zum Tisch und zwei Holzblöcke zum Sitzen und eine

Steingrube für das Herdfeuer und zwei Lager aus Bergheu und Moos. Und

an der Wand zwei Baumäste gequert zu einem Kreuz. Die Vorratskammer

ist draußen in einer Felsspalte, und hätten sie denn alles beisammen,

was der Mensch braucht, um so lang zu leben, bis er selig ist. --

Seligwerden, das ist beider ernsthaftes Fürnehmen.

»Sie taten beten und arbeiten,« heißt es von den beiden Menschen in

einer Chronik zu Breitenau. Und ist derselben zu entnehmen, daß sie

allerlei wilde Früchte sammelten, daß sie aus Kraut und Wurzeln und

manchen Beeren einen »Geist« haben gebrannt, mit dem der Markarius

zeitweilig in den umliegenden Tälern hausieren ist gegangen. Auch

sollen sie Wallfahrern, die weit her zum Bildnisse »Unserer lieben

Frau« auf den Berg gekommen, mancherlei Dienste geleistet und

Stärkung gespendet haben. Etliche Zeit der Einsiedler soll bitter

hart gewesen sein. Es ist nicht gemeint die kalte Winterszeit, da sie

monatelang eingemauert waren mit Schnee und den unbändigen Alpenstürmen

preisgegeben. Es ist nicht gemeint der Mangel mancher Lebensmittel

und es ist auch nicht gemeint die Bedrängnis, wenn eins krank war

oder Steinlawinen sie bedrohten. Ein anderes Bedrängnis war's, das

ihnen bisweilen bitterhart hat zugesetzt. Da ist der Markarius wohl

aufgestanden in der Nacht und hinausgegangen zur Quelle, um kaltes

Wasser zu trinken. Und wenn er, von Frost geschüttelt, in die Hütte

zurückgekehrt und auf seinem Lager zur Ruhe gekommen war, stand die

Kathel auf und ging auch hinaus, um zu trinken. Einsiedler sein, meint

besagte Chronik, sei nicht das härtest', aber sotane Zweisiedler sein

und gleichwohl Einsiedler verbleiben wollen, das sei vergleichbar

einem Fegefeuer, wo ein Mensch all' Sündhaftigkeit könnt' löschen.

Und hätten es nicht erzwungen, wenn der heilige Brunn' nicht wär

gewest, also, daß der Gnadenquell sich geoffenbaret. So haben sie das

Klosterleben, als davon sie vertrieben worden, auf hohem Birg streng

geführet, als Zeugnis, was möglich ist an starkem Willen. Sind aber

sonder Rast gewest und ist solchen Anachoreten das Fleisch abgefallen

von den Knochen, und doch ein Augenlicht, brennend und begehrend,

so daß sie angefangen, sich voreinander zu fürchten. Und ist dem

Einsiedler die heilige Jungfrau erschienen und der Einsiedlerin der

heilige Jüngling Aloisius. Und haben die Anachoreten vor Verzückung

einander mit Wacholdergerten gegeißelt bis aufs Blut.

Einer der Ortskundigen will aber dieser Schrift nicht Glauben

schenken; sie sei aus einer alten Sagung gezogen und zum Spott auf

die Leutlein oben am Schüsserlbrunn angewandt worden. Wahrheit sei

vielmehr solches: Eines Tages seien die zwei herabgekommen zum Kuraten

von Sankt Erhard und hätten lachend erklärt, die Sach' tät ihnen auf

die Läng zu dumm werden. Gar jung seien sie freilich nicht mehr, aber

auszahlen tät sich's vielleicht noch alleweil. Sie hätten einmal

ernsthaftig Einsiedler werden wollen, jedes für sich, seien nachher der

Umstände wegen Zweisiedler worden. Und jetzo möchten sie halt wiederum

Einsiedler werden, ein einziger, aus zweien einer. Aus ihrer zwei eins

machen, wenn er so gut wär'.

Der Kurat war schon einer von solchen, die man später Josefiner genannt

hat. Er sagte also: »Leutlein, das ist gescheit. Eins in der Gesinnung

und in der Lieb', das ist eine gar heilsame Einsiedelei.«

Und lacht die Kathel auf: Was sie doch einfältig wär'! Solang' hätt'

sie sich vor dem Geistler gefürchtet und jetzo tät sich das so leicht!

-- Der Wochen zwei und sie sind eins gewesen.

Aus einem solchen Eins kommt gerne noch Eins. An drei Jahr' später

ist's, an einem Hochsommermorgen, hält der Markari ein blondhaarig

Bübel auf dem Arm. Das Bübel juchzet und schlagt die Ärmelein

auseinand, als wollt' es den Sonnenball auffangen, der dort hinter den

Bergspitzen aufsteigt. Und sagt der Vater: »Kerl, kleiner! Schau sie

nur an. Wo sie aufgeht, dort weit hinterwärts ist die Wienerstadt. Und

dort ist der Kaiser daheim. Und wenn der nit wär g'west, tätest du

jetzt freilich kaum juchezen auf derer Höh'!«

Zur Zeit ist anstatt der schlechten Klausen schon ein besseres Häuslein

fertig gewesen und daneben ein Ziegenstall und daneben eine Kapelle mit

Turm und Glöckel. Und die Wallfahrer, wenn sie von Schüsserlbrunn heim

sind gekommen, haben erzählt von den guten Leutln, die mit gar Geringem

so glückselig leben da oben auf wildem Birg. Also daß wir ohn' Sorg und

Kümmernis können von ihnen scheiden.

Ein Wildling Christi.

Gregor, der Hirtenhauser auf der Niederalm, hatte nun glücklich

abgewirtschaftet. Das zerlemperte Gütel hatte er seiner Tochter

übergeben, diese ihrem Mann, und der Alte hatte sein Ziel erreicht --

er war der irdischen Sorgen und Güter frei geworden und konnte sich den

himmlischen Freuden hingeben, mit denen er längst umgegangen, die ihm

das kindliche Gemüt bewahrt, aber ihn um Haus und Vieh gebracht hatten.

Er war ihnen dafür dankbar. Wozu braucht der Christenmensch solche

Sachen! Hat der Apostel Jacobus ein Haus gehabt? Oder der heilige

Joseph ein Vieh? Man liest nichts davon. Dach findet der Mensch,

dessen Hut der Himmel ist, überall. Und wo er um einen Löffel Suppe

zugesprochen, da hatte er stets auch die Brocken dazubekommen. Der

Gregor war ein kluger Mann, doch benutzte er seine Klugheit nicht, um

zu gewinnen, was Sorgen macht, vielmehr um die Sorgen und ihre Ursachen

zu verlieren. Sein Lebtag war's ihm nicht so gut ergangen, denn jetzt

als Bettelmann. Bettelmann? Ein Mann Gottes wollen wir werden, wenn

uns nicht etwa die Demut abhanden kommt. Des Frommen größte Gefahr, er

fürchtete sie, ist heimliche Hoffart.

Der Halter-Gregl, wie er genannt war, hatte für sein gottseliges Leben

einen besonderen Hinterhalt, an den er sich aber bisher nicht gelehnt.

Sein einziger Bruder war Ordenspriester im Stift Hubertusbrunn. Seit

der Gregl damals brieflich angesucht hatte, als Laienbruder in das

Kloster eintreten zu dürfen und ihm vom Abte die Antwort zurückgekommen

war, er möge nur hübsch bei seinem angestammten Beruf bleiben und

die Arbeit auf Wiese und Feld zur Ehre Gottes verrichten, das wäre

für ihn gescheiter als das Kloster -- seit dieser wunderlichen, ganz

unpriesterlichen Antwort wollte er mit Hubertusbrunn nichts zu tun

haben. Nun war's aber in diesem Stifte anders geworden. Und schon wie

anders! Der alte Abt war gestorben, und Gregors Bruder, der Pater

Dominikus, war zum Prälaten gewählt worden.

Ob man in der Gegend der Niederalm umherbettelt, wo es doch immer nur

in der Runde geht, oder einen mehr geraden Weg nimmt, den Häusern der

Straße entlang -- für die alten Beine bleibt das gleich. Weiter kommt

man aber auf gerade Art. Und kommt wohl gar bis Hubertusbrunn. Ob die

Herren dort die Klostersuppe einem wildfremden Menschen vorsetzen, oder

dem alten Bruder des Prälaten, das wird für Kloster und Suppe auch

gleich sein. Ihm, dem Gregl, wäre doch damit gedient, daß er endlich in

den Mauern des Gebets, der Betrachtungen und der guten Werke für seine

letzten Lebenstage könnte Unterschlupf finden.

Sonderlinge · 第 5 / 27 段