ja keine Rede. Ob man nur so an einem Einzuge teilnimmt oder ob man
+pro forma+ eine rote Stange in der Hand hat. Sind stets nur die
würdigsten Männer dazu ausersehen.«
»Und das Gerede der Leute, daß Professor Hertner bei den
Marienschwestern Himmelträger geworden ist?«
»Aber es erfährt's ja kein Mensch. In so einem Kloster, das ist ja eine
geschlossene Gesellschaft.«
»Ich sage dir, in allen Witzblättern bist du nächstens mit deiner
Himmelstange. Nein, so was könnte einem doch im Traum nicht einfallen!
Herr Jesses, wenn der Zaruzel draufkäme!«
Sie legte die Weste hin und ging etwas lebhaft ins Nebenzimmer. Ich
mußte sehr den Kopf schütteln. Wie die Frauen gleich alles auf die
Spitze treiben! Wo sie doch sonst so viel Verständnis für meine
künstlerischen Interessen hat! -- Der Zaruzel, meinte sie, dieser
Karikaturenschmierer! In die Witzblätter! Na, das wäre so was!
-- Aber all diese Vorstellungen und Bedenken verblaßten vor den
weißen Jungfrauen, die ich just einmal sehen wollte. Der Oberin wurde
angezeigt, daß ich mich zum Feste rechtzeitig einfinden würde.
Meiner Frau sagte ich nichts mehr davon und auf ihre Frage, weshalb
ich mich so feierlich schwarz ankleide, schützte ich dreist eine
Aufwartung beim Statthalter vor. Du kannst dir denken, daß ich an
diesem Tage nicht auf geraden Wegen dem Kloster zuging, sondern durch
die Gassen und Gäßchen hinterwärts, wo man durch ein Pförtlein in den
Klostergarten gelangen kann. Das Pförtlein war natürlich versperrt. Auf
mein Läuten erschien der alte Gärtner, der mich auf meine Versicherung,
ein Himmelträger zu sein, mit einiger Säumnis passieren ließ. Im
großen Klosterhof wurde der Festzug zusammengestellt. Meine drei
Berufsgenossen waren alte Männer mit Glatzen und grauen Bärten, die
sich über den fremden vierten, der statt des erkrankten Schusters da
war, ein wenig zu wundern schienen. Wir bekamen scharlachrote Mäntel;
eiskalt ging es mir durchs Gebein, als ich den meinen über die Achsel
legte. Doch für alle Fälle war das eine willkommene Vermummung. Wir
holten aus der Kirche den rotseidenen, goldbefransten Baldachin mit
den vier Tragstangen. Der Hof füllte sich mit ornadierten Priestern,
dunkelgekleideten Nonnen und den weißen Jungfrauen. Nachdem der
Patriarch in golddurchwirktem Meßkleide unter dem Himmel stand, bewegte
sich der Zug um die Kirche und zum Hauptportal hinein. Ich sage dir,
es war eine Pracht! Dieses Lichtgespiel, diese bunte Gestaltenreihe.
Die weißen Jungfrauen, eine lange Reihe, waren geschmückt mit roten und
blauen Schleifen; ihre Locken schwarz und gold und bis zum lichtesten
flachs, wallten über den Nacken; ihre Augen, ganz entweltlicht,
möchte ich sagen, schauten groß und unschuldig gleichsam in die
himmlischen Räume auf; andere senkten die Lider oder schlossen sie
ganz. In den Händen trugen sie brennende Kerzen. Und dieses Singen,
Freund! Man hört manchmal das Wort Engelsgesang und denkt sich nichts
dabei. Ganz himmlische Stimmen sind es gewesen, auf Erden gibt es
keine solchen. Die rote Stange in meiner Hand und der rote Mantel
über mir waren rein vergessen über dieses wunderschöne Bild, über
diesen bezaubernden Gesang. Nun in der Kirche angelangt, stellten die
Jungfrauen sich am Altare auf in Reihen, die rückwärtigen höher als
die vorderen, so daß es ein wunderbares Mosaik aus Engelsgesichtern
ward -- ein unbeschreiblicher Liebreiz. Der Himmel, umdrängt von
andächtigen Frauen, hatte mitten in der Kirche angehalten, der
Prälat stieg zwischen den Jungfrauen zum Altar hinauf. Es begann das
Hochamt. Die Priester knieten nieder, die Nonnen knieten nieder, die
Jungfrauen knieten nieder. Alles kniete in großer Demut nieder auf
beide Knie. Auch meine drei Himmelträgergenossen. Und auch ich. Aber
die Minute, die der erste Segen dauerte, war schmerzlich lang, denn
die feinen Sandkörnchen des Steinbodens bissen durch das Beinkleid
in das verweichlichte Knie, das seit meiner Knabenzeit nicht mehr
geübt worden war. O Freund! Ich ahnte nicht, daß es erst der Anfang
einer qualvollen Stunde sein sollte. Unmittelbar nach dem Segen wollte
ich mich aufrichten, aber -- alles blieb knien. Auch meine Banausen
knieten so fest, als ob sie in den Steinboden hineingewachsen wären.
Ich allein aufstehen und stehen bleiben neben der Stange? Unmöglich.
Abgesehen von dem unsühnbaren Ärgernisse, das damit gegeben worden
wäre, hätte ich mich unberufenen Blicken ausgesetzt -- der akademische
Bildhauer Professor Hertner als Himmelträger hätte alles überragt.
Ich blieb knien, aber frage nicht wie und in welchem Jammer. Es war
eine wahre Folter. Ein weniges geschah mir wohler, daß ich mich fest
an die Stange klammern konnte, erst mit der einen Hand, dann mit
beiden Händen. Aber diese Stütze wurde bald belanglos und die Last des
Körpers lag auf den armen Knien, die auf dem unbarmherzigen Stein laut
geächzt hätten, wenn Knie ächzen könnten. Ich konnte es, durfte es
aber nicht. Mußte in schweigender Frommheit bewegungslos daknien. Die
anderen, so weit ich sie beobachten konnte, knieten ganz behaglich,
dem regen Mundgebete, den weidenden Augen sah man an, daß sie alles
eher als an ihre Knie dachten. Keiner ahnte den Büßer in ihrer Mitte,
der seinen Vorwitz so blutig sühnen mußte. Ich hatte es ja versucht,
mich in die Schönheit des Bildes zu versenken, das gerade vor mir so
lieblich und licht entfaltet war, dem Gesang zu lauschen, dessen Klang
in die Hallen aufstieg, aber ich empfand nichts, als den Schmerz an den
Knien. Das Ovalgesicht suchte ich, das mit den runden Blauaugen und den
Wangengrübchen; dort hinten, zwischen zwei brünetten Lärvchen guckte es
hervor, schier himmlisch verzückt und ein bißchen schalkisch. Allerlei
liebliche Gedanken und Vorstellungen wollte ich anspinnen an dieses
Engelsbild, aber es gelang nichts -- mein Knie, mein Knie! Da gedachte
ich der Warnung meiner Frau, doch es war zu spät. Ich fühlte mich als
Verdammter unter den Seligen. In meinem Leben nie hatte ich mich so
heiß dem Evangelium entgegengesehnt als in dieser Stunde. Du weißt es,
beim Evangelium steht man auf. Es kam endlich, alles erhob sich, ich
mich fast zu früh, und atmete auf. Eine kleine Hoffnung leuchtete, als
würde man von nun ab stehen dürfen, doch als das Evangelium vorüber
war, kniete alles wieder nieder. In Gottesnamen, fest an die Stange
geklammert, kauerte ich da und war entschlossen, knien zu bleiben, bis
sie mich ohnmächtig hinaustragen würden. Aber so weit kam es nicht. Als
die Not wieder sehr groß geworden war, entdeckte ich eine Kunst, die,
auf den Waden zu sitzen. Was die anderen darüber dächten, das kümmerte
mich nicht mehr, in dieser Selbsterniedrigung sahen mich ja auch nur
die nächsten der dichtgedrängten Nachbarn und sie waren mitleidig. Die
Knie waren sanft entlastet, ich saß auf meinen Beinen. Jetzt dachte
ich wieder an das Gesicht mit den Wangengrübchen, aber ich konnte über
die Köpfe nicht mehr hinwegsehen, der breite Buckel meines Vormannes
begrenzte meinen Horizont. Doch nun war leicht standzuhalten und als
es endlich vorüber, kräbelte ich mich mit Hilfe der Himmelstange
krampfhaft und schier ungern empor.
Gesehen hatte ich's also. Dann den Mantel los, das Beinkleid an den
Knien mit dem Taschentuch entstaubt, durch das Gartenpförtchen wieder
hinaus und mit der unschuldigsten Miene die Gasse entlang. Rief mich
eine bekannte Stimme an: »Professorlein, he! Ich dachte, wer einmal im
Himmel gewesen, der käme nicht wieder zurück.«
Und war's der kleine Zaruzel, der berüchtigte Karikaturenzeichner für
Witzblätter.
»Woher des Weges?« fragte ich mit kühn gespielter Harmlosigkeit.
»Von der Kirche der Marienschwestern, wo es heute so schön gewesen
ist!« antwortete er mit widerlicher Süßlichkeit. »Du kennst ja den
gelbhaarigen Teufelszwerg.«
»Von der Klosterkirche?« tat ich überrascht, »aber da darf ja kein
Mannsbild hinein.«
»Doch, doch,« antwortete er. »Entweder es geht hinten durch das
Gartenpförtchen oder es geht durch ein Dachfenster der Sakristei.
Ersteren Weg pflegen die Bildhauer zu wählen; der letztere,
beschwerlichere, bleibt für arme Witzblattzeichner übrig. Ich sage
dir, Freund, köstlich warst du im roten Mantel an der Himmelsstange,
unbezahlbar. An fünf Witzblätter verschicke ich.«
Hub ich an stark zu leugnen. Da sagte er ganz gütig: »Mühe dich nicht,
es hilft dir nichts,« und zog seinen photographischen Momentapparat aus
der Tasche.
Der schneidigste Mut kommt allemal, wenn nichts mehr zu verlieren ist.
Ich blieb stehen und sagte leise: »Also Zahn um Zahn. Gut. An dem Tag,
als das Bild im Blatt steht, wirst du umgearbeitet. Ich bin Bildhauer
in Stein und Bein!« -- -- Das hat er verstanden. -- Seitdem sind Jahre
vorüber, es hat niemand etwas erfahren. --
So erzählte mir der Professor am Fußsteig entlang. Da wunderte ich mich
laut, daß er es selbst ausplaudere, was ein so tiefes Geheimnis hätte
bleiben sollen.
»Jetzt ist alles verjährt,« entgegnete er. »Wenn's die Leute nun auch
erfahren, sie glauben es nicht. Und wenn sie es glauben, so macht's mir
nichts mehr. Übrigens geschah es doch nur aus Liebe zur Kunst und das
vorzeitige Eindringen unter den Himmel habe ich an Ort und Stelle ja
gründlich gebüßt.«
Der unglückliche Kammerdiener.
»Glauben Sie ja nicht,« sagte die Königin zur Gesellschaft, die nach
dem Diner im Zerkle sich um sie versammelt hatte, »glauben Sie ja
nicht, meine Herrschaften, daß unsereins so mächtig sei und alles nach
Herzenswunsch schlichten könne. In vielen Fällen können wir das weit
weniger als andere Leute; oft nicht einmal das Selbstverständlichste.
Ach allzuoft war ich schon in heller Verzweiflung darüber, wie uns die
Hände gefesselt sind, und das Herz, und ich sage sogar, auch der Kopf.
Soll ich Ihnen eine Geschichte erzählen? Die Geschichte hat sich vor
etwa einem halben Jahre im Schloß zugetragen und ist sehr tragisch.
-- Wollen die Damen und Herren nicht rauchen? Schön, ich will, wie es
Pflicht der Fürsten ist, mit gutem Beispiele vorangehen.«
Bei dieser launigen Bemerkung nahm sie aus der Kupferschale eine
Zigarette und der Lakai hielt ihr das Flämmchen vor. Die Königin sog es
mit einem Atemzug in die »Ägypter spezial« und winkte dem Diener mit
einem gütigen Blick, daß er sich entfernen könne.
Der General strich seinen langen weißen Schnurrbart und horchte
schmunzelnd der tragischen Geschichte entgegen, die im phantastischen
Lockenhaupt Ihrer Majestät sich wieder zugetragen haben mochte.
»Die Herrschaften erwarten jetzt den Vortrag einer Romanze oder
dergleichen,« lächelte die Königin, weil sie zum schwarzen Kaffee
manchmal eine ihrer neuerstandenen Poesien zum besten zu geben pflegte.
»Diesmal werden Sie irren. Die unerhörtesten Geschichten macht nicht
der Dichter, macht das Leben. Und Sie, mein General, dürften der
Tragödie wohl etwas weniger skeptisch entgegensehen, als es offenbar
der Fall ist. Vielleicht werden die kommenden Dinge sogar Ihr Herz
engagieren!«
»Mein Herz wird nicht mehr engagiert,« lachte der alte Weißbart, »außer
Majestät geruhen zu gestatten, daß ich mir Kognak einschenke.«
»Der König,« so begann die Königin zu erzählen, »hatte einen
Kammerdiener aufgenommen. Ein junger Magyar wars, ein hübscher
sympathischer Bursche mit braunen Augen und perlweißen Zähnen. Die
blaue Livree mit den weißen Seidenschnüren stand ganz prächtig zu
seinem frischen, glattrasierten Rundgesicht. Sehr bald wußte er sich
in seine Stellung zu finden, bei seiner ruhigen und flinken Art. Dabei
hatte er einen heimlichen Humor, der sich allerdings nur in den Mienen
ausdrückte, trotzdem aber nicht weniger sprechend war. Anfangs war er
zum Laufburschen aufgenommen worden, allein, nachdem unser alter Onkel
Tom gestorben, machte ihn der König zu seinem Kammerdiener. Obschon der
Bursche einige Jahre Soldat gewesen, hatte er von seiner Einfalt, die
er aus der Pußta mitgebracht, noch den Löwenanteil bei sich behalten.
Es war ein guter braver Junge, der sich selbst die Stiefel putzte,
weil er es für unbegreiflich hielt, daß der Kammerdiener wieder einen
Kammerdiener hätte. Wenn er dann im Vorzimmer nach dem Takte eines
Tschardas drauf losbürstete, oder wenn er schwermütige Pußtalieder
sang, da habe ich manchmal ein wenig an der Türe gehorcht. Das Liebchen
und die Mutter, diese zwei Frauen rangen in den Liedern um sein Herz
-- es war ganz rührend. Der kleine Prinz stand oft bei ihm und hatte
seinen Spaß, wenn Lajosch sang und die Melodie manchmal lustig mit
ein paar hüpfenden Sprüngen mittanzte, in der einen Hand die Bürste,
über die andere den Stiefel gestreift -- es war furchtbar komisch.
Einmal machte er dem Prinzen den Vorschlag, ob sie nicht miteinander
Sprachstudien treiben wollten. Er möchte von dem Prinzen französisch
lernen und würde hingegen diesem das Ungarische beibringen. Der Prinz
ging darauf ein und ich glaube, er hat bei dieser philologischen
Gegenseitigkeit mehr profitiert als der andere. Doch glaubte der
Prinz eine Klage verstanden zu haben, die Lajosch in seiner Sprache
ausdrückte: Nichts sei ihm furchtbarer als die drei Tage in der
Woche! -- Was sind das nur für drei Tage in der Woche? Wir verstanden
es nicht. Wenn durch den Schloßhof die bärtigen Husaren in ihrer
schmucken Uniform ritten, und hinaus ins Weite, da konnte Lajosch
ganz melancholisch werden. Da vergaß er sein Singen und Tanzen, ging
schwermütig umher und versah mürrisch seinen Dienst. Oft, wenn der
König vorüberging, blickte er ihm verstohlen nach und einmal will die
Kammerfrau ihn murmeln gehört haben: Wie beneide ich ihn! Werde ich's
auch einmal erreichen? Da soll ihr schrecklich unheimlich geworden
sein. Mit der übrigen Dienerschaft hat er gar nicht verkehren wollen.
Diese nackten Rundscheiben! Diese Vollmondgesichter! So soll er bei
sich geknirscht haben, und es hätte ihn der Ekel geschüttelt. Dann
hat er die braune Gesichtsfarbe verloren und das Feuer in den Augen
und ist abgemagert und ist immer trauriger geworden. Da fragte ich
ihn eines Tages: Lajosch, hast du noch eine Mutter? Er antwortete auf
ungarisch. Hast du Heimweh? Was ist dir, Lajosch? Er brummte etwas und
wendete sich ab. Gerne hätte ich ihm noch wegen einer unglücklichen
Liebe auf den Zahn gefühlt, denn nach meiner Überzeugung konnte es
nur die Liebe sein. Mein Gott, vielleicht wäre dem Braven zu helfen.
Warum sollte er sein Magyarenmädchen nicht an den Hof bringen? Es ist
gewiß sehr hübsch. Ich liebe Naturkinder und brauche ein Kammermädchen.
Aber es war nichts herauszukriegen vom armen Lajosch. Wieder einmal
hörte man eine Klage über die drei Tage in der Woche. Dann versank
er ganz in eine stumme Schwermut. Der König sagte, er würde den
Lajosch weggeben müssen, der Arme müsse krank sein. Dem Arzt, der ihn
konsultieren wollte, rief er ein ungarisches Fluchwort zu. Dann ging
er auf sein Zimmer und zertrümmerte den Toilettespiegel. Nun dachten
wir allen Ernstes an eine Geisteskrankheit. Der arme junge Mensch! Es
war furchtbar traurig. Dabei war eine so weiche, ich möchte sagen, um
Hilfe flehende Melancholie in ihm, daß uns allen betrübt zu Mute ward
und wir uns entschlossen, doch noch eine Weile mit dem Burschen Geduld
zu haben und recht gütig mit ihm zu sein. Wäre es irgend ein Anliegen
gewesen, gewiß -- hatten wir gedacht -- ließe es sich erfüllen. Aber
eine solche Krankheit -- das ist schrecklich. Auch weinen soll man ihn
einmal gesehen haben, und bei sich jammern, daß es ein Unglück sei,
wenn er einen solchen Posten verlassen müsse. Aber es sei gräßlich,
es sei zu gräßlich, das zu ertragen! Die Kammerfrau glaubte nicht an
Krankheit. Sie meinte, da sei ein Geheimnis dahinter. Mein Himmel, ein
dunkles, wenn nicht gar blutiges Geheimnis! Ich habe ihn gar nicht mehr
sehen können, ohne daß mich Grauen anwandelte. Die Entlassung wird
notwendig werden. Doch habe ich mir vorgenommen, ihn erst noch einmal
ernstlich zur Rede zu stellen. Da findet sich eines Tages unter den
eingelaufenen Bittschriften auch ein Gesuch von unserem Kammerdiener
Lajosch. -- Ich merke, die Herrschaften werden aufmerksam,« unterbrach
sich die Königin. »Sehen Sie, das war ganz mein Fall. Neugierde kann
man es nicht mehr nennen. Ein Taumel höchster Spannung, unter dem ich
die unbehilfliche Schrift entzifferte, die schlechte Behandlung der
Landessprache nicht achtete, um das Geheimnis endlich zu enthüllen. --
Ich könnte die Herren nun raten lassen. Doch abgesehen davon, daß Sie
es kaum erraten würden, ist es nicht danach. Ich habe ja gesagt, daß es
eine tragische Geschichte ist, vielleicht eine tragisch komische -- ich
finde es geradezu packend und das Herz seiner Exzellenz wird am Ende
doch noch engagiert --«
Denn der General lehnte nachlässig und ziemlich teilnahmslos in seinem
Fauteuil und drehte seine Schnurrbartspitze.
»Wir brennen, Majestät!« sagte der Graf.
»Meine Herren, nur Geduld! Es wird episch erzählt,« entgegnete die
Königin. »Man sollte das Schriftstück ja eigentlich vorlesen. Aber
es ist besser, ich ziehe bloß den Inhalt heraus. Es ist zu rührend.
Lajosch dankt für die Auszeichnung, ins Schloß aufgenommen worden zu
sein. Er sagt, so gut wie jetzt ihm, sei es in seinem Heimatskomitat
noch keinem Menschen ergangen, seit die Welt steht. Nur ein Anliegen
trage er, es sei vielleicht dumm, aber er könne sonst nicht leben. Beim
Militär sei er es so arg gewohnt worden und bei ihm zu Hause sei ein
Mannsbild gar nicht anders denkbar. Gut und Blut wolle er mit Freuden
opfern für den König, nur um die eine Gnade bitte er; wenn er schon
bei Hof bleiben dürfe, so bitte er um einen Schnurrbart. Daß er nicht
wöchentlich dreimal unter das schreckliche Messer kommen müsse, daß er
einen Schnurrbart tragen dürfe, das sei sein untertäniges Bitten.«
»Einen Schnurrbart?!« Die Gesellschaft brach in ein unbändiges
Gelächter aus.
Die Königin machte eine Gebärde des Mißmutes: »Ich wußte ja, daß Sie
lachen würden. Mir war nun aber gar nicht ums Lachen. Der arme Bursche
bittet ja um gar nichts anderes, als um seine Persönlichkeit, um das
Selbstbestimmungsrecht über sich selbst. Kann man in unserer Zeit
der Freiheit und der Menschenrechte um weniger bitten? Kann man um
etwas Selbstverständlicheres bitten, als um sich selber? Um seinen
Schnurrbart bittet er, der aus seiner eigenen Haut hervorwächst -- und
siehe, ~ich kann ihm den Schnurrbart nicht bewilligen~. Ich bin
Königin und habe nicht einmal die Macht, zu sagen: Ja, mein Junge,
deinen Schnurrbart sollst du haben. Ist das nicht tragisch? Ist es
nicht lächerlich tragisch? Wir regieren die Völker, und den Sitten
unseres Hauses gegenüber sind wir ohnmächtig. Hofetikette! Die Diener
haben stets in vorgeschriebener Livree und glatt rasiert zu erscheinen
-- punktum. Welche Palastrevolution, wenn der König entschieden hätte:
Lajosch, dir ist gestattet, den Schnurrbart zu tragen! Nach einem
Monat prangten alle Diener in Schnurr-, Backen-, Spitz- und weiß der
Himmel was für Bärten. Was bliebe dem König übrig, als sich den Bart --
rasieren zu lassen! Es ist ja ein Unding und man kann's nicht ändern,
man kann nicht. Wahrlich, diese Bartgeschichte des armen Lajosch hat
mich sehr demütig gemacht. Wir, die sogenannten Mächtigen, in welchen
Fesseln wir liegen! Spinnengewebe und doch unzerreißbar, so lange wir
der Vorurteile nicht Herr werden können.«
»Wenn ich mir eine Bemerkung gestatten dürfte,« sagte mit einer
Verneigung der Professor.
»Die kann ich nicht zulassen!« rief halb ernsthaft, halb humoristisch
erregt die Königin. »Um höfische Torheiten zu schützen, muß ich die
Zensur verhängen. Denn ich weiß, was sie sagen wollen, Professor. Sie
wollen sagen, der König habe gottlob doch noch andere Eigenschaften, um
sich von den Lakaien zu unterscheiden, so daß er für sich wie für jeden
andern die Bartfreiheit unbedenklich gestatten könnte. Dem Könige eines
freien Staates gezieme es, von freien Männern umgeben zu sein, selbst
in seinem eigenen Hause, so daß das Volk sehe: im persönlichen Dienste
des Königs zu stehen sei Rittersart, aber nicht Lakaienart. Das wollten
Sie sagen!«
»Ei doch nein, Majestät, so weit hätte ich mich nicht erdreistet --«
»Ich bitte Sie, Professor, Sie sind zufällig glücklicher Besitzer Ihres
Schnurrbartes -- behalten Sie ihn oben und gestehen Sie offen Ihre
Meinung.«
»Nun allerdings, wenn auch nicht ganz so geradeweg, ungefähr allerdings
hatte ich mir so gedacht. Mir fällt nur noch ein, daß man -- anstatt
den Schnurrbart bis auf das »Es ist erreicht« aufzustrammen -- auch
sagen könnte: Wenn einer, so sollte der König bartlos gehen, weil er
der erste -- Diener des Staates ist.«
»Das nenne ich Schnurrbart!« lachte die Königin.
Die Königin-Mutter hatte diesem Gespräche anfangs mit freundlichem
Kopfnicken, nun aber mit einiger Unbehaglichkeit zugehört. Sie war auf
Besuch im Schlosse und der freie Ton, der hier herrschte, war ihr neu
und befremdlich. Sie warf nun die ablenkende Frage ein, ob der arme
Lajosch sich getröstet habe.
»Nein, teuere Mama,« antwortete die Königin, »der hat sich nicht
getröstet. Wir haben uns trösten müssen. Als er merkte, daß sein
Bittgesuch unberücksichtigt bleibe, hat er kurz und höflich den Dienst
gekündigt. Noch nie habe ich einen Diener so ungern ziehen sehen als
diesen, der seine Existenz dem Schnurrbart opferte.«
»Dem Manne kann geholfen werden,« sagte nun der General. »Ich
rekrutiere ihn neuerdings zum Heere. Dort muß der Mann -- sozusagen
-- zwar auch manchmal Haare lassen, doch der Schnurrbart bleibt ihm
stehen.«
»Ich wußte es ja, General, daß Ihr Herz engagiert wird. Und Sie werden
ihn doch gleich wenigstens beim Hauptmann anfangen lassen?«
»Das allerdings, Majestät, dürfte sich schwer machen lassen. Es rückt
alles nach der Rangordnung.«
»Auch im Fall, daß einmal Verdienst und Tüchtigkeit --?«
»Alles stets nach der Rangordnung, Majestät.« --
Als der Zerkle aufgehoben war, die Gäste vor der Königin ihre
gebührende Reverenz gemacht hatten und davongegangen waren, trällerte
der Professor, auf der Straße dahinschlendernd: »Trallala, trallala!
Rangordnung! Stehen die Haare vorne, so heißen sie Schnurrbart, stehen
sie hinten, so heißen sie Zopf -- trallala, trallala!«
Daß nun der General die Allerhöchste Protektion unberücksichtigt ließ,
das hielt er für Schnurrbart, war in diesem Falle aber -- Zopf.
Die Einsiedler.
Vom alten Hofe des Plattenbauer auf der Hohe steigt ein junges
Frauenzimmer talwärts gegen die Grazerstadt. 's ist ihr schon seit
etlichen Jahren vorgegangen, sie müßt' ins Kloster gehen. 's ist
nichts, weltlicher Weise, 's freut sie nichts mehr, so lustig sie
früher einmal ist gewesen. Bauernweis' ist allerweil arbeiten, aber
der Mensch kann nicht genug beten. Immer ist ihr auch nicht so zu Mut
gewesen. Aber -- die lieben Leut' laufen davon oder sterben ab.