ist morgen nicht mehr dein, und selbst wenn dein Leben darauf stünde.
Wolltest du es zurücknehmen, so könnte der Beschenkte dich gerichtlich
belangen, als strecktest du deine Hand nach fremdem Eigentum aus. --
In diesem Falle war unser armer, stocksteingesunder Kernschimmler.
Aber er fand es in Ordnung. Es fiel ihm durchaus nicht ein, auch nur
auf einen Groschen seines großen verschenkten Vermögens Anspruch zu
machen, oder scheinen zu lassen, daß er etwas bedürfe. Er griff seine
gewohnte Lebensordnung wieder auf und führte sie so lange, bis der
für sein Begräbnis bestimmt gewesene Betrag verbraucht war. Dann ging
er ins Gemeindeamt und ersuchte um eine Versorgung. Er hatte früher
das Wort »reich« nie ausgesprochen, jetzt sprach er das Wort »arm«
nicht aus. Er war jetzt so wenig arm, als er früher reich gewesen. Er
hatte früher den Lebensunterhalt gehabt, und den mußte er jetzt auch
haben. Die Gemeinde hatte über seine Widmung zu wohltätigen Zwecken
bereits verfügt, sie tat nichts desgleichen, als ob der Mann bei ihr
etwas besonders gut haben könne; sie fand nur, daß er für das Spital
zu gesund, für das Armenhaus zu fröhlich und für die Altersversorgung
zu jung war. Sie ließ in sehr vorsichtiger Form bei ihm anfragen,
ob er die zur Zeit offene, sorgenfreie und achtunggebietende Stelle
eines Gemeindedieners würde übernehmen wollen. Wenn ja, so wäre er
der Bevorzugte. Diese einflußreiche Stelle sei weitaus gesicherter,
als die des Bürgermeisters, der von drei zu drei Jahren abgelehnt
werden konnte, während der Gemeindediener ohne ganz besonderen
Anlaß nicht bedankt werde, sondern bestimmt sei, die Tradition des
Bürgermeisteramtes von Geschlecht zu Geschlecht zu übertragen und zu
überwachen.
Augustin Kernschimmler ward Gemeindediener und als solcher ein wahrhaft
bedeutender Mensch. Er hatte zwar nichts zu tun, als den Willen anderer
auszuführen, aber die Ausführung ist ja schließlich Hauptsache. Er
war ganz glücklich, der Selbstbestimmung enthoben zu sein, denn
er hatte nie etwas mit sich anzufangen gewußt, er fühlte sich als
Werkzeug anderer geborgen und gekräftigt und arbeitete mit wunderbarer
Genauigkeit. Sein Wirkungskreis erstreckte sich nicht etwa über die
Kanzlei, sondern über die ganze Gemeinde bis zum Bezirksgerichte
und zu der Landeshauptmannschaft hinauf. Man soll gerade einmal
nachdenken, was ein Gemeindediener zu tun hat. Kernschimmler besorgte
sein Amt mit so unerhörter Ordnung, daß die Leute sich fragten, wer
denn das Räderwerk eingefettet haben könne, daß es nun so glatt
ginge? Sie wurden sich der Ursache kaum bewußt, merkten nur, daß der
Gemeindediener ein ordentlicher Mensch sei.
Als er fünfundzwanzig Jahre lang der musterhafte Gemeindediener
gewesen, machte er etwas Dummes. Er ließ sich pensionieren. Als
siebzigjähriger Mann, meinte er, sei es in Ordnung, sich zur Ruhe
zu setzen. Bald sah er aber, daß bei ihm die Ruhe als solche nicht
in Ordnung war. Denn er hatte zu lange in regelmäßiger Tätigkeit
gelebt; jetzt auf einmal nichts zu tun, als spazieren zu gehen,
das war doch die größte Schlamperei. Jeden und jeden Tag dieselbe
Schlamperei. Das war freilich auch Regelmäßigkeit -- aber in diese
neue Ordnung konnte er sich nicht mehr finden. Er erbot sich dem neuen
Gemeindediener freiwillig zu Diensten und wurde des Dieners Diener.
Die schwersten Kränkungen seines Alters bestanden darin, wenn in
der Kanzlei ein Foliant statt im dritten Fach, etwa im vierten lag;
wenn die Empfangsbestätigung für Zustellungen von dem Empfänger mit
Bleistift geschrieben war, anstatt mit Tinte; wenn der Bürgermeister
ihn »~Herr~ Kernschimmler« nannte, da er doch fünfundzwanzig Jahre
lang in treuen Diensten bloß der Kernschimmler gewesen war.
Seine persönliche Tagesordnung war das Uhrwerk geblieben, das seit
einem halben Jahrhundert kaum ein einziges Mal stillstand -- täglich
dieselbe Sekunde zum Aufstehen, dieselben dreiundzwanzig Minuten zum
Anziehen des immer gleich geformten Gewandes, dieselben neun Minuten
zum Rasieren, und die Haare kämmte er sich mit der gleichen gewohnten
Sorgfalt auch noch zur Zeit, als er längst keine mehr am Kopfe hatte.
Eines Tages aber ließ Augustin sich eine große Unregelmäßigkeit
zuschulden kommen. Er kämmte sich nicht und rasierte sich nicht, er
kleidete sich nicht einmal an. Lange über die gewohnte Zeit hinaus
blieb er in seinem Bette liegen und war tot.
Als der Schreiner ihm den Sarg zurechtmachte, sagte er zu einem
Nebenstehenden: »Ich wüßte schon, was zu machen wäre, daß der
Kernschimmler wieder aufstände. -- Man brauchte bloß einige Hobelspäne
auf den Boden zu verstreuen, alsogleich wäre er mit dem Besen da, um
Ordnung zu schaffen.«
Tue es nicht. Laß ihn rasten mit neunundsiebzig Jahren -- es ist in
Ordnung.
Meister Sani.
Er war Maler, aber ich rede nicht von seinen Bildern. Er war Geizhals
und ich rede von seinem Gelde. Er verdiente sich sehr viel Geld,
buchstäblich mit Gold aufgewogen wurden seine bemalten Leinwandblachen.
Aber ich interessiere mich nicht für Kunstwerke, ich interessiere mich
für Dukaten. Dem Meister mußten ja auch diese lieber gewesen sein als
jene, sonst hätte er seine Gemälde nicht verkauft. Denn er benötigte
es nicht, das viele Geld. Er war aus ganz einfachen Verhältnissen
emporgekommen und bedurfte für sich sehr wenig. Er war Junggeselle, was
schon an sich eine Ursache des Geizes ist; wer für die Familie immer
Geld ausgeben muß, der kann sich keinen Geiz angewöhnen.
Meister Sani lebte so weit anständig und stets adrett; wie er auf
der Gasse einherging, merkte man ihm das Laster nicht viel an. Auch
hat ihn damals niemand unter seinen Geldsäcken sitzen gesehen oder
wie er etwa mit dürren Fingern im Münzhaufen gewühlt hätte. Er hatte
weder dürre Finger noch Geldsäcke. Seine Ersparnisse waren in mehreren
Sparkassebücheln verbucht, die er in einem eisernen Kästchen unter
seinem Wäschevorrate verwahrte. Jetzt kann man ja alles sagen. Nebst
seiner künstlerischen Tätigkeit hatte der Meister die größte Freude am
Sparen und in der Vorstellung, was er um sein gutes Geld alles haben
könnte. In der ersteren Zeit dachte er, jetzt -- wenn ich wollte --
könnte ich schon zehn Jahre faulenzen und naturbummeln, zu leben hätte
ich. Bald war so viel da, daß er ans Reisen denken konnte, und er
reiste in Gedanken ein zweitesmal nach Italien, denn ein erstesmal war
er wirklich schon dort gewesen. Diesmal konnte er bis Sizilien gehen
und über Spanien nach Frankreich zurück. Später wäre er schon in der
Lage, sich eine Villa zu bauen, unweit der Stadt, die täglich nach den
Atelierstunden leicht zu erreichen. Wenige Jahre später war er so weit,
daß er sich ein größeres Landgut kaufen könnte mit Garten-, Feld-,
Vieh- und Waldwirtschaft und er ginge umher und sähe, wie die Arbeit
des Gesindes schleunt und die Früchte gedeihen und die Schweine und
Hühner heranwachsen für die Festtafel. Alles das und mancherlei anderes
könnte er haben, wenn er wollte. Er konnte sich gleichsam als den
heimlichen Herrn betrachten über so vieles. Aber es konnte noch besser
kommen und deshalb ließ er das Geld ruhig in der Sparkasse liegen; es
kam immer noch reichlicher Zuzug und üppigeres Wachstum, und eines
Tages war er Schloßherr. Ein großes Schloß mit Lustgärten, Meierhöfen,
Waldungen, Jagden und sonstigen vornehmen Ergötzlichkeiten -- könnte
er haben, wenn er wollte. Und da er es haben könnte, so war es just so
viel, als er hätte es. Diese Gedanken an seine Güter hatten sich in
seinem Kopf festgeflochten wie ein Spinngewebe, in dem Spinnen gaukeln
und Mücken hängen. Er malte noch fleißig, aber er malte nicht mehr so
gut als früher, sein Herz war bei den Gütern. In der Nacht schlief er
unruhig, die Sorge um das Vermögen und daß es sich ja nicht vermindere,
verwüsteten seine Träume, die einst so schön gewesen waren. Immer hatte
er die Wirtschaften, Schlösser und Fabriken zu verwalten, die doch nur
erst festgeplättet -- in den Sparkassebücheln existierten.
Da sagte Meister Sani zu sich: Das ist nichts, Meister Sani, das ist
nichts. So in die Gefangenschaft zu geraten! Das muß wieder anders
werden. Und befreite sich mit Jugendkraft. Er ging hin, nahm die Gelder
aus der Sparkasse und -- verschenkte sie. Wo er Mangel und Not sah,
da gab er hin, aber ungenannt. Er wollte nicht, daß die Leute wußten,
wie dumm reich er geworden war. Auf einem Spaziergange kam er zu einer
rauchenden Brandstätte. Er wühlte in der Asche, zog eine Blechkapsel
hervor und sagte zu den jammernden Abbrandlern: »Das wird euch gehören,
es war wohl im Hause und ist nicht mitverbrannt.« In der Blechkapsel
war so viel Geld, daß sie ihr Haus wieder aufbauen konnten. -- Ein
anderesmal mischte er sich unter einen Trupp Zigeuner und verlangte von
einem braunen Mädchen, daß es ihm wahrsage.
Sie las in seiner hohlen Hand und sprach: »Dem edlen Herrn steht viel
Geld bevor.«
»Da ist es auch schon,« lachte er und ließ aus dem Rockärmel die darin
versteckte Rolle von Silberlingen hervorgleiten. »Da nimm! Du hast es
wahrgesagt, so gehört's auch dir.«
Einer Schullehrers Familie steckte er nächtig als Nikolo Geld zum
Fenster hinein und lief nachher davon, als ob er etwas gestohlen hätte.
Von einem Knaben verlangte er einen Krug Wasser; als der Junge es
vom Brunnen geholt und Meister Sani es getrunken, sagte er: »Ein
anderesmal, Junge, mußt du den Krug besser auswaschen; siehe, was er
für einen Bodensatz hat!« Da lag ein Dukaten drinnen.
In der Zeitung stand, daß eine arme Frau auf dem Wege zum Markte ihr
ganzes Geld verloren hätte. Meister Sani »fand« es und ließ ihr den
gleichen Betrag schicken. Die Frau hatte mittlerweile aber selbst ihr
Geld wieder gefunden und wußte nicht, an wen jener irrtümliche Fund
zurückzuschicken sei. Noch heute brennt ihr das unrechtmäßige Geld auf
der Hand und ich soll nichts verraten.
So wurde er sein Geld auf die bequemste Weise los. Endlich hatte er
noch hundert Gulden.
Die gab er nicht weg, die behielt er. Und an diesen hatte er eine
Freude. Dann begann er neuerdings zu sparen und sammelte Gulden. Jetzt
im kleinen machte ihm das Sammeln wieder Vergnügen; in der geringen
Anzahl waren die Dinge so leicht zu übersehen, war so leicht Ordnung
mit ihnen zu halten. Das war alles wieder so einfach, wie zur Zeit, als
er seine Laufbahn begann und ungefähr so viel einnahm, als was er für
sich nötig hatte. Er freute sich wieder an jedem Guldenstücke, an jeder
kleinen Ziffer. Die Träume waren weg und die eingebildeten Sorgen, die
schier so wirklich sind als die wirklichen. Er hatte ein leichtes Herz
bekommen, ganz jugendlich war ihm zumute. Er gab sich mit frischer
Liebe wieder seiner Kunst hin. Sein Lebensbedarf war höchst einfach und
manchmal, wenn es ihm nach etwas gelüstete, dachte er: Nein, 's ist
nicht vonnöten, da mache ich mir lieber einen größeren Genuß und lege
das Geld zu dem anderen. Und in stiller Abendfeierstunde, da holte er
sein Sparkassenbüchel und freute sich des kleinen glatten Besitzes.
Aber die Idylle sollte nicht immer so dauern. Seine Bilder trugen Geld;
selbst die, so er nicht verkaufte, brachten in den Ausstellungen, in
den Vervielfältigungen Geld ein. Er besaß schon wieder große Summen
und die Berechnungen wurden kompliziert. Die Villen und Schlösser, die
er sich wieder kaufen konnte, machten ihm zwar keine Sorgen, denn er
dachte sie nicht mehr, seine Phantasie hatte den Schwung verloren, er
war älter geworden. Träume wie einst hatte er auch nicht mehr, weil
er wenig schlief. Wachend dachte er an sein Vermögen, ob es wohl auch
gut angelegt sei, ob es nicht mehr Zinsen tragen könnte, als es bisher
getragen? Ob es bei einer großen Krisis nicht verloren gehen könnte?
-- Auch von seiten des Steueramtes war eine Gefahr nicht unmöglich.
Er hatte nämlich in letzterer Zeit gefunden, daß die Steuer horrend
ist, und hatte etwelches verschwiegen. Wenn man draufkäme! Die Angeber
bekommen von der unterschlagenen Steuer ein gutes Teil, da kann sich
leicht einer finden. Und die Strafe ist furchtbar. Das Fünfzigfache! --
Oder soll er sein Geld verstecken, daß kein Mensch was davon weiß? Dann
finden sie es am Ende auch nach seinem Tode nicht. Wie schade das wäre!
Aber wer soll denn erben? Nur auslachen wird man einen, der so ärmlich
gelebt und so viel Geld gehabt hat. Da könnte man am Ende gar noch
einen Nachruf als Geizhals bekommen. -- Solcherlei Gedanken quälten ihn
die halben Nächte lang. Und einmal, als es schon gegen Morgen ging und
die Geldsorgen ihn immer noch nicht hatten schlafen lassen, sprang er
zornig auf, stürzte zum Schrank, riß die Sparkassebücheln hervor und
wollte sie in die noch glosende Ofenglut schleudern. Aber die Bücheln
wollten nicht aus seiner Hand. Als ob die Finger einen Krampf hätten,
so hielten sie fest und in diesem Augenblicke fiel es ihm ein: So viel
man in den Blättern liest, wird jetzt gesammelt zur Errichtung einer
Heilstätte für brustkranke Frauen. Dorthin mit diesem Ludersgeld.
Doch am nächsten Morgen bettete er die Urkunden seines Vermögens wieder
sorglich in den Wäschekasten. Waren sie ihm doch liebe Hausfreunde
geworden -- die einzigen, die er hatte. Geselligkeit und Freude
an seinem Künstlerruhm waren ihm völlig abhanden gekommen, seit
er sein Geld gar so lieb gewonnen hatte. Aber -- war es denn sein
~Geld~, das da im Kasten lag? Das waren nichtige Scheine. Nach der
~Persönlichkeit~ des Geldes begann er sich zu sehnen. Er wollte
es bei sich in seiner Wohnung haben, selbst um den Preis der Zinsen.
Nur dem baren Gelde in der Nähe sein! Der Schrank nah' dem Bette, dann
wollte er Ruh' haben. Monatelang mußte er warten, bis die Sparkassen
ihm seine großen Guthaben zurückgeben konnten. Dann aber schloß er sich
oft stundenlang in sein Schlafzimmer ein, betrachtete die Goldmünzen,
die Reichsnoten, die Banknoten und zählte und ordnete sie und legte sie
zärtlich wie liebe kleine Kindlein in die Wiegen der Kistchen. Und war
der Schrank wohlverschlossen, so setzte er sich zu seinem Kassenbuche
und rechnete und rechnete, bis er wieder den Schrank aufschloß, das
Geld herausnahm und prüfte, ob wohl noch alles stimme. Die Tür zur
Wohnung im vierten Stocke hatte er mit Eisenblech beschlagen und mit
Wertheimschlössern versehen lassen. Aber trotzdem wagte er die Wohnung
kaum zu verlassen und in den Nächten fürchtete er sich vor den Räubern
und Mördern. Er magerte ab, er fühlte sich krank und in seinem Atelier,
das zwei Häuser weit von der Wohnung entfernt war, saß er selten und
überhaupt nicht mehr, um schöne Bilder zu malen, sondern um Geld zu
verdienen. Er verzichtete auch auf neue Kleider, weil die alten noch
gut waren; er begnügte sich mit der einfachsten Kost, weil sie am
gesündesten sei. Sein Gemeinsinn war pädagogisch geworden, er gab
kein Almosen mehr, weil das die Bettelei züchte, er verleugnete dem
Steueramt sein Einkommen, weil jeder ein dummer Kerl sei, der das nicht
tut. Er sperrte sich gegen fällige Posten, die von ihm zu zahlen waren,
weil es nobel ist, warten zu lassen. Und überhaupt, was nützt das liebe
Geld, wenn man es wieder ausgeben soll!
Manchmal aber brach in ihm die Wut los gegen das Ungeheuer, das ihn zum
elendesten Sklaven gemacht hatte. In solcher Verzweiflung nahm er sich
vor, alles wieder zu verschenken; aber das Beest hatte sich so fest an
seine Natur geklammert, mit widerhakigen Zähnen in sein Herz gebissen,
daß er nicht einen Gulden losbrachte. Er konnte sich von dieser Qual
nicht mehr befreien. Er ahnte, daß er daran zugrunde gehen würde, und
doch saß er wieder bei seinen Kistchen und zählte und ordnete.
Eines Tages ging er auf den Gemüsemarkt, um einzukaufen. Denn er
hatte sich entschlossen, die häuslichen Angelegenheiten persönlich
zu besorgen. Man kann sich auf fremde Leute ja nie verlassen.
Erstens kaufen sie viel zu teuer ein, zweitens betrügen sie noch
obendrein, drittens fordern sie alles mögliche und viertens hat man
überhaupt nicht gern unverläßliche Leute im Hause. Er hatte seinen
Handkorb schon ziemlich gefüllt, denn er pflegte gleich für die ganze
Woche einzukaufen, und feilschte eben noch um zwei Kilo Erdäpfel,
als mit ihren schmetternden Signalen einige Wägen der Feuerwehr
vorbeirasselten. Erst fragte Meister Sani erschrocken, wo es denn wohl
brennen könne? niemand wußte es. Die Stadt ist groß. So ging er ruhig
nach Hause. Je näher er kam, je erregter war heute das Straßenleben,
und als er um die letzte Ecke bog, sah er, wie aus den Fenstern seiner
Wohnung Qualm und Flammen wirbelten und darüber gerade der Dachstuhl
zusammenstürzte.
»Ist die Einrichtung gerettet?« schrie er dem Feuerwehrhauptmanne zu.
»I was! Wie soll denn da gerettet sein, wenn alles steinfest versperrt
ist. Aber die Nachbarswohnungen intakt.«
»Danke schön!« antwortete Meister Sani. Ganz ruhig, fast mit Behagen
sagte er es.
Nun war er wieder frei.
Er schaute den Flammen zu, die über seiner dachlos gewordenen Wohnung
aufstiegen. Glühende Sterne und Vöglein flogen empor -- Funken und
losgelöste Fetzchen. Flog da nicht sein Geld gegen Himmel? ... Es war
ordentlich fein zum Ansehen, er hatte seine Freude daran, wie dieses
höllische Geld so schön und fromm geworden war.
Als endlich das Feuer gedämpft war und Meister Sani gesehen hatte, daß
alles reinlich vertilgt worden, ging er in sein Atelier. Im Korbe hatte
er Schwarzbrot und einige Äpfel, davon aß er. Dann legte er sich auf
die hölzerne Bank und schlief -- wie von einer schweren Last befreit --
ununterbrochen neun Stunden lang und gut, wie ein leichtsinniger König.
Nachdem das Geld so mit Gotteshilfe überwunden war, erwachte in dem
Künstler wieder der göttliche Leichtsinn, der von Anfang an in seiner
Natur gelegen. Gerade die herrlich auflodernden Flammen hatten seinen
Schönheitssinn wieder erweckt und das Farbenleuchten übertrug er
auf seine Bilder. Diese stiegen noch einmal im Werte und begannen
neuerdings Geld ins Haus zu bringen. Aber er ging nicht mehr darauf
ein. Zweimal war's ihm gelungen -- ein drittesmal könnte es schief
gehen. Meister Sani gibt alles aus, was er einnimmt, und erst in seinen
alten Tagen, wenn sie überhaupt kommen, will er, seiner alten Passion
fröhnend, wieder anfangen zu sammeln -- auf öffentlichem Platze mit
gezogenem Hute -- kleine Münzen.
Ob es seine Verehrer zu einer ~solchen~ Münzensammlerei kommen
lassen werden, weiß man noch nicht. Wahrscheinlich.
Der falsche Himmelträger.
Zehn Sekunden lang hatte ich -- um im Volke Ärgernis zu vermeiden
-- mich mit vorgeneigtem Körper auf ein Knie gestützt. Als das
Sanktissimum vorüber war, richtete ich mich rasch auf und sagte zum
Professor, der hinter mir stand: »Na, kurios, wie man das Knien
verlernen kann! Noch zehn Sekunden lang und ich wäre ohnmächtig
geworden auf diesem Sandkorn, das sich so bereitwillig unters Knie
geschoben hat, um mir die Sünden abbüßen zu helfen. Und einst hielt
ich so was stundenlang aus, mit Leichtigkeit. Du weißt ja, die untere
Volksschichte steht sich besser beim Knien als beim Stehen. Merkwürdig
genug, daß gerade kleine Leute sich so sehr bücken müssen, um
durchzukommen.«
»Ja, lieber Freund,« antwortete der Professor, »davon wüßte ich auch
ein erbauliches Kapitel zu erzählen. Vom Bücken und Knien. Wenn
dem Künstler nicht ohnehin alles erlaubt wäre und er beliebig alle
möglichen Sünden haben könnte, damals hätte ich sie alle bezahlt. Ja,
der liebe Herrgott hätte mir noch was herausgeben müssen.«
Wir gingen am Fußsteige dem Bache entlang spazieren und er erzählte das
Erlebnis.
Du weißt, daß ich für das Frauenkloster die Altarstatue geschaffen
habe. Vor Jahren schon. Seither war mein Künstlerherz oft in jener
Klosterkirche bei den reichen Kunstschätzen, bei dem glanzvollen
Kultus und bei den anmutigen Gestalten der Schwestern und Novizinnen.
Die bekam man aber selten zu sehen, da dem profanen Erdenpilger die
heiligen Mysterien eines Frauenklosters möglichst verborgen bleiben
müssen. Nun kam aber der hohe Gedächtnistag der Gründung dieses
Klosters und der sollte durch ein großes Kirchenfest begangen werden.
Aller Glanz sollte aufgeboten werden, alle Schwestern, Jungfrauen in
ihrer Zier sollten im weißen Festgewande unverschleiert den Einzug
halten und in vielen Reihen sich um den Hochaltar gruppieren. Du kannst
dir denken, daß ich diesen Aufzug sehen wollte. So habe ich mich bei
der Oberin angemeldet und ersucht, dem Feste mit beiwohnen zu dürfen.
»Ja, mein geschätzter Herr,« sagte die Matrone, »das wird wohl nicht
gehen, da nach unseren Regeln kein fremdes männliches Wesen an unseren
Gottesdiensten teilnehmen darf.«
»Aber ehrwürdige Mutter,« sagte ich, »ich bin ja kein fremdes
männliches Wesen. Ich bin der Künstler, der von Ihrer Gottseligkeit
gewürdigt worden war, die Altarstatue zu verfertigen. Und sollte nicht
die Gnade haben können, bei der hohen Feier, die diesen erhabenen
Gegenstand betrifft, dabei sein zu dürfen?«
»Aber mein Gott, Herr Professor, wenn Sie so reden! Was machen wir denn
da? Sie sehen doch ein, daß ich eine unserer wichtigsten Ordensregeln
unmöglich übertreten kann.«
»Haben Euer Ehrwürden in Ihrer sonst so vollkommenen Anstalt kein
Hintertürchen, das zufällig offen bleibt und durch das ein frommes
Christenherz sich ungesehen hineinschleichen könnte?« So sagte ich halb
scherzend, denn die Oberin -- das war mir schon von früher her bekannt
-- versteht auch Spaß. Sie lächelte denn auch zu meinem Vorschlage,
drohte aber mit dem Finger; vor einem, der so redet, müsse man sich
erst recht in acht nehmen. Indes falle ihr ein Ausweg ein, der ihr
ermögliche, den Eintritt zum Festgottesdienst zu gestatten.
»Und der ist?«
»Sie müssen dafür etwas leisten.«
»Herzlich gern. Wie viel denn?«
»Nein, in Geld nicht,« rief sie fast fröhlich. »Aber an der Feier
mitwirken, wenn Sie das wollten. Können Sie an der Orgel den Blasebalg
treten?«
»Das Blasebalgtreten, ehrwürdige Mutter, wäre keine Kunst, wenn der
Blasebalg nicht gerade im Winkel hinter der Orgel wäre, wo man nichts
sieht.«
»Ach ja,« sagte die Äbtissin, »das ist wahr, da sehen Sie nichts.«
»Natürlich,« glaubte ich sogleich beisetzen zu müssen, »geht es mir
nicht bloß ums Sehen. Wohl auch der Erbauung wegen --.«
»Na na,« unterbrach sie mich, »das wissen wir uns schon zu reimen.
Die Künstler sind ja alle mehr oder weniger Heiden. Nun -- fällt mir
was ein. Wollen Sie Himmel tragen? Da wären Sie mitten im Einzug und
könnten alles gut sehen.«
»Himmel tragen? Das wäre schön, Euer Ehrwürden,« stotterte ich,
»allein, da werden gewiß andere sein, Bestimmte, Würdigere.«
»Es sind ihrer vier. Aber einer ist krank. Eine Stange ist
augenblicklich vakant. Dann hätte es weiter kein Bedenken.«
»Meinen ehrerbietigen Dank, aber ich muß mir's doch erst überlegen, ob
-- ob ich zu diesem ehrenden Amte nicht etwas zu ungeschickt bin.«
»So überlegen Sie sich's. Und lassen mir's bis morgen sagen. Der Herr
mit Ihnen.«
So die Unterredung mit der Oberin. Dann überlegte ich. Eine Stange
des viereckigen Baldachins tragen, unter dem ein wohlgenährter Prälat
einherschreitet. Ob sich das mit dem akademischen Künstler und dem
kaiser-königlichen Professor wohl verträgt? Aber das glänzende
Gepränge. Meiner Hände Bildwerk in einem Meere von Lichtern und Rosen.
Und dann die weißen Jungfrauen. Besonders die eine mit dem länglichen
Angesichte, die großen blauen Augen drin und die Wangengrübchen ...
Am nächsten Morgen, als ich auf dem Bette saß, während meine Frau mir
einen entsprungenen Knopf an die Weste heftete, begann ich über die
Sache mit ihr zu sprechen. Sie blickte mich befremdet an und sagte
endlich: »Mann, das soll wohl nur ein Witz sein? Mit drei Banausen
Himmel tragen -- du!«
»Das einzige Mittel, um diesen interessanten Aufzug mit ansehen zu
können.«
Sie lachte laut, sehr laut und grell -- fast widerwärtig.
»So ein Künstler hat seine Sachen,« sagte ich. »Man bedarf Anregung.«
»Die du zu Hause natürlich entbehren mußt!«
»Und gerade will ich diesen Aufzug sehen.«
»So tu's eben.«
»Ist verboten, wie gesagt. Ist nur erlaubt, wenn ich etwas zu der
Begehung leiste. Wir haben beraten, die Oberin und ich; es gibt kein
anderes Mittel, als daß ich eine Stange des Baldachins übernehme.«
»Im roten Radmantel natürlich!« lachte sie.