Was da aufsteht, das wird von der Menge mit Jubel begrüßt, was

hinfällt, mit Schreck und Klage bestattet. Der Schauende jubelt

nicht, erschrickt nicht und klagt nicht. Er weiß: diese Schürzungen

und Lösungen sind selbstverständliche Vorgänge am Webstuhl. Er sieht

den Wandel und Wechsel im kleinen, er empfindet mit, wie die einzelne

Kreatur vergehend aufschreit: Ich sterbe, jetzt ist alles aus! Und

doch ist nichts aus; alles flutet im gleichen mächtigen Lebensstrom

weiter dahin und der Lebensstrom ist und bleibt so urfrisch wie am

ersten Schöpfungstage. -- Dieses Sehen hat den Schauenden verwandelt.

Er war Stoffwesen und ist ein vergeistigter Mensch geworden; er steht

gleichsam außerhalb des Schlagbalkens, der die Fäden aneinanderstößt;

er schaut vergnüglich dem Weber zu. Aber wenn er ihn fragt: »Meister,

wozu das viele Tuch, das du webest und auf die Rolle windest?«, so

bekommt er keine Antwort.

* * * * *

Vor etlichen Jahren war ich eines Tages an der Reichsstraße in eine

Hütte eingekehrt. Eine armselige Hütte, in deren Mauerspalten Gras

keimte. An der schiefwinkligen Tür, deren Fugen mit Moos verstopft

waren, klebte ein Blatt Papier, auf dem in ungefüger Handschrift die

Worte standen: »Hotel zum Napoleon«. In der Hütte saß ein alter Mann in

einem Zwilchkittel, aber barfuß. Er hatte einen schönen weißen Bart,

einen Holzblock zwischen den Händen und stampfte im Bottich Vogelbeeren

ein. Meine Anfrage, ob ich während des Gewitterregens in seinem Haus

Unterstand halten dürfe, wurde damit beantwortet, daß der Alte Körbe

und Stiefel von der Wandbank wegräumte, auf daß der Gast sich behaglich

niederlassen könne. Sogar einen Lodenmantel rollte er zusammen zu einem

Hauptkissen, falls ich mich ein bißchen hinlegen wollte. Ich sei,

meinte er, gewiß schon weit gegangen und hingestreckt ruhe sich der

Wandersmann am besten aus. Auch in der ewigen Ruhe verlege sich der

Mensch aufs Liegen.

»Hab' mir's gleich gedacht, daß das ein vornehmes Hotel ist, das Hotel

Napoleon,« sagte ich spaßend.

»Das wohl; nobel sind wir schon!« Der Alte lachte und goß aus einer

großen Flasche eine wasserklare Flüssigkeit ins kleine Kelchgläschen,

das er vor mich auf die Tischecke stellte.

Auf meine nähere Erkundigung nach der Geschichte dieser Firma

antwortete er: »Will der Herr die zwei Dukaten sehen, die der Napoleon

meinem Vater hat auszahlen lassen?« Und mit dem dürren Finger

durchs Fenster zeigend: »Dort, wo jetzt der Brennofen steht, beim

Hollerbuschen, ist die Schmiede gestanden. Von gestern und vorgestern

rede ich nit. Ist ja mein Vater noch ein junger Bursch gewest.

Hufschmied an der Straßen. Ein gutes Geschäft dazumal. Wenn auch nit

gerade jeder fürs Pferdebeschlagen drei Dukaten hat gegeben wie der

Franzosenkaiser, als er vorbei ist geritten gen Graz. Später, als es

mein Vater erfahren, wer der kleine Reiter ist gewesen, hat er freilich

die Dukaten auf den Steinhaufen geschleudert. Und noch später, viel

später, wie es geheißen hat, der große Napoleon sei auf eine Insel im

Weltmeer verstoßen worden, hat's die Leut' umgewendet und mein Vater

hat den Steinhaufen abgetragen. Zwei hat er richtig wiedergefunden von

den Goldstücken; und die sind in der Familie verblieben zum ewigen

Andenken.«

Es wollte mir nicht übel gefallen, daß dieser Hufschmied, entgegen

dem Weltbrauch, den Mächtigen gehaßt und den Unglücklichen geehrt hat.

Ich nahm einen Schluck von der klaren Flüssigkeit. Das war Feuer,

eines Hotels Napoleon würdig. Es regnete stundenlang, der Weg bis

zum nächsten Bahnhof war nachher immer noch leicht zu machen und so

verlor ich mich mit dem frohen alten Mann in ein anmutiges Gespräch,

während er mit dem Kolben im Bottich seine Vogelbeeren stampfte. Dort,

wo angeknüpft war, erzählte er weiter. Sein Vater habe neben der

Schmiede eine Schänke aufgetan, damit den Fuhrleuten, die etwa in der

Reihe auf das Pferdebeschlagen zu warten hatten, die Zeit nicht lang

werde. Aus der Schänke sei allmählich ein Wirtshaus geworden und aus

diesem ein großer Gasthof, wo alle Fuhrwerke und Herrschaftkutschen

Einkehr gehalten. Um diese Zeit sei er, mein jetzt so weißbärtiger

Mann, ans Licht gekommen, gehegt und erzogen und »von den Leuten

verhunzt wie ein Prinz«. Der einzige Sohn des reichen Napoleonwirtes!

Denn so hat der Gasthof geheißen und die Deutschen sind lieber beim

»Napoleon« eingekehrt als beim »Kaiser Rotbart« auf der nächsten

Poststation, weil beim Napoleon eben der Wein besser gewesen. Dann

kamen die Eisenbahner ins Land. Da gab es Fuhrwerk über die Maßen und

ungeheuer viel Geld. Die Leute hatten nur so gelacht dazu, obwohl

ihnen der Strick schon um dem Halse lag. Aber er war noch locker.

Der Napoleonwirt selbst hatte Tag für Tag vierundzwanzig schwere

Pferde auf der Straße und am Tag der Eisenbahneröffnung saß er an der

Ehrentafel fast ganz oben in der Nähe der hohen Herren und einer von

ihnen feierte ihn durch einen Trinkspruch als den König der Straße.

Das war vielleicht ein unbeabsichtigter Spott; aber ein großer. König

der Straße hieß in diesem Fall König ohne Reich, denn wenige Jahre

später: und auf der Straße konnten sich Schafe satt weiden. Der alte

Napoleonwirt kränkte sich sehr darüber, daß die Eisenbahn, die er so

emsig miterbauen half, so treulos war. Kein Mensch, sagte er, sei noch

so grob betrogen worden wie er, der Napoleonwirt. Der Eisenbahnzug,

der oben am Berghang hinrollte, pfiff auf ihn herab und kein Gesetz

kümmerte sich um die Straße. Ohne gewöhnlich andere Gäste zu haben als

manchmal einen durstigen Nachbar, wirtschaftete er in seiner Weise noch

eine Weile fort; und als er endlich Haus und Hof verkaufte, geschah es

gerade so, daß die Gläubiger keinen Schaden hatten. Da meinte der alte

Napoleonwirt, für ihn sei es nun die höchste Zeit, zu sterben, denn

ein paar Jahr später hätte es nicht einmal mehr für einen Grabstein

gereicht. Ein Leben ohne Nachlaß und ohne Grabstein hätte er für die

überflüssigste Arbeit von der Welt gehalten.

Und der junge Mensch, der Sohn, stand nun allein auf der Straße.

Manchmal saß er auf der Bank vor der verfallenden Schmiede und

beobachtete die Leute, wie deren doch von Zeit zu Zeit wieder

vorüberkamen. Und wenn er sich so ins Schauen verlor, da war ihm

anfangs, als vermöge er den Insassen des Viergespannes und den

hinkenden Handwerksburschen nicht zu unterscheiden. Es sei denn,

daß dieser einen munteren Marsch pfiff und jener ein gelangweiltes

Gesicht machte. Und dann wieder zu sich kommend, fragte er: »Was

tue ich jetzt? Am vollen Trog habe ich schon gesessen.« Nichts war

davon übrig geblieben als der Nachteil, daß ihn nun der leere doppelt

verdrießen konnte. Doch er verdroß ihn nicht eigentlich. Er war gegen

alle weiteren Unfälle gut versichert bei der Assekuranzgesellschaft

Habenichts & Co. Der Pfarrer seines Ortes hatte einmal gepredigt, der

Christ solle dem Geiste leben. Und weil er das nicht weiter erklärte,

so legte der Zuhörer es sich selber zurecht. Es wird auch am besten

sein. Das braucht kein großes Betriebskapital. Ich will dem Geist

leben. Und gründete eine kleine Branntweinbrennerei. Die Wurzeln,

Beeren und Abfälle, aus denen er den Geist zog, hatte er umsonst; er

brauchte sie nur zu sammeln, manchmal dafür ein »Vergelt's Gott!« zu

sagen und ein »Stamperl Branntwein« zu versprechen. Wenn dann der

Nachbar kam, um ihn zu trinken, griff er doch in den Sack; denn man

hatte den fröhlichen Burschen nicht ungern und vermutete, daß er

auch ein bißchen leben wolle. Er scheint auch in seiner Unterhaltung

Geist geschenkt zu haben und nicht etwa Fusel, wie mancher zünftiger

Ritter vom Geist zu destillieren pflegt. Da das große Einkehrhaus

an der grünen Straße keine rechte Verwendung mehr finden konnte, so

wurde es abgetragen und aus seinen Ziegeln am Bahnhof eine Waggonhalle

erbaut. Nur die alte kleine Schmiede blieb stehen, um dem einzigen

Übriggebliebenen zur Brennerei zu dienen. Das Wohnhaus dazu hatte er

sich aus dem Fachgebälk des abgetragenen Gasthofes selbst gezimmert.

Und hier lebte der Mann nun gelassen dahin, länger als fünfzig Jahre.

Er war Zeuge, wie sich in dieser Zeit alles mehrmals umstürzte. Die

Menschheit machte Purzelbäume. Stand sie auf den Füßen, so behauptete

sie, die einzig richtige Grundlage für den Fortschritt sei der Kopf;

und stand sie auf dem Kopf, so klagte sie, daß alles in der Welt

verkehrt sei. Der Schauende stand abseits und war ein wenig verblüfft.

Nicht der Wandel befremdete ihn, sondern die Stetigkeit der Kreatur.

Trotz allem unbegreiflichen Wandel blieben die Leute sich gleich.

Bauten diese Leute Häuser, so tranken sie Branntwein, um Kraft zu

gewinnen. Brannten die Häuser nieder, so tranken sie Branntwein,

um sich zu trösten. Die Felder wurden zu Wald: die Leute tranken

Branntwein und wanderten aus. In den Wildnissen streiften Jäger und

tranken Branntwein. Und der Alte machte seinen Branntwein gerade so,

wie man ihn vor so viel hundert Jahren gemacht haben mag. Und auch wo

sie es anders machen, ist's im Grunde dasselbe. Alles kreist um den

Punkt; und dieser Punkt rührt sich nicht vom Fleck. Zur Zeit der Ritter

war es Mode geworden, in Kutschen zu fahren; zur Kutschenzeit ist es

Sitte geworden, auf der Eisenbahn zu reisen; in der Eisenbahnzeit wurde

es nobel, den Motorwagen zu hetzen; zur Zeit des Motorwagens wird es

vornehm sein, im Luftschiff zu fliegen; und zur Zeit des Luftschiffes

werden die Herren plötzlich finden, das Vornehmste, das Stolzeste, das

Ritterlichste sei das Reiten auf dem Pferd. Dann ist man rund herum.

Ein Ringelspiel wie auf Jahrmärkten. An einzelnen Stellen wurde wieder

gerodet, wurde wieder gebaut: und immer tranken sie Branntwein und

haschten nach Habe, nach grobem Genuß und waren stumpfsinnig für alles

andere. So war die Masse immer gewesen und das Erdbeben der jungen Welt

hatte wenig geändert. Die Masse ist Rohstoff, an dem die Wetter der

Zeiten immerwährend formen und zerstören. So streute die Natur ihren

Menschenstaub auch wieder einmal auf die Straße. Eines Tages kam der

närrisch gewordene Scherenschleifer und der sausende Teufel. Der erste

ein Reiter ohne Roß, der zweite ein Roß ohne Reiter. So der wörtliche

Ausdruck des Alten; ich kann mir nur denken, daß damit die Radfahrer

und Autofahrer gemeint sein sollten. -- Und so, fuhr er fort zu sagen,

habe sich seit fünfzig Jahren allerlei hingeändert und zurückgeändert,

im Weltkasten sei alles ganz toll durcheinandergerüttelt. Aber die

Zwetschken, seien sie braun oder blau, süß oder herb, frisch oder faul:

der Kern sei gleich geblieben. Es sei derselbe harte Kern mit etwas

Gift im Innern. Der Mensch turne und bade, »doktere« und schneide

an sich grausam herum, sei aber inwendig der Alte geblieben. Vor

Zeiten habe eines Tages ein armes Weib verschmachtend an der Straße

gelegen und ein vornehmer Vierspänner sei lustig vorübergefahren. Vor

einigen Wochen habe da unten bei der Telephonstange Nummer 321 der

Blitzschlag einen alten Hausierer betäubt und ein Automobiler sei

lustig an ihm vorübergefahren. Einen Menschen aufheben und laben: Das

kann man von so einem nicht verlangen. Muß noch froh sein, wenn er

selber keinen niederrennt. Ja, der Kern ist hart und ein wenig giftig.

Aber abgewöhnen mag man sich's doch nicht, das Zwetschkenessen. Das

Auswendige nascht man und auf den Kern läßt man sich nicht ein. Dann

bleibt man halt abseits stehen und schaut zu. Und brennt Geist.

Während solcher Reden hatte der alte Schnapsbrenner mir einen

angeschnittenen Laib Weißbrot vorgelegt und mich eingeladen, die

Stiefel auszuziehen, damit sich die Füße besser ausrasten könnten. Ja,

er stellte sich ausgespreitet hin und wollte sie mir von den Beinen

reißen.

Ich lachte und sagte ihm offen, was mich wunderte. Daß er bei seiner

Weltverachtung noch so gut sein könne. Ich sei in seinen Augen ja auch

nichts anderes als ein Körnchen des Menschenstaubes auf der Straße. Da

fuhr er munter in die Höhe: »Ja, glaubt Ihr denn, Ihr bekommt das alles

geschenkt? O, das Hotel Napoleon ist ein gar teures Hotel!«

»Ich hoffe, daß Ihr Euch die Sachen bezahlen lassen werdet.«

»Bezahlen! Geht mir weg mit dem Wort Bezahlen! Allerlei Geist habe ich

Euch vorgesetzt. Guten Geist!« fügte er mit ernsthafter Miene hinzu.

»Und seit wann tut man den Geist mit Ziffern und Zahlen ab, seit wann?

Ich denk', Ihr werdet Euch selber dalassen müssen. Ich denk' wohl.«

Der Gewitterregen war vorüber, die Straße hatte kalkgraue Tümpel

und die Sonne schien wieder drein. Als ich zu Dank und Abschied dem

Alten die Hand reichen wollte, nahm er sie nicht an. »Bleiben wir nit

beisammen?« sagte er. »Wir bleiben ja beisammen!«

* * * * *

Damals dachte ich, er spreche doch Unsinn, manchmal. Heute denke ich

das nicht. Über zwei Jahre sind seitdem dahingegangen, in jene Gegend

kam ich nicht mehr, den Alten habe ich nicht mehr gesehen: und doch

muß ich oft, sehr oft an ihn denken. Ja, so oft ich selbst mich als

Weltbeschauer empfinde, muß ich an jenen Schauenden denken. »Wir

bleiben beisammen!« hatte er gesagt. Es dürfte stimmen. Ich war an

seiner Weisheit hängen geblieben.

Aber, mein lieber alter Geistbrenner, es wird uns nicht viel helfen.

Wenn wir zwei uns auch außerhalb des sausenden Webstuhles stellen,

einer links und der andere rechts, und dem Weber mit Fadenknüpfen

Handlangerdienste zu leisten vermeinen: wir sind doch mitten im Gewebe;

nur sind wir als Fäden vielleicht widerhaariger als andere und bilden

häßliche Knoten. Alle miteinander machen wir das liederliche Tuch aus.

Der ordentliche Augustin.

Als der Vater Augustin Kernschimmlers sein vierzigjähriges

Geschäftsjubiläum beging, sagte der Festredner unter anderem auch

die großartigen Worte: »Unser teurer Jubilar nährte andere und wurde

selbst fett, machte andere wohlhabend und wurde reich dabei. Sein

Glück gründet auf seinen Tugenden!« Und Sekt darauf. -- Denn der Vater

Augustin Kernschimmlers war Bäcker und Fleischermeister gewesen --

der einzige in dem Städtlein. Als einziger Fleischer hatte er die

einzige Bäckerin geheiratet, und Augustin war von diesem einzigen

Paar das einzige Kind. Jemand behauptete, der Vater habe das aus

Geschäftsrücksichten so eingerichtet, denn er konnte keine Konkurrenten

leiden und wollte dem lieben Söhnlein auch die Konkurrenz von

Geschwistern ersparen.

Als nun bei dem oben erwähnten Jubiläum das Wochenblatt einen

Festartikel über die Doppelfirma brachte und sogar die Bildnisse des

verehrten Ehepaares Kernschimmler, da war es plötzlich ausgemacht, daß

der kleine Augustin weder Fleischer noch Bäcker werden dürfe, sondern

ein Doktor oder Professor, womöglich ein sehr berühmter. Zwar sagte

der Vater zu seiner Frau, berühmt werde man ja auch als Fleischer, was

eben der große Festartikel und das mit einem Lorbeerkranz umgebene

Doppelbild des Jubelpaares im Wochenblatte bezeuge. Sie wußte das

freilich besser, sagte es aber nicht, daß ihr die Veranlassung zu

diesem illustrierten Festartikel runde hundert Gulden von ihrem

Nadelgelde gekostet hatte.

Der Augustin kam in die Stadt, ins Gymnasium, und ward ein sehr

ordentlicher Student. Seine Schulbücher hatten nicht ein einziges

Eselsohr, doch bei den Examinationen ging es manchmal nicht ab ohne

jegliche Erinnerung an das populäre Tier, auch wenn es nicht just

Zoologie gab. Die Mutter schickte dem Söhnlein häufig Geräuchertes,

Milchbrot, Krapfen und Zwieback, vor allem Powidlkuchen, die er so

gerne aß. Einen Teil dieser guten Dinge verzehrte der Junge, der andere

verschimmelte ihm im Nachtkästchen, der seine Vorratskammer war.

Und als der Rest verschimmelt war, verzehrte er ihn auch, schon aus

Ordnungsliebe und weil es ihm leid tat, die mütterlichen Liebesgaben

wegzuwerfen. Seine Schulhefte waren stets wie neu und die Schriften

und Ziffern wie gestochen, nur recht oft unrichtig. Über Fleiß und

Sittlichkeit sangen seine Zeugnisse wahre Lobeshymnen, im übrigen

jedoch gaben sie ihm Anlaß zur Unzufriedenheit mit den Professoren.

So kam der Tag der Reifeprüfung. Die schwarzen Kleider mit dem

Seidenzylinder hatte der junge Kernschimmler sich schon am Vorabend

auf das musterhafteste zurechtgerichtet, also auch im Notizbuche die

Gegenstände, in denen er bereits geprüft war und noch geprüft werden

sollte, mitsamt den erhaltenen und zu erhoffenden Noten sorgfältigst

aufgeschrieben. Als er nun auf der Gasse schon nahe dem Schulgebäude

dahinging, bemerkte er mit Entsetzen, daß seine Stiefel nicht frisch

gewichst waren. Er kehrte in seine Wohnung zurück, fand aber weder die

Quartierfrau vor, sie war auf den Markt gegangen, noch den Schlüssel

zum Schrank, wo das Stiefelputzzeug aufbewahrt lag. Er mußte also zum

Krämer und zum Bürstenbinder, um Wichse und Bürsten zu kaufen und

dann die Beschuhung selbst in einen des Tages würdigen Zustand zu

versetzen. Als er hernach die Stiefel wieder an die Beine zog, riß sich

an einem derselben eine Strupfe los. Man sah zwar den Schaden hinter

der Hose nicht, aber der junge Mann konnte keine Schlamperei leiden,

er ging zu seinem Schuster, der die kleine Angelegenheit auch zur

besten Zufriedenheit schlichtete. Als er hernach an den Lehrsaal kam,

schritten die Kollegen und Professoren gerade zum Tore heraus, die

Abgangsprüfung war vorüber. Augustin hatte nun ein ganzes Jahr Zeit, um

vor seiner Prüfung vielleicht auch noch andere Mängel, als die an den

Kleidern, zu beseitigen.

Mittlerweile starben rasch hintereinander seine Eltern. Der Schlag

würde für den guten Jungen vernichtend gewesen sein, wenn nicht durch

denselben in Haus und Geschäft eine Welt von Unordnung aufgetaucht

wäre, die in Ordnung gebracht werden mußte. Das zerstreute ihn ein

wenig. Das Ordnungmachen dauerte aber Jahr und Tag, und mich wundert es

nicht, daß darob die Reifeprüfung ganz und gar vergessen worden war.

Augustin Kernschimmler fand sich plötzlich allein auf der Welt,

aber als Erbe eines großen Fleischergeschäftes und einer Bäckerei,

die sich auch auf Mühle und Kornhandel verzweigte. Die Mühle und

die gewerblichen Rechte verkaufte er, ebenso auch die Grundstücke;

die beiden alten Häuser aber, das Fleischerhaus des Vaters und

das Bäckerhaus der Mutter, behielt er aus Gründen der Pietät, und

seine Lebensaufgabe bestand von nun an darin, diese Häuser und ihre

Einrichtung in Ordnung zu halten. Jahraus, jahrein beschäftigte er

eine Anzahl Dienstboten, um die Möbel abzustauben, die Spinnweben von

den Ecken zu fegen, den Schwamm im Fußboden zu vernichten und alles

Geschirr und Gezier blank und rein zu erhalten. Er konnte sich nicht

entschließen, irgendein Kleidungsstück seiner Eltern wegzugeben, die

Dienstboten rangen für und für einen wahren Verzweiflungskampf mit

den Motten und anderem Insekt, aber mit Kampfer und anderen Mitteln

gelang es immer noch, die Sachen zu erhalten, so daß sie in ihren

Schränken und Kästen genau so liegen und hängen konnten, wie sie zu

Lebzeiten oder beim Tode seiner Eltern gelegen oder gehangen waren.

Die Wohnungen der beiden Häuser waren denn auch stets in dem Zustande,

die ehrenwertesten Besuche zu empfangen, die nicht kamen. Auf der

Fleischbank konnte zu jeder Stunde geschlachtet, im Ofen jeden Tag

gebacken werden, es war alles dazu in bester Bereitschaft. Geschlachtet

und gebacken wurde aber nicht. Doch, so fleißig auch gelüftet wurde, es

war ein Modergeruch vorhanden, und die Schritte des Wandelnden hallten

lauter in den Wänden als anderswo.

Kernschimmler war ein stattlicher Mann geworden, dem außer Hause seine

wunderliche Art nicht einmal angesehen werden mochte. Er pflegte sich

gut und kleidete sich stets mit peinlicher Genauigkeit, freilich

nicht gerade nach der Mode, aber doch mit gutem Geschmacke und mit

größter Akkuratesse. Wenn an einem Kleidungsstücke ein Knopf verloren

ging, so mußte seine alte Dienerin von Schneider zu Schneider, von

Krämer zu Krämer laufen, um genau den gleichen aufzutreiben, und wenn

das nicht glückte, so wurde das ganze Kleidungsstück dem Trödler

übergeben. Sein Aus- und Eingang war pünktlich, wie eine Uhr, sein

Verkehr mit Bekannten verbindlich, aber gemessen, im Gespräche stets

der gleichen Worte und Redewendungen sich bedienend. Alle Samstage ging

er des Abends in heitere Gesellschaft, lachte aber nur, wenn bei ihm

Lachenszeit war, nämlich der Ordnung halber bloß bei bestimmten, stets

wiederkehrenden Späßen. Neue Witze mochten besser sein, er machte keine

Ausnahme von der Regel.

Er hätte sich zurzeit -- denn die Weiber garnten um und um --

sicherlich verliebt, allein das lag nicht in seiner Tagesordnung, und

wie er schon so sehr dem Gesetze der Trägheit unterworfen, so wäre nach

dem einmaligen Verlieben zu befürchten gewesen, er könnte sich der

lieben Ordnung halber jeden Tag wieder verlieben.

Augustin Kernschimmler war unverheiratet geboren und blieb also

unverheiratet. Er lebte so nach seiner Art behaglich und zufrieden

dahin und eine Entgleisung von dieser Lebensbahn schien ausgeschlossen.

Da -- in seinem sechsundvierzigsten Lebensjahre -- erkrankte er.

Es geschah so allmählich, so sachte, daß er die Ordnungswidrigkeit

nicht einmal inneward. Er wurde ein wenig magenleidend, dann ein

wenig leberleidend, hernach ein wenig halsleidend, endlich ein wenig

brustleidend. Seine große Sorge war, die Erscheinungen, die er an sich

wahrnahm, ordentlich zu verbuchen und vom Arzte die lateinischen oder

griechischen Namen dafür zu erfahren. Damit konnte der Doktor recht

sehr aufwarten. Wenn es aber einmal nicht stimmte, wenn der Doktor

und die medizinischen Werke, die Kernschimmler genau studierte, sich

widersprachen, dann war er gebrochen. Als es sich aber sachte, doch

haarscharf auf eine Lungensucht wies und alle Anzeichen dazu auf das

glänzendste auftraten, da rieb sich der gute Kernschimmler fröstelnd

die Hände, vergnügt darüber, daß doch noch wenigstens bei schweren

Krankheiten eine gute Ordnung obwalte. Sicherheitshalber hatte er

mehrere Ärzte rufen lassen, und alle stimmten darin überein, daß der

rechte Lungenflügel ganz kaput, der linke noch fast zur Hälfte intakt

sei. Eine Frage der Zeit. In der Bestimmung dieser aber widersprachen

sich die Herren, die gutmütigeren gaben ihm Monate, sogar Jahre, die

berühmten gestanden fast derb, daß es sich nur noch um Tage handeln

könne. -- In Gottes Namen! Es liegt ja in der ewigen Ordnung der Natur,

daß der Mensch sterben muß. Wenn's jedoch wirklich schon ernst ist,

dann frägt es sich um die testamentarischen Angelegenheiten. Ein

paar Verwandte, etliche gute Freunde werden ja wohl so gut sein, die

Hinterlassenschaft in Empfang zu nehmen und ordentlich zu verwalten.

Die hohe Erbsteuer ist nicht in Ordnung und ist das überhaupt ein sehr

umständlicher Weg durch Behörden und Advokaten, dessen Ausgang mancher

Erbe gar nicht erlebt. Da wird's vernünftiger sein, die Sachen unter

der Hand zu verschenken.

Also hat Augustin Kernschimmler am nächsten Tage seine entfernten

Vettern und Muhmen und einige gute Bekannte der Samstagsgesellschaft

zu sich beschieden. Wäre schier zu spät gewesen, er hatte kaum noch

eine vernehmliche Stimme, es versagte ihm schon der Atem. Zur Not

wenigstens das wichtigste: Die Häuser gehören den Verwandten, die

Einrichtungsstücke den Freunden, das vorhandene Papier der Gemeinde

für wohltätige Zwecke. Das alte Gewand in den Schränken soll verbrannt

werden.

Die Beschenkten weinten vor Rührung, vor freudiger. Wer seine Sachen

mitnehmen konnte, der nahm sie gleich mit. Der Sterbende konnte sich

nun auf die andere Seite legen -- es war in Ordnung.

Am nächsten Morgen erwachte er später als sonst. Ah, das war ein

erkleckliches Schläfchen gewesen, diesmal. Er fühlte sich nachgerade

erfrischt. -- Nun muß aber der Erzähler sich sputen mit der

Entwicklung, sonst errät es der Leser vorwegs, wo es hinaus will. Also

gut, der Augustin Kernschimmler wurde wieder gesund, stocksteingesund,

so gesund, als er vorher nie gewesen. Und war arm wie eine Kirchenmaus,

wenn der Küster die Wachskrusten von den Leuchtern geschabt hat. Er

hatte ja alles verschenkt und es war in Ordnung.

So ein Testament ist doch ein gutes, kluges Ding. Man gibt sein

Vermögen so selbstlos, so großmütig hin -- aber erst, wenn man es

selber nicht mehr braucht. Das, was einer im Testament voll Edelsinn

und Barmherzigkeit jemand vermacht, kann er unbedenklich aufbrauchen,

da ist keine Pflicht vorhanden, es über den Tod hinaus zu bewahren,

damit jenem, dem es vermeint gewesen, das auch richtig zukomme.

Testamentarisch vermachte Sachen bleiben Eigentum des ursprünglichen

Besitzers, solange er lebt; nach dem Papier kann man ganze Häuser

vererben, die der Erblasser mittlerweile vertrinkt oder verspielt.

Sonderlinge · 第 2 / 27 段