Da er hoch auf dem Sockel der Götter saß, so hatte er an ein

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Sonderlinge

Von

Peter Rosegger

Achtundzwanzigste bis zweiunddreißigste Auflage

(Der neubearbeiteten Ausgabe elfte bis fünfzehnte Auflage)

[Illustration]

1922

L. Staackmann Verlag Leipzig

Alle Rechte vorbehalten

Druck von C. Grumbach in Leipzig.

Inhalt.

Seite

Vorwort 5

Karl der Große 7

Der Fischer im Olymp 18

Der Geistbrenner 32

Der ordentliche Augustin 42

Meister Sani 51

Der falsche Himmelträger 59

Der unglückliche Kammerdiener 68

Die Einsiedler 76

Ein Wildling Christi 90

Der mißratene Evangelist 109

Der alte Adam 121

Der Säemann 130

Der scheltend' Schuster 136

Herr Trotzkopf, der Heiratsbeflissene 142

Der Samer-Sim 150

Der Zillacher-Anderl 155

s' Guderl 162

Der Figurlmacher 182

Der junge Geigenspieler 192

Der singende Schabelwirt 209

Das reiche Waldschulmeisterlein 224

Der Orgler zu Sankt Thomas 241

Der Naturfreund 247

Der lange Rauk 258

Hans Johanns Hauptsache 269

Der Himmelherrgottswirt 279

Herr v. Florin 289

Der Steinschädel 300

Der Feuermann Balthasar 309

Herr Meyer, der Belehrende 317

Ein Mann, ein Wort 327

Hauptmann Alles 339

Die Tafelrunde der Berühmten 348

Der Mann mit den dreizehn Talern 361

Der glücklichste Mann von Graz 401

Der Waldteufel 405

Vorwort.

Wenn man die Menge betrachtet, sind fast alle Leute gleich. Und wenn

man in den Einzelnen schaut, ist fast jeder ein Original. Man soll auf

allen Bäumen der Welt ja nicht zwei Blätter finden, die ganz gleich

sind, und im unermeßlichen Menschenwald ja nicht zwei Gesichter, die

in gar nichts verschieden wären. Jeder Mensch existiert nur in einem

einzigen Exemplar.

Ganz so sind die Sonderlinge dieses Buches nicht gemeint. Das

sind vielmehr wunderliche Charaktere, durch Naturanlage, äußere

Verhältnisse, besondere Weltanschauungen und Leidenschaften so

gebildet. Bevorzugt habe ich die Harmlosen, Humorvollen, Gut- und

Edelherzigen, besonders die froh verzichtenden Weltabweisenden, die

meine Lieblinge sind. Aber es gibt auch finstere, dämonische Gesellen

darunter; dann solche mit genialer Begabung und solche, die im Volk

»halbe Narren« genannt werden, weil sie ganze Weise sind. Oft auch

Menschen, die ihren Beruf verfehlt haben, oder die so eckig sind,

daß sie sich in keinen einordnen lassen. Solche grollen dann gerne

mit der Welt, führen ein verkümmertes, wunderliches Dasein. Manche

machen sich aus Kleinlichkeit ein absonderliches Leben, manche aus

Weltüberlegenheit.

Gefunden habe ich derlei Leute nicht, denn ich habe nie nach ihnen

gesucht. Auf langem, reichlich gewundenem Lebensweg und mit einem

Auge für innere Eigenarten begegnet man ihnen auch so. Manche, die

Plaudersamen, sich selbst Ausspielenden machen es einem leicht, sie zu

fassen; nur darf man sich nicht zu sehr foppen lassen. Dann hängt man

ihnen gern einmal ein anekdotisches Mäntlein um. Etliche sind mir bloß

erzählt worden und ein paar sind mir im Traume untergekommen, weniger

aus der Umwelt, als aus mir selbst hervorgegangen.

Und so ist eine wunderliche, gemischte Gesellschaft zusammengekommen,

die sich gewiß nirgends anders als im duldsamen Buche miteinander

vertragen würde.

~Der Verfasser.~

Karl der Große.

Karl Oberbergbreitebner war so groß, das der Witz seiner Dorfgenossen

zwei aus ihm machen wollte, einen Langen und einen Dicken. Wäre noch

auf einen Dritten etwas übrig geblieben, so hätte ich für einen Klugen

gestimmt. Karls Gehirn war entweder so klein, wie bei einem Huhn, oder

so groß, wie bei einem Büffel. Doch hatte er sein Lebtag nie etwas

Dummes gesagt, denn er sprach nicht viel, hatte nie etwas Albernes

gedacht, denn er dachte nicht, er handelte bloß. Er hätte aber auch das

tollste Zeug schwatzen können, seine Körperstärke war so groß, daß er

kaum viel Widerspruch erfahren haben dürfte. Zwei derbe Arme sind eine

doppelte Beweisführung.

Karl war der Sohn des Dorfschneidermeisters, hatte das ehrwürdige --

nein, das ist zu viel -- das ehrsame Handwerk des Vaters gelernt und

ging mit diesem, einem kümmerlich kleinen und hageren Männl, auf der

Ster um, von Hof zu Hof. Seit sein Karl groß geworden war, konnte das

Meisterlein die entlegensten Höfe auch zur Winterszeit bei Schnee und

Sturm besuchen. »Pack mich, Karl!« sagte er, und Karl nahm ihn auf

den Rücken oder unter die Achsel und trug ihn gemächlich bergauf und

talab; doch mußte der kleine Alte dem großen Jungen fortwährend den

Weg zeigen. Karl konnte nicht Kleider anmessen, nicht zuschneiden,

überhaupt selbständig nichts fertig machen. »Das nähe!« sagte sein

Vater, und er nähte es, aber auch um keinen Stich mehr und keinen

weniger. »Das bügle!« sagte sein Vater, und wenn er ihm eine lebendige

Katze hingehalten, so hätte er sie gebügelt. Wozu das Nähen und wozu

das Bügeln? Ich glaube nicht, daß Karl jemals auch nur im Gedanken

danach gefragt hatte. Warum auch?

Aber die Leute schätzten seinen Wert. Wenn irgendwo ein großer

Holzblock zu schleifen, ein schwerer Stein zu wälzen oder eine

Kohlentracht zu schleppen oder eine andere Last zu bewältigen war, so

schickte man nach dem Schneider.

Da kam eines Tages eine Stadtherrschaft ins Dorf gefahren, mit der

Absicht, den Hochstandel zu besteigen. Nun war aber der Hochstandel ein

stattlicher Berg und die Dame der Herrschaft eine stattliche Frau, ein

Gleich und Gleich, das sich nicht gerne gesellt. Ein alter, magerer

Herr und die zwei munteren Töchterlein waren mutig, die stattliche Frau

jedoch ließ Umfrage halten nach einem Wagen, um auf den Hochstandel

zu fahren. Wägen leide der Berg nicht, wurde ihr gesagt; Maultiere,

Esel oder dergleichen zum Reiten seien auch nicht vorhanden, hingegen

lebe im Orte ein Schneider, der die Stelle genannter Vierfüßler recht

gern übernehme und die Frau auf den schönen Berg tragen wolle. -- Ein

Schneider! Die vierfältige Herrschaft rümpfte ihre Nasen, ließ aber

doch den Mann holen. Der erschien mit seinem riesigen Kohlenkorbe,

dessen Boden er mit Reisig bedeckt hatte, so daß ein gar einladendes

Nest ward. Als ihm dargetan ward, um was es sich handle, nahm er

zuerst den großen Pack mit Eßwaren, legte ihn hinein, dann nahm er

ohne Umstände die Dame und hob sie in den Korb; nahm hierauf eines der

Fräulein und hob es in den Korb, nahm hernach das andere Fräulein und

hob es in den Korb. »So,« murmelte er, »jetzt tut sich's, jetzt brauch

ich nur noch etwas zum Festkeilen.« Nahm auch den alten Herrn her und

steckte ihn zu seiner werten Familie in den Korb. Dann packte er sich

die ganze Bergpartie auf den Rücken und stieg langsam an.

Die beiden Stadtfräulein gehörten zur Gattung der Backfische, sie

fürchteten sich daher gleich anfangs vor dem Riesen und hatten Angst

davor, daß er sie unterwegs ermorden würde. Das Ungetüm zeigte sich

jedoch überraschend harmlos, es ging mit dem Rückkorbe sachte den

sonnigen Hang hinan und pflückte Erdbeeren. Ohne mündliche Artigkeiten

warf er zwei Erdbeersträußchen hinter sich in den Korb. Die Fräulein

verstanden das so, als sollte es für sie eine kleine Aufmerksamkeit

sein, sie naschten daher die Beeren von dem Strauß und überlegten jedes

für sich, ob man sich in diesen gewaltigen und doch so netten Mann

nicht verlieben könne? Mittlerweile wimmerte die Frau Mama in ihrer

Einpfropfung und der Herr Papa hielt eine Vorlesung über die

Naturkraft.

Nach drei Stunden waren sie dort, wo es nach allen Seiten abwärts

geht, und wo man stehen muß, wenn man nachträglich will sagen

können, wir standen zweitausend Meter hoch über dem Meere. -- Karl

Oberbergbreitebner ging immer vorwärts, als ob er ohne Säumen in

die freien Lüfte weiter steigen oder ohne weiteres auf der anderen

Bergseite wieder hinabgehen wollte. Die Bergpartie im Korbe mußte

ihm ein vierfach donnerndes Halt! zurufen, bis er stehen blieb. Also

stellte er den Korb auf das Gestein, die Insassen stiegen mit vieler

Umständlichkeit aus und rieben sich die Beine. Während Karl zurückblieb

beim Korb, suchte die Herrschaft den schönsten Aussichtspunkt, und

das würdige Oberhaupt erklärte die Fernsicht. Sie wäre furchtbar

hübsch, erklärte Frau Mama, während die Fräulein auf Steinblöcken

saßen und auf Ansichtskarten kritzelten, wie das reizend gewesen wäre

auf dem Hochstandel, ein junger schöner Mann habe sie alle zusammen

hinaufgetragen, oben hätten sie dann die Aussicht angesehen und einen

guten, reichlichen Imbiß eingenommen.

Auch Frau Mama erinnerte sich daran, daß es Zeit wäre zum Imbiß, und

sie riefen den Karl, der hinter einer Felswand gelegen war, daß er mit

dem Korbe herüberkommen solle. Karl kam mit dem Korbe herüber, aber es

war nichts drinnen, als Reisig.

»Wo ist der Pack mit den Speisen?« fragte die Dame.

Karl schaute sie mit einigem Befremden an und antwortete: »Der Pack?

Der ist nicht mehr.«

»Um Gottes willen, er war ja im Korbe!«

»Ich habe ihn herausgetan,« sagte Karl.

»So hole ihn!«

»Er ist halt nicht mehr.«

»Was ist mit ihm geschehen?«

»Weiter nichts,« antwortete Karl, »aufgegessen habe ich ihn.«

»Ungeheuer!« Ein vierfacher Schreckensruf war's, gräßlich genug, daß

Karl der Große vor Grauen umfallen konnte; aber er stand. Ganz ruhig

und schlicht stand er da und blickte so treuherzig drein, als ob nichts

geschehen wäre.

Die Fräulein fielen den Eltern um den Hals und riefen: »Vater! Mutter!

Wir müssen Hungers sterben auf diesem Berge!«

Nun war Karl schier verzagt und meinte, er habe nicht gewußt, daß das

Essen für die anderen wäre. Sie sollten aber nur rasch wieder in den

Korb steigen, daß er sie hinabbringen könne, bevor sie verhungerten.

Na, das war doch klug! Und also ist es auch geschehen. Da die

Herrschaft glücklich in das Dorfwirtshaus zurückgekommen war und der

Papa den Karl nach dem Trägerlohn fragte, bedeutete der Große, es sei

nichts, es zähle sich nicht aus.

Es waren sehr vornehme Leute aus der Stadt, und so gering waren sie in

ihrem Leben nicht geschätzt worden, als von diesem Schneider.

Wenn Karl sechs Tage lang bei der Nadel gesessen war, wußte er am

Samstag nicht mehr, wohin mit seiner Kraft. Da fiel es ihm ein, daß

es eine ganz gute Erholung sein müsse, wenn er am Sonntag Steine

auf den hohen Standel tragen würde. Die Steine waren vom Berge ja

herabgekollert, weshalb sollten sie nicht wieder hinaufgetragen werden?

Als er jedoch mit seiner Ladung zu den Almen hinaufgekommen war, brach

der Kohlenkorb, und die Steine kollerten wieder talwärts. Als sie in

hohen Sätzen dahinsausten und bei ihrem Auffallen tief in den Boden

schlugen, daß hier Sand emporsprang, dort Funken aufstoben, erscholl

ein Schrei. Karl blickte hin und sah eine kleine Sennerin, die Gras

schnitt. Das Dirnlein war so niedlich und zart, daß die Arbeit nur mit

Mühe und Anstrengung von statten ging. Nun geschah es, daß Karl zu ihm

hintrat, aber nicht um die Kleine in den Sack zu stecken, sondern um

unter Stottern und Mühen zu fragen, ob sie sein Schatz sein wolle?

Das Dirnlein antwortete natürlich, daß er ihr für einen zu viel sei,

und daß sie zwei nicht brauche.

Als sie hernach in die Sennhütte ging, schlich ihr der Große trotzdem

nach. Aber als er zur Tür kam, da plagte es. Diese war nicht allein

viel zu niedrig, sondern auch zu schmal; er wand sich zwar hinein,

aber die Türpfosten ächzten. Drinnen stand er mit gebeugtem Haupte vor

der Kleinen, denn aufrecht stehend hätte sein Kopf durch die morschen

Bodenbretter ein Loch gebohrt hinauf in den Dachraum, wo er nichts zu

tun hatte. Also in demütiger Haltung fragte er sie noch einmal, und sie

antwortete ihm spottweise, ein Schneider sei ihr zu windig.

Karl setzte sich ruhig auf einen Schemel, da knickte dieser ein, mit

zwei Füßen zugleich, und Karl der Große lag mit gekrümmten Beinen

ungefüg auf der Erde. Die Sennerin war ein gescheites Dirnlein und

dachte: Die schwersten Baumstämme können ihm nichts anhaben, und ein

armseliges Fußschemlein bringt ihn zum Falle. So steht es mit diesen

starken Männern. -- Sie foppte ihn weiter, da meinte er lächelnd, er

würde ihr noch einmal etwas Schlimmes antun, wenn sie so arg gegen ihn

wäre.

»Hascherlein, was kannst denn du mir antun?« fragte die Kleine den

Großen.

»Ich?« sagte er, »dieweilen du einmal auf der Wiesen bist, trag' ich

dir deine Hütten davon. Christel, was tust denn nachher, he?!«

»Ja,« rief sie, »nachher lauf' ich dir mit einer Brennessel nach, bis

du die Hütten fallen laßt!«

Karl schwieg. Vor Brennesseln hatte er immer Grauen empfunden, und er

beschloß, das Dirnlein nicht mehr zu reizen.

»Nein, ich tu' dir nichts,« sagte er gutmütig, »mich kränkt es recht,

daß du mich nicht magst, aber tun tu' ich dir deswegen doch nichts.«

»Da bist du wohl brav,« antwortete sie, »und hat auch der Elefant zur

Mücke gesagt, die lustig in den Lüften summt: Mückerl, fürcht' dich

nit, ich tu' dir nichts. -- Bist wohl brav, Karl!«

Sie hat gesagt, ich bin brav. So mag sie mich ja. -- Mit diesem

tröstlichen und wirklich logischen Gedankenanflug stieg er vom Berge

herab.

Als das Gerede umging, der Schneider Karl wolle heiraten, rief sein

Vater, das Meisterlein: »Wie soll denn der heiraten! Kann ja kein Weib

ernähren.«

»Wer eins ertragen kann, wird auch eins ernähren können,« antwortete

der Pfarrer, der gegen Heiraten, Kindstaufen und Todesfälle selten was

einzuwenden hatte.

»Er kann nichts als tragen, ziehen und schieben,« gestand der Vater.

Hierauf ein Nachbar: »Das ist ja genug. Kann mein Ochse auch nit mehr

und baut mir doch den Acker an. Halt geleitet muß er werden.«

Wie? Der Karl Oberbergbreitebner will sich beweiben? Da wollen wir

den baumstarken Kerl doch besser nutzen. Soldat werden! so sagt

die Militärbehörde. Vaterland verteidigen! sagt sie. In das Feld

marschieren! sagt sie. Der Recke hebt an zu zagen. Im Felde tun sie ja

schießen und stechen! Ist es nicht so? Tun sie im Felde nicht schießen

und stechen? Und wir sind ja in einer viel größeren Gefahr, als jeder

andere, weil wir sehr leicht zu treffen sind. -- Und da sage man noch

einmal, daß Karl nicht tiefsinnig denken könne!

Drei Wochen war er bei den Soldaten, als endlich der Hauptmann laut

ward: »Mit diesem Lümmel ist nichts anzufangen! Er hat in keiner Montur

Platz und beim Exerzieren! Gott, beim Exerzieren ist er viel zu stabil.

Wo er steht, da steht er, und es bedarf zu vieler Kraft und Taktik, um

ihn in Bewegung zu setzen. Marschiert er, so marschiert er und findet

nicht leicht einen hinreichenden Grund, um nach rechts oder links

kehrtzumachen, oder gar stehenzubleiben. Wenn sich der alte Herkules

einmal pensionieren läßt, so mag der Karl Oberbergbreitebner angestellt

werden zum Weltkugeltragen -- bei den Soldaten können wir ihn nicht

brauchen.«

Nun kam Karl wieder heim und klagte es seiner kleinen Sennerin: »Sie

sagen, sie könnten mich nicht brauchen.«

»Das will ich doch sehen!« rief die Kleine, »spute dich zum Pfarrer

und sag', ich wollt' dich heiraten in vierzehn Tagen. Marsch!«

Die Leute schüttelten den Kopf, und warum sollten sie es nicht, es

war ja der ihrige, und nicht der des kleinen Almdirndels, in welchem

besondere Pläne webten. Wer pachtete jetzt das Straßenhäusel am Fuße

des Sattelberges? Die kleine Christel pachtete. Wer vertröstete den

Eigentümer mit dem Pachte auf das nächste Jahr, bis man sich mit

dem Vorspannfuhrwerk Geld verdient haben würde? Die kleine Christel

vertröstete. Und wer hatte kein Pferd und keinen Ochsen, als er

Vorspann leisten sollte über den Sattelberg? Die kleine Christel

hatte nicht. Wer aber spannte den Kohlen- und Roheisenfuhrwerken

ihren jungen Ehemann vor über den Sattelberg? Die kleine Christel

spannte vor. Jawohl, die kleine Frau Oberbergbreitebner spannte den

Oberbergbreitebner vor, und der zog im Vereine mit Pferden und Ochsen

tapfer an; die Pferde und Ochsen waren höchst verwundert, einen

zweibeinigen Genossen an ihrem Gespann zu sehen, und sie mußten sich

sehr zusammennehmen, um von ihm nicht beschämt zu werden.

Die Löhnung, welche Klein-Christel für solche Vorspann einzog,

berechnete sie auf zwei Pferdekraft, und sie begegnete damit keinem

Widerspruche.

Hatte sie den Karl zu Hause, so hegte und pflegte sie ihn mit allem

Notwendigen, damit er gesund und stark bliebe. Er war ihr Kapital, und

Karl fühlte sich sehr gehoben, nun eine seiner Natur entsprechende

Tätigkeit gefunden zu haben. Christel mietete auch einen Acker, und da

konnte man sehen, wie sie hinten am Pfluge dreinging, ihn führte und

das Zuggespann mit Hi und Hott leitete. Das Zuggespann war ihr Karl.

Also ging es nun in Eintracht und gemeinnütziger Wirksamkeit voran.

Da geschah etwas Unerwartetes. Zwischen dem Heimatsdorfe des Karl

Oberbergbreitebner, das Lehbach hieß, und dem Nachbarsorte Standelegg

war ein Streit ausgebrochen. Es lag nämlich zwischen diesen Orten

die kleine Gemeinde Hüttel, deren Insassen »lebendige Lehbacher

und tote Standelegger« waren. Mit ihren Kirchengängen, Hochzeiten,

Taufen, Geschäften usw. kamen sie nämlich nach Lehbach herüber,

ihre Leichen gehörten jedoch auf den Kirchhof des kleinen und näher

gelegenen Standelegg. Als durch die Gemeinde-Autonomie die Dörfer

zum Gebrauche ihrer Vernunft kamen, sagten die Standelegger: Wenn

die Hüttler lebendigerweise nach Lehbach neigen, so brauchen wir sie

auch toterweise nicht. Mit den Behörden ließ sich nichts anfangen,

die sagten, es habe zu bleiben, wie es bisher gewesen, und so sahen

die beiden Ortschaften, sie müßten die Angelegenheit unter sich

entscheiden. Mit Reden und Schreien ging es nicht, das hatten sie schon

erfahren; also schlug ein kluger Kopf vor, Lehbach und Standelegg

sollten durch Krieg entscheiden, wie Deutschland und Frankreich

entschieden hätten, nämlich tapfer miteinander raufen, und der Stärkere

sei der Sieger. Aber nicht etwa so dumm, wie es die Reiche machen, wo

ganze Völker aneinanderprallen und sich gegenseitig durch Mord und

Brand schreckbar zugrunde richten, sondern vielmehr so, daß jedes

der beiden Dörfer einen Mann auf den Kampfplatz schicke. Die beiden

hätten miteinander ohne Waffe, nur mit ihren natürlichen Gliedern

und körperlichen Fähigkeiten zu ringen, und der zuerst falle, dessen

Gemeinde sei die besiegte.

Das wurde abgemacht. Also hielt die Dorfgemeinde Lehbach Umschau nach

ihrem stärksten Manne, und natürlich fiel die Wahl auf Karl den Großen.

»Ja, ja,« sagte der, »ich tu's schon. Will schon raufen.« Tat aber

weiter nichts desgleichen, als ob die Wahl ihn freue oder aufrege, und

ganz gleichmütig trottete er an dem bestimmten Tage auf den Kampfplatz.

Siegte Karl, so gab es in der Zwischengemeinde Hüttel wie bisher

lebendige Lehbacher und tote Standelegger. Siegte der von Standelegg

gesandte Streiter, so sollte Hüttel fürderhin auch bei lebendigem

Leibe, mit seinen Kirchgängen, Hochzeiten, Kindstaufen und Geschäften

den Standeleggern zu eigen sein. Der Standelegger Kämpfer war ein ganz

gefüger, flinker Tischlergeselle, mit dem ein Karl Oberbergbreitebner

Fangball spielt. Aber bevor die hellen Haufen der Zuschauer und Zeugen

sich noch recht versammelt hatten, lag der Karl schon im Sande, der

Tischlergeselle saß festgeklammert auf seiner mächtigen Brust und

zündete sich eine Pfeife an.

Der Karl blieb ganz ruhig liegen und horchte gelassen dem Geschrei

der Menge, die ihn verlachten und den Gegner bejubelte. Erst als

Klein-Christel kam, ward es anders mit ihm. Totenblaß im Gesichte,

leise flüsternd befahl sie, daß er aufstehe. Also begann er mit

Händen und Füßen Anstalten zu treffen, daß er sich erhebe, und schon

nach drei Minuten war es so weit, daß die Kleine den Großen vor sich

hertreiben konnte gegen das Straßenhäusel. Die lebendigen Hütteler

waren für Lehbach verspielt, alle Schmach entlud sich über das arme

Straßenhäusel, und es schien kein Mittel mehr zu geben, die Ehre des

Großen wieder herzustellen.

Da kam ein schwerer Winter. Der Schnee lag mannshoch in der Gegend und

alle Wege waren geschlossen. Seitdem die lustigen Hütteler nicht mehr

nach Lehbach kamen, ging es hier recht langweilig zu und man tröstete

sich nur mit dem Gedanken, daß sie bei dem großen Schnee auch nicht

nach Standelegg gehen könnten; sie waren eingemauert in ihrem Dorfe

Hüttel. Es nahten die Faschingstage. Zu dieser Zeit sagte eines Tages

Klein-Christel zu ihrem Großen: »Karl, mach' dich auf und geh' hinüber

nach Hüttel. Geh' heute hinüber und morgen wieder zurück.«

Karl fragte nicht warum; er verzehrte eine weite Schüssel Heidenbrei,

dann ging er nach Hüttel. Der Schnee reichte ihm bis an die Brust, der

Karl schob sich langsam voran und hinter ihm her war ein Hohlweg. Am

nächsten Tage kam er wieder zurück, und hinter ihm her zog eine lange

Reihe faschingslustiger Hütteler, Männlein und Weiblein, die bei dem

frischgetretenen Pfad nach Lehbach eilten, um im Wirtshause zu tanzen,

zu essen, zu trinken und beim Kaufmann Lebensmittel einzukaufen.

Nun erst merkten die Leute von Lehbach, was Karl der Große als

Schneepflug bedeutete, und als solchen mieteten sie ihn von

Klein-Christel, so oft im Winter die Pfade verschneit waren zwischen

Lehbach und Hüttel. Also gewöhnten die Hütteler sich neuerdings an

Lehbach, sie waren wieder »lebendige Lehbacher und tote Standelegger.«

Klein-Christel konnte sich wieder freuen an ihrem Karl; ihr Ansehen und

der Wohlstand ihres Hauses wuchs. Sie wäre in der Lage gewesen, eine

junge Familie zu ernähren, allein diese war nicht da und kam nicht, und

es ist jammerschade, daß weder die kleine, fleißige und kluge Christel,

noch der große Karl fortgepflanzt werden. Die Zukunft könnte beide

brauchen, und zwar zusammen vermählt; mit Klugheit allein, oder mit

Kraft allein läßt sich doch nicht viel machen.

Der Fischer im Olymp.

Dort, wo der Wildgarten des Schlosses an die Landstraße stößt, neben

dem Einfahrtstor, steht eine Steingruppe von Ungehörigkeiten aus der

griechischen Mythologie. Die größten Auswüchse der Phantasie sind schon

wiederholt durch Steinwürfe weggeschlagen worden, allein der Schloßherr

steift sich auf das alte Herkommen und läßt die verwundeten Arme, Beine

und Nasen allemal wieder herstellen.

Unter dieser alten weltmunteren Sandsteingruppe nun saß ein Bettelmann.

Er saß jahrelang dort, immer nur an sonnigen Tagen, er saß auf dem

Sockel, er saß sogar manchmal der einen Göttin auf dem Schoß und lehnte

sich rückwärts an den schönen Busen, der allerdings nicht ganz so lind

war, als der Künstler ihm mit kundigem Meißel den Anschein gegeben.

Der Bettelmann trug stets ein weites blaues Beinkleid und einen gelben

Pelzmantel, wie man sie bei ungarischen Schafhirten sieht, ferner hatte

er ein grellrotes Tuch um das Haupt gewunden, ähnlich wie die Türken

ihren Turban tragen; die Füße hielt der Mann in braune Lappen gewickelt

und mit grünen Bändern umwunden. Das Gesicht war nicht fahl und nicht

mager, war vielmehr rosig und rundlich und hatte zwei ungleiche Augen.

Das eine gutmütig ausblickend, das andere verwulstet und mit manchmal

zuckenden Wimpern, hinter welchen sich Schelmerei zu verstecken schien.

Zur Zeit, als ich den Mann das erstemal sah, mochte er etwa fünfzig

Jahre jung gewesen sein. Ja, es war eine Jugend und Frische in ihm, die

Straßenbettler, wenn sie tatsächlich ein wenig davon haben, sonst nicht

hervorzukehren, vielmehr zu verstecken pflegen.

Da er hoch auf dem Sockel der Götter saß, so hatte er an einer langen

Stange ein Binsenkörblein, das er dem Wanderer entgegenhielt, ähnlich

wie der Fischer seinen Angelstab niedersenkt. Gab es nichts, so

zog er seine Angel ruhig wieder ein, lehnte sich an die Götter und

wartete. Witzige Leute nannten ihn den Fischer im Olymp. Ich, der

wöchentlich ein paarmal des Weges zu gehen hatte, warf ihm fast allemal

einen Pfennig in das Körbel, nicht etwa, weil dieser Bettelmann so

erbarmungswürdig aussah, als vielmehr weil er stets ein so heiteres

Gesicht machte. Manchmal aber, wenn das bartlose Rundgesicht gar zu

heiter und aufgeweckt dreinsah, dachte ich: Na, schenk' lieber du

~mir~! und ging zugeknöpft vorüber.

Man wunderte sich, daß dem Manne die Polizei gelassen zusah, allein

diese hatte diesmal Humor und meinte, fischen sei nicht betteln und es

möge sich erst der beschweren, dem der Fluß gehöre. Der sickernde Fluß

der Wanderer aber gehört Gott dem Herrn, und der läßt alle Fischer und

alle Wilderer gewähren. Auch der Schloßherr fand nichts einzuwenden

gegen eine Gestalt, die den Eingang in seinen Park so wunderlich

schmückte. Er war ein Freund heiterer Gesichter und sagte, ein so

glücklich munteres Antlitz gäbe es in seinem ganzen Schlosse nicht.

Auch er warf dem Fischer manche kleine Münze in das Binsenkörbchen.

Anfangs soll ein hoher Herr mit teilnahmsvoller Gebärde mehrmals einen

Taler hineingelegt, damit aber den Bettelmann erzürnt haben. Er lasse

sich nichts schenken! sagte der Fischer, zerteilte die große Münze in

mehrere kleine und spendete sie den Armen.

Bei schlechtem Wetter war er nicht vorhanden. Die liebe Sonne genoß er

mit den Olympischen gemeinsam, in Sturm und Regen ließ er sie allein

stehen mit ihren verrenkten nackten Gliedern. Es fragte auch weiter

niemand nach ihm, oder vielmehr, ich horchte nicht danach aus. Mir aber

-- und das ist seltsam genug! Ging ich auch, wenn er oben saß, fast

gleichgültig vorüber, wenn er nicht oben saß, war mir geradezu bang um

ihn. Dem Wege fehlte der Sonnenschein des Bettlerangesichts. Er wird

doch nicht unpaß sein? Wo er nur wohnt? Was ihn doch verhindern mag,

daß er heute nicht fischt? Was mag der Mann nur eigentlich gewesen

sein, ehe er sich in den Olymp versetzte? Man sprach einmal davon,

daß er in der Stadt Häuser besäße; das glaubte ich nicht, denn dann

hätte er die Taler eingesteckt. -- Demnächst war er doch wieder da mit

seinem gelben Schafspelz und seinem roten Turban, und kein Engländer

kann geduldiger am Bache angeln, als da oben der Bettler auf die

kleinen Almosen wartete. Ein paarmal wollte ich ihn ansprechen; in dem

Augenblick, als mein Fuß über den Straßengraben stieg, neigte er sich

seithin, und sein Gesicht nahm einen unguten Ausdruck an. Da ließ ich

ihn einsam sitzen auf seinem Thron und ging den kümmerlichen Geschäften

des Tages nach.

Nun war es eines Tages, daß vor mir ein barfüßiger Handwerksbursch die

Straße dahinpatschte und unterwegs in der hohlen Hand mißmutig die

Münzen besah, die er an dem Tage erfochten haben mochte. Eine schien

dabei zu sein, die ihm nicht gefiel; war es nun ein schweizerischer

Pfennig, der hierzulande ungültig ist, oder war es ein messingener

Hosenknopf, der ebenfalls ungültig ist, ich weiß es nicht. Ich sah nur,

wie der Handwerksbursch, als er zur Stelle kam, wo an der Steingruppe

der Fischer saß, diesem zwar nichts in das Körbel warf, hingegen

aber die Münze in die Luft schleuderte, dem Bettler zu. Der wollte

die metallene Mücke abfangen, glitschte dabei aus und fiel in den

Straßengraben herab.

Ich eilte hinzu, um ihn aufzuheben, er wartete aber nicht auf mich,

erhob sich gelassen und murmelte: »Das härteste Bett wäre es nicht«

(denn es war weicher Lehm und langes Gras im Graben). »Und so kurz, wie

die Bauernbetten ist es auch nicht.« (Denn der Straßengraben war viele

Meilen lang.)

»Warum Ihr nur nicht liegen geblieben seid in dem guten Bett!« sagte

ich laut, um eine Anrede zu haben, und machte dabei mein Gesicht

lachen, daß er sah, es wäre nicht bös gemeint.

»Warum?« fragte er entgegen, »weil es noch zu früh ist zum

Schlafengehen. Muß ja erst den Gruß und Kuß aufsuchen, den mir der Herr

Vagabund zugeworfen hat.«

Und er begann auf dem Boden umherzulugen, rechts und links und vorn und

hinten, und das Geldstück war nirgends. Als er wieder hinanstieg zu den

Himmlischen, rief er plötzlich: »Aha, jetzt hebt die auch an!« denn der

schweizerische Pfennig lag auf dem Schoß der sitzenden Aphrodite. Dann

hub er hell an zu lachen: »Der soll nur liegen bleiben drin, das ist

ein Falscher! O Schand und Spott!«

Ich wollte den angeknüpften Verkehr nicht sogleich wieder abgebrochen

wissen, daher bat ich den Bettelmann, daß er mir den Schweizerischen

schenke.

»Wenn du ihn selber herausnehmen willst!« antwortete er mit komischer

Miene und drückte fast beide Augen zu. »Ich hab' jetzt nicht Zeit, ich

muß lachen. Ich muß lachen über des Vagabunden guten Witz, ha ha ha!«

»Wenn ich auch so herzlich lachen könnt'!« war meine Bemerkung, denn

jetzt wollte ich um jeden Preis mit ihm anbinden.

»Kannst nicht?« sagte er, stieg nieder und hub an, mit seinen kurzen

Fingern unter meinem Kinn herumzukrabbeln, »da muß man dich halt

kitzeln -- lach, lach, lach!«

Da lachte ich wirklich, sagte aber: »Lasset das. So ein Lachen tut

weh.« Denn ich hatte gerade meinen sauren Tag.

»Du bist gewiß einer von solchen, denen das Flennen lustiger ist, als

das Lachen!«

»Wenigstens wäre jenes eher am Platz, als dieses. Wie es zugeht in der

Welt!«

»Wie geht es denn zu?« fragte er, dieweilen er sich wieder auf seinen

Sitz schwang, die Stange mit dem Binsenkörblein zur Hand nahm und über

die Stange hinausblickte.

»Ihr seht es doch!« sprach ich, den falschen Pfennig betupfend, »falsch

im kleinen, falsch im großen, alles falsch, alles Betrug.«

»Mich betrügt keiner,« antwortete er, machte die Augen auf und schaute

so kühl über mich hinweg, als ob ich Luft wäre.

»Ich wollt Euch um etwas gebeten haben,« so wand ich jetzt ein.

»Gebeten? Du bitten? Du mich?« Sein Gesicht leuchtete auf wie Werg, an

das man mit dem Zündflämmchen gefahren.

»Ich wollt Euch gebeten haben um ein Stück Brot.«

Nun schaute er mich forschend an. Mein Stadtherrengewand, das keinen

Flicken und keinen Riß hatte, wollte ihm nicht recht stimmen zu dieser

Bitte. Daß ich eigentlich nur um ein Stück geistigen Brotes bat, um ein

warmes Menschenwort, um einen Funken seines frohen Wesens, er konnte

das freilich nicht wissen.

Sein Antlitz war ernst geworden, und völlig gedämpft sagte er: »Wenn

du Hunger hast, dann ist's freilich nicht zum Lachen. Auch nicht zum

Weinen. Dann ist's zum Essen. Schau! daß du so spät daherkommst! Vor

einer Stunde hätte ich noch einen Apfel und eine Traube gehabt. Ich

trage mir des Morgens mein Essen allemal im Körbel mit hierher. Jetzt

müssen wir was anderes suchen gehen. Aber es ist nicht weit.«

»Wohin denn?«

»Nach Hause.«

Um so besser, dachte ich. Meine Obliegenheit war an diesem Tage

vollzogen, ich hatte Zeit, auf Abenteuer auszugehen. Man kennt ja das,

mit diesen Professionsbettlern! In Paris war einer, der dreißig Jahre

lang mit verkrüppeltem Leib und in armseligen Lumpen an der Pforte

von Notre-Dame saß. Abends nach Hause gekommen, zogen ihm täglich

livrierte Diener die Saloneleganz an und dann ging's mit lustigen

Freunden und Freundinnen zur Tafel, bei der man mit Champagner anfing

und aufhörte mit was weiß ich. -- Zu Madrid in Spanien soll es sogar

eine Aktiengesellschaft auf Bettler geben. Die Krüppel, Kretins und

Aussätzigen sind Kapital und Produktion zugleich. Sie werden im Volke

zusammengekauft, entsprechend auf günstige Plätze verteilt, der

Impresario leitet die Geschäfte, nimmt des Abends die Einnahme in

Empfang, und führt sie wohlverbucht in die Hauptkasse ab, während die

Bettler in ihren Pensionen standesgemäß verpflegt werden.

Derlei ist mir eingefallen, als ich dem Manne folgte, der, in seinem

langen Pelz, über der Achsel die Stange, hastig vor mir hinlief,

dem Dorfe zu. Er war viel kleiner, als er auf seinem Stammsitze

aussah, seine in Lappen gewickelten Füße huschten lautlos dahin. Den

Dorfleuten, die uns, ohne zu grüßen oder gegrüßt zu werden, begegneten,

schien er eine gewohnte Erscheinung zu sein, um so verwunderter

betrachteten sie mich, der hinter dem gelben Pelz dreinlief. Durch

einen großen Bauernhof ging der Weg, hinaus in einen Obstgarten,

dort zwischen Busch und Baum stand die Klause. Ursprünglich mochte

sie als Hüterhaus gedient haben, jetzt war sie die Wohnung meines

Götterlieblings. Im Stübchen ein Tisch, ein Stuhl, ein Kasten, ein

Ofen, ein schmales kurzes Bett, ein Buch und ein Kerzenleuchter. Durch

ein helles Fenster strömte Licht auf diese Herrlichkeiten.

Sogleich öffnete mein Gastherr den Kasten, begann mit weißen Linnen den

Tisch zu decken, einen kleinen zierlichen Kübel mit Butter, einen Laib

Brot und ein Salzfäßchen herzurichten.

Ich fiel ihm in den Arm: »Nein, mein Lieber, so ist es nicht gemeint.

Ihr habt, wie ich sehe, hier die Bibel, und da drin steht's, daß der

Mensch nicht allein vom Brote lebt, sondern auch vom Worte. Ihr sollet

mir zuerst hübsch verzeihen, daß ich falsch, wie die Welt schon einmal

ist, mich an Euch gemacht habe und sollet mir dann etwas sagen.«

»Aber essen wirst du doch etwas!« rief er besorgt.

»Ich sehe Euch nämlich schon seit Jahr und Tag an der Straße sitzen und

Almosen heischen,« begann ich.

»Da siehst du ganz richtig,« antwortete er.

»Und nun möchte ich gerne wissen -- nein, es wird doch nicht gehen. Ihr

werdet böse sein, -- und Euch beleidigen? Nein.«

»Du mich beleidigen?!« fragte er mit langgezogenem Tone und blickte

mich dabei mitleidig, aber sehr überlegen, mit halbem Auge an. »Du

armer Narr!«

»Nun gut. Ich möchte nämlich gerne wissen, warum Ihr bettelt.«

»Warum ich --? Ha ha ha? -- warum ich bettle?« fuhr er lustig drein.

»Sage mir doch, warum du Luft schöpfest! Sage es mir doch!«

»Ihr seid gesund und stark wie einer. Ihr habet da ein gutes Brot, man

sieht ihm's an, daß es Euch schmeckt. Aber würde es nicht noch besser

schmecken, wenn Ihr es Euch verdient hättet? -- Mit Arbeiten --«

Jetzt trat er ein paar Schritte zurück, zog über der Brust seinen Pelz

zusammen, legte die Arme darüber, schaute mich mit seinem munteren

Gesicht herzlich mitleidig an und sprach: »Jetzt hast es gesagt. Jetzt

hast es gesagt, das große Wort. Und wenn die sieben Weltweisen sieben

Jahre lang dran studiert hätten -- besser hätten sie es auch nicht

sagen können. -- Arbeiten!«

»Na, ich meine nur ...«

»Arbeiten!« rief er aus, und seine Züge verzogen sich wie im Schmerze.

»Aber Freund, arbeiten tut ja weh! Schwitzen! Pfui Teufel! Schau her,

das steht auch in diesem Buche: Im Schweiße deines Angesichtes sollst

du dir dein Brot verdienen, weil du gesündigt hast!«

»Nun, da habt Ihr es.«

»Ich ~habe~ aber nicht gesündigt!« rief er frisch und munter aus.

»Ganz unschuldigerweise bin ich auf die Welt gekommen, hab's nicht

betreiben und nicht hindern können. Zuleid' hab' ich auch niemand etwas

getan, außer daß ich meiner Kindsfrau in den Finger gebissen haben

soll, weil sie mir statt der rechtmäßigen Muttermilch Kuhmilch in den

Mund schmuggeln wollte. Denn ich glaube schon mit Zähnen geboren worden

zu sein. Und da soll man kein Naturrecht haben aufs Essen? Da soll

man sich ein solches Recht erst durch allerlei Anstrengungen erwerben

müssen? Tu' mir den Gefallen, Kindskopf, und glaube das nicht.«

»Ihr zieht es also vor, andere für Euch arbeiten zu lassen.«

»Jetzt wirst du bitter, mein Freund,« sagte er gutmütig. »Und das

taugt wieder nicht. Ärger ist kein kleineres Unrecht, als Arbeit. Ich

will niemand verleiten, und ich habe all meiner Tage keinem Menschen

befohlen, für mich zu arbeiten. Siehst du es denn nicht? die ganze Welt

ist voller Tiere, alle sind frisch und munter, und kein einziges ist so

dumm wie der Mensch, und arbeitet. Arbeiten die Menschen für sie? Lasse

diese zweibeinigen Herrschaften nur erst aussterben, dann arbeitet

niemand mehr, und die Welt wird doch voll Leben sein.«

Als ich in das Häuschen getreten, hatte ich nicht gedacht, in wenigen

Minuten hier vor einem hohen Herrn zu stehen. Nun sah ich's, das war

einer. Das war einmal ein anderer, als die gewöhnlichen sind. Um ein

Stück Brot war ich gekommen. Er gab ein großes. Ob es auch nahrhaft

war, das sollte sich zeigen. Im ersten Augenblick fühlte ich mich

schier betäubt. Wie? das Tier arbeitet nicht und lebt doch? Und

glücklicher als der Mensch, gerechter, schuldloser?

Es ist naturgemäß, nicht zu arbeiten.

Diesen Gedanken hatte ich noch nie gedacht.

Während ich noch befangen war, begannen sie heranzukommen. Zuerst

die krabbelnde Ameise: »Es ist nicht wahr! Wir arbeiten.« -- Dann

die summende Biene: »Verleumdung! Wir arbeiten!« Dann der Biber, die

Spinne, die Vögel, die Schlangen und andere in langen Reihen, und alle

riefen pfeifend, piepsend, gröhlend, knurrend, bellend, krähend: »Wir

arbeiten! Wir arbeiten!«

Ich sagte es dem Bettler. Er lächelte freundlich und sprach: »Mein

viellieber Gast! das weiß ich ja, daß der Maulwurf wühlt. Aber denke

an, zwischen Arbeit und Arbeit ist eine breite Straße. Bin ich ein

Müßiggänger? Nein, ich bin ein Bettler. Ich gehe aus, um zu sammeln.

Ich strecke meinen Stab aus, um Gaben in Empfang zu nehmen, ich

trage sie nach Hause, die Münzen setze ich in Lebensmittel um, die

Lebensmittel bereite ich zu, bewahre sie auf, achte, daß sie nicht

verderben. Ist das Arbeit? Nein, es ist Tätigkeit. So betätigt sich

freilich auch das Tier. -- Aber ich mache keine Arbeit, die anderen

zugute kommt, solchen, die nicht arbeiten, die faulenzend in Prunk und

Hochmut das genießen, was andere erworben. ~So~ arbeite ich nicht.«

»Das ist eben eine menschliche Erfindung,« sagte ich.

»Nein, eine teuflische!« rief er. Da war er erregt.

»Tätigkeit und Arbeit, den Unterschied kennt man,« sagte ich. »Pflügen

und Säen ist Arbeit, ernten ist nur Tätigkeit. Ihr, lieber Bettelmann,

habt Euch für die letztere entschieden.«

»Und das ist das Richtige!« fiel er ein. »Nicht arbeiten, nur sammeln.

Die Natur, wenn sie gesund ist, produziert mühelos ihre Früchte aus

sich selbst. Arbeit ist Sünde gegen die Natur. Töte mich, wenn's nicht

wahr ist.«

»Ich töte Euch nicht,« darauf meine Entgegnung, »denn Ihr müsset mir

vorerst noch Antwort geben, Ihr wollet also nicht für andere arbeiten?«

»Nein.«

»Aber andere sollen für Euch arbeiten?«

»Schaf Gottes, wer sagt denn das?« rief er aus. »Ich sammle ja nur

Brosamen. Sie geben mir doch nur das in den Korb, was sie zu viel

haben, was sie verstreuen wollen. Sie tun's nicht aus Barmherzigkeit,

sie tun's, weil ihr Überfluß in ihnen das Bedürfnis gezeitigt

hat, Abfälle zu haben, armen Kreaturen manchmal etliche Brocken

hinzuwerfen. Sie sollen nur geben. Dankbar müssen sie sein, daß sie

geben dürfen.«

»Wie kann man bei so hartem Urteil über die Menschen ein so heiteres

Auge haben?« fragte ich ihn.

»Junger Freund,« antwortete er, »das kann man, wenn man fertig ist. --

Glaubst du: daß meine Mutter mich als Bettler geboren hat? Meine Wiege

war der Reichtum, lieber Mensch! -- Das, was ich heute bin, habe ich

selbst aus mir gemacht!« Im stolzen Tone des Emporkömmlings waren diese

Worte gesprochen. »Aber viel braucht's, bis man es so weit bringt!«

fuhr er fort. »Viele Jahre lang, o meine schönste Lebenszeit, habe ich

mich vom Besitz knechten lassen. Man glaubt sein Leben zu schmücken,

und man belastet es nur. Die tausenderlei Dinge und Dingeln, die an

den Reichen sich kletten, ein abscheulicher Ballast! Man kann nicht

weiter, man kann nicht hinan, man ist ein Sklave und trägt die schwere

Kette nur deshalb mit Gier, weil sie von Gold ist, und ist ein durch

und durch lumpiger Lump. -- Du hast gewiß Bekanntschaft mit reichen

Leuten. Nun also. Ich war auch so einer. Betrachte ihr dummes Leben,

und du hast das meine vor Augen. Aber endlich, als mir übel war aus-

und inwendig, gerade schon auf dem Punkt, wo die Besseren sich zu

töten pflegen, erwachte in mir der Egoismus. Hol's der Teufel! dachte

ich, und schmiß den ganzen Krempel von mir. Es war eine wanstige

Ledertasche.« --

Als er nicht weiter sprach, fragte ich: »Was war mit dieser

Ledertasche?«

»Ins Wasser hab' ich sie geworfen.«

-- Man spricht auch bildlich so, aber bildlich war's nicht gemeint.

Eine Stunde unterhalb der großen Stadt, in den Auen. Genau hat er den

Platz bezeichnet, wo er seine Papiere, im Werte von mehr als einer

Million Gulden, in die Donau geworfen hat.

»Ihr seid nicht klug!«

Er klopfte mir auf die Achsel: »Das muß ich besser wissen.«

»Das mag ja sehr philosophisch sein, aber gut ist es nicht.« Also mein

überlegener Einwand. »Ein guter Mensch hätte das Vermögen, anstatt ins

Wasser zu werfen, einem Armen geschenkt.«

»Der wäre davon ja reich geworden, du Tropf!« rief der Bettler. »Ich

habe mir ohnehin nachher Vorwürfe gemacht. Wie leicht konnte die

Ledertasche aufgefangen werden und in Menschenhände kommen. Gift wirft

man nicht ins Wasser.«

»Ihr hättet das Vermögen ja an ~tausend~ Arme verteilen können.«

»Du hast leicht reden,« entgegnete er darauf. »Du bist sicherlich nicht

aufgewachsen unter der Torheit der Million. Wäre ich damals weise

gewesen, so hätte mir das Geld nichts angehabt. Ich habe nur gesehen,

daß das Geld mein Unglück ist, so habe ich gemeint, es müßte auch

das Unglück anderer sein. Und ob's nicht denn doch so ist, sage es,

Mensch. Glaubst du nicht auch, daß dir geschenktes Geld zuwider ist?

daß es dich verwüstet? daß dich nur der Besitz freut, den du dir selber

erworben hast?«

»Und so spricht ein Mann, der an der Straße sitzt und bettelt?«

Er sprach: »Das verstehst du nicht. Die Pfennige, die ich bekomme,

sind ehrlich erworben. Halte ich doch die Stange hinaus! Sage ich doch

mein Vergeltsgott dafür! Der Taler, wenn er in den Korb fiele, wäre

geschenkt. Ich lebe von Pfennigen, begleiche meinen Wohnungszins, nähre

mich, kleide mich, bin niemandes Herr, niemandes Knecht, und stärker

wie der König.«

»Das wäre!«

»Ja, das ist,« fuhr er lustig fort. »Der König hat ein großes Heer und

muß immer noch fürchten, daß ihm der Feind etwas wegnimmt. Mir kann

niemand was wegnehmen.«

Ich langte wie raubend nach dem Butterkübel.

»Ha ha ha, sie gehört dem Hausherrn!« lachte er, »sie ist noch nicht

bezahlt. Und deswegen, Freund, muß ich wieder ans Tagwerk.« Er langte

seinen Korbstab vom Winkel.

Ich hielt ihm die Hand hin: »Hat mich gefreut, endlich einmal die

Bekanntschaft eines Glücklichen gemacht zu haben.«

Er wendete sich rasch um, als ob der, zu dem ich sprach, hinter ihm

stünde.

»Ein Glücklicher -- wo?« fragte er wie verblüfft. »Solltest du mich --?

Ja, ja, es geht mir soweit gut, aber glücklich bin ich nicht. Du siehst

es ja.« Er deutete auf seine Lagerstätte. »Viel zu kurz. Ich bin fünf

Schuh lang, und der Trog vier. Was kannst machen? Bei den Bauern findet

man's nicht anders. Man grübelt nicht weiter, klappt sich zusammen und

gut ist's.«

Ich sah es wohl ein. Auf sechs Schuh langen Erdenraum hat sogar der

Tote Anspruch, und dieser Lebendige besaß ein Drittel weniger. Er hätte

vielleicht nur das Fußbrett ausstoßen müssen ....

So nahe ist mancher Mensch seinem vollkommenen Glücke. Aber er stößt

das Brett nicht durch. --

Als wir selbander die Straße dahingingen, begegnete uns der Schloßherr,

er fuhr vierspännig und grüßte den Bettelmann mit einer Handbewegung.

Dieser dankte »von oben herab«. Dann blieb er stehen, schaute ihm nach,

schüttelte den Kopf und murmelte: »Armer Bruder! Das Kamel hat vier

Beine, und du hast achtzehn. Und kannst nicht gehen. Denn du fahrst

ja.«

»Sagt Ihr auch zu dem ~du~?« meine Frage.

»Ha ha ha! das ist der erste gewesen, den ich geduzt. Zu den Eltern

hat man damals Sie gesagt. Welche Narrheit. Aber die Geschwister

untereinander ... immer du.«

Er war zur Stelle. Ohne weiteres kletterte er mit guter Übung an den

steinernen Statuen empor, setzte sich in den Schoß der Aphrodite und

streckte den Stab mit dem Binsenkörbchen aus -- nach mir.

Ich reichte dem Bruder des Schloßherrn zwei Pfennige und schritt

nachdenklich meines Weges.

Der Geistbrenner.

Wer einmal fünfzig Jahre lang Zeuge des Weltlaufes gewesen, bei dem

müßte sich, so sollte man meinen, der ganze innere Mensch geändert

haben. Alles ist ja so unerhört anders, als man's in der Jugend

gesehen, geträumt hat. Die lange Reihe von Hoffnungen, Überraschungen

und Enttäuschungen, von Freuden und Qualen, von Entwickelungen und

Verwickelungen und Lösungen, bei denen immer wieder alles erwartet

wird und immer wieder nichts herauskommt: diese Reihe von großartig

aufgedonnerten Nichtigkeiten müßte ein denkendes Wesen doch endlich

gleichgültig machen, in den Zustand jenes Träumenden versetzen,

der bei keiner Feuersbrunst mehr aufschreit, bei keinem Sturz mehr

zusammenzuckt, weil er in seinem Halbschlummer weiß: es ist doch nur

ein Traum.

Jawohl, wer fünfzig Jahre lang am sausenden Webstuhl der Zeit steht,

der müßte es endlich doch weghaben, wie die Fäden geknüpft, geschlungen

und die Knoten wieder gelöst oder zerhauen werden. Er müßte sehen,

daß jeder, der da mit hineingewoben wird, eigentlich gleich gut daran

ist, ob sein Faden nun geradeaus oder querüber läuft. Ein Kreuz

bildet's immer. Der mitverwobene, mit den übrigen Fäden ringende und

sich verklemmende, auf andere Fäden sich stützende, in andere Fäden

sich bergende und doch für sich ein freier selbstsüchtiger Ichfaden

sein wollende Hascher und Haber leidet ganz verzweifelt. Einer, der

sich als von außen Sehender fühlt, ändert sich im Lauf seines Lebens.

Der Haschende und Habende ändert sich nicht. Der ist lediglich Stoff,

der nach gemeinsamen Naturgesetzen steigt und fällt, sich physisch

ausdehnt, chemisch verbindet und nicht anders als ein Klumpen Erde

mittun muß in dem Kessel, aus dem ewig die Blasen steigen und in

dem der Bodensatz in die Tiefe sinkt. Die Haschenden und Habenden,

sie sind es, die den Kampf ums Dasein mit demselben trostlosen

Stumpfsinn ringen wie der Wurm und die Milbe und die Eintagsfliege.

Die Haschenden und Habenden, sie sind für sich nichts; erst wenn sie

sich mit Gleichartigem, mit der Stoffmasse verbinden, scheinen sie

etwas zu sein, wenigstens so viel, daß sie sich selbst genügen. Sie

schauen nicht, sie denken nicht, sie sind bloß, wie ein Schwammtier

oder ein Weichtier ist. Diese rein materiellen Menschen sind eigentlich

das Unschuldigste, was es geben kann; sie sind ja halb unbewußte

Wesen; sie dämmern so hin im Verdauungsschlummer, als ob sie zu viel

gefressen hätten, oder sie greifen instinktiv immer und immer mit

ihren Fängern aus wie Seetiere, die alles, was sie erhaschen können,

einmal an sich ziehen, wenn sie auch, längst übersättigt, alles wieder

fallen lassen müssen. Die Hascher und Haber, diese Ärmsten! Und diese

Glücklichen! Weil sie ja so kurzsichtig sind und so tief in ihren Tag

hineingebettet, daß sie keine Ahnung haben von den ewigen, glühenden,

göttlichen Dingen, die den Schauenden nimmer zur Ruhe kommen lassen.

Der reine Stoffmensch ändert sich nicht durch ein Erleben; er ist als

Greis innerlich derselbe, der er als Kind gewesen, wenn auch nicht

immer ein Habender, wohl aber immer ein Haschender. Er denkt nicht weit

genug, um sich zu fragen, wie er die erhaschte Beute nutzen werde;

er denkt kaum daran, welchen Wert sie für ihn hat; er lebt in der

dämmernden Vorstellung dahin: Das gehört mir! Es ist ein Versunkensein

in die Stoffwelt, ein fast friedlicher Schlaf. Aber der Schauende wird

anders bis in seinen späteren Tagen. Er mag in der Jugend von den

Sinnen zum Stoff hingezogen worden sein; aber als ihm das Auge aufging,

trat er ein wenig zurück von dem sausenden Webstuhl, um nicht in das

grobe Tuch der Menge mitverwoben zu werden.

Sonderlinge · 第 1 / 27 段