DIE BRACHMANEN. Die Weisen, Brachmanen genannt, sandten Alexander ein
Schreiben, in dem sie baten, sie geruhig und im Gebet ihre Tage führen zu
lassen. Der König war begierig, sie selbst zu sehen, obwohl nicht diese
berechtigte Neugier allein ihn zum Besuch zu bewegen schien. An einen
gleichwie Milch trüben Fluß gelangt erblickten die Wanderer bärtige und
bartlose Menschen, ganz nackt, unter den Zweigen eines wilden Pflaumenbaums
liegend und Schweigen wahrend; manche lagen da mit untergeschlagenen
hageren Beinen und schiefblickenden Augen, die erhobenen Arme im Ellbogen
gekrümmt. Alexander im kurzen roten Mantel trat zu den Weisen, begrüßte sie
und begann Fragen zu stellen. Den König umdrängend mit halbgeschlossenen
Augen, gaben die nackten Weisen mit stillen Stimmen Antworten.
Frage: Habet ihr ein Reich und darin eine Stadt?
Antwort: Die Welt ist unser Reich und unsere Stadt: Die Erde gebiert uns,
ernährt uns, und empfängt unsere Asche.
Frage: Von welchem Gesetz werdet ihr geleitet?
Antwort: Höhere Vorsehung bewahrt uns, und bestimmt unsere Taten und
Gedanken.
Frage: Was ist das Königtum?
Antwort: Kraft, Verwegenheit, Last.
Frage: Wer ist der Stärkste von Allen?
Antwort: Der menschliche Gedanke.
Frage: Wer ist dem Tode entronnen?
Antwort: Der lebendige Geist.
Frage: Gebiert die Nacht den Tag, oder ist der Tag der Vater der Nacht?
Antwort: Die Nacht ist unsere Urmutter, wir wachsen im Dunkel und streben
zum nievergehenden Licht.
Frage: Habet ihr einen Abt?
Antwort: Unser Ältester ist Dandamis.
Frage: Möchte ihn küssen!
Der König wurde durch einen schattigen Hain zu dem Greise geleitet, der so
mager war, daß ein leichter Windhauch zu genügen schien, seine gedunkelte
Körperlichkeit zu verwehen. Seine Lider waren gesenkt und auf großen
Blättern vor ihm lag eine Melone und einige Feigen. Er erhob sich nicht
beim Nahen Alexanders, öffnete nicht einmal die Lider, die nur leise
aufzuckten. Sein Bart zitterte und seine Stimme war so schwach, daß der
König sich bücken mußte, um sein prophetisches Lallen zu vernehmen. Mit
einem Lächeln nahm der Greis in die dürre Hand das Gläschen Öl entgegen,
das ihm der König darbrachte, aber er weigerte sich, Gold, Brot und Wein zu
empfangen. Ein kaum hörbares Flüstern säuselte wie ein wankendes Rohr:
»Wozu führst du immer Krieg: Wenn du auch alles besitzen wirst -- kannst du
es denn mit dir nehmen?« Alexander rief schmerzlich: »Wozu bewegt der Wind
das Meer? Wozu verstäubt der Orkan den Sand? Wozu jagen die Wolken und
biegt sich der Rebenzweig? Wozu bist du als Dandamis geboren und ich als
Alexander? Wozu? -- Erbitte, du Weiser, was du willst, alles gebe ich dir,
ich der Beherrscher der Welt!« Dandamis zog ihn an der Hand und flüsterte
freundlich: »Gib mir Unsterblichkeit«. Erbleicht riß Alexander seine Hand
aus den Händen des Greises und ging schnell ohne sich umzuwenden aus dem
Schatten des Hains zum Flusse, wo auf milchiger Nässe fette kropfige Enten
knarrten und Mücken in Reigen schwirrten.