ZWEITES KAPITEL

DAS MURREN DER SOLDATEN. In Indien nahm Alexander die Gesandten des Poros

an, des Königs von Indien, der davon abriet, gegen den Gott Dionysos zu

kämpfen, welcher ihm, Poros, beistehen sollte. Der König antwortete: »Mit

einem Gott kämpfe ich nicht, aber ich fürchte auch nicht aufgeblasene

Barbarenworte.« Die Feldherrn Alexanders jedoch, gewahrend, daß der Weg

noch ferne hin sich zöge, die Berge immer unzugänglicher würden, die

angetroffenen Tiere immer wunderlicher, bewegten die Soldaten, daß sie sich

weigerten, dem Könige zu folgen. Alexander las im Zelte den Homer, als er

zu den Soldaten gerufen wurde. Das Lager befand sich in einem schmalen

Tale, sodaß der frühen Stunde ungeachtet, das lilafarbne Licht nur auf den

Gipfeln der Berge lag. Die Menge schrie: »Wir sind nicht unsterblich, wir

sind nicht Kinder Ammons! Wir brauchen Nahrung! Wohin hast du uns gebracht!

Wir fürchten uns! Weiter gehen wir nicht: Geh allein!« Der König schwieg

lange, die Augen gehoben zu den schweren Wolken, die rosig wurden. Dann

erscholl hell und weit seine Stimme: »Bleibt hier, oder kehrt nach Hause

zurück, das sei eure Sache. Ich werde auch ohne euch weiter ziehen, und

wenn ichs allein tun muß. Wie die Sonne nicht ihre Bahn ablenken kann,

weder nach rechts noch nach links, so kann auch ich nichts mehr an dem mir

vorbestimmten Ruhm ändern!« Hephaistion und die zunächst stehenden

Jünglinge stürzten hin, und küßten das kurze Kleid des Königs mit den

Rufen: »Wir sterben mit dir!« »Mein Ruhm ist euer Ruhm!« antwortete der

König und ging ins Zelt. Gegen Morgen rückten die beruhigten Heere weiter,

den Horden des Poros entgegen.

* * * * *

DIE SCHLACHT MIT POROS. Auf den Gipfel des Berges gestiegen erblickten die

Griechen plötzlich eine endlose grüne Ebene, weiße Tempel mit blauen

Bassins, Felder unbekannten Korns, dünne aber zahlreiche Waldungen, mit

roter Erde bestreute Wege und in der Ferne das ruhige blendend blaue Meer.

Der Wohlgeruch der Feld- und Sumpfgräser drang sogar bis zu den Bergen,

Vögel mit bunten Schöpfen flogen von Palme zu Palme, Schmetterlinge

schwirrten schwer auf lila und rosa Blumen. Bienen summten in der stehenden

Hitze. Über das ganze nahe Feld waren weiße Zelte verstreut, und hohe

schwarze Menschen in weißen Kleidern mit Lanzen in den Händen, wachten vor

Scheiterhaufen. Zur Seite, wie eine Herde, lagen Panther und Tiger spielend

zwischen den Beinen unbeweglicher Elephanten. Da der König Kriegstiere mehr

fürchtete, als das Heer selbst des Poros, hieß er kupferne Gestalten von

Menschen machen, sie bis zur Rotglut erhitzen und vor die Krieger stellen,

sodaß die von den goldenen Ketten freigelassenen Tiger zurücksprangen, mit

Geheul im Grase vor Schmerzen sich wälzten, dann sich wieder auf andere

Abbilder stürzten, oder mit Gewinsel der Geißel des Aufsehers Gehorsam

verweigerten. Zur Nacht gingen die Gegner auseinander, um mit der Dämmerung

wieder den Kampf zu beginnen. So dauerte dies acht Tage; am neunten schlug

Alexander Poros vor, den Streit durch Zweikampf zu entscheiden, obwohl

Alexandern von solchem Schritte abgeraten wurde, indem man ihm vorhielt,

König Poros sei ein ruhmreicher Zweikämpfer, und beinahe zwei Ellen größer

von Gestalt. Am zehnten Morgen begannen die königlichen Gegner vor den

Heeren ihren Zweikampf. Poros war groß von Gestalt und biegsam, mit einem

roten kleinen Schurz auf seinem braunen Körper; der Kopf mit roter Seide

umbunden, glänzte wie ein roter Rubin, sein Gesicht war regelmäßig und

jugendlich schön, und der Blick der großen niedrig stehenden Augen

versetzte schüchterne Menschen in ein abergläubisches Beben. Die Feldherrn

und die Soldaten verfolgten schweigend den Gang des Kampfs, während die

indischen und griechischen Priester Opfer brachten, jedes nach den

Gebräuchen ihres Glaubens. Alexander warf rasch den Indier um, preßte mit

den weißen Händen seinen schwarzen Hals zusammen und ließ ihn lange nicht

aus. Endlich erscholl die ruhige Stimme des griechischen Königs über das

weite Feld: »Ihr indischen Leute, schickt eurem König Ärzte. Unser Streit

ist zu Ende, nicht mit euch kämpfe ich, ich hatte nur einen Feind -- König

Poros.« Der Indier lag rücklings da, ruhig die Arme gebreitet und mit

geschlossenen Augen, ohne zu atmen. Von den fernen Bergen flog ein Geier

herunter, setzte sich dem Toten auf die Stirn und dreimal auf seinen

schimmernden Rubin hackend, erhob er sich wieder langsam in die nebligen

Berge.

Taten des großen Alexander · 第 17 / 25 题