DAS MURREN DER SOLDATEN. In Indien nahm Alexander die Gesandten des Poros
an, des Königs von Indien, der davon abriet, gegen den Gott Dionysos zu
kämpfen, welcher ihm, Poros, beistehen sollte. Der König antwortete: »Mit
einem Gott kämpfe ich nicht, aber ich fürchte auch nicht aufgeblasene
Barbarenworte.« Die Feldherrn Alexanders jedoch, gewahrend, daß der Weg
noch ferne hin sich zöge, die Berge immer unzugänglicher würden, die
angetroffenen Tiere immer wunderlicher, bewegten die Soldaten, daß sie sich
weigerten, dem Könige zu folgen. Alexander las im Zelte den Homer, als er
zu den Soldaten gerufen wurde. Das Lager befand sich in einem schmalen
Tale, sodaß der frühen Stunde ungeachtet, das lilafarbne Licht nur auf den
Gipfeln der Berge lag. Die Menge schrie: »Wir sind nicht unsterblich, wir
sind nicht Kinder Ammons! Wir brauchen Nahrung! Wohin hast du uns gebracht!
Wir fürchten uns! Weiter gehen wir nicht: Geh allein!« Der König schwieg
lange, die Augen gehoben zu den schweren Wolken, die rosig wurden. Dann
erscholl hell und weit seine Stimme: »Bleibt hier, oder kehrt nach Hause
zurück, das sei eure Sache. Ich werde auch ohne euch weiter ziehen, und
wenn ichs allein tun muß. Wie die Sonne nicht ihre Bahn ablenken kann,
weder nach rechts noch nach links, so kann auch ich nichts mehr an dem mir
vorbestimmten Ruhm ändern!« Hephaistion und die zunächst stehenden
Jünglinge stürzten hin, und küßten das kurze Kleid des Königs mit den
Rufen: »Wir sterben mit dir!« »Mein Ruhm ist euer Ruhm!« antwortete der
König und ging ins Zelt. Gegen Morgen rückten die beruhigten Heere weiter,
den Horden des Poros entgegen.
* * * * *
DIE SCHLACHT MIT POROS. Auf den Gipfel des Berges gestiegen erblickten die
Griechen plötzlich eine endlose grüne Ebene, weiße Tempel mit blauen
Bassins, Felder unbekannten Korns, dünne aber zahlreiche Waldungen, mit
roter Erde bestreute Wege und in der Ferne das ruhige blendend blaue Meer.
Der Wohlgeruch der Feld- und Sumpfgräser drang sogar bis zu den Bergen,
Vögel mit bunten Schöpfen flogen von Palme zu Palme, Schmetterlinge
schwirrten schwer auf lila und rosa Blumen. Bienen summten in der stehenden
Hitze. Über das ganze nahe Feld waren weiße Zelte verstreut, und hohe
schwarze Menschen in weißen Kleidern mit Lanzen in den Händen, wachten vor
Scheiterhaufen. Zur Seite, wie eine Herde, lagen Panther und Tiger spielend
zwischen den Beinen unbeweglicher Elephanten. Da der König Kriegstiere mehr
fürchtete, als das Heer selbst des Poros, hieß er kupferne Gestalten von
Menschen machen, sie bis zur Rotglut erhitzen und vor die Krieger stellen,
sodaß die von den goldenen Ketten freigelassenen Tiger zurücksprangen, mit
Geheul im Grase vor Schmerzen sich wälzten, dann sich wieder auf andere
Abbilder stürzten, oder mit Gewinsel der Geißel des Aufsehers Gehorsam
verweigerten. Zur Nacht gingen die Gegner auseinander, um mit der Dämmerung
wieder den Kampf zu beginnen. So dauerte dies acht Tage; am neunten schlug
Alexander Poros vor, den Streit durch Zweikampf zu entscheiden, obwohl
Alexandern von solchem Schritte abgeraten wurde, indem man ihm vorhielt,
König Poros sei ein ruhmreicher Zweikämpfer, und beinahe zwei Ellen größer
von Gestalt. Am zehnten Morgen begannen die königlichen Gegner vor den
Heeren ihren Zweikampf. Poros war groß von Gestalt und biegsam, mit einem
roten kleinen Schurz auf seinem braunen Körper; der Kopf mit roter Seide
umbunden, glänzte wie ein roter Rubin, sein Gesicht war regelmäßig und
jugendlich schön, und der Blick der großen niedrig stehenden Augen
versetzte schüchterne Menschen in ein abergläubisches Beben. Die Feldherrn
und die Soldaten verfolgten schweigend den Gang des Kampfs, während die
indischen und griechischen Priester Opfer brachten, jedes nach den
Gebräuchen ihres Glaubens. Alexander warf rasch den Indier um, preßte mit
den weißen Händen seinen schwarzen Hals zusammen und ließ ihn lange nicht
aus. Endlich erscholl die ruhige Stimme des griechischen Königs über das
weite Feld: »Ihr indischen Leute, schickt eurem König Ärzte. Unser Streit
ist zu Ende, nicht mit euch kämpfe ich, ich hatte nur einen Feind -- König
Poros.« Der Indier lag rücklings da, ruhig die Arme gebreitet und mit
geschlossenen Augen, ohne zu atmen. Von den fernen Bergen flog ein Geier
herunter, setzte sich dem Toten auf die Stirn und dreimal auf seinen
schimmernden Rubin hackend, erhob er sich wieder langsam in die nebligen
Berge.