DIE WEISSAGUNGEN DER BÄUME. Breite palmenbepflanzte Straßen, weite, bald
weiße bald bunte Tempel, eine geräuschvolle Menge ergötzten die müden
Blicke der Ankommenden. Die Einwohner waren ergeben und freundlich. Ein
alter Priester mit hohem Stabe aus schwarzem Holz führte den König herum,
die Seltenheiten der Stadt weisend. Das merkwürdigste Wunder war der
Garten, in dessen Mitte zwei Bäume wuchsen, in der Art von Zedern, mit
Tierfellen zugedeckt. Auf die Frage des Königs antwortete der Führer:
»König du siehst zwei heilige Bäume: Der eine heißt das Mannsgeschlecht und
ist dem Sonnengotte geweiht, der andere, der Mondgöttin geweiht, heißt das
Weibsgeschlecht. Die Tierfelle sind Gaben der Pilger, wobei die Felle der
Männchen auf den Sonnenbaum gelegt werden, und die der Weibchen auf den
Mondbaum. Dreimal am Tage und dreimal nachts verkünden die Bäume das
Schicksal bei Sonnenaufgang. Zenit und Neigung der Sonne und des
Nachtgestirns. Wenn du dein Schicksal zu erkunden beliebst, reinige dich,
entwaffne dich, und tritt betend zu den Bäumen.« Zornigen Blick sprühend
rief Alexander: »Wenn die Sonne untergehen wird, ohne daß ich die Stimme
vernehme, so werde ich euch lebendig verbrennen!« Der Priester neigte sich
und ging weg, und der König begann, nachdem er die geforderten Gebräuche
erfüllt hatte, zu beten, die Hand auf den Stamm eines heiligen Baumes
gelegt. Schon glänzte die Sonne rot mit rotem Rande über den dichten Hain
und der König wollte zornerfüllt fortgehen, als auf einmal, gleich einem
fernen Gong eine tiefe Männerstimme sang: »König Alexander, bald wirst du
durch die Inder verderben!« Ohne sich zu rühren stand der König da, wie
versteinert; bis die rasche Dämmerung die neue trübe Röte des nächtlichen
Gestirns brachte, und aus dem Laub des benachbarten Baumes eine dunkle
Frauenstimme ertönte: »Armer König Alexander, wirst nimmermehr deine Mutter
Olympias schauen: In Babylon wirst du sterben.« Der verwirrte König trat zu
seinem Gefolge, das auf ihn hinter der Umzäunung wartete; auf die Frage des
Königs, ob auf die Bäume Kränze gelegt werden dürften, antwortete der
Priester: »Es ist verboten, doch wenn du willst, tue es; nicht für dich,
göttlicher König, sind die Gesetze!« Alexander folgte und entfernte sich in
seinen Palast. Die ganze Nacht zechte er mit seinen Freunden, an die
Feldzüge und an die Gefahren zurückdenkend, aber kaum graute der leichte
Morgen, da verließ der König, dringende Geschäfte vorhaltend, den Saal und
begab sich von Neuem zur geheiligten Umfriedung. In Sehnsucht beugte sich
der König vor dem Baume, und als die Sonne die ersten Strahlen auf die
Wipfel spritzte, und purpurgoldene Vögelchen auf biegsamen Zweigen sich
rührten, da erklang eine hohe Kinderstimme gleichsam von der Kuppel des
hellen Blaus herniedersinkend. »Alexander, Alexander, in Babylon wirst du
sterben, nimmer umarmend, die dich geboren. Prüfe nicht mehr das Schicksal,
wirst keine Antwort haben!« Ohne jemand etwas zu sagen, trat der König in
sein Gemach und schlug die Schriftrollen auf, und als der eintretende
Freund fragte: »Warum bist du, König, so bleich?«, da antwortete Alexander:
»Ich schlafe wenig; Arbeit und Müdigkeit nehmen mir die Röte!« Bald begann
er von Plänen für neue Feldzüge zu sprechen.
* * * * *
DIE ERFORSCHUNG DER LUFT. Alle wurden durch den Befehl des Königs
verwundert, einen geräumigen Käfig anzufertigen, und gleicherart ein
gläsernes Gefäß in Form eines Eies, sieben Paar kräftige Gebirgsadler zu
fangen und ein keusches Mädchen zu finden, das noch keinen Mann gekannt.
Als alles erfüllt war, rief der König das Volk zusammen auf ein freies Feld
hinter der Stadt, und auf eine Anhöhe sich stellend, sagte er: »Ich habe
Europa und Asien besiegt, das alte Ägypten und das wunderbare Indien, den
Süden, Osten, Westen und Norden; ich habe große Könige niedergeworfen; ich
zog über die ganze Erde von Ende zu Ende; ich war im Reich der Finsternis
und sah die Stätte der Seligen. Jetzt werde ich die Elemente besiegen, die
leichte Luft und das fließende Nasse, ich bin Alexander, der Sohn des
lybischen Gottes!« Alexanders Gesicht war bleich, aber seine Stimme klang
fest und hell über das weiße Feld. Darauf hieß er an den Käfig die Adler
binden und davor Fleischstücke zu legen. Selbst nahm er zwei Lanzen, deren
Länge die Fesseln der Vögel übertraf, und nachdem er auf die Spitzen die
blutigen Stücke gesteckt, hob er sie mit beiden Händen in die Höhe; die
Adler stürzten ihnen nach, ohne sie zu erreichen, und der Käfig mit dem
Könige darin begann, sich bewegend, aufzusteigen vor den Augen des
staunenden Volks. Immer kleiner und kleiner wurde der Käfig, sodaß die
vorbeifliegenden Schwalben größer als er zu sein schienen, und endlich
verschwand er. Alexander flog immer höher und höher, und der Wind pfiff in
seinen Locken. Die Erde wurde immer kleiner, bis sie, umgeben vom Bande des
Ozeans, der Scheibe eines dunklen Granatapfels auf einer Schüssel reinen
Wassers gleich wurde. Tag und Nacht strebte der König in die Höhe, an den
Sternen und Planeten vorbei. Die Sterne waren kristallene buntfarbige
Gefäße an goldenen Ketten, und jeder Engel entzündete und verlöschte eine
Flamme der Nacht. Die Planeten aber waren durchsichtige Räder, die in ihren
Spuren von dutzenden von Engeln gewälzt wurden. Stimmen riefen dem Winde
entgegen: »Kehre um, kehre um!« Endlich erblickte Alexander aus der Ferne
die Sonne. Ein Rad von Hyazinth, dessen Größe dreimal den Umfang der Stadt
Babylon übertraf wurde in einer goldenen Spur gewälzt von Engeln mit
freudigen Gesichtern und in roten Mänteln. Den Kopf zurückwerfend schrie
der König in das flammende Leuchten: »Ich bin Alexander! ich bin
Alexander!« und die Adler schrieen vielstimmig mit sieben Paaren offener
Schnäbel. Der Schall von tausend Hörnern und tausend Donnern erklang zur
Antwort: »Zurück, betörter Sterblicher, ich bin dein Gott!« Ohnmächtig ließ
Alexander die Lanzen sinken und die Adler trugen ihn zur Erde nieder,
schneller als ein wahnsinniger Komet. Als das Volk, welches auf den König
wartete, rief: »Ruhm Alexandern, der die Elemente besiegt!« da antwortete
der König nichts und begab sich bleich, die Menge hinter sich, an das Ufer
des Meeres.
* * * * *
DIE ERFORSCHUNG DES WASSERS. Dort hieß der König an Taue das gläserne Gefäß
binden, und an einen dünnen Strick ein silbernes Glöckchen, und befahl, das
ausfindig gemachte Mädchen herbeizuführen. Sie war klein und braun, sah
sich erschreckt um und nannte sich Chadschidscha. Ihre Eltern, der Arzt und
der Priester beschworen, daß sie Jungfrau. Alexander sagte zu ihr: »Halte
dies Tau; solange du keusch bist, wird das Gefäß nicht vertrinken. Wenn ich
schelle, ziehet die Stricke aus dem Wasser!« Und in das Ei tretend, begann
er in den Strudel niederzusinken. Ein grünliches Halblicht, durch die
hellen Scheiben sichtbar, umgab den König. Die Fische schossen wie Pfeile
aus der Tiefe Alexander entgegen, und große Ungeheuer krochen langsam über
Meerespflanzen von Ort zu Ort; der König sah zu, wie die größeren Fische
die kleineren verschlangen, um selbst von den Ungeheuern vernichtet zu
werden; wie Trümmer von Schiffen auf den Grund sanken, wo die Ertrunkenen
fahl schimmerten, ineinander verschlungen oder Kleinodien fest umfassend,
oder mit qualverzerrten Gesichtern. Mit grünen herausgequollenen Augen
blickten Kraken durchs Glas auf den König, neugierig nah an das Gefäß
heranschwimmend. Plötzlich stieß das Schiff des unterseeischen Schwimmers
auf eine Korallengrotte, aus der eine Frau schwamm mit grünen Rohrzöpfen
und Schuppengliedern. Ihr Angesicht war schrecklich und furchterregend; sie
machte wehrende Gebärden mit den Händen, weit die Lippen öffnend, als ob
sie etwas schrie, aber ihr Schreien drang nicht durch das gläserne Gefäß,
und als der König sie verließ, und immer mehr in die dunkle Tiefe zu sinken
begann, da sah er, wie das Meerweib mit ringenden Händen in der
Korallengrotte verschwand. Als Alexander sich niederbeugte, erblickte er
ein kleines schwarzes Wassertier, von der Art eines Krebses, das an der
glatten Wand festgeklammert, emsig nagte, sodaß das Wasser bereits in
dünnem Strahl nach innen strömte. Da ergriff Alexander die dünne Schnur und
das Gefäß begann rasch aufzusteigen, mit dem bleichen König, der nicht mehr
in die Fernen schaute, welche nun in hellem Grün aufglänzten. Als er ans
Ufer gezogen wurde, stand der Mond im Zenit, und schien auf zwei Leichen:
Des Mädchens Chadschidscha und eines großen Soldaten. Alexander trat heran
und erfuhr, daß, als alle ermüdet vom Wachen eingeschlafen waren, das
Mädchen sich dem ersten, der an sie herantrat, hingegeben hatte und das Tau
des Königs aus der Hand ließ. Da hatten die, welche dem Könige nahe
standen, die Verbrecher erschlagen. »Wieviel Zeit verbrachte ich auf dem
Grunde?« -- Zwei Stunden, König. -- »Nicht zwei Stunden hat die Festigkeit
eines einzigen keuschen Mädchens standgehalten?« sagte der König
nachdenklich, und begab sich, von der Menge und von Hornklängen begleitet,
in die Residenz. »Ruhm sei Alexandern, der die Elemente besiegt!« rief die
Menge, die Priester schwenkten qualmende Rauchfässer dem Könige entgegen,
der war bleich unter dem Monde im Zenit.
Ende des dritten Buches.