VIERTES KAPITEL

DIE WEISSAGUNGEN DER BÄUME. Breite palmenbepflanzte Straßen, weite, bald

weiße bald bunte Tempel, eine geräuschvolle Menge ergötzten die müden

Blicke der Ankommenden. Die Einwohner waren ergeben und freundlich. Ein

alter Priester mit hohem Stabe aus schwarzem Holz führte den König herum,

die Seltenheiten der Stadt weisend. Das merkwürdigste Wunder war der

Garten, in dessen Mitte zwei Bäume wuchsen, in der Art von Zedern, mit

Tierfellen zugedeckt. Auf die Frage des Königs antwortete der Führer:

»König du siehst zwei heilige Bäume: Der eine heißt das Mannsgeschlecht und

ist dem Sonnengotte geweiht, der andere, der Mondgöttin geweiht, heißt das

Weibsgeschlecht. Die Tierfelle sind Gaben der Pilger, wobei die Felle der

Männchen auf den Sonnenbaum gelegt werden, und die der Weibchen auf den

Mondbaum. Dreimal am Tage und dreimal nachts verkünden die Bäume das

Schicksal bei Sonnenaufgang. Zenit und Neigung der Sonne und des

Nachtgestirns. Wenn du dein Schicksal zu erkunden beliebst, reinige dich,

entwaffne dich, und tritt betend zu den Bäumen.« Zornigen Blick sprühend

rief Alexander: »Wenn die Sonne untergehen wird, ohne daß ich die Stimme

vernehme, so werde ich euch lebendig verbrennen!« Der Priester neigte sich

und ging weg, und der König begann, nachdem er die geforderten Gebräuche

erfüllt hatte, zu beten, die Hand auf den Stamm eines heiligen Baumes

gelegt. Schon glänzte die Sonne rot mit rotem Rande über den dichten Hain

und der König wollte zornerfüllt fortgehen, als auf einmal, gleich einem

fernen Gong eine tiefe Männerstimme sang: »König Alexander, bald wirst du

durch die Inder verderben!« Ohne sich zu rühren stand der König da, wie

versteinert; bis die rasche Dämmerung die neue trübe Röte des nächtlichen

Gestirns brachte, und aus dem Laub des benachbarten Baumes eine dunkle

Frauenstimme ertönte: »Armer König Alexander, wirst nimmermehr deine Mutter

Olympias schauen: In Babylon wirst du sterben.« Der verwirrte König trat zu

seinem Gefolge, das auf ihn hinter der Umzäunung wartete; auf die Frage des

Königs, ob auf die Bäume Kränze gelegt werden dürften, antwortete der

Priester: »Es ist verboten, doch wenn du willst, tue es; nicht für dich,

göttlicher König, sind die Gesetze!« Alexander folgte und entfernte sich in

seinen Palast. Die ganze Nacht zechte er mit seinen Freunden, an die

Feldzüge und an die Gefahren zurückdenkend, aber kaum graute der leichte

Morgen, da verließ der König, dringende Geschäfte vorhaltend, den Saal und

begab sich von Neuem zur geheiligten Umfriedung. In Sehnsucht beugte sich

der König vor dem Baume, und als die Sonne die ersten Strahlen auf die

Wipfel spritzte, und purpurgoldene Vögelchen auf biegsamen Zweigen sich

rührten, da erklang eine hohe Kinderstimme gleichsam von der Kuppel des

hellen Blaus herniedersinkend. »Alexander, Alexander, in Babylon wirst du

sterben, nimmer umarmend, die dich geboren. Prüfe nicht mehr das Schicksal,

wirst keine Antwort haben!« Ohne jemand etwas zu sagen, trat der König in

sein Gemach und schlug die Schriftrollen auf, und als der eintretende

Freund fragte: »Warum bist du, König, so bleich?«, da antwortete Alexander:

»Ich schlafe wenig; Arbeit und Müdigkeit nehmen mir die Röte!« Bald begann

er von Plänen für neue Feldzüge zu sprechen.

* * * * *

DIE ERFORSCHUNG DER LUFT. Alle wurden durch den Befehl des Königs

verwundert, einen geräumigen Käfig anzufertigen, und gleicherart ein

gläsernes Gefäß in Form eines Eies, sieben Paar kräftige Gebirgsadler zu

fangen und ein keusches Mädchen zu finden, das noch keinen Mann gekannt.

Als alles erfüllt war, rief der König das Volk zusammen auf ein freies Feld

hinter der Stadt, und auf eine Anhöhe sich stellend, sagte er: »Ich habe

Europa und Asien besiegt, das alte Ägypten und das wunderbare Indien, den

Süden, Osten, Westen und Norden; ich habe große Könige niedergeworfen; ich

zog über die ganze Erde von Ende zu Ende; ich war im Reich der Finsternis

und sah die Stätte der Seligen. Jetzt werde ich die Elemente besiegen, die

leichte Luft und das fließende Nasse, ich bin Alexander, der Sohn des

lybischen Gottes!« Alexanders Gesicht war bleich, aber seine Stimme klang

fest und hell über das weiße Feld. Darauf hieß er an den Käfig die Adler

binden und davor Fleischstücke zu legen. Selbst nahm er zwei Lanzen, deren

Länge die Fesseln der Vögel übertraf, und nachdem er auf die Spitzen die

blutigen Stücke gesteckt, hob er sie mit beiden Händen in die Höhe; die

Adler stürzten ihnen nach, ohne sie zu erreichen, und der Käfig mit dem

Könige darin begann, sich bewegend, aufzusteigen vor den Augen des

staunenden Volks. Immer kleiner und kleiner wurde der Käfig, sodaß die

vorbeifliegenden Schwalben größer als er zu sein schienen, und endlich

verschwand er. Alexander flog immer höher und höher, und der Wind pfiff in

seinen Locken. Die Erde wurde immer kleiner, bis sie, umgeben vom Bande des

Ozeans, der Scheibe eines dunklen Granatapfels auf einer Schüssel reinen

Wassers gleich wurde. Tag und Nacht strebte der König in die Höhe, an den

Sternen und Planeten vorbei. Die Sterne waren kristallene buntfarbige

Gefäße an goldenen Ketten, und jeder Engel entzündete und verlöschte eine

Flamme der Nacht. Die Planeten aber waren durchsichtige Räder, die in ihren

Spuren von dutzenden von Engeln gewälzt wurden. Stimmen riefen dem Winde

entgegen: »Kehre um, kehre um!« Endlich erblickte Alexander aus der Ferne

die Sonne. Ein Rad von Hyazinth, dessen Größe dreimal den Umfang der Stadt

Babylon übertraf wurde in einer goldenen Spur gewälzt von Engeln mit

freudigen Gesichtern und in roten Mänteln. Den Kopf zurückwerfend schrie

der König in das flammende Leuchten: »Ich bin Alexander! ich bin

Alexander!« und die Adler schrieen vielstimmig mit sieben Paaren offener

Schnäbel. Der Schall von tausend Hörnern und tausend Donnern erklang zur

Antwort: »Zurück, betörter Sterblicher, ich bin dein Gott!« Ohnmächtig ließ

Alexander die Lanzen sinken und die Adler trugen ihn zur Erde nieder,

schneller als ein wahnsinniger Komet. Als das Volk, welches auf den König

wartete, rief: »Ruhm Alexandern, der die Elemente besiegt!« da antwortete

der König nichts und begab sich bleich, die Menge hinter sich, an das Ufer

des Meeres.

* * * * *

DIE ERFORSCHUNG DES WASSERS. Dort hieß der König an Taue das gläserne Gefäß

binden, und an einen dünnen Strick ein silbernes Glöckchen, und befahl, das

ausfindig gemachte Mädchen herbeizuführen. Sie war klein und braun, sah

sich erschreckt um und nannte sich Chadschidscha. Ihre Eltern, der Arzt und

der Priester beschworen, daß sie Jungfrau. Alexander sagte zu ihr: »Halte

dies Tau; solange du keusch bist, wird das Gefäß nicht vertrinken. Wenn ich

schelle, ziehet die Stricke aus dem Wasser!« Und in das Ei tretend, begann

er in den Strudel niederzusinken. Ein grünliches Halblicht, durch die

hellen Scheiben sichtbar, umgab den König. Die Fische schossen wie Pfeile

aus der Tiefe Alexander entgegen, und große Ungeheuer krochen langsam über

Meerespflanzen von Ort zu Ort; der König sah zu, wie die größeren Fische

die kleineren verschlangen, um selbst von den Ungeheuern vernichtet zu

werden; wie Trümmer von Schiffen auf den Grund sanken, wo die Ertrunkenen

fahl schimmerten, ineinander verschlungen oder Kleinodien fest umfassend,

oder mit qualverzerrten Gesichtern. Mit grünen herausgequollenen Augen

blickten Kraken durchs Glas auf den König, neugierig nah an das Gefäß

heranschwimmend. Plötzlich stieß das Schiff des unterseeischen Schwimmers

auf eine Korallengrotte, aus der eine Frau schwamm mit grünen Rohrzöpfen

und Schuppengliedern. Ihr Angesicht war schrecklich und furchterregend; sie

machte wehrende Gebärden mit den Händen, weit die Lippen öffnend, als ob

sie etwas schrie, aber ihr Schreien drang nicht durch das gläserne Gefäß,

und als der König sie verließ, und immer mehr in die dunkle Tiefe zu sinken

begann, da sah er, wie das Meerweib mit ringenden Händen in der

Korallengrotte verschwand. Als Alexander sich niederbeugte, erblickte er

ein kleines schwarzes Wassertier, von der Art eines Krebses, das an der

glatten Wand festgeklammert, emsig nagte, sodaß das Wasser bereits in

dünnem Strahl nach innen strömte. Da ergriff Alexander die dünne Schnur und

das Gefäß begann rasch aufzusteigen, mit dem bleichen König, der nicht mehr

in die Fernen schaute, welche nun in hellem Grün aufglänzten. Als er ans

Ufer gezogen wurde, stand der Mond im Zenit, und schien auf zwei Leichen:

Des Mädchens Chadschidscha und eines großen Soldaten. Alexander trat heran

und erfuhr, daß, als alle ermüdet vom Wachen eingeschlafen waren, das

Mädchen sich dem ersten, der an sie herantrat, hingegeben hatte und das Tau

des Königs aus der Hand ließ. Da hatten die, welche dem Könige nahe

standen, die Verbrecher erschlagen. »Wieviel Zeit verbrachte ich auf dem

Grunde?« -- Zwei Stunden, König. -- »Nicht zwei Stunden hat die Festigkeit

eines einzigen keuschen Mädchens standgehalten?« sagte der König

nachdenklich, und begab sich, von der Menge und von Hornklängen begleitet,

in die Residenz. »Ruhm sei Alexandern, der die Elemente besiegt!« rief die

Menge, die Priester schwenkten qualmende Rauchfässer dem Könige entgegen,

der war bleich unter dem Monde im Zenit.

Ende des dritten Buches.

Taten des großen Alexander · 第 19 / 25 题