ERSTES KAPITEL

DER ABSCHIED VON ROXANE. Der Winter, verbracht in Frieden und Muße, quälte

Alexander mit undeutlicher und unbestimmter Sehnsucht und oft, im Frühling

schon, mit seinem Freunde Hephaistion auf der Terasse sitzend, seufzte der

König nach fernen Feldzügen. Dieses Streben lobend, riet der Freund dem

Könige nach dem Osten zu wandern, in das indische Reich, durch Wüsten;

Gestirne des Himmels zu Führern, und Sternenreigen. Der König küßte den

Freund und ging zu der Königin Roxane. Die Königin saß am Fenster, ohne

etwas zu tun, gelangweilt von Alexanders Kälte, denn, obwohl sie die

Gemahlin des Königs hieß, so blieb sie doch Jungfrau zu ihrem großen Ärger.

»Was belieben, Sie, König?« fragte sie ohne an den Gemahl ihr breites,

grell geschminktes Gesicht zu wenden. -- »Mein Schwert und den Feldmantel

such ich, Frau Königin«, antwortete Alexander. »Schicken Sie sich denn an,

in neue Feldzüge zu gehn?« fuhr Roxane fort, die Augen von den gemalten

Fensterscheiben nicht wendend. »Ja, Herrin!« -- »Es wäre nicht übel, wenn

Sie mich vorher benachrichtigten, damit ich Ihnen etwas zum Andenken

sticken könnte.« »Sie werden auch ohnehin in meinem Andenken herrschen!«

Die Königin erging sich im Zimmer und wandte sich wieder an den Gemahl:

»Was ist Ruhm? Ist es ein Rauch? Sie sollten einen Sohn haben, als würdigen

Erben.« Und sie ließ sich auf den Fußboden zu den Füßen des Helden nieder.

Alexander antwortete lange nichts, lächelnd und in Roxanes Locken spielend,

dann sprach er: »Herrin, sticke mir einen Siegesmantel, bringe Opfer den

Göttern dar, uns Männer aber laß die Männergeschäfte entscheiden!« Der

König verließ eiligen Schritts die Gemächer der Königin, und jene saß lange

in der Dunkelheit, mit den Händen die Schläfe pressend, die der Gemahl

geküßt hatte; nicht hörend die Hörner und das Wiehern der Pferde, das

Stampfen der Lanzen und die dumpfen Paukenschläge. Leer war der dunkle

Platz, als Roxane in das Fenster blickte, und eine kleine Lampe erzündend,

setzte sie sich zum Sticken hin, und verlor böse, karge Tränen.

* * * * *

DIE WANDERUNG IN DER WÜSTE. Das Heer wußte nur unklar, wohin es ging, die

Feldherrn ebenfalls, und nur die Sicherheit der wolkenlosen Stirn des

Königs hielt sie vom offenen Murren zurück. Von den Sternen acht Tage

geleitet, kamen sie in Fruchtwälder, deren Einwohner Tieren glichen, und in

ein Grasland, wo an Stelle von Hunden an den Häusern Flöhe und Kröten

angekettet waren, und in ein Sumpfland, wo die schamlosen Einwohner bellten

und nur durch Feuer in die Flucht gejagt werden konnten. Und weiter zogen

sie und wunderten sich, über die Greifen, die stummen Völkerschaften, die

Halbhunde, den einäugigen Tiger, die im Feuer lebenden Salamander, den

Baum, der gegen Abend eine wohlriechende Träne vergießt, die sechsfüßigen

dreiköpfigen Pardeln. Und aus dem warmen Nebel sangen zarte aber strenge

Stimmen: »Mache Halt, König, mache Halt!« Aber Alexander rief laut in die

Dunkelheit: »Ich will den Rand der Welt sehen!« Und sie gingen wieder

weiter, die Müdigkeit und das Murren durch die Liebe zum König betäubend.

Endlich verkündete ihnen ein warmer und dichter Nebel die Nähe des Meeres.

Im rosigen Nebel war das Meer nicht zu sehen, aber sichtbar waren die kaum

blinkenden Lampen auf den Masten der Schiffe. Der König bestieg ein Schiff,

das niemand kannte, und fuhr ab, ins dichte, leis und zischend schäumende

Naß. Zur Linken war eine bewaldete hohe Insel sichtbar, von der griechische

Worte herüberklangen, aber die Sprechenden waren nicht zu sehen, und die

Mutigen, die im Schwimmen das wunderbare Ufer zu erreichen suchten, wurden

von unsichtbaren Händen in den Strudel gezogen. Endlich war der Nebel so

dicht, daß er wie eine Porphyrmauer erschien, und der König war genötigt,

ans Ufer zurückzukehren. Lange stand Alexander vor dem Nebelmeer, und dann

begab er sich mit einem Seufzer in die Tiefe des Landes.

* * * * *

DAS GEBIET DER FINSTERNIS. Bald erreichten sie ein finsteres Land, ohne

Dämmerung, Sonne und Mond, wo sie das Land der Seeligen vermuteten. Um den

Weg in der Finsternis nicht zu verlieren, wurde eine Eselin von ihrem

Jungen getrennt und, indem man die erstere vorausließ, hielt man das andere

vor dem Heere, damit man durch die Schreie der Mutter geleitet werde. Aber

ein sonderbares Licht beleuchtete den unterirdischen Weg den Wanderern. Die

Gegenstände in ihrem Wege erschienen grau und unbestimmt, wie nach dem

Schlaf. Bald kamen sie an einen traurigen, hügeligen Ort; der Wind brachte

von links einen schweren Gestank und die Eselin schrie in der Ferne kaum

hörbar. Die Fledermäuse, dahinjagend über ihre Köpfe, schienen zu zischen:

»Biegt nach links.« Die Wanderer fanden bald einen See ganz von Menschen

erfüllt, so daß kein Wasser zu sehen war, und nur Köpfe, Schultern und

Arme. Unter der Erde hervor drang Stöhnen und Wehklagen, gleichsam wie

während des Sturmes aus dem Innern eines Schiffs. Aber alle Stimmen wurden

von der Stimme eines Riesen übertönt, der an einen spitzen Felsen gefesselt

war; fünf Tage Weges weit war dieses Weheklagen zu hören. Ihnen entgegen

kamen Haufen von Menschen, Männer und Frauen, alle entblößt, die von

flammenblickenden Vögeln mit Nesselpeitschen gejagt wurden. Mit zerzausten

Haaren blickten die Gejagten wild den König an und riefen mit

ausgestreckten Armen: »Hast Du, König Alexander, die Liebe gekannt?« Der

König richtete seine Augen auf Hephaistion und wiederholte langsam: »Habe

ich die Liebe gekannt?« aber die grauen Menschen, heiser bellend, waren

schon vorbeigezogen, gebeugt unter den Schlägen der Nesselpeitschen. Von

der Bergfläche herabsteigend, betraten sie offenbar das Kupferland, so

schallend verbreitete das Echo das Gestampf der Hufe. Alexander erschrak,

indem er sich an die Weissagungen des Antiphon erinnerte, er werde sterben

im eisernen Lande unter beinernem Himmel. Aber auch diesen Weg wanderte man

zu End, ohne auf die nunmehr unaufhörlichen Stimmen und Weheklagen weiter

zu hören. Auf einmal überraschte eine plötzlich eingetretene Stille ihr

Gehör. Rechts ragte ein dichter Wald hinter hoher Umfriedung, eine Quelle

glänzte im Silber murmelnd am Eingang, und der Himmel erschien durch die

dichten Zweige durchsichtiger, grünlich zart erschimmernd. Das Wiehern der

Eselin in der Ferne verstummte. Der König näherte sich dem Haine, nahm den

Helm ab und blickte prüfend auf den helleuchtenden Himmel. Plötzlich tat

sich das Tor leicht auf und aus dem schweren Dickicht trat ein nackter

Jüngling mit hoher Lanze, auf deren Spitze ein wunderbarer Topas gelb

schimmerte. Mit zärtlicher Stimme, wie eine Turteltaube sagte er: »König

Alexander, das ist die Stätte der Seligkeit; niemand kann hier lebend

eintreten selbst du nicht, der an diesen Ort kam, den noch kein Menschenfuß

betrat. Freue dich, du wirst bald hierherkommen, auch ohne deinen Wunsch.«

Und mit traurigem Lächeln verschwand der Knabe und das Tor schloß sich von

selbst, und der König führte schweigend sein Heer weiter, dem Wiehern der

Eselin nach, bis er ins weiße Licht kam, in Sonne, Mond und Sterne, und wo

Gras die liebe schwarze Erde bedeckt.

Taten des großen Alexander · 第 16 / 25 题