ALEXANDER AM GRABE DES ACHILLEUS. Während Dareios ein zweites Heer
sammelte, um Alexander niederzuwerfen, begab sich der König zum Meere, um
die von Homer besungenen Stätten zu besuchen. Als der König alles
aufmerksam besichtigt hatte und die ruhmreichen Trümmer bewundert, brachte
er mit eigener Hand Opfer dar am Grabe des Achilleus, zusammen mit seinem
Freunde Hephaistion. Darauf betete er im Tempel des Orpheus und begann
seinerseits zu einem neuen Kampfe sich vorzubereiten.
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DIE TREUE DES PHILIPPOS. Einmal, nach einem Bade im kalten Wasser des
Kidnos, erkältete sich Alexander und wurde bettlägerig. Als der Arzt
Philippos geholt wurde, ruhte der König halb sitzend im Bette, hoch gerötet
und irgend einen Brief lesend.
Flüchtig mit dem feurigen Auge auf den Eintretenden blickend, fuhr
Alexander fort zu lesen, bis der Arzt seine Kräuter stampfte und mischte.
Endlich reichte Philippos dem König die Schale; scharf ihn anschauend rief
jener: »Siehe, welch ein Vertrauen, o Philippos!« und begann langsam zu
trinken, ohne die Augen von dem ruhigen Heilenskundigen zu wenden. Darauf
zurück in die Kissen fallend, ließ er Philippos die heimliche Anzeige des
Parmenion lesen, daß der königliche Arzt bestochen sei, Alexandern zu
vergiften. Nach seiner Genesung näherte sich der König dem Philippos noch
mehr, gänzlich Parmenion von sich haltend.
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DIE VORBEREITUNG ZUR SCHLACHT. Mysien und Armenien durchziehend erreichte
der König durch wasserlose Wüsten den Euphrat, dessen Quellen im
wundersamen Paradies verborgen sind. Alexander holte den Zug ein, und
selbst die Spitze des Heeres nehmend, befahl er die Brücken zu vernichten,
welches Dareios sofort gemeldet wurde. Der persische König schickte Boten
zu seinen Feldherrn und vereinigten Herrschern, aber allein Poros von
Indien versprach ihm seine Hilfe. Die alte Mutter schrieb aus der
Gefangenschaft, von welcher Ehrerbietung und Hochachtung sie umgeben sei,
und beschwor flehentlich, nicht die Welt in Aufruhr zu setzen. Dareios
brach in Tränen aus, nachdem er an König Alexander ein Schreiben abgesandt
hatte, in welchem er auf die gefangenen Verwandten Verzicht leistete, ihr
Schicksal dem Könige selbst überlassend. Alexander lachte, antwortete
nichts auf dieses wahnwitzige Schreiben und begann zur Schlacht sich
vorzubereiten.
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ALEXANDER IM PERSISCHEN LAGER. Der König suchte vergebens irgend jemand,
der es auf sich genommen hätte, in des Dareios Lager sich zu begeben.
Nachts ließ er an die Hörner der Ziegen brennende Zweige binden, jagte sie
vor die babylonischen Mauern und benutzte den Schrecken der Wächter, um den
großen Umfang der Stadt von außen in Augenschein zu nehmen. Die dreifache
Reihe der Mauern, die hohen Kupfertürme und die Tore lagen in Schweigen;
nur die Elefanten brüllten von innen gegen die Himmelsröte, und aufgestörte
Tauben flogen in Schwärmen zum schwarzen Himmel. Nachdenklich betrachtete
der König die erstaunlichen Mauern und erklärte, heimgekehrt, daß zu
Dareios als Bote er selbst sich begeben werde. Vergeblich suchten die
Ratgeber den König von seinem Entschluß abzuwenden, wie von dem Vorhaben
eines Hirnverbrannten. Eumelos und drei Pferde nehmend, selbst gekleidet
nach der Art des Hermes, begab sich Alexander zum Flusse Strangas, der
damals mit Eis bedeckt war. Dort ließ er Eumelos mit zwei Pferden, selbst
überschritt er auf dem Bukephalos den Fluß und rief: »Ammon ist mein
Helfer!« Die persischen Wächter, Alexander umringend, hielten ihn für eine
göttliche Erscheinung, und geleiteten ihn in den Palast, allwo Dareios in
babylonischen Gewändern, im vergüldeten Schuhwerk, im Purpurkleid, mit
Szepter und Stab auf dem strahlenden Throne saß. Alle verwunderten sich
über Alexanders kleine Gestalt. Dareios sprach mit etwas vom Weine
ermatteter Stimme: »Wer bist du, Knabe?« -- »Ich bin der Bote Alexanders.«
-- »Was hast du zu sagen?«
»Alexander drängt zum Kampfe und ist unwillig, ob deiner Langsamkeit!« Die
Brauen des Königs runzelten sich, dennoch sagte er laut lachend: »Sei er
unwillig, wir aber wollen einstweilen zechen! Eine Schale für ihn!«
Alexander verbarg die eine Schale in den Falten der Chlamys und streckte
die Hand nach der zweiten aus, Dareios lachte schläfrig. »Geschickt! und
jene, wo ist sie, die erste?« »Der König Alexander schenkt stets die
Schalen, wenn er mit Freunden zecht!« Der persische Künstler flüsterte
Dareios ins Ohr, dieser Mensch sei Alexander selbst, von dem er einst ein
Bildnis gemacht. Der König nickte bejahend in halbem Schlafe; durch die
Reihen der Gäste ging ein Raunen: »Alexander selbst«, aber Alexander, an
das hohe Fenster tretend rief: »Ja, ich gleiche von Ansehen dem
gottähnlichen Helden, aber ihr irret euch!« dann, auf einmal auf den Sockel
der Bildsäule des Xerxes steigend rief er laut: »König Dareios, sieh mich
gut an, auf daß du in der Schlacht Alexander nicht vorbeilässest!« und sich
abschwingend von der auf den Tisch gestürzten Bildsäule, mit den
Bruchstücken Becher und Schalen zerschlagend, verschwand er durch das hohe
Fenster.
Die trunkenen Perser, fluchend, sattelten die Pferde im Dunkel, aber sie
holten den leichten Griechen nicht ein, und meldeten dem bei Trümmern der
väterlichen Säule sitzenden Dareios die unwahrscheinlichsten Nachrichten
über das Verschwinden Alexanders.