DIE EROBERUNG VON TYROS. Vor Tyros sandte Alexander Boten, in der Absicht,
auf friedlichem Wege die Stadt zu gewinnen; aber zur Antwort auf seinen
Brief henkten die Bürger vor den Stadttoren die Boten und schlossen sich
noch fester in ihre Türme ein. Alexander trat in Verbindung mit drei
östlichen Vorstädten, und in einer dunklen Nacht, da er vorher die Tore
offen wußte, fiel er über die Stadt, nahm sie, den Schlaf und die
Sicherheit der Einwohner sich zunutze machend, und tötete alle Männer,
während er für die Sklaverei Frauen und Knaben ließ.
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ALEXANDER IN JERUSALEM. Vom Meere zog der Weg in hohen Bergflächen nach
Jerusalem. Die Juden schickten von selbst Auserwählte zu Alexander mit der
Bitte, sie untertan zu nehmen, und mit Geschenken.
Alexander beobachtete die Sterne, als man ihm die Gesandtschaft meldete;
der König empfing die Juden im Gewande des Sternedeuters, kühl und
zurückgehalten; als er vernahm, daß sie ihn bäten, ihm untertan zu werden,
befahl er vier Jünglingen sofort sich in einen Abgrund zu werfen, welches
sie, mit einander umarmt, auch taten. Die Judäer zerrissen ihre gestreiften
Gewänder und erhoben Wehklage; aber der König sprach: »Glaubet nur nicht,
daß diese Epheben Verbrecher waren, Verräter oder derlei; aber welche mir
zu gehorchen sich vornehmen, diese müssen meinen leisesten Wunsch
erfüllen!« Am Morgen empfing im Tore den König der Hohepriester, dessen
ganzer Schoß mit goldenen Glöcklein benähet war und dessen Brust sich in
ein Ephad hüllte, mit selbstleuchtenden magischen Steinen: 1. Dem
babylonischen Sandrion, rot wie Blut, der Wunden heilt; 2. dem indischen
Topas, der von Wassersucht befreit; 3. einem Smaragd, -- der Augen Weide;
4. dem Amphrax, der in der Nacht und durch Gewänder scheinet; 5. dem
Saphir, auf ihm verzeichnete Moses die Gebote; 6. dem Jaspis aus Amathunt;
7. dem Anatis, der Schlangenstich lindert; 8. dem Hyazinth, der mit seiner
Glut das Feuer löscht; 9. mit Chrysolithen, Beryllen und Onyx. Der König
trat in Eile an den Greis und seine Hand küssend fragte er: »Vater, welchem
Gotte dienst du?« -- »Dem einzigen, der Himmel und Erde geschaffen!« -- »So
mag er auch mein Gott sein!« rief der Held. Aber der Greis, die Arme mit
offenen Händen zum Himmel gestreckt rief: »Der Gott der Siege sei mit dir,
o Sohn!« Das griechische Gefolge des Königs fand sein Betragen nicht ganz
der königlichen Würde geziemend, es ging aber ein Gerede der Juden vor
Alexander her, daß der Sieger ihrem Aberglauben alle offenbaren Zeichen der
Verehrung angedeihen lasse, insgeheim bekennend, aber in der Tat ist dies
nichts, als eine leere Fabel.
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DIE BOTEN DES DAREIOS UND ALEXANDERS ANTWORT. In Syrien stießen zu
Alexander die Boten des Dareios, einen Brief bringend, einen Ball, eine
Peitsche und ein Kistchen mit Gold. Der vor versammeltem Heere verlesene
Brief war voll aufgeblasener Prahlerei und Schimpfens. »Ich, Dareios, der
König der Könige, der Gott der Götter, strahlend wie eine Sonne usw. an
Alexander, meinen Sklaven. Möchtest du lieber zu deiner Mutter Olympias
gehen, liegen an ihrer Brust, und die Schule besuchen, anstatt fremde
Länder zu plündern wie ein Räuber!« Das Schweigen auf dieses freche
Anschreiben wurde durch die Stimme des Königs unterbrochen, der laut
ausrief: »Haben wir denn vor bellenden Hunden Furcht?« Darauf hieß er die
Boten kreuzigen. Die Boten, zwei Perser mit roten Bärten und der Dolmetsch,
ein griechischer Knabe, fielen dem König zu Füßen wehklagend: »Erbarme
dich! was haben wir getan? Was ist da unsere Schuld?« Der König, mit einem
Lächeln antwortete: »Soll ein Räuber um Erbarmen gebeten sein?« --»Wir
sehen den König«, lallten jene. -- »Wohl, Könige lassen Boten nicht töten!«
rief da laut Alexander, gleich als ob er sich an etwas erinnerte und begab
sich gesenkten Hauptes zum Nachtmahl, wohin er auch die Boten kommen ließ.
Der Dolmetscherknabe flüsterte, zum Ohr des Königs geneigt: »König, ich
will dir sagen, wie du Dareios überwältigen kannst. Deine Schönheit hat
mich besiegt!« Ihn zur Seite schiebend, sprach der König: »Sage mir dein
Geheimnis nicht, bewahre es für jemand, der schöner ist als ich!« Auf dem
Feste wurde mit der Einwilligung der Feldherrn auch die Antwort
geschrieben: »Alexander, Sohn des Philipp und der Olympias an den König der
Könige, den Gott der Götter usw. Dareios -- Freude. Bedenke, welche Ehre
mir, dich zu besiegen. Doch einen Räuber zu zwingen wär das Verdienst nicht
groß! Auch deine Geschenke sind sehr gut. Der Ball ist die Erdkugel, die
Peitsche bedeutet Sieg, das Gold -- Tribut.« Alle begrüßten mit lautem
Rufen die Antwort des Königs, schlagend mit dem Kruge an die Becher und mit
den Schwertern an den Boden.
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DIE SCHLACHT UND DIE FLUCHT DES DAREIOS. Dareios sandte von neuem ein
Schreiben an Alexander, noch aufgeblasener als das erste, aber der Held
schüttelte nur die Mähne und sagte: »Dareios gleicht einer Pauke: von der
Ferne -- schrecklich, in der Nähe -- ein gespanntes Fell!« Hinter dem
kilikischen Tauros und dicht bei Tarsos trafen sich die Feinde wieder am
Flusse. Aus dem griechischen Lager war deutlich das hohe Gespann des
persischen Königs zu sehen. Dareios stellte seine besten Kräfte in den
Flügel, der jenem gegenüberstand, wo er den Alexander vermeinte. Die
Schlacht währte bis zum Abend fast, wobei ein so eng Gedränge war, daß es
im allgemeinen Durcheinander beinahe unmöglich ward, den Perser vom
Griechen zu unterscheiden, den Gemeinen vom Befehlshaber; die Pferde
kämpften mit aufgeschlitzten Bäuchen, das betäubende Brüllen der Hörner und
das Gerassel der persischen Wagen erhöhten die allgemeine Erregung und
Unordnung. Bald war die ganze Erde voll von lebenden und gefällten Menschen
und Tieren, zerbrochenen und dahinsausenden Gespannen, Blutlachen; und die
Wolken, welche die Sonne bedeckten, erschienen noch düsterer von der Menge
der Lanzen und Pfeile, die den Tod in alle Teile des Feldes trugen. Der
König wandte seinen Blick nicht vom Gespann des Dareios, bis es plump umbog
und, zuerst langsam, dann immer rascher und rascher begann vom Schlachtfeld
abseits zu streben. Mit einigen Freunden eilte Alexander auch dort hin, die
flüchtenden Perser wehrend. Der Wagen, stark seitlings gekrümmt bei den
Biegungen, fuhr eilends, mit den speichenlosen Rädern knarrend. Der Weg
führte bergauf, immer steiler hinan und menschenleerer; das Geräusch unten
verstummte. Schon hörte Alexander das Wiehern der Dareiospferde und endlich
gelangte er hin; die Pferde aufhaltend ohne Hast, ergriff er den
Teppich-Zudeck, sprechend: »König fürchte dich nicht, du bist in
Sicherheit; ich bin Alexander!« Ein dicker runder Kopf schob sich unter der
Decke hervor und versteckte sich wieder; nach einigem Warten wiederholte
der König seine Versicherung, die abermals vergeblich blieb. Die Fackeln
anbrennend, schlugen endlich die Diener die Schöße des Teppichs zurück. Das
Gesicht mit den Händen verdeckt, knieten drei Frauen. Der König selbst
deckte ihre Gesichter auf; die erste erwies sich als ein Eunuche, der im
gebrochenen Griechisch und mit Gebärden erklärte, daß Dareios zu Pferde
verschwunden; und seien diese Frauen die Mutter und die Tochter des
persischen Königs: die zweite nannte er Datipharta. »Ich hoffe, ihr
Fürstinnen, vertraut meinem Edelmute? Zu Hause würde euch keine solche Ehre
empfangen, wie sie euch bei mir erwartet«, sprach der König, von der roten
Mähne den Helm abnehmend.
Die alte Königin schien ertaubt zu sein, aber Datipharta warf das blonde in
kleine Zöpfchen geflochtene Haar zurück, lächelte, nahm Alexanders Hand,
drückte sie an ihr Herz, wies dann auf den jungen zweihörnigen Mund, und
sie stammelte etwas mit zarter Stimme.