DIE GRÜNDUNG ALEXANDRIAS. Durch ein neues Gesicht wurde Alexander
benachrichtigt, daß in diesem Lande eine neue Stadt gegründet werden müsse,
dort, wo das erste Wild oder ein wildes Tier getroffen stehen bliebe. Vom
Meere mit wenigen Begleitern sich entfernend, suchte der König lange mit
dem Blick Vögel oder wilde Tiere, aber alles war leer im Röhricht und
Gesträuch, nur Pfützen von der jüngsten Überschwemmung glänzten in der
heißen Sonne. Der Schütze ritt daneben, mit dem Pfeil bereit. Plötzlich
verkündete ein verhaltener Schrei die gewünschte Begegnung. Und das Schilf
zerteilend, erschien ein weißes Pferd mit einem gleicherart weißen Horn auf
der Stirn. Es verschwand so rasch, daß mans für ein Gesicht halten konnte.
Alexander, Hephaistion und der Bogenschütze stürzten hinter dem
wunderlichen Tiere her, in den biegsamen Sumpfgräsern raschelnd, die
nachgezogen wurden, von dem bald erscheinenden bald verschwindenden
Einhorn. Der erste und der zweite Pfeil erreichten das Ziel nicht, auf die
flache See fallend. Endlich ritten sie auf einen offenen sandigen Ort
hinaus, inmitten dessen eine Korinthenstaude auf dem Meere wuchs. Das Pferd
stand gerade gegen den König und wieherte herzbewegend. Alexander, von dem
herbeigeeilten Jüngling den Bogen nehmend, traf in die Stirn das wundersame
Tier, das alsobald verschwand. Dort betete der Makedonier unter dem klaren
Himmel bis zur Zeit, da die Heere mit dem Kriegsherrn kamen. Sofort wurde
der Umfang der zukünftigen Stadt abgemessen, und man zog den Fluß hinauf,
indem Hephaistion mit einem Teile der Armee dablieb, um Eingeborene zu
dingen, welche Ziegel brannten und rasch für den Augenblick Erdhäuser aus
Weidenruten und Lehm aufbauten zur Wohnung der Arbeiter und ihrer Familien.
* * * * *
DAS ORAKEL DES SERAPIS. Gegen Abend erreichte der König eine Insel, auf der
ein verlassener Tempel sich befand inmitten einiger Hütten. Keiner der
Einwohner wußte, wen das Standbild des schönen Mannes aus schwarzem Stein
darstellte. Der Priester selbst konnte es nicht mit Bestimmtheit erklären.
Aber Alexander hatte kaum die Schwelle des Heiligtums überschritten, als
eine Stimme ertönte:
»Dreifach selig besucht Alexander den Tempel Serapis'.
Schaff eine große Stadt, du baust dir ein ruhmvolles Grab.«
ALEXANDER IN ÄGYPTEN. Die Ägypter empfingen Alexander mit Jubel und
feierlichen Aufzügen. Ans Ufer des Flusses kamen Reigen von Jünglingen und
Jungfern, Priester in gelockten Perrücken, die weithin nach Moschus
dufteten, Hierophoren mit den Abbildungen der Götter in Gestalt von
allerhand Tieren, und Scharen schwarzer sonneverbrannter Eingeborener. Der
König wurde im alten Tempel zwiefach als urischer Gott gekrönt und zu den
Gräbern der Pharaonen geleitet. Eine Totengruft betretend und vernehmend,
die sei zu Ehren des sonder Nachricht verschwundenen Königs Nektaneb
errichtet, hieß Alexander die Fackeln zum Antlitz des Bildes heben und mit
lautem Schrei erstieg er plötzlich die hohen Stufen, umarmte das Standbild
und sagte weinend: »Das ist mein Vater, ihr ägyptischen Männer!« Alle
fielen zur Erde, nur die bewegten Fächer ragten über die niedergestreckte
Menge, und die Hörner der Priester antworteten dem Könige.
Nachdem er die Tage der Festlichkeiten in der Hauptstadt verbracht hatte,
nahm der König das Götzenbild des Vaters und die Reliquien des Propheten
Elias und fuhr weiter gen Norden. Ein Adler flog den ganzen Weg ihrem
Schiffe voran, zuweilen auf das Standbild Nektanebs sich niederlassend, das
ragte auf dem Vorderteil und leuchtete mit hellem Topas dem Abendstern
entgegen. Von der Ferne erblickten sie den Rauch der gebrannten Ziegel und
vernahmen die wehmütigen ägyptischen Lieder, von dem Orte her, wo die Stadt
errichtet wurde. Hephaistion wartete mit Fackeln am Ufer, als er von der
Höhe das königliche Schiff erspäht hatte.
Nachdem der König den Göttern Opfer gebracht, besonders Serapis und Ammon,
und die ersten Gesetze den Ansiedlern gegeben, schiffte er sich wieder ein,
bewegt von Ruhmdurst und nieschlafender Tapferkeit.