ZWEITES KAPITEL

DIE GRÜNDUNG ALEXANDRIAS. Durch ein neues Gesicht wurde Alexander

benachrichtigt, daß in diesem Lande eine neue Stadt gegründet werden müsse,

dort, wo das erste Wild oder ein wildes Tier getroffen stehen bliebe. Vom

Meere mit wenigen Begleitern sich entfernend, suchte der König lange mit

dem Blick Vögel oder wilde Tiere, aber alles war leer im Röhricht und

Gesträuch, nur Pfützen von der jüngsten Überschwemmung glänzten in der

heißen Sonne. Der Schütze ritt daneben, mit dem Pfeil bereit. Plötzlich

verkündete ein verhaltener Schrei die gewünschte Begegnung. Und das Schilf

zerteilend, erschien ein weißes Pferd mit einem gleicherart weißen Horn auf

der Stirn. Es verschwand so rasch, daß mans für ein Gesicht halten konnte.

Alexander, Hephaistion und der Bogenschütze stürzten hinter dem

wunderlichen Tiere her, in den biegsamen Sumpfgräsern raschelnd, die

nachgezogen wurden, von dem bald erscheinenden bald verschwindenden

Einhorn. Der erste und der zweite Pfeil erreichten das Ziel nicht, auf die

flache See fallend. Endlich ritten sie auf einen offenen sandigen Ort

hinaus, inmitten dessen eine Korinthenstaude auf dem Meere wuchs. Das Pferd

stand gerade gegen den König und wieherte herzbewegend. Alexander, von dem

herbeigeeilten Jüngling den Bogen nehmend, traf in die Stirn das wundersame

Tier, das alsobald verschwand. Dort betete der Makedonier unter dem klaren

Himmel bis zur Zeit, da die Heere mit dem Kriegsherrn kamen. Sofort wurde

der Umfang der zukünftigen Stadt abgemessen, und man zog den Fluß hinauf,

indem Hephaistion mit einem Teile der Armee dablieb, um Eingeborene zu

dingen, welche Ziegel brannten und rasch für den Augenblick Erdhäuser aus

Weidenruten und Lehm aufbauten zur Wohnung der Arbeiter und ihrer Familien.

* * * * *

DAS ORAKEL DES SERAPIS. Gegen Abend erreichte der König eine Insel, auf der

ein verlassener Tempel sich befand inmitten einiger Hütten. Keiner der

Einwohner wußte, wen das Standbild des schönen Mannes aus schwarzem Stein

darstellte. Der Priester selbst konnte es nicht mit Bestimmtheit erklären.

Aber Alexander hatte kaum die Schwelle des Heiligtums überschritten, als

eine Stimme ertönte:

»Dreifach selig besucht Alexander den Tempel Serapis'.

Schaff eine große Stadt, du baust dir ein ruhmvolles Grab.«

ALEXANDER IN ÄGYPTEN. Die Ägypter empfingen Alexander mit Jubel und

feierlichen Aufzügen. Ans Ufer des Flusses kamen Reigen von Jünglingen und

Jungfern, Priester in gelockten Perrücken, die weithin nach Moschus

dufteten, Hierophoren mit den Abbildungen der Götter in Gestalt von

allerhand Tieren, und Scharen schwarzer sonneverbrannter Eingeborener. Der

König wurde im alten Tempel zwiefach als urischer Gott gekrönt und zu den

Gräbern der Pharaonen geleitet. Eine Totengruft betretend und vernehmend,

die sei zu Ehren des sonder Nachricht verschwundenen Königs Nektaneb

errichtet, hieß Alexander die Fackeln zum Antlitz des Bildes heben und mit

lautem Schrei erstieg er plötzlich die hohen Stufen, umarmte das Standbild

und sagte weinend: »Das ist mein Vater, ihr ägyptischen Männer!« Alle

fielen zur Erde, nur die bewegten Fächer ragten über die niedergestreckte

Menge, und die Hörner der Priester antworteten dem Könige.

Nachdem er die Tage der Festlichkeiten in der Hauptstadt verbracht hatte,

nahm der König das Götzenbild des Vaters und die Reliquien des Propheten

Elias und fuhr weiter gen Norden. Ein Adler flog den ganzen Weg ihrem

Schiffe voran, zuweilen auf das Standbild Nektanebs sich niederlassend, das

ragte auf dem Vorderteil und leuchtete mit hellem Topas dem Abendstern

entgegen. Von der Ferne erblickten sie den Rauch der gebrannten Ziegel und

vernahmen die wehmütigen ägyptischen Lieder, von dem Orte her, wo die Stadt

errichtet wurde. Hephaistion wartete mit Fackeln am Ufer, als er von der

Höhe das königliche Schiff erspäht hatte.

Nachdem der König den Göttern Opfer gebracht, besonders Serapis und Ammon,

und die ersten Gesetze den Ansiedlern gegeben, schiffte er sich wieder ein,

bewegt von Ruhmdurst und nieschlafender Tapferkeit.

Taten des großen Alexander · 第 11 / 25 题