PHILIPP KEHRT NACH HAUSE ZURÜCK. Während dies geschah, hatte Philipp auf
fernem Feldzuge ein sonderbares Traumgesicht, das seine Ruhe störte. Der
babylonische Deuter, der sich im Gefolge befand, legte dies so aus, daß
Olympias von einem ägyptischen Gotte empfangen habe. Nicht sehr über diese
Botschaft erfreut, eilte der König nach Hause, wo ihm die entgegengehenden
Dienerinnen sagten, ihre Herrin liege auf dem Krankenbette. Ins halbdunkle
Schlafgemach tretend, ging Philipp zu auf seine Gemahlin und sprach: »Ich
weiß alles, sorge dich nicht; wir müssen uns dem Willen der Götter beugen«.
Olympias weinte still, küßte die Hand des Gemahls, ohne zu wissen, ob ihm
alles wahrhaft bekannt sei. »Ruft den Sternendeuter herbei«, sprach sie
endlich. Und da Nektaneb, eingetreten, Erklärungen gab, die aufs
Vollkommenste mit den Auslegungen des babylonischen Deuters zusammenfielen,
so umarmte Philipp voll Erstaunen, wenn schon immer noch düster, die
weinende Gemahlin, und sie saßen so schweigend bis auf den Abend, da in das
Fenster die zarten Hörner des jungen Mondes blickten.
* * * * *
WUNDERBARE ZEICHEN. Derart erwartete das Königspaar mit Frieden, doch ohne
Freude die nahe Geburt. Die Königin war wohlauf, erging sich im Garten und
nahm zeitweise teil an den Festmahlen, bis Philipp sich betrank, nach der
Sitte der Makedonier. Einmal, da Olympias länger beim Mahle weilte, als ihr
geziemte, so wurde sie für ihre Unbesonnenheit gestraft, denn der trunkene
König begann ihr vorzuhalten, sie wäre nicht von ihm schwanger. Die
beleidigte Königin stand auf, um sich zu entfernen, als plötzlich unter dem
festlichen Tische eine riesenhafte Schlange erschien, die ihren Kopf erhob
mit fürchterlichem Zischen. Die Gäste sprangen auf von den Plätzen, die
Frauen, vergessend ihrer Scham, krochen auf den Tisch, erhobenen Gewandes.
Der König selbst war im Begriff, den Kopf mit dem Mantel zu bedecken, da
verwandelte sich die Schlange in einen Adler, sprang auf den Busen der
Königin, stach sie dreimal in die erstarrten Lippen und flog durch das
offene Dach des Saals empor zum Himmel. Auf den Knien fragte Philipp: »Wer
bist du, Ammon, Apollo, Asklepios?«, indem Olympias, umringt von der
ungeordneten Schar der Frauen, sich in ihre Gemächer begab. Niemand nahm
wahr, daß hier nur die Pfiffigkeiten des ägyptischen Auswanderers ihr Spiel
getrieben.
* * * * *
ZWEITES ZEICHEN. Aber andere Wahrzeichen, nicht weniger erstaunlicher Art,
doch schon ohne die Flunkereien des gewitzten Magiers wiesen Philipp sicher
auf das Wunder im baldigen Kommen des Kindes hin. Es geschah einst, daß der
König vor langer Weile seine zahmen Lieblingsvögel fütterte; die Königin
stickte auf der Brüstung des Hauses, ab und zu den Kopf hebend, wenn die
Vögel empor zur Höhe der Brüstung schwirrten und das Hündchen ihr zu Füßen
mit gespitzten Ohren knurrte oder aufbellte, die rauschenden Schaaren
scheuchend. Die Königin stieß einen Schrei aus, da einer der weißen Vögel
ihr auf die Stickerei flatterte und im Nu ein Ei legte, das zur Erde rollte
unter dem hellen Bellen des Hündchens. Aus dem zerbrochenen Ei kroch ein
Schlangenjunges, umkroch langsam seine jüngste Wohnung, als ob es wieder in
die hineinwollte, aber kaum steckte es den Kopf in die Schale, da
erzitterte es und verschied. Die Königin, über das Gitter geneigt, achtete
nicht des beginnenden Regens und lauschte den Worten des Antiphon, Philipps
Sohn werde über die ganze Welt ziehen, und, heimgekehrt, jung sterben.
Traurig nahm die Königin ihre goldene Stickerei zusammen und sie ging, des
wunderbaren Sohnes zu harren.
* * * * *
DIE GEBURT ALEXANDERS. Längst war die Frist der Erlösung verstrichen, und
die Königin trug noch immer ihren großen Leib und klagte bitter Nektaneb
an, der zu Fleiß die Stunde, schwer an Schicksalen, zurückhielt, bis die
günstigen Himmelszeichen zusammenträfen. Seit dem spähenden Morgen setzte
sie sich in den hohen Gebärsessel, und auf dem schlief sie sogar, weinend
und klagend. Zuguterletzt rief Nektaneb vom Turm: »Es ist Zeit!« -- und
Olympias brüllte auf wie eine junge Kuh, außer Sinn vor Schmerzen, den
Donner nicht hörend, nicht sehend den glänzenden Blitz vom klaren Himmel.
Die Wehemutter nahm unter dem Sessel einen Knaben hervor, der weder seinem
Vater noch seiner Mutter glich: er hatte langes Haar auf die Art einer
Löwenmähne, rot von Farbe, das eine Auge abwärts, das andere Auge zur Seite
gerichtet; mit großem Kopfe und gerader Nase.
Dieses war die Geburt Alexanders.