ZWEITES KAPITEL

PHILIPP KEHRT NACH HAUSE ZURÜCK. Während dies geschah, hatte Philipp auf

fernem Feldzuge ein sonderbares Traumgesicht, das seine Ruhe störte. Der

babylonische Deuter, der sich im Gefolge befand, legte dies so aus, daß

Olympias von einem ägyptischen Gotte empfangen habe. Nicht sehr über diese

Botschaft erfreut, eilte der König nach Hause, wo ihm die entgegengehenden

Dienerinnen sagten, ihre Herrin liege auf dem Krankenbette. Ins halbdunkle

Schlafgemach tretend, ging Philipp zu auf seine Gemahlin und sprach: »Ich

weiß alles, sorge dich nicht; wir müssen uns dem Willen der Götter beugen«.

Olympias weinte still, küßte die Hand des Gemahls, ohne zu wissen, ob ihm

alles wahrhaft bekannt sei. »Ruft den Sternendeuter herbei«, sprach sie

endlich. Und da Nektaneb, eingetreten, Erklärungen gab, die aufs

Vollkommenste mit den Auslegungen des babylonischen Deuters zusammenfielen,

so umarmte Philipp voll Erstaunen, wenn schon immer noch düster, die

weinende Gemahlin, und sie saßen so schweigend bis auf den Abend, da in das

Fenster die zarten Hörner des jungen Mondes blickten.

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WUNDERBARE ZEICHEN. Derart erwartete das Königspaar mit Frieden, doch ohne

Freude die nahe Geburt. Die Königin war wohlauf, erging sich im Garten und

nahm zeitweise teil an den Festmahlen, bis Philipp sich betrank, nach der

Sitte der Makedonier. Einmal, da Olympias länger beim Mahle weilte, als ihr

geziemte, so wurde sie für ihre Unbesonnenheit gestraft, denn der trunkene

König begann ihr vorzuhalten, sie wäre nicht von ihm schwanger. Die

beleidigte Königin stand auf, um sich zu entfernen, als plötzlich unter dem

festlichen Tische eine riesenhafte Schlange erschien, die ihren Kopf erhob

mit fürchterlichem Zischen. Die Gäste sprangen auf von den Plätzen, die

Frauen, vergessend ihrer Scham, krochen auf den Tisch, erhobenen Gewandes.

Der König selbst war im Begriff, den Kopf mit dem Mantel zu bedecken, da

verwandelte sich die Schlange in einen Adler, sprang auf den Busen der

Königin, stach sie dreimal in die erstarrten Lippen und flog durch das

offene Dach des Saals empor zum Himmel. Auf den Knien fragte Philipp: »Wer

bist du, Ammon, Apollo, Asklepios?«, indem Olympias, umringt von der

ungeordneten Schar der Frauen, sich in ihre Gemächer begab. Niemand nahm

wahr, daß hier nur die Pfiffigkeiten des ägyptischen Auswanderers ihr Spiel

getrieben.

* * * * *

ZWEITES ZEICHEN. Aber andere Wahrzeichen, nicht weniger erstaunlicher Art,

doch schon ohne die Flunkereien des gewitzten Magiers wiesen Philipp sicher

auf das Wunder im baldigen Kommen des Kindes hin. Es geschah einst, daß der

König vor langer Weile seine zahmen Lieblingsvögel fütterte; die Königin

stickte auf der Brüstung des Hauses, ab und zu den Kopf hebend, wenn die

Vögel empor zur Höhe der Brüstung schwirrten und das Hündchen ihr zu Füßen

mit gespitzten Ohren knurrte oder aufbellte, die rauschenden Schaaren

scheuchend. Die Königin stieß einen Schrei aus, da einer der weißen Vögel

ihr auf die Stickerei flatterte und im Nu ein Ei legte, das zur Erde rollte

unter dem hellen Bellen des Hündchens. Aus dem zerbrochenen Ei kroch ein

Schlangenjunges, umkroch langsam seine jüngste Wohnung, als ob es wieder in

die hineinwollte, aber kaum steckte es den Kopf in die Schale, da

erzitterte es und verschied. Die Königin, über das Gitter geneigt, achtete

nicht des beginnenden Regens und lauschte den Worten des Antiphon, Philipps

Sohn werde über die ganze Welt ziehen, und, heimgekehrt, jung sterben.

Traurig nahm die Königin ihre goldene Stickerei zusammen und sie ging, des

wunderbaren Sohnes zu harren.

* * * * *

DIE GEBURT ALEXANDERS. Längst war die Frist der Erlösung verstrichen, und

die Königin trug noch immer ihren großen Leib und klagte bitter Nektaneb

an, der zu Fleiß die Stunde, schwer an Schicksalen, zurückhielt, bis die

günstigen Himmelszeichen zusammenträfen. Seit dem spähenden Morgen setzte

sie sich in den hohen Gebärsessel, und auf dem schlief sie sogar, weinend

und klagend. Zuguterletzt rief Nektaneb vom Turm: »Es ist Zeit!« -- und

Olympias brüllte auf wie eine junge Kuh, außer Sinn vor Schmerzen, den

Donner nicht hörend, nicht sehend den glänzenden Blitz vom klaren Himmel.

Die Wehemutter nahm unter dem Sessel einen Knaben hervor, der weder seinem

Vater noch seiner Mutter glich: er hatte langes Haar auf die Art einer

Löwenmähne, rot von Farbe, das eine Auge abwärts, das andere Auge zur Seite

gerichtet; mit großem Kopfe und gerader Nase.

Dieses war die Geburt Alexanders.

Taten des großen Alexander · 第 5 / 25 题