ERSTES KAPITEL

VOM KÖNIG NEKTANEB IN ÄGYPTEN. In dem alten Lande der Ägypter lebte ein

König Nektaneb, der nicht allein durch das königliche Blut, sondern auch

durch die Weisheit und durch die großen Kenntnisse der Magie und

Sternendeutung ausgezeichnet war. Seine Heere trugen stets den Sieg davon,

doch wußte niemand, daß während der Schlacht der König durch Zauberei den

Ausgang der Kämpfe vorbestimmte. Insgeheim eingeschlossen hüllte er sich in

Priesterkleid, nahm einen Stab und machte aus Wachs Gestalten von Menschen,

wenn die Schlacht auf dem Festlande war, oder von Schiffchen mit Kriegern,

die er in eine wassergefüllte Messingschale setzte und geschickt unter

Beschwörungen ertränkte. Die vom Festlande durchbohrte er mit einer feinen

Nadel, und die Verrichtung an dem seelenlosen und weichen Wachs ward auf

wunderliche Art Spiegelung des fernen Schlachtfeldes. Einst jedoch, als die

Kundschafter dem König das Nahen neuer Feinde vermeldeten, kündeten die

Geister des Wassers und der Luft, welche die Kunst des gekrönten Magiers

heraufbeschwor, die Stunde seiner Niederlage habe geschlagen, und ihre

Herrschaft sei fürder ohne Macht. Nektaneb nahm den angelegten Bart ab und

verließ in gewöhnlicher Gewandung heimlich Ägypten. Als daher die

Feldherrn, welche der Niederlage ungewohnt waren, in die Hauptstadt

zurückkehrten, fanden sie den Palast leer, und nur die umgestürzte Schale,

die Stückchen Wachses und auf einer Wasserlache der Bart erinnerten daran,

daß hier vor kurzem noch der König geweilt. Dem verwirrten Volke kündete

der Gott Serapis durch sein Orakel:

»König Nektaneb verließ euch für lange Jahre.

Einst kehrt er euch zurück, in neue Jugend gekleidet.«

Diese Inschrift zeichnete man dem Ebenbilde des entschwundenen Königs ein,

das in eine leere Gruft gesetzt war, und nach einigem Warten wurde ein

neuer Herrscher gewählt.

* * * * *

DAS GESPRÄCH VON OLYMPIAS MIT DEM MAGIER. Indessen lebte der königliche

Flüchtling nach der Ankunft in das makedonische Pela lange Zeit, indem er

sich vom Wahrsagen und von der Zauberei ernährte und bald als kunstfertiger

Deuter und Magier gerühmt war. In diesem Lande herrschte zu jener Zeit

König Philipp, dessen Gemahlin Olympias unfruchtbar war. Einst, in

Abwesenheit des Gemahls lustwandelnd im Garten des Palastes, vertraute die

Königin ihre Sorge der alten treuen Magd, ob wohl Philipp sich nicht von

ihr trennen würde, denn sie hatte ihm durch so viele Jahre keine Kinder

gebracht, worauf ihr die Dienerin von der Zaubermacht des fremden Ägypters

Kunde gab.

Sache geringer Zeit war es, den kommen zu lassen. Auf den Wegen der Gärten

neigte er sich tief vor Olympias, und tief aus der Brust ein goldenes

Täfelchen ziehend mit dem Abbild des Tierkreises der Planeten in bunten

Steinen, darauf dem Hermes ein Smaragd entsprach, und der Liebesgöttin ein

blauer Saphir, schwieg er lange. Auch die Königin schwieg, die Augen, voll

ihrer Erwartung, gesenkt. Endlich sprach der Ägypter:

Nicht Philipp wird deine Unfruchtbarkeit lösen, nur der Gott Ammon vermag

dir beizustehen. Bist du auf alles bereitet?

»Sprich«, sagte die Königin, ohne die Augen zu erheben.

»Ich will beten, doch erwarte du bedeckten Hauptes den libyschen Gott;

ertönt das Zischen der Schlangen, so schicke alle fort und empfange den

Gast; er wird golden sein von Locken und Bart, mit goldener Brust und einem

Horn auf der Stirn. In der Dauer der Erscheinung schweige. Dann wirst du

empfangen und zur gesetzten Zeit einen Rächer dir und der Welt einen

Herrscher gebären.«

Nach wenigem Schweigen blickte Olympias fest auf den Magier und sprach:

»sei auf der Hut, wenn du lügst«. Die Hände aufhebend zu den nun

entzündeten Sternen rief Nektaneb: »Ich schwöre!« -- »Ich will dir morgen

Antwort senden«. Der Magier hielt sie zurück indem er sprach: »Es ist

notwendig, daß ich unablässig in deiner Nähe bete zu dieser Zeit; hast du

nicht ein geheimes Gemach zunächst dem Schlafzimmer?« -- »Eine

Kleiderkammer befindet sich da, dort kannst du dir zu schaffen machen. Sei

entlassen. Sprich zu niemandem«.

Als die Königin sich entfernt hatte, brach Nektaneb eine Nelke, stach in

die Blättchen den Namen Olympias, und die Augen gehoben zu den Sternen,

beschwor er lange die Geister des Bösen, daß sie die Gedanken und das Herz

von Philipps Gemahlin geneigt machten zu dem Betruge, welchen er, Nektaneb,

plante.

* * * * *

DIE EMPFÄNGNIS ALEXANDERS. Alles begab sich nach dem Wunsche des Ägypters,

welcher in der Larve des Horns so viele Male der erkenntnisbaren Königin

erschien, bis sie ihren Schoß unledig fühlte und den König mit Freuden und

Unruhe zu erwarten begann.

Taten des großen Alexander · 第 4 / 25 题