VOM KÖNIG NEKTANEB IN ÄGYPTEN. In dem alten Lande der Ägypter lebte ein
König Nektaneb, der nicht allein durch das königliche Blut, sondern auch
durch die Weisheit und durch die großen Kenntnisse der Magie und
Sternendeutung ausgezeichnet war. Seine Heere trugen stets den Sieg davon,
doch wußte niemand, daß während der Schlacht der König durch Zauberei den
Ausgang der Kämpfe vorbestimmte. Insgeheim eingeschlossen hüllte er sich in
Priesterkleid, nahm einen Stab und machte aus Wachs Gestalten von Menschen,
wenn die Schlacht auf dem Festlande war, oder von Schiffchen mit Kriegern,
die er in eine wassergefüllte Messingschale setzte und geschickt unter
Beschwörungen ertränkte. Die vom Festlande durchbohrte er mit einer feinen
Nadel, und die Verrichtung an dem seelenlosen und weichen Wachs ward auf
wunderliche Art Spiegelung des fernen Schlachtfeldes. Einst jedoch, als die
Kundschafter dem König das Nahen neuer Feinde vermeldeten, kündeten die
Geister des Wassers und der Luft, welche die Kunst des gekrönten Magiers
heraufbeschwor, die Stunde seiner Niederlage habe geschlagen, und ihre
Herrschaft sei fürder ohne Macht. Nektaneb nahm den angelegten Bart ab und
verließ in gewöhnlicher Gewandung heimlich Ägypten. Als daher die
Feldherrn, welche der Niederlage ungewohnt waren, in die Hauptstadt
zurückkehrten, fanden sie den Palast leer, und nur die umgestürzte Schale,
die Stückchen Wachses und auf einer Wasserlache der Bart erinnerten daran,
daß hier vor kurzem noch der König geweilt. Dem verwirrten Volke kündete
der Gott Serapis durch sein Orakel:
»König Nektaneb verließ euch für lange Jahre.
Einst kehrt er euch zurück, in neue Jugend gekleidet.«
Diese Inschrift zeichnete man dem Ebenbilde des entschwundenen Königs ein,
das in eine leere Gruft gesetzt war, und nach einigem Warten wurde ein
neuer Herrscher gewählt.
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DAS GESPRÄCH VON OLYMPIAS MIT DEM MAGIER. Indessen lebte der königliche
Flüchtling nach der Ankunft in das makedonische Pela lange Zeit, indem er
sich vom Wahrsagen und von der Zauberei ernährte und bald als kunstfertiger
Deuter und Magier gerühmt war. In diesem Lande herrschte zu jener Zeit
König Philipp, dessen Gemahlin Olympias unfruchtbar war. Einst, in
Abwesenheit des Gemahls lustwandelnd im Garten des Palastes, vertraute die
Königin ihre Sorge der alten treuen Magd, ob wohl Philipp sich nicht von
ihr trennen würde, denn sie hatte ihm durch so viele Jahre keine Kinder
gebracht, worauf ihr die Dienerin von der Zaubermacht des fremden Ägypters
Kunde gab.
Sache geringer Zeit war es, den kommen zu lassen. Auf den Wegen der Gärten
neigte er sich tief vor Olympias, und tief aus der Brust ein goldenes
Täfelchen ziehend mit dem Abbild des Tierkreises der Planeten in bunten
Steinen, darauf dem Hermes ein Smaragd entsprach, und der Liebesgöttin ein
blauer Saphir, schwieg er lange. Auch die Königin schwieg, die Augen, voll
ihrer Erwartung, gesenkt. Endlich sprach der Ägypter:
Nicht Philipp wird deine Unfruchtbarkeit lösen, nur der Gott Ammon vermag
dir beizustehen. Bist du auf alles bereitet?
»Sprich«, sagte die Königin, ohne die Augen zu erheben.
»Ich will beten, doch erwarte du bedeckten Hauptes den libyschen Gott;
ertönt das Zischen der Schlangen, so schicke alle fort und empfange den
Gast; er wird golden sein von Locken und Bart, mit goldener Brust und einem
Horn auf der Stirn. In der Dauer der Erscheinung schweige. Dann wirst du
empfangen und zur gesetzten Zeit einen Rächer dir und der Welt einen
Herrscher gebären.«
Nach wenigem Schweigen blickte Olympias fest auf den Magier und sprach:
»sei auf der Hut, wenn du lügst«. Die Hände aufhebend zu den nun
entzündeten Sternen rief Nektaneb: »Ich schwöre!« -- »Ich will dir morgen
Antwort senden«. Der Magier hielt sie zurück indem er sprach: »Es ist
notwendig, daß ich unablässig in deiner Nähe bete zu dieser Zeit; hast du
nicht ein geheimes Gemach zunächst dem Schlafzimmer?« -- »Eine
Kleiderkammer befindet sich da, dort kannst du dir zu schaffen machen. Sei
entlassen. Sprich zu niemandem«.
Als die Königin sich entfernt hatte, brach Nektaneb eine Nelke, stach in
die Blättchen den Namen Olympias, und die Augen gehoben zu den Sternen,
beschwor er lange die Geister des Bösen, daß sie die Gedanken und das Herz
von Philipps Gemahlin geneigt machten zu dem Betruge, welchen er, Nektaneb,
plante.
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DIE EMPFÄNGNIS ALEXANDERS. Alles begab sich nach dem Wunsche des Ägypters,
welcher in der Larve des Horns so viele Male der erkenntnisbaren Königin
erschien, bis sie ihren Schoß unledig fühlte und den König mit Freuden und
Unruhe zu erwarten begann.