DIE ERZIEHUNG ALEXANDERS. Philipp liebte den ihm unähnlichen Knaben, der
rothaarig, zügellos und eigensinnig war, nicht sehr, doch er beruhigte
sich, bei der Erinnerung, daß das Kind seiner ersten Frau längst gestorben
war, und zudem hatte er von der delphischen Sybille die Prophezeihung
vernommen, nach ihm werde ein großer Held regieren, der könne das Roß mit
dem Stierkopf zügeln. Zu Lehrern wurden dem Knaben gegeben: Für die
Schreibkünste Polyneikes, für die Musik Leukippos, die Geometrie Melepos,
die Beredsamkeit Aximenides, für die Kriegskunst Feldherrn, zum Erzieher
Leonides, zur Amme des Melantos Schwester, zum Lehrer der Philosophie
Aristoteles. Mit dem letzteren brachte der Prinz den größten Teil seiner
Zeit zu, unter der Zahl der anderen Schüler, die Kinder der Höflinge waren,
in den Baumreihen des Palastgartens sich ergehend. Aristoteles hatte mehr
denn einmal seinem Zögling eine große Zukunft und Weltenruhm vorausgesagt.
Einst wandte sich der alte Philosoph an die Kinder mit der Frage, was sie
ihm schenken würden, wenn sie König wären. Eines versprach dies, das andere
etwas anderes, aber Alexander schwieg still, den roten Lederball in die
Höhe werfend, »Und du, Prinz, was würdest du an mir tun?« Die rote Mähne
schüttelnd antwortete der: »Warum an die Zukunft denken? Einst kommt die
Stunde, und du wirst selbst sehen, was ich zu tun für geziemend erachten
werde!« Aristoteles küßte ihn auf die Stirn und setzte den langsamen
Spaziergang fort.
* * * * *
DER TOD NEKTANEBS. Olympias besorgte sich um ihren göttlichen Sohn und
vermahnte Nektaneb oft, in den Sternen immer wieder nach demselben Geschick
zu lesen. Als einst der Prinz den Ägypter bei derart Meldungen traf, bat er
sich aus, selbst in die Sterne schauen zu dürfen. Nektaneb willigte ein,
und um die nächste Mitternacht stiegen sie zu zweit auf den Stadtwall. Der
Ägypter bedeutete dem Sohne den Sinn der Gestirne, als plötzlich ein
mächtiger Stoß ihn vom hohen Wall tief in den Laufgraben hinabstürzte, und
über ihm die laute Stimme des Prinzen erscholl: »Wie denn vermagst du das
ferne Geschick anderer Menschen zu lesen, der du nicht weißt, was sogleich
dir geschehen wird?« Über dem Stöhnen des Abgestürzten stieg Alexander
eilig hinab, und, zu seinem Vater sich beugend, fragte er: »Du hast dich
verletzt? Verzeih mir den Spaß!« »Du trägst kein Verschulden; es war dein
Geschick, den Vater zu morden!« »Niedriger Sklave, was sprichst du da?«
»Ich sterbe, Prinz, aber ich lüge dir nicht, vernimm:« und ersterbender
Zunge erzählte Nektaneb Alexandern die Geschichte und von den Umständen
seiner Geburt. Lange blickte der Prinz bei dem ungewissen Schein der Sterne
in das erstarrende Antlitz des Magiers, nicht versichert, ob er glauben
sollte oder nicht glauben sollte. Endlich lud mit einem Seufzer er den
Körper auf seine Schulter und trug ihn in die Gemächer der Königin. Jene
schlief noch nicht, und, nachdem sie entsetzt den Bericht des Sohnes
angehört, ließ sie sonder Stöhnen sich in einem tiefen Sessel nieder. Den
Morgen wurde der Unglücksfall des fremden Astrologen vermeldet. Nach einer
festgesetzten Anzahl von Tagen wurde der Ägypter bestattet, auf die
griechische Art.
* * * * *
BUKEPHALOS. Alexander war fünfzehn Jahre alt, da vernahm er im Frühling, an
den Ställen seines Vaters vorbeigehend, ein Wiehern, das dem Wiehern der
anderen Pferde nicht glich. »Was wiehert da so fürchterlich?« fragte der
Königssohn die Stallknechte. Und gleichsam zur Antwort ertönte abermals das
Wiehern, ebenso laut aber zart und lieblich, gleich als ob das Gurren der
Turteln vom fernen Echo widersurrt. »Was wiehert da so schön?« rief wieder
der Prinz, in Ungeduld die Brauen runzelnd. Die Stallknechte erklärten, da
wiehere Bukephalos, ein unberitten Pferd, das von dem Fleisch zum Tod
verdammter Verbrecher genährt werde, in einem Stalle von Eisen. Alexander
forderte, daß die riesigen Riegel geöffnet würden, trat an die Krippe, die
voll von abgenagten Knochen war, und packte das ungeheuerliche Pferd an der
Mähne, wandte die Augen des Pferds geradezu in die blendende Sonne, sprang
von hinten auf seinen lastungewohnten Rücken und flog wie ein Pfeil nach
dem Palaste. Die Stallknechte stürzten mit Geschrei hinter der Staubwolke
her, doch schon stand das Pferd ganz in Schaum, schielenden Augs, mit dem
hitzigroten Reiter an der Treppe des Palastes, die der König im Hausgewande
hinabeilte. Unten angelangt kniete Philipp und rief: »Sei gegrüßt, mein
Sohn, der du das Pferd gezähmt, du Beherrscher der Welt!«
Und die Königin, die an dem Fenster des oberen Stockwerkes den Vorfall
beobachtet hatte, die Stallknechte und das ganze Volk, diese alle
wiederholten: »Es sei gegrüßt der Beherrscher der Welt!« Alexander aber
streichelte lächelnd die Mähne des Rosses, das in die grelle Sonne
schielte.