*Doktor Herdal* (den Hut in der Hand, erscheint in der Verandathür

und erblickt Frau Solneß und Hilde).

Zweiter Auftritt.

*Die Vorigen*. *Doktor Herdal*.

*Herdal*. Na, Sie sitzen so im Freien und holen sich eine Erkältung,

gnädige Frau?

*Frau Solneß*. Die Luft ist heut so herrlich mild.

*Herdal*. 's geht an. Aber ist hier im Hause etwas los? Ich bekam

ein Briefchen von Ihnen.

*Frau Solneß* (erhebt sich). Jawohl, es ist etwas, worüber ich

notwendig mit Ihnen reden muß.

*Herdal*. Gut. Dann gehen wir vielleicht hinein. (Zu Hilde.) Heute

auch in Gebirgsuniform, Fräulein?

*Hilde* (steht auf, lustig). Freilich! In vollem Wichs! Heut will

ich aber nicht in die Höhe, um mir's Genick zu brechen. Wir beide,

Doktor, wir bleiben hübsch da und sehen uns das Ding von unten an.

*Herdal*. _Was_ sollen wir uns ansehen?

*Frau Solneß* (erschrocken, leise zu Hilde). Still, still -- um

Gottes willen! Da kommt er. Sehen Sie doch zu, daß Sie ihn von dem

Einfall abbringen. Und seien wir Freundinnen, Fräulein Wangel.

Können wir das nicht sein?

*Hilde* (fällt ihr stürmisch um den Hals). Ach, könnten wir das nur!

*Frau Solneß* (macht sich gelinde los). So -- lassen Sie es nur gut

sein! Da kommt er, Doktor! Ich möchte mit Ihnen reden.

*Herdal*. Betrifft es _ihn_?

*Frau Solneß*. Ja freilich betrifft es _ihn_. Gehen wir nur hinein.

*Frau Solneß* und *Doktor Herdal* (gehen ins Haus hinein).

*Baumeister Solneß* (kommt fast gleichzeitig die Gartentreppe

herauf).

Dritter Auftritt.

*Solneß*. *Hilde Wangel*.

*Hilde* (nimmt einen ernsten Ausdruck an).

*Solneß* (mit einem Blick auf die Thür, die behutsam von innen

zugemacht wird). Haben Sie bemerkt, Hilde, daß sie weggeht, sobald

ich komme?

*Hilde*. Ich habe bemerkt, daß Sie sie weg_scheuchen_, sobald Sie

kommen.

*Solneß*. Mag sein. Dafür kann ich aber nichts. (Er sieht sie

aufmerksam an.) Frieren Sie, Hilde? Sie sehen wenigstens so aus.

*Hilde*. Ich kam soeben von einem Grabgewölbe herauf.

*Solneß*. Was soll das heißen?

*Hilde*. Daß es mich frostig angeweht hat, Baumeister.

*Solneß* (langsam). Ich glaube, ich verstehe --

*Hilde*. Weswegen sind Sie jetzt hier?

*Solneß*. Ich sah da drüben, daß Sie hier waren.

*Hilde*. Dann sahen Sie aber auch _sie_?

*Solneß*. Ich wußte, daß sie gleich gehen würde, wenn ich käme.

*Hilde*. Thut Ihnen das recht leid, daß sie Ihnen so aus dem Wege

geht?

*Solneß*. Gewissermaßen empfinde ich es auch als eine Erleichterung.

*Hilde*. Daß Sie sie nicht unmittelbar vor Augen haben?

*Solneß*. Jawohl.

*Hilde*. Daß Sie nicht immer wieder sehen, wie sie sich die

Geschichte mit den Kleinen zu Herzen nimmt?

*Solneß*. Ja. Darum am meisten.

*Hilde* (geht, die Hände auf dem Rücken, zum Geländer hin, bleibt

dort stehen und blickt über den Garten hinaus).

*Solneß* (nach einer kurzen Pause). Sprachen Sie lange mit ihr?

*Hilde* (steht unbeweglich da, ohne zu antworten).

*Solneß*. _Lange_, frag ich?

*Hilde* (schweigt).

*Solneß*. Wovon redete sie denn, Hilde?

*Hilde* (schweigt noch immer).

*Solneß*. Die arme Aline! Es wird wohl von den Kleinen gewesen sein.

*Hilde* (wird von einem nervösen Zucken durchfahren, dann nickt sie

schnell ein paar Mal hintereinander).

*Solneß*. Sie verwindet es niemals. Ihr Lebtag verwindet sie's

nicht. (Er nähert sich Hilde.) Jetzt stehen Sie wieder da wie eine

Salzsäule. So standen Sie gestern Abend auch da.

*Hilde* (dreht sich um und sieht ihn mit großen Augen an). Ich reise

ab.

*Solneß* (in scharfem Ton). Sie reisen ab!

*Hilde*. Ja.

*Solneß*. Das erlaube ich aber nicht!

*Hilde*. Was soll ich jetzt noch _hier_?

*Solneß*. Nur daß Sie _da_ sind, Hilde!

*Hilde* (mißt ihn mit dem Blick). Wär nicht übel. Dabei würde es

wohl kaum sein Bewenden haben.

*Solneß* (unüberlegt). Um so besser!

*Hilde* (heftig). Ich _kann_ nichts Böses vorhaben gegen eine, die

ich _kenne_! Ich kann ihr nichts nehmen, was ihr gehört.

*Solneß*. Wer sagt denn, daß Sie das sollen?

*Hilde* (ohne zu antworten). Bei einer Fremden, ja! Das ist etwas

ganz anderes. Wenn's eine wäre, die ich in meinem Leben nie gesehen

hätte. Aber bei einer, der ich nahe gekommen bin --! Nein! O nein!

Pfui!

*Solneß*. Ja, aber etwas anderes habe ich ja auch nicht gesagt!

*Hilde*. Ach, Baumeister, Sie wissen recht gut, wie's gehen würde.

Und darum reise ich auch ab.

*Solneß*. Und was soll aus _mir_ werden, wenn Sie fort sind? Wofür

habe ich nachher noch zu leben?

*Hilde* (mit dem unbestimmbaren Ausdruck in den Augen). Mit _Ihnen_

hat's jedenfalls keine Not. Sie haben ja Ihre Pflichten ihr

gegenüber. Leben Sie doch für die Pflichten.

*Solneß*. Zu spät. Diese Mächte -- diese -- diese --

*Hilde*. Teufelchen --

*Solneß*. Jawohl, die Teufelchen! Und der Unhold in mir auch. Die

haben ihr alles Lebensblut abgezapft. (Er lacht in Verzweiflung.)

_Meinem Glück_ zulieb thaten Sie es! Ja freilich! (Schwermütig.) Und

jetzt ist sie tot -- um meinetwillen. Und ich bin bei lebendigem

Leibe an die Tote gekettet. (In wilder Angst.) _Ich_ -- _ich_, der

ein freudeloses Leben nicht tragen _kann_!

*Hilde* (geht auf die andere Seite des Tisches hinüber und setzt

sich auf die Bank; die Ellbogen auf der Tischplatte ruhend, den Kopf

auf die Hände gestützt, sieht sie ihn eine Weile schweigend an). Was

werden Sie denn das nächste Mal bauen?

*Solneß* (schüttelt den Kopf). Glaub nicht, daß es was rechtes mehr

wird.

*Hilde*. Keine so trauliche glückliche Heimstätten für Mutter und

Vater? Und für die Kinderschar?

*Solneß*. Möchte wissen, ob so was vonnöten sein wird hernach.

*Hilde*. Armer Baumeister! Und da haben Sie volle zehn Jahre daran

gearbeitet -- das Leben sozusagen darauf eingesetzt -- nur darauf.

*Solneß*. Da haben Sie recht, Hilde.

*Hilde* (platzt heraus). Ach, wie kommt mir doch das alles so albern

vor! Wirklich so albern --!

*Solneß*. Was meinen Sie?

*Hilde*. Daß einer nach seinem eigenen Glück nicht greifen darf.

Nach seinem eigenen Leben nicht! Bloß weil jemand dazwischen steht,

den man kennt!

*Solneß*. Jemand, an dem man nicht vorbei darf.

*Hilde*. Ich möchte wissen, ob man das im Grunde nicht _dürfte_.

Aber trotzdem -- Ach, wenn man doch die ganze Geschichte verschlafen

könnte! (Sie legt die Arme flach auf den Tisch, läßt die linke Seite

des Kopfes auf den Händen ruhen und schließt die Augen.)

*Solneß* (dreht den Lehnstuhl um und setzt sich an den Tisch). Haben

_Sie_ ein trauliches glückliches Heim, Hilde -- droben bei Ihrem

Vater?

*Hilde* (unbeweglich, antwortet gleichsam halb schlafend). Nur

einen Käfig hatte ich.

*Solneß*. Und Sie wollen durchaus nicht wieder hinein?

*Hilde* (wie oben). Der Waldvogel will nie hinein in den Käfig.

*Solneß*. Lieber jagen in freier Luft --

*Hilde* (noch immer wie oben). Der Raubvogel jagt am liebsten.

*Solneß* (läßt den Blick auf ihr ruhen). Wer doch Wikingertrotz im

Leibe hätte --

*Hilde* (mit ihrer gewöhnlichen Stimme, indem sie die Augen

aufschlägt, sich aber nicht rührt). Und das andere? Nennen Sie's!

*Solneß*. Ein robustes Gewissen.

*Hilde* (richtet sich lebhaft auf der Bank empor; ihre Augen haben

aufs neue den freudefunkelnden Ausdruck; sie nickt ihm zu). Ich weiß,

was Sie das nächste Mal bauen werden!

*Solneß*. Da wissen Sie mehr, als ich selber, Hilde.

*Hilde*. Ja, die Baumeister, die sind ja so dumm.

*Solneß*. Und was wird's denn werden?

*Hilde* (nickt wieder). Das Schloß.

*Solneß*. Was für ein Schloß?

*Hilde*. _Mein_ Schloß natürlich.

*Solneß*. Jetzt wollen Sie gar ein Schloß haben?

*Hilde*. Sind Sie mir nicht ein Königreich schuldig, wenn ich fragen

darf?

*Solneß*. Das behaupten Sie wenigstens.

*Hilde*. Schön. Das Königreich sind Sie mir also schuldig. Und zu

einem Königreich gehört doch wohl ein Schloß, soviel ich weiß.

*Solneß* (immer aufgeräumter). Ja, das pflegt ja sonst der Fall zu

sein.

*Hilde*. Gut, dann bauen Sie mir's also! Gleich!

*Solneß* (lachend). So auf der Stelle? -- Das auch noch?

*Hilde*. Freilich! Denn jetzt sind sie um -- die zehn Jahre. Und ich

will nicht länger warten. Also -- heraus mit dem Schloß, Baumeister!

*Solneß*. Es ist kein Spaß, Ihnen etwas schuldig zu sein, Hilde.

*Hilde*. Das hätten Sie früher bedenken sollen. Jetzt ist es zu

spät. Also -- (sie klopft auf die Tischplatte) das Schloß auf den

Tisch! Es ist _mein_ Schloß! _Gleich_ will ich's haben!

*Solneß* (mehr im Ernst, beugt sich näher zu ihr hinüber, die Arme

auf dem Tisch). Wie haben Sie sich denn eigentlich das Schloß

vorgestellt, Hilde?

*Hildes* (Blick verschleiert sich allmählich; sie starrt gleichsam

in sich selbst hinein). Mein Schloß soll hoch oben liegen. Sehr hoch

soll es liegen. Und frei nach allen Seiten hin. So daß ich weit

hinausblicken kann -- weit hinaus.

*Solneß*. Und ein hoher Turm soll wohl dazu gehören?

*Hilde*. Ein ungeheuer hoher Turm. Und ganz oben auf dem Turm ein

Söller. Und auf dem will ich stehen --

*Solneß* (greift sich unwillkürlich an die Stirn). Daß Sie daran

Gefallen finden können, in so schwindelerregender Höhe zu stehen --

*Hilde*. O gewiß! Gerade dort oben will ich stehen und die andern

ansehen -- die, die Kirchen bauen. Und Heimstätten für Mutter und

Vater und die Kinderschar. Und _Sie_ dürfen auch hinaufkommen und

sich's ansehen.

*Solneß* (gedämpft). Darf der Baumeister zur Prinzessin hinaufkommen?

*Hilde*. Wenn der Baumeister _will_.

*Solneß* (noch leiser). Dann, glaube ich, kommt der Baumeister.

*Hilde* (nickt). Der Baumeister -- der kommt.

*Solneß*. Wird aber nie mehr bauen -- der arme Baumeister.

*Hilde* (lebhaft). Doch. Zu zweien werden wir sein. Und dann bauen

wir das Herrlichste -- das Allerherrlichste, was es auf Erden giebt.

*Solneß* (gespannt). Hilde -- sagen Sie mir, was das ist!

*Hilde* (sieht ihn lächelnd an, schüttelt den Kopf ein wenig, spitzt die

Lippen und spricht wie zu einem Kinde). Die Baumeister -- die sind

sehr -- sehr dumme Leute.

*Solneß*. Ja freilich sind sie dumm. Aber jetzt sagen Sie mir, was

das ist! Das, was Sie das Herrlichste auf Erden nennen. Und was wir

zwei miteinander bauen sollen?

*Hilde* (schweigt eine Weile, dann sagt sie mit einem unbestimmbaren

Ausdruck in den Augen). Luftschlösser.

*Solneß*. Luftschlösser?

*Hilde* (nickt). Luftschlösser, jawohl! Wissen Sie, was so ein

Luftschloß für ein Ding ist?

*Solneß*. Sie sagen ja, es ist das Herrlichste auf Erden.

*Hilde* (erhebt sich heftig und macht eine wegwerfende Handbewegung).

Ja, versteht sich! Luftschlösser -- die sind ja so bequeme

Zufluchtsorte. Und auch so bequem zu bauen (sie sieht ihn höhnisch

an), besonders für die Baumeister, die ein -- schwindliges Gewissen

haben.

*Solneß* (erhebt sich). Von heute an bauen wir zwei miteinander,

Hilde.

*Hilde* (mit einem halb zweifelnden Lächeln). So'n _richtiges_

Luftschloß?

*Solneß*. Jawohl. Mit einer Grundmauer darunter.

*Ragnar Brovik* (kommt aus dem Hause heraus; er trägt einen

großen grünen Kranz, der mit Blumen und Seidenbändern geschmückt

ist).

Vierter Auftritt.

*Die Vorigen*. *Ragnar Brovik*.

*Hilde* (mit einem Freudenausbruch). Der Kranz! O das wird

entsetzlich schön werden!

*Solneß* (verwundert). Kommen denn _Sie_ mit dem Kranz, Ragnar?

*Ragnar*. Ich hatte es dem Werkmeister versprochen.

*Solneß* (erleichtert). Nun, dann geht's jedenfalls Ihrem Vater

besser?

*Ragnar*. Nein.

*Solneß*. Ermunterte ihn das nicht, was ich geschrieben hatte?

*Ragnar*. Es kam zu spät.

*Solneß*. Zu spät!

*Ragnar*. Als sie es mitbrachte, war er nicht mehr bei Besinnung. Er

hatte einen Schlaganfall gehabt.

*Solneß*. Aber so gehen Sie doch zu ihm heim! Seien Sie doch bei

Ihrem Vater!

*Ragnar*. Er braucht mich nicht mehr.

*Solneß*. Aber Sie müssen doch wohl bei ihm sein.

*Ragnar*. _Sie_ sitzt an seinem Bett.

*Solneß* (etwas unsicher). Kaja?

*Ragnar* (blickt ihn finster an). Kaja -- jawohl.

*Solneß*. Gehen Sie nach Hause, Ragnar. Zu ihr sowohl, als zu ihm.

Geben Sie _mir_ den Kranz.

*Ragnar* (unterdrückt ein spöttisches Lächeln). Sie wollen doch

nicht selber --?

*Solneß*. Ich will selber damit hinüber gehen. (Er nimmt ihm den

Kranz ab.) Und jetzt gehen Sie nach Hause. Wir haben Sie heute nicht

nötig.

*Ragnar*. Ich weiß, daß Sie mich hernach nicht nötig haben. Aber

heute bleibe ich da.

*Solneß*. Na, bleiben Sie da, wenn Sie's durchaus wollen.

*Hilde* (am Geländer). Baumeister -- hier will ich mich hinstellen,

um Ihnen zuzusehen.

*Solneß*. Mir!

*Hilde*. Das wird entsetzlich spannend werden.

*Solneß* (gedämpft). Davon reden wir zwei später, Hilde. (Er geht

mit dem Kranz fort, die Treppe hinab und durch den Garten hin.)

Fünfter Auftritt.

*Ragnar Brovik*. *Hilde Wangel*.

*Hilde* (blickt Solneß nach; darauf wendet sie sich zu Ragnar). Mir

scheint, Sie hätten ihm schon mit ein paar Worten danken können.

*Ragnar*. Ihm danken? _Dem_ hätte ich danken sollen?

*Hilde*. Ja, das hätten Sie doch wahrhaftig thun sollen!

*Ragnar*. Da müßte ich wohl eher noch _Ihnen_ danken.

*Hilde*. Wie können Sie so was sagen?

*Ragnar* (ohne ihr zu antworten). Aber nehmen Sie sich nur in acht,

Fräulein! Denn _den_ kennen Sie noch nicht recht.

*Hilde* (feurig). O _ich_ kenne ihn am allerbesten!

*Ragnar* (lacht erbittert). Ihm danken, der mich jahrelang

niedergehalten hat! Der den Vater dazu gebracht hat, an mir zu

zweifeln. Der mich selber dazu gebracht hat -- Und das alles nur

um --!

*Hilde* (wie von einer Ahnung durchzuckt). Um --? Sagen Sie mir's

gleich!

*Ragnar*. Um sie bei sich behalten zu können.

*Hilde* (springt auf ihn zu). Das Fräulein am Pult?

*Ragnar*. Ja.

*Hilde* (drohend, mit geballten Händen). Es ist nicht wahr! Sie

verleumden ihn!

*Ragnar*. Ich wollte es auch nicht glauben bis heute -- als sie's

selber sagte.

*Hilde* (wie außer sich). _Was_ sagte sie! Ich will's wissen! Gleich!

Gleich!

*Ragnar*. Sie sagte, er beherrschte ihr ganzes Sinnen und Trachten.

Alle ihre Gedanken gehörten nur ihm allein. Sie sagt, daß sie

niemals von ihm lassen kann. Daß sie hier bleiben will, wo _er_

ist --

*Hilde* (mit sprühenden Augen). Das darf sie nicht!

*Ragnar* (gleichsam forschend). Wer wird sie daran hindern?

*Hilde* (schnell). Er will's _auch_ nicht haben!

*Ragnar*. Nein, natürlich nicht. Jetzt verstehe ich ja die ganze

Geschichte. Hernach würde sie wohl nur -- lästig fallen.

*Hilde*. Gar nichts verstehen Sie -- wenn Sie so was reden können!

Nein, ich will Ihnen sagen, warum er das Fräulein festhielt.

*Ragnar*. Und warum denn?

*Hilde*. Um _Sie_ behalten zu können.

*Ragnar*. Hat er Ihnen das gesagt?

*Hilde*. Nein, es ist aber so! Es _muß_ so sein! (Ungestüm.) Ich

will -- ich _will_, daß es so sein soll!

*Ragnar*. Und gerade als _Sie_ kamen -- da ließ er sie fahren.

*Hilde*. _Sie_ -- Sie selber sind's, den er hat fahren lassen! Was,

glauben Sie wohl, kümmert der sich um fremde Fräulein?

*Ragnar* (nachdenklich). Sollte er mich denn die ganze Zeit

insgeheim gefürchtet haben?

*Hilde*. _Der_ sich fürchten! So eingebildet sollten Sie denn doch

nicht sein.

*Ragnar*. O er muß doch schon lange gemerkt haben, daß _ich_ auch

was tauge. Übrigens -- furchtsam -- das ist er nun einmal von Natur,

wissen Sie.

*Hilde*. _Er!_ Das machen Sie andern weis!

*Ragnar*. Gewissermaßen _ist_ er furchtsam. Er, der große Baumeister.

Andere Leute um ihr Lebensglück zu bringen -- wie er's meinem Vater

und mir gethan hat -- davor hat er keine Furcht. Aber bloß ein

armseliges Gerüst hinaufzuklettern -- Gott bewahre ihn vor so einem

Wagestück!

*Hilde*. O Sie hätten ihn nur so hoch oben sehen sollen -- so

himmelhoch, wie ich ihn einmal gesehen habe!

*Ragnar*. Das hätten Sie gesehen?

*Hilde*. Ja, das kann ich Sie versichern. Und wie frei und kühn er

dastand, als er den Kranz an der Wetterfahne befestigte!

*Ragnar*. Ich weiß, daß er es _einmal_ in seinem Leben gewagt hat.

Ein einziges Mal. Wir Jüngeren haben so oft davon gesprochen. Aber

keine Macht der Welt wird ihn dazu bewegen, das Ding zu wiederholen.

*Hilde*. Heute wiederholt er es!

*Ragnar* (höhnisch). Glauben Sie doch das nicht.

*Hilde*. Wir werden's schon erleben!

*Ragnar*. Das werden weder Sie noch ich erleben.

*Hilde* (unbändig). Ich _will_ es erleben! Ich will und muß es

erleben!

*Ragnar*. Er thut's aber nicht. Er getraut sich's einfach nicht.

Denn die Schwäche hat er nun einmal -- er, der große Baumeister.

*Frau Solneß* (kommt aus dem Hause auf die Veranda hinaus).

Sechster Auftritt.

*Die Vorigen*. *Frau Solneß*.

*Frau Solneß* (sieht sich um). Ist er nicht da? Wo ist er

hingegangen?

*Ragnar*. Herr Solneß ist drüben bei den Arbeitern.

*Hilde*. Er ging mit dem Kranze hin.

*Frau Solneß* (angstvoll). Mit dem Kranze! Ach Gott -- ach Gott!

Herr Brovik -- Sie müssen zu ihm hinüber! Sorgen Sie dafür, daß er

wieder herkommt!

*Ragnar*. Soll ich ihm sagen, daß die gnädige Frau ihn zu sprechen

wünschen?

*Frau Solneß*. Ach ja, thun Sie das, bitte. -- Nein, nein -- sagen

Sie ihm nichts von _mir_. Sagen Sie nur, es wäre jemand da. Und daß

er gleich kommen müßte.

*Ragnar*. Sehr wohl. Ich werde es ihm ausrichten, gnädige Frau. (Er

geht fort, die Treppe hinab durch den Garten.)

Siebenter Auftritt.

*Frau Solneß*. *Hilde Wangel*.

*Frau Solneß*. Ach, Fräulein Wangel, Sie können sich nicht

vorstellen, welche Angst ich seinetwegen ausstehe.

*Hilde*. Ist denn die Sache gar so gefährlich?

*Frau Solneß*. O das begreifen Sie doch. Denken Sie nur -- wenn es

sein Ernst wäre! Wenn er nun wirklich auf das Gerüst hinaufstiege!

*Hilde* (gespannt). Glauben Sie, daß er's thut?

*Frau Solneß*. Ach, man kann ja nicht wissen, was ihm einfällt. Der

könnte zu allem fähig sein.

*Hilde*. Aha, _Sie_ glauben vielleicht auch, daß er nicht so -- so

recht --?

*Frau Solneß*. Ja, ich weiß wahrhaftig nicht mehr, was ich von ihm

glauben soll. Der Doktor hat nur nämlich so vielerlei erzählt. Und

wenn ich außerdem an gewisse Dinge denke, die ich ihn habe sagen

hören --

*Doktor Herdal* (steckt den Kopf durch die Thür).

Achter Auftritt.

*Die Vorigen*. *Doktor Herdal*.

*Herdal*. Kommt er nicht bald?

*Frau Solneß*. Ich glaube, doch. Ich habe wenigstens nach ihm

geschickt.

*Herdal* (näher). Sie werden aber wohl hineingehen müssen, gnädige

Frau --

*Frau Solneß*. Nein, nein. Ich bleibe hier, um Halvard zu erwarten.

*Herdal*. Es sind aber einige Damen gekommen --

*Frau Solneß*. Ach Gott, das auch noch! Und gerade jetzt!

*Herdal*. Sie möchten nämlich gar zu gern die Feierlichkeit mit

ansehen.

*Frau Solneß*. Ja, dann muß ich wohl doch zu ihnen hineingehen. Denn

das ist ja meine Pflicht.

*Hilde*. Könnten Sie sich denn nicht bei den Damen entschuldigen

lassen?

*Frau Solneß*. Nein, das geht durchaus nicht an. Da sie nun einmal

gekommen sind, ist es ja meine Pflicht, sie zu empfangen. Bleiben

aber _Sie_ draußen derweile -- und reden Sie mit ihm, wenn er kommt.

*Herdal.* Und halten Sie ihn durch Gespräch auf, so lange es nur

möglich ist.

*Frau Solneß*. Thun Sie das ja, liebes Fräulein Wangel. Halten Sie

ihn so fest, wie Sie nur können.

*Hilde*. Wäre es nicht besser, wenn Sie das selber thäten?

*Frau Solneß*. Du lieber Gott -- _meine_ Pflicht wäre es ja

eigentlich. Wenn man aber Pflichten hat nach so vielen Seiten hin --

*Herdal* (in den Garten hinausblickend). Da kommt er!

*Frau Solneß*. Und in dem Augenblick muß ich gerade hinein.

*Herdal* (zu Hilde). Sagen Sie ihm nichts davon, daß ich da bin.

*Hilde*. O nein! Ich werde schon etwas anderes ausfindig machen,

worüber ich mit dem Baumeister schwatzen kann.

*Frau Solneß*. Und halten Sie ihn ja fest. Ich glaube, _Sie_ können

das am besten.

*Frau Solneß* und *Doktor Herdal* (gehen ins Haus hinein).

*Hilde* (bleibt auf der Veranda stehen).

*Baumeister Solneß* (kommt die Gartentreppe hinauf).

Neunter Auftritt.

*Solneß*. *Hilde Wangel*.

*Solneß*. Es soll jemand da sein, höre ich, der mich sprechen will.

*Hilde*. Jawohl, das bin ich, Baumeister.

*Solneß*. So, _Sie_ sind's, Hilde. Ich fürchtete schon, es könnten

Aline und der Doktor sein.

*Hilde*. _Sie_ sind gewiß überhaupt recht furchtsam!

*Solneß*. Glauben Sie?

*Hilde*. Die Leute sagen, Sie fürchten sich davor, auf den Gerüsten

herumzukrabbeln.

*Solneß*. Nun, mit _dem_ Ding hat's so seine eigene Bewandtnis.

*Hilde*. Aber sich davor fürchten -- das thun Sie also?

*Solneß*. Ja, das thue ich.

*Hilde*. Fürchten Sie, daß Sie herunterfallen könnten und sich's

Genick brechen?

*Solneß*. Nein, das nicht.

*Hilde*. Was denn aber?

*Solneß*. Ich fürchte die Wiedervergeltung, Hilde.

*Hilde*. Die Wiedervergeltung? (Sie schüttelt den Kopf.) Das

verstehe ich nicht.

*Solneß*. Setzen Sie sich. Dann werde ich Ihnen etwas erzählen.

*Hilde*. Ja, thun Sie das! Gleich! (Sie setzt sich auf ein Taburett

am Geländer und blickt ihn erwartungsvoll an.)

*Solneß* (wirft seinen Hut auf den Tisch). Sie wissen ja -- das

erste, womit ich anfing, das waren Kirchenbauten.

*Hilde* (nickt). Das weiß ich.

*Solneß*. Denn, sehen Sie, als Junge war ich in einem frommen Hause

auf dem Lande aufgewachsen. Und da meinte ich denn, es könnte für

mich gar nichts Höheres geben, als diese Kirchenbauerei.

*Hilde*. Ja, warum denn nicht?

*Solneß*. Und das darf ich schon sagen -- ich baute diese kleinen

ärmlichen Kirchen mit einem so ehrlichen und warmen und innigen

Gemüt, daß -- daß --

*Hilde*. Daß --? Nun?

*Solneß*. Daß ich meine, er hätte wohl mit mir zufrieden sein können.

*Hilde*. _Er?_ Welcher _er_?

*Solneß*. Er, für den die Kirchen bestimmt waren, natürlich! Er, dem

zum Ruhm und zu Ehren sie gebaut waren.

*Hilde*. Ach so! Aber wissen Sie denn so bestimmt, daß -- daß er

nicht -- so -- mit Ihnen zufrieden war?

*Solneß* (höhnisch). _Er_ mit _mir_ zufrieden! Wie können Sie nur so

reden, Hilde? Er, der es zuließ, daß der Unhold in mir herumrumorte

nach eigenem Gutdünken. Er, der ihnen gebot an Ort und Stelle zu

sein Tag und Nacht, um mir zu dienen -- all diesen -- diesen --

*Hilde*. Teufelchen --

*Solneß*. Jawohl, von allen Arten. O nein, das bekam ich schon zu

fühlen, daß er mit mir nicht zufrieden war. (Geheimnisvoll.) _Das_,

sehen Sie, war eigentlich der Grund, weshalb er das alte Haus

niederbrennen ließ.

*Hilde*. War _das_ der Grund?

*Solneß*. Ja, begreifen Sie denn das nicht? Er wollte mir

Gelegenheit bieten, ein ganzer Meister zu werden in meinem Fach --

ihm um so ruhmvollere Kirchen zu bauen. Anfangs verstand ich nicht,

wo er hinauswollte. Aber dann, auf einmal, ging mir ein Licht auf.

*Hilde*. Wann war das?

*Solneß*. Es war, als ich den Kirchturm baute droben in Lysanger.

*Hilde*. Das dachte ich mir.

*Solneß*. Denn, sehen Sie, Hilde, droben in dem fremden Städtchen,

dort konnte ich meinen Grübeleien ungestört nachhängen. Und da sah

ich's denn so klar, warum er mir meine Kleinen genommen hatte. Er

hatte es gethan, damit ich von nichts anderem gebunden wäre. Nicht

von so was wie Liebe und Glück, verstehen Sie. Ich sollte nur

Baumeister sein. Nichts anderes. Und mein ganzes Leben sollte ich

damit zubringen, für ihn zu bauen. (Er lacht.) Aber daraus wurde

freilich nichts.

*Hilde*. Was thaten Sie denn?

*Solneß*. Zuerst erforschte und prüfte ich mich selbst --

*Hilde*. Und dann?

*Solneß*. Dann that ich das _Unmögliche_. _Ich_ wie _er_!

*Hilde*. Das Unmögliche?

*Solneß*. Ich hatte es niemals zuvor vertragen, hoch und frei

hinaufzusteigen. Aber an _dem_ Tage konnte ich es.

*Hilde* (springt auf). Ja, ja, das konnten Sie!

*Solneß*. Und als ich ganz oben stand und den Kranz an die

Wetterfahne hängte, da sprach ich zu ihm: jetzt höre mich an, du

Mächtiger! Von heute an will ich auch freier Baumeister sein. Auf

meinem Gebiet. Wie du auf dem deinigen. Nie mehr will ich Kirchen

für dich bauen. Nur Heimstätten für Menschen.

*Hilde* (mit großen funkelnden Augen). _Das_ war der Gesang, den ich

hoch oben hörte.

*Solneß*. Aber nachher bekam er Wasser auf seine Mühle.

*Hilde*. Was meinen Sie _damit_?

*Solneß* (sieht sie mißmutig an). Heimstätten für Menschen zu bauen

-- das ist keine fünf Pfennig wert, Hilde.

*Hilde*. So urteilen Sie jetzt?

Baumeister Solneß: Schauspiel in drei Aufzügen · 第 5 / 6 段