Heimstätten da gar nicht nötig. Jedenfalls nicht um glücklich zu
sein. Und ich hätte auch so ein Heim nicht nötig gehabt. Wenn ich
eins besessen hätte, heißt das. (Mit einem leisen erbitterten
Lachen.) Sehen Sie, das ist der ganze Abschluß, soweit ich
zurückblicke. Nichts gebaut, im Grunde genommen. Und auch nichts
geopfert, um zum Bauen zu _kommen_. Nichts, gar nichts -- alles
miteinander.
*Hilde*. Und niemals wollen Sie etwas neues bauen hernach.
*Solneß* (lebhaft). Doch, gerade jetzt will ich anfangen!
*Hilde*. Was denn? Was denn? Sagen Sie mir's gleich!
*Solneß*. Das einzige, von dem ich glaube, daß Menschenglück darin
wohnen kann -- _das_ will ich jetzt bauen.
*Hilde* (sieht ihn fest an). Baumeister -- jetzt denken Sie an
unsere Luftschlösser.
*Solneß*. An die Luftschlösser, jawohl.
*Hilde*. Ich fürchte, es würde Ihnen schwindelig werden, ehe wir
halbwegs kämen.
*Solneß*. Nein, nicht wenn ich mit Ihnen Hand in Hand gehe, Hilde.
*Hilde* (mit einem Anflug von unterdrücktem Zorn). Nur mit mir?
Sollen denn nicht noch andere mit dabei sein?
*Solneß*. Wer denn sonst noch, meinen Sie?
*Hilde*. O -- zum Beispiel diese Kaja da am Pult. Das arme Ding --
wollen Sie nicht die auch mitnehmen?
*Solneß*. Aha. War _sie's_, von der Aline vorhin mit Ihnen redete?
*Hilde*. Ist es wahr oder nicht?
*Solneß* (heftig). Auf so was antworte ich Ihnen nicht! Ganz und
unbedingt sollen Sie an mich glauben!
*Hilde*. Zehn Jahre lang habe ich so felsenfest an Sie geglaubt.
*Solneß*. Sie sollen fortfahren an mich zu glauben!
*Hilde*. Ja, wenn ich Sie wieder oben sehe, hoch und frei!
*Solneß* (schwermütig). Ach, Hilde -- so stehe ich nicht im
Alltagsleben da.
*Hilde* (leidenschaftlich). Ich will es! Ich will es! (Bittend.) Nur
noch ein einziges Mal, Baumeister! Thun Sie das _Unmögliche_ noch
einmal!
*Solneß* (blickt sie tief an). _Wenn_ ich es versuche, Hilde, dann
will ich oben zu ihm sprechen, wie ich's damals that.
*Hilde* (in steigender Spannung). Was wollen Sie ihm sagen?
*Solneß*. Ich will ihm sagen: höre mich, großmächtiger Herr -- du
magst nun über mich urteilen nach eigenem Ermessen. Aber hernach
baue ich bloß das Herrlichste auf Erden --
*Hilde* (hingerissen). Ja -- ja!
*Solneß*. Baue es mit einer Prinzessin zusammen, die ich lieb habe --
*Hilde*. Ja, sagen Sie ihm das! Sagen Sie ihm das!
*Solneß*. Gewiß. Und dann will ich ihm sagen: jetzt gehe ich
hinunter und umschlinge sie mit den Armen und küsse sie --
*Hilde*. Viele Male! Sagen Sie's!
*Solneß*. Viele, viele Male, werde ich sagen.
*Hilde*. Und dann --?
*Solneß*. Dann schwenke ich meinen Hut und steige wieder hinunter
auf die Erde -- und thue, wie ich ihm sagte.
*Hilde* (mit ausgestreckten Armen). Jetzt sehe ich Sie wieder so,
wie damals, als ich Gesang hörte hoch oben!
*Solneß* (sieht sie mit gesenktem Kopfe an). Wie sind Sie zu dem
geworden, was Sie sind, Hilde?
*Hilde*. Wie haben Sie mich zu dem gemacht, was ich bin?
*Solneß* (kurz und fest). Die Prinzessin soll ihr Schloß bekommen.
*Hilde* (jubelnd, in die Hände klatschend). Ach, Baumeister --! Mein
wunder -- wunderschönes Schloß! Unser Luftschloß!
*Solneß*. Mit einer Grundmauer darunter.
*Eine Menschenmenge* (die nur undeutlich zwischen den Bäumen
erblickt wird, hat sich auf der Straße versammelt).
(In der Ferne, hinter dem neuen Hause ertönt Musik von
Blasinstrumenten.)
*Frau Solneß* (die einen Pelzkragen um hat, *Doktor Herdal*, der
ihren weißen Shawl auf dem Arme trägt, und *einige Damen* kommen auf
die Veranda hinaus. *Ragnar Brovik* kommt gleichzeitig vom Garten
hinauf).
Zehnter Auftritt.
*Die Vorigen*. *Frau Solneß*. *Doktor Herdal*. *Ragnar Brovik*.
*Einige Damen*.
*Frau Solneß*. Soll es auch Musik geben?
*Ragnar*. Jawohl, gnädige Frau. Es ist der Verein der Bauarbeiter.
(Zu Solneß.) Der Werkführer läßt sagen, er wäre jetzt bereit, mit
dem Kranze hinaufzugehen.
*Solneß* (nimmt seinen Hut). Gut. Ich gehe selber hinüber.
*Frau Solneß* (angstvoll). Was willst du drüben, Halvard?
*Solneß* (kurz). Ich muß drunten sein bei den Leuten.
*Frau Solneß*. Ja, drunten, nicht wahr? Nur drunten.
*Solneß*. Ich bin's ja so gewohnt. So im Alltagsleben. (Er geht
fort, die Treppe hinab, durch den Garten.)
Elfter Auftritt.
*Die Vorigen* ohne Solneß.
*Frau Solneß* (am Geländer, ruft ihm nach). Bitte aber doch ja den
Mann, recht vorsichtig zu sein, wenn er hinauf soll! Versprich mir
das, Halvard.
*Herdal* (zu Frau Solneß). Sehen Sie nun, daß ich recht hatte? Er
denkt nicht mehr an das tolle Zeug.
*Frau Solneß*. Ach, wie ist mir's leicht ums Herz. Zweimal sind uns
jetzt Leute heruntergefallen. Und beide waren auf der Stelle tot.
(Sie wendet sich zu Hilde.) Herzlichen Dank, Fräulein Wangel, daß
Sie ihn so gut festhielten. _Ich_ hätte ihn sicher nie herumgebracht.
*Herdal* (lustig). Ja -- ja, Fräulein Wangel, _Sie_ verstehen schon
einen festzuhalten, wenn Sie den Vorsatz haben!
*Frau Solneß* und *Doktor Herdal* (gehen zu den *Damen* hin, die
näher der Treppe stehen und über den Garten hinausblicken).
*Hilde* (bleibt am Geländer im Vordergrund stehen).
*Ragnar* (geht zu ihr hin, mit unterdrücktem Lachen, halblaut).
Fräulein -- sehen Sie alle die jungen Leute draußen auf der Straße?
*Hilde*. Gewiß.
*Ragnar*. Es sind die Kameraden, die gekommen sind, um sich den
Meister anzusehen.
*Hilde*. Warum wollen sie ihn denn ansehen?
*Ragnar*. Sie wollen mit ansehen, wie er sich nicht getraut, auf
sein eigenes Haus hinaufzusteigen.
*Hilde*. So, _das_ wollen die grünen Jungen!
*Ragnar* (mit höhnischem Grollen). Der hat uns jetzt so lange unten
gehalten. Nun wollen wir uns ansehen, wie _er_ auch einmal
gefälligst unten bleibt.
*Hilde*. Das bekommen Sie nicht zu sehen. Diesmal nicht.
*Ragnar* (lächelt). So? Wo bekommen wir ihn denn zu sehen?
*Hilde*. Hoch -- hoch oben an der Wetterfahne werden Sie ihn sehen!
*Ragnar* (lacht). Der! Wer's glaubt, wird selig!
*Hilde*. Er _will_ auf die Turmspitze und folglich werden Sie ihn
dort auch sehen.
*Ragnar*. Er _will_, jawohl! Das glaub ich sehr gern. Er _kann_ aber
einfach nicht. Es würde ihm wirr im Kopfe werden, lange bevor er
halbwegs käme. Er müßte herunterkriechen auf allen Vieren!
*Herdal* (hinüber zeigend). Sehen Sie! Da klimmt der Werkführer die
Leitern hinauf.
*Frau Solneß*. Und dann hat er wohl auch noch den Kranz zu tragen.
Ach, wenn er sich doch jetzt nur in acht nähme!
*Ragnar* (starrt ungläubig hin und ruft). Aber das ist ja --!
*Hilde* (in Jubel ausbrechend). Es ist der Baumeister selber!
*Frau Solneß* (schreit entsetzt auf). Ja, es ist Halvard! Ach! du
lieber Gott --! Halvard! Halvard!
*Herdal*. Still! Rufen Sie ihn nicht!
*Frau Solneß* (halb von Sinnen). Ich will zu ihm hin! Er muß
herunterkommen!
*Herdal* (hält sie fest). Niemand darf sich rühren! Keinen Laut!
*Hilde* (unbeweglich, folgt Solneß mit den Augen). Er steigt,
steigt. Immer höher. Immer höher. Sehen Sie! Sehen Sie nur!
*Ragnar* (in atemloser Spannung). Jetzt _muß_ er umkehren. Da ist
nichts anderes möglich.
*Hilde*. Er steigt, steigt. Jetzt ist er bald oben.
*Frau Solneß*. O ich vergehe vor Angst. Ich halte den Anblick nicht
aus!
*Herdal*. Dann sehen Sie doch nicht hin.
*Hilde*. Da steht er auf den obersten Brettern! Ganz oben!
*Herdal*. Niemand darf sich rühren. Hören Sie!
*Hilde* (jubelt in stiller Innigkeit). Endlich! Endlich! Jetzt sehe
ich ihn wieder groß und frei!
*Ragnar* (fast sprachlos). Aber das ist ja --
*Hilde*. So habe ich ihn vor mir gesehen alle die zehn Jahre lang.
Wie sicher er dasteht! Entsetzlich spannend ist es trotzdem. Sehen
Sie! Jetzt hängt er den Kranz um die Turmspitze!
*Ragnar*. Das ist, wie wenn man etwas ganz Unmögliches mit ansähe.
*Hilde*. Ja, das ist ja eben das _Unmögliche_, was er jetzt thut!
(Mit unbestimmbarem Ausdruck in den Augen.) Sehen Sie jemand anderen
bei ihm droben?
*Ragnar*. Es ist kein anderer da.
*Hilde*. Doch, da ist einer, mit dem er Worte wechselt.
*Ragnar*. Sie irren sich.
*Hilde*. Und den Gesang hoch oben, den hören Sie auch nicht?
*Ragnar*. Es muß der Wind in den Baumwipfeln sein.
*Hilde*. Ich höre den Gesang. Einen gewaltigen Gesang! (Sie ruft in
wildem Jubel.) Da, da! Jetzt schwenkt er den Hut! Er grüßt herunter!
Ach, so grüßt ihn doch wieder! Denn jetzt, jetzt ist es vollbracht!
(Sie entreißt dem Doktor den weißen Shawl, schwenkt ihn und schreit
aufwärts.) Es lebe der Baumeister Solneß!
*Herdal*. Hören Sie auf! Hören Sie auf! Um Gottes willen --!
*Die Damen* (auf der Veranda schwenken die Taschentücher).
(Von der Straße her ertönen Hochrufe; plötzlich verstummen sie, und
die Volksmenge bricht in einen Schrei des Entsetzens aus; zwischen
den Bäumen sieht man deutlich, wie ein Menschenkörper mit Brettern
und Holzstücken zusammen herunterstürzt.)
*Frau Solneß* und die *Damen* (gleichzeitig). Er fällt! Er fällt!
*Frau Solneß* (schwankt, sinkt ohnmächtig nach rückwärts und wird
unter allgemeinem Rufen und Wirrwarr von den Damen aufgefangen).
*Die Menschenmenge* (auf der Straße durchbricht den Zaun und stürmt
in den Garten hinein).
*Herdal* (eilt gleichfalls hinunter).
(Kurze Pause.)
*Hilde* (starrt unverwandt aufwärts und sagt wie versteinert:)
_Mein_ Baumeister.
*Ragnar* (hält sich zitternd am Geländer fest). Er muß zerschmettert
sein. Auf der Stelle getötet.
*Eine Dame* (während Frau Solneß in das Haus hineingetragen wird).
Laufen Sie zum Doktor hinunter --
*Ragnar*. Kann kein Glied rühren --
*Eine andere Dame*. Dann rufen Sie doch wenigstens jemandem zu!
*Ragnar* (versucht zu rufen). Wie steht's? Ist er am Leben?
*Eine Stimme* (vom Garten her). Der Baumeister ist tot!
*Andere Stimmen* (näher). Der ganze Kopf zerschmettert. Gerade in
den Steinbruch heruntergefallen.
*Hilde* (wendet sich zu Ragnar und sagt leise): Jetzt kann ich ihn
droben nicht sehen.
*Ragnar*. Entsetzlich war das. Er vermochte es also doch nicht.
*Hilde* (wie in stillem irrem Triumph). Aber bis zur Spitze kam er.
Und ich _hörte_ Harfen hoch oben. (Sie schwenkt den Shawl aufwärts
und schreit mit wilder Innigkeit.) _Mein_ -- _mein_ Baumeister!
_Ende._
* * * * *
[Hinweis der Bearbeiter:
Offensichtliche Satzfehler wurden berichtigt. *Fettgedruckter* und
_gesperrter_ Text ist im e-Book entsprechend wiedergegeben.]