kamen sie und unterwarfen sich meinem Willen. (In steigender
Erregung.) _Das_ ist's, was die Leute »Glück haben« nennen. Aber
_ich_ will Ihnen sagen, wie das Glück empfunden wird! Es wird
empfunden wie eine große hautlose Stelle hier auf der Brust. Und die
Helfer und Diener nehmen Hautfetzen von andern Menschen, um _meine_
Wunde zu schließen! Aber die Wunde heilt doch nicht zu. Nie --
niemals! Ach, wenn Sie wüßten, wie das zuweilen saugt und brennt.
*Hilde* (sieht ihn aufmerksam an). Sie _sind_ krank, Baumeister.
Schwer krank, glaub ich fast.
*Solneß*. Sagen Sie verrückt, denn das meinen Sie ja.
*Hilde*. Nein, am Verstande, glaub ich, fehlt Ihnen weiter nichts.
*Solneß*. Wo fehlt's mir denn? Heraus damit!
*Hilde*. Ob die Sache nicht _die_ ist, daß Sie mit einem kränklichen
Gewissen zur Welt gekommen sind.
*Solneß*. Mit einem kränklichen Gewissen? Was ist denn das für ein
Teufelszeug?
*Hilde*. Ich meine, daß das Gewissen bei Ihnen recht schwächlich
ist. So -- zart gebaut. Daß es keinen Stoß verträgt. Daß es das, was
schwer ist, nicht heben noch tragen kann.
*Solneß* (brummend). Hm! Wie sollte dann das Gewissen sein, wenn ich
fragen darf?
*Hilde*. Bei Ihnen möchte ich am liebsten, daß das Gewissen so -- so
recht robust wäre.
*Solneß*. So? Robust? Na. Haben _Sie_ vielleicht ein robustes
Gewissen?
*Hilde*. Ich glaube schon. Ich habe wenigstens nichts anderes
gemerkt.
*Solneß*. Ist wohl auch nicht sonderlich auf die Probe gestellt
worden, denk ich mir.
*Hilde* (indem es um ihre Mundwinkel zuckt). Nun, so leicht war's
doch nicht, vom Vater fortzugehen, den ich so ungeheuer gern habe.
*Solneß*. Ach was! Für einen Monat oder zwei --
*Hilde*. Ich komme gewiß niemals wieder heim.
*Solneß*. Niemals? Warum gingen Sie denn von ihm fort.
*Hilde* (halb im Ernst, halb neckisch). Haben Sie schon wieder
vergessen, daß die zehn Jahre um sind?
*Solneß*. Ach, Unsinn. War zu Hause irgend etwas los? Nun?
*Hilde* (ernsthaft). Es _war_ dieses Etwas in meinem Innern, was
mich herjagte und mich herpeitschte. Und was mich lockte und anzog
zu gleicher Zeit.
*Solneß* (eifrig). Da haben wir's! Da haben wir's, Hilde! Auch in
Ihnen wohnt ein Unhold. Wie in mir. Denn es ist der Unhold in einem,
sehen Sie -- der ist es, der die Mächte herbeiruft. Und dann _muß_
man nachgeben -- man mag wollen oder nicht.
*Hilde*. Ich glaube beinahe, Sie haben recht, Baumeister.
*Solneß* (geht im Zimmer umher). O es giebt in der Welt so
erstaunlich viele Teufelchen, die einer nicht sieht, Hilde.
*Hilde*. Teufelchen auch noch?
*Solneß* (bleibt stehen). Gutmütige Teufelchen und bösartige
Teufelchen. Blondhaarige Teufelchen und schwarzhaarige. Wenn man nur
immer wüßte, ob's die blonden sind oder die schwarzen, die einen in
ihrer Gewalt haben! (Er schlendert herum.) Ja, dann wäre das Ding
ganz einfach!
*Hilde* (folgt ihm mit den Augen). Oder wenn man ein recht kräftiges,
von Gesundheit strotzendes Gewissen hätte. So daß man sich das
_getraute_, was man am liebsten _möchte_.
*Solneß* (bleibt am Konsoltische stehen). Ich meinerseits glaube,
daß die meisten in dem Punkt ebenso große Schwächlinge sind wie ich
selber.
*Hilde*. Mag schon sein.
*Solneß* (lehnt sich an den Tisch). In den Sagenbüchern -- Haben Sie
von den alten Sagenbüchern etwas gelesen?
*Hilde*. Freilich! Zu der Zeit, da ich noch Bücher las --
*Solneß*. In den Sagenbüchern wird von Wikingern berichtet, die nach
fremden Ländern segelten und plünderten und Häuser in Brand steckten
und Männer totschlugen --
*Hilde*. Und Weiber gefangen nahmen --
*Solneß*. Und sie bei sich behielten --
*Hilde*. Und auf den Schiffen mit nach Hause nahmen --
*Solneß*. Und mit ihnen verfuhren wie -- wie die schlimmsten Unholde.
*Hilde* (sieht mit einem halbverschleierten Blick vor sich hin). Mir
scheint, das mußte spannend sein.
*Solneß* (mit einem kurzen brummenden Lachen). Weiber zu fangen?
Jawohl.
*Hilde*. Gefangen zu _werden_.
*Solneß* (sieht sie einen Augenblick an). Ach so.
*Hilde* (gleichsam abbrechend). Aber wo wollen Sie denn mit den
Wikingern hinaus, Baumeister?
*Solneß*. Ja, sehen Sie, _die_ Kerle hatten ein robustes Gewissen!
Wenn die wieder heimkamen, dann konnten sie fressen und saufen, als
wenn nichts geschehen wäre. Und lustig wie Kinder waren sie auch
noch. Und dann die Weiber! Die wollten manchmal gar nicht wieder von
ihnen fort. Können Sie so was begreifen, Hilde?
*Hilde*. Die Weiber begreife ich ausgezeichnet.
*Solneß*. Oho! Könnten Sie etwa selber ebenso handeln?
*Hilde*. Warum denn nicht?
*Solneß*. Mit so einem -- Gewaltthäter zusammenleben -- freiwillig?
*Hilde*. Wenn's ein Gewaltthäter wäre, den ich recht lieb gewonnen
hätte, dann --
*Solneß*. Könnten Sie denn so einen Menschen lieb gewinnen?
*Hilde*. Ach Gott, das steht doch nicht bei einem selber, wen man
lieb gewinnen soll.
*Solneß* (sieht sie nachdenklich an). Ach nein -- _das_ entscheidet
wohl der Unhold, der in einem wohnt.
*Hilde* (mit einem halben Lachen). Und dann alle diese merkwürdigen
Teufelchen, mit denen Sie so gut bekannt sind. Sowohl die
blondhaarigen als die schwarzhaarigen.
*Solneß* (mit Wärme, in gedämpftem Ton). Dann wünsche ich Ihnen, daß
die Teufelchen mit Schonung für Sie wählen, Hilde.
*Hilde*. Für mich _haben_ sie schon gewählt. Ein für allemal.
*Solneß* (blickt sie tief an). Hilde -- Sie sind wie ein wilder
Waldvogel.
*Hilde*. Durchaus nicht. Ich verstecke mich nicht im Gebüsch.
*Solneß*. Nein, das thun Sie wohl nicht. Da sind Sie eher noch einem
Raubvogel ähnlich.
*Hilde*. Das noch eher -- vielleicht. (Mit großer Heftigkeit.) Und
warum kein Raubvogel? Warum sollte ich nicht auch auf Raub ausgehen?
Die Beute an mich reißen, zu der ich Lust habe? Wenn ich sie nur
packen kann mit meinen Krallen. Und die Oberhand behalten.
*Solneß*. Hilde -- wissen Sie, was Sie sind?
*Hilde*. Ja, ich bin gewiß so ein sonderbarer Vogel.
*Solneß*. Nein; Sie sind wie ein anbrechender Tag. Wenn ich Sie
ansehe -- dann ist's mir, als blickte ich gegen Sonnenaufgang.
*Hilde*. Sagen Sie mir, Baumeister -- wissen Sie bestimmt, daß Sie
mich nie gerufen haben? So inwendig?
*Solneß* (leise und langsam). Ich glaube fast, ich muß es gethan
haben.
*Hilde*. Was wollten Sie von mir?
*Solneß*. _Sie_ sind die Jugend, Hilde.
*Hilde* (lächelnd). Die Jugend, vor der sie solche Angst haben?
*Solneß* (nickt langsam). Und die ich doch im Grunde so sehnlich
herbeiwünsche.
*Hilde* (erhebt sich, geht zum Tischchen hin, holt die Mappe Ragnar
Broviks, hält ihm die Mappe hin). Die Zeichnungen also --
*Solneß* (kurz, abweisend). Legen Sie das Zeug weg! Ich habe es
lange genug angesehen.
*Hilde*. Aber Sie sollten ja etwas für ihn daraufschreiben.
*Solneß*. Daraufschreiben! In meinem Leben thu' ich's nicht.
*Hilde*. Aber wenn nun der arme alte Mann im Sterben liegt! Könnten
Sie da nicht ihm und dem Sohn eine Freude machen, ehe sie sich
trennen? Und vielleicht könnte er dann auch dazu kommen, nach den
Zeichnungen zu bauen.
*Solneß*. Ja, das ist's ja eben, was er kann. Das wird er sich schon
gesichert haben, der -- der Monsieur.
*Hilde*. Aber du lieber Gott -- wenn sich's so verhält -- können Sie
dann nicht ein klein bißchen lügen?
*Solneß*. Lügen? (Wütend). Hilde -- gehen Sie weg von mir mit Ihren
Teufelszeichnungen!
*Hilde* (zieht die Mappe ein wenig zurück). Nanu -- beißen Sie mich
doch nicht. -- _Sie_ reden von Unholden. Mir kommt's vor, Sie
betragen sich selber wie ein Unhold. (Sie sieht sich um.) Wo haben
Sie Feder und Tinte?
*Solneß*. Giebt's nicht hier im Zimmer.
*Hilde* (will hinaus). Aber draußen beim Fräulein haben Sie doch --
*Solneß*. Bleiben Sie, wo Sie sind, Hilde! -- Ich sollte lügen,
sagten Sie. Nun ja, seinem alten Vater zuliebe könnte ich das
immerhin thun. Denn den habe ich einmal erdrückt. Über den Haufen
geworfen.
*Hilde*. Den auch?
*Solneß*. Ich brauchte Platz für mich selber. Aber dieser Ragnar --
der darf um keinen Preis in die Höhe kommen.
*Hilde*. Das wird er wohl auch nie, der arme Kerl. Wenn er nichts
taugt, dann --
*Solneß* (näher, sieht sie an und flüstert). Kommt Ragnar Brovik in
die Höhe, dann schlägt er _mich_ zu Boden. Erdrückt mich -- wie
ich's mit seinem Vater that. --
*Hilde*. Erdrückt er _Sie_? Taugt er denn?
*Solneß*. Ja, darauf können Sie sich verlassen, daß _der_ taugt!
_Der_ ist die Jugend, die bereit steht, bei mir anzuklopfen. Und dem
ganzen Baumeister Solneß den Garaus zu machen.
*Hilde* (sieht ihn mit stillem Vorwurf an). Und trotzdem wollen Sie
ihm den Weg versperren. Pfui, Baumeister!
*Solneß*. Er hat Herzblut genug gekostet, der Kampf, den ich
durchgemacht habe. -- Und dann habe ich Angst, daß die Helfer und
Diener mir nicht mehr gehorchen.
*Hilde*. Dann müssen Sie's auf eigene Faust versuchen. Da ist nichts
anderes zu thun.
*Solneß*. Hoffnungslos, Hilde. Der Umschwung kommt. Etwas früher
oder etwas später. Denn die Wiedervergeltung, die ist unerbittlich.
*Hilde* (angstvoll, hält sich die Ohren zu). Reden Sie doch nicht
so! Wollen Sie mir das Leben nehmen! Mir das nehmen, was mir mehr
ist als das Leben!
*Solneß*. Und was ist denn _das_?
*Hilde*. Sie groß zu sehen. Sie zu sehen mit einem Kranz in der
Hand. Hoch, hoch oben auf einem Kirchturm. (Wieder ruhig.) Nun,
jetzt heraus mit dem Bleistift. Denn einen Bleistift haben Sie doch
bei sich?
*Solneß* (nimmt seine Brieftasche heraus). Da habe ich einen.
*Hilde* (legt die Mappe auf den Sofatisch). Gut. Und jetzt,
Baumeister, setzen wir uns, wir zwei.
*Solneß* (setzt sich an den Tisch).
*Hilde* (hinter ihm, beugt sich über die Stuhllehne). Und jetzt
schreiben wir etwas auf die Zeichnungen hinauf. Etwas recht, recht
Liebes und Warmes schreiben wir. Für diesen häßlichen Roar -- oder
wie er nun heißt.
*Solneß* (schreibt einige Zeilen, wendet den Kopf und blickt zu ihr
auf). Ich möchte etwas wissen, Hilde.
*Hilde*. Nun?
*Solneß*. Wenn Sie also volle zehn Jahre auf mich gewartet haben --
*Hilde*. Was dann?
*Solneß*. Warum schrieben Sie mir nie? Dann hätte ich Ihnen
antworten können.
*Hilde* (schnell). Nein, nein! Das war's gerade, was ich nicht haben
wollte.
*Solneß*. Warum nicht?
*Hilde*. Ich fürchtete, das Ganze könnte mir dabei unter den Händen
zusammenbrechen. -- Aber wir sollten ja auf die Zeichnungen etwas
hinaufschreiben, Baumeister.
*Solneß*. Ja freilich.
*Hilde* (beugt sich vornüber und sieht zu, während er schreibt). Wie
warm und gut und herzig. O wie ich ihn hasse -- wie ich ihn hasse,
diesen Roald --
*Solneß* (schreibend). Haben Sie nie jemand so recht gern gehabt,
Hilde?
*Hilde* (hart). Was sagten Sie?
*Solneß*. Ob Sie nie jemand recht gern gehabt haben?
*Hilde*. Jemand anderen, meinen Sie wohl?
*Solneß* (blickt zu ihr auf). Jemand anderen, jawohl. Haben Sie das
nie? In diesen zehn Jahren? Niemals?
*Hilde*. O ja, dann und wann. Wenn ich recht wild auf Sie war, weil
Sie nicht kamen.
*Solneß*. Da hatten Sie andere auch gern?
*Hilde*. Ein klein wenig. Eine Woche oder zwei. Du lieber Gott,
Baumeister, Sie wissen ja doch, wie sich's mit so was verhält.
*Solneß*. Hilde -- in welcher Absicht sind Sie hergekommen?
*Hilde*. Verlieren Sie doch die Zeit nicht mit dem vielen Reden. Der
arme alte Mann ist vielleicht schon am Sterben.
*Solneß*. Antworten Sie mir, Hilde. Was wollen Sie von mir?
*Hilde*. Ich will mein Königreich haben.
*Solneß*. Hm -- (Er blickt flüchtig nach der Thür links und fährt zu
schreiben fort).
*Frau Solneß* (erscheint gleichzeitig; sie trägt einige Pakete).
Siebenter Auftritt.
*Die Vorigen*. *Frau Solneß*.
*Frau Solneß*. Da habe ich einige Kleinigkeiten für Sie mitgebracht,
Fräulein Wangel. Die großen Pakete werden später nachgeschickt.
*Hilde*. O das war aber _doch_ lieb von Ihnen!
*Frau Solneß*. Einfach meine Pflicht. Weiter gar nichts.
*Solneß* (liest das, was er geschrieben hat, durch). Aline!
*Frau Solneß*. Ja?
*Solneß*. Sahst du, ob sie -- die Buchhalterin draußen war?
*Frau Solneß*. Ja natürlich war _die_ da.
*Solneß* (legt die Zeichnungen in die Mappe hinein). Hm --
*Frau Solneß*. Sie stand am Pulte, wie sie immer thut -- wenn _ich_
durchs Zimmer gehe.
*Solneß* (steht auf). Dann will ich's ihr also geben. Und ihr sagen,
daß --
*Hilde* (nimmt ihm die Mappe weg). Ach nein, gönnen Sie doch mir die
Freude! (Sie geht zur Thür, dreht sich aber dann um.) Wie heißt sie?
*Solneß*. Sie heißt Fräulein Fosli.
*Hilde*. Ach, das hört sich ja so frostig an! Mit dem Vornamen,
meine ich?
*Solneß*. Kaja -- glaube ich.
*Hilde* (öffnet die Thür und ruft hinaus). Kaja! Kommen Sie herein.
Schnell! Der Baumeister will mit Ihnen reden.
*Kaja Fosli* (kommt herein und bleibt an der Thür stehen).
Achter Auftritt.
*Die Vorigen*. *Kaja Fosli*.
*Kaja* (sieht ihn verschüchtert an). Da bin ich --?
*Hilde* (reicht ihr die Mappe). Da, Kaja! Sie können die Sachen
mitnehmen. Denn jetzt hat der Baumeister daraufgeschrieben.
*Kaja*. Ach, endlich!
*Solneß*. Geben Sie's dem Alten so rasch wie möglich.
*Kaja*. Ich gehe gleich damit nach Hause.
*Solneß*. Thun Sie das. Und jetzt kann ja Ragnar dazu kommen, zu
bauen.
*Kaja*. Ach, darf er herkommen, um Ihnen zu danken für alles, was --
*Solneß* (hart). Ich mag keinen Dank! Sagen Sie ihm das von mir.
*Kaja*. Jawohl, das werde ich --
*Solneß*. Und sagen Sie ihm zugleich, daß ich ihn hernach nicht mehr
nötig habe. Und Sie auch nicht.
*Kaja* (leise, mit bebender Stimme). Mich auch nicht!
*Solneß*. Von nun an werden Sie sich ja um andere Dinge kümmern
müssen. Und das ist ja nur in der Ordnung. Na, jetzt gehen Sie also
mit den Zeichnungen nach Hause, Fräulein Fosli. Schnell! Hören Sie!
*Kaja* (wie oben). Jawohl, Herr Solneß. (Ab.)
Neunter Auftritt.
*Solneß*. *Frau Solneß*. *Hilde Wangel*.
*Frau Solneß*. Gott, hat _die_ tückische Augen.
*Solneß*. Die! Das arme dumme Gänschen.
*Frau Solneß*. O -- mir macht sie nichts weis, Halvard. Kündigst du
ihnen wirklich?
*Solneß*. Gewiß.
*Frau Solneß*. Ihr auch?
*Solneß*. Wolltest du's nicht selber so haben?
*Frau Solneß*. Daß du aber _die_ entbehren kannst --? Na, du wirst
schon eine in der Hinterhand haben, Halvard.
*Hilde* (lustig). Ja, _ich_ tauge jedenfalls nicht dazu, am
Schreibpult zu stehen.
*Solneß*. Na, laß gut sein, Aline -- das wird sich schon finden.
Jetzt sollst du nur daran denken, ins neue Heim einzuziehen -- so
schnell wie's geht. Heut Abend hängen wir den Kranz hinauf, (zu
Hilde) ganz oben auf die Turmspitze. Was sagen Sie dazu, Fräulein
Hilde?
*Hilde* (starrt ihn mit funkelnden Augen an). Das wird entsetzlich
schön sein, Sie wieder so hoch oben zu sehen.
*Solneß*. Mich!
*Frau Solneß*. Ach Gott, Fräulein Wangel, stellen Sie sich doch
nicht so etwas vor. Mein Mann -- so _schwindelig_ wie _der_ ist!
*Hilde*. Schwindelig! Nein, das ist er doch wahrhaftig nicht!
*Frau Solneß*. O doch, das ist er.
*Hilde*. Ich habe ihn ja aber selber ganz oben auf einem hohen
Kirchturm gesehen!
*Frau Solneß*. Davon habe ich allerdings die Leute reden hören. Aber
das ist rein unmöglich --
*Solneß* (heftig). Unmöglich -- unmöglich, jawohl! Ich stand aber
_doch_ droben!
*Frau Solneß*. Wie kannst du nur so was sagen, Halvard? Du verträgst
es ja nicht einmal, auf den Balkon hinauszugehen, droben im ersten
Stock. So bist du ja immer gewesen.
*Solneß*. Du könntest vielleicht heut Abend etwas anderes erleben.
*Frau Solneß* (angstvoll). Nein, nein! Das werde ich doch mit Gottes
Hilfe niemals erleben. Gleich schreibe ich dem Doktor. Der wird dich
schon davon abbringen.
*Solneß*. Aber Aline --!
*Frau Solneß*. Ja, du bist ja doch krank, Halvard! Das _kann_ ja
nichts anderes sein! Ach Gott -- ach Gott! (Sie eilt nach rechts ab.)
Zehnter Auftritt.
*Solneß*. *Hilde Wangel*.
*Hilde* (sieht ihn gespannt an). Ist es wahr?
*Solneß*. Daß ich schwindelig bin?
*Hilde*. Daß _mein_ Baumeister sich nicht _getraut_ -- nicht so hoch
steigen _kann_, wie er selber baut?
*Solneß*. Sehen Sie das Ding von _der_ Seite an?
*Hilde*. Ja.
*Solneß*. Ich glaube, es ist bald kein Winkelchen in mir, das vor
Ihnen sicher sein kann.
*Hilde* (blickt zum Erkerfenster hin). Da oben also. Ganz oben --
*Solneß* (näher). In der obersten Turmkammer könnten Sie wohnen,
Hilde. -- Könnten's dort haben wie eine Prinzessin.
*Hilde* (mit einem unbestimmbaren Gemisch von Ernst und Scherz). Ja,
das haben Sie mir ja versprochen.
*Solneß*. Hab ich das eigentlich?
*Hilde*. Pfui, Baumeister! Sie sagten, ich sollte Prinzessin werden.
Und daß ich von Ihnen ein Königreich bekommen sollte. Und dann
faßten Sie -- Na, mehr sag' ich nicht!
*Solneß* (behutsam). Sind Sie ganz gewiß, daß es nicht so ein Traum
war -- eine Einbildung, die sich bei Ihnen festgesetzt hat?
*Hilde* (unwirsch). Sie _thaten's_ am Ende gar nicht?
*Solneß*. Weiß es kaum selber. (Leiser.) Aber _das_ weiß ich jetzt
allerdings, daß ich --
*Hilde*. Daß Sie --? Sagen Sie's gleich!
*Solneß*. Daß ich's hätte thun _sollen_.
*Hilde* (mit kühner Zuversicht). _Sie_ waren in Ihrem Leben nie
schwindelig!
*Solneß*. Heut Abend hängen wir also den Kranz hinauf -- Prinzessin
Hilde.
*Hilde* (mit einem bittern Zug um den Mund). Über Ihr neues Heim,
jawohl.
*Solneß*. Über das neue Haus. Das niemals ein _Heim_ wird für
_mich_. (Ab durch die Verandathür.)
*Hilde* (sieht mit einem verschleierten Blick ins Leere hinaus und
flüstert vor sich hin; man hört nur die Worte:) Entsetzlich
spannend -- --
* * * * *
Dritter Aufzug.
Eine große breite Veranda vor dem Wohnhause des Baumeisters Solneß.
Ein Teil des Hauses mit einem Ausgang zur Veranda ist links
sichtbar; vor dieser rechts ein Geländer. Rückwärts, an der schmalen
Seite der Veranda, führt eine Treppe hinunter zum tiefer gelegenen
Garten. Große alte Bäume im Garten strecken ihre Äste über die
Veranda gegen das Haus hin aus. Ganz rechts, zwischen den Bäumen,
erblickt man den untersten Teil der neuen Villa, um dessen Turmbau
das Gerüst noch steht. Im Hintergrund ist der Garten von einem alten
Steckenzaun begrenzt. Außerhalb des Zauns eine Straße mit niedrigen
verfallenen Häuschen. Auf der Veranda eine Gartenbank längs der
Hauswand, und vor der Bank ein länglicher Tisch; an der anderen
Seite des Tisches ein Lehnstuhl und einige Taburetts. Alle Möbel
sind geflochten.
Abendhimmel mit sonnenbeleuchteten Wolken.
Erster Auftritt.
*Frau Solneß*. *Hilde Wangel*.
*Frau Solneß* (die in einen großen weißen Kreppshawl gehüllt ist,
ruht im Lehnstuhl und starrt nach rechts hinüber).
*Hilde Wangel* (kommt nach einer Weile die Gartentreppe herauf; sie
ist gekleidet wie letzthin und hat ihr Hütchen auf; an der Brust
trägt sie ein Sträußchen von gewöhnlichen Wiesenblumen).
*Frau Solneß* (wendet den Kopf ein wenig). Sind Sie im Garten
herumgewesen, Fräulein Wangel?
*Hilde*. Jawohl, ich habe mich da unten umgesehen.
*Frau Solneß*. Auch Blumen gefunden, wie ich sehe.
*Hilde*. Freilich. Von denen ist ja mehr als genug da. Zwischen den
Büschen drin.
*Frau Solneß*. Wirklich? So spät im Jahre? Ich komme ja fast nie
hinunter.
*Hilde* (kommt näher). Was Sie sagen! Laufen Sie denn nicht jeden
Tag in den Garten hinunter?
*Frau Solneß* (mit einem matten Lächeln). Ich »laufe« nirgends mehr
hin. Jetzt nicht mehr.
*Hilde*. Aber gehen Sie denn nicht dann und wann hinunter, um all
der Herrlichkeit einen Besuch zu machen?
*Frau Solneß*. Es ist mir alles so fremd geworden. Ich fürchte mich
beinahe davor, es wiederzusehen.
*Hilde*. Ihren eigenen Garten!
*Frau Solneß*. Es kommt mir vor, als ob er nicht mehr _mein_ wäre.
*Hilde*. Ach, was ist denn _das_ für --!
*Frau Solneß*. Nein, nein, das ist er nicht. Es ist nicht wie
damals, als der Vater und die Mutter noch lebten. Es ist
jammerschade, wie viel sie vom Garten weggenommen haben. Denken Sie
nur -- da haben sie ihn zerstückelt -- und Häuser gebaut für fremde
Menschen. Leute, die ich nicht kenne. Und _die_ können mich von
ihren Fenstern aus beobachten.
*Hilde* (mit einem hellen Ausdruck im Gesicht). Frau Solneß?
*Frau Solneß*. Ja?
*Hilde*. Darf ich ein bißchen bei Ihnen bleiben?
*Frau Solneß*. Sehr gern, wenn Sie nur Lust dazu haben.
*Hilde* (rückt ein Taburett zum Lehnstuhl hin und setzt sich). Ah --
hier kann man sich sonnen, so recht wie eine Katze.
*Frau Solneß* (legt die Hand leicht auf ihren Nacken). Das ist schön
von Ihnen, daß Sie bei _mir_ sitzen wollen. Ich dachte, Sie wollten
zu meinem Mann hinein.
*Hilde*. Was sollte ich bei ihm thun?
*Frau Solneß*. Ihm helfen, dachte ich mir.
*Hilde*. O nein. Übrigens ist er nicht drinnen. Er ist da drüben bei
den Arbeitsleuten. Er sah aber so grimmig aus, daß ich mir nicht
getraute, ihn anzureden.
*Frau Solneß*. Ach, im Grunde hat er ein so mildes und weiches Gemüt.
*Hilde*. _Der!_
*Frau Solneß*. Sie kennen ihn eben noch nicht recht, Fräulein Wangel.
*Hilde* (sieht sie mit Wärme an). Sind Sie jetzt froh, daß Sie ins
neue Haus hinüberziehen sollen?
*Frau Solneß*. Ich _sollte_ froh sein. Denn Halvard will es ja so
haben --
*Hilde*. O nicht gerade aus _dem_ Grunde, scheint mir.
*Frau Solneß*. Doch, doch, Fräulein Wangel. Denn das ist ja nur
meine Pflicht, mich _ihm_ zu unterwerfen. Aber manchmal fällt es so
schwer, den Sinn zum Gehorsam zu zwingen.
*Hilde*. Ja, _das_ muß gewiß schwer fallen.
*Frau Solneß*. Das können Sie mir glauben. Wenn man nicht ein
besserer Mensch ist, als ich, dann --
*Hilde*. Wenn man soviel Schweres durchgemacht hat, wie Sie --
*Frau Solneß*. Woher wissen Sie das?
*Hilde*. Ihr Mann sagte es.
*Frau Solneß*. Mir gegenüber berührt er _die_ Dinge so selten. --
Ja, das können Sie mir glauben, Fräulein Wangel, ich habe mehr als
genug durchgemacht in meinem Leben.
*Hilde* (blickt sie teilnehmend an und nickt langsam). Arme Frau
Solneß. Zuerst hatten Sie ja den Brand --
*Frau Solneß* (mit einem Seufzer). Ach ja. All das meinige ging
dabei zu Grunde.
*Hilde*. Und dann kam ja etwas noch Schlimmeres.
*Frau Solneß* (sieht sie fragend an). Noch schlimmer?
*Hilde*. Das Allerschlimmste.
*Frau Solneß*. _Was_, meinen Sie?
*Hilde* (leise). Sie verloren ja die beiden Kleinen.
*Frau Solneß*. Ach, _die_. Ja, sehen Sie, das war aber etwas ganz
anderes. Das war ja eine höhere Fügung. Und wenn so etwas kommt, da
muß man sich unterwerfen. Und Gott danken obendrein.
*Hilde*. Thun Sie denn das?
*Frau Solneß*. Nicht immer, leider. Ich weiß ja sehr wohl, daß es
meine Pflicht wäre. Aber ich _kann_ es trotzdem nicht.
*Hilde*. Nein, das kommt mir auch ganz natürlich vor.
*Frau Solneß*. Und oftmals muß ich ja mir selber sagen, daß es eine
gerechte Strafe war --
*Hilde*. Warum denn?
*Frau Solneß*. Weil ich nicht standhaft genug war im Unglück.
*Hilde*. Aber ich begreife nicht, wie --
*Frau Solneß*. Ach nein, Fräulein Wangel -- reden wir nicht mehr von
den zwei Kleinen. Über die sollen wir uns bloß freuen. Die haben es
ja jetzt so gut, wie man es nur wünschen kann. Nein, es sind die
_kleinen_ Verluste im Leben, die einem wehe thun bis in die Seele
hinein. Wenn man das alles verliert, was andere Leute fast für gar
nichts achten.
*Hilde* (legt die Arme auf ihre Knie und blickt mit warmem Mitgefühl
zu ihr auf). Liebste Frau Solneß -- erzählen Sie mir davon.
*Frau Solneß*. Wie ich Ihnen sagte. Lauter Kleinigkeiten. Da
verbrannten zum Beispiel alle die alten Porträts an den Wänden. Und
alle die alten seidenen Kleider, die der Familie Gott weiß wie lange
gehört hatten. Und die Spitzen der Mutter und der Großmutter -- die
verbrannten auch. Und denken Sie nur -- die Schmucksachen!
(Schwermütig.) Und dann alle die Puppen.
*Hilde*. Die Puppen?
*Frau Solneß* (mit thränenerstickter Stimme). Ich hatte neun
wunderschöne Puppen.
*Hilde*. Und die verbrannten auch?
*Frau Solneß*. Alle miteinander. Ach, wie ich mir das zu Herzen nahm.
*Hilde*. Hatten Sie denn alle die Puppen aufgehoben von der Zeit an,
da Sie klein waren?
*Frau Solneß*. Aufgehoben, nein. Ich und die Puppen, wir blieben
immer beisammen.
*Hilde*. Nachdem Sie erwachsen waren?
*Frau Solneß*. Ja, lange nachher.
*Hilde*. Auch nachdem Sie verheiratet waren?
*Frau Solneß*. O ja. Wenn _er_ nicht dabei war, da -- Dann
verbrannten sie ja aber, die armen Dinger. _Die_ zu retten, da
dachte niemand dran. Ach, das ist ein trauriger Gedanke. Sie dürfen
mich deshalb nicht auslachen, Fräulein Wangel.
*Hilde*. Ich lache durchaus nicht.
*Frau Solneß*. Auf ihre Art waren _die_ ja auch lebendige Wesen,
sozusagen. Ich trug sie unter dem Herzen. Wie ungeborene kleine
Kinder.