*Solneß* (übler Laune, die er zu verhehlen sucht). Ja, sehen Sie,

die Leute könnten aber auf die Idee kommen, _Sie_ wären auch

verrückt.

*Hilde*. Verrückt? Giebt's denn so viele Verrückte in der Stadt?

*Solneß* (zeigt auf seine Stirn). Da sehen Sie wenigstens _einen_

von ihnen.

*Hilde*. _Sie_ -- Baumeister!

*Frau Solneß*. Aber bester Halvard!

*Solneß*. Haben Sie denn _das_ noch nicht bemerkt?

*Hilde*. Nein, das hab' ich allerdings nicht bemerkt. (Sie besinnt

sich und lacht ein wenig.) Oder doch -- in einem einzigen Punkt

vielleicht.

*Solneß*. Nun, hörst du wohl, Aline?

*Frau Solneß*. Was ist denn das für ein Punkt, Fräulein Wangel?

*Hilde*. Nein, das sag' ich nicht.

*Solneß*. Ach, sagen Sie's doch!

*Hilde*. O nein -- so verrückt bin ich nicht.

*Frau Solneß*. Wenn du mit Fräulein Wangel allein bist, dann sagt

sie es schon, Halvard.

*Solneß*. So -- glaubst du?

*Frau Solneß*. Ei gewiß. Du kennst sie ja doch so gut von früher.

Von der Zeit, da sie noch ein Kind war -- sagtest du. (Ab durch die

Thüre links.)

Vierter Auftritt.

*Solneß*. *Hilde Wangel*.

*Hilde* (nach einer kleinen Pause). Ihre Frau -- kann denn die mich

gar nicht leiden?

*Solneß*. Kam es Ihnen vor, als ob ihr so etwas anzumerken war?

*Hilde*. Merkten Sie's denn selber nicht?

*Solneß* (ausweichend). Aline ist so menschenscheu geworden in den

letzten Jahren.

*Hilde*. Das auch noch?

*Solneß*. Aber wenn Sie sie erst recht kennen lernten -- Sie ist

nämlich so treu -- und gut -- und brav, im Grunde genommen --

*Hilde* (ungeduldig). Aber wenn sie das alles ist -- warum redet sie

denn dann von Pflicht?

*Solneß*. Von Pflicht?

*Hilde*. Sie sagte ja, sie wollte in die Stadt und mir etwas kaufen.

Weil es ihre _Pflicht_ wäre -- sagte sie. O ich kann das häßliche,

garstige Wort nicht ausstehen!

*Solneß*. Warum denn nicht?

*Hilde*. Es hört sich so kalt und spitzig und stechend an. Pflicht

-- Pflicht -- Pflicht. Finden _Sie_ das nicht auch? Daß es einen

gleichsam sticht?

*Solneß*. Hm -- hab' drüber so genau nicht nachgedacht.

*Hilde*. Doch! Und wenn sie so gut ist -- wie Sie von ihr behaupten

-- warum brauchte sie denn so was zu sagen?

*Solneß*. Du lieber Gott, was hätte sie denn sagen sollen?

*Hilde*. Sie hätte ja sagen können, daß sie es thäte, weil sie mich

so furchtbar gern hätte. So was hätte sie sagen können. Irgend etwas

recht Warmes und Herzliches, wissen Sie.

*Solneß* (sieht sie an). Auf _die_ Art wollen Sie's also haben?

*Hilde*. Ja, just auf _die_ Art. (Sie schlendert im Zimmer umher,

bleibt am Bücherschrank stehen und sieht sich die Bücher an.) Sie

haben aber viele Bücher.

*Solneß*. 's geht an. Ich hab mir hin und wieder einige angeschafft.

*Hilde*. Lesen Sie auch in all den Büchern?

*Solneß*. Früher probierte ich's. Lesen _Sie_?

*Hilde*. O nein! Jetzt nie mehr. Denn den Zusammenhang find ich

_doch_ nie heraus.

*Solneß*. Gerade so geht's mir auch.

*Hilde* (geht wieder ein wenig herum, bleibt an dem Tischchen

stehen, öffnet die Mappe und blättert darin.) Haben _Sie_ das alles

gezeichnet?

*Solneß*. Nein, das ist von einem jungen Mann, der bei mir

angestellt ist.

*Hilde*. Einer, den _Sie_ selber ausgebildet haben?

*Solneß*. Nun, er hat jedenfalls auch von _mir_ etwas gelernt.

*Hilde* (setzt sich). Dann ist er wohl _sehr_ tüchtig? (Sie sieht

sich eine Zeichnung ein wenig an.) Ist er das nicht?

*Solneß*. Nicht übel. Für _meinen_ Gebrauch da --

*Hilde*. Doch, doch! Der ist gewiß ungeheuer tüchtig.

*Solneß*. Meinen Sie das den Zeichnungen ansehen zu können?

*Hilde*. Ach, was kümmere ich mich um den Plunder! Aber wenn er bei

_Ihnen_ in der Lehre gewesen ist, dann --

*Solneß*. Ach, was _das_ betrifft -- Da giebt's viele, die von _mir_

gelernt haben. Aber weiter bringen sie's darum doch nicht.

*Hilde* (sieht ihn kopfschüttelnd an). Nein, wie _Sie_ dumm sein

können, das geht doch über meinen Verstand.

*Solneß*. Dumm? Komme ich Ihnen denn so _sehr_ dumm vor?

*Hilde*. Ja, wahrhaftig. Wenn Sie sich dazu hergeben, alle die Kerle

auszubilden, dann --

*Solneß* (stutzt). Nun? Und warum denn das nicht?

*Hilde* (steht auf, halb im Ernst, halb lachend). Ach nein,

Baumeister! Wozu denn das! Kein anderer als Sie sollte bauen dürfen.

Sie ganz allein. Alles sollten Sie selber machen. Jetzt wissen Sie's.

*Solneß* (unwillkürlich). Hilde --!

*Hilde*. Nun?

*Solneß*. Wie können Sie nur auf die Idee gekommen sein?

*Hilde*. Halten Sie sie denn für so ganz verkehrt?

*Solneß*. So war's nicht gemeint. Jetzt will ich Ihnen aber etwas

sagen.

*Hilde*. Nun also?

*Solneß*. Da hab' ich mich unablässig -- in der Stille und

Einsamkeit -- mit dem nämlichen Gedanken herumgebalgt.

*Hilde*. Nun, das ist ja ganz natürlich, scheint mir.

*Solneß* (sieht sie forschend an). Und das haben Sie jedenfalls

schon bemerkt.

*Hilde*. Nein, das habe ich gar nicht bemerkt.

*Solneß*. Aber vorhin -- als Sie sagten, Sie hielten mich für --

verdreht? So in _einem_ Punkt --?

*Hilde*. Ach, da dachte ich an etwas ganz anderes.

*Solneß*. Und was war denn das andere?

*Hilde*. Das kann Ihnen ja gleich sein, Baumeister.

*Solneß* (entfernt sich). Na -- wie Sie wollen. (Er bleibt am Erker

stehen). Kommen Sie hierher, da zeige ich Ihnen etwas.

*Hilde* (nähert sich). Was denn?

*Solneß*. Sehen Sie -- da drüben im Garten --?

*Hilde*. Ja?

*Solneß* (zeigt hinaus). Gerade über dem großen Steinbruch --?

*Hilde*. Das neue Haus, meinen Sie?

*Solneß*. An dem gebaut wird, jawohl. Fast ganz fertig.

*Hilde*. Es hat einen sehr hohen Turm, kommt's mir vor.

*Solneß*. Das Gerüst ist noch dran.

*Hilde*. Ist das Ihr neues Haus?

*Solneß*. Jawohl.

*Hilde*. Das Haus, in das Sie bald einziehen werden?

*Solneß*. Jawohl.

*Hilde* (sieht ihn an). Sind in dem Haus auch Kinderstuben?

*Solneß*. Drei, ebenso wie hier.

*Hilde*. Und keine Kinder.

*Solneß*. Kommen auch keine.

*Hilde* (mit einem halben Lächeln). Ja, hatt' ich da nicht recht --?

*Solneß*. Worin --?

*Hilde*. Darin, daß Sie _doch_ so -- ein wenig verrückt sind.

*Solneß*. _Daran_ dachten Sie also?

*Hilde*. Ja, an alle die leeren Kinderstuben. Da, wo ich drin

schlief.

*Solneß* (gedämpft). Wir _haben_ Kinder gehabt -- Aline und ich.

*Hilde* (blickt ihn gespannt an). Haben _Sie_ --!

*Solneß*. Zwei kleine Jungen. Beide waren -- gleich alt.

*Hilde*. Zwillinge also.

*Solneß*. Ja, Zwillinge. Es ist jetzt elf oder zwölf Jahre her.

*Hilde* (behutsam). Und beide sind also --? Die Zwillinge haben Sie

also jetzt nicht mehr?

*Solneß* (still bewegt). Wir behielten sie nur so drei Wochen. Oder

nicht einmal so lange. (Mit einem Ausbruch.) Ach, Hilde, wie

unglaublich gut ist es für mich, daß Sie kamen! Jetzt habe ich doch

endlich jemand, mit dem ich reden kann.

*Hilde*. Können Sie denn das nicht auch mit -- mit _ihr_?

*Solneß*. Nicht von _dem_ da. Nicht so, wie ich will und muß.

(Schwermütig.) Und auch nicht von so vielem andern.

*Hilde* (gedämpft). War's nur _das_, worauf Sie anspielten, als Sie

sagten, Sie brauchten mich?

*Solneß*. _Das_ war's wohl am ehesten. Gestern jedenfalls. Denn

heute weiß ich nicht mehr so recht -- (Abbrechend.) Setzen wir uns

doch, Hilde. Setzen Sie sich da aufs Sofa -- so daß Sie den Garten

vor Augen haben.

*Hilde* (setzt sich in die Sofaecke).

*Solneß* (rückt einen Stuhl näher). Haben Sie Lust mich anzuhören?

*Hilde*. Ja, ich höre Sie sehr, sehr gern an.

*Solneß* (setzt sich). Dann will ich Ihnen also alles sagen.

*Hilde*. Jetzt habe ich sowohl den Garten als Sie vor Augen,

Baumeister. So, nun erzählen Sie! Gleich!

*Solneß* (zeigt gegen das Erkerfenster hin). Da draußen auf der

Anhöhe -- wo Sie also das neue Haus sehen --

*Hilde*. Ja?

*Solneß*. Dort wohnten Aline und ich in den ersten Jahren. Da droben

lag nämlich damals ein altes Haus, das ihrer Mutter gehört hatte.

Und das bekamen wir nach ihr. Und den ganzen großen Garten, den

bekamen wir dazu.

*Hilde*. War auf _dem_ Hause auch ein Turm?

*Solneß*. Keine Spur von so etwas. Von außen nahm es sich aus wie

ein großer, häßlicher, dunkler Holzkasten. Aber inwendig war's doch

ganz nett und gemütlich.

*Hilde*. Rissen Sie dann die alte Bude nieder?

*Solneß*. Nein. Sie brannte ab.

*Hilde*. Alles miteinander?

*Solneß*. Jawohl.

*Hilde*. War das für Sie ein rechtes Unglück?

*Solneß*. Je nachdem man's nimmt. Als Baumeister kam ich auf den

Brand hin in die Höhe --

*Hilde*. Aber --?

*Solneß*. Die zwei kleinen Jungen waren damals gerade geboren --

*Hilde*. Richtig -- die armen Zwillinge.

*Solneß*. Sie kamen so gesund und kräftig zur Welt. Und wachsen

thaten sie, so daß man's förmlich sehen konnte von Tag zu Tag.

*Hilde*. Kleine Kinder wachsen sehr rasch in den ersten Tagen.

*Solneß*. Es war der herzigste Anblick, den einer sich nur gönnen

konnte, Aline mit den beiden daliegen zu sehen. -- Da kam aber die

Brandnacht --

*Hilde* (gespannt). Was geschah! Sagen Sie's doch. Kam jemand um?

*Solneß*. Das nicht. Alle wurden wohlbehalten aus dem Hause

gerettet --

*Hilde*. Nun, aber was weiter --?

*Solneß*. Der Schrecken hatte Aline so entsetzlich erschüttert. Der

Feuerlärm -- der Auszug aus dem Hause -- Hals über Kopf -- und das

noch dazu in der eisigen Nachtkälte -- Denn sie mußten ja

hinausgetragen werden, so wie sie dalagen. Sowohl sie als die

Kleinen.

*Hilde*. Und die vertrugen's nicht?

*Solneß*. Doch -- _die_ vertrugen's schon. Aber Aline bekam das

Fieber. Und das ging in die Milch über. Selber ihre Amme sein, das

hatte sie ja durchaus gewollt. Denn das wäre ihre Pflicht, sagte

sie. Und unsere beiden Kleinen, die -- (er preßt die Hände zusammen)

die -- oh!

*Hilde*. _Das_ überstanden sie nicht?

*Solneß*. Nein, _das_ überstanden sie nicht. Das war's, was sie uns

wegriß.

*Hilde*. Das muß furchtbar hart für Sie gewesen sein.

*Solneß*. Hart genug für mich. Aber zehn Mal härter für Aline. (Er

ballt die Fäuste in verhaltener Wut.) O daß so etwas vorfallen darf

in dieser Welt! Seit dem Tage, da ich sie verlor, baute ich ungern

Kirchen.

*Hilde*. Vielleicht auch nicht gern den Kirchturm droben bei uns?

*Solneß*. Gern nicht. Ich weiß noch, wie froh und leicht mir zu Mute

war, als der Turm da fertig war.

*Hilde*. Das weiß ich auch.

*Solneß*. Und jetzt baue ich nie -- nie mehr so etwas! Weder Kirchen

noch Kirchtürme.

*Hilde* (nickt langsam). Nur Häuser, wo Leute drin wohnen können.

*Solneß*. Heimstätten für Menschen, Hilde.

*Hilde*. Aber Heimstätten mit hohen Türmen und Spitzen.

*Solneß*. Das am liebsten. (Er geht zu einem leichteren Ton über).

Ja, sehen Sie -- wie gesagt -- der Brand, der brachte mich empor.

Als Baumeister, heißt das.

*Hilde*. Warum nennen Sie sich nicht Architekt wie die andern?

*Solneß*. Hab dazu nicht gründlich genug gelernt. Was ich kann, hab

ich meistenteils selber ausgeheckt.

*Hilde*. Aber in die Höhe kamen Sie trotzdem, Baumeister.

*Solneß*. Nach dem Brande, ja. Fast den ganzen Garten zerstückelte

ich in Bauplätze für Villen. Und dort durfte ich bauen, wie ich's

selber haben wollte. Und da ging's ja reißend schnell mit mir

vorwärts.

*Hilde* (sieht ihn forschend an). _Sie_ sind gewiß ein sehr

glücklicher Mann. So, wie's Ihnen geht.

*Solneß* (finster). Glücklich? Sagen _Sie_ das auch? Wie alle die

andern.

*Hilde*. Das müssen Sie doch sein, mein ich. Wenn Sie nur aufhören

könnten an die zwei kleinen Kinder zu denken, dann --

*Solneß* (langsam). Die zwei kleinen Kinder -- von denen ist es

nicht so leicht loszukommen, Hilde.

*Hilde* (ein wenig unsicher). Sind sie immer noch ein so großes

Hindernis? So lange, lange Zeit nachher?

*Solneß* (sieht sie fest an, ohne zu antworten). Ein glücklicher

Mann, sagten Sie --

*Hilde*. Ja, aber _sind_ Sie denn das nicht -- im übrigen?

*Solneß* (sieht sie fortdauernd an). Als ich Ihnen die Geschichte

vom Brande erzählte -- hm --

*Hilde*. Nun!

*Solneß*. Kam Ihnen da nicht ein bestimmter Gedanke, der sich Ihnen

-- so ganz besonders aufdrängte?

*Hilde* (besinnt sich vergebens). Nein. Was sollte denn _das_ für

ein Gedanke sein?

*Solneß* (mit gedämpftem Nachdruck). Einzig und allein durch den

Brand konnte ich dazu kommen, Heimstätten für Menschen zu bauen.

Behagliche, trauliche, helle Heimstätten, wo Vater und Mutter und

die ganze Kinderschar leben könnten in dem sichern und frohen

Gefühl, daß es ein recht glückliches Los ist, _dazusein_ in dieser

Welt. Und am glücklichsten, einander anzugehören -- im Großen und im

Kleinen.

*Hilde* (eifrig). Jawohl, ist denn aber das nicht für Sie ein

rechtes Glück, daß Sie solche reizende Heimstätten schaffen können?

*Solneß*. Der Preis, Hilde. Der entsetzliche Preis, den ich bezahlen

mußte, um dazu zu kommen.

*Hilde*. Werden Sie sich denn darüber _nie_ hinwegsetzen können?

*Solneß*. Nein. Um dazu zu kommen, Heimstätten zu bauen für andere,

mußte ich verzichten -- für alle Zeiten darauf verzichten, selber

ein Heim zu haben. Ich meine ein Heim für die Kinderschar. Und für

Vater und Mutter auch.

*Hilde* (behutsam). Aber _mußten_ Sie denn das? Für alle Zeiten,

sagen Sie?

*Solneß* (nickt langsam). Das war der Preis für dieses Glück, von

dem die Leute so viel reden. (Er atmet schwer.) Das Glück da -- hm

-- _das_ Glück war nicht billiger zu erkaufen, Hilde.

*Hilde* (wie oben). Aber kann's mit dem nicht doch noch wieder gut

werden?

*Solneß*. Nie. Niemals. Das ist auch eine Folge vom Brande. Und von

Alines Krankheit darauf.

*Hilde* (sieht ihn mit einem unbestimmbaren Ausdruck an). Und doch

bauen Sie immer noch alle die Kinderstuben.

*Solneß* (ernst). Haben Sie nie gemerkt, Hilde, daß das Unmögliche

-- daß das einen gleichsam lockt und ruft?

*Hilde* (denkt nach). Das Unmögliche? (Lebhaft.) Gewiß! Haben

_Sie's_ auch auf die Art?

*Solneß*. Ja, so hab ich's.

*Hilde*. Dann ist wohl auch in Ihnen so -- so etwas vom Unhold?

*Solneß*. Warum gerade Unhold?

*Hilde*. Nun, wie wollen denn _Sie_ so was nennen?

*Solneß* (erhebt sich). Mag sein, daß Sie recht haben. (Heftig.)

Aber muß ich denn nicht zum Unhold _werden_ -- so wie's mir immer

und ewig in allem geht! In allem!

*Hilde*. Wie meinen Sie das?

*Solneß* (gedämpft, in innerer Erregung). Achten Sie auf das, was

ich Ihnen sage, Hilde. Alles, was mir vergönnt wurde zu wirken, zu

bauen, zu schaffen, Schönes, Trauliches -- Erhabenes auch -- (Er

ballt die Fäuste.) O es ist doch ein entsetzlicher Gedanke --!

*Hilde*. _Was_ ist so entsetzlich?

*Solneß*. Daß ich das alles unaufhörlich aufwägen muß. Dafür

bezahlen. Nicht mit Geld. Aber mit Menschenglück. Und nicht mit

meinem Glück allein. Mit dem Glücke anderer auch. Ja, da sehen

Sie's, Hilde! _Den_ Preis hat mich mein Künstlerplatz gekostet --

mich und andere. Und Tag für Tag muß ich ansehen, wie der Preis

aufs neue für mich bezahlt wird. Wieder und wieder -- und immer

wieder!

*Hilde* (erhebt sich und blickt ihn unverwandt an). Jetzt denken

Sie gewiß an -- an _sie_.

*Solneß*. Ja. Meist an Aline. Denn Aline -- die hatte auch ihren

Beruf im Leben. Ebenso wohl, wie ich den meinigen. (Mit bebender

Stimme.) Aber ihr Beruf, der mußte verpfuscht, erdrückt, zermalmt

werden -- damit meiner mich vorwärts bringen könnte zu -- zu dem,

was aussieht wie ein großer Sieg. Denn das müssen Sie wissen. Aline

-- die hatte auch ihre Anlagen zum Bauen.

*Hilde*. Sie? Zum Bauen?

*Solneß* (schüttelt den Kopf). Keine Häuser und Türme und Pfeiler --

nichts von dem, was ich selber treibe --

*Hilde*. Nun, aber _was_ denn?

*Solneß* (weich und bewegt). Kleine Kinderseelen aufzubauen, Hilde.

Kinderseelen aufzubauen, so daß sie groß werden in Gleichgewicht und

in schönen edlen Formen. So daß sie sich erheben zu geraden

erwachsenen Menschenseelen. _Das_ war's, wozu Aline Anlagen hatte.

Und das alles, das liegt jetzt da. Ungebraucht -- und unbrauchbar

für immer. Und ohne das mindeste zu nützen. Genau wie die

Schutthaufen nach einem Brande.

*Hilde*. Nun -- wenn's aber auch so wäre --

*Solneß*. Es _ist_ so. Es _ist_ so. Ich weiß es.

*Hilde*. Nun gut, aber _Sie_ sind doch jedenfalls nicht schuld daran.

*Solneß* (richtet den Blick auf sie und nickt langsam). Ja, wissen

Sie, _das_ ist eben die große entsetzliche Frage. _Das_ ist der

Zweifel, der an mir nagt -- früh und spät.

*Hilde*. _Das?_

*Solneß*. Ja, setzen Sie mal den Fall, ich _wäre_ schuld daran.

Gewissermaßen wenigstens.

*Hilde*. Sie! An dem Brand!

*Solneß*. An allem. Alles miteinander. -- Und dann vielleicht --

ganz unschuldig trotzdem.

*Hilde* (sieht ihn besorgt an). Ach, Baumeister -- wenn Sie so etwas

sagen können -- dann sind Sie ja dennoch -- krank.

*Solneß*. Hm -- werd wohl mein Leben lang auch nie recht gesund

werden in dem Stück.

*Ragnar Brovik* (öffnet behutsam die kleine Thür in der Ecke links).

Fünfter Auftritt.

*Die Vorigen*. *Ragnar Brovik*.

*Hilde* (macht einige Schritte).

*Ragnar* (Hilde erblickend). O -- Entschuldigen Sie, Herr Solneß --

(Er will sich zurückziehen.)

*Solneß*. Nein, nein, bleiben Sie nur. Dann ist's gethan.

*Ragnar*. Ach ja -- wär's nur so weit!

*Solneß*. Ihrem Vater geht's ja nicht besser, wie ich höre.

*Ragnar*. Mit dem Vater geht's rasch abwärts. Und darum bitte ich

Sie recht inständig -- geben Sie mir ein paar gute Worte auf einem

von den Blättern! Etwas, was der Vater zu lesen bekommen kann, ehe

er --

*Solneß* (heftig). Sie dürfen mir von Ihren Zeichnungen nicht mehr

reden!

*Ragnar*. Haben Sie sie angesehen?

*Solneß*. Ja -- das hab ich.

*Ragnar*. Und sie taugen nicht? Und ich tauge wohl auch nicht?

*Solneß* (ausweichend). Bleiben Sie hier bei mir, Ragnar. Sie

sollen's bekommen, wie Sie's selber haben wollen. Dann können Sie

Kaja heiraten. Sorgenfrei leben. Glücklich vielleicht auch. Nur

denken Sie nie daran, auf eigene Hand zu bauen.

*Ragnar*. Ja, da muß ich also heimgehen und das dem Vater sagen.

Denn das versprach ich ihm. -- _Soll_ ich das dem Vater sagen --

ehe er stirbt?

*Solneß* (mit sich selber ringend). Ach, sagen Sie ihm -- sagen Sie

ihm meinetwegen, was Sie wollen. Das beste ist, Sie sagen ihm gar

nichts! Ich _kann_ nicht anders handeln, als wie ich thue, Ragnar!

*Ragnar*. Darf ich also die Zeichnungen mitnehmen?

*Solneß*. Ja, nehmen Sie sie -- nehmen Sie sie nur! Sie liegen dort

auf dem Tisch.

*Ragnar* (geht hin). Ich bin so frei.

*Hilde* (legt die Hand auf die Mappen). Nein, nein, lassen Sie sie

liegen.

*Solneß*. Warum denn?

*Hilde*. Ich will sie nämlich auch ansehen.

*Solneß*. Aber Sie _haben_ sie ja -- (Zu Ragnar.) Nun, lassen Sie

sie also hier liegen.

*Ragnar*. Sehr gern.

*Solneß*. Und dann gehen Sie gleich heim zu Ihrem Vater.

*Ragnar*. Ja, das muß ich wohl.

*Solneß* (wie verzweifelt). Ragnar -- Sie _dürfen_ von mir nicht

etwas verlangen, was ich nicht kann! Hören Sie, Ragnar! Sie _dürfen_

das nicht!

*Ragnar*. Nein, nein. Entschuldigen Sie -- (Er verbeugt sich und

geht zur Eckthür hinaus).

Sechster Auftritt.

*Solneß*. *Hilde Wangel*.

*Hilde* (sieht Solneß zornig an). Das war recht häßlich von Ihnen.

*Solneß*. Meinen _Sie_ das auch?

*Hilde*. Ja, furchtbar häßlich war's. Und hart und böse und grausam

noch dazu.

*Solneß*. Ach, Sie begreifen nicht, was in _mir_ vorgeht.

*Hilde*. Und doch -- Nein, _Sie_ sollen nicht so sein.

*Solneß*. Sie sagten ja selbst eben erst, nur _ich_ sollte bauen

dürfen.

*Hilde*. So was kann ich sagen. Aber _Sie_ dürfen's nicht.

*Solneß*. Ich wohl am meisten. So teuer, wie ich meinen Platz

erkauft habe.

*Hilde*. Nun ja -- mit etwas, was Sie häusliches Behagen nennen --

und dergleichen.

*Solneß*. Und mit meinem Seelenfrieden obendrein.

*Hilde* (erhebt sich). Seelenfrieden! (Innig.) Ja, darin haben Sie

recht! Armer Baumeister -- Sie bilden sich ja ein, daß --

*Solneß* (von einem stillen Lachen geschüttelt). Setzen Sie sich nur

wieder, Hilde. Da erzähle ich Ihnen etwas Spaßhaftes.

*Hilde* (gespannt, setzt sich). Nun also?

*Solneß*. Es nimmt sich aus, wie ein lächerlich kleines Ding. Denn

die ganze Geschichte dreht sich bloß um eine Ritze in einer

Schornsteinröhre.

*Hilde*. Weiter nichts?

*Solneß*. Anfangs war's weiter nichts. (Er rückt einen Stuhl an den

Hildes näher heran und setzt sich.)

*Hilde* (ungeduldig, klopft sich aufs Knie). Die Ritze in der

Schornsteinröhre also!

*Solneß*. Ich hatte die Ritze in der Röhre bemerkt, lange bevor das

Feuer ausbrach. Jedesmal, wenn ich auf dem Dachboden droben war, sah

ich nach, ob sie noch da wäre.

*Hilde*. Und das war sie?

*Solneß*. Jawohl. Denn niemand anders wußte darum.

*Hilde*. Und Sie sagten nichts?

*Solneß*. Gar nichts.

*Hilde*. Dachten auch nicht daran, die Röhre ausbessern zu lassen?

*Solneß*. Dachte schon daran -- kam aber nie weiter. Jedesmal, wenn

ich mich dranmachen wollte, war's mir gerade, als ob sich eine Hand

dazwischen legte. Heute nicht, dachte ich. Morgen. Es wurde nie was

daraus.

*Hilde*. Ja, warum waren Sie denn so eine Schlafmütze.

*Solneß*. Weil mir allerlei im Kopf herumging. (Langsam und

gedämpft.) Durch die kleine schwarze Ritze in der Schornsteinröhre

könnte ich mich vielleicht emporschwingen -- als Baumeister.

*Hilde* (blickt vor sich hin). Das muß spannend gewesen sein.

*Solneß*. Unwiderstehlich fast. Ganz unwiderstehlich. Denn damals

kam mir alles so leicht und so einfach vor. Ich wollte, es sollte so

mitten im Winter sein. Ein wenig vor der Mittagsstunde. Ich sollte

draußen sein und Aline im Schlitten spazieren fahren. Die

Dienstboten zu Hause, die sollten stark geheizt haben.

*Hilde*. Jawohl, denn an dem Tage sollte es wohl furchtbar kalt sein?

*Solneß*. Schneidend kalt. Und da wollten sie's natürlich für Aline

recht warm und gemütlich herrichten, bis sie heimkäme.

*Hilde*. Denn die friert gewiß leicht.

*Solneß*. Ja, das thut sie. Und dann, auf dem Heimwege, sollten wir

den Rauch sehen.

*Hilde*. Bloß den Rauch?

*Solneß*. Zuerst den Rauch. Aber wenn wir das Gartenthor erreicht

hätten, dann sollte der ganze alte Holzkasten von lodernden

Feuermassen umhüllt sein. -- Auf _die_ Art wollte ich's haben, sehen

Sie.

*Hilde*. Aber du lieber Gott, daß es so nicht kommen konnte!

*Solneß*. Ja, das können Sie schon sagen, Hilde.

*Hilde*. Jetzt hören Sie aber, Baumeister. Wissen Sie denn auch ganz

bestimmt, daß das Feuer von der kleinen Ritze im Schornstein

herrührte?

*Solneß*. Im Gegenteil. Ich weiß ganz bestimmt, daß die Ritze im

Schornstein insofern mit dem Feuer gar nichts zu thun hatte.

*Hilde*. _Was!_

*Solneß*. Es ist völlig erwiesen, daß das Feuer in einer

Kleiderkammer ausbrach -- in einem ganz andern Teil des Hauses.

*Hilde*. Ja, was faseln Sie denn dann immerfort von der ewigen Ritze

im Schornstein!

*Solneß*. Darf ich noch ein wenig mit Ihnen weiterreden, Hilde?

*Hilde*. Ja, wenn Sie nur vernünftig reden wollen --

*Solneß*. Ich will's versuchen. (Er rückt seinen Stuhl näher.)

*Hilde*. Also heraus mit der Sprache, Baumeister.

*Solneß* (vertraulich). Glauben Sie nicht auch, Hilde, daß es

einzelne auserkorene, auserwählte Menschen giebt, denen die Gnade

verliehen wurde und die Macht und die Fähigkeit, etwas zu

_wünschen_, etwas zu _begehren_, etwas zu _wollen_ -- so beharrlich

und so -- so unerbittlich -- daß sie es zuletzt bekommen _müssen_.

Glauben Sie das nicht?

*Hilde* (mit einem unbestimmbaren Ausdruck in den Augen). Wenn _das_

der Fall ist, dann werden wir schon einmal sehen -- ob _ich_ zu den

Auserkorenen gehöre.

*Solneß*. _Allein_ wirkt einer so große Dinge nicht. O nein -- die

Helfer und die Diener -- die müssen schon auch dabei sein, wenn's zu

was werden soll. Aber die kommen nie von selber. Man muß sie recht

beharrlich rufen. So inwendig, verstehen Sie.

*Hilde*. Was sind denn das für Helfer und Diener?

*Solneß*. Ach, davon können wir ein anderes Mal reden. Bleiben wir

jetzt bei der Geschichte mit dem Brand.

*Hilde*. Glauben Sie nicht, daß der Brand trotzdem gekommen wäre --

wenn Sie ihn auch _nicht_ herbeigewünscht hätten?

*Solneß*. Hätte das Haus dem alten Knut Brovik gehört, _dem_ wär's

gar nie so gelegen abgebrannt. Davon bin ich überzeugt. Denn der

versteht nicht die Helfenden zu rufen, und die Dienenden auch nicht.

(Unruhig, steht auf.) Sehen Sie, Hilde -- ich bin's also doch, der

daran schuld ist, daß die zwei Kleinen das Leben einbüßen mußten.

Und bin ich nicht auch etwa daran schuld, daß Aline nicht zu dem

geworden ist, was sie werden sollte und konnte. Und was sie am

liebsten wollte.

*Hilde*. Ja, wenn es nun aber bloß diese Helfer und Diener sind,

dann --?

Baumeister Solneß: Schauspiel in drei Aufzügen · 第 3 / 6 段