*Hilde*. Nein, das war ja allerdings auch nicht anzunehmen. Nach

dem, was Sie darauf thaten, da --

*Solneß*. Was um Himmels willen that ich denn darauf?

*Hilde*. Na, das fehlte gerade, daß Sie das auch vergessen hätten!

Denn so etwas muß einer doch behalten, sollt ich meinen.

*Solneß*. Bringen Sie mich nur ein wenig darauf, dann wird's

vielleicht -- Nun?

*Hilde* (blickt ihn fest an). Sie küßten mich, Baumeister!

*Solneß* (erhebt sich mit offenem Munde). Ich that das?

*Hilde*. Jawohl, das thaten Sie. Sie faßten mich mit beiden Armen

und bogen mir den Kopf zurück und küßten mich. Vielmal nacheinander.

*Solneß*. Aber ich bitte Sie, Fräulein Wangel --!

*Hilde* (erhebt sich). Sie wollen es doch nicht leugnen?

*Solneß*. Doch -- das leugne ich entschieden!

*Hilde* (sieht ihn geringschätzig an). Ah so! (Sie dreht sich um und

geht langsamen Schrittes dicht an den Ofen hin; dort bleibt sie

stehen, den Blick abgewandt, regungslos, die Hände auf dem Rücken.)

(Kurze Pause.)

*Solneß* (nähert sich behutsam und bleibt hinter ihr stehen).

Fräulein Wangel --?

*Hilde* (schweigt, rührt sich nicht).

*Solneß*. Stehen Sie doch nicht da wie eine Salzsäule. Was Sie da

erzählten, das muß Ihnen geträumt haben. (Er legt die Hand auf ihren

Arm). Hören Sie nur --

*Hilde* (macht mit dem Arm eine ungeduldige Bewegung).

*Solneß* (als ob ein Gedanke in ihm aufblitze). Oder sollte --!

Warten Sie ein wenig --! Da steckt etwas tieferes dahinter, glauben

Sie mir!

*Hilde* (rührt sich nicht).

*Solneß* (gedämpft, aber mit Nachdruck). Ich muß an das alles

_gedacht_ haben. Ich muß es _gewollt_ haben. Es _gewünscht_, dazu

_Lust_ gehabt. Und da -- Sollte es nicht so zusammenhängen?

*Hilde* (schweigt noch immer).

*Solneß* (ungeduldig). Na ja, zum Kuckuck -- dann hab ich's _gethan_!

*Hilde* (dreht den Kopf ein wenig zur Seite, jedoch ohne ihn

anzusehen). Sie gestehen also?

*Solneß*. Jawohl. Alles, was Sie wollen.

*Hilde*. Daß Sie die Arme um mich schlangen?

*Solneß*. Jawohl!

*Hilde*. Und mir den Kopf zurückbogen?

*Solneß*. Sehr weit zurück.

*Hilde*. Und mich küßten?

*Solneß*. Ja, das that ich.

*Hilde*. Vielmal nacheinander?

*Solneß*. So viel Sie nur wollen.

*Hilde* (dreht sich rasch zu ihm um und hat von neuem den

freudenfunkelnden Ausdruck in den Augen). Nun, sehen Sie, da hab

ich's _doch_ aus Ihnen herausgelockt!

*Solneß* (verzieht den Mund zu einem kleinen Lächeln). Ja, denken

Sie nur -- daß ich so was vergessen konnte.

*Hilde* (wieder ein wenig schmollend, geht von ihm weg). Ach, _Sie_

haben wohl so viele in Ihrem Leben geküßt, kann ich mir vorstellen.

*Solneß*. Nein, _das_ müssen Sie doch nicht von mir glauben.

*Hilde* (setzt sich in den Lehnstuhl).

*Solneß* (bleibt stehen, indem er sich auf den Schaukelstuhl stützt

und blickt sie spähend an). Fräulein Wangel?

*Hilde*. Ja?

*Solneß*. Wie war das doch? Was geschah denn weiter -- zwischen uns

beiden, mein ich?

*Hilde*. Da geschah ja gar nichts mehr. Das wissen Sie doch wohl.

Denn dann kamen ja die andern Fremden, und dann -- pros't Mahlzeit!

*Solneß*. Richtig! Die andern kamen. Daß ich auch das vergessen

konnte.

*Hilde*. Ach, Sie haben wahrhaftig nichts vergessen. Sie haben sich

nur ein bißchen geschämt. So was vergißt einer doch nicht, sollt'

ich meinen.

*Solneß*. Nein, das sollte man ja annehmen.

*Hilde* (wieder lebhaft, sieht ihn an). Oder haben Sie etwa auch

vergessen, an welchem Tag es war?

*Solneß*. An welchem Tag --?

*Hilde*. Jawohl. An welchem Tag hängten Sie den Kranz am den Turm?

Nun? Sagen Sie's gleich!

*Solneß*. Hm -- das Datum hab' ich weiß Gott vergessen. Ich kann nur

sagen, daß es vor zehn Jahren war. So zur Herbstzeit.

*Hilde* (nickt mehrmals langsam mit dem Kopf). Es war vor zehn Jahren.

Am neunzehnten September.

*Solneß*. Das wird's gewesen sein. So -- so, das haben Sie auch noch

behalten! (Er hält inne.) Aber warten Sie ein wenig --! Gewiß --

heute haben wir auch den neunzehnten September.

*Hilde*. Jawohl. Und die zehn Jahre sind um. Und Sie kamen nicht --

wie Sie mir's versprochen hatten.

*Solneß*. Versprochen? Womit ich Ihnen Angst gemacht hatte, meinen

Sie wohl?

*Hilde*. Es scheint mir nicht, daß _das_ etwas zum Angstmachen war.

*Solneß*. Nun, dann war's also etwas, womit ich mich lustig machte?

*Hilde*. Nur _das_ wollten Sie? Sich über mich lustig machen?

*Solneß*. Na, oder sagen wir: ein wenig mit Ihnen scherzen. Ich weiß

es, Gott verzeih mir, nicht mehr. Aber irgend so was ist es wohl

gewesen. Denn Sie waren ja nur ein Kind damals.

*Hilde*. O ein pures Kind war ich denn doch nicht. Nicht so ein

angehender Backfisch, wie _Sie_ glauben.

*Solneß* (sieht sie forschend an). Haben Sie die ganze Zeit wirklich

in vollem Ernst gedacht, ich würde wiederkommen.

*Hilde* (verhehlt ein halb neckisches Lächeln). Freilich! Das hatte

ich mir von Ihnen erwartet.

*Solneß*. Daß ich ins Haus kommen würde zu den Ihrigen und Sie

mitnehmen?

*Hilde*. Genau wie ein Unhold, jawohl.

*Solneß*. Und Sie zur Prinzessin machen?

*Hilde*. Das versprachen Sie mir ja.

*Solneß*. Und Ihnen ein Königreich geben noch dazu?

*Hilde* (blickt zur Decke empor). Warum denn nicht? Es brauchte ja

nicht gerade so ein gewöhnliches richtiges Königreich zu sein.

*Solneß*. Aber etwas anderes, was ebensogut wäre?

*Hilde*. Mindestens ebensogut. (Sie sieht ihn ein wenig an.) Konnten

Sie die höchsten Kirchtürme der Welt bauen, da mußten Sie wohl auch

für so was wie ein Königreich Rat schaffen können -- dachte ich mir.

*Solneß* (schüttelt den Kopf). Ich kann aus Ihnen nicht recht klug

werden, Fräulein Wangel.

*Hilde*. Nicht? Mir kommt das Ding so einfach vor.

*Solneß*. Nein, ich kann nicht herausbringen, ob Sie das alles

meinen, was Sie sagen. Oder ob Sie nur dasitzen und Unsinn treiben --

*Hilde* (lächelnd). Mich lustig machen etwa? Wie damals Sie?

*Solneß*. Ganz recht. Daß Sie sich lustig machen. Über uns beide.

(Mit einem Blick auf sie.) Haben Sie lange gewußt, daß ich

verheiratet bin?

*Hilde*. Freilich, das habe ich die ganze Zeit gewußt. Warum fragen

Sie danach?

*Solneß* (leicht hinwerfend). Ach, es fiel mir nur so ein. (Er sieht

sie ernst an und sagt gedämpft.) Warum sind Sie hergekommen?

*Hilde*. Weil ich mein Königreich haben will. Jetzt ist ja die Frist

um.

*Solneß* (lacht unwillkürlich). Sie sind kostbar!

*Hilde* (lustig). Heraus mit meinem Königreich, Baumeister! (Mit dem

Finger klopfend.) Das Königreich auf den Tisch!

*Solneß* (rückt den Schaukelstuhl näher und setzt sich). Ernsthaft

gesprochen -- warum sind Sie hergekommen? Was wollen Sie eigentlich

hier thun?

*Hilde*. Nun, fürs erste will ich herumgehen und mir alles ansehen,

was Sie gebaut haben.

*Solneß*. Da können Sie lange herumlaufen.

*Hilde*. Freilich, Sie haben ja so furchtbar viel gebaut.

*Solneß*. Das hab' ich. Meist in den letzten Jahren.

*Hilde*. Viele Kirchtürme auch? Solche ungeheuer hohe?

*Solneß*. Nein. Ich baue jetzt keine Kirchtürme mehr. Und auch keine

Kirchen.

*Hilde*. Was bauen Sie denn _jetzt_?

*Solneß*. Heimstätten für Menschen.

*Hilde* (nachdenklich). Könnten Sie nicht auch über den Heimstätten

da so'n wenig -- so Kirchtürme machen?

*Solneß* (stutzt). Was meinen Sie _da_mit?

*Hilde*. Ich meine -- etwas, was emporzeigt -- frei in die Luft

hinauf. Mit dem Wetterhahn in schwindelnder Höhe.

*Solneß* (grübelt ein wenig). Merkwürdig genug, daß Sie das sagen.

Denn das ist's ja eben, was ich am allerliebsten möchte.

*Hilde* (ungeduldig). Aber warum thun Sie's dann nicht?

*Solneß* (schüttelt den Kopf). Die Menschen wollen's nicht so haben.

*Hilde*. Denken Sie nur -- daß die das nicht wollen!

*Solneß* (in leichterem Ton). Jetzt baue ich mir aber ein neues

Heim. Hier gerade gegenüber.

*Hilde*. Für Sie selber?

*Solneß*. Jawohl. Es ist beinahe fertig. Und auf _dem_ ist ein Turm.

*Hilde*. Ein hoher Turm?

*Solneß*. Jawohl.

*Hilde*. _Sehr_ hoch?

*Solneß*. Die Leute werden gewiß sagen, daß er _zu_ hoch ist. Für

ein Wohnhaus wenigstens.

*Hilde*. Den Turm da will ich mir ansehen, gleich morgen früh.

*Solneß* (sitzt da, das Kinn auf die Hand gestützt, und starrt sie

an). Sagen Sie mir, Fräulein Wangel -- wie heißen Sie? Mit dem

Vornamen, meine ich.

*Hilde*. Ich heiße ja Hilde.

*Solneß* (wie oben). Hilde? So?

*Hilde*. Haben Sie denn _das_ nicht behalten? Sie nannten mich ja

selber Hilde. Den Tag, da Sie ungezogen waren.

*Solneß*. _Das_ that ich auch?

*Hilde*. Damals sagten Sie aber: _kleine_ Hilde. Und das gefiel mir

nicht.

*Solneß*. So, das gefiel Ihnen nicht, Fräulein Hilde?

*Hilde*. Nein. Bei _der_ Gelegenheit nicht. Übrigens -- »Prinzessin

Hilde« -- Das wird sich ganz gut ausnehmen, scheint mir.

*Solneß*. Gewiß. Prinzessin Hilde von -- von -- Wie hieß nur gleich

das Königreich?

*Hilde*. Ach was! Von _dem_ dummen Königreich will ich nichts

wissen. Ich wünsche mir ein ganz anderes!

*Solneß* (hat sich zurückgelehnt und blickt sie immer noch

unverwandt an). Ist's nicht sonderbar --? Je mehr ich jetzt darüber

nachdenke -- da kommt's mir vor, als wäre ich lange Jahre

herumgegangen und hätte mich damit abgequält -- hm --

*Hilde*. Womit?

*Solneß*. Auf etwas zu kommen -- so etwas _Erlebtes_, von dem ich

meinte, ich müßte es vergessen haben. Aber nie fand ich heraus, was

das sein könnte.

*Hilde*. Sie hätten einen Knoten ins Taschentuch machen sollen,

Baumeister.

*Solneß*. Dann hätte ich nur daran herumgegrübelt, was wohl der

Knoten zu bedeuten hätte.

*Hilde*. Ja ja, es giebt wohl auch _solche_ Unholde in der Welt.

*Solneß* (steht langsam auf). Es war ein großes Glück, daß _Sie_

jetzt kamen.

*Hilde* (blickt ihn tief an). _War's_ ein Glück?

*Solneß*. Denn ich saß hier so allein. Und starrte so ganz hilflos

auf alle die Dinge. (Leiser.) Ich will Ihnen sagen -- ich habe

angefangen solche Angst zu bekommen -- so entsetzliche Angst vor der

Jugend.

*Hilde* (wegwerfend). Pah -- vor der Jugend brauchen Sie doch keine

Angst zu haben!

*Solneß*. Doch; gerade vor _der_. Darum hab' ich mich auch

eingeschlossen und eingeriegelt. (Geheimnisvoll.) Sie müssen nämlich

wissen, daß die Jugend herkommen wird und an die Thüre donnern. Daß

sie zu mir hereinstürmen wird.

*Hilde*. Dann, meine ich, sollten Sie einfach hinausgehen und der

Jugend aufmachen.

*Solneß*. Aufmachen?

*Hilde*. Freilich. So daß die Jugend zu Ihnen hineindürfte. So in

aller Güte.

*Solneß*. Nein, nein! Die Jugend -- sehen Sie -- die ist die

Wiedervergeltung. Sie geht dem Umschwung voran. Wie unter einer

neuen Fahne.

*Hilde* (erhebt sich, blickt ihn an und sagt, indem es um ihre

Mundwinkel zuckt). Können Sie _mich_ zu etwas brauchen, Baumeister?

*Solneß*. Ja, jetzt kann ich's wahrhaftig! Denn _Sie_ kommen auch --

gleichsam unter einer neuen Fahne, scheint es mir. Jugend gegen

Jugend also --!

*Doktor Herdal* (kommt durch die Vorzimmerthür herein).

Elfter Auftritt.

*Die Vorigen*. *Doktor Herdal*.

*Herdal*. Nun -- Sie und das Fräulein sind noch immer hier?

*Solneß*. Wir beide haben vielerlei zu reden gehabt.

*Hilde*. Altes und neues.

*Herdal*. Wirklich?

*Hilde*. O das ist sehr amüsant gewesen. Der Baumeister -- der hat

nämlich ein ganz unglaubliches Gedächtnis. Alle möglichen

Kleinigkeiten, deren entsinnt er sich auf der Stelle.

*Frau Solneß* (kommt durch die Thüre rechts herein).

Zwölfter Auftritt.

*Die Vorigen*. *Frau Solneß*.

*Frau Solneß*. So, Fräulein Wangel, jetzt ist das Zimmer für Sie in

Ordnung.

*Hilde*. Ach, wie lieb Sie gegen mich sind!

*Solneß* (zu seiner Frau). Die Kinderstube?

*Frau Solneß*. Jawohl, die mittlere. Aber zuerst wollen wir wohl zu

Tisch gehen.

*Solneß* (nickt Hilde zu). Hilde, die soll in der Kinderstube

schlafen.

*Frau Solneß* (sieht ihn an). Hilde?

*Solneß*. Fräulein Wangel heißt nämlich Hilde. Ich habe sie gekannt,

als sie noch ein Kind war.

*Frau Solneß*. Ei, was du sagst, Halvard. Also bitte, meine

Herrschaften. Der Tisch ist gedeckt. (Sie nimmt den Arm des Doktors

und geht mit ihm nach rechts hinaus).

*Hilde* (hat inzwischen ihre Reiseeffekten zusammengerafft; leise

und schnell zu Solneß). Ist das wahr, was sie da sagten? _Können_

Sie mich zu etwas brauchen?

*Solneß* (nimmt ihr die Sachen weg). _Sie_ sind die, die ich am

schwersten vermißt habe.

*Hilde* (blickt ihn mit froh erstaunten Augen an und schlägt die

Hände zusammen). Aber mein Gott --!

*Solneß* (gespannt). Nun?

*Hilde*. Dann _hab_ ich ja das Königreich!

*Solneß* (unwillkürlich). Hilde --!

*Hilde* (indem es wieder um ihre Mundwinkel zuckt). _Beinahe_ --

hätt' ich fast gesagt. (Sie geht nach rechts hinaus.)

*Solneß* (folgt ihr).

* * * * *

Zweiter Aufzug.

_Ein hübsch ausgestatteter kleiner Salon beim Baumeister Solneß._

An der Hinterwand eine Glasthür auf die Veranda und den Garten

hinaus. Rechts eine stumpfe Ecke mit Erker, worin Blumenzierrat,

und an dem ein großes Fenster angebracht ist. Links ebenfalls eine

stumpfe Ecke; an dieser eine kleine Tapetenthür. An jeder Seitenwand

eine gewöhnliche Thür. Rechts vorn Konsoltisch mit großem

Spiegel. Blumen und Pflanzen in reicher Aufstellung. Links vorn

Sofa mit Tisch und Stühlen. Weiter zurück ein Bücherschrank. Vor

dem Erker ein Tischchen und ein paar Stühle.

(Es ist früh vormittags.)

Erster Auftritt.

*Solneß*. *Frau Solneß*. Dann *Kaja Fosli*.

*Solneß* (sitzt am Tischchen, die Mappe Ragnar Broviks vor sich

aufgeschlagen; er blättert in den Zeichnungen und sieht einzelne

genau an).

*Frau Solneß* (geht mit einer kleinen Wasserkanne unhörbaren

Schrittes herum und macht sich mit den Blumen zu schaffen; sie ist

schwarzgekleidet wie zuvor; ihr Hut, Mantel und Sonnenschirm liegen

auf einem Stuhl am Spiegel).

*Solneß* (folgt ihr ein paar Mal unvermerkt mit den Augen. Keines

von beiden redet).

*Kaja Fosli* (erscheint, leise auftretend, in der Thür links).

*Solneß* (wendet den Kopf zu ihr hin und sagt in gleichgültigem Ton).

Ach, _Sie_ sind's?

*Kaja*. Ich wollte nur melden, daß ich da wäre.

*Solneß*. Schon gut. Ist Ragnar auch da?

*Kaja*. Nein, noch nicht. Er mußte noch ein wenig zu Hause bleiben

und auf den Arzt warten. Aber nachher, da wollte er herkommen und

sich erkundigen --

*Solneß*. Wie steht's mit dem Alten heute?

*Kaja*. Schlecht. Er läßt sich recht sehr entschuldigen, daß er den

Tag über liegen bleiben müßte.

*Solneß*. Ach was, entschuldigen. Der soll nur ruhig liegen bleiben.

So, jetzt gehen Sie an Ihre Arbeit.

*Kaja*. Jawohl. (Sie bleibt an der Thür stehen.) Wollen Sie

vielleicht mit Ragnar reden, wenn er kommt?

*Solneß*. Nein -- ich wüßte nichts Besonderes.

*Kaja* (nach links ab).

Zweiter Auftritt.

*Solneß*. *Frau Solneß*.

*Solneß* (blättert in den Zeitungen weiter).

*Frau Solneß* (bei den Pflanzen). Ich möchte doch wissen, ob er nicht

_auch_ stirbt.

*Solneß* (blickt zu ihr hin). Der auch? Wer denn noch?

*Frau Solneß* (ohne zu antworten). Ja, ja, der alte Brovik -- der

stirbt jetzt wohl auch, Halvard. Paß nur auf.

*Solneß*. Liebe Aline, möchtest du nicht ausgehen und dir ein wenig

Bewegung machen?

*Frau Solneß*. Ja, das sollte ich wohl eigentlich thun. (Sie macht

sich fortdauernd mit den Blumen zu schaffen.)

*Solneß* (über die Zeichnungen gebeugt). Schläft sie noch?

*Frau Solneß* (sieht ihn an). Ist es Fräulein Wangel, an die du da

denkst?

*Solneß* (gleichgültig). Sie kam mir so zufällig in den Sinn.

*Frau Solneß*. Fräulein Wangel ist schon lange auf.

*Solneß*. So -- so.

*Frau Solneß*. Als ich drinnen war, da war sie damit beschäftigt,

ihre Sachen auszubessern. (Sie stellt sich vor den Spiegel hin und

setzt langsam den Hut auf).

*Solneß* (nach einer kurzen Pause). So konnten wir dennoch von einer

Kinderstube Gebrauch machen, Aline?

*Frau Solneß*. Allerdings.

*Solneß*. Und das ist ja immerhin besser, als daß alles leer steht.

*Frau Solneß*. Diese Leere ist entsetzlich. Darin hast du recht.

*Solneß* (macht die Mappe zu, steht auf und nähert sich ihr). Du

wirst schon sehen, Aline, daß es hernach besser für uns wird. Viel

gemütlicher. Leichter zu leben. -- Besonders für dich.

*Frau Solneß* (sieht ihn an). Hernach?

*Solneß*. Ja, glaub mir, Aline --

*Frau Solneß*. Meinst du -- weil _sie_ hergekommen ist?

*Solneß* (bezwingt sich). Ich meine natürlich -- wenn wir erst ins

neue Haus eingezogen sind.

*Frau Solneß* (nimmt ihren Mantel). Ja, glaubst du das, Halvard? Daß

es _dann_ besser wird?

*Solneß*. Ich kann mir's nicht anders denken. Und das glaubst doch

jedenfalls du auch?

*Frau Solneß*. Ich glaube gar nichts von dem neuen Hause.

*Solneß* (verstimmt). Das ist allerdings für mich verdrießlich zu

hören. Denn ich habe es doch wohl hauptsächlich um deinetwillen

gebaut. (Er will ihr beim Anziehen des Mantels behilflich sein).

*Frau Solneß* (indem sie sich seiner Hilfe entzieht). Im Grunde

thust du doch viel zu viel um meinetwillen.

*Solneß* (mit einer gewissen Heftigkeit). Nein, nein, so was darfst

du durchaus nicht sagen, Aline! Ich ertrage es nicht, solche Dinge

von dir zu hören!

*Frau Solneß*. Nun, dann will ich es nicht mehr sagen, Halvard.

*Solneß*. Aber ich bleib bei meiner Meinung. Du wirst schon sehen,

wie gut du dich zurechtfinden wirst da drüben im neuen Hause.

*Frau Solneß*. Ach Gott -- ich mich zurechtfinden --!

*Solneß* (eifrig). Doch, doch! Darauf kannst du dich verlassen! Denn

dort, siehst du -- dort ist so unglaublich viel, was dich an dein

eigenes Heim erinnern wird.

*Frau Solneß*. An das, wo der Vater und die Mutter drin gewohnt

hatten. -- Und das dann abbrannte -- alles miteinander.

*Solneß* (gedämpft). Ja, ja, du arme Aline. Das war für dich ein

furchtbar harter Schlag.

*Frau Solneß* (in Klagen ausbrechend). Du magst bauen so viel und so

lange du nur willst, Halvard -- _mir_ baust du niemals ein richtiges

Heim mehr auf!

*Solneß* (im Zimmer umhergehend). Nun, dann reden wir in Gottes

Namen nicht mehr von alledem.

*Frau Solneß*. Wir pflegen ja sonst auch nie davon zu reden. Denn du

schiebst es nur von dir --

*Solneß* (bleibt plötzlich stehen und sieht sie an). _Ich?_ Und

warum sollt ich denn _das_ thun? Es von mir schieben?

*Frau Solneß*. Ach, ich verstehe dich ja so wohl, Halvard. Du willst

mich ja so gern schonen. Und mich entschuldigen auch. Alles -- was

du nur kannst.

*Solneß* (sie erstaunt anblickend). _Dich!_ _Dich_ entschuldigen!

Von dir _selber_ redest du, Aline!

*Frau Solneß*. Ja, da muß doch wohl von mir die Rede sein.

*Solneß* (unwillkürlich vor sich hin). _Das_ auch noch!

*Frau Solneß*. Denn mit dem alten Hause -- mit dem mochte es noch

gehen, wie es wollte. Du lieber Gott -- wenn das Unglück nun einmal

da war, dann --

*Solneß*. Darin hast du recht. Fürs Unglück kann man nicht -- wie

die Leute sagen.

*Frau Solneß*. Aber das Entsetzliche, das der Brand nach sich

zog --! _Das_ ist es! _Das_ ist es!

*Solneß* (heftig). Nur nicht _daran_ denken, Aline!

*Frau Solneß*. Doch, gerade _daran_ muß ich denken. Und endlich

einmal davon herausreden auch. Denn es kommt mir vor, als könnte ich

es nicht länger ertragen! Und dann, daß ich mir niemals selber

verzeihen darf --!

*Solneß* (mit einem Ausbruch). Dir selber --!

*Frau Solneß*. Ich hatte ja doch Pflichten nach zwei Seiten hin.

Sowohl gegen dich wie gegen die Kleinen. Ich hätte mich

unempfindlich machen sollen. Nicht den Schrecken so über mich Herr

werden lassen. Auch nicht den Kummer darüber, daß mir das Heim

abgebrannt war. (Sie ringt die Hände.) Ach, hätte ich nur gekonnt,

Halvard!

*Solneß* (nähert sich, erschüttert, leise). Aline -- du mußt mir

versprechen, daß du solchen Gedanken nie mehr nachgehen wirst.

Versprich mir das ja!

*Frau Solneß*. Ach Gott -- versprechen! Versprechen! Man kann ja

alles mögliche versprechen --

*Solneß* (preßt die Hände zusammen und geht im Zimmer umher). Ach,

es ist doch zum Verzweifeln! Niemals ein Sonnenstrahl! Nie soviel

wie nur ein Streiflicht ins Heim hinein!

*Frau Solneß*. Hier _ist_ ja kein Heim, Halvard.

*Solneß*. Ach nein, das ist nur zu wahr. (Schwermütig.) Und Gott

weiß, ob du nicht darin recht behältst, daß es im neuen Hause auch

nicht besser für uns wird!

*Frau Solneß*. Das wird es nie werden. Ebenso leer. Ebenso öde. Dort

wie hier.

*Solneß* (heftig). Aber um's Himmels willen, warum haben wir's dann

erst gebaut? Kannst du mir das erklären?

*Frau Solneß*. Nein, darauf mußt du dir selber Antwort geben.

*Solneß* (blickt mißtrauisch zu ihr hin). Was meinst du damit, Aline?

*Frau Solneß*. Was ich meine?

*Solneß*. Ja doch, zum Teufel --! Du sagtest es so sonderbar. Als ob

du dabei einen verborgenen Gedanken hättest.

*Frau Solneß*. Nein, da kann ich dich wahrhaftig versichern --

*Solneß* (nähert sich ihr). Ist gar nicht nötig -- ich weiß schon,

was ich weiß. Und sehen und hören thu' ich auch, Aline. Darauf

kannst du dich verlassen!

*Frau Solneß*. _Was_ denn aber? _Was_ denn?

*Solneß* (stellt sich vor sie hin). Witterst du etwa nicht einen

tückischen versteckten Sinn in dem unschuldigsten Wort, das ich nur

sage?

*Frau Solneß*. _Ich_, sagst du! Thue _ich_ das?

*Solneß* (lacht). Hahaha! Das ist ja kein Wunder, Aline! Wenn du

dich mit einem kranken Mann im Hause abquälen mußt, dann --

*Frau Solneß* (angstvoll). Krank! Bist du krank, Halvard!

*Solneß* (herausplatzend). Oder ein halbtoller Mann! Ein verrückter

Mann! Nenn' mich, wie du willst!

*Frau Solneß* (greift nach der Stuhllehne und setzt sich). Halvard

-- um's Himmels willen --!

*Solneß*. Aber ihr irrt euch beide. Sowohl du als der Doktor. So

steht's nicht mit mir. (Er geht auf und ab.)

*Frau Solneß* (folgt ihm ängstlich mit den Augen).

*Solneß* (geht zu ihr hin, ruhig). Im Grunde fehlt mir nicht das

Geringste.

*Frau Solneß*. Nein, nicht wahr! Aber was hast du dann?

*Solneß*. Die Sache ist die, daß ich manchmal fast zusammenbreche

unter dieser entsetzlichen Schuldenlast --

*Frau Solneß*. Schulden, sagst du! Aber du bist ja niemand etwas

schuldig, Halvard!

*Solneß* (leise, bewegt). Doch -- ich bin in bodenloser Schuld --

_dir_ gegenüber, Aline.

*Frau Solneß* (erhebt sich langsam). Was steckt hier dahinter? Sag'

es lieber gleich.

*Solneß*. Aber es _steckt_ ja nichts dahinter! Ich habe dir nie

etwas Böses zugefügt. Jedenfalls nicht mit Wissen und Willen. Und

trotzdem habe ich die Empfindung, als ob eine erdrückende Schuld

fortwährend auf mir lastete.

*Frau Solneß*. Eine Schuld _mir_ gegenüber?

*Solneß*. Am meisten dir gegenüber.

*Frau Solneß*. Dann bist du dennoch -- krank, Halvard.

*Solneß* (schwermütig). Das wird's wohl sein. Oder etwas ähnliches.

(Er blickt nach der Thüre rechts, die sich öffnet.) Da! Jetzt wird's

wieder hell.

*Hilde Wangel* (kommt herein; sie hat an ihrem Anzug einzelnes

geändert; das Kleid ist herabgelassen).

Dritter Auftritt.

*Die Vorigen*. *Hilde Wangel*.

*Hilde*. Guten Morgen, Baumeister!

*Solneß* (nickt ihr zu). Gut geschlafen?

*Hilde*. Wundervoll! Wie in einer Wiege. O -- ich habe dagelegen und

mich gestreckt wie -- wie eine Prinzessin.

*Solneß* (lächelt ein wenig). Wohlauf und munter also.

*Hilde*. Das sollt ich meinen.

*Solneß*. Jedenfalls auch geträumt?

*Hilde*. Freilich. Das war aber unheimlich.

*Solneß*. So?

*Hilde*. Mir träumte nämlich, ich stürzte von einer ungeheuer hohen

steilen Felswand hinab. Träumen denn Sie nie so was?

*Solneß*. O ja -- zuweilen, da --

*Hilde*. Es ist so entsetzlich spannend -- wenn einer so fällt und

fällt.

*Solneß*. Es ist so ein eisiges Gefühl, scheint's mir.

*Hilde*. Ziehen Sie die Beine in die Höhe, wenn's kommt?

*Solneß*. So weit hinauf, wie ich nur kann.

*Hilde*. Das thu' ich auch.

*Frau Solneß* (nimmt ihren Sonnenschirm). Jetzt muß ich wohl in die

Stadt, Halvard. (Zu Hilde.) Und dann bring' ich Verschiedenes mit

nach Hause, was Sie nötig haben können.

*Hilde* (will ihr um den Hals fallen). Ach, liebste reizende Frau

Solneß! Sie sind aber doch _zu_ lieb gegen mich! Furchtbar lieb --

*Frau Solneß* (abwehrend, sich losmachend). Ach, durchaus nicht. Das

ist ja einfach meine Pflicht. Und darum thue ich es so gern.

*Hilde* (verdrossen, spitzt die Lippen). Übrigens meine ich, daß ich

mich ganz gut auf der Straße zeigen könnte -- so hübsch, wie ich's

jetzt zurechtgebracht habe. Oder _kann_ ich das etwa nicht?

*Frau Solneß*. Aufrichtig gesprochen, glaube ich schon, daß Ihnen

die Leute ein wenig nachblicken würden.

*Hilde* (geringschätzig). Pah! Weiter nichts? Das ist ja nur

spaßhaft.

Baumeister Solneß: Schauspiel in drei Aufzügen · 第 2 / 6 段