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Baumeister Solneß.
_Schauspiel in drei Aufzügen_
von
Henrik Ibsen.
Deutsch von
Sigurd Ibsen.
* * * * * * *
Einzige vom Verfasser autorisierte deutsche Ausgabe.
Leipzig.
Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt.
* * * * * * *
Für sämtliche Bühnen im ausschließlichen Debit von _Felix Bloch
Erben_ in Berlin, von welchen allein das Recht der Aufführung zu
erwerben ist.
Für _Österreich-Ungarn_ ist das Aufführungsrecht nur durch
Dr. _O. F. Eirich_ in _Wien_ zu erwerben.
Für _Großbritannien_ und die _englischen Kolonien_: Dr. _Sylvain
Mayer_, Rechtsanwalt, _London_, Temple E. C. I. Garden Court.
Für _Amerika_: _Goldmark & Conried, New-York_, 13 W. 42 Street.
Für _Schweden_, _Norwegen_ und _Finnland_: _Oskar Wijkander_,
Königlicher Hofintendant, _Stockholm_.
Für _Dänemark_: _Henrik Hennings_, Königliche Hofmusikalienhandlung,
_Kopenhagen_.
Für _Rußland_ und _Polen_: _P. Reldner_, Buch- und
Musikalienhandlung, _Riga_.
_Sigurd Ibsen_. _Felix Bloch Erben_.
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Baumeister Solneß.
* * * * * *
* * * * * * *
Personen.
*Baumeister Halvard Solneß*.
*Frau Aline Solneß*, seine Gattin.
*Dr. Herdal*, Hausarzt.
*Knut Brovik*, ehemals Architekt, jetzt Assistent bei Solneß.
*Ragnar Brovik*, sein Sohn, Zeichner.
*Kaja Fosli*, seine Nichte, Buchhalterin.
*Fräulein Hilde Wangel*.
Einige Damen.
Volksmenge auf der Straße.
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_Ort der Handlung_: das Haus des Baumeisters Solneß.
* * * * * * *
Rechts und links vom Schauspieler.
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Erster Aufzug.
_Ein einfach ausgestattetes Arbeitszimmer beim Baumeister Solneß._
Eine Flügelthür an der Wand links führt zum Vorzimmer. Rechts ist
die Thür zu den inneren Räumen des Hauses. An der Hinterwand eine
offene Thür zum Zeichenzimmer. Im Vordergrund links ein Pult mit
Büchern, Briefschaften und Schreibmaterialien. Oberhalb der Thür ein
Ofen. In der Ecke rechts ein Sofa mit Tisch und ein paar Stühlen;
auf dem Tische Wasserkaraffe und Glas. Ein kleinerer Tisch mit
Schaukelstuhl und Lehnstuhl im Vordergrund rechts. Angezündete
Arbeitslampen auf dem Tische im Zeichenzimmer, auf dem Tische in der
Ecke und auf dem Pulte.
_Rechts und links vom Schauspieler._
Erster Auftritt.
*Knut Brovik* und sein Sohn *Ragnar* sitzen im Zeichenzimmer mit
Konstruktionen und Berechnungen beschäftigt. Knut Brovik ist ein
schmächtiger alter Mann mit weißem Haar und Bart; er trägt einen
etwas fadenscheinigen, aber sauber gehaltenen schwarzen Rock, eine
Brille und eine weiße, etwas vergilbte Halsbinde. Ragnar Brovik ist
in den dreißiger Jahren, gutgekleidet, blond, mit leicht vornüber
gebeugter Haltung. *Kaja Fosli*, steht im Arbeitszimmer am Pulte, im
Hauptbuche eintragend; sie ist ein zart gebautes junges Mädchen von
einigen zwanzig Jahren, aber von kränklichem Aussehen; ein grüner
Schirm schützt ihre Augen. Alle drei arbeiten eine Weile schweigend.
*Knut Brovik* (erhebt sich plötzlich, wie von Angst getrieben, vom
Zeichentische, atmet tief und mit Mühe, indem er zur Thüröffnung
vorgeht). Nein, jetzt halt ich es bald nicht länger aus.
*Kaja* (geht zu ihm hin). Es ist dir gewiß recht schlecht heut
Abend, Onkel?
*Brovik*. Ach, mir scheint, es wird schlimmer von Tag zu Tag.
*Ragnar* (hat sich erhoben und kommt näher). Du solltest lieber
heimgehen, Vater. Versuchen ein wenig zu schlafen --
*Brovik* (ungeduldig). Zu Bett gehen vielleicht? Willst du denn, daß
ich rein ersticke!
*Kaja*. Aber dann mach doch einen kleinen Spaziergang.
*Ragnar*. Ja, thu das. Ich begleite dich.
*Brovik* (heftig). Ich geh nicht, ehe er kommt! Heut Abend red ich
grad heraus mit -- (in verbissener Wut) mit ihm -- dem Prinzipal.
*Kaja* (angstvoll). Ach nein, Onkel -- warte doch ja damit!
*Ragnar*. Ja, lieber warten, Vater.
*Brovik* (holt mühsam Atem). Ha -- ha --! Ich hab wohl keine Zeit,
recht lange zu warten.
*Kaja* (horchend). Still! Da hör ich ihn unten auf der Treppe!
*Alle Drei* (gehen wieder an ihre Arbeit).
(Kurze Pause.)
*Baumeister Halvard Solneß* (tritt durch die Vorzimmerthür ein; er
ist ein etwas älterer Mann, gesund und kräftig, mit kurzgehaltenem,
krausem Haar, dunklem Schnurrbart und dunkeln dichten Augenbrauen,
trägt eine graugrüne zugeknöpfte Jacke mit Stehkragen und breiten
Aufschlägen, einen weichen grauen Filzhut und unter dem Arme ein
paar Mappen).
Zweiter Auftritt.
*Die Vorigen*. *Solneß*.
*Baumeister Solneß* (an der Thür, weist gegen das Zeichenzimmer hin
und fragt flüsternd). Sind sie fort?
*Kaja* (leise, schüttelt den Kopf). Nein. (Sie legt den Augenschirm
ab.)
*Solneß* (geht durchs Zimmer, wirft seinen Hut auf einen Stuhl, legt
die Mappen auf den Sofatisch und nähert sich dann wieder dem Pulte).
*Kaja* (schreibt ununterbrochen, scheint aber nervös und unruhig).
*Solneß* (laut). Was tragen Sie denn da ein, Fräulein?
*Kaja* (zusammenfahrend). O es ist nur etwas, das --
*Solneß*. Lassen Sie mich sehen, Fräulein. (Er beugt sich über sie,
thut, als ob er im Hauptbuche nachsähe und flüstert:) Kaja?
*Kaja* (schreibend, leise). Ja?
*Solneß*. Warum nehmen Sie denn immer den Schirm da ab, wenn ich
komme?
*Kaja* (wie oben). Ich sehe ja so häßlich aus damit.
*Solneß* (lächelnd). Und das wollen Sie nicht, Kaja?
*Kaja* (blickt halb zu ihm auf). Nicht um alles in der Welt. Nicht
in _Ihren_ Augen.
*Solneß* (fährt ihr leicht über das Haar). Arme, arme kleine Kaja --
*Kaja* (senkt den Kopf). Still -- sie könnten Sie hören!
*Solneß* (geht nachlässigen Schrittes nach rechts, kehrt um und
bleibt an der Thür des Zeichenzimmers stehen). War jemand da, der
nach mir gefragt hat?
*Ragnar* (erhebt sich). Ja, die jungen Leute, die die Villa gebaut
haben wollen draußen bei Lövstrand.
*Solneß* (brummend). Ach _die_? Ja, die müssen warten. Ich bin mit mir
selber noch nicht im Reinen über den Plan.
*Ragnar* (näher, etwas zögernd). Es wäre ihnen so sehr daran gelegen,
die Zeichnungen bald zu bekommen.
*Solneß* (wie oben). Ja, das versteht sich -- das wollen sie ja alle
miteinander!
*Brovik* (aufblickend). Sie sehnten sich nämlich so über alle Maßen
danach, ihr eigenes Haus zu beziehen, sagten sie.
*Solneß*. Jawohl, jawohl! Man kennt das! Und dann nehmen sie's so,
wie es sich gerade trifft. Schaffen sich so'ne -- 'ne Wohnung. Eine
Art von Zufluchtsort bloß. Aber kein Heim. Nein, ich danke! Mögen
sie sich dann lieber an einen andern wenden. Sagen Sie ihnen das,
wenn sie wiederkommen.
*Brovik* (schiebt die Brille auf die Stirn hinauf und sieht ihn
stutzend an). An einen andern? Würden Sie die Arbeit abgeben?
*Solneß* (ungeduldig). Ja, ja doch, zum Teufel! Wenn's durchaus sein
_muß_, dann -- Lieber das, als so ins Blaue hineinbauen.
(Herausplatzend.) Denn ich kenne ja die Leute noch so wenig!
*Brovik*. Die Leute sind solid genug. Ragnar kennt sie. Er geht mit
der Familie um. Sehr solide Leute.
*Solneß*. Ach, solid -- solid! Das ist's ja gar nicht, was ich meine.
Du lieber Gott -- verstehen auch _Sie_ mich jetzt nicht mehr?
(Heftig.) Ich will mit den fremden Menschen nichts zu schaffen haben.
Mögen sie sich meinetwegen wenden, an wen sie wollen.
*Brovik* (erhebt sich). Ist das Ihr Ernst?
*Solneß* (mürrisch). Jawohl. -- Für dies eine Mal. (Er geht durchs
Zimmer.)
*Brovik* (wechselt einen Blick mit Ragnar).
*Ragnar* (macht eine warnende Gebärde).
*Brovik* (geht ins Vorderzimmer hinein). Gestatten Sie mir, ein paar
Worte mit Ihnen zu reden?
*Solneß*. Sehr gern.
*Brovik* (zu Kaja). Geh da hinein derweile, du.
*Kaja* (unruhig). Ach, aber Onkel --
*Brovik*. Thu wie ich dir sage, Kind. Und schließ die Thüre hinter
Dir zu.
*Kaja* (geht zögernd ins Zeichenzimmer hinein, wirft verstohlen
Solneß einen ängstlich bittenden Blick zu und schließt die Thür).
*Brovik* (etwas gedämpft). Ich will nicht, daß die armen Kinder
erfahren, wie schlecht es mit mir steht.
*Solneß*. Sie sehen auch wirklich recht elend aus in diesen Tagen.
*Brovik*. Mit mir ist's bald vorbei. Die Kräfte nehmen ab -- von
einem Tag zum andern.
*Solneß*. Setzen Sie sich ein wenig.
*Brovik*. Wenn Sie erlauben?
*Solneß* (rückt den Lehnstuhl ein wenig zurecht). Da, bitte. -- Nun?
*Brovik* (hat mit Mühe Platz genommen). Ja, es handelt sich also um
das da mit Ragnar. _Das_ ist das allerschwerste. Was soll mit ihm
werden?
*Solneß*. Ihr Sohn, der bleibt natürlich hier bei mir, so lange er
nur will.
*Brovik*. Aber das ist's ja eben, was er nicht will. Nicht so recht
mehr _kann_ -- wie ihm scheint.
*Solneß*. Nun, er wird denn doch ganz gut bezahlt, sollt ich meinen.
Sollte er aber mehr verlangen, wäre ich nicht abgeneigt, ihm --
*Brovik*. Nein, nein! Das ist's durchaus nicht. (Ungeduldig.) Aber
er muß doch auch einmal Gelegenheit bekommen, auf eigene Hand zu
arbeiten.
*Solneß* (ohne ihn anzusehen). Glauben Sie, daß Ragnar dazu alle die
rechten Anlagen hat?
*Brovik*. Nein, sehen Sie, das ist ja eben das Entsetzliche, daß ich
angefangen habe, an dem Jungen zu zweifeln. Denn Sie sagten ja nie
soviel wie -- wie ein ermunterndes Wort über ihn. Aber dann scheint's
mir wieder, es ist unmöglich anders. Er _muß_ die Anlagen haben.
*Solneß*. Nun ja, er hat aber doch nichts gelernt -- recht gründlich.
Außer dem Zeichnen, versteht sich.
*Brovik* (blickt ihn mit geheimem Hasse an und sagt mit heiserer
Stimme): _Sie_ hatten auch nicht recht viel vom Fach gelernt, damals,
als Sie bei mir im Dienste standen. Aber _Sie_ machten sich dennoch
auf den Weg. (Er holt mühselig Atem.) Und kamen vorwärts. Und
überholten sowohl mich wie -- wie so viele andere.
*Solneß*. Ja, sehen Sie, das fügte sich nun so für _mich_.
*Brovik*. Darin haben Sie recht. Alles fügte sich für Sie. Dann
können Sie's aber auch nicht übers Herz bringen, mich ins Grab gehen
zu lassen -- ehe ich sehe, wozu Ragnar taugt. Und dann möchte ich
die zwei ja auch gern verheiratet sehen -- ehe ich scheide.
*Solneß* (unwirsch). Ist sie es, die's so haben will?
*Brovik*. Kaja nicht so sehr. Aber Ragnar geht herum und redet jeden
Tag davon. (Bittend.) Sie _müssen_ -- Sie _müssen_ ihm jetzt zu
irgend einer selbständigen Arbeit verhelfen. Ich _muß_ etwas zu
sehen bekommen, was der Junge gemacht hat. Hören Sie?
*Solneß* (gereizt). Aber ich kann doch, zum Teufel, keine
Bestellungen für ihn vom Mond herunterholen!
*Brovik*. Er kann eine hübsche Bestellung bekommen, gerade jetzt.
Eine große Arbeit.
*Solneß* (unruhig, stutzend). _Er?_
*Brovik*. Wenn Sie Ihre Zustimmung geben wollten.
*Solneß*. Was ist denn das für eine Arbeit?
*Brovik* (etwas zögernd). Er könnte die Villa zu bauen bekommen
draußen bei Lövstrand.
*Solneß*. _Die!_ Aber die soll ich ja selber bauen!
*Brovik*. Ach, Sie haben ja keine besondere Lust dazu.
*Solneß* (auffahrend). Keine Lust! Ich! Wer darf das sagen?
*Brovik*. Das sagten Sie ja selbst in diesem Augenblicke.
*Solneß*. Ach was, achten Sie nie auf das, was ich so -- _sage_. --
Kann Ragnar die Villa zu bauen bekommen?
*Brovik*. Jawohl. Er kennt ja die Familie. Und dann hat er -- nur so
zum Spaß -- Zeichnungen gemacht und Überschläge und alles
miteinander --
*Solneß*. Und die Zeichnungen, mit denen sind sie zufrieden? Die
Leute, die da wohnen sollen?
*Brovik*. Gewiß. Wenn bloß Sie sie durchsehen wollten und sie
gutheißen, dann --
*Solneß*. Dann würden sie Ragnar ihr Heim bauen lassen?
*Brovik*. Es gefiel ihnen so ausnehmend gut, das, was er draus
machen wollte. Es schiene ihnen so etwas durchaus neues, sagten sie.
*Solneß*. Aha! _Neues!_ Kein so altmodischer Plunder, wie _ich_ ihn
zu bauen pflege!
*Brovik*. Es schien ihnen etwas _anderes_.
*Solneß* (in unterdrückter Erbitterung). Ragnar war's also, zu dem
sie kamen, hier -- während ich fort war!
*Brovik*. Sie kamen, um _Sie_ zu sprechen. Und dann um zu fragen, ob
Sie vielleicht geneigt wären zurückzutreten --
*Solneß*. Zurücktreten! Ich!
*Brovik*. Im Falle Sie fänden, daß Ragnars Zeichnungen --
*Solneß*. Ich! Zurücktreten vor Ihrem Sohn!
*Brovik*. Von der Verabredung zurücktreten, meinten sie.
*Solneß*. Ach was, das kommt ja auf eins hinaus. (Er lacht
erbittert.) So, so! Halvard Solneß -- der soll jetzt anfangen
zurückzutreten! Platz machen denen, die da jünger sind. Den
Allerjüngsten vielleicht! Nur Platz machen! Platz! Platz!
*Brovik*. Du lieber Gott, da ist doch wohl Platz genug für mehr als
einen Einzigen.
*Solneß*. O so reichlicher Platz ist denn doch nicht da. Na, dem mag
nun sein wie ihm will. Aber ich trete niemals zurück! Weiche niemals
vor irgend jemand! Niemals freiwillig! Niemals bei meinen Lebzeiten
thu' ich so 'was!
*Brovik* (erhebt sich mühsam). Soll ich denn aus dem Leben gehen
ohne Zuversicht? Ohne Freude? Ohne Glauben und Vertrauen in Ragnar?
Ohne ein einziges Werk von ihm zu sehen? Soll ich das?
*Solneß* (wendet sich halb zur Seite und murmelt). Hm -- fragen Sie
doch jetzt nicht mehr.
*Brovik*. Doch. Antworten Sie mir darauf. Soll ich so ganz in Armut
aus dem Leben gehen?
*Solneß* (scheint mit sich selbst zu kämpfen; endlich sagt er mit
gedämpfter, aber fester Stimme). Sie müssen aus dem Leben gehen, wie
Sie's am besten wissen und können.
*Brovik*. Mag's denn so sein. (Er geht durchs Zimmer.)
*Solneß* (ihm nachgehend, halb verzweifelt). Ja, ich kann ja doch
nicht anders, verstehen Sie! Ich bin nun einmal so, wie ich bin! Und
umschaffen kann ich mich doch auch nicht!
*Brovik*. Nein, nein -- das können Sie wohl nicht. (Er schwankt und
bleibt am Sofatisch stehen.) Gestatten Sie, daß ich ein Glas Wasser
trinke?
*Solneß*. Bitte sehr. (Er schenkt ein und reicht ihm das Glas.)
*Brovik*. Ich danke. (Er trinkt und stellt das Glas wieder hin.)
*Solneß* (geht zur Thüre des Zeichenzimmers und öffnet sie). Ragnar
-- Sie müssen Ihren Vater nach Hause begleiten.
*Ragnar* (erhebt sich rasch).
*Ragnar* und *Kaja* (gehen ins Arbeitszimmer).
*Ragnar*. Was giebt's, Vater?
*Brovik*. Reich mir den Arm. Und jetzt gehen wir.
*Ragnar*. Jawohl. Mach du dich auch fertig, Kaja.
*Solneß*. Fräulein Fosli muß zurückbleiben. Nur einen kleinen
Augenblick. Ich habe einen Brief, der geschrieben werden muß.
*Brovik* (mit einem Blick auf Solneß). Gute Nacht. Schlafen Sie wohl
-- wenn Sie können.
*Solneß*. Gute Nacht.
*Brovik* und *Ragnar* (ab durch die Vorzimmerthüre).
Dritter Auftritt.
*Solneß*. *Kaja*.
*Kaja* (geht an das Pult hin).
*Solneß* (steht mit gesenktem Kopf rechts am Lehnstuhl).
*Kaja* (unsicher). Ist's ein Brief?
*Solneß* (kurz). Ach, keine Spur. (Er blickt sie rauh an.) Kaja!
*Kaja* (angstvoll, leise). Ja?
*Solneß* (weist befehlend mit dem Finger auf den Fußboden).
Herkommen! Gleich!
*Kaja* (zögernd). Ja.
*Solneß* (wie oben). Näher!
*Kaja* (gehorcht). Was wollen Sie von mir?
*Solneß* (blickt sie eine Weile an). Sind Sie's, der ich die
Geschichte zu verdanken habe?
*Kaja*. Nein, nein, glauben Sie das ja nicht!
*Solneß*. Aber heiraten -- das wollen Sie ja jetzt.
*Kaja* (leise). Ragnar und ich sind schon vier -- fünf Jahre
verlobt, und da --
*Solneß*. Und da meinen Sie, es muß ein Ende nehmen. Ist's nicht so?
*Kaja*. Ragnar und der Onkel sagen, ich _soll_. Und da muß ich mich
ja fügen.
*Solneß* (in sanfterem Tone). Kaja, sind Sie nicht auch, im Grunde
genommen, Ragnar ein bißchen gut?
*Kaja*. Ich war Ragnar sehr, sehr gut -- einmal. -- Ehe ich hierher
kam zu Ihnen.
*Solneß*. Aber jetzt nicht mehr? Gar nicht mehr?
*Kaja* (leidenschaftlich, faltet die Hände gegen ihn). Ach, Sie
wissen es ja, jetzt bin ich bloß einem einzigen gut! Keinem andern
in der ganzen Welt! Kann nie einem andern gut werden!
*Solneß*. Ja, so sagen Sie. Und da gehen Sie trotzdem von mir fort.
Lassen mich hier mit allem allein.
*Kaja*. Aber dürfte ich denn nicht bei Ihnen bleiben, wenn auch
Ragnar --?
*Solneß* (abweisend). Nein, nein, das läßt sich durchaus nicht
machen. Geht Ragnar weg und fängt er an, auf eigene Hand zu arbeiten,
dann hat er Sie ja selber nötig.
*Kaja* (ringt die Hände). Ach, mir kommt's vor, ich _kann_ mich von
Ihnen nicht trennen! Das ist doch so rein, rein unmöglich, kommt's
mir vor!
*Solneß*. Dann sehen Sie zu, daß Sie Ragnar die dummen Einfälle da
aus dem Kopfe bringen. Heiraten Sie ihn, soviel Sie wollen -- (Er
verändert den Ton.) Ja, das heißt -- reden Sie ihm zu, daß er hier
bleibt in seiner guten Stellung bei mir. Dann kann ich ja auch Sie
behalten, liebe Kaja.
*Kaja*. Ach ja, wie wunderschön war's, wenn sich's so machen ließe!
*Solneß* (legt ihr beide Hände um den Kopf und flüstert). Denn ich
_kann's_ ohne Sie nicht aushalten, begreifen Sie. Ich muß Sie um
mich haben. Tag aus, Tag ein.
*Kaja* (nervös hingerissen). Ach Gott! Ach Gott!
*Solneß* (drückt ihr einen Kuß aufs Haar). Kaja -- Kaja!
*Kaja* (sinkt vor ihm nieder). O wie gut sind Sie gegen mich! Wie
unsäglich gut sind Sie!
*Solneß* (heftig). Stehen Sie auf! So stehen Sie doch auf, zum --!
Mir scheint, ich höre jemand! (Er hilft ihr auf.)
*Kaja* (wankt ans Pult hin).
*Frau Solneß* (erscheint in der Thüre rechts; sie ist mager und
sieht abgehärmt aus, zeigt aber Spuren einstiger Schönheit; sie
trägt blonde Hängelocken, ist elegant, vollständig schwarz gekleidet;
sie spricht etwas langsam und mit klagender Stimme).
Vierter Auftritt.
*Die Vorigen*. *Frau Solneß*.
*Frau Solneß* (in der Thüröffnung). Halvard!
*Solneß* (dreht sich um). Ach, du bist's, liebe --?
*Frau Solneß* (mit einem Blick auf Kaja). Ich komme gewiß recht
ungelegen, kann ich mir denken.
*Solneß*. Durchaus nicht. Fräulein Fosli hat nur einen kleinen Brief
zu schreiben.
*Frau Solneß*. Jawohl, das sehe ich.
*Solneß*. Was wolltest du denn von mir, Aline?
*Frau Solneß*. Ich wollte nur sagen, daß Doktor Herdal im Eckzimmer
drinnen ist. Kommst du vielleicht auch herein, Halvard?
*Solneß* (blickt sie mißtrauisch an). Hm -- muß mich denn der Doktor
so notwendig sprechen?
*Frau Solneß*. Nein, so notwendig gerade nicht. Er kam, mir einen
Besuch zu machen. Und dann möchte er natürlich dich auch begrüßen.
*Solneß* (lacht leise). Kann mir's denken, jawohl. Na, dann mußt du
ihn bitten, sich ein wenig zu gedulden.
*Frau Solneß*. So kommst du also zu ihm herein nachher?
*Solneß*. Vielleicht. Nachher -- nachher, liebe Aline. Nach einer
kleinen Weile.
*Frau Solneß* (wieder mit einem Blick auf Kaja). Gut, vergiß es aber
ja nicht, Halvard. (Sie zieht sich zurück und schließt die Thüre.)
Fünfter Auftritt.
*Solneß*. *Kaja*.
*Kaja* (leise). Ach Gott, ach Gott -- die gnädige Frau denkt gewiß
etwas schlechtes von mir!
*Solneß*. Ach was, keinen Schein. Nicht mehr als gewöhnlich
wenigstens. Es ist aber doch am besten, wenn Sie jetzt gehen, Kaja.
*Kaja*. Ja, ja, jetzt _muß_ ich gehen.
*Solneß* (streng). Und dann bringen Sie also die andere Geschichte
da in Ordnung für mich. Hören Sie!
*Kaja*. Ach, gebe Gott, daß es nur auf mich ankäme, dann --
*Solneß*. Ich _will's_ geordnet wissen, sage ich! Und morgen soll's
geschehen!
*Kaja* (angstvoll). Geht's auf andere Weise nicht, will ich gern mit
ihm ein Ende machen.
*Solneß* (auffahrend). Ein Ende machen! Sind Sie rein toll geworden!
Wollen Sie ein Ende machen?
*Kaja* (verzweifelt). Lieber noch das. Denn ich _muß_ -- ich _muß_
bei Ihnen bleiben dürfen! Ich _kann_ nicht von Ihnen gehen! Es wäre
ja rein -- rein unmöglich!
*Solneß* (platzt heraus). Aber zum Teufel -- was wird's mit Ragnar!
Es ist ja eben Ragnar, den ich --
*Kaja* (sieht ihn mit erschreckten Augen an). Ist's hauptsächlich
wegen Ragnar, daß -- daß Sie --?
*Solneß* (faßt sich). Ach nein, keine Spur, gewiß nicht! Sie
begreifen aber auch gar nichts. (Sanft und leise.) Sie sind's
natürlich, die ich dahaben will. Allererst Sie, Kaja. Aber gerade
darum müssen Sie Ragnar zureden, daß er auch in seiner Stellung
bleibt. Na, lassen Sie es gut sein -- und jetzt gehen Sie nach Hause.
*Kaja*. Nun ja, gute Nacht also.
*Solneß*. Gute Nacht. (Indem sie sich zum Gehen anschickt.) Ach,
hören Sie mal! Sind Ragnars Zeichnungen drinnen?
*Kaja*. Ich glaube. Wenigstens bemerkte ich nicht, daß er sie
mitnahm.
*Solneß*. Dann gehen Sie hinein -- und holen Sie sie mir. Ich könnte
Sie vielleicht doch ein bißchen ansehen.
*Kaja* (erfreut). Ach, thun Sie das doch ja!
*Solneß*. Um Ihretwillen, liebe Kaja. Na, holen Sie sie mir also
geschwind, hören Sie!
*Kaja* (eilt ins Zeichenzimmer hinein, wühlt ängstlich in der
Schublade herum, holt eine Mappe hervor und bringt sie). Da sind
alle die Zeichnungen.
*Solneß*. Schön. Legen Sie sie dorthin auf den Tisch.
*Kaja* (legt die Mappe von sich). Gute Nacht also (bittend) und
denken Sie gut und lieb von mir.
*Solneß*. Ach, das thue ich ja immer. Gute Nacht, liebe kleine Kaja.
(Er blickt verstohlen nach rechts.) So gehen Sie doch!
*Frau Solneß* und *Doktor Herdal* (kommen durch die Thür rechts;
Herdal ist ein älterer, wohlbeleibter Herr mit rundem, zufriedenem
Gesicht, bartlos, hat dünnes helles Haar und trägt eine goldene
Brille).
Sechster Auftritt.
*Die Vorigen*. *Frau Solneß*. *Doktor Herdal*.
*Frau Solneß* (noch in der Thüröffnung). Halvard, jetzt kann ich den
Doktor nicht länger halten.
*Solneß*. Na, kommen Sie nur herein.
*Frau Solneß* (zu Kaja). Schon fertig mit dem Brief, Fräulein?
*Kaja* (welche die Pultlampe herunterschraubt, verwirrt). Der
Brief --?
*Solneß*. Es war nur ein ganz kurzer Brief.
*Frau Solneß*. Recht kurz muß er gewesen sein.
*Solneß*. Bitte, gehen Sie nur, Fräulein Fosli. Und dann sind Sie
morgen zu rechter Zeit wieder da.
*Kaja*. Gewiß. -- Gute Nacht, gnädige Frau. (Ab durch die
Vorzimmerthür.)
*Frau Solneß*. Du kannst recht froh sein, Halvard, daß du das
Fräulein da bekommen hast.
*Solneß*. Ja freilich. Die läßt sich zu vielerlei Dingen verwenden.
*Frau Solneß*. Es scheint so.
*Herdal*. Tüchtig in der Buchführung nebenbei?
*Solneß*. Na -- einige Übung hat sie sich immerhin angeeignet in den
zwei Jahren. Und dann ist sie gutmütig und willig zu allem, was man
von ihr verlangt.
*Frau Solneß*. Das muß allerdings eine große Annehmlichkeit sein --
*Solneß*. Das ist's auch. Besonders wenn man nicht verwöhnt ist in
dieser Beziehung.
*Frau Solneß* (mit mildem Vorwurf). Kannst du _das_ behaupten,
Halvard?
*Solneß*. Ach nein, nein, liebe Aline. Ich bitte um Verzeihung.
*Frau Solneß*. Keine Ursache. -- Also Doktor, Sie kommen nachher
wieder und trinken den Thee mit uns?
*Herdal*. Sobald ich den Krankenbesuch da gemacht habe, komme ich.
*Frau Solneß*. Sehr liebenswürdig. (Ab durch die Thüre rechts.)
Siebenter Auftritt.
*Solneß*. *Doktor Herdal*.
*Solneß*. Haben Sie Eile, Doktor?
*Herdal*. Durchaus nicht.
*Solneß*. Wir können also ein wenig miteinander plaudern?
*Herdal*. Wird mir sehr angenehm sein.
*Solneß*. Dann setzen wir uns. (Er weist dem Doktor den Platz im
Schaukelstuhl an und setzt sich selbst in den Lehnstuhl; mit einem
forschenden Blick.) Sagen Sie mir -- merkten Sie Aline etwas an?
*Herdal*. Soeben, während sie hier war, meinen Sie?
*Solneß*. Ja. Mir gegenüber. Merkten Sie etwas?
*Herdal* (lächelnd). Na, hören Sie mal -- das _mußte_ man ja wohl
merken, daß Ihre Frau -- hm --
*Solneß*. Nun?
*Herdal*. Daß Ihre Frau keine besondere Vorliebe hat für dieses
Fräulein Fosli.
*Solneß*. Weiter nichts? _Das_ habe ich schon selber bemerkt.
*Herdal*. Und ein Wunder ist es ja eigentlich nicht.
*Solneß*. Was denn?
*Herdal*. Daß sie es nicht gerade gern sieht, wenn Sie da tagtäglich
ein anderes Frauenzimmer um sich haben.
*Solneß*. Nun, darin können Sie recht haben. Und Aline auch. Aber
_das_ -- das kann nun einmal nicht anders sein.
*Herdal*. Könnten Sie sich denn nicht einen Buchhalter anschaffen?
*Solneß*. Den ersten besten Kerl? Nein, da dank' ich -- damit ist
mir nicht gedient.
*Herdal*. Aber wenn nun Ihre Frau --? So schwach, wie sie ist --
Wenn sie's nun nicht aushält, die Sache mitanzusehen?
*Solneß*. Na, dann mag's in Gottes Namen so sein -- hätt' ich
beinahe gesagt. Ich muß Kaja Fosli behalten. Kann niemand anderen
brauchen als gerade die.
*Herdal*. Niemand anderen?
*Solneß*. Nein, niemand anderen.
*Herdal* (seinen Stuhl näher rückend). Jetzt hören Sie mal, lieber
Herr Solneß. Erlauben Sie mir eine Frage ganz im Vertrauen?
*Solneß*. Bitte.
*Herdal*. Frauenzimmer, sehen Sie -- die haben in gewissen Dingen
einen verflucht feinen Spürsinn --
*Solneß*. Den haben sie. Das ist so wahr wie nur irgend etwas.
Aber --?
*Herdal*. Nun gut. Hören Sie weiter. Wenn nun Ihre Frau diese Kaja
Fosli schlechterdings nicht ausstehen kann --?
*Solneß*. Nun, was dann?
*Herdal*. Hat sie dann nicht so 'nen -- 'nen ganz winzig kleinen
Grund zu dieser unwillkürlichen Abneigung?
*Solneß* (blickt ihn an und erhebt sich). Oho!
*Herdal*. Nehmen Sie mir's nicht übel. Aber _hat_ sie das nicht?
*Solneß* (kurz und bestimmt). Nein.
*Herdal*. Nicht den allermindesten Grund also?
*Solneß*. Keinen anderen Grund als ihr eigenes Mißtrauen.
*Herdal*. Ich weiß, daß Sie in Ihrem Leben verschiedene Frauen
gekannt haben.
*Solneß*. Das leugne ich nicht.
*Herdal*. Und auch, daß Sie einzelne davon ganz gern gehabt haben.
*Solneß*. O ja, das auch.
*Herdal*. Aber in dieser Sache mit Fräulein Fosli --? Hier ist also
nichts derartiges mit im Spiele?
*Solneß*. Nein. Absolut nichts -- _meinerseits_.
*Herdal*. Aber von der andern Seite?
*Solneß*. Danach, scheint mir, haben Sie kein Recht zu fragen,
Doktor.
*Herdal*. Es war der Spürsinn Ihrer Frau, von dem wir ausgingen.
*Solneß*. Richtig. Und insofern -- (Er senkt die Stimme.) Alines
Spürsinn, wie Sie's nennen -- der hat sich denn auch gewissermaßen
erprobt.
*Herdal*. Na -- sehen Sie wohl!
*Solneß* (setzt sich). Doktor Herdal -- jetzt will ich Ihnen eine
sonderbare Geschichte erzählen. Wenn Sie sie anhören wollen, heißt
das.
*Herdal*. Sonderbare Geschichten höre ich immer gern.
*Solneß*. Nun gut. Sie entsinnen sich jedenfalls, daß ich Knut
Brovik und seinen Sohn in meinen Dienst nahm -- damals, als es mit
dem Alten so sehr bergab gegangen war.
*Herdal*. Das ist mir so ziemlich bekannt, jawohl.
*Solneß*. Denn sie sind im Grunde ein paar tüchtige Kerle, die
beiden, wissen Sie. Sie haben Anlagen, jeder auf seine Art. Da bekam
aber der Sohn den Einfall, sich zu verloben. Und nun, natürlich,
wollte er auch heiraten -- und anfangen selber zu baumeistern. Denn
alle miteinander denken sie nun einmal an solche Geschichten, die
jungen Leute.
*Herdal* (lachend). Sie haben in der That die üble Gewohnheit, daß
sie gern einander kriegen wollen.
*Solneß*. Gut. Damit konnte aber _mir_ nicht gedient sein. Denn
Ragnar hatte ich ja selber nötig. Und den Alten auch. Der ist
nämlich ausgezeichnet zu verwenden bei Berechnungen von Tragfähigkeit
und Kubikinhalt -- und all dem Teufelszeug, wissen Sie.
*Herdal*. Nun ja, das gehört wohl auch mit dazu.
*Solneß*. Allerdings. Aber Ragnar, der wollte auf eigene Hand
beginnen um jeden Preis. Da war alles Reden umsonst.
*Herdal*. Dann blieb er ja aber trotzdem bei Ihnen.
*Solneß*. Jetzt passen Sie nur auf. Eines Tages also, da kommt diese
Kaja Fosli zu ihnen herauf, um etwas auszurichten. War früher nie
hier gewesen. Und als ich sah, wie herzlich die zwei ineinander
vergafft waren, da kam mir plötzlich der Gedanke: hätte ich nur das
Mädchen hier im Bureau, dann bliebe vielleicht Ragnar auch bei mir
sitzen.
*Herdal*. Das war ein ganz erklärlicher Gedanke.
*Solneß*. Gewiß. Damals aber ließ ich keine Silbe von so etwas
fallen. Ich stand nur da und sah sie an -- und wünschte so recht
beharrlich, ich hätte sie hier. Dann sagte ich ihr ein paar
freundliche Worte -- sprach von ganz gleichgültigen Dingen. Und
darauf ging sie.
*Herdal*. Nun?
*Solneß*. Den nächsten Tag aber, zur Abendzeit, als der alte Brovik
und Ragnar heimgegangen waren, da kam sie wieder her zu mir und
benahm sich, als hätte ich mit ihr eine Abrede getroffen.
*Herdal*. Eine Abrede? Worüber?
*Solneß*. Genau über das, was ich mir nur so gewünscht hatte. Wovon
mir aber kein einziges Wort entschlüpft war.
*Herdal*. Das war recht merkwürdig.
*Solneß*. Ja, nicht wahr? Und nun wollte sie wissen, was sie hier zu
thun bekäme. Ob sie den folgenden Morgen gleich anfangen dürfte. Und
dergleichen mehr.
*Herdal*. Glauben Sie nicht, daß sie es that, um mit ihrem Bräutigam
beisammen zu sein?
*Solneß*. Anfangs war das auch _meine_ Idee. Aber nein, so verhielt
sich's nicht. _Ihm_ entglitt sie, sozusagen vollständig -- als sie
erst hierher gekommen war zu mir.
*Herdal*. Da glitt sie wohl zu Ihnen hinüber?
*Solneß*. Ganz und gar. Ich merke, daß sie es fühlt, wenn ich hinter
ihr bin und sie ansehe. Sie bebt und sie zittert, so oft ich nur in
ihre Nähe komme. Was halten Sie davon?
*Herdal*. Hm -- das läßt sich schon erklären.
*Solneß*. Nun gut, aber dann das andere? Daß sie glaubte, ich hätte
ihr gesagt, was ich bloß gewünscht und gewollt hatte -- so in aller
Stille. Inwendig. Ganz für mich. Was sagen Sie _da_zu? Können Sie
mir so etwas erklären, Herr Doktor?
*Herdal*. Nein, darauf lasse ich mich nicht ein.
*Solneß*. Das dachte ich mir im voraus. Darum habe ich bisher auch
nie davon reden wollen. Aber auf die Dauer fällt mir die Sache
verdammt lästig, begreifen Sie wohl. Da muß ich tagtäglich herumgehen
und thun, als ob ich -- Und es ist ja eine Sünde gegen das arme Ding.
(Heftig.) Aber ich _kann_ nicht anders. Denn rennt sie von mir fort
-- so macht sich auch Ragnar auf den Weg.
*Herdal*. Und Ihrer Frau haben Sie diesen ganzen Zusammenhang nie
erzählt?
*Solneß*. Nein.
*Herdal*. Du lieber Gott, warum thun Sie denn das nicht?
*Solneß* (sieht ihn fest an und sagt gedämpft). Weil's mir vorkommt
wie -- wie so eine Art wohlthuende Selbstquälerei, wenn ich mir von
Aline Unrecht geschehen lasse.
*Herdal* (schüttelt den Kopf). Davon verstehe ich kein
Sterbenswörtchen.
*Solneß*. Ja, sehen Sie -- so trage ich doch gleichsam ein bißchen
ab von einer bodenlosen, ungeheuern Schuld --
*Herdal*. Ihrer Frau gegenüber?
*Solneß*. Jawohl. Und das erleichtert ja immerhin das Gemüt ein
wenig. Dann kann man eine Weile freier aufatmen, wissen Sie.
*Herdal*. Nein, da begreif' ich, weiß Gott, kein Wort --
*Solneß* (kurz abbrechend, indem er sich aufs neue erhebt). Schon
gut -- reden wir nicht mehr davon. (Er geht nachlässigen Schrittes
durchs Zimmer, kehrt um, bleibt am Tische stehen und blickt den
Doktor mit einem launigen Lächeln an.) Jetzt, Doktor, meinen Sie
wohl, daß Sie mich recht schön aufs Glatteis geführt haben?
*Herdal* (etwas ärgerlich). Aufs Glatteis? Davon fasse ich _auch_
nicht ein Tüpfelchen, Herr Solneß.
*Solneß*. Ach, sagen Sie's nur rein heraus. Ich hab's ja doch sehr
wohl bemerkt, hören Sie!
*Herdal*. _Was_ haben Sie bemerkt?
*Solneß* (gedämpft, langsam). Daß Sie da so ganz harmlos herumgehen
und mich im Auge behalten.
*Herdal*. Ich thäte das! Du lieber Himmel, warum sollte ich denn
_das_ thun?
*Solneß*. Weil Sie glauben, daß ich -- (Aufbrausend.) Na, zum Teufel
-- weil _Sie_ von mir dasselbe glauben, was Aline glaubt!
*Herdal*. Und was glaubt denn Ihre Frau von Ihnen?
*Solneß* (sich wieder beherrschend). Sie hat angefangen, zu glauben,
ich wäre so -- wie soll ich sagen -- krank.
*Herdal*. Krank! Sie! Davon hat sie mir nie eine Silbe gesagt. Und
was sollte Ihnen denn fehlen, bester Herr Solneß?
*Solneß* (beugt sich über die Stuhllehne und flüstert). Aline geht
mit der Idee herum, ich wäre verrückt. Das ist's, was sie glaubt.
*Herdal*. Aber liebster, bester Herr Solneß --!
*Solneß*. So wahr ich lebe, sie thut's --! So ist es. Und das hat
sie auch Ihnen eingeredet. O ich versichere Sie, Doktor -- ich merke
es Ihnen nur zu deutlich an. Ich laß mich nämlich nicht so leicht
hinters Licht führen, will ich Ihnen sagen.
*Herdal* (ihn verwundert anblickend). Niemals, Herr Solneß, --
niemals ist mir der leiseste Gedanke an so etwas gekommen.
*Solneß* (mit einem ungläubigen Lächeln). So? Wirklich nicht?
*Herdal*. Nein, niemals! Und Ihrer Frau gewiß auch nie. Darauf,
glaub ich, könnte ich getrost einen Eid ablegen.
*Solneß*. Na, das sollen Sie doch lieber bleiben lassen. Denn
gewissermaßen, sehen Sie, da -- da könnte sie wohl auch Grund haben,
so was zu denken.
*Herdal*. Nein, da muß ich gestehen --!
*Solneß* (ihn unterbrechend, macht eine Handbewegung). Schon gut,
lieber Doktor -- gehen wir auf die Sache nicht näher ein. Mag jeder
seine Ansicht für sich behalten. (Er geht zu einer stillen
Leutseligkeit über.) Aber hören Sie mal, Doktor -- hm --
*Herdal*. Nun?
*Solneß*. Wenn Sie nun also nicht glauben, daß ich -- so -- krank
bin -- und verrückt -- und toll und so weiter --
*Herdal*. Was dann, meinen Sie?
*Solneß*. Dann bilden Sie sich natürlich ein, ich wäre ein
außerordentlich glücklicher Mann?
*Herdal*. Sollte das nur eine Einbildung sein?
*Solneß* (lachend). I Gott bewahre, wo wollen Sie denn hin! Denken
Sie nur -- der Baumeister Solneß zu sein! Halvard Solneß! Alle
Achtung!
*Herdal*. Nun, ich muß gestehen, _mir_ kommt's vor, als hätten Sie
ganz unglaubliches Glück gehabt.
*Solneß* (unterdrückt ein schwermütiges Lächeln). Das hab' ich auch.
In _der_ Beziehung kann ich mich nicht beklagen.
*Herdal*. Gleich anfangs, da brannte Ihnen ja die garstige alte
Räuberburg nieder. Und das war doch wirklich eine große Chance.
*Solneß* (ernst). Es war Alines Elternhaus, das da niederbrannte.
Vergessen Sie _das_ nicht.
*Herdal*. Für Ihre Frau muß es allerdings recht traurig gewesen sein.
*Solneß*. Sie hat's heute noch nicht verwunden. In all' den dreizehn,
vierzehn Jahren nicht.
*Herdal*. Das, was hinterher kam, das war wohl der schwerste Schlag
für sie.
*Solneß*. Beides miteinander.
*Herdal*. Aber Sie -- Sie selbst -- Sie schwangen sich dabei empor.
Da hatten Sie angefangen wie ein armer Bursch vom Lande -- und jetzt
stehen Sie da als der erste in Ihrem Fach. Wissen Sie was, Herr
Solneß, _Sie_ haben wahrhaftig Glück gehabt.
*Solneß* (mit einem scheuen Blick auf ihn). Jawohl, aber das ist's
ja eben, wovor mir so entsetzlich graut.
*Herdal*. Es graut Ihnen? Darum, weil Sie Glück haben?
*Solneß*. Früh und spät ist mir angst und bang. Denn einmal muß doch
wohl der Umschwung kommen, verstehen Sie.
*Herdal*. Ach was! Woher sollte der Umschwung kommen?
*Solneß* (fest und sicher). Der kommt von der Jugend.
*Herdal*. Pah! Die Jugend! _Sie_ sind doch wohl nicht abgenutzt,
sollt ich meinen. O nein -- Sie stehen jetzt so festgemauert da, wie
vielleicht niemals zuvor.
*Solneß*. Der Umschwung kommt. Ich ahne ihn. Und ich fühle, daß er
näher rückt. Irgend einer drängt sich heran mit der Forderung: Tritt
zurück vor _mir_! Und alle die andern stürmen ihm nach und drohen
und schreien: Platz gemacht -- Platz -- Platz! Jawohl, passen Sie
nur auf, Doktor. Eines Tages, da kommt die Jugend hierher und klopft
an die Thür --
*Herdal* (lachend). Na, du lieber Gott, was dann?
*Solneß*. Was dann? Ja, dann ist's aus mit dem Baumeister Solneß.
(Es klopft an die Thüre links.)
*Solneß* (zusammenfahrend). Was ist denn _das_? Hörten Sie etwas?
*Herdal*. Es klopfte jemand.
*Solneß* (laut). Herein!
*Hilde Wangel* (tritt durch die Vorzimmerthür ein; sie ist von
mittlerer Größe, geschmeidig, fein gebaut, von der Sonne ein wenig
gebräunt; Touristenanzug, das Kleid ein bißchen aufgeschürzt,
umgeschlagenen Matrosenkragen, ein Seemannshütchen auf den Kopf,
Ranzen auf dem Rücken, Plaid in einem Riemen, und mit einem langen
Bergstock).
Achter Auftritt.
*Die Vorigen*. *Hilde Wangel*.
*Hilde Wangel* (geht mit freudefunkelnden Augen auf Solneß zu).
Guten Abend!
*Solneß* (sieht sie ungewiß an). Guten Abend --
*Hilde* (lachend). Ich glaube fast, Sie erkennen mich nicht wieder!
*Solneß*. Ich muß allerdings gestehen -- so im Augenblick --
*Herdal* (nähert sich). Aber ich erkenne Sie wieder, Fräulein --
*Hilde* (vergnügt). Ach, _Sie_ sind's --!
*Herdal*. Ja freilich bin ich's. (Zu Solneß.) Wir trafen uns diesen
Sommer im Hochgebirge. (Zu Hilde.) Was wurde denn später aus den
übrigen Damen?
*Hilde*. Ach die, die gingen nachher westwärts.
*Herdal*. Denen war's gewiß nicht recht, daß wir abends den vielen
Unsinn trieben.
*Hilde*. Nein, recht wird's ihnen kaum gewesen sein.
*Herdal* (mit dem Finger drohend). Und leugnen können Sie's auch
nicht, daß Sie ein bißchen mit uns kokettierten.
*Hilde*. Das war doch wohl amüsanter als dazusitzen und Strümpfe zu
stricken mit all' den Weibern.
*Herdal* (lachend). Darin bin ich mit Ihnen vollkommen einig.
*Solneß*. Sind Sie diesen Abend angekommen?
*Hilde*. Jawohl, soeben kam ich an.
*Herdal*. Ganz allein, Fräulein Wangel?
*Hilde*. Gewiß.
*Solneß*. Wangel? Heißen Sie Wangel?
*Hilde* (sieht ihn lustig-verwundert an). Ja freilich thu' ich das.
*Solneß*. Dann sind Sie vielleicht eine Tochter vom Bezirksarzt oben
in Lysanger?
*Hilde* (wie oben). Ja, von wem sollte ich denn sonst die Tochter
sein?
*Solneß*. Nun, dann haben wir uns also da oben getroffen. Den
Sommer, als ich dort war und den Turm baute für die alte Kirche.
*Hilde* (etwas ernster). Ja freilich war's damals.
*Solneß*. Nun, das ist lange her.
*Hilde* (sieht ihn fest an). Genau zehn Jahre ist's her.
*Solneß*. Und damals waren Sie wohl ein reines Kind, mein' ich.
*Hilde* (leicht hinwerfend). Immerhin so zwölf, dreizehn Jahre alt.
*Herdal*. Ist's das erste Mal, daß Sie hier in der Stadt sind,
Fräulein Wangel?
*Hilde*. Jawohl.
*Solneß*. Und Sie kennen vielleicht niemand hier?
*Hilde*. Niemand außer Ihnen. Und dann Ihre Frau.
*Solneß*. So, _die_ kennen Sie auch?
*Hilde*. Ein klein wenig nur. Wir waren einige Tage zusammen im
Kurort --
*Solneß*. Ach, im Hochgebirge.
*Hilde*. Sie sagte, ich könnte sie besuchen, wenn ich einmal nach
der Stadt käme. (Lächelnd.) Das hätte sie übrigens nicht nötig
gehabt.
*Solneß*. Daß sie davon gar nicht gesprochen hat --
*Hilde* (stellt den Bergstock an den Ofen hin, schnallt den Ranzen
ab und legt ihn mit dem Plaid aufs Sofa).
*Herdal* (will ihr behilflich sein).
*Solneß* (steht da und sieht sie an).
*Hilde* (auf ihn zugehend). Nun, da bitt' ich also darum, diese
Nacht hier bleiben zu dürfen.
*Solneß*. Das läßt sich gewiß sehr wohl machen.
*Hilde*. Ich habe nämlich keine anderen Kleider, als die, in denen
ich gehe. Das heißt, etwas Wäsche im Ranzen habe ich auch. Die muß
aber gewaschen werden; denn sie ist so sehr schmutzig.
*Solneß*. Ach, da kann schon Abhilfe geschafft werden. Jetzt will
ich nur gleich meiner Frau --
*Herdal*. Dann mache ich meinen Krankenbesuch derweile.
*Solneß*. Thun Sie das. Und später kommen Sie doch wieder.
*Herdal* (lustig, mit einem Blick auf Hilde). Na, darauf können Sie
Ihren Kopf zum Pfand geben! (Lachend.) Sie prophezeiten dennoch
richtig, Herr Solneß!
*Solneß*. Wie so!
*Herdal*. Die Jugend kam also _doch_ und klopfte bei Ihnen an.
*Solneß* (aufgeräumt). Aber freilich auf andere Art.
*Herdal*. Allerdings. Ist nicht zu leugnen! (Ab durch die
Vorzimmerthür.)
Neunter Auftritt.
*Solneß*. *Hilde*. Dann *Frau Solneß*.
*Solneß* (öffnet die Thüre rechts und spricht ins Seitenzimmer
hinein). Aline! Sei so gut und komm' herein. Es ist ein Fräulein
Wangel da, die du kennst.
*Frau Solneß* (erscheint in der Thüröffnung). _Wer_ ist da, sagst
du? (Sie erblickt Hilde.) Ach, Sie sind es, Fräulein? (Sie nähert
sich und reicht ihr die Hand.) So sind Sie dennoch nach der Stadt
gekommen.
*Solneß*. Fräulein Wangel ist soeben angekommen. Und da möchte sie
gern die Nacht über hierbleiben.
*Frau Solneß*. Hier bei uns? Mit Vergnügen.
*Solneß*. Um Ihre Sachen ein wenig auszubessern, verstehst du.
*Frau Solneß*. Ich werde mich Ihrer annehmen, so gut ich kann. Das
ist ja nur meine Pflicht. Ihr Koffer kommt wohl nach?
*Hilde*. Ich habe keinen Koffer.
*Frau Solneß*. Nun, das läßt sich schon ordnen, will ich hoffen.
Jetzt müssen Sie aber hier bei meinem Mann vorlieb nehmen solange.
Dann sorge ich inzwischen dafür, daß Ihnen ein Zimmer etwas
behaglich hergerichtet wird.
*Solneß*. Könnten wir nicht eine von den Kinderstuben nehmen? _Die_
sind ja vollständig bereit.
*Frau Solneß*. Das ginge wohl an. _Dort_ haben wir mehr als genug
Platz. (Zu Hilde.) Setzen Sie sich doch und ruhen Sie sich ein
bißchen aus. (Ab nach rechts.)
Zehnter Auftritt.
*Solneß*. *Hilde Wangel*.
*Hilde* (schlendert, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer herum und
sieht bald dieses, bald jenes an).
*Solneß* (steht vorn am Tisch, ebenfalls die Hände auf dem Rücken,
und folgt ihr mit den Augen).
*Hilde* (bleibt stehen und sieht ihn an). Haben denn Sie mehrere
Kinderstuben?
*Solneß*. Drei Kinderstuben sind im Hause.
*Hilde*. Ist's möglich? Dann haben Sie wohl schrecklich viele Kinder?
*Solneß*. Nein. Wir haben keine Kinder. Aber jetzt können ja Sie
hier das Kind sein einstweilen.
*Hilde*. Für diese Nacht, ja. Ich werde nicht schreien. Ich will
versuchen zu schlafen wie ein Stein.
*Solneß*. Sie müssen in der That sehr müde sein, denk ich mir.
*Hilde*. O nein! Aber trotzdem -- Es ist nämlich so furchtbar schön,
so dazuliegen und zu träumen.
*Solneß*. Träumen Sie oft so in der Nacht?
*Hilde*. Jawohl! Fast immer.
*Solneß*. Wovon träumen Sie denn _meistens_?
*Hilde*. Das sag ich heut Abend nicht. Ein anderes Mal --
vielleicht. (Sie schlendert wieder durchs Zimmer, bleibt am Pulte
stehen und wühlt ein wenig in den Büchern und Papieren herum.)
*Solneß* (nähert sich). Suchen Sie etwas?
*Hilde*. Nein, ich sehe mir nur das alles an. (Sie dreht sich um).
Es ist vielleicht nicht erlaubt?
*Solneß*. O bitte.
*Hilde*. Sind Sie's, der in dem großen Protokollbuch schreibt?
*Solneß*. Nein, das thut die Buchhalterin.
*Hilde*. Ein Frauenzimmer?
*Solneß* (lächelnd). Ja freilich.
*Hilde*. So eine, die Sie hier bei sich haben?
*Solneß*. Gewiß.
*Hilde*. Ist die verheiratet?
*Solneß*. Nein, es ist ein Fräulein.
*Hilde*. Ah so.
*Solneß*. Aber jetzt heiratet sie wahrscheinlich bald.
*Hilde*. Um so besser für das Fräulein.
*Solneß*. Aber nicht eigentlich für mich. Dann hab ich nämlich
niemand da, um mir zu helfen.
*Hilde*. Könnten Sie denn keine andere finden, die ebenso gut wäre.
*Solneß*. Vielleicht möchten _Sie_ hier bleiben und -- und ins
Protokollbuch schreiben?
*Hilde* (sieht ihn von oben bis unten an). Da kommen Sie schön an!
Nein, ich danke -- davon wollen wir nichts wissen. (Sie schlendert
wieder durchs Zimmer und setzt sich in den Schaukelstuhl.)
*Solneß* (geht ebenfalls an den Tisch heran).
*Hilde* (gleichsam fortfahrend). Denn hier kann man sich wohl auf
andere Art zu schaffen machen, als mit so etwas. (Sie sieht ihn
lächelnd an). Meinen Sie nicht auch?
*Solneß*. Versteht sich. Vor allem da wollen Sie natürlich Einkäufe
machen und sich recht schön herausputzen.
*Hilde* (lustig). Nein, _das_, glaub ich, laß ich lieber bleiben.
*Solneß*. So?
*Hilde*. Jawohl; ich habe nämlich mein ganzes Geld durchgebracht,
müssen Sie wissen.
*Solneß* (lachend). Weder Koffer noch Geld also!
*Hilde*. Keines von beiden. Aber ich pfeif drauf -- mir kann's jetzt
gleich sein.
*Solneß*. Sehen Sie, _das_ gefällt mir so recht an Ihnen.
*Hilde*. Nur das?
*Solneß*. Das eine mit dem andern. (Er setzt sich in den Lehnstuhl.)
Lebt Ihr Vater noch?
*Hilde*. Jawohl, der Vater lebt.
*Solneß*. Und jetzt gedenken Sie vielleicht hier zu studieren?
*Hilde*. Nein, die Idee ist mir nicht gekommen.
*Solneß*. Aber Sie bleiben doch hier einige Zeit, hoffe ich?
*Hilde*. Das hängt von den Umständen ab. (Sie sitzt eine Weile da
und blickt ihn, während sie sich schaukelt, halb ernsthaft, halb mit
unterdrücktem Lächeln an; darauf nimmt sie den Hut ab und legt ihn
vor sich auf den Tisch.) Baumeister?
*Solneß*. Ja?
*Hilde*. Sind etwa Sie sehr vergeßlich?
*Solneß*. Vergeßlich? Nicht daß ich wüßte.
*Hilde*. Aber wollen Sie denn _gar_ nicht mit mir reden von dem, was
da droben vorfiel?
*Solneß* (einen Augenblick stutzig). Da droben in Lysanger?
(Gleichgültig.) Nun, darüber ist doch nicht viel zu reden, scheint
mir.
*Hilde* (sieht ihn vorwurfsvoll an). Wie können Sie nur so was sagen!
*Solneß*. Nun, dann reden Sie zu _mir_ darüber.
*Hilde*. Als der Turm fertig war, da hatten wir eine große Feier in
der Stadt.
*Solneß*. Ja, _den_ Tag vergesse ich nicht so leicht.
*Hilde* (lächelnd). Nicht? Das ist aber schön von Ihnen!
*Solneß*. Schön?
*Hilde*. Auf dem Kirchhof gab's Musik. Und viele, viele hundert
Menschen. Wir Schulmädchen waren weiß gekleidet. Und alle
miteinander hatten wir Fahnen.
*Solneß*. Ach ja, die Fahnen -- deren erinnere ich mich nur zu gut!
*Hilde*. Dann stiegen Sie geradeswegs am Gerüst empor. Direkt hinauf
bis zur allerobersten Stelle. Und einen großen Kranz hatten Sie mit.
Und den hängten Sie auf ganz oben am Wetterhahn.
*Solneß* (kurz abbrechend). Ich war's damals so gewohnt. Das ist
nämlich ein alter Brauch.
*Hilde*. Es war so wundervoll spannend, da unten zu stehen und zu
Ihnen hinaufzublicken. Denkt nur, wenn er jetzt abstürzte! Er --
der Baumeister selber!
*Solneß* (gleichsam ablenkend). Na, das hätte auch leicht geschehen
können. Denn eine von den weißgekleideten Teufelsmädchen da -- die
gebärdete sich so wild und schrie so zu mir hinauf --
*Hilde* (freudestrahlend). »Es lebe der Baumeister Solneß!« Jawohl!
*Solneß*. Und schwenkte ihre Fahne so unsinnig hin und her -- daß
mir ganz wirr im Kopfe wurde vom Ansehen.
*Hilde* (leiser, ernsthaft). Das Teufelsmädel -- das war ich!
*Solneß* (richtet die Augen starr auf sie). Davon bin ich jetzt
überzeugt. Das _müssen_ Sie gewesen sein.
*Hilde* (wieder lebhaft). Es war ja so entsetzlich schön und
spannend. Ich konnte mir nicht denken, daß es in der ganzen Welt
einen Baumeister gebe, der einen so ungeheuer hohen Turm bauen
könnte. Und dann, daß Sie selber droben standen, an der
allerobersten Spitze! Ein wirklicher lebendiger Mensch! Und daß
Ihnen gar nicht ein bißchen schwindlig wurde! Das war's eigentlich,
wovor einem am allermeisten -- so -- schwindelte.
*Solneß*. Woher wußten Sie denn so sicher, daß mir nicht --
*Hilde* (abwehrend). O nein! Pfui! Das sagte mir mein Inneres. Denn
sonst hätten Sie ja oben nicht singen können.
*Solneß* (sie verwundert anblickend). Singen? Ich hätte gesungen?
*Hilde*. Ja, das thaten Sie doch wirklich.
*Solneß* (schüttelt den Kopf). Ich habe nie einen Ton gesungen in
meinem Leben.
*Hilde*. Doch. Damals sangen Sie. Es hörte sich an wie Harfen hoch
oben.
*Solneß* (gedankenvoll). Es ist doch etwas recht wunderliches --
diese ganze Geschichte.
*Hilde* (schweigt eine Weile, sieht ihn an und sagt gedämpft). Aber
dann -- nachher -- da kam ja das _richtige_.
*Solneß*. Das richtige?
*Hilde* (funkelnd lebhaft). Ja, _daran_ brauch ich Sie wohl nicht zu
erinnern?
*Solneß*. O doch, erinnern Sie mich _daran_ auch ein wenig.
*Hilde*. Entsinnen Sie sich nicht, daß für Sie ein großes Diner war
im Klub?
*Solneß*. Gewiß. Das muß denselben Nachmittag gewesen sein. Denn den
Morgen darauf reiste ich ab.
*Hilde*. Und vom Klub her waren Sie zu uns für den Abend geladen.
*Solneß*. Das ist ganz richtig, Fräulein Wangel. Merkwürdig, wie gut
Sie sich alle die Kleinigkeiten eingeprägt haben.
*Hilde*. Kleinigkeiten! _Sie_ sind aber köstlich! War das auch
vielleicht eine Kleinigkeit, daß ich _allein_ war in der Stube, als
Sie kamen?
*Solneß*. Waren _Sie_ das also?
*Hilde* (ohne ihm zu antworten). Damals nannten Sie mich nicht
Teufelsmädel.
*Solneß*. Nein, das that ich hoffentlich nicht.
*Hilde*. Sie sagten, ich wäre wunderschön in dem weißen Kleide. Und
daß ich aussähe wie eine kleine Prinzessin.
*Solneß*. Das thaten Sie gewiß auch, Fräulein Wangel. Und nebenbei
-- so leicht und frei, wie ich mich an dem Tage fühlte --
*Hilde*. Und dann sagten Sie, wenn ich erst groß wäre, sollte ich
_Ihre_ Prinzessin sein.
*Solneß* (lacht ein wenig). Ei, ei -- sagte ich das auch?
*Hilde*. Jawohl, das thaten Sie. Und als ich dann fragte, wie lange
ich warten sollte, da sagten Sie, Sie kämen in zehn Jahren wieder --
wie ein Unhold -- und entführten mich. Nach Spanien oder irgend so
einem Lande. Und dort würden Sie mir ein Königreich kaufen,
versprachen Sie.
*Solneß* (wie oben). Ja, nach einem guten Diner geht man immer sehr
flott mit dem Gelde um. Aber _sagte_ ich denn das alles?
*Hilde* (lacht leise). Freilich. Und Sie sagten auch, wie das
Königreich heißen sollte.
*Solneß*. Nun --?
*Hilde*. Es sollte das Königreich Apfelsinia heißen.
*Solneß*. Nun, das war ja ein appetitlicher Name.
*Hilde*. Mir gefiel er aber gar nicht. Denn es war ja, als ob Sie
sich über mich lustig machen wollten.
*Solneß*. Das war aber doch gewiß nicht meine Absicht.