V. Die Abschaffung des Adels.

Man hat Ihnen, meine Herren, sehr umständlich erzählt, was

sich der deutsche Adel (von Hochverrath bis zu eigenliebiger

Stipendienvertheilung, Kleidern und Mittagsessen) hat zu Schulden

kommen lassen. Es würde mir leicht sein, diesem Sündenverzeichnisse

noch Unzähliges hinzuzufügen; dann aber auch einige Sitzungen mit

Aufzählung wahrer Großthaten deutscher Edelleute anzufüllen. Dies Alles

gehört jedoch in geschichtliche Vorlesungen und wäre, meines Erachtens,

hier bloßer Zeitverlust.

Mein Glaubensbekenntniß über diesen Gegenstand enthält nur zwei kurze

Bestimmungen: gesetzliche Vorrechte des Adels sind (wo sie noch

bestehen) nicht mehr aufrecht zu halten, und müssen schon deshalb

abgeschafft werden; um alles Übrige hat sich Niemand, und auch diese

hohe Versammlung gar nicht zu bekümmern.

In Wahrheit begreife ich aber nicht, was, nach Abschaffung aller

Adelsvorrechte, +ein Gesetzgeber+ sich noch unter Abschaffung des

Adels denken kann? Ich habe die Ehre (oder, wie Andere sagen, die

Schmach), aus einer alten, reichsadeligen Familie abzustammen, wüßte

aber nicht, welche +Rechte+ mir deshalb im Preußischen zuständen,

die man abschaffen, oder welche ich (sei es auch nur für ein

Linsengericht) verkaufen könnte. -- Man entgegnet: „Du sollst dich

nicht +von+ Raumer nennen, dein Wappen fortwerfen“ u. dgl. Wie könnten

denn aber hierauf bezügliche Gesetze wohl vollzogen werden? Will man

Geldstrafen, Gefängnißstrafen, öffentlichen Tadel, höhnische Rügen

darauf setzen, und auch Diejenigen zur Untersuchung ziehen, welche etwa

in Briefaufschriften oder Gesprächen jene verbotene Präposition +von+

gebrauchen?

Gesetze der vorgeschlagenen Art machen mehr den Gesetzgeber lächerlich,

der sich über Kleinigkeiten ereifert und Unausführbares befiehlt,

als Den, welcher eitel Gewicht legt auf unbedeutende Dinge. Diese

gewinnen aber in dem Augenblicke Bedeutung, wo man sie mit Gewalt

nehmen oder verbieten will; und der Widerspruch, die Reaction (welche

man thöricht und um nichts und wieder nichts hervorruft) richtet sich

wider Diejenigen welche glauben, Andenken, Erinnerungen, Vorfahren

und Geschichte mit einem Federstriche auslöschen zu können. Das ist

so wenig möglich bei bürgerlichen wie bei adeligen Familien, wie die

eifrigen, antiadeligen Gesetzgeber aus Tieck’s Novelle „die Adelsprobe“

lernen könnten.

Diese wenigen Worte mögen genügen in Bezug auf die Adelsverhältnisse

Deutschlands und Europas; da man jedoch auf Nordamerika hingewiesen

hat, fühle ich mich veranlaßt (aus eigener Anschauung, und mit den

Worten eines gleichgesinnten Reisegefährten) noch Einiges hinzuzufügen.

Es giebt in den Vereinigten Staaten allerdings keinen Erbadel, und man

hatte weder Grund, noch Veranlassung, ihn einzuführen. Es wäre indessen

sehr irrig zu glauben, die den Menschen natürliche Neigung nach

Auszeichnung komme dort gar nicht zum Vorschein.

Abgesehen von der ärgsten Aristokratie, der des Freien gegen den

Sklaven, und von der anscheinend noch schwerer zu vertilgenden des

Weißen gegen den Farbigen und Schwarzen, hört man noch oft von

Aristokratien anderer Art sprechen. In Virginien wurden in einem

großen Turnier die Anwesenden mit der Anrede begrüßt, sie sollten

sich erinnern daß die Väter ihrer Väter die Kreuzzüge unter Richard

Löwenherz mitgemacht hätten; gar mancher Virginier ist stolz darauf,

daß er von jenen ritterlichen Cavalieren abstammt, die zu Elisabeth’s

Zeit und später ihr Glück in der neuen Welt versuchten, und er sieht

mit Stolz auf die Hausirer und Kaufleute des Nordens herab. In Neuyork

spricht man von einer doppelten Aristokratie: von einer, abstammend

aus alten angesessenen Familien, zum großen Theil aus holländischem

Geblüte, oft ohne viel Geld, und gleichwohl noch jetzt geachtet und

geschätzt; und von einer anderen, der sogenannten Pilz- (~mushroom~)

Aristokratie, durch neu erworbenen Reichthum emporgeschossen, ohne viel

Erziehung, aber in allem Glanze des europäischen Luxus lebend. Wie man

wohl bei uns von einer ~crême~ der ~haute volée~ hört, hieß es bei

Gelegenheit eines Balles, den die jungen Schüler der Militairakademie

in Westpoint gaben, in den Zeitungen: es hätte sich aus Neuyork die

Elite der Aristokratie eingefunden. In Boston hinwiederum bildet

sich die Aristokratie besonders viel auf ihre Bildung ein, indem sie

gleichzeitig äußerlich in allen Formen des hohen englischen Adels lebt.

Eine Dame in Boston äußerte, sie hätten so gut Standesunterschiede wie

in Europa; und Dickens (auf den man damals wegen seiner amerikanischen

Noten noch sehr böse war) hätte offenbar in die aristokratischen

Zirkel, in die er in Folge seiner Empfehlungsbriefe zufällig gekommen,

nicht gepaßt; man hätte ihm und besonders seiner Frau recht gut

angemerkt, daß sie sich in England nur in niedriger Gesellschaft bewegt

hätten. -- Die erste aller Aristokratien in Amerika bleibt aber die des

Geldes. Einer der ersten Staatsmänner und jetzigen Minister, Buchanan

aus Lancaster in Pennsylvanien, sagt einmal im Congreß: „Geld, Geld und

wieder Geld verleiht die höchste Auszeichnung in der Gesellschaft; die

größten Talente, vom reinsten Patriotismus geleitet, sittlicher Werth,

literarischer Ruhm, kurz jede Eigenschaft welche Auszeichnung verleihen

sollte, sinkt im Vergleiche mit Reichthum in nichts. In unseren großen

Handelsorten ist Geld gleichbedeutend mit einem Adelstitel. Wir sind

weit abgewichen von den mäßigen Gewohnheiten und einfachen Sitten

unserer Vorväter, und doch sind diese die einzigen Grundsteine, auf

denen unsere republikanischen Einrichtungen ruhen können. Die Begierde,

eine prunkende Schaustellung des schnell erworbenen Reichthums zu

machen, hat einen Glanz und einen gränzenlosen Aufwand hervorgebracht,

wie er in früheren Zeiten unbekannt war. Mit Ausnahme des reichen

mächtigen Adels von England, habe ich in keinem Theile der Welt

solche Verschwendung und solchen Luxus gesehen, als in unseren großen

Handelsstädten.“ In einem Ausschußberichte der Neuyorker gesetzgebenden

Versammlung heißt es sogar: „Von allen Aristokratien knechtet keine ein

Volk vollständiger, als die des Geldes.“

So viel zum Beweise, daß mit der Abschaffung des Erbadels und

aller seiner Vorrechte, noch nicht die Möglichkeit aufgehoben ist

Aristokratien anderer, ebenfalls schädlicher Art, emporkeimen zu sehen.

Ja, deren Mißbräuche dürften durch Gesetze noch schwerer zu vertilgen

sein, als die des ausgearteten oder ohnmächtig gewordenen Erbadels!

Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (2/2) · 第 19 / 21 题