Man hat Ihnen, meine Herren, sehr umständlich erzählt, was
sich der deutsche Adel (von Hochverrath bis zu eigenliebiger
Stipendienvertheilung, Kleidern und Mittagsessen) hat zu Schulden
kommen lassen. Es würde mir leicht sein, diesem Sündenverzeichnisse
noch Unzähliges hinzuzufügen; dann aber auch einige Sitzungen mit
Aufzählung wahrer Großthaten deutscher Edelleute anzufüllen. Dies Alles
gehört jedoch in geschichtliche Vorlesungen und wäre, meines Erachtens,
hier bloßer Zeitverlust.
Mein Glaubensbekenntniß über diesen Gegenstand enthält nur zwei kurze
Bestimmungen: gesetzliche Vorrechte des Adels sind (wo sie noch
bestehen) nicht mehr aufrecht zu halten, und müssen schon deshalb
abgeschafft werden; um alles Übrige hat sich Niemand, und auch diese
hohe Versammlung gar nicht zu bekümmern.
In Wahrheit begreife ich aber nicht, was, nach Abschaffung aller
Adelsvorrechte, +ein Gesetzgeber+ sich noch unter Abschaffung des
Adels denken kann? Ich habe die Ehre (oder, wie Andere sagen, die
Schmach), aus einer alten, reichsadeligen Familie abzustammen, wüßte
aber nicht, welche +Rechte+ mir deshalb im Preußischen zuständen,
die man abschaffen, oder welche ich (sei es auch nur für ein
Linsengericht) verkaufen könnte. -- Man entgegnet: „Du sollst dich
nicht +von+ Raumer nennen, dein Wappen fortwerfen“ u. dgl. Wie könnten
denn aber hierauf bezügliche Gesetze wohl vollzogen werden? Will man
Geldstrafen, Gefängnißstrafen, öffentlichen Tadel, höhnische Rügen
darauf setzen, und auch Diejenigen zur Untersuchung ziehen, welche etwa
in Briefaufschriften oder Gesprächen jene verbotene Präposition +von+
gebrauchen?
Gesetze der vorgeschlagenen Art machen mehr den Gesetzgeber lächerlich,
der sich über Kleinigkeiten ereifert und Unausführbares befiehlt,
als Den, welcher eitel Gewicht legt auf unbedeutende Dinge. Diese
gewinnen aber in dem Augenblicke Bedeutung, wo man sie mit Gewalt
nehmen oder verbieten will; und der Widerspruch, die Reaction (welche
man thöricht und um nichts und wieder nichts hervorruft) richtet sich
wider Diejenigen welche glauben, Andenken, Erinnerungen, Vorfahren
und Geschichte mit einem Federstriche auslöschen zu können. Das ist
so wenig möglich bei bürgerlichen wie bei adeligen Familien, wie die
eifrigen, antiadeligen Gesetzgeber aus Tieck’s Novelle „die Adelsprobe“
lernen könnten.
Diese wenigen Worte mögen genügen in Bezug auf die Adelsverhältnisse
Deutschlands und Europas; da man jedoch auf Nordamerika hingewiesen
hat, fühle ich mich veranlaßt (aus eigener Anschauung, und mit den
Worten eines gleichgesinnten Reisegefährten) noch Einiges hinzuzufügen.
Es giebt in den Vereinigten Staaten allerdings keinen Erbadel, und man
hatte weder Grund, noch Veranlassung, ihn einzuführen. Es wäre indessen
sehr irrig zu glauben, die den Menschen natürliche Neigung nach
Auszeichnung komme dort gar nicht zum Vorschein.
Abgesehen von der ärgsten Aristokratie, der des Freien gegen den
Sklaven, und von der anscheinend noch schwerer zu vertilgenden des
Weißen gegen den Farbigen und Schwarzen, hört man noch oft von
Aristokratien anderer Art sprechen. In Virginien wurden in einem
großen Turnier die Anwesenden mit der Anrede begrüßt, sie sollten
sich erinnern daß die Väter ihrer Väter die Kreuzzüge unter Richard
Löwenherz mitgemacht hätten; gar mancher Virginier ist stolz darauf,
daß er von jenen ritterlichen Cavalieren abstammt, die zu Elisabeth’s
Zeit und später ihr Glück in der neuen Welt versuchten, und er sieht
mit Stolz auf die Hausirer und Kaufleute des Nordens herab. In Neuyork
spricht man von einer doppelten Aristokratie: von einer, abstammend
aus alten angesessenen Familien, zum großen Theil aus holländischem
Geblüte, oft ohne viel Geld, und gleichwohl noch jetzt geachtet und
geschätzt; und von einer anderen, der sogenannten Pilz- (~mushroom~)
Aristokratie, durch neu erworbenen Reichthum emporgeschossen, ohne viel
Erziehung, aber in allem Glanze des europäischen Luxus lebend. Wie man
wohl bei uns von einer ~crême~ der ~haute volée~ hört, hieß es bei
Gelegenheit eines Balles, den die jungen Schüler der Militairakademie
in Westpoint gaben, in den Zeitungen: es hätte sich aus Neuyork die
Elite der Aristokratie eingefunden. In Boston hinwiederum bildet
sich die Aristokratie besonders viel auf ihre Bildung ein, indem sie
gleichzeitig äußerlich in allen Formen des hohen englischen Adels lebt.
Eine Dame in Boston äußerte, sie hätten so gut Standesunterschiede wie
in Europa; und Dickens (auf den man damals wegen seiner amerikanischen
Noten noch sehr böse war) hätte offenbar in die aristokratischen
Zirkel, in die er in Folge seiner Empfehlungsbriefe zufällig gekommen,
nicht gepaßt; man hätte ihm und besonders seiner Frau recht gut
angemerkt, daß sie sich in England nur in niedriger Gesellschaft bewegt
hätten. -- Die erste aller Aristokratien in Amerika bleibt aber die des
Geldes. Einer der ersten Staatsmänner und jetzigen Minister, Buchanan
aus Lancaster in Pennsylvanien, sagt einmal im Congreß: „Geld, Geld und
wieder Geld verleiht die höchste Auszeichnung in der Gesellschaft; die
größten Talente, vom reinsten Patriotismus geleitet, sittlicher Werth,
literarischer Ruhm, kurz jede Eigenschaft welche Auszeichnung verleihen
sollte, sinkt im Vergleiche mit Reichthum in nichts. In unseren großen
Handelsorten ist Geld gleichbedeutend mit einem Adelstitel. Wir sind
weit abgewichen von den mäßigen Gewohnheiten und einfachen Sitten
unserer Vorväter, und doch sind diese die einzigen Grundsteine, auf
denen unsere republikanischen Einrichtungen ruhen können. Die Begierde,
eine prunkende Schaustellung des schnell erworbenen Reichthums zu
machen, hat einen Glanz und einen gränzenlosen Aufwand hervorgebracht,
wie er in früheren Zeiten unbekannt war. Mit Ausnahme des reichen
mächtigen Adels von England, habe ich in keinem Theile der Welt
solche Verschwendung und solchen Luxus gesehen, als in unseren großen
Handelsstädten.“ In einem Ausschußberichte der Neuyorker gesetzgebenden
Versammlung heißt es sogar: „Von allen Aristokratien knechtet keine ein
Volk vollständiger, als die des Geldes.“
So viel zum Beweise, daß mit der Abschaffung des Erbadels und
aller seiner Vorrechte, noch nicht die Möglichkeit aufgehoben ist
Aristokratien anderer, ebenfalls schädlicher Art, emporkeimen zu sehen.
Ja, deren Mißbräuche dürften durch Gesetze noch schwerer zu vertilgen
sein, als die des ausgearteten oder ohnmächtig gewordenen Erbadels!