2) Welches sind die Gründe der Langsamkeit und Verzögerung?

3) Taugt das vorgeschlagene Mittel zur Beseitigung der obwaltenden

Mängel?

Das Gesetz hat 48 Absätze, deren Wichtigkeit allerdings nicht gleich

groß ist; wenn man indeß bisweilen zwei in einer Sitzung annehmen

dürfte, so wird andererseits mancher einzelne schwierige Satz zwei

Sitzungen ausfüllen oder erfordern. Rechnen wir deshalb auf jeden

Satz im Durchschnitt 1½ Sitzung, so macht dies 72 Sitzungen, oder

(je nachdem man wöchentlich 4 oder 3 Sitzungen verwendet) 18 oder 24

Wochen. -- Dies ist, nach den bisherigen Erfahrungen und bei dem

bisherigen Verfahren, die kürzeste zur Lösung der Aufgabe erforderliche

Zeit.

Untersuchen wir jetzt, welche Mängel diese Langsamkeit des

Fortschrittes herbeiführen? Sie liegen großentheils in der bisherigen

Redeordnung und der bisherigen Redeweise. Ich will nicht erörtern,

woher es kommt und ob es nützlich ist, daß gewisse Personen unzählige

Male die Rednerbühne besteigen, andere dagegen (trotz ihrem Bemühen)

nie zu Worte kommen; ich enthalte mich aller Vorschläge, wie dieser

Übelstand beseitigt werden könnte.

Hingegen muß ich auf einen anderen Punkt etwas genauer eingehen. Man

klagt nämlich, unsere politischen Parteien seien noch nicht gehörig

organisirt. Dieser Vorwurf ist in soweit vollkommen richtig, daß es

oft an der politischen Klugheit fehlt, die Mißgriffe vermeidet, welche

Gleichgesinnte trennen, und Gegnern den Sieg in die Hände spielen. Ein

solcher Mißgriff war z. B. der Antrag wegen des Cölibates.

Andererseits erscheint es nur von einem einseitigen, untergeordneten

Standpunkte wünschenswerth, so scharf entgegengesetzte Parteiungen

herbeizuwünschen, daß alle Vermittelung unmöglich wird. Dann ist

allein von Siegen oder Niederlagen die Rede, nicht aber von einem

versöhnenden Frieden; dann werden die Schwachen verknechtet auf das

Glaubensbekenntniß einer Partei, unabhängige freie Geister aber nicht

geduldet, sondern als gesinnungslos bezeichnet.

Man erinnert mich daran: daß schon Solon gefordert habe, jeder Bürger

solle Partei ergreifen. Allerdings, aber nicht in jenem Sinne: er

wollte nur, und mit Recht, keine bürgerliche und politische Feigheit

und Richtigkeit dulden. Nun gehört aber oft mehr Muth, sowie mehr

Festigkeit der Gesinnung und Überzeugung dazu, sich auf eigene Füße zu

stellen, als sich im Schlepptau einer politischen Partei fortschwemmen

zu lassen. Ein Mann, der, wie der edle Wilberforce, seine Seele

keiner Partei unbedingt verschreiben wollte, sondern (nach vollster

Überzeugung) bald für, bald gegen Pitt stimmte, ist deshalb von Niemand

getadelt, er ist vielmehr geachtet worden.

Wenn nun unsere Verhältnisse die Deutschen und ihre Abgeordneten noch

nicht in zwei unbedingt feindliche Lager getrennt haben, so sehe ich

darin ein Glück. Ich sehe hingegen darin einen Irrthum, oder eine

Übereilung, die Zahl und die Abwechslung der Reden, nach zwei, drei,

vier oder mehr willkürlich abgegränzten Parteien zu bestimmen. Auch

dürfte es nicht folgerecht sein, den Parteien, welche der Zahl nach

sehr verschieden sind, gleich viel Reden zuzuweisen, einzeln stehenden

Männern aber hiedurch mittelbar das Wort abzuschneiden und sie als

schlechte Auswüchse unberücksichtigt zu lassen. Wenigstens stimmt

dies nicht mit der Ansicht und dem Beschlusse, daß Fragestellungen

(neudeutsch Interpellationen genannt) auch Einzelnen verstattet wurden.

Wenn ich es also für unzeitig halte, die Deutschen durch künstliche

Säuren und Salze chemisch-politisch zu trennen, soll sich doch ein

Einzelner (er gehöre zu einer bestimmten Partei oder nicht) keineswegs

mit Reden vordrängen, sondern da schweigen, wo er nichts wahrhaft Neues

und Belehrendes zu sagen weiß. Oder wenn Kopf und Herz, wenn Rücksicht

auf Wähler und Publikum, oder Eitelkeit auf die Rednerbühne treiben, so

sollte doch Jeder sich der bloßen Phrasen, Redensarten und Stichwörter

enthalten, nicht hiedurch nach geringhaltigem Beifall streben und

einsehen lernen, daß kurz und zur Sache reden die einzige für uns

heilsame Beredtsamkeit ist.

Ein Abgeordneter verließ, nachdem ein Redner seine Rede begonnen hatte,

die Paulskirche, badete im Main, aß zu Mittag, kehrte zurück in die

Versammlung, und hörte dann noch 25 Minuten denselben Redner. Wenn

diese nutzlose, langweilige Langrednerei nicht aufhört, brauchen wir

für das Gesetz über die Grundrechte nicht 24, sondern 48 Wochen.

In vielen Wahlversammlungen und im Repräsentantenhause zu Washington

ist zur Minderung dieser Redekrankheit eine bestimmte Zeit

vorgeschrieben worden, über welche hinaus kein Redner sprechen darf.

Werden wir ähnliche Zwangsmittel ergreifen müssen? Oder soll man,

da jedes gesprochene Wort (wie berechnet ward) dem edeln deutschen

Volke 35 Kreuzer kostet, jeden Redner bezahlen lassen, was über einen

bestimmten, erlaubten Kostenbetrag hinausgeht?

Herr Schoder muß diese Redekrankheit für unheilbar halten, denn er

schlägt hiegegen das Mittel vor: die Abgeordneten in Pythagoräer zu

verwandeln, das heißt ihnen unbedingtes Schweigen aufzulegen und die

Redefreiheit lediglich in die Ausschüsse zu verweisen. Ähnlicherweise

war in der französischen, sogenannten Direktorialverfassung nur dem

Rathe der 500 das Reden verstattet, der Rath der Alten aber zum

Schweigen verurtheilt.

Dies radikale Mittel (wie der Antragsteller es selbst nennt) ist

schlimmer als das Übel, und erinnert daran, daß einseitige Übereilung

ebenso verderblich wirkt, als ungebührliche Verzögerung. Die Zeit ist

nicht das Maß von einem guten Werke, und es bleibt ein Irrthum daß

wir eiligst alle, so höchst wichtige und mannigfaltige Grundrechte

feststellen und bekannt machen müßten, um nicht das Vertrauen des

Volkes zu verlieren. Meine Herren! Wir würden das Vertrauen noch weit

mehr und sicherer einbüßen, Mißvergnügen und Ungehorsam hervorrufen,

wenn sich ergeben sollte, daß unser Werk durch falsche Beschleunigung

sehr mangelhaft geworden wäre. Die Engländer haben die Geduld nicht

verloren, als ihre (nur +einen+ wichtigen Punkt behandelnde) Reformbill

erst nach zwei Jahren zu Stande kam.

Mit Recht erinnerte der Herr Antragsteller daran: man solle, um

große Reformen zu Stande zu bringen, nicht die Zeit der Begeisterung

ungenutzt verstreichen lassen; allein verständige Überlegungen

stehen damit nicht im Widerspruche, sie sind nicht nothwendig „kalt

und egoistisch“, und die gescholtene deutsche Gründlichkeit wird

leichtsinniger Ungründlichkeit gegenüber immer ihren hohen Werth

behalten und sich mit rascherem Fortschritte versöhnen lassen.

Berathungen, Discussionen, pflegen allerdings nicht plötzlich die

Gesammtrichtung eines Menschen umzuändern; allein wären sie so wenig

belehrend, so unwirksam, wie Herr Schoder in wohlgemeinter, aber

schädlicher Ungeduld behauptet, so sollten wir, nach Erwählung der

Ausschüsse, sogleich nach Hause gehen und diesen alle Gewalt in die

Hände geben.

Wenn man den Verfassungsentwurf der Siebzehner unverändert angenommen

hätte, welch Unglück wäre dadurch über Deutschland gekommen! Und da

schon der vorläufige Entwurf des Verfassungsausschusses zu dem zweiten

Abschnitte der neuen Verfassungsurkunde, in Millionen Preußen die

höchste Entrüstung hervorgerufen hat; was würde geschehen sein, wenn er

aus der Pandorabüchse des Ausschusses unverändert und bestätigt in die

Welt wäre hinausgeschleudert worden?

Der Antrag: man solle in der Paulskirche nur schweigen und abstimmen,

widerspricht allen parlamentarischen Formen und verstößt gegen alle

materiellen Interessen. Ich trage deshalb darauf an, ihn zurückzuweisen

und der Hoffnung zu vertrauen: Jeder werde (ohne polizeilichen

Zwang) fernerhin durch Mäßigung und Selbstbeherrschung den Gang der

Verhandlungen beschleunigen und der herrschenden Redekrankheit ein Ende

machen.

Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (2/2) · 第 18 / 21 题