Meine Herren! Ich bitte um die Erlaubniß, über einen Gegenstand
sprechen zu dürfen, welcher zwar nicht auf der Tagesordnung steht,
jedoch wenn er länger unbetrachtet und unentschieden bleibt, die
größten Gefahren über unser Vaterland herbeizuführen droht. Ich rede
von dem Verhältnisse des deutschen Reiches zu den einzelnen Staaten,
und zunächst zu Preußen.
Die hiesigen preußischen Abgeordneten werden von allen Seiten
aufs Bitterste angeklagt, ja als Verräther bezeichnet, weil sie,
um glänzender Truggestalten und Wolkengebilde willen, ihr eigenes
Vaterland der Herabwürdigung, der Schmach, der Vernichtung preisgäben.
Und in der That hat sich das alte Sprichwort an ihnen nicht bewährt:
„Wenn das Herz voll ist, geht der Mund über.“ Sie haben ihren Schmerz,
ihren Zorn überwunden, wenn sie die heftigsten, ungerechtesten Angriffe
auf dieser Rednerbühne aussprechen hörten; sie haben es für unanständig
gehalten, in ähnlichem Tone zu antworten; sie haben der allmälig
siegreichen Kraft der Wahrheit vertraut. Diejenigen aber, welche kühn
weiter vorschreiten wollten, sind nicht zu Worte gekommen; sie haben
nur in kleineren Kreisen ihre Pflicht erfüllen können: -- wovon man
jedoch in Berlin und in der preußischen Monarchie nichts vernahm.
Aber die Macht der Ereignisse, die wachsende Gefahr, zwingt sie jetzo
bestimmter und lauter hervorzutreten, damit alle ihre Mitbürger es
erfahren.
Deutschland (wer läugnet dies?) bedarf einer größeren, thätigeren
Einheit. Es hat schmählich gelitten durch die Nichtigkeit des
Bundestages, und durch die unbildsamen, versteinerten Grundsätze,
welche von Wien aus zu herrschenden wurden. Doch war Preußen während
einer, sehr irrigen, Unterordnung unter jene Grundsätze nicht unthätig:
es hat mittlerweile für Befreiung des Landvolkes, für Organisation der
Städte, für Gründung der Schulen und Universitäten, für Freiheit der
Gewerbe, des Handels, des Zollwesens, der Ansiedlungen, für Heer und
Landwehr, bereits gethan und vollführt, was großentheils erst jetzt als
neues Grundgesetz für das deutsche Volk entworfen und angenommen wird.
Haben einzelne Preußen deshalb in übertriebener Selbstliebe auf andere
deutsche Staaten und Stämme zu sehr herabgesehen, so kann man diesen
(bereits anerkannten und bereuten) Fehler nicht Allen zurechnen; und am
wenigsten haben ihn sich preußische Abgeordnete in dieser Versammlung
zu Schulden kommen lassen.
Aber der sehnliche und an sich löbliche Wunsch +Alles+ zu verbessern
und neu zu gestalten; das Gefühl, oder der Glaube an die +Allmacht+
dieser hohen Versammlung, läßt dieselbe bisweilen zu wenig seitwärts
blicken, und die wirklichen Verhältnisse und Gefahren verkennen.
Es ist so natürlich, daß die edelsten Gemüther sich am leichtesten
zu schrankenloser Freude fortreißen lassen, wenn ihrem erhabenen
Zwecke (das Gute aller Orten zu befördern, und das Beste zu erreichen)
nirgends das geringste Hinderniß kann in den Weg gelegt werden. Aber,
meine Herren, diese unbeschränkte Stellung, diese Freude, hat nicht
blos Könige ins Verderben gelockt, sondern auch Stände, Parlamente,
Nationalversammlungen, Volksversammlungen. Hiefür zeugt die Geschichte
(von der athenischen Ekklesia bis auf den heutigen Tag) mit so
zahlreichen Beispielen, daß es nicht nöthig ist sie im Einzelnen
aufzuzählen, zur Lehre, Warnung und Besserung.
Den Berathungen und Beschlüssen über den Antrag Raveaux’s fehlte (wie
ich hier wiederholen muß) eine scharf und bestimmt ausgesprochene
zweite Hälfte. Den unläugbaren, unantastbaren Berechtigungen des
Reiches gegenüber, hätte man auch die der Staaten aussprechen und
diese dadurch beruhigen sollen. Nur durch solch eine wechselseitige
Anerkennung haben sich in den Vereinigten Staaten von Nordamerika
die Bundesregierung und die Staatenregierungen in ihrer natürlichen
Weise und in angemessenen Verhältnissen erhalten: sie sind niemals in
verderblichen Hader gerathen, sondern in steter, ungetrübter Einigkeit
rastlos fortgeschritten. Die Reichsversammlung ist allmächtig auf dem
+ihr+ zukommenden Rechtsboden, gleichwie die Staaten auf dem ihnen
zukommenden Rechtsboden. Wer dies vergißt, wer dies nicht sondert,
wer anmaßlich hinübergreift in die fremden Kreise, begründet unseres
Vaterlandes Zerwürfniß und Verderben.
In den letzten Tagen hat der Ausdruck von einer „+zu leistenden
Huldigung+“, in dem größten Theile der Preußen eine gränzenlose
Aufregung hervorgerufen; und fast noch mehr ist man erbittert über den
kundgewordenen Entwurf einer zweiten Abtheilung der Reichsverfassung.
„Wie können (so wird zornig gesprochen), wie können einige unpraktische
Männer, die von Preußen keine Kenntniß, für Preußen kein Gefühl haben,
es wagen mit so unreifen, verletzenden Vorschlägen hervorzutreten,
welche nothwendig ganz unnützen Hader erzeugen, während sie zur
+wesentlichen+ Förderung der deutschen Einigkeit, in dieser Weise ganz
und gar nicht nöthig sind.“
Einige entgegnen: „derlei Ansichten zerstören die Einheit und den
Frieden Deutschlands; diese Einwendungen verdienen, gleichwie Rebellion
und Hochverrath, bestraft zu werden.“
Meine Herren! Glauben Sie mir, mit Drohungen der Art schreckt oder
gewinnt man die Preußen nicht; man weckt sie vielmehr aus dem
Schlummer und der Verblendung, zu neuem Selbstgefühle und verdoppelter
Thatkraft. Es wäre die größte Thorheit Preußen zu untergraben, zu
spalten, zu Grunde zu richten, damit angeblich Deutschland gestärkt
und gehoben werde. Aber welche Macht kann den Preußen ihre Geschichte,
ihr Gedächtniß, das Gefühl ihres Rechtes und ihres Berufes rauben?
Sie retteten vor 200 Jahren von der Übermacht der Schweden, welche
ärger in Deutschland hauseten, als bis jetzt jemals die Russen; sie
kämpften sieben Jahre lang mit dem halben Europa; sie wurden im Jahre
1813 die heldenmüthigen Vorkämpfer für unsere Freiheit; sie sind
auch jetzt dem Rufe von Deutschlands Ehre am kühnsten und raschesten
gefolgt. Und nun, während sie Gut und Blut einsetzen und opfern, um
an den nördlichen Gränzen Deutschlands die Wünsche ihrer südlichen
Brüder zu erfüllen, während Preußen, Pommern, Schlesien, die Marken, um
eines ihnen fern liegenden Zweckes willen, in der allergrößten Gefahr
schweben völlig zu verarmen, zahlten bis jetzt andere deutsche Stämme
und Staaten mit bloßen Phrasen und Redensarten, ja Einzelne erfrechten
sich zu erklären: die preußischen Waffen wären in dem ruhmvollen Kampfe
befleckt worden!
Die hohe Versammlung (ich weiß es) ist anderes Sinnes. Aber wahrlich,
wenn die Preußen sich so mißhandeln, so mediatisiren ließen, wie Manche
in ihrer Unkenntniß von dem Selbstgefühle eines edeln Volkes bezwecken:
-- sie wären nicht würdig, in den deutschen Bund aufgenommen zu werden;
-- sie können, ohne sich selbst zu entehren, ihr früheres, großartiges
Dasein niemals aufgeben, und sich dadurch jeder Zukunft unwürdig zeigen.
Darum, meine Herren, betreten wir nicht eine Bahn, auf welcher leere
Abstraktionen, einseitige Vorurtheile und halbwahre Grundsätze
mehr gelten, als Das, was Millionen wünschen, lieben, verehren und
wofür sie Ehre und Leben einsetzen. Lassen sie uns daran festhalten:
daß nicht die ertödtende Centralisation Frankreichs, mit einer
despotisirenden Hauptstadt und erstorbenen Landschaften, das rechte
Vorbild für unsere Entwickelung sei; sondern in Deutschland Einigkeit
und Mannigfaltigkeit gleich unentbehrlich und gleich heilsam sind. Die
Aufgabe ihrer Vereinigung ist in sich nicht widersprechend, dies Ziel
nicht unerreichbar; -- wird es verfehlt, so darf, so muß die Nachwelt,
ja schon die Mitwelt unerbittlich richten!
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