II. Die Polenfrage.

Meine Herren! Vor vielen Jahren habe ich eine Schrift über das große

Trauerspiel des Unterganges von Polen herausgegeben, wofür ich

zur Untersuchung gezogen und empfindlich gestraft ward, weil man

behauptete: ich habe ungebührlich +für+ jenes Land Partei genommen. Ich

führe dies an, damit man mich nicht parteiisch gegen die Polen nenne,

wenn ich heute nicht vergessen kann, nicht vergessen will, und nicht

vergessen darf, daß ich ein +Deutscher+ bin.

Ich nenne den Untergang Polens ein großes Trauerspiel, weil alle

Theile, in gerechter Nemesis, für ihr Unrecht gebüßt haben und noch

büßen. In unseren Tagen ist jedoch von Vielen die Schuld der Polen

meist zur Seite gestellt, und insbesondere das Verfahren Friedrich’s

II einseitig beurtheilt worden. Während er und die Preußen sieben

Jahre lang gegen halb Europa kämpften, zeigten die Polen keine edelen

Sympathien; sondern ihr großes Reich war und blieb ohne Anstrengungen,

ohne Muth, ohne Einigkeit, eine verknechtete Landschaft Rußlands. Diese

Macht bezog daher unzählige Kriegsmittel wider Preußen und Friedrich

II mußte bei der Überzahl seiner Feinde dazu schweigen. Später sah

er mit seinem gewöhnlichen Scharfsinne, daß nach Beendigung des

Türkenkrieges ganz Polen in die Hände der Russen fallen werde, und

für sein Reich die allergrößte Gefahr entstehen müsse. Daher verband

er, zur Selbsterhaltung und als Nothwehr, ehemals wesentlich deutsche

Landschaften mit seinem Reiche.

Diese erste Theilung Polens war nichts Unvorhergesehenes,

Unbegreifliches. In den Schriften edler Polen ward sie vorhergesehen,

und ihr unausbleibliches Eintreten, über hundert Jahre früher von einem

polnischen Könige buchstäblich ausgesprochen.

Polens Verfassung, seine Verwaltung, seine Unduldsamkeit gegen

Dissidenten, sein ~liberum veto~, seine Conföderationen, sein

Steuerwesen, seine Adelstyrannei, seine Volksknechtschaft waren von

der Art, daß ein solches Reich in der geschichtlichen Entwickelung

Europas nicht länger bestehen konnte. Das erkannten, das gestanden alle

ächten Freunde ihres Vaterlandes. Sie wurden die Urheber der Verfassung

vom 3. Mai, welche nicht aus der Ordnung zur Anarchie, sondern aus

der Anarchie zur Ordnung führte, jene riesengroßen Mängel kühn

bekämpfte oder beseitigte, und unter so vielen neueren unbrauchbaren

Verfassungen, das größte Lob verdiente. Sie ward leider durch fremde

Gewalt und durch innere Parteiung zertrümmert; und diese zweite Hälfte

des Trauerspieles erscheint deshalb noch weit bedauerlicher, als die

erste.

Die Zeit erlaubt nicht, in die weitere Geschichte Polens näher

einzugehen; doch sei es mir verstattet, einige Irrthümer zu berühren

und einige Zweifel auszusprechen.

Man sagt: das hergestellte mächtige Polen wird Deutschland schützen:

eine Weissagung, für welche die Beweise nicht blos fehlen, sondern

die auch mit den jetzigen Forderungen der noch ohnmächtigen Polen

in schroffem Widerspruche steht. Wenn Deutschland sich nicht selbst

schützt und schützen kann, ist es den Gefahren ausgesetzt, welchen

Polen erlag.

Eine andere Behauptung: im Staats- und Völkerrechte gelte keine

Verjährung, ist durchaus irrig, würde zahllose Ansprüche hervorrufen,

allen und jeden Besitzstand für immer unsicher machen und zu ewigen

Kriegen Veranlassung und Vorwand geben.

Eine dritte Ansicht, welche den Boden der weltlichen Geschichte ganz

verläßt, bleibe unerwähnt, da sie alles wahren Zusammenhanges mit der

vorliegenden Frage entbehrt.

Von Demokratie und Volkssouverainetät kann endlich in Polen (wo bis

jetzo nur +ein+ Stand nach Bildung strebt und herrscht) gar nicht die

Rede sein, und die Worte Nationalität und Organisation sind von Preußen

nie in dem Sinne ausgesprochen worden, wie man sie auslegt.

Zuerst und vor Allem ist es unser Recht und unsere Pflicht, diejenigen

Deutschen zu schützen, welche mit Einwilligung ihres Königs und ihrer

Regierung zu Deutschland treten +wollen+, ja, nach den Ereignissen

der letzten Zeit, treten +müssen+. Diese Trennung der Deutschen von

den Polen ist in Wahrheit ein Glück für die letzten, und trotz aller

Schwierigkeiten läßt sich auch an Ort und Stelle eine Sonderung der

gemischt bevölkerten Landestheile zu Stande bringen.

Die Deutschen sind in der Masse höher gebildet und weiter

vorgeschritten, als die Polen; es läuft gegen die höchste Gerechtigkeit

und die Natur der Dinge, sie (halbwahrer Grundsätze und unbestimmter

Sympathien halber) den Polen unterzuordnen. Auch hier stehen wir auf

dem Boden der +Revolution+: d. h. es giebt eine Gewalt geschichtlicher

Thatsachen, die man anerkennen +muß+.

Nach fast trunkener Theilnahme für die Polen, ist dieselbe mit

beispielloser Schnelligkeit in einen Haß verwandelt worden, der bis

zum Bürgerkrieg führte. Es hilft zu gar nichts, die hiebei obwaltende

Schuld genau abwägen zu wollen; es steht für die Unterrichteten

unläugbar fest: daß, wenn diese hohe Versammlung die Anträge ihres

Ausschusses wegen Aufnahme deutsch-posener Abgeordneten verwirft,

oder Posen, das Hauptbollwerk Deutschlands gegen Osten, in übereilter

Großmuth preisgiebt, der Krieg von Neuem ausbricht, und die dortigen

Deutschen ihr unabhängiges Dasein, trotz aller frankfurter Beschlüsse,

behaupten werden.

Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (2/2) · 第 15 / 21 题